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Erzählungen

Anton Tschechow: Erzählungen - Kapitel 17
Quellenangabe
titleErzählungen
authorAnton Tschechow
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typenarrative
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Die Rache

Lew Ssawwitsch Turmanow, ein braver Spießbürger, der ein kleines Vermögen, eine junge Frau und eine solide Glatze besaß, spielte einmal bei einem seiner Freunde Schraube. Nach einem kräftigen Minus, das ihm den Schweiß auf die Stirn getrieben, fiel es ihm plötzlich ein, daß er schon lange kein Schnäpschen getrunken hätte. Er stand auf und balancierte auf den Fußspitzen zwischen den Spieltischen hindurch in den Salon, wo die Jugend tanzte. Hier klopfte er mit nachsichtigem Lächeln einem jungen spindeldürren Apotheker väterlich auf die Schulter und verschwand dann in einer kleinen Thür, die in das Buffetzimmer führte. Dort standen auf einem runden Tischchen Flaschen und Karaffen mit Schnaps . . . Unter der reichhaltigen Sakuska erblickte er einen schon zur Hälfte verspeisten Hering, der, mit Petersilie und Zwiebel bestreut, verlockend schimmerte. Lew Ssawwitsch goß sich ein Gläschen ein, machte mit der Hand eine Geste, als wollte er eine Rede halten, trank den Schnaps und verzog sein Gesicht zu einer schmerzlichen Grimasse. Darauf stach er mit der Gabel nach einem Stückchen Hering und . . . Aber in diesem Augenblick vernahm er hinter der Wand eine Stimme.

»Gut, gut . . .« sagte heiter eine Frauenstimme. »Aber wann soll es denn sein?«

›Meine Frau‹, erkannte Lew Ssawwitsch sofort das Organ seiner Gattin. ›Aber mit wem mag sie da sprechen?‹

»Wann Du willst, mein Schatz . . .« antwortete hinter der Wand eine tiefe, saftige Baßstimme.

»Heute geht es nicht gut, morgen bin ich den ganzen Tag beschäftigt . . .«

›Das ist Degtjarjow!‹ erkannte Turmanow in dem Baß einen seiner Freunde. ›Also auch Du, Brutus! Hat sie wirklich auch ihn eingefangen? Was für ein unersättliches, ruheloses Frauenzimmer! Nicht einen Tag kann sie ohne einen Roman aushalten!‹

»Ja, morgen bin ich beschäftigt«, fuhr der Baß fort. »Wenn Du willst, schreibe mir morgen ein paar Zeilen. Wird mich sehr freuen . . . Aber wir müßten unsere Korrespondenz irgendwie regulieren. Wir müssen irgend ein Mittel ausfindig machen . . . Mit der Post geht es nicht recht. Wenn ich Dir schreibe, so kann Dein Truthahn den Brief beim Briefträger abfangen; und schreibst Du mir, so erhält meine Gattin den Brief in meiner Abwesenheit und wird ihn sicher aufmachen.«

»Ja, wie machen wir's denn?«

»Wir müssen irgend ein Mittel finden. Mit den Dienstboten kann man auch nichts schicken, denn Dein Brummbär hält wohl das Mädchen und den Diener stramm . . . Was macht er jetzt übrigens, spielt er Karten?«

»Ja. Und dabei verliert der Schafskopf ewig!«

»Na, da hat er wohl in der Liebe Glück!« lachte Degtjarjow. »Da hab ich mir etwas ausgedacht, Puppchen . . . Morgen, Punkt sechs, wenn ich aus dem Bureau heimkehre, gehe ich durch den Stadtgarten, wo ich den Inspektor sehen muß. Also versuch es, mein Liebchen, noch vor sechs – nicht später – ein Zettelchen in die Marmorvase zu legen, die links von der Weinlaube steht. Weißt Du?«

»Ich weiß, ich weiß . . .«

»Das ist poetisch. geheimnisvoll und neu . . . Und weder Dein Dickwanst, noch meine Ehehälfte erfahren davon etwas. Hast Du verstanden?«

Lew Ssawwitsch trank noch einen Schnaps und kehrte zu den Spieltischen zurück. Die Entdeckung, die er soeben gemacht, hatte ihn nicht überrascht und nicht empört. Die Zeit, wo er sich empört, Szenen gemacht, geschimpft und sogar geschlagen hatte, war lange vorbei. Er hatte schon längst alle Hoffnung aufgegeben und sah jetzt den Liebeleien seiner leichtsinnigen Frau durch die Finger.

Aber immerhin war es ihm unangenehm, und die Ausdrücke, die er gehört, wie Truthahn, Brummbär, Dickwanst u. s. w. hatten seine Eigenliebe verletzt.

›Was das übrigens für eine Kanaille ist, dieser Degtjarjow!‹ dachte er, während er sich seine Minusse aufschrieb. ›Wenn er mir auf der Straße begegnet, stellt er sich als guter Freund, lacht und klopft mir auf den Bauch, und jetzt, sieh doch mal einer an, was er für Stückchen macht! Ins Gesicht nennt er mich Freund, und hinterm Rücken heiß ich Truthahn und Dickwanst.‹

Je mehr er sich in seine abscheulichen Minusse vertiefte, um so schwerer begann er die Kränkung zu empfinden . . .

›Milchbart . . .‹ dachte er, ärgerlich die Kreide zerbröckelnd. ›Dummer Junge . . . Ich möchte mich mit Dir nur nicht einlassen, sonst würde ich Dir den ‘Brummbären’ zeigen!‹

Während des Abendessens konnte er Degtjarjow nicht ruhig ansehen, während dieser ihn wie absichtlich mit allen möglichen Fragen belästigte: ob er gewonnen hätte? warum er so traurig sei? u. s. w. Degtjarjow wagte es sogar, sich auf das Recht eines guten Bekannten stützend, seiner Frau laut darüber Vorwürfe zu machen, daß sie um die Gesundheit ihres Mannes zu wenig besorgt sei. Und die Frau blickte ihren Mann, als wäre nichts gewesen, mit buttrigen Augen an, lachte heiter und plauderte so unschuldig, daß selbst der Teufel es nicht gewagt hätte, sie der Untreue zu verdächtigen.

Nach Hause zurückgekehrt, fühlte sich Lew Ssawwitsch erbost und unbefriedigt, als hätte er zum Abendessen statt des Kalbsbratens einen alten Gummischuh verspeist. Er hätte es vielleicht noch überwunden und vergessen, aber das Geplapper seiner Gattin und ihr Lächeln erinnerten ihn jede Sekunde an den »Truthahn«, »Brummbär« und »Dickwanst«.

›Ohrfeigen sollte man diesen Spitzbuben . . .‹ dachte er. ›Ihn öffentlich blamieren.‹

Und er dachte, daß es jetzt gut wäre, Degtjarjow durchzuprügeln, ihn beim Duell wie einen Spatzen anzuschießen, ihn in seinem Dienste zu schädigen . . . Oder aber in die Marmorvase etwas Unanständiges hineinzulegen, eine krepierte Ratte zum Beispiel . . . Den Brief seiner Frau aus der Vase früher herauszunehmen und dorthin irgend ein unanständiges Gedicht mit der Unterschrift »Deine Akuljka« zu legen, oder so was Ähnliches, wäre auch nicht übel.

Lange ging Turmanow im Schlafzimmer auf und ab und berauschte sich an ähnlichen Plänen. Plötzlich blieb er stehen und schlug sich auf die Stirn.

›Da hab ich's! Bravo!‹ rief er aus und erstrahlte vor Vergnügen. ›Das wird famos werden! Fam-mos!‹

Nachdem seine Frau eingeschlafen war, setzte er sich an den Tisch und schrieb nach langem Grübeln, seine Handschrift entstellend, mit möglichst viel orthographischen Fehlern folgendes:

»An den Kaufmann Dulin.

Mein Herr!

Wenn Häute bis sechs Uhr abens am 12. September in die Marmor vase die in dem Stadtgarten links von der wein Laube steht von ihnen nicht Zweihundert Rubel gelegt werden werden sie tootgeschlagen und ihr Kalanteriewahren Geschäfft wird in die Luft gesprenkt.«

Nachdem er diesen Brief aufgesetzt hatte, sprang Lew Ssawwitsch vor Entzücken auf.

›Gut gemacht, nicht?‹ murmelte er, sich die Hände reibend. ›Vorzüglich! Eine bessere Rache könnte selbst der Satan nicht ausbrüten! Natürlich wird die Krämerseele einen Schreck kriegen und es sofort der Polizei anzeigen. Die Polizei wird sich gegen sechs Uhr im Gebüsch verstecken und den Knaben fassen, wenn er kommt, um den Brief abzuholen! . . Wird der einen Schreck kriegen! Bis die Sache sich aufklärt, wird er zum Sitzen und Zähneklappern Zeit genug haben . . . Bravo!‹

Lew Ssawwitsch klebte auf den Brief eine Marke und brachte ihn selbst zur Post. Er entschlummerte mit dem seligsten Lächeln und schlief so süß, wie er lange nicht geschlafen hatte. Als er am Morgen aufwachte und sein Streich ihm einfiel, begann er heiter zu girren und faßte sein ungetreues Weib sogar am Kinn. Auf dem Wege zum Dienst und im Bureau lächelte er die ganze Zeit und malte sich den Schrecken Degtjarjows aus, wenn er in die Falle fällt . . .

Gegen sechs Uhr konnte er es nicht mehr aushalten und lief in den Stadtgarten, um sich mit eignen Augen an der verzweifelten Lage des Feindes zu weiden.

›Aha!‹ dachte er, als er dort einem Schutzmann begegnete.

Er ging bis zur Weinlaube, versteckte sich in deren Nähe hinter einem Gebüsch und begann zu warten, ohne die Augen von der verhängnisvollen Vase zu wenden. Seine Ungeduld hatte keine Grenzen.

Punkt sechs Uhr zeigte sich Degtjarjow. Der junge Mann befand sich offenbar in vorzüglichster Stimmung. Sein Cylinder saß keck auf dem Hinterkopf, der Überzieher war aufgeknöpft und die Weste so offen wie sein Herz. Er pfiff etwas vor sich hin und rauchte eine Cigarre.

›Jetzt wirst Du gleich den ‘Dickwanst’ und ‘Truthahn’ kennen lernen! Wart nur!‹ frohlockte Turmanow.

Degtjarjow näherte sich der Vase und steckte seine Hand nachlässig hinein . . . Lew Ssawwitsch hob sich auf den Fußspitzen und verschlang ihn mit den Augen . . . Der junge Mann holte aus der Vase ein kleines Packet heraus, betrachtete es von allen Seiten und zuckte verwundert die Achseln. Dann öffnete er es zögernd, zuckte wieder die Achseln und machte ein äußerst erstauntes Gesicht: im Packet befanden sich zwei Hundertrubelscheine!

Lange betrachtete Degtjarjow die Scheine. Endlich steckte er sie kopfschüttelnd in die Tasche und sagte: »Merci!«

Der unglückliche Lew Ssawwitsch hörte dieses »merci«. Am Abend stand er gegenüber dem Laden Dulins, drohte mit der Faust auf das Schild und murmelte entrüstet:

›Feigling! Krämerseele! Miserabler Pfeffersack! Feigling! Dickbäuchiger Hase . . .‹

 


 

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