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Erzählungen

Anton Tschechow: Erzählungen - Kapitel 13
Quellenangabe
titleErzählungen
authorAnton Tschechow
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typenarrative
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In der Sommerfrische

Aus dem Eisenbahnperron einer Sommerfrische spazierte ein jungverheiratetes Pärchen. Er faßte sie um die Taille, sie drückte sich fest an ihn, und beide waren glücklich. Hinter den Wolkenfetzen hervor blickte der Mond auf sie herab und machte ein finsteres Gesicht: wahrscheinlich war er neidisch und ärgerlich über seine langweilige, unnütze Junggesellenexistenz. Die regungslose Luft war von dem Duft des Flieders und Faulbaums gesättigt. Irgendwo jenseits der Schienen rief eine Schnarrwachtel . . .

»Wie schön, Ssascha, wie schön es ist!« sprach die Frau. »Man konnte wirklich glauben, daß das alles ein Traum ist. Sieh nur, wie gemütlich und freundlich dieses Wäldchen dreinschaut! Wie lieb sind diese soliden, schweigsamen Telegraphenpfosten! Sie beleben die Landschaft, Ssascha, und sagen uns, daß es dort, irgendwo in der Ferne, Menschen giebt . . . Zivilisation . . . Und ist es nicht schön, wenn der Wind uns leise das Geräusch des nahenden Zuges zuträgt?«

»Ja . . . Was Du übrigens für heiße Hände hast! Das kommt, weil Du Dich aufregst, Warja . . . Was haben wir heute zum Abendessen?«

»Vinegrette und Hühnchen . . . Für uns zwei langt ein Hühnchen. Für Dich sind aus der Stadt noch Sardinen und Störrücken geholt.«

Der Mond versteckte sich hinter einer Wolke, als hätte er Tabak geschnupft. Das Glück der Menschen erinnerte ihn an seine Einsamkeit, an sein einsames Bett hinter Wäldern und Thälern . . .

»Der Zug kommt!« sagte Warja. »Wie schön!«

In der Ferne zeigten sich drei feurige Augen. Auf den Bahnsteig kam der Vorsteher der Halbstation heraus. Auf den Schienen blinkten hier und dort die Signallichter.

»Wir wollen den Zug abwarten und dann nach Hause gehen«, sagte Ssascha und gähnte. »Ein schönes Leben haben wir beide, Warja, so schön, daß es beinahe unwahrscheinlich ist!«

Das finstere Scheusal kroch lautlos an den Bahnsteig heran und hielt. In den halberleuchteten Fenstern der Waggons zeigten sich verschlafene Gesichter, Schultern, Hüte . . .

»Ach! Ach!« schallte es aus einem Waggon, »Warja und ihr Mann holen uns ab! Da sind sie! Warenjka! . . . Warenjka! Ach!«

Aus dem Waggon sprangen zwei kleine Mädchen und blieben an Warjas Halse hängen. Hinter ihnen erschienen eine beleibte reifere Dame, ein hoher, magerer Herr mit grauem Backenbart, dann zwei mit Gepäck beladene Gymnasiasten, hinter den Gymnasiasten die Gouvernante, hinter der Gouvernante die Großmutter.

»Da sind wir, da sind wir, mein Lieber!« begann der Herr mit dem Backenbart, Ssascha die Hand drückend. »Habt wohl lange gewartet! Über den Onkel geschimpft, daß er nicht kommt! – Kolja, Kostja, Nina, Fisa . . . Kinder! Gebt Vetter Ssascha einen Kuß! – Kommen alle zu Dir, mit Kind und Kegel, und zwar gleich auf drei – vier Tage. Wir genieren Dich doch hoffentlich nicht? Bitte, nur keine Umstände.«

Als das Ehepaar den Onkel mit seiner Familie erblickte, fuhr ihm der Schreck in die Glieder.

Während der Onkel sprach und sich küßte, erstand in Ssaschas Phantasie folgendes Bild: er und seine Frau überlassen den Gästen ihre drei Zimmer, ihre Bettdecken, ihre Kissen; der Störrücken, die Sardinen und das Vinegrette werden in einer Sekunde verspeist; die Vetter reißen die Blumen ab, gießen Tinte über, lärmen; die Tante spricht den ganzen Tag von ihrer Krankheit – Bandwurm und Schmerzen unter der Herzgrube – und davon, daß sie eine geborene Baronesse von Fintich sei . . .

Und Ssascha blickte bereits voll Haß auf seine junge Frau und flüsterte ihr zu:

»Sie sind zu Dir gekommen . . . daß sie der Teufel hole!«

»Nein zu Dir!« antwortete sie, blaß und ebenfalls voll Haß und Bitterkeit. »Das sind nicht meine, sondern Deine Verwandten!«

Und sich zu den Gästen wendend, sagte sie mit liebenswürdigem Lächeln:

»Bitte schön! Willkommen!«

Hinter der Wolke hervor zeigte sich wieder der Mond. Er schien zu lächeln. Er schien vergnügt, daß er keine Verwandten hatte.

Ssascha aber wandte sich ab, um vor den Gästen sein böses, verzweifeltes Gesicht zu verbergen und sagte mit forciert-freudiger, gut gelaunter Stimme:

»Wir bitten sehr! Seid willkommen, als unsere lieben Gäste!«

 


 

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