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Erzählungen

Otto Roquette: Erzählungen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorOtto Roquette
titleErzählungen
publisherVerlag für Kunst und Wissenschaft
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150709
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Macugnaga und der Monte Rosa.

Indem ich die nachfolgenden Blätter in eine Sammlung von Erzählungen aufnehme, bin ich überzeugt, daß schon ihr Titel bei Manchen die Befürchtung erregen werde, es handle sich in ihnen um eine hundert Mal gemachte Reiseschilderung. Gleichwohl aber sind es nur ein paar Wandertage, die ich aus der Vergangenheit herausgegriffen habe, und die ich, wären sie nicht von ganz besonderen Umständen und Ereignissen begleitet gewesen, unbeschrieben, wie manche andere Reise, gelassen hätte. Ich habe nicht blos Eindrücke zu schildern, sondern von Erlebnissen zu erzählen, von Erlebnissen, eben so ernst, als freudig, eben so genußreich, als bildend und lehrreich für den Erzähler. Und so lasse ich, nicht allein auf meinen eigenen Wunsch, das vor Jahren Geschriebene noch einmal abdrucken, und lade den Leser zu einer zwar abenteuerlichen, aber sehr belohnenden Wanderung in die Felsenlabyrinthe der Hochalpen ein.

*

Der dunkelblaue, kristallhelle Lago Maggiore lag ausgedehnt vor meinen Augen, als ich mich mit Sonnenaufgang eines Augusttages rüstete, der schönen Lombardei Lebewohl zu sagen, und den Schneegipfeln der südlichen Alpen entgegen zu wandern. Ich hatte zu Baveno am Lago Maggiore übernachtet, und da ich früh erwachte, lag er da wie das blaue Auge der Schöpfung, das mir den ersten Morgengruß entgegen lachte. Kein Wölkchen war am Himmel, eine wonnige Kühle wehte über die blaue Wasserfläche, und brachte von allen Ufern mir noch einmal die Düfte der Orangengärten, der Myrthenbäume, den ganzen Rausch des Südens entgegen.

Aber es mußte geschieden sein, und mit Ränzel und Stab setzte ich meine einsame Wanderung fort. Aufwärts ging der Weg durch Kastanien und Nußbaumwälder. Auf sonnigen Rasenabhängen breiteten die Feigenbäume ihre langgestreckten Zweige aus, und üppige Reben schlangen sich in Gewinden von Baum zu Baum. Lange noch sieht man in der Tiefe den blauen See, auf welchem die borromäischen Inseln schwimmen, Isola bella, die vornehmste, durch Kunst tausendfach geschmückte, und ihre bescheideneren Schwestern Isola Madre und Isola Pescatoria.

Dieses herrliche Bild genießt man bis Fariolo, wo es hinter Bergrücken schwindet, wo sich aber auf der Höhe dafür ein wahrer Gottesgarten von Fruchtbarkeit und Schönheit entfaltet. Maisfelder, von Reben durchschlungen, grüne Rasenteppiche, wo unter saftstrotzenden Feigenbäumen frische Quellen sprudeln, und droben über Felsen und Bergen sieht man schon die ersten Spitzen des Monte Rosa im Blau schimmern. Hier und da ein steinernes Gehöft, über dessen Gemäuer purpurne Oleanderbüsche schwanken, oder Aloen ragen. Vor der Thür sitzen im Schatten der umrankten Veranden fleißige Frauen und Mädchen, braune Kindergestalten spielen auf den steinernen Stufen, ab und zu hört man ein italienisches Lied, von heller Stimme gesungen, durch die nach der Schattenseite geöffneten Laden des Hauses.

Über die silbernen Gipfel des Monte Rosa verschwinden wieder, die Frische der Bäume und Wiesen, der labende Schatten hört auf, und heiße, staubige Wege zwischen Felsen, die in der Sonnengluth brennen, sind zu überwinden. Die blendend weißen Marmorbrüche von Ornavasso, welche die Bausteine für den Mailänder Dom liefern, der weißliche Staub der Straße, quälen das Auge, die heiße südliche Sonne glüht erbarmungslos auf den Wanderer nieder. Das Städtchen Vogogna liegt wie ausgestorben in der schattenlosen Mittagshitze da, es ist, als werfe die Sonne verzehnfachte Gluth von den steilen Felsenwänden auf die Dächer nieder. Hier ist eine Ruhestunde willkommen, und der Schlaf stellt sich auch auf einer harten Wirthshausbank von selbst ein. –

Aber trotz des heißen Tages muß die Wanderung fortgesetzt werden. Die Brücke, welche über die reißende Tosa führt, ist von dieser zerstört, am Ufer harrt schon eine Gruppe, bestehend aus zwei Lasteseln nebst Treibern, einem Drehorgelmann und zwei Geistlichen; eine Fähre nimmt Alle auf und führt sie über den wilden Gebirgsstrom, um sie auf dem jenseitigen Ufer sich wieder nach verschiedenen Seiten zerstreuen zu lassen.

Mein Weg führte durch ein breites glühendes Thal, noch versumpft durch die Ueberschwemmung der wilden Tosa, und mehr zu durchwaten, als zu durchschreiten. Mühsam erreichte ich den Fuß der gegenüberstehenden Gebirgskette, dann aber stand ich an der Schwelle der mir verheißenen Herrlichkeit, am Eingang in das Anzascathal, welches mich zum Monte Rosa emporführen sollte.

Bei Piè di Mulera eröffnet sich das Thal weit und prachtvoll. Aus ihrem Felsenbett stürzt sich die schäumende Anza mit tobenden Wellen in die Ebene, während ich den Schritt ihrem Lauf entgegen, den Windungen der Felsenstraße folgend, lenkte. Himmelhoch ragen die Felsen von beiden Seiten empor, herrlich bekleidet mit Laubwald und Gebüsch. Langsam steigt der Weg an ihnen hinan, bald aber wird er steiler, und wird zu einer Felsengallerie, die sich viele hundert Fuß über der dunklen Schlucht mit ihrem brausenden Gewässer hinzieht.

Eine erquickende Kühle weht aus der Tiefe und aus den Seitenschluchten, über die sich die Felsengallerie zu einer kühn geschwungenen Brücke baut, Wasserfälle tanzen in den anmuthigsten Formen über die Felsen, und verbreiten die duftigste Frische über Baumgruppen, die mit breiten Zweigen, und kühn auf einem Felsstück stehend, aus dem Abgrunde ragen. Dann wieder hängen die Felsen furchtbar drohend über den Weg hinaus, und Gießbäche stürzen sich in breiten Bogen über dem Haupte des Wunderes in die Tiefe. Zuweilen wölbt sich das Gestein zu langen finstern Höhlen, durch welche der Weg führt, um dann nach Minuten der Finsterniß dem staunenden Auge ein um so großartigeres Bild darzubieten.

Immer kühner, erhabener und ernster wird der gewaltige Felsenweg. Schon dämmert es dunkelblau abendlich in der Tiefe, die Windungen der Straße beginnen sich in Dämmerung zu hüllen, die Bäume breiten tiefe Schatten umher, und das Rauschen der Anza dröhnt dumpfer herauf. Cima di Mulera, Castiglione, Calasca sind vorüber, steinerne Wolkennester, die der Mensch sich zu Wohnsitzen über dem Abgrunde erbaut hat, der Abend bricht völlig herein.

Aber ein böses Hinderniß hemmt den Wanderer, sein Tagesziel zu erreichen. Der alte Weg ist zerstört, um einer neuen breiten Felsenstraße Platz zu machen, welche im Bau begriffen ist, und deren Material wüst durcheinander liegt, die Wanderung überall versperrend. Ein wahrhaft halsbrechendes Klettern beginnt, jeder Schritt muß mit Anstrengung erkämpft werden, jeder Sprung ist Lebensgefahr. Es ist eine Stunde der schrecklichsten Mühseligkeit, die sich fast bis zur Verzweiflung steigert. Künftige glücklichere Wanderer werden auf der bequemen Straße nichts mehr empfinden von den Mühen dieses entsetzlichen Weges. Endlich ist er zurückgelegt, aber die Kräfte sind aufgerieben, die Finsterniß ist hereingebrochen, der Wanderer segnet sich, mit dem Leben davon gekommen zu sein, und begrüßt mit Freude die ersten Dächer, die ihm ein gastliches Asyl für die Nacht versprechen.

Es ist Ponte Grande, ein Flecken, zwischen Felsen und Nußbäumen, über der Tiefe hängend. Aber er wird auch belohnt, nicht nur durch das Herrliche, was sich ihm trotz des mühevollen Weges schon geboten, sondern noch durch neue Schönheit, die sich plötzlich aufthut. Hier bei Ponte Grande mündet das Biancathal in das der Anza. Die Bianca, eine ächte ungebändigte Tochter der Alpen, schießt in silbernem Bogen aus ihrer heimathlichen Schlucht hervor, und indem sie ihren kristallnen Fuß auf den ersten Felsen setzt, springt sie elastisch wieder empor, und so im wilden Tanze von Fels zu Fels in die Schlucht, und ihrer brausenden Schwester entgegen. Mit schneeweißen Titanenarmen umfassen sich die unbändigen Kinder des Gebirges, ringen im tobenden Willkommen miteinander, und nachdem sie ihre Kräfte gemessen, stürmen sie mit dämonischem Ungestüm gemeinsam über Trümmer und Gestein durch die dunkle beschattete Tiefe.

Von diesem herrlichen Bilde wandte ich mich endlich dem Wirthshause zu. Ponte Grande ist ein kleines Oertchen in einem Hochthale, wohin man durch die Schluchten der Anza gedrungen ist, und welches auf einem eng eingeschlossenen Flächenraume, wenn die Bewohner die schönen Hochwiesen desselben benutzen wollen, kaum Platz für ein paar Häuser gewährt. Das Wirthshaus liegt an der engen aufsteigenden Straße. Eine steinerne Treppe, von Nußbäumen beschattet, führt zu einer zum Theil natürlichen, zum Theil aufgemauerten Erhöhung, auf welcher das Haus, von Gallerien umgeben, in bunter und greller Bemalung prangt. Es ist wie ausgestorben darin, kein Mensch zu erblicken, alle Thüren und Fenster stehen offen.

Draußen auf der Mauerbrüstung sitzt ein französischer Maler, mit einem jungen Mädchen in angelegentlicher Unterhaltung. Ich hoffe, er will sie malen, was sie jedoch verlegen nicht gewähren zu wollen scheint. Da Niemand sonst aufzufinden ist, frage ich den Maler nach der Wirthshausbedienung. Aber mit dem mürrischen Wesen eines Menschen, der in einem eifrigen Geschäfte unterbrochen wird, weist er schweigend mit der Hand nach dem Hause. So legte ich denn in einem großen Raume, der wie die Gaststube aussah, mein Ränzel ab, und ging wieder hinaus, um nach den Bewohnern zu spähen.

Bald eilte eine dicke Gestalt die Stufen von der Straße herauf. Es war der Wirth, der auf Besuch nicht zu jeder Zeit gefaßt zu sein schien, becomplimentirte mich in einem Kauderwälsch von Italienisch und Französisch und gab mir zu verstehen, er sei eigentlich ein gelernter französischer Koch, aus dessen Leistungen für das Nachtmahl ich bauen könne. Er versprach sogleich an's Werk zu gehen. Auch seine Frau und Familie erschienen schnell und geschäftig, und so todt es noch eben im Hause gewesen war, so lärmend ging es plötzlich her, denn die Einrichtungen, mich zu Nacht unterzubringen, wurden mit einer Hast, und von so viel Händen vorgenommen, als gälte es, eine Schwadron zu übernachten.

Inzwischen lenkte ich meine Schritte hinab – die Gruppe, welche ich zuerst begrüßt hatte, war von der Mauerbrüstung verschwunden – und ging, mir den Ort zu besehen.

So ein Felsennest ist das Interessanteste und Malerischste, was man von Baulichkeit sehen kann. Die Häuser liegen über und untereinander am Felsen, manche zwischen Bäumen. Sie haben sämmtlich ein festes steinernes Untergeschoß, an welchem eben solche Treppen hinaufführen, während der obere Theil von Holz, der Raumersparnis wegen hoch hinaufgeführt, und von mehreren übereinanderlaufenden Gallerien umgeben ist. Es ist halb italienische, halb schweizerische Bauart. Der burgartige Unterbau ist gegen den gefährlichsten Feind dieser Gegend, gegen das Wasser, gerichtet, welches nach jedem Regen zu Gebirgsströmen anwächst, und von allen Seiten in die Schlucht stürzt. Ueberall sind Mühlen in die kleineren Nebenschluchten geklemmt, zu denen die kühnsten Felsensteige führen.

Eine steinerne Brücke, die dem Orte seinen Namen gegeben hat, führt in einem einzigen schmalen Bogen über die schwindelnde Tiefe des Felsenbettes der Anza, und verbindet die geringen Erdschollen, welche die Bewohner auf beiden Ufern dem Gestein abgewonnen haben. Steht man auf dieser Brücke, hört die donnernde Anza unter sich, das Brausen der Mühlen rechts und links, verstärkt durch den Schall, der sich au den Felsenwänden bricht, so wird das Ohr fast betäubt von dem Lärm, der jedes Wort übertönt.

Als ich in's Wirthshaus zurückging, war es lebendiger draußen geworden. Schwatzende und lachende Gruppen saßen auf den steinernen Rampen ihrer Häuser und unter den Bäumen. In einer derselben ließ ein junger Bursche seine Geige hören, und schien sehr bewundert zu werden.

Nachdem ich der Kunst meines Wirthes, der, während ich speiste, im vollen weißen Ornate eines Kochs erschienen war, um mich zu bedienen, hatte müssen Gerechtigkeit widerfahren lassen, begab ich mich auf die Mauerbrüstung des Hauses und sah dem Treiben der Nachbarn zu. Der Kaplan des Ortes, der, wahrscheinlich um die Sitten seiner Heerde zu beaufsichtigen, von Haus zu Haus ging, trat auch zu mir und begann eine Unterhaltung. Er brach sie jedoch bald ab, da er hörte, daß ich ein Ketzer sei. Dennoch erhielt ich seinen Segen beim Abschied, und schlief trotz des Getöses der Gebirgswasser bis zum Sonnenaufgang.

Der Himmel des nächsten Morgens war bedeckt, aber die Höhen ohne Nebel, und so ließ sich beim frühen Aufmarsch die großartige Umgebung vollkommen gut betrachten. Vanzone und Pestarena, ähnliche Nester wie die gestern durchwanderten, lagen bereits hinter mir, und ich hatte die Grenzscheide zwischen wälscher und deutscher Zunge, ohne es zu wissen, überschritten. Der überaus schöne Weg lichtete sich, ein schneller Sonnenblick flog über die Felsen, und indem er den Vorgrund entschleierte, lag plötzlich die ganze Pracht des schneestrahlenden Monte Rosa vor mir.

Es war ein wunderbar schöner Anblick, und doch war es nur erst ein kurzer Vorgenuß, eine Probe von dem, was ich noch schauen sollte. Ungefähr zehn Minuten lang sah ich die silbernen Gipfel in's Blau ragen, dann kamen Wolken und versteckten die Herrlichkeit wieder, wie man einem Kinde ein ersehntes Christgeschenk halb enthüllt zeigt, um ihm die Vorfreude bis zum Augenblick des Besitzes zu gönnen.

Aber in diese Augenblicke der Freude drängte sich mit einem Mal wieder der für den Neubau aufgerissene Weg. Diese Aussicht des Kletterns war entsetzlich, und noch übler empfand ich es, als ich nach fünf Minuten der angestrengtesten Arbeit merkte, daß es nicht möglich sei, weiter vorzudringen. Glücklicher Weise kamen mehrere Arbeiter dazu, die mir zurück verhalfen, und mich auf Italienisch fragten, ob ich denn ganz verrückt sei? Wenn ich in Kurzem Hals und Beine brechen wollte, wäre dies der geeignete Weg dazu. Das war nun meine Absicht nicht, ich wollte lieber hinauf nach Macugnaga. Als sie dies hörten, schienen sie sich zu verwundern, und da ich ihren Einwendungen, daß ich dahin so nicht kommen könne, den entschiedenen Willen entgegensetzte, dahin zu gelangen, so zeigten sie mir eine Richtung, in welcher ich durch eine Seitenschlucht vielleicht den Ort erreichen könne. Ein Weg war es freilich nicht, aber ich schlug die Richtung ein, da ich mich nur eine Stunde vom Ziele wußte, und es am Ende doch zu finden hoffte.

Die Gruppe der Arbeiter sah mir verwundert und kopfschüttelnd nach. Es mochte sie befremden, daß Einer, der nicht aus diesen Bergen sei, so frech auf's Gerathewohl kletterte, auch die Bedenklichkeit, ob er gar zu weit vordringen werde, mochte sich darein mischen. Ich aber ließ mich die Mühe nicht verdrießen, stieg mit tausend Schwierigkeiten empor, indem ich mich bald an dicken Stauden hinauf zog, bald an langzweigigem Gesträuch hinunterließ, klomm von Fels zu Fels, von Schlucht zu Schlucht, bis ich nach zwei Stunden sah, daß ich mich in dem Schluchtenlabyrinth vollkommen verklettert und verloren hatte.

Sich in diesen Felsen zu verlieren, ist schon für den Alpenbewohner, der die Natur seiner Berge, die Gefahren und die Art, sie zu überwinden, kennt, bedrohlich genug, um wie viel mehr für einen einsamen Wandrer, der aus dem Norden kommt, und dem, wenn er sich gleich gewöhnt hat, den Bequemlichkeiten der großen Straße zu entsagen, diese Natur doch als etwas Feindliches entgegen tritt.

Auf einem Steine sitzend, benetzte ich mir die Hände, die ich an den spitzen Felsenkanten blutig gerissen hatte, und indem ich überdachte, auf welche Art ich aus dieser Wildniß gelangen könnte, betrachtete ich das Riesenhafte der Umgebung genauer. Aber statt des Gefühls der Vereinsamung und Gefährdung überkam mich die Empfindung des besten abenteuerlichen Behagens. War ich doch stets den Heerstraßen aus dem Wege gegangen, wo der Reisepöbel in Caravanen durch die Alpen geschleppt wird, und wenn er auf dem Maulthier über eine Höhe geritten ist, glaubt, er habe Gefahren bestanden; und war ich doch nun allein und fremd so recht in's Herz der Alpen gedrungen, konnte all ihre furchtbaren Schönheiten ungestört betrachten, und, wenn auch ihre Geheimnisse nur mit blödem Auge ahnen, doch die Wunderwerke ihrer Felsenabgründe empfinden.

Es war herrlich da drunten! Vom Felsen tanzte jubelnd ein Bach, unter dessen hellen Tropfen sich das Laub junger Zweige bewegte. Während ich den Blick von den steilen Wänden ab- und ihm immer wieder zuwandte, gestaltete sich mir sein abschüssiges Bett zu einer gewaltigen Felsentreppe, und bald glaubte ich in dieser den einzigen Weg zu erkennen, der mich wieder empor bringen könne. Mit erschöpfender Anstrengung und Mühe stieg ich zur Seite, und oft im Bette des Baches selbst, in die Höhe, und befand mich nach mancherlei Schwierigkeiten doch endlich auf einer Felsenplatte, wo ich eines köstlichen Anblicks genoß.

Kaum aber war ich hier zehn Schritte gegangen, als ich entsetzt zurückprallte, denn ich stand vor einem Abgrunde, in welchem mich der nächste Schritt hinunterstürzen konnte. Obwohl von Natur schwindelfrei, mußte ich mich doch auf den Boden niedersetzen, denn ich fühlte die Anstrengung des Steigens, zugleich mit den Wirkungen des Schrecks in allen Gliedern, und die augenscheinliche Unmöglichkeit, von dieser Höhe wieder hinab zu gelangen, machte mich ernster.

Aber so leichtsinnig wird man gegen die Gefahr, wenn man mit ihr umgeht, daß das Bewußtsein derselben fast zu einem Genusse werden kann. Mein Ränzel unterm Kopfe, lag ich und ruhte aus, und da sich keine Quelle gegen den Durst fand, betrachtete ich liegend die unermeßlichen Höhen um mich her. Da haftete mein Auge an einem Punkte in der Nähe, an welchen es wie gebannt war. Wie Parcival sein Auge nicht wenden kann von den drei Blutstropfen im Schnee, so war auch ich von ein paar rothen Punkten gefesselt, die tropfenartig zwischen Blättern hingen.

Es war ein Busch mit Erdbeeren. Ich hätte sie küssen mögen, diese lieben hülfreichen Freunde, nur hatte ich sie alle miteinander aufgegessen, ehe ich an's Küssen dachte! Aber der Genuß dieser wenigen kleinen Früchte mahnte mich erst, daß ich der Nahrung bedürftig sei, und ich mußte darauf denken, von dieser Höhe hinab zu gelangen.

Kaum hatte ich mich dem Rande des Abgrundes wieder genähert, als ich ein lautes Geschrei auf der Matte gegenüber, und tiefer unten vernahm. Und indem ich die Blicke nach jener Richtung wandte, erblickte ich einen Knaben, der mich beobachtete, und bei dessen Geschrei sich sogleich eine Gruppe von sechs andern Knaben, welche die Ziegen hüteten, versammelte, und mit vereinten Kräften zu mir hinauf schrie. So oft ich einen Schritt vor oder rückwärts that, begann das Schreien von neuem. Sie winkten mir, die Entfernung aber machte es mir unmöglich zu erkennen, was mit den Zeichen gemeint sei. Doch schienen sie mir anzudeuten, daß ich in einer gefährdeten Lage sei.

Endlich trennte sich einer der Knaben von der Gruppe, lief nach rechts hin den Hügel hinab, und indem ich ihn einen kleinen Bergrücken, nach meiner Seite zu, hinauslaufen sah, schien mir dies ein Zeichen, daß auch ich mich nach derselben Richtung zu wenden hätte, und er mir entgegen kommen wolle. Ich entdeckte seitwärts einiges struppige Gesträuch, und indem ich dieses vorsichtig erfaßte, ließ ich mich daran hinab, nicht ohne Quetschungen und Schrammen, und so, langsam, halb sitzend, halb auf allen Vieren kriechend, gelangte ich immer tiefer hinab.

Jetzt erst, nachdem ich ungefähr zehn Minuten gekrochen war, und zu meinem Felsenthrone zurückblickte, nahm ich wahr, daß die ganze eine Seite des Berges, bis in die Tiefe hinunter mit Felsentrümmern, entwurzelten Bäumen und Gestein übersäet war. So hatte ich auf einem Vorsprung, welcher dem Bergsturz, der hier kürzlich stattgefunden haben mußte, nächstens folgen konnte, ausgeruht.

Immer tiefer kroch ich mit verdoppelter Anstrengung und Beschwerde, denn das Gefühl der Gefährdung überkam mich jetzt, da ich ihr entgangen war, erst recht lebhaft. Immer näher hörte ich die rufende Stimme des Knaben. Ich antwortete ihm, und endlich sah ich ihn in meiner Nähe, erhitzt, athemlos, und, wie es schien, vom höchsten Erstaunen ergriffen.

Indem er mich auf einem bequemeren Wege abwärts führte, erzählte er mir, daß hier allerdings vor einigen Wochen die Hälfte des Bergs hinabgestürzt sei, daß ich einen Umweg von fünf Stunden gemacht, nun aber in der Nähe von Macugnaga sei, wohin ich in einer halben Stunde gelangen könne.

Bald versammelte sich die Gruppe der Ziegenbuben um mich, die Augen groß aufreißend, daß ein Fremder auf diese Weise über die Berge komme. Meinen Dank dafür, daß sie mich vor der Gefahr gewarnt hatten, schienen sie nicht zu verstehen, erst als ich ihnen ein paar kleine Münzen überreichte, zogen sich die Gesichter zu einem Lächeln in die Breite.

Obgleich die junge sonnenverbrannte Gesellschaft vom Reden nicht viel zu halten schien, waren mir doch aus dem Munde des Buben, der mir entgegengekommen war, die Laute der deutschen Sprache an's Herz gedrungen, die ersten, die ich seit langer Zeit, wenn auch halb unverständlich, wieder hörte. Die Buben waren aus Macugnaga und wiesen mir den rechten Weg dahin, der, in Gestalt eines ordentlichen Saumpfades, noch über einen Bergrücken, und dann in's hohe Thal von Macugnaga hinein führte.

Da war ich endlich in dem mir verheißenen gelobten Lande: Der Himmel zwar bedeckt, der Monte Rosa fast ganz verschleiert, die Schneegebirge rings umher umwölkt, aber das grüne Thal im Glanz und Duft seiner Matten lag zauberisch vor mir da. Hastig förderte ich die Schritte, alle Müdigkeit und Anstrengung vergessend, und suchte mir das bescheidene Dach, welches mir als das Wirthshaus gezeigt wurde. Ich trat ein, fand Thüren und Fenster offen, aber auch hier, wie gestern in Ponte Grande, keine Menschen im Hause. Indem ich meine Sachen ablegte, kam ein Mädchen über die Wiese gelaufen, das sich als die Schwester des Wirthes zu erkennen gab, und vor Freude und Erstaunen die Hände über dem Kopfe zusammenschlug. Denn ein Reisender ist hier eine Seltenheit, gar aber einer, der ohne Führer ankommt, eine Merkwürdigkeit.

O wie labend sog mein Ohr jetzt wieder die Töne der deutschen Zunge ein, nachdem es lange nichts als das Gemisch italischer Dialekte gehört hatte. Und waren es auch die rauhen Kehllaute der schweizerischen Mundart, mir klangen sie doch wie Musik.

Das Mädchen schickte sich sogleich an, Feuer auf dem Herde zu machen, und sagte mir, der Bruder sei mit seiner Frau auf dem Felde, und ich würde eine Weile auf das Essen warten müssen. Sie wolle sich aber nach Kräften beeilen.

Während sie geschäftig war, ging ich hinaus, mein Auge an der Pracht der Matten zu weiden. Wie in einer Wiege von duftigem Grün liegen die Häuser umher gestreut. Hohe Alpenberge mit schneeigen Häuptern ragen von allen Seiten über die Matten. Der jetzt leider verhüllte Monte Rosa streckt seinen gewaltigen Gletscherfuß drohend in das Thal hinein, zum Zeichen seiner Herrschaft über diese Gegenden. Unter seiner eisigen Sohle springt die Anza hervor, gleich bei ihrer Geburt ein furchtbar wildes, unzähmbares Titanenkind, das sich tobend dem väterlichen Eispalaste entringt, und in ihrem Laufe eine tiefe Kluft durch seine Felsen reißt. Rechts stürzt sie sich neben himmelhohen Felsenmauern hinunter, so daß das ganze Thal an die gegenüber liegende Bergkette geheftet ist. Von dem steilen Ufer der Thalseite ragt die Kirche herab, umgeben von einem Kastanienwäldchen, welches sich noch weiter stromabwärts hinunter zieht.

Was dieses höchste und vielleicht schönste aller Alpenthäler so wahrhaft zauberisch macht, selbst wenn sich der Gebieter desselben, der Monte Rosa, verschleiert, ist die wundervolle Frische seiner Matten. Wenn man Bergrücken, Höhen und Gipfel überstiegen hat, wo man längst aller Vegetation entsagen zu müssen glaubte, kommt man hier, in der Nähe der ewigen Schneeregion, noch in ein Thal, wie es der Süden nicht schöner aufzuweisen hat. Auf den Matten blühen die Zeitlosen, den Fruchtbaum kann die Sonne hier freilich nicht mehr erziehen, aber einem Stückchen Ackerland, dem hier und da der Wiesenteppich hat weichen müssen, läßt sie ihre Strahlen doch noch zu Gute kommen.

Die Häuser liegen nicht wie in einem Dorfe zusammen – denn das ganze Thal heißt Macugnaga – sondern in ziemlichen Zwischenräumen von einander, was ihren Anblick aus der Entfernung äußerst malerisch macht. Sie sind, auf einem steinernen Unterbau, von Holz gebaut, von Wetter und Wind gebräunt, ohne jene zierlichen Galerien und den Schmuck der tieferen Alpenwohnungen, sondern einstöckig, mit starkem Dach und breitem, fast flachem Giebel. Alles ist fest und stark, um der Gewalt der Elemente zu trotzen.

Wie sehr müßten sich hier jene verwöhnten Reisenden der tieferen, leicht zu betretenden Alpengegenden entsetzen, deren Gasthöfe, selbst wo sie die Form der Schweizerhäuser annehmen, dem Ankömmling den Luxus aller Weltgegenden entgegenbringen. Hier oben gilt es aller Verwöhnung entsagen, und sich den engsten Verhältnissen anbequemen, und das wird dem nicht schwer werden, der unverwöhnt genug war, die Mühen einer Wanderung hierher zu überwinden.

Das Wirthshaus unterscheidet sich in nichts von den übrigen sennhüttenartigen Häusern des Thals. Man tritt in einen Flur, der zugleich die Küche ist. Daran schließt sich rechts und links eine große Stube, von wo aus man auf einer Treppe zum hinteren Giebel gelangt, während eine zweite Treppe zu dem vorderen führt. Für die Aufnahme der seltenen Reisenden sind zwei Kämmerchen im hinteren Giebel, mit dem Blick auf den Monte Rosa bestimmt, deren ganzes Mobiliar aus einem Bett, einem Tisch und zwei Bänken besteht. Sehr kleine Fensterchen erhellen den engen und niedrigen Raum.

Während ich noch über die Wiesen schritt, den Duft des Grases und der Alpenlüste einsog, hörte ich einen jungen Burschen hinter mir her rufen, der sich als den Herrn des Wirthshauses zu erkennen gab, und mir freudig die Hand reichte, da er in diesem Sommer noch Keinen von »draußen«, wo er mehrere Jahre gewandert war, gesehen hatte. Er war dreiundzwanzig Jahre alt, erzählte mir, daß er erst vor einem Jahre die Wirtschaft übernommen, und sich vor drei Monaten verheirathet habe, vor Allem aber – daß das Essen fertig sei.

Ich fand eine Ecke des langen Tisches gedeckt, ein Stück gebratenen Fleisches dampfte mir kräftig entgegen, ein Brod von der Größe eines Mühlsteines, ein Käse von wo möglich noch größerem Umfang, die glänzendste Butter standen zu freier Verfügung, und ein Schoppen rothen Schweizerweins winkte daneben. Ja, mein Wirthshaus schwang sich sogar bis zu Kaffee auf, den die Schwester des Wirthes vor Kurzem auf einer Reise in's Wallis für den Jahresbedarf mitgebracht hatte.

Während ich tafelte, saß Stephan – der Wirth, welchen ich fortan bei diesem seinem Vornamen nennen will – bei mir. Er erzählte mir von dem Leben in den Bergen, von seiner Wanderschaft draußen, und hörte halb ungläubig meinen Bericht über den Weg, auf welchem ich nach Macugnaga gekommen war, an. Indem kamen die junge Frau und die Schwester, ganz aufgelöst von Erstaunen, herein, und erzählten, daß die Knaben mit den Ziegen heim gekommen seien, und Wunderbares von meinem abenteuerlichen Wege berichtet hätten. Ja, wenn es die Ziegenbuben nicht mit eigenen Augen gesehen, sie würden nie geglaubt haben, daß Einer von draußen da hinauf und wieder herunter gekommen sei. Daß er sich aber »verstiegen« habe, fanden sie ganz in der Ordnung.

Inzwischen war es, ohne schon spät Abends zu sein, dunkel geworden. Der mürrische Herr der Alpen, weit entfernt, sich zu entschleiern, umgab sich mit immer dichteren Wolken, die bald das ganze Thal erfüllten und sich in einen dicken Nebelregen auflösten. Stephan schien geringe Hoffnungen für meine Absicht, den »Berg« zu sehen, an dies Wetter zu knüpfen, und ich ahnte nicht, daß die Alpengeister sich verschworen hatten, alle ihre Schauer los zu lassen, und mich Tage lang hier oben gefangen zu halten. Es war feucht und kalt, das Feuer auf dem Herd, welcher nur einen Fuß hoch, aber sehr tief und breit war, wurde daher fleißig unterhalten. So brach der Abend herein.

Mittlerweile erschienen ab und zu Nachbarn, welche die erstaunenswerthe Kunde von den Ziegenbuben erfahren hatten, um zu fragen, ob der Fremde von draußen wirklich heil angekommen sei? Auch die kleineren Geschwister der jungen Frau erschienen zum Besuch, um das Wunderthier zu sehen, und nahmen alsobald in einer Ecke des Feuerherdes, welche ihr Lieblingsaufenthalt zu sein schien, Platz, und bald darauf kam ein junger Bergmann, der sich mit der Zeit als der Bräutigam der Schwester entwickelte.

Man wollte mir ein Licht in die Stube setzen, ich aber zog es vor, mit der ganzen Familie zusammen zu bleiben. Und da die wärmende Flamme Allen erwünscht war, kauerten wir sämmtlich um den Feuerherd zusammen. Die Kindergruppe in der Ecke, von der Flamme beleuchtet, Stephan, der Bergmann und ich, ebenfalls auf dem Herde, nur die Frau und Schwester vor demselben, die erstere spinnend auf einem Schemel, die andere strickend auf einem umgestürzten Eimer sitzend.

Daß ich die Gruppe um die Flamme hätte malen können! Meine überstandenen Fährlichkeiten schienen mir eine Art von Bürgerrecht in diesem Kreise zu geben, und so gingen Alle leichter mit der Sprache heraus, und erzählten unbefangen von ihrem Leben. Hatten doch die Meisten schon etwas von der Welt gesehen, und waren nicht mehr so bäurisch blöde, wenn gleich noch unverdorbene tüchtige Gebirgskinder.

Der Bergmann, jetzt in den Goldbergwerken dieser Gegend beschäftigt, kannte die ganze Schweiz, und seine Braut, die Schwester, war schon zweimal auf wirthschaftlichen Geschäftsreisen im Wallis gewesen. Die junge Frau, die blödeste im ganzen Kreise, hatte freilich noch nicht über das Thal ihrer Heimath hinaus geblickt. Dafür war aber ihr Eheherr ein weitgereister Weltmann.

Es kommt in Macugnaga vor, daß die jungen Knaben ärmerer Familien schon früh in die Welt hinaus geschickt werden, mit einem Murmelthier, ein paar weißen Mäusen oder dergleichen sich bettelnd ihr Brod zu verdienen. Es kommt dies vor, ist aber, da die meisten Bewohner von Macugnaga wohlhabend sind, noch nicht zur Sitte geworden, wie in Savoyen oder anderen Gegenden.

Wohl aber ist es Sitte, daß jeder junge Bursche auf mehrere Jahre in die Welt geht, und draußen so viel verschiedene Handwerke lernt, als möglich, um später in der Heimath alle Bedürfnisse selbst befriedigen zu können. Da lernen sie hintereinander die Tischlerei, lernen Schuhe und Kleider machen, lernen verschiedene musikalische Instrumente spielen, lernen das Maurer- und Zimmerhandwerk, und wenn sie unter so vielen Dingen auch manche schlechtere lernen, so dürfen sie diese doch nicht in die Heimath zurück bringen, denn da wird auf Reinheit der Sitten gehalten.

So that sich Stephan viel darauf zu Gute, Schwaben, die Lombardei und das südliche Frankreich gesehen zu haben, und ein so rüstiger Bursche er bei der häuslichen Arbeit jetzt war, so viel konnte er zu geeigneter Zeit von seinen Erfahrungen in der großen Welt erzählen. Er sprach drei Sprachen, italienisch, französisch und deutsch, es war erstaunlich anzuhören. Und da die Bewunderung seines Familienkreises der einzige Maßstab seiner Kenntnisse und Verdienste war, so gab es gewiß keinen vollendeteren Weltmann und Gelehrten, als das dreiundzwanzigjährige Haupt des Hauses.

Doch dauerten die Gespräche am heutigen Abend nicht lange. Um 9 Uhr, als ich die blöde Herrin des Hauses sehr umständlich gähnen sah, und selbst von den Anstrengungen des Tages ermüdet war, ließ ich mir auf meine Kammer leuchten, und wickelte mich in die wollene Decke des Lagers. Nur kurze Zeit hörte ich den Regen an die Fenster schlagen, den Sturm heulen und die Bäche schäumen, dann aber vernahm ich bis zum nächsten Morgen nichts mehr.

Mit der Hoffnung, am Morgen den Himmel heller zu sehen, hatte ich mich niedergelegt, wie enttäuscht war ich aber, als ich früh erwachte und in ein Chaos von Regen, Schnee und finstern Wolken blickte! Der Sturm heulte um das Haus, die Wolken wälzten sich tief herab, ballten sich um das Dach zusammen, und fegten im Windesjagen so dicht auf der Thalsohle hin, als wollten sie das ganze Haus emporheben, und mit sich über Eis und Schneefelder führen. Die geschwellten Gebirgsbäche, schon zu Strömen angewachsen, brausten und tobten, und wo eine Wolkenschicht hin und wieder zerriß, und einen Blick auf die nächsten Felsen freigab, sah man hunderte von über Nacht gebornen Gießbächen von den Höhen stürzen.

Die Gesichter meiner Hausgenossen waren, als ich zum Frühstück in die gemeinsame Stube herab ging, ebenso wenig freudig als das meinige, zumal sich die trübe Erfahrung daran knüpfte, daß das Wetter, wenn es einmal anfange, sich so zu gebahren, nicht sobald aufzuhören pflege. Einsame, rathlose und beschäftigungslose Tage standen in Aussicht, und es galt, sich der Ungeduld des Harrens mit Ruhe entgegen zu sehen.

Die heftige Kälte machte, wenn man keine rührige Beschäftigung im Hause hatte, es unmöglich, an einem andern Orte als am Feuerherd zu verweilen, und so erkor ich mir einen Platz neben demselben, wo mir die Schwester des Wirthes, wenn ihre Thätigkeit sie dort fesselte, zuweilen Gesellschaft leistete. Stephan hatte Geschäfte außer dem Hause, bei Nachbarn. Von seiner Frau vernahm ich den Tag über nichts weiter als die rüstigen Tritte, mit welchen sie auf dem Boden ihrer Arbeit nachging.

Doch es war mir Bedürfniß, mich zu beschäftigen, und so beschloß ich, einen Brief zu schreiben. Ein grobes graues Blatt Papier, aus dem Fremdenbuche herausgerissen, in welchem, obwohl Stephan es schon als ein Erbstück erhalten, nur wenig beschriebene Seiten waren, stand mir als Schreibmaterial zu Gebote. Ein altes ausgetrocknetes Dintenfaß fand sich in einem Wandschrank, und ein ergrauter Gänseflügel, der bis dahin seine Functionen nur auf sein Amt als Flederwisch des Herdes beschränkt hatte, gab gutmüthig einen seiner letzten Kiele für mich her. Auf dem niedrigen Herde sitzend, schrieb ich an einem Schemel, so gut es gehen wollte.

Die Küche aber war Hausflur, Empfangzimmer und gemeinschaftlicher Aufenthalt für Alles, was in's Haus kam. Trotz des Wetters war ein vielfaches Kommen und Gehen, denn da an solchen Tagen die Arbeit im Freien eingestellt werden muß, haben die Nachbarn einander bei mancherlei Dienstleistungen der Hausarbeit nöthig. So oft nun die Thür des Hauses geöffnet wurde, fuhr ein solcher Windstoß mit Schneegestöber und Regenwasser durch den Raum, daß mein Blatt einmal über das andere über den Herd flog, und mit Gewalt den Flammen entrissen werden mußte.

Ein Tag ist aber lang, man kann nicht lange unter so erschwerenden Umständen schreiben, und ein trüber Tag, an welchem man nichts weiter zu thun hat, als in den Nebel und Regen hinaus zu starren, ist um so länger. Am Fenster sitzend sah ich dem reißenden Wasser eines Gebirgsstroms zu, der gestern noch ein kleines Bächlein gewesen, und nun um drei bis vier Fuß gestiegen, donnernd neben dem Hause über das Felsgestein hinunter schoß.

Da saß ich droben in der Hütte, der einzige nicht Einheimische in dem höchsten der Alpenthäler. und jeder Schritt vor- und rückwärts war abgeschnitten! Wunderbar! Was gibt dem Menschen den abenteuerlichen Hang hinauszuschweifen, und sich am liebsten in Regionen zu versteigen, wo er sich ewig fremd fühlen muß, sobald die Beschwerlichkeiten, und sogar Schrecken nicht mehr den Weg zum Ziele, sondern das Ziel selbst umgeben?

Als vor Zeiten, wie die Sage geht, die ersten Familien eines fremden Volkes in die, nach der Ebene geöffneten, niedrigsten Thäler der Alpen zogen, fanden sie herrliche Wiesen und siedelten sich an, um sich eine Heimath zu gründen. Schüchtern standen sie noch vor dem Bergesriesen, und der ewige Winter, der von den beeisten Firnen starrte, hatte noch nichts Verlockendes für sie. Da waren es zuerst die kühnen Jünglinge, welche jagend dem Wild des Gebirges nachstiegen, und bei seiner Verfolgung sich plötzlich auf Schneefeldern, Gletscherrücken und Felsen verloren sahen. Aber von dieser Höhe erblickten sie dann ein Thal, höher gelegen als das ihrer Heimath, und vielleicht viel schöner, frischer und vielversprechender. Das lockte sie hinein in die neue Welt, sie fanden dort Vieles anders als daheim, vielleicht Manches noch besser, oder der Reiz der Neuheit stellte es ihnen so dar. Sie erzählten zu Hause, daß es droben über den riesigen Höhen auch noch Thäler gäbe, das lockte Andere nach, und bald kam die jüngere Generation auf den kühnen Gedanken, sich dort oben anzusiedeln, wie einst ihre Eltern es in der Tiefe gethan hatten.

So stiegen die Menschen von Generation zu Generation immer höher und höher. So kalt und rauh die neue Heimath war, den dort Geborenen blieb sie doch die Heimath, und indem sie sich den Forderungen der Natur anbequemten, ward ihre eigene Natur Eins mit derselben. Bis auf die höchsten Triften, die sich halb triumphirend und lachend neben die riesigen Gletschertatzen der Eisgebirge emporschwingen, halb schüchtern zu ihren drohenden Häuptern hinauf um Gewähr für das Wachsen ihrer Halme und Kräuter flehen, bis dahinauf baut der Mensch seine Hütten. Die Furchtbarkeit der Elemente wird ihm das Gewöhnliche, der lachende Sonnenhimmel ein seltenes Ausnahmegeschenk, und wenn ihm die ersteren das Seinige rauben und zerstören, so setzt er ihnen den harten Trotz der Resignation und die rüstige Thätigkeit, das Alte wieder zu schaffen, entgegen. Und auch bei uns, die wir die Cultur von Jahrhunderten beherrschen, auch bei uns, wenn wir den letzten Hütten, und drüber hinaus den starrenden Eisgebirgen entgegensteigen, ist es das Gefühl, ein Theil der Natur zu sein, dasselbe Recht, welches sie über uns ausübt, auch über sie geltend zu machen.

Der Tag verging, und der Abend sah die Hausgenossen wieder auf dem Herde und um denselben versammelt. Heute gab ich Erzählungen von meiner Heimath und ihren Einrichtungen zum Besten, und forderte dann die Gesellschaft zum Singen auf. Stephan ließ sich nicht lange bitten, aber die Stimme, mit welcher er das erste Lied sang, machte mir das Anhören eines zweiten nicht eben wünschenswerth. Der Bergmann ließ sich nicht bewegen, obwohl seine Braut behauptete, er könne Lieder singen. Die musikalischen Genüsse am Herde waren also nur beschränkt, und verschwanden gegen die furchtbare Musik, die der heulende Sturm, die Donnerschläge, und die Gebirgsströme draußen vollführten.

Ein Glas am Feuer erhitzten Weines begleitete mich auf meine Kammer, wo mir der durch die Fugen der Fenster pfeifende Wind die Mühe abnahm, das Licht auszulöschen. Eine entsetzliche Nacht folgte diesem Tage. Das ganze Hans zitterte und bebte in all seinen Rippen. Der Sturm riß die Fensterladen ab, der Regen drang durch die Ritzen, und triefte von oben herein, vertrieb mich von meinem Lager, und doch wieder auf dasselbe zurück, denn ich fühlte im Finstern, wie die ganze Diele der Kammer unter Wasser stand. Bebend vor Frost, ohne irgend ein Mittel, mich dieser Lage zu entziehen, verbrachte ich die Nacht schlaflos bis gegen Morgen.

Spät am Tage, es mochte acht Uhr sein, erwachte ich vom kurzen Schlummer, und als ich die Hausgenossen aufsuchte, fand ich Alles in der größten Bestürzung und Aufregung. Schlimme Nachrichten waren gekommen. Das stürzende Wasser hatte über Nacht die Leichen zweier Kühe und eines Mädchens in's Thal herunter gebracht, in welcher letzteren man eine Sennin aus Macugnaga erkannte. Wie viele Befürchtungen knüpften sich noch an dieses Unglück! Wie viel konnte droben auf den Almen und höheren Triften, wo so viel Angehörige des Orts bei den Heerden übersommerten, noch des Entsetzlichen geschehen sein! Und doch konnte man keine Hilfe bringen, mußte die Seinigen und seinen besten Besitz, die Heerden, der Wuth der Elemente überlassen, denn das Weiter schien sich in seiner Furchtbarkeit von Stunde zu Stunde zu steigern.

Es war ein ruheloser böser Tag, immer neuer Jammer von Nachbarn und Freunden, immer neue Nachrichten voller Schrecken. Der Strom neben dem Hause umspülte bereits die Grundmauern desselben, es stand ganz von strömenden Fluthen umgeben, und nur auf schweren Holzböcken, welche für dergleichen Fälle schon bereit standen, und darüber gelegte Bretter, konnte man hinaus gelangen. Ich nahm meinen angefangenen Brief wieder vor, um mich zu zerstreuen.

Gegen Mittag hörte die Gewalt des Sturms und Regens etwas auf, dafür trat ein dicker grauer Nebel mit leiserem Regen ein. Ich vermochte nicht länger im Hause zu bleiben, und beschloß wenigstens die Kirche zu besehen. Der Bergmann, zum Müßiggang verdammt, wie ich, bot mir seine Begleitung an. Beide eingehüllt in graue Sacktücher, die wir wie die Kapuziner über den Kopf zogen, balancirten wir über den langen Brettersteg und wateten den Hügel hinan, auf dem die Kirche steht, deren wir aber vor dem Nebel nicht eher ansichtig werden konnten, als bis wir vor der Thür derselben standen. Sie ist in einem verworrenen Styl gebaut, für den sich kein Name auffinden läßt, und der sich höchstens dem der Jesuiten nähert. Aber auffallend ist die Menge des herrlichen schwarzen und braunen Marmors, der im Innern zu Säulen, zum Altar und anderen Zwecken verwendet ist, und der Kirche einen eigenthümlich ernsten Ausdruck gibt. Die schwarzen Säulen stehen da wie dunkle Mahnungszeichen an die Schrecken und Schauer, denen die Bewohner dieses Hochthals täglich ausgesetzt sind. Die innere Ausstattung, die reiche Marmorverwendung, und das Schnitzwerk der Kirchenstühle, setzen, da man es in einer Kirche auf dieser Gebirgshöhe findet, in Erstaunen, und beweisen, daß der Wohlstand der Thalbewohner, welche dies ihr Gotteshaus aus eignen Mitteln gebaut haben und erhalten, doch bei weitem größer sein muß, als die Einfachheit ihrer Häuser und ihrer Lebensweise glauben machen will.

Während wir noch die Kirche betrachteten, fiel ein plötzlicher Sonnenblick durch die Fenster. Im Nu waren wir draußen, und richteten unsere Blicke nach dem Monte Rosa. Die Nebel zerrissen plötzlich, und gaben die Seitenwände des Thals hier und dort den Blicken frei. Man sah Schneegipfel über ihnen, und jetzt tauchten in raschem Gange bald höher bald tiefer Durchsichten auf den Monte Rosa hervor. Jetzt sah man seinen Fuß mit dem bläulichem Gletscher niederreichen, jetzt einige Firnen, jetzt zwei, drei seiner Schneegipfel, deren eine, von einem Sonnenblick erhellt, doch über den Wolken in ein Stück blauen Himmels ragte. Es war das Bild weniger Minuten. Die Nebelwolken jagten sich im Sturmeslauf umher, bald hier Alles verhüllend, bald dort eine Seite lichtend. Der Regen hatte aufgehört, das ganze grüne Thal lag übersichtlich vor mir. Wie weideten sich die entzückten Blicke wieder an der entschleierten Frische der Matten! Aber jetzt erst sah man die ganze Menge des Wassers, welches in tausend Sturzbächen das Thal durchfluthete. –

Eine Stunde lang schweifte ich am Saume des Kastanienwäldchens an der Kirche umher, soweit die Gewässer es zuließen. Bei der Heimkehr schlug Stephan vor, einen Versuch zu machen, den Gletscher, wenn nicht zu besteigen, doch anzusteigen. Wir waren schnell gerüstet, der Bergmann war der dritte mit uns. So stiegen wir die schräge Thalsohle empor, dem Gletscher entgegen. Aber wir hatten noch lange seinen Fuß nicht erreicht, als uns Landleute, welche höher hinauf zwischen den Felsen gesucht hatten, ob das Wasser neue Opfer von den Almen herabgebracht hätte, entgegen kamen, und versicherten, daß es unmöglich sei vorzudringen. Nicht einmal die oberen Partien des Thals könne man erreichen, da alle Stege niedergerissen seien.

Es bedurfte kaum dieser Mahnung zur Umkehr, denn schon hatte ein Nebel uns wieder in eine dicke graue Nacht gehüllt. Der Regen strömte, Donnerschläge brachen mit erneuter Heftigkeit und Schnelligkeit herein, daß wir uns mit der größten Eile dem schützenden Dache wieder zuwandten, an dessen warmem Herde wir, bis auf die Haut durchnäßt und triefend, ankamen. Es war Mittag, eine warme Suppe brachte uns aus der Erstarrung wieder zu uns.

Der Nachmittag verging unter Schneegestöber und Sturmgeheul, der Abend am Feuerherde, wie die vorigen. Ich erfand eine neue Beschäftigung, indem ich eine Reihe Namen von Orten, die ich berührt hatte, in meinen Wanderstab schnitt, und mich dieser Arbeit mit einem Eifer ergab, der der Begeisterung des Künstlers für ein großes Werk nahe kam. Es ist schon Genugthuung, eine fesselnde Handarbeit zu finden, an einem Orte, wo nichts, gar nichts uns an den Kreis der gewohnten Thätigkeit erinnert, wo wir, zwischen kahle Wände eingesperrt, von Glück sagen müssen, wenn wir die gemeinsten Bedingungen des Lebens, wie Essen und Trinken, erfüllen können.

Die Nacht, welche folgte, war vielleicht die entsetzlichste von allen. Von dem durch das Dach triefenden Regen auf meinem Lager durchnäßt, machte ich im Geiste eine Erfindung, die mich davor schützen sollte. Ich beschloß, rechts und links vom Bette eine Bank und den langen Tisch, wie einen Baldachin darüber zu stellen. Aber indem ich dies im Finstern zu bewerkstelligen suchte, fand ich, daß der lange Tisch Kreuzfüße hatte, die unten der Länge nach durch einen Querbalken verbunden waren. Der letztere hätte mir die Nase einquetschen, vielleicht den ganzen Menschen halbiren müssen.

So schlich ich verdrießlich auf mein Lager zurück, und meine schöne Erfindung lebte nur im Gedanken, wie manche andere, deren Ausführung an der Unzulänglichkeit der Mittel scheitert. Aber der Gedanke, daß es unter gewissen Umständen doch möglich gewesen wäre, sie praktisch in's Werk zu setzen, machte mich in meiner Lage nur noch verdrießlicher. Das ist das Schicksal aller großen Erfinder! Wohl ihnen, wenn sie ihren Schmerz verschlafen können! So gut sollte es mir aber vor der Hand nicht werden. Der Regen und Schnee schien zwar aufgehört zu haben, aber der Sturm tobte und ras'te mit solcher Macht einher, daß jeder Schleier, der sich um die schlafsuchenden Sinne spinnen wollte, durch sein höllisches Geheul zerrissen wurde. Wie lange das dauerte, weiß ich nicht, aber mir schien es eine Ewigkeit, obgleich dieser letzteren gegen Morgen durch den Schlaf dennoch eine Grenze gesetzt wurde.

Kurze Zeit mochte ich geschlafen haben, als ich erwachte, und einen röthlichen Schimmer in die Kammer dringen sah. Ich sprang empor, und als ich durch's Fenster blickte, war ein Schrei des Entzückens Alles, was ich äußern konnte.

Die Morgendämmerung lag noch über den Matten, aber völlig wolkenlos und nebelfrei strahlte der Monte Rosa in purpurner Morgengluth in den hellen freien Aether. Flugs warf ich mich in die Kleider, um draußen dies majestätische Bild in größerem Umfange genießen zu können. O wer beschreibt diesen Strom von Licht und Farbenpracht, der sich in das trunkene Auge goß! In Rubinengluth standen die Riesengipfel dieses wundervollsten aller Berge. Heller und matter kleidete der Purpur die tieferen Gipfel, bis sich das Roth im Krystall des Gletschers in der Tiefe zu goldenem Licht, und, wo er sich den Matten näherte, in ein dämmeriges Blau auflöste.

Aber auch die Schneefelder und Firnen, die rings um das Thal über die Felsen schauen, die Kinder des Monte Rosa, die er mit weiten, eisigen Armen umfaßt, standen im Abglanz des Lichtes. Nur die letzten Schneeadern in den niedrigeren Gebirgsschichten blieben weiß zwischen dem Grün der Matten und Wälder.

Wie reich war ich durch diese Minuten belohnt für trübe Tage des Harrens und der Unbequemlichkeit! Aber höher stieg die Sonne, das Thal füllte sich mit Licht, der Purpur verglühte, und bald stand das ganze Schneegebirge des Monte Rosa in der luftigen Rosengluth, die sein Name verkündet. So stand die Rose der Schöpfung über den grünen Matten, blickte hinauf in den immer blauer sich färbenden Himmel, bis die Sonne ihr das blendende Silbergewand des Tages überwarf, in welchem sie strahlend über den Bergen der Alpen thronte.

Stephan trat aus dem Hause, lobte meinen Instinkt, der die Sinne zur rechten Zeit wach gerufen habe, und sagte mir, daß ich vielleicht der Erste sei, der im Thale erwacht war. Diesen schnellen Umschwung in der Natur habe der Sturm zu Nacht hervorgebracht, und es würden nun wieder bessere Tage folgen. Ich war deshalb entschlossen, noch heut den Monte Moro, den Paß, auf welchem man über das Monte Rosa-Gebirge in's Wallis hinübersteigt, zu überschreiten.

Da dies nun aber ohne einen Führer nicht möglich, und für dergleichen Reisehülfe in diesen Gegenden noch nicht gesorgt ist, beredete ich Stephan, der den Weg kannte, auf zwei Tage mein Reisegefährte und Führer zu sein. Er war nicht schwer zu gewinnen, und geberdete sich, da er seit einem Jahr nicht aus Macugnaga gekommen, äußerst vergnügt, auf diese Weise einmal seine Freundschaft im Wallis wieder aufsuchen zu können. Zugleich aber bereitete er mich vor, daß wir mit großen Schwierigkeiten würden zu kämpfen haben, denn der Moropaß sei sehr beschwerlich, und das Wetter der letzten Tage werde gewaltige Spuren dort oben hinterlassen haben. Vorzüglich würden wir schon in den tieferen Regionen viel Schnee finden, wo er sonst noch nicht liegen zu bleiben pflege.

Rasch wurde das Frühmahl eingenommen. Es mochte ungefähr vier Uhr Morgens sein. Die Rüstung zu unserer Expedition dauerte nicht lange. Stephan packte Stricke und eine Menge von Geräthschaften, für alle Fälle, in einen Sack, und eine Jagdtasche wurde zum Schnappsack für den ganzen Tag eingerichtet, da es unter den besonderen Umständen, in welche uns die Spuren des letzten Unwetters bringen konnten, möglich war, daß wir vor Nacht nicht wieder zu Wohnungen von Menschen zu gelangen vermöchten.

Der Abschied von einem Hause, unter dessen Dache man drei Tage zugebracht, und dessen Bewohner man unter gemeinsam ausgestandenen Beschwerden lieb gewonnen hat, ist nicht gleichgültig. So trennten wir uns alle mit Rührung. Die Frauen und der Bergmann, der auch zum Abschied gekommen war, reichten mir die Hand, und gaben mir herzliche Glückwünsche für meine Reise in die ferne Heimath mit. Da ich, als der einzige Fremde des Thals, allgemeines Interesse erregt hatte, kamen auch noch Nachbarn dazu, gaben gute Nachschlüge, und selbst als wir an entfernteren Häusern des Thals vorüber schritten, riefen uns die Bewohner noch ein Grüß Gott! und Glückliche Reise! zu.

Mit langen Alpenstäben bewaffnet, begannen wir unsere Wanderung im schönsten Morgensonnenschein. Zuerst aufsteigend über Matten, dann durch einen Wald, welcher sich an dem Felsen emporhob, und dann über Felsenschichten, wo uns die stürzenden Wasser oft zu schaffen machten.

In früheren Jahrhunderten ging über diesen Berg die allgemeine Heerstraße nach Italien. Jetzt aber, wo die bequemeren Wege über den St. Gotthard, Bernhard und Simplon führen, die den Reisenden im Postwagen ohne Mühe über die Alpen bringen, ist auf dem Moropaß keine Spur von einer Heerstraße mehr, und um so weniger, da auch die frühere nicht so breit und nachhaltig als die neuere angelegt war. Kaum ein Pfad, durch zusammen oder über Felsenspalten gelegte Felsplatten, für Saumthiere hier und dort gebildet, ist noch zu erkennen, und auch dies wenige verfällt gänzlich bei der Seltenheit des Uebergangs. Zumal heut, wo das Wasser Felsenstücke abgerissen und nach allen Seiten geschleudert hatte, und selbst noch in Strömen über die Abhänge floß, war an einen bequemen Weg nicht zu denken. Bald galt es Sätze zu machen, bald zu klettern, bald Steine herbei zu tragen, um über ein Wasser zu kommen.

Je höher wir stiegen, desto höher hob sich der Monte Rosa neben uns empor, desto mehr entfaltete er seine ganze Gewalt, als wüchse er zornig empor über die Frechheit, daß Sterbliche sich in solche Nähe zu ihm wagten. Noch konnten wir immer das ganze zauberische Thal von Macugnaga hinter uns sehen, während der Umkreis der Blicke von Minute zu Minute sich auch über die Höhen erweiterte. –

Wir machten einige Umwege über nicht zu weit abgelegene Almen, da Stephan sich nach Freunden und Bekannten in den Sennhütten erkundigen wollte. Sie hatten keinen Schaden genommen, und auch das Vieh hatte sich am Morgen vollzählig gefunden. Eine dieser Sennhütten hatte einen besonderen Reiz für mich. Ein junger Bursche von sechzehn und ein Mädchen von vierzehn Jahren waren die Bewohner derselben. Beide, vorzüglich aber der Knabe, von einer auffallenden Schönheit. Für seine Jahre körperlich sehr ausgebildet, hatte er, wie auch seine kleine Schwester, ein offnes und gewinnendes Benehmen, und verrieth in seinem Wesen eine merkwürdige Selbstständigkeit.

Während wir eine Viertelstunde hier ausruhten, sah ich, wie eine wollene Decke, die über einigen Strohsäcken lag, sich zu bewegen anfing, und als ich sie neugierig auf einer Seite empor hob, erblickte ich zwei Kinder von 5 und 3 Jahren darunter, die sich halb neckisch, halb schüchtern wieder zu verstecken suchten. Die Art, wie die ältern Geschwister den kleineren lachend die Decke wegnahmen, und sich mit ihnen zu necken begannen, bildete eine der reizendsten lebendigen Gruppen, die ich je gesehen habe, denn auch die beiden kleinen Knaben waren wahre Muster von frischer Schönheit.

Diese vier Geschwister lebten schon den ganzen Sommer auf der Alm, um den Viehstand zu besorgen, und nur erst zweimal waren die Eltern bei ihnen gewesen. Und zwar gehörte die Familie nicht zu den armen, sondern zu den angesehensten und reichsten in Macugnaga. Die Kinder müssen eben von früh auf alle Geschäfte der Alpenwirthschaft lernen.

Nachdem wir zwei Stunden gestiegen waren, trafen wir schon auf Schnee, in welchem wir in kurzer Zeit bis an die Kniee waten mußten. Das Klettern und Springen hatte sein Ende erreicht, und unabsehbare Schneerücken und Felder mußten durchwatet werden. Die Wanderung ging daher ziemlich langsam vor sich.

Noch einmal hatten wir einen herrlichen Blick in die Weite über das Anzasca- und Macugnagathal, über die ganze Alpenkette, bis hinunter in die weiten Ebenen von Oberitalien, dann gelangten wir nach kurzem Steigen in die Region des ewigen Schnees. Blendend schien die Sonne darüber, daß der Glanz stechend das Auge schmerzte. Nur zuweilen hüllte uns eine leichte Nebelwolke ein, und verließ uns wieder, bald sich wie in Luft auflösend, bald als dichtere Masse vorüber schwebend.

Drei Stunden mußten wir in dem frisch gefallenen, locker und tief liegenden Schnee steigen, ehe wir, nach vielfachen Windungen, sehr erschöpft, und mit großer Freude den letzten steilen Schneerücken erklommen, auf welchem ein hoher Haufe von Steinen und ein darauf gestecktes Kreuz uns zeigte, daß der Gipfel des Passes erstiegen sei.

Aber welch ein Anblick wartete hier unser! Ich habe das Schneegebilde der Jungfrau, die Kette der Berner Alpen vom Faulhorn aus, und den Montblanc gesehen, und keines dieser Bilder kommt dem des Monte Rosa vom Moropaß gleich. Sollte man aufjauchzen vor Entzücken, oder in die Kniee sinken vor diesem ergreifenden Gebilde der Schöpfung?

Ein Gemisch von Freude und Andacht erfüllte die Brust, und je länger der Blick umherschweifte, je bedeutsamer und ernsthafter wurde der Eindruck. Hier in der Region des Schnees grünte auf Stunden weit kein Blatt, kein Halm. Kein Felsen zeigte sich mehr in seiner dunklen Farbe, der ewige Winter starrte um uns her, und tief blau lag der Himmel darüber. Vom Kopf bis zu Fuß im weißen Gewande stand der Monte Rosa da. Vier seiner Spitzen hoben sich in den kalten Aether, und seine Gletscher griffen, vielfach gewunden, wie riesenhafte Eichenwurzeln in die Grundfeste der Alpenberge. Klar schien die Sonne vom Himmel, aber eisig wehte die Luft über das unabsehbare Gefilde des Schnees.

Kein lebendes Wesen außer uns war zu erblicken. Wir athmeten im Reiche der todten Erstarrung, der ewigen Ruhe und Unveränderlichkeit. Denn was will es sagen, wenn eine Flocke vom Gipfel sich löst, andere ihr nachfolgen, und so, langsam im Laufe der Jahrhunderte ein Schneekissen sich hebt, wo sonst eine Höhlung war, es bleibt doch der ewige Winter, der Feind lebendigen Wachsens und Keimens. Und hier, auf einer der höchsten Höhen, die dem Menschen zugänglich sind, allein zu athmen, das ist ein Gefühl, welches die ganze Fülle der Empfindung wach ruft.

Du wagtest dein lebendig zum Herzen quellendes Blut in die seelenlose Einöde zu tragen, und weißt doch, daß all dein warm pulsirendes Leben nur ein Tropfen ist, der erstarren kann, wie der rinnende Bach unter dem Hauche der Eisluft! Drunten magst du ein König sein im Reiche der Erdenmacht oder des Geistes, hier bist du ein Nichts, ewig verschwunden und verloren, wenn eine leichte Nebelwolke dir den nächsten Schritt verhüllt, den du im Gefühl deiner Sicherheit falsch oder zur Unzeit thust.

Und dennoch erfüllt dich die ganze Weihe und Hoheit des Menschen, dem, ob er gleich ein vergängliches Wesen ist, es gegeben ward, über die Natur zu triumphiren. Von den kalten Eisesstirnen weht es dir entgegen wie Schauer der Gottheit, ermuthigend und erhebend. Und legt die Uebermacht der rohen Naturmaterie einen Bann auf deinen Leib, so lebt dein Geist die höchsten und reinsten Momente der Feier, er fühlt, daß er über der Natur stehe. Ihrer Gewalt tritt die Gewalt des Geistes und der Empfindung entgegen, und entringt ihr selbst da noch, wo sie Opfer fordert, die reichsten Schätze. Denn wie wir die Natur kennen und überwältigen gelernt haben, muß sie unsrem Wissen ein Geheimniß nach dem andern erschließen, und ihr Sträuben dagegen wird ein Kampf, aus welchem jedes Menschenalter mit neuen Siegestrophäen hervorgeht. Aber es sind Siege, worin sie durch ihre Verluste nicht erniedrigt, sondern verklärt und vergeistigt wird. Denn wie wir sie verstehen gelernt haben, wird ihr Verständniß zum Besitz, zu einer Frucht, die, reifend im Strahle der schaffenden Phantasie, tausendfältigen Samen künstlerischer Gebilde ausstreut. So wird sie durch ihre Niederlage zu einer Königin, welche wir verehren, in deren Dienst wir uns geben, sie wird als Kunst wiedergeboren, und so zur reinsten Blüthe des Geistes, welche ein Jahrhundert dem andern darreicht.

Eine furchtbare Stille lag im weiten Kreise, man hörte die Schneeflocke, die sich vom Felsen ablöste, und zu Boden fiel. Nur ab und zu drang aus fernster Tiefe ein leises Grollen, zu welchem die Entfernung den Donnergang einer Lawine abgeschwächt hatte. Lange saß ich im Schnee, den Blick unabgewandt von dem Gebilde des Monte Rosa-Gebirges, von staunender Bewunderung hingenommen.

Da erweckte mich ein lauter Jauchzer aus meiner Ruhe, ein Ruf, mit dem Stephan mich den Forderungen des Lebens wieder gab. Er hatte einige Schritte über mir den Schnee abgeplattet, ein Tuch ausgebreitet, und kaltes Fleisch, Brod, Käse, nebst einer Flasche mit einem warmen Schluck zurecht gelegt, und so, im Schnee sitzend, tafelten wir vergnügt und ruhten aus.

Noch einmal sog ich das ewig unvergeßliche Bild in die Seele, und dann wandten wir uns abwärts, und hinter uns verschloß der Schneerücken des Monte Moro die ganze Pracht seines Gebieters. Eine Stunde lang ging es wieder über Schneefelder, dann aber merkte ich, daß, wenn das Heraufsteigen von Macugnaga schon mühevoll war, das Herabsteigen nach der Seite in's Wallis ungleich beschwerlicher sei, da der Moro sich hier viel steiler, schroffer und schluchtenreicher hinabsenkt.

Ein entsetzliches Hinabklettern begann. Bei jedem Schritt, den wir thaten, stürzten Lasten von Schnee unter unsern Füßen abwärts, glatte Felsen ließen uns ausgleiten, und in strömendes Schneewasser fallen, das sich unter der weißen Decke verbarg. Felsenspalten gähnten uns entgegen, bald sank ich, bald Stephan, bis unter die Arme in den wässrigen Schnee, aus dem wir einander mühsam wieder hervorhalfen. Richtungen, wo mein Begleiter sonst weniger mühselige Wege hätte finden können, waren heut unmöglich geworden, und so kam es, daß wir stundenweite Umwege machen mußten.

Jetzt aber trat plötzlich ein bedenklicher Moment ein. Stephans Blicke richteten sich, wie gebannt, auf einen Punkt in der Entfernung. Er hatte einen Gemsbock springen sehen. Wenn ein Schweizerbub einen Gemsbock springen sieht, so hat nichts Anderes auf der Welt mehr Interesse für ihn. Nur eine Schwenkung seines Körpers machte er, und – im Nu lag er bis über die Ohren in einem tiefen Schneeloche. Da hatten wir's! Er hatte den Bock springen sehen, und lag im Loche, ich hatte ihn nicht gesehen, und stand dafür daneben! Da nun aber möglicherweise auf unserem Wege noch mancher Bock springen konnte, wir aber, wie der Augenschein lehrte, noch an vielen Löchern vorüberkommen mußten, so wurde mir für meine Führung bange. Ich verhehlte ihm dies auch nicht, als ich ihn glücklich wieder aus dem Loche hatte. Er aber bedauerte fortwährend, keine Büchse bei sich zu haben, und ich war im Stillen sehr zufrieden mit diesem Mangel.

Das beschwerliche Klettern über wankende Felsstücke schien jedoch ein Ende zu haben, als wir den Morogletscher unter uns sahen, zu dem eine schräge harte Schneefläche hinab führte. Sie stieß auf eine kleine Moosebene, in welche der Gletscher seinen Fuß stellte. Um diese schräge Schneefläche schneller hinab zu gelangen, setzten wir uns einfach auf den gefrorenen Schnee, brachten durch einen Ruck unsere natürlichen Schlitten in Bewegung, und, mit den Stäben nachhelfend, schossen wir wie im Windessausen hinunter.

Die Moosebene, der Telliboden genannt, hatte so schön dunkelgrün heraufgelacht, war aber zu einem dicken Sumpfe geworden, in den uns die Gewalt unserer fliegenden Schlitten so recht mitten hinein trug. Da saß ich im gräulichen Sumpfe mit meinem Stephan, und mein Stephan mit mir! Wir machten, daß wir diesem Element entkamen, und gaben für heut fernere Schlittenfahrten auf. –

Auf einem sehr steilen aber nicht mehr schneeigen Wege gelangten wir zu einer steinigen Einöde, der Distelalp. Ein feiner Nebel machte den Anblick dieser kahlen Trift nur noch trüber und finsterer. Einige Sennhütten, aus Steinen roh zusammengefügt, liegen in geringer Entfernung von einander. Keine Staude, kein Baum im weiten Umkreis, nichts als flache, gedehnte Felsenrücken, zwischen denen sich sumpfartige, graugrüne Grasstrecken hinziehen. Dennoch muß es hier gute Fütterung geben, denn große Heerden waren überallhin zerstreut. Der Nebel wogte langsam hin und her, schwebte gleich gespenstischen Schatten durch die kalte Oede, und verlieh derselben einen so melancholisch düsteren Charakter, daß mir die jüngst verlassenen Felder des ewigen Schnees, lebensvoll dagegen erschienen. –

Nun aber hatte sich schon seit einer Stunde ein Zustand bei mir geltend gemacht, der mir jeden Ruhepunkt unter einem Dache, es mochte noch so trübselig sein, erwünscht erscheinen ließ. Man nimmt nämlich, wenn man in den Alpen größere Schneestrecken zu passiren hat, Stücke von schwarzem Flor mit sich, mit denen man das Gesicht verhüllt gegen den blendenden Glanz der auf den Schnee scheinenden Sonne. Dies hatten wir versäumt, da in Macugnaga kein dergleichen Stoff aufzutreiben war, und so äußerte sich bei mir die Wirkung dieses fortwährenden blendenden Glanzes in jenem Zustande, welchen man »Schneeblindheit« nennt. Jener Flor nämlich, den man äußerlich um das Auge zu hüllen vernachläßigt, legt sich innerlich um dasselbe so daß man mit der Zeit die ganze Gegend dunkel wie durch ein geschwärztes Glas erblickt. Auch die Kopfnerven werden dabei sehr gereizt, und es stellen sich heftige Schmerzen ein, verbunden mit anderen Uebelständen.

Meine Lage war daher seit einer halben Stunde fast unerträglich geworden, und der finstere rauchgeschwärzte Raum einer Sennhütte war den geblendeten Augen eine Wohlthat. Ein alter Senn überließ mir sein ärmliches Lager. Ich hüllte mich in seine wollene Decke, und versank ich in einen Zustand von Erschöpfung und Bewußtlosigkeit, worin ich über eine Stunde lag.

Indem ich wieder zu mir kam, hörte ich eine Unterhaltung vor der Thür, die Stephan mit dem Senn führte, und in welcher sie die Befürchtung aussprachen, daß ich heut nicht von der Stelle kommen würde. Der Alte erwähnte eines Reisenden, der vor mehreren Jahren in einem ähnlichen Zustande zwei Tage hatte bei ihm bleiben müssen. Dies stachelte meinen Ehrgeiz, ich wollte mich nicht überwunden geben, sprang auf, und da ich mich einigermaßen erleichtert fühlte, erklärte ich Stephan, daß wir die Wanderung fortsetzen könnten. Er mochte mir nicht verhehlen, daß wir auf unserer dreistündigen Wanderung nach Saas noch böse Wege, vorzüglich über die Gletscher, würden zu machen haben, schien aber doch erfreut über meine Erklärung, daß ich mich kräftig genug fühlte, die Schwierigkeiten zu überwinden. Und in der That besserte sich mein Zustand einigermaßen, vorzüglich, nachdem die Sonne hinter den Felsen verschwunden war.

So kamen wir in einer halben Stunde an den Mattmarksee, welchen die Arme dreier Gletscher umfassen, so daß seine Ufer Nichts als Eisfelsen sehen lassen. Am oberen Ende dieses Sees liegen ein paar ungeheure Blöcke von Blaustein Diese hat der Schwarzberggletscher, da es die Natur der Gletscher ist, im Laufe der Zeit zu wachsen und sich wieder zurückzuziehen, ihrer ursprünglichen Heimath geraubt, und auf seinem Rücken quer durch den See getragen. Er nahm seinen Weg durch den See wieder zurück, ließ seine Beute aber auf dem andern Ufer liegen. –

Der Mattmarksee, zumal jetzt in der Dämmerung gesehen, macht den Eindruck der schauervollen Einöde und Trostlosigkeit in noch höherem Maße, als die Distelalp. Die starren Eiswände der Ufer umschließen eine todte graue Fluth von halb gefrorenem Gletscherwasser, blind und glanzlos, ohne Farbe, ohne das Bild der Ufer wiedergeben zu können. Diese tragen das Aussehen der ewigen Zerstörung, und drängen sich in gestaltlosen Massen zusammen. Ein grauer Nebel lag darüber, und obgleich der Schimmer des Abendhimmels auf das Bild fiel, fehlte ihm doch jeder Glanz des Widerspiels, es war ein völlig augenloses Bild. Der ewige Winter, wo er auf den höchsten Höhen sich zu reiner Vollendung und Erhabenheit verklärt hat, ist schön und groß; aber seine eigentlichen Werkstätten in den tieferen Regionen, wo das Leben der Natur mit ihm im Todeskampfe ringt, wo die Quellen sich lebensdurstig von ihm losreißen, um in die Thäler zu fliehen, sind, wie jeder Zustand des Uebergangs und der Krisis, auch in der Natur unerquicklich; und wo sie sich in dämonisch massenhafter Ausdehnung zeigen, grauenvoll und abschreckend. –

Wir überschritten einen Theil des Mattmarkgletschers und dann den Allelinggletscher, der den nördlichen Uferdamm des Sees bildet, und, sich breit vom See in die Tiefe senkend, die Saaser Visp aus seinen Eisthoren entspringen läßt. Den Eisdamm des Gletschers darauf verlassend, folgten wir dem Lause der Visp in das Saasthal hinunter. Mit der Zeit kamen wir so auf betretene Wege, wenngleich die hunderte von Kreuzen am Wege, Denkmale von auf diesem Pfade Verunglückten, zeigten, wie gefahrvoll diese Gegend zu anderen Zeiten sein mußte. Die Wasser haben hier einen überaus reißenden Fall, und die Felskolosse, welche sie mit herabgerissen haben, werden in jedem Jahre durch neue Revolutionen der Elemente vermehrt.

Die Dörfer Meigeren und Almagell, die wir schon im Finstern durchschritten, brachten uns wieder zu Sammelplätzen von Menschen, und endlich Abends um 10 Uhr wanderten wir in Saas im Grunde ein. Hier lernte ich die Vorzüge eines Wirthshauses, vorzüglich nach einem so anstrengenden Tage, einmal wieder schätzen, und ruhete aus, um am nächsten Morgen, der mir die Schneefelder der Monte Fee hoch über dunklen Fichtenwäldern zeigte, nach Vispach zu gehen. Eine köstliche leichte Wanderung führte mich in das schöne warme Rhonethal, wo ich mich von Stephan trennte, und einen Tag in Ruhe und Nachgenüssen verbrachte.

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