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Erzählungen

Anton Tschechow: Erzählungen - Kapitel 11
Quellenangabe
titleErzählungen
authorAnton Tschechow
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typenarrative
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Nur seine Frau!

»Erzählen Sie uns etwas, Pjotr Iwanowitsch!« baten die jungen Mädchen.

Der Oberst drehte seinen grauen Schnurrbart, räusperte sich und begann:

»Es war im Jahre 1843, als unser Regiment vor Czenstochow stand. Der Winter, meine Damen, war damals sehr böse, sodaß kein Tag verging, ohne daß die Posten sich die Nasen erfroren oder die Straßen durch Schnee verweht wurden. Wie der Frost sich im Oktober eingestellt hatte, so hielt er sich auch bis zum April. Um die Zeit, muß ich Ihnen sagen, sah ich noch nicht so alt und verräuchert aus, wie jetzt, sondern war – Sie können es sich denken – ein schneidiger Kerl, jung und blühend, mit einem Wort – ein schöner Mann. Ich trug mich wie ein Pfau, warf mit dem Gelde rechts und links um mich und drehte meinen Schnurrbart wie kein Leutnant in der Welt. Ja . . . Ich brauchte nur mit dem Auge zu blinzeln, mit den Sporen zu klirren und den Schnurrbart aufzuwirbeln – und die stolzeste Schöne verwandelte sich in ein gehorsames Schäfchen. Lecker war ich nach den Frauen, wie die Spinne nach den Fliegen, und wenn ich Ihnen jetzt, meine Damen, die Polinnen und Jüdinnen herzählen wollte, die mir damals am Halse gehangen haben, ich darf Sie versichern, so würde die Mathematik nicht genügend Zahlen dafür haben . . .

Ziehen Sie außerdem noch in Betracht, daß ich Regimentsadjutant war, vorzüglich Mazurka tanzte und eine ganz reizende Frau hatte, Gott habe sie selig! Und was ich für ein Wagehals, für ein Teufelskerl war, können Sie sich garnicht vorstellen. Wenn im Bezirk irgend eine Liebeskatastrophe passierte, einem Juden die Peisacken ausgerissen wurden, oder ein Pole geohrfeigt wurde, so wußte man gleich, daß das der Sekondeleutnant Wiwertow gethan hatte.

Als Adjutant mußte ich im Bezirk viel umherreisen. Bald fuhr ich, Hafer oder Heu einkaufen, bald verkaufte ich an die Juden oder Pans zurückgestellte Pferde, am häufigsten aber, meine Damen, fuhr ich, unter dem Vorwande des Dienstes, zu einem Rendezvous mit irgend einer Dame oder zu reichen Gutsbesitzern, Karten spielen . . .

Am Weihnachtsabend, ich erinnere mich dessen so deutlich, als wäre es jetzt, reiste ich aus Czenstochow in das Dorf Schewelki, wohin man mich in Dienstangelegenheiten geschickt hatte. Das Wetter, muß ich Ihnen sagen, war mörderisch . . . Der Frost knarrte und wütete, daß es sogar den Pferden unheimlich wurde, und ich und mein Fuhrmann in einer halben Stunde zu Eiszapfen gefroren . . . Mit dem Frost wird man zur Not noch fertig, aber auf dem halben Wege erhob sich plötzlich ein Schneesturm. Die weiße Schneedecke bewegte sich, begann zu kreisen und zu tanzen, wie eine Schar Teufel. Der Wind stöhnte, als hätte man ihm sein Weib genommen, der Weg verschwand . . . In nicht mehr als zehn Minuten waren ich, der Fuhrmann und die Pferde mit Schnee überschüttet.

»Ew. Wohlgeboren, wir haben den Weg verloren!« sagte der Fuhrmann.

»Der Teufel! Warum hast Du, Schafskopf, denn nicht aufgepaßt? Na, fahr nur grad aus, vielleicht stoßen wir auf irgend eine menschliche Behausung!«

Na, wir fuhren also und fuhren, kreisten und kreisten, und so gegen Mitternacht stießen unsere Pferde auf das Thor eines Gutes, das, wie ich mich entsinne, dem Grafen Bojadlowski, einem reichen Polen gehörte. Die Polen und Juden sind für mich dasselbe, wie Senf nach dem Mittag, aber gastfrei ist die Bande, das muß man ihr lassen, und es giebt keine leidenschaftlicheren Weiber als die Polinnen . . .

Wir wurden eingelassen . . . Graf Bojadlowski selbst lebte damals in Paris und uns empfing sein Verwalter, Kasimir Chapzinski, ebenfalls ein Pole. Ich entsinne mich, es war keine Stunde vergangen, als ich schon im Nebengebäude des Verwalters saß, mit seiner Frau Süßholz raspelte, trank und Karten spielte. Nachdem ich fünf Dukaten gewonnen und meinen Durst mehr als gelöscht hatte, bat ich, mir mein Schlafzimmer anzuweisen. Da in dem Nebengebäude kein Platz mehr war, brachte man mich in ein Zimmer des gräflichen Wohnhauses.

»Haben sie keine Furcht vor Gespenstern?« fragte der Verwalter, mich in ein mittelgroßes Zimmer geleitend, welches an einen riesigen leeren Saal stieß, der kalt und finster war.

»Giebt es denn hier Gespenster?« fragte ich, während ich hörte, wie ein hohles Echo meine Worte und Schritte wiederholte.

»Ich weiß es nicht«, lachte der Pole, »aber es scheint mir, daß dieser Ort für Gespenster und Geister der allergeeignetste ist.«

Ich hatte mir gut was hinter die Binde gegossen und war bezecht, wie vierzigtausend Schuster, aber, aufrichtig gesagt, nach diesen Worten lief es mir doch kalt über den Rücken. Hol's der Teufel, lieber hundert Tscherkessen, als ein Gespenst! Aber da war nichts zu machen, ich kleidete mich aus und legte mich zu Bett . . . Mein Licht beleuchtete kaum die Wände, an denen Ahnenportraits hingen, das eine fürchterlicher als das andere, altertümliche Waffen, Jagdhörner und ähnliches Zeug . . . Es herrschte eine Grabesstille, und nur im Saal nebenbei raschelten die Mäuse und krachten die alten Möbel. Hinterm Fenster aber tobte die wahre Hölle . . . Der Wind sang eine Totenmesse, die Bäume beugten sich stöhnend und weinend; irgend ein Satansding, wahrscheinlich der Laden, quiekte kläglich und schlug ans Fenster. Fügen Sie zu dem noch hinzu, daß mein Kopf mir in die Runde ging und mit dem Kopf die ganze Welt . . . Wenn ich die Augen schloß, schien es mir, daß mein Bett im ganzen Hause umherflog und mit den Geistern Fangen spielte. Um meine Furcht zu mindern, löschte ich vor allem das Licht aus, da leere Zimmer bei Licht viel schrecklicher erscheinen, als im Dunkeln . . .«

Die drei jungen Mädchen, die dem Oberst zuhörten, rückten näher an den Erzähler heran und starrten ihn regungslos an.

»Nun«, fuhr der Oberst fort, »so sehr ich mir Mühe gab, einzuschlafen konnte ich den Schlaf doch nicht finden. Bald schien es mir, als stiegen Diebe durchs Fenster ein, bald hörte ich irgend ein Geflüster. bald berührte jemand meine Schulter – überhaupt erschien mir alles mögliche Teufelszeug, das jedem bekannt ist, der sich jemals im Zustande nervöser Überspannung befunden hat. Aber, können Sie sich es vorstellen, durch dieses Teufelszeug und das Chaos der Töne hindurch erkenne ich plötzlich ganz deutlich ein Geräusch, das dem Schlurfen von Pantoffeln ähnelt. Ich horche hin und höre – was glauben Sie wohl? – jemand nähert sich meiner Thür, räuspert sich und öffnet sie . . .

›Wer da?‹ frage ich, mich erhebend.

›Ich bin es . . . erschrick nicht!‹ antwortete eine weibliche Stimme.

Ich ging auf die Thür zu . . . Es vergingen einige Sekunden, und ich fühlte, wie zwei Frauenhände, weich wie Eiderdaunen, sich mir auf die Schultern legten.

›Ich liebe Dich . . . Du bist mir teurer als das Leben‹, sagte eine melodische Frauenstimme.

Ein heißer Atem streifte meine Wange . . . Ich vergaß den Schneesturm, die Gespenster, alles in der Welt und schlang meinen Arm um ihre Taille . . . und was für eine Taille! Solche Taillen kann die Natur nur auf besondere Bestellung anfertigen, und auch dann nur einmal in zehn Jahren . . . Dünn, wie gemeißelt, heiß, ephemer wie der Atem eines Kindes! Ich hielt es nicht aus, und drückte sie in meine Arme . . . Unsere Lippen vereinigten sich zu einem leidenschaftlichen, langen Kuß und . . . ich schwöre es bei allen Frauen der Welt, daß ich diesen Kuß bis zum Grabe nicht vergessen werde.«

Der Oberst hielt inne, trank ein halbes Glas Wasser und fuhr mit gesenkter Stimme fort:

»Als ich am andern Tage zum Fenster hinaus blickte, sah ich, daß der Schneesturm noch heftiger geworden war . . . Weiter zu reisen war keine Möglichkeit. So mußte ich den ganzen Tag bei dem Verwalter sitzen, Karten spielen und trinken. Am Abend befand ich mich wieder in dem leeren Hause und genau um Mitternacht umfing ich wieder die bekannte Taille . . .

Ja, meine Damen, wenn nicht die Liebe gewesen wäre, wäre ich damals vor Langerweile wohl krepiert oder hätte mich dem Bacchus ergeben.«

Der Oberst seufzte auf, erhob sich und begann schweigend im Salon auf und ab zu gehen.

»Nun . . . und was war denn weiter?« fragte eine der jungen Damen, vor Neugierde vergehend.

»Nichts. Am andern Tage befand ich mich wieder auf der Reise.«

»Ja . . . aber wer war denn diese Frau?« fragten schüchtern die jungen Mädchen.

»Na, das ist doch klar!«

»Garnicht klar . . .«

»Es war meine Frau!«

Die drei jungen Mädchen sprangen auf, als wären sie von der Tarantel gestochen.

»Ja . . . aber wieso denn?« fragten sie.

»Ach, mein Gott, was ist Ihnen denn unverständlich?« sagte ärgerlich der Oberst und zuckte die Achseln. »Ich habe mich, denke ich, doch klar genug ausgedrückt! Ich reiste mit meiner Frau nach Schewelki . . . Sie übernachtete im leeren Hause, im Zimmer neben dem meinigen . . . Das ist doch einfach!«

»Mmm . . .« machten die jungen Mädchen, die Hände enttäuscht in den Schoß legend. »Sie fingen so gut an, und enden Gott weiß wie . . . Nur Ihre Frau . . . Verzeihen Sie, aber das ist ja garnicht interessant, und . . . nicht einmal witzig.«

»Komisch! Sie wollten also, daß es nicht meine eheliche Frau, sondern irgend eine Fremde sein sollte! Ach, meine Damen, meine Damen! Wenn Sie schon jetzt so denken, wie wird es erst dann sein, wenn Sie einmal verheiratet sind?«

Die jungen Mädchen wurden verlegen und schwiegen. Sie machten gelangweilte, finstere Gesichter und begannen enttäuscht zu gähnen.

Während des Abendessens aßen sie nichts, rollten Brotkügelchen und schwiegen.

»Nein, das ist sogar . . . unpassend!« hielt es eine von ihnen nicht länger aus. »Wozu brauchten Sie es denn zu erzählen, wenn das Ende so war? Es ist nichts Schönes an dieser Erzählung . . . Sogar sonderbar!«

»Sie fingen so verlockend an und plötzlich . . .« setzte ihre Freundin hinzu. »Haben sich blos über uns lustig gemacht . . .«

»Nun, nun, nun . . . es war ja nur ein Scherz . . .« sagte der Oberst. »Seien Sie nicht böse, meine Damen, ich habe nur Spaß gemacht. Es war nicht meine Frau, sondern die Frau des Verwalters . . .«

»Ja?«

Die jungen Mädchen wurden plötzlich wieder lustig, ihre Augen funkelten . . . Sie rückten näher an den Oberst heran, schenkten ihm Wein ein und überschütteten ihn mit Fragen. Die Langeweile verschwand. Auch das Abendessen verschwand bald, da die jungen Damen mit großem Appetit zu essen begannen.

 


 

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