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Erzählungen

Otto Roquette: Erzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorOtto Roquette
titleErzählungen
publisherVerlag für Kunst und Wissenschaft
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150709
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Johann.

Nicht weit von der Landstraße im Föhrenwalde steht ein altes zweistöckiges Haus. Es ist eine Försterwohnung; doch weist kein Hirschgeweih über der Thüre, noch sonst ein Jägerschmuck auf diese seine Bedeutung hin, im Gegentheil scheint das Gebäude halb in Verfall zu sein. Die fünf öden verschwärzten Fenster des Oberstockes sind mit Schwalbennestern übersäet, der Mauerbewurf ist zum Theil von den Außenwänden herabgefallen, und ein weißer Kalkstreifen am Boden zeigt, daß er täglich mehr und mehr herabbröckle. Die hohen starren Föhren treten zu beiden Seiten hart an das Haus heran, und verdecken rechts einen Stall, der in nicht besserem Zustande zu sein scheint, als das Haus. Es ist keine Hauptstraße, welche vorüber führt, sondern ein wenig betretener Waldweg, der die umliegenden Dörfer verbindet. Selten geht ein Wanderer hier vorüber, der weiteren Kreisen angehört, als jenen, die das Dorf umschließt. Es ist so öde, still und einsam hier, daß man oft Wochen lang nur Hundegebell und das fortwährende dumpfe Rauschen in den alten Kiefernwipfeln vernimmt.

Drei Menschen wohnen in diesem Hause. Ein junger Mann, welcher halb als Herr des Hauses, halb als Förster angesehen wird, und ein alter Unterförster mit seiner Frau. Das jahrelange, einsame und anspruchslose Zusammenleben der Hausgenossen hat bewirkt. daß die Standesunterschiede sich abgeschliffen haben, und Herr und Untergebene in ihrem Verkehr einander fast wie Gleichberechtigte betrachten.

Der Erste dieser drei Genannten, Namens Johann, eine hohe schlanke Gestalt, kam mit der Flinte über der Schulter, und seinem Jagdhunde, eben den Hügel herauf nach Hause geschritten, als er Jemand laut hinter sich rufen hörte. Der Hund sprang mit Gebell dem Rufenden entgegen, in welchem Johann den Landboten erkannte, der ihm einen Brief brachte. Ein Brief mochte ein unerhörtes Ereigniß für ihn sein, denn er empfing ihn fast mit Befremdung. Aber dieselbe wuchs zum Erstaunen, als er den Inhalt gelesen hatte. Auch Waldmann, der Hund, schien entsetzliche Dinge zu wittern, denn er flog mit lautem Gebell dem Hause entgegen, als wolle er die Bewohner in Eile zusammenrufen. Frau Brandt, die Unterförsterin, trat neugierig in die Thüre, und als sie den Brief erblickte, den Johann ihr emporhielt, und den Landboten neben ihm, schrie sie laut auf vor Schrecken. Sie konnte sich mit einem Briefe nur ein entsetzliches Unglück verbunden denken, wiewohl sie völlig im Dunkeln darüber schwebte, woher ihnen, die von der Welt so abgeschlossen lebten, das Unglück kommen könne. Jetzt kam auch Brandt aus dem Hause, und auf seine Frage, was es gebe, rief Johann: »Mein Oheim, der Graf Wartenberg, will uns besuchen!«

Ein ungläubiges Erstaunen malte sich auf den Gesichtern der Uebrigen, »Les't selbst,« entgegnete Johann. »Er kommt mit seiner Tochter, mit meinem Bruder, dem Baron, mit Kammerjungfern und Bedienten, weiß der Himmel, was er noch Alles mitbringen will!«

»Gott steh' uns bei! Auch die Gräfin, und Kammerjungfern! Wo sollen wir denn die Damen unterbringen?« rief Frau Brandt. »Was geht denn nur vor? In seinem Leben ist es dem Grafen nicht eingefallen, hierher zu kommen. Seit zehn Jahren hat er sich nicht um uns bekümmert – und nun gar der Herr Bruder! und die Gräfin, und Kammerjungfern!« Es war ersichtlich, daß die Nachricht von den Bewohnern des vereinsamten Waldhauses wie ein Unglücksfall angesehen wurde, bei dessen Herannahen Keiner sich zu fassen, noch zu helfen wußte. Endlich wurde auf wörtliche Vorlesung des Briefes gedrungen, und Johann las, oft von den Ausrufungen seiner Hausgenossen unterbrochen, folgendermaßen:

»Ich avertire Dich hiermit, mein Herr Neveu, daß ich die Absicht habe, das Forsthaus mit meiner Tochter und Deinem Bruder, dem Majoratsherrn, zu besuchen. Wir werden, außer dem Kutscher, einen Bedienten und eine Kammerjungfer bei uns haben. Auch wird ein Jockey bei uns sein, nebst drei Reitpferden, da meine Tochter reiten will. Ich kenne Deine Wohnung nicht, doch höre ich, daß sie geräumig sein soll, und erwarte somit, daß Du uns Alle unterbringen wirst. Da wir auf Comfort und große Vorräthe bei Dir nicht rechnen können, werden wir Betten, und Alles, was zur Speisekammer gehört, mitbringen, indem wir Dir nur die Besorgung des Wildbratens überlassen. Erwarte uns am Mittwoch Abend.

Wartenberg.«

»Uebermorgen!« rief Frau Brandt, indem sie die Hände zusammenschlug. Obwohl einigermaßen getröstet über die Nachricht, daß sie für die Speisekammer nicht verantwortlich zu sein brauche, vergingen ihr doch beinahe die Sinne beim Anhören der Ankündigung einer solchen Menge von Gästen. Denn das Haus war durchaus nicht geräumig, und sie fühlte, daß sie, als der einzige weibliche Theil, eine größere Last und Verpflichtung bei der Unterbringung auf sich zu nehmen habe, als die beiden Männer. Sie ergriff ein Schlüsselbund, und eilte die Treppe hinauf in die oberen Zimmer, wohin die Männer ihr folgten. Die Stuben, drei an der Zahl, waren zwar halbwegs möblirt, aber bei langjährigem anderweitigem Gebrauch einer durchgreifenden Reinigung benöthigt. Auf dem Fußboden lag Obst auf Stroh geschüttet, zum Theil waren sie als Heuboden benutzt worden. Der Kattunüberzug der Stühle fand sich von Motten zerfressen. Kurz, die erste Musterung schien den Bestürzten die Unmöglichkeit zu zeigen, so vornehme und viele Gäste unterzubringen. Doch galt es, sich zu fassen, und Frau Brandt war die Erste, welche dies einsah. Dem Landboten wurde sogleich aufgetragen, beim nächsten Dorftischler die nöthige Anzahl Bettstellen zusammenschlagen zu lassen, und ein Paar Bauermädchen herauszuschicken, die sie für die nächste Zeit als Mägde zu miethen gedachte. Und von Stund' an begann sie ein Kramen, Treppenlaufen und Poltern mit allerhand Geräthschaften, ja schließlich ein Scheuern auf eigene Hand, daß die Männer schon bei dieser Vorfeier der großen Hausumkehr ein Schauder überkam.

Es war Herbst. Draußen im Kiefernwalde merkte man nicht viel davon, aber wenn man durch das Haus hindurch und in den sogenannten Garten ging, wurde er schon erkennbarer. Hier führte auf einer allmählichen Abdachung des Bodens ein Weg zwischen Gemüsebeeten hinab. Ab und zu stand eine hohe Sonnenblume oder Fuchsschwanz dazwischen. Ein Birkengehölz machte den Uebergang zu kräftigerem Laubwerk, welches jenseits einer Wiese dem Walde einen völlig verschiedenen Charakter verlieh. Diesen Weg zwischen den Kohlbeeten schritt Johann entlang, indem er aufgeregt und verwirrt den unglaublichen Dingen nachsann, die plötzlich ein ganz neues fremdes Leben in seine Einsamkeit bringen sollten.

Johann war der zweitgeborne Sohn des Freiherrn v. Alden. Seine Mutter starb bei seiner Geburt, sein Vater wenige Jahre darauf. Seinem älteren Bruder Eugen fiel das Majorat der väterlichen Besitzungen zu, der Oheim der beiden elternlosen Knaben, der Graf Wartenberg, trat als Vormund ein. Von fremden Menschen erzogen, ohne das Glück des Familienlebens zu kosten, wuchsen die Knaben heran. Eugen war lebhaft und leichtsinnig, erhielt eine standesmäßige Erziehung, wurde der Liebling des Oheims, studirte, wurde Offizier und trat, nachdem er das gesetzliche Alter erreicht hatte, seine Besitzungen als Majoratsherr an. Anders verhielt es sich mit Johann. Er zeigte weder glänzende Gaben, noch ein lebhaftes Naturell, ward gegen seinen Bruder überall zurückgesetzt, und von diesem schon in früher Kindheit stets verhöhnt, verlästert und gepeinigt. Half er sich dann einmal mit kräftiger Faust, so wurde aus der That ein Verbrechen gemacht, welcher eine unverhältnißmäßige Strafe folgte, und der Graf, welchem ausschließlich dergleichen Nachrichten über seinen jüngeren Mündel mitgetheilt wurden, drang darauf, die strenge Behandlung nur noch zu verschärfen. So lebte der Knabe eine freudlose Kindheit dahin, von seinem Vormund, dem er gleichgültig war, vernachlässigt, von seinem Bruder gehaßt, von seinen Erziehern, die im Sinne des Grafen zu handeln suchten, mißachtet, während man vor seinen Augen den Majoratserben hätschelte, ihm in allen Stücken willfahrte und glänzende Tage versprach.

Johann war scheu und verschlossen, aber ehrlich und wahrheitsliebend. Ein natürliches Rechtsgefühl ließ ihn alle Zurücksetzung und Vernachlässigung sehr tief empfinden. Er hätte sich ausweinen mögen, aber ein frühlebendiger Stolz ließ ihn alle Regungen des Gemüths bezwingen. Was an hingebender Liebe, Anhänglichkeit, Freude, Schmerz, Zorn über erduldete Kränkung in der Knabenseele war, arbeitete und tobte sich im Innern aus, und scheinbar lieblos, theilnahmlos und gleichgültig, wußte er mit der Zeit Allem zu begegnen. Und doch war jede Empfindung auf das Lebhafteste in ihm vorhanden. Aber gewohnt, überall verkannt zu werden, täglich mit der Versicherung belästigt, daß er vom Leben nichts zu erwarten habe, drängte er jedes bessere Gefühl in sich selbst zurück, und gewöhnte sich ein abstoßendes, schroffes und abgeschlossenes Wesen an.

Die Brüder wuchsen ohne ein brüderliches Verhältniß heran. Eugen sollte zur Universität gehen, besuchte seinen Oheim auf einige Zeit, und gewann durch sein früh kavaliermäßiges Wesen und seinen liebenswürdigen Leichtsinn des Vormunds ganzes Herz, so daß derselbe bald völlig in das Verhältniß eines glücklichen Vaters zu ihm trat.

Mit Johann wußte man gar nichts anzufangen. Der Graf mochte nach all den abscheulichen Schilderungen, die man ihm gemacht hatte, das verwahrloste Subjekt – wie er ihn nannte – gar nicht sehen und schickte ihn zu einem seiner Förster in die Lehre, mit der Weisung, daß er sich ungerufen niemals solle vor ihm blicken lassen. Ein kleines Jahrgehalt ward ihm aus dem väterlichen Nachlasse ausgeworfen, und so zog denn der unter Menschen vereinsamte Jüngling in den noch einsameren Föhrenwald hinaus. Hier erst kam er zu sich selbst. Der alte Förster wußte nicht viel von dem, was außerhalb seines Reviers lag. Diese seine kleine Welt aber wurde für seinen Zögling die Welt, in welcher er erst aufathmete, zu leben begann und, ein Interesse an Ereignissen und Gegenständen gewann. Die Einsamkeit war ihm keine Einöde, er bedurfte der Menschen nicht, und er suchte sie nicht, da er nichts Wünschenswertes unter ihnen erlebt hatte.

Nach einigen Jahren starb der Förster. Johann machte dem Grafen Meldung davon, und erhielt die Antwort, er solle in die Stelle desselben treten und sich einen Unterförster – den er näher bezeichnete – zum Gehülfen nehmen. Von dieser Zeit her schrieb sich die Vereinigung der drei Bewohner des Waldhauses, Johann lebte ohne Antheil an der Welt und ohne Interesse für sie. Dachte er an seinen Bruder, so war er für ihn ein Fremder, völlig Gleichgültiger. Gegen seinen Oheim aber konnte er sich einer Erbitterung nicht erwehren. Das früh in sich selbst zurückgedrängte Gemüth des Jünglings fand in der Einsamkeit keine Gelegenheit, ausgiebiger oder mittheilsamer zu werden. Ihm fehlte ein Genosse gleichen Alters, der es hätte hervorlocken können. Und doch empfand er diesen Mangel nicht; denn frühe Erfahrungen hatten ihm kein angenehmes Bild eines brüderlichen oder befreundeten Verhältnisses zurückgelassen. Seine Hausgenossen, der Unterförster Brandt und dessen Frau, waren alt und standen nur in äußeren Beziehungen zu ihm. So kam es, daß er schweigend mit ihnen dahin lebte, manchen Tag kaum Gelegenheit fand, ein paar Worte mit ihnen zu wechseln, und endlich das Reden als einen entbehrlichen Luxus des Lebens betrachtete. Er verlangte nichts weiter; er war abgestumpft gegen Alles, was jenseits seiner Bäume lag. Das dumpfe Rauschen ihrer starren Wipfel, wandellos und organlos, war wie das gleichmüthige Hindämmern seiner Seele, ein Traum, der die Sinne umnebelte, kein freudiges und kein trauriges Bild mit sich führend. So gingen ihm die Jahre hin, er wußte es selbst nicht, und die Gewohnheit ließ ihm weder den Wunsch, noch den Gedanken aufkommen, daß es je anders werden könne.

Welch eine Verwirrung mußte unter solchen Umständen der Brief des Grafen in Johanns Seele anrichten! Wie ein Schwarm Krähen plötzlich mit geräuschvollem Flügelschlage vom stillen Kiefernwalde auffliegt, und mit lautem Geschrei, zweifelnd, wo er sich niederlassen solle, lange durch die Luft kreist, so waren die Gedanken des Vereinsamten plötzlich aufgestört worden und schweiften hastig und ruhelos durch seine Seele. Er sah sich plötzlich aus einem langen, langen Traume gerüttelt, hunderte von Beziehungen wurden ihm plötzlich lebendig, ohne daß er sich noch in einer von ihnen zurechtfinden konnte. Er sollte seinen Oheim bei sich sehen, von dem er aus frühester Kindheit nur ein unbestimmtes Bild hatte; er sollte seinen Bruder nach zehnjähriger Trennung, nach Jahren der bedeutsamsten Entwicklung, wieder begrüßen; er sollte gar die Gräfin, seine Cousine, die er nur dem Namen nach kannte, bei sich aufnehmen – ihm schien das wie eine Unmöglichkeit. Ja, der letztere Fall machte ihn fast am meisten bestürzt, denn er war Frauen stets scheu aus dem Wege gegangen, und seine einzige weibliche Bekanntschaft war die alte Frau Brandt. Was konnte er seinen nächsten Verwandten bieten? Er konnte nur mit Schrecken ihrer Ankunft denken. Der Gedanke, wie ein roher Knecht vor ihnen stehen zu müssen, trieb ihm alles Blut zu Kopfe, und bewirkte, daß in trotzigem Stolze seine Hand sich ballte. War es auf eine Demüthigung abgesehen? Was konnten diese verwöhnten Menschen der großen Welt hier draußen an dem abgelegensten Orte suchen, hier, wo nichts ihren Ansprüchen entgegen kam? –

Unter solchen Gedanken schweifte er in den nächsten Tagen auf der Jagd umher, doch ließ ihn die Zerstreuung zu keiner Ausbeute kommen. Er, der sonst nie einen Fehlschuß that, traf in diesen Tagen kein Stück, und mußte es dem alten Brandt Dank wissen, daß er mit Hasen und Rebhühnern reich beladen von seinen Streifzügen heimkehrte. – Inzwischen war im Hause unter Weiberhänden ein Waschen, Scheuern und Rumoren in's Leben getreten, das unter dem alten hohen schwarzen Dache zu den unerhörtesten Ereignissen gehörte. Und als am dritten Tage Frau Brandt in ihrem Sonntags-Anzuge, und mit einer weißen Schürze, die Zimmer musterte, die seit langen Jahren wieder aufgehängten Gardinen glatt strich und endlich vor die Thüre trat mit den Worten: Es ist fertig! war sie die Einzige im Hause, durch deren Brust ein Gefühl stolzer Genugthuung ging. –

Zur anberaumten Stunde wirbelte der Staub auf dem einsamen Waldwege empor, Pferdegestampf wurde hörbar und die Herzen der Hausbewohner schlugen lauter. Eine nie gesehene Erscheinung, ein Jockey in rother Jacke, sprengte daher, hielt vor dem Hause und fragte in jenem frechen Tone, dessen sich vornehme Bedienten in Gasthöfen bedienen, ob hier das für die Herrschaft bestellte Quartier zu finden sei. Er betrachtete das Haus und schien zu stutzen, als er eine bejahende Antwort erhielt. Gleich darauf trabte ein Reiter mit einer Dame herbei. Frau Brandt faßte ein Herz und trat entschlossen vor, die Männer folgten langsam. Eugen v. Alden, der Majoratsherr, sprang vom Pferde, nickte flüchtig und hob die Gräfin Hildegard aus dem Sattel. Mittlerweile kam der Reisewagen heran, der den Grafen, die Kammerjungfer und den Bedienten trug. Der Graf warf, nachdem er ausgestiegen war, einen erstaunten Blick über die Umgebung und sagte: »Mon dieu, mein Herr Neveu, das ist das Forsthaus? Hier will Er uns einquartiren?«

Eugen lachte laut auf, Fräulein Hildegard sah ihren Vater überrascht und lächelnd an, die Bedienten lachten, die Kammerjungfer wendete sich um und kicherte, daß sie sich die Seiten halten mußte. Der Graf war von Allen am wenigsten heiter angeregt. »Das scheint ja ein fürchterlicher Aufenthalt!« sagte er zu Johann gewendet. »Wie will Er uns denn hier unterbringen?«

Johann fühlte bei dem Tone, den der Graf annahm, den heftigsten Unwillen in sich aufsteigen, doch suchte er sich einigermaßen zu bezwingen.

»Wir haben gethan, was wir konnten, Herr Graf,« entgegnete er. »Das Haus selbst vermochten wir nicht durch ein besseres zu ersetzen.«

»Aber wir waren doch berichtet,« rief der Graf, »daß ein gutes Wohnhaus hier zu finden sei!«

»Sicherlich nicht durch mich,« entgegnete Johann.

Der Oheim warf ihm einen entrüsteten Blick zu, wie einem Bedienten, der zu widersprechen gewagt hat.

»Wir sind falsch berichtet« – nahm Eugen daß Wort – »es ist abscheulich! Lassen Sie uns sofort wieder umkehren, cher oncle. Wenn wir uns beeilen, finden wir in der nächsten Dorfherberge noch eine bessere Aufnahme, als in dieser Räuberhöhle.«

Der Graf schien nicht übel Lust zu haben, auf den Vorschlag einzugehen.

Da überwand Frau Brandt ihren Schreck über diese Begegnung und rief: »Wollen denn die Herrschaften die Zimmer nicht wenigstens ansehen? Es ist Alles auf's Beste eingerichtet.«

»Gewiß, liebe Frau!« sagte Hildegard in gütigem Tone. »Wir bleiben. Was können diese guten Leute dafür, Papa« – fuhr sie zum Grafen gewendet fort – »daß wir uns getäuscht haben? Ueberdies haben wir ja so viel zur Aushülfe bei uns, daß wir uns für einige Tage einrichten können.« – Mit diesen Worten ergriff sie die Hand ihres Vaters und führte ihn in das finstere unfreundliche Gebäude.

Kisten und Kasten, Schachteln und Bettsäcke, Körbe und Koffer wanderten nun aus dem schweren Reisewagen in's Haus, als gälte es, Monate darin zu hausen, und es begann ein Treiben der fremdesten und buntesten Art darin. Der Förster hatte im Stalle vollauf zu thun; seine Frau fand gleich reichliche Geschäfte in der Küche, wobei sie die Pasteten und sonstigen Vorräthe wie ungeahnte Wunderwerke bestaunte. Nach Johann fragte kein Mensch, er war überflüssig. Und zu stolz, um sich in eine Gesellschaft zu drängen, die ihn nicht begehrte, ging er auf sein Zimmer, eine Bodenkammer, die statt des Fensters nur ein Luftloch und an Gerätschaften nur ein Bett und einen Stuhl mit drei Beinen und ohne Lehne besaß. Hier konnte seines Bleibens natürlich nicht lange sein. Er ging in den Garten. Seine Lage war die unerfreulichste. Eine ganz neue Welt hatte ihn plötzlich aus der seinigen herausgedrängt, und er fand kein Mittel, ihr zu begegnen, oder sich ihr zu nähern. So schritt er dem Walde zu. –

Der Graf Wartenberg war ein Mann in seinen besten Jahren. Groß und etwas dick, sehr gesund, ein vornehmer, behaglicher Lebemann, der womöglich jede Unbequemlichkeit aus seinem Leben entfernt wünschte. Seine Besitzungen waren ausgedehnt und reich, entbehrten aber eines schönen, bequemen und geräumigen Hauses. So lange er, nach dem frühen Tode seiner Frau, allein stand, hatte er seine geselligen Freuden lieber in der Stadt gesucht, und die Erbauung eines Schlosses auf die Zeit verschoben, da seine Tochter die Pension verlassen würde. Dies war seit einem Jahre geschehen, und sie, die Alles über ihn vermochte, nahm ihn nun beim Worte. Er war bereit und freute sich mit ihr auf Tage heiterer Geselligkeit auf einem seiner Güter. Aber diese hatten eine reizlose Lage, und Hildegard hatte sich in den Kopf gesetzt, in einem »romantischen« Schlosse zu wohnen. Man ging zu Rathe, und endlich fiel dem Grafen jenes Forsthaus ein, in welchem sein verwahrloster Neffe hauste. Es lag entlegen von seinem gewöhnlichen Wege, er erinnerte sich nicht, es jemals besucht zu haben, doch war ihm von einem seiner Beamten versichert worden, daß Hügel, Wälder und Wiesen dort sehr »romantisch« abwechselten. Von nun an drang Hildegard darauf, das Forsthaus zu besuchen, und wie er denn ihren Bitten niemals widerstehen konnte, willfahrte er ihr endlich und um so lieber, als Eugen versprach, mit von der Partie zu sein. –

Hildegard hatte schnell ihren Anzug gewechselt, und trat jetzt mit ihrem Vater und Eugen in den Garten.

»Ach!« rief der Letztere lachend: »Das stellt gewiß den Garten vor! Ein Kohlpark! Nichts als Kohl!«

Hildegard aber schritt, unbeirrt vom ersten Eindruck, leicht und schnell voran, und rief nach einigen Schritten:

»Und doch läßt sich hier etwas thun! Seht nur, da unten die Wiese, und den Buchenhügel da drüben! Hier muß das Schloß hergebaut werden!«

»Aber, Kind,« warf der Graf ein, »der Platz da vorn zwischen den trockenen Kiefern ist doch zu unfreundlich! Der ganze Ort ist zu entlegen und unbequem!«

»Das nächste Dorf soll nur eine kleine Stunde von hier entfernt sein, wie mir die alte Frau im Hause sagt,« fuhr Hildegard fort. »Und, siehst Du, Papa, es ist doch der einzige Ort auf unseren Besitzungen, wo man die Gegend etwas romantisch machen kann! Gefallen Dir die Kiefern da oben nicht, so stellen wir das Haus etwas tiefer, und machen die Auffahrt von der Wiese her. Die Birken da unten werden weggeschlagen, auf diese Weise gewinnen wir die schönste Aussicht.«

Es wurde weiter über den Plan gesprochen. Eugen theilte die Bedenklichkeiten seines Oheims. Indem die Gesellschaft nach einer Stunde des Umherwanderns zum Hause zurückkehrte, kam der Bediente und lud sie zu Tische.

»Unser Vetter Johann wird doch mit uns essen?« fragte Hildegard.

»Warum nicht gar!« rief Eugen. »Lassen wir ihn bei Seite, er würde sich und uns geniren. Oder möchte die schöne Cousine diesen Sohn der Wildniß zu erziehen suchen?«

»Fordern wir ihn nicht auf!« sagte der Graf beistimmend, »wir sind solchen ungehobelten Waldmenschen bei Tische nicht gewohnt.«

Hildegard jedoch wendete ein, daß er der Wirth sei, und sie halte es für rücksichtslos, wenn sie, die Gäste, sich ohne ihn zu Tische setzten. Sie wußte noch mehr Gründe, und endlich gab der Graf nach. Johann kam glücklicherweise eben nach Hause zurück.

»Kommen Sie, Vetter,« rief Hildegard ihm entgegen, »wir wollen zu Tische.«

Johann war bei der Abendmahlzeit ein kalter und unzugänglicher Gesellschafter. Der Graf und Eugen wendeten sich mit keinem Wort an ihn. Hildegard jedoch wußte auf das Gewandteste die Vermittlerin zu machen. Johann war unbekannt mit den Formen der feinen Gesellschaft, blöde und schweigsam von Natur, und doch gelang es ihr, ihn reden zu machen, wenngleich seine Antworten meist kurz und knapp waren. Er fühlte die demüthigende Behandlung seines Oheims und Bruders sehr tief, und setzte ihr einen unbeugsamen Trotz entgegen, unter dessen Eindruck die beiden Andern sich auch eben nicht behaglich fanden.

Bei Hildegard war es jedoch nicht bloß gesellige Rücksicht oder Aufopferung, wenn sie eine Annäherung der feindlichen Parteien anzubahnen strebte. Sie hatte so viel Abschreckendes von ihrem Vetter Johann, diesem Waldmenschen, diesem verkommenen, verwilderten Subjekt, das seiner Familie völlig unwürdig sei, gehört, daß in ihrer Mädchenphantasie so ein Mittelding zwischen einem Orang Utang und einem betrunkenen Kutscher, der sie einmal umgeworfen hatte, entstanden war. Nicht ohne ein geheimes Grauen hatte sie daher seiner Bekanntschaft entgegen gesehen. Aber sie fand sich sehr zu ihrer Befriedigung enttäuscht. Sie sah eine hohe kräftige Gestalt vor sich, die sich in dem grünen Jagdrocke stattlich genug ausnahm. Sie sah ein männlich gebräuntes, aber kein wildes Verbrechergesicht. Die finsteren tief liegenden Augen schienen ihr eher interessant, als abschreckend. Kurz, der erste Eindruck der fremden Gestalt war nicht nur beruhigend, Hildegard fand sogar, daß der Majoratsherr gegen seinen Bruder äußerlich etwas in Schatten trat. Eugen war kleiner, verhältnißmäßig gut, aber schmächtiger gewachsen. Seine Gesichtsfarbe war etwas blaß. Freilich stand ihm der wohlgepflegte Backenbart vortrefflich, freilich war er an Kleidung, noblen Manieren und feinem Takt ein vollendeter junger Weltmann. Er war auch geistvoll, hatte Mancherlei gelernt – in allen diesen Stücken stand Johann so tief als möglich unter ihm. Alles in Allem, die junge Dame fühlte sich angenehm enttäuscht, sie mochte das Verwandtschaftsgefühl nicht aufgeben, und in ihrem Herzen war schnell der Plan entstanden, den Vetter mit seinem Bruder und ihrem Vater zu versöhnen. Mit Eugen stand sie auf einem vertraulich neckenden Fuße, mit ihrem Vater wußte sie bald liebevoll, bald schalkhaft umzuspringen; so wurde sie zum Mittelpunkte des Verkehrs, und leitete das Gespräch in der liebenswürdigsten und gewandtesten Weise.

Als Johann sich spät Abends in seine Kammer zurückzog, war er von ganz neuen Empfindungen erfüllt, die ihn lange keinen Schlaf finden ließen. Zum Erstenmal war ihm das Familienleben nahe getreten. Er hatte die verschiedenen Beziehungen gegenseitiger Achtung, liebevollen Zuvorkommens, heiterer Geselligkeit, fröhlichen Spiels mit kleinen Begebnissen und Worten kennen gelernt, Beziehungen, die ihm ganz neu und unbekannt waren. Glaubte er gleich seinen Oheim und Bruder von ganz anderer Seite zu kennen, so sah er Beide doch hier, wo ein liebenswürdiges Mädchen Jeden von der besten Seite zu nehmen suchte, frei von Schroffheit und Härte, in Freundlichkeit und schöner menschlicher Weise mit einander vereint. Wie viel entbehrt der, der ohne Familie aufgewachsen ist! Ohne sich dieser Entbehrung noch recht bewußt zu sein, sah Johann plötzlich ganz neue Verhältnisse vor sich, die er niemals besessen, und denen er vermöge seiner ganzen Existenz entfremdet schien. Und zum Erstenmal überkam ihn der Gedanke, daß das, was er bisher verachtet hatte, wohl auch wünschenswerthe Seiten haben könnte.

Das Haus in dem düstern Kiefernwalde war nun in den nächsten Tagen der Mittelpunkt des lebendigsten Lebens geworden. Die Gesellschaft durchstreifte, bald zu Fuß, bald beritten, die Umgegend, und da Johann ihren Führer abgeben mußte, und der Graf manche Fragen beantwortet wünschte, mußte man seine Gegenwart gestatten. Hildegard fuhr fort, ihn als Vetter zu behandeln, sich gelegentlich kleine Dienstleistungen von ihm zu erbitten, und ihn in die Unterhaltung zu ziehen. Ihr allein gelang es, seine Starrheit zu lösen, er thaute auf in ihrer Gegenwart, verschloß sich jedoch dem Wesen der Männer wieder, so bald ihr segensvoller Einfluß eine Stunde lang fehlte.

Für die Ausflüge zu Pferde war, da man nur drei Reitpferde hatte, ein Wagenpferd, welches gelegentlich schon manchmal ausgeholfen hatte, für Johann bestimmt worden.

Am Nachmittage des dritten Tages, als man schon von der Abreise am nächsten Morgen sprach, ritt die Gesellschaft einem entfernteren Punkte zu, wo die Gegend eine noch schönere Abwechselung bieten sollte. Schon waren sie in die Nähe gekommen, als Eugen ausrief: »Dort ist der Platz für das Schloß! Das Dorf da unten gewährt einen lebendigeren Anblick, als die einsamen Waldhügel!« Er spornte sein Pferd und sprengte voraus, der Graf folgte ihm schnell. Johann kam mit seinem Pferde nicht zurecht, und Hildegard, die ihm lächelnd zusah, sagte schalkhaft, indem sie auf eine in der entgegengesetzten Richtung stehende Birke zeigte: »Wer von uns Beiden ist zuerst dort am Ziele?«

Im Augenblicke sprengten Beide darauf hin. Johann fühlte, als er an der Seite des schönen Mädchens dahin flog, wie eine berauschende unbekannte Glut ihn durchströmte, ein Taumel ergriff ihn, in welchem es ihn ohne Wahl zu irgend einer That hinriß. Er ergriff, nachdem Beide zu gleicher Zeit am Ziele angelangt waren, Hildegards Pferd am Zügel, und riß es mit sich fort um eine Waldecke, in die Wildbahn hinein. Hildegard erschrack, hielt sich aber im Sattel. Wieder ging es um eine Ecke, im wildesten Galopp in's Thal hinunter. Die Zweige streiften an den Reitenden hin, die Vögel flogen auf, der Staub hob sich in Wolken empor. Jetzt ging der sausende Ritt über einen Wiesenweg, in den Laubwald hinein. Das Mädchen wurde angstvoller, sie mußte mit aller Kraft an sich halten, es schien ihr der Moment gekommen, wo sie den furchtbaren Wilden in Johann erkennen sollte, und alle früheren Schreckbilder tauchten in ihr auf. Johann aber riß die Reiterin mit sich fort in den Wald, als wollte er sie entführen, die Pferde ächzten und trieften vom wilden Galopp. Da endlich hemmte ein Dickicht den Weg, und Johann hemmte den Lauf der Thiere. Hildegard bebte am ganzen Körper vor Schreck und Anstrengung, dennoch aber fragte sie herzhaft: »Vetter, was fällt Ihnen ein!«

»Sie haben mich zu einem Wettlauf aufgefordert, Fräulein!« entgegnete Johann Athem holend.

Hildegard wurde ruhiger. »Das war kein Wettlauf,« erwiederte sie. »Sie haben mein Pferd gezwungen, Ihnen zu folgen, und das war wider die Abrede. Ich bin Ihnen böse! Aber ich muß einige Minuten absitzen, der Ritt hat mich angegriffen. Helfen Sie mir vom Pferde.«

Jetzt erst überkam Johann das Bewußtsein seiner Gewaltthat, zugleich mit Verwirrung und Scham. Er befolgte Hildegards Befehl, ohne ein Wort der Entschuldigung finden zu können.

»Mich dürstet sehr,« sagte sie, nachdem sie abgestiegen war. »Sehen Sie zu, ob dort in dem Gebüsch einige wilde Beeren zu finden sind.«

Johann band die Pferde an einen Baum, und gehorchte schweigend dem Gebot seiner Dame. Nachdem er sich entfernt hatte, ordnete sie eilig ihre Locken, die vom schnellen Ritt in Verwirrung gerathen waren, indem sie zuweilen einen scheuen Blick rückwärts auf ihren Entführer warf. Dann setzte sie sich ausruhend auf einen bemoosten Stein und sah in lächelnder Erwartung Johanns Rückkehr entgegen. Wer mit kundigen Augen die schöne jugendliche Gestalt hier im Walde hätte sitzen sehen, würde eins der anmuthigsten Bilder entdeckt haben. Solche Augen hatte aber Johann nicht. Er schlug die seinigen nieder, als er zurückkehrte und Hildegarden eine Hand voll Brombeeren überreichte. Sie nahm sie dankbar an und sagte, indem sie sich daran erquickte: »Vetter, Ihnen soll verziehen sein, wenn Sie mir Ihr Wort geben, daß dergleichen nicht wieder geschieht!«

»Ich gebe es Ihnen,« entgegnete Johann. »Aber ich kann nicht dafür stehen, daß Sie nicht in andern Fällen mein Betragen verabscheuen müssen.«

»Das wäre schlimm!« erwiderte Hildegard. »Also verlangen Sie, daß ich Ihnen nach jedem Verstoß das Wort abnehme, daß gerade diese eine Handlung nicht wiederkehren solle?«

»In meiner Einsamkeit ist feine Sitte schwer zu lernen,« sagte Johann nach einer Pause. »Doch,« fuhr er fort, »Sie reisen morgen ab, Sie werden durch mein Betragen nicht mehr belästigt werden.«

»Wissen Sie was, Vetter,« – rief das Mädchen schnell, »kommen Sie den Winter über zu uns in die Stadt! Wir sind Verwandte und kennen uns noch so wenig. Versprechen Sie mir, daß Sie uns begleiten wollen.«

»Diese Einladung würde Ihnen der Herr Graf und mein Bruder wenig Dank wissen,« sagte Johann, der sich durch seine freundliche Gefährtin wie zu einem freieren, Menschen umgewandelt fühlte. Er setzte sich auf einen Stein in Hildegards Nähe, und fuhr fort: »Ich bin nun einmal der ungebildete, rohe Mensch, den man dazu bestimmt hat, im abgelegenen Walde zu leben. Nicht wahr, man hat Ihnen nur Böses von mir erzählt?«

Hildegard zögerte mit der Antwort, »Nach dem, was Sie mir vorhin angethan haben« – sagte sie dann – »finde ich Sie zwar immer noch wild genug, aber doch nicht so schlimm, als ich mir gedacht hatte.«

»So werden die Andern nicht denken,« entgegnete Johann mit einer beglückenden Empfindung. »Ich mag Niemand Vorwürfe machen. Aber wie ich bin, so mußte ich werden, denn Sie, mein Fräulein, sind das erste menschliche Wesen, das mir mit Güte begegnet. Von Andern habe ich nichts Freundliches erfahren.«

»Ehe wir weiter sprechen, Vetter,« fiel Hildegard ein, »lassen Sie mich einen Vorschlag machen. Nennen Sie mich nicht immer so ceremoniös ›mein Fräulein‹; nennen Sie mich Cousine, ich sage ja auch Vetter zu Ihnen. Nun also weiter.«

Johann hatte nicht die Gewandtheit, nach diesem ihm so wichtigen Vorschlage den Faden der Unterhaltung wieder anzuknüpfen. Hildegard mußte ihm zu Hülfe kommen.

»Sie haben keine glückliche Jugend gehabt?« fragte sie.

Glückliche Jugend! Das war ein Wort, welches unserm Helden wie mit einem Zauberschlage eine neue innere Welt zeigte, und bewirkte, daß ihm sein ganzes früheres Leben wie ein finsterer drückender Traum erschien. Er suchte nach Worten, und, fand nur eine halbe, ungenügende Antwort. Aber Hildegard ließ nicht nach, sie bestand darauf, er solle ihr erzählen. Des Erzählens völlig ungewohnt, hatte Johann einen schweren Stand mit sich selbst. Er mußte in Betreff des Vaters seiner Dame Seiten berühren, die ihr unglaublich dünken, oder sie verletzen konnten, und seine Natur sträubte sich, in dieser Stunde von erlittenen Kränkungen und alten Jugendleiden zu sprechen. Gleichwohl hatte er zuerst dem Gespräch diese Wendung gegeben und mußte sich einer Erzählung seines Lebens fügen. Aber indem er seine schöne Verwandte betrachtete, die es nicht verschmähte, Antheil an ihm zu nehmen, gestaltete sich Alles, was er zu sagen hatte, milder, und so erzählte er denn, von ihr ermuthigt, einen Theil seiner einfachen Schicksale. Hildegard fühlte aus diesen Geständnissen Manches von der Wahrheit, die er zu verhüllen suchte, heraus, sie sah, daß ein volles jugendliches Gemüth früh unterdrückt und in seiner Entwickelung gebrochen worden war, und hörte ihm mit der theilnehmendsten Aufmerksamkeit zu.

Endlich schwiegen Beide. Hildegard stand auf, und sagte: »Ich gebe Ihnen mein Wort, Vetter, die Irrungen zwischen Ihnen und meinem Vater sollen aufhören. Aber thun Sie auch etwas dazu. Treten Sie ihm nicht kalt und verschlossen entgegen. Er ist so gut und liebevoll, wenn man ihm mit Liebe begegnet. Doch es ist spät geworden, wir müssen an den Heimritt denken.«

Die Sonne war hinter den Hügeln hinabgesunken. Johann half seiner Gefährtin in den Sattel, und Beide trabten auf einem kürzeren Wege dem Forsthause zu. Johann schien von dieser Stunde an eine bessere Wiedergeburt zu feiern. Frei und leicht, wie nie in seinem Leben, empfand, dachte und sprach er, und Hildegard, angenehm durch die Erfolge ihrer Bemühungen berührt, fand sich schnell in ein offenes geschwisterliches Verhältniß zu ihm. Unter lebhaftem Gespräch und Lachen war der Weg bald zurückgelegt, und schon wurde das Haus sichtbar, als ihnen der Bediente, der sie gesucht hatte, in der größten Bestürzung entgegen eilte. Die Nachricht, welche er brachte, fiel wie ein vernichtender Blitzstrahl in die heitere Stimmung unserer Freunde. Der Graf Wartenberg war in jenem Augenblick, da Johann und Hildegard den Wettlauf begannen, seinem Neffen Eugen gefolgt, um den Platz zu betrachten, den dieser für die Erbauung des Schlosses günstig hielt. Da stürzte er mit seinem Pferde auf dem unebenen Waldboden, und konnte sich nicht wieder erheben – er hatte das Bein gebrochen. Mit dem Wagen war er in's Haus zurück geschafft worden.

Der Schreck und die Verwirrung, die dieses Ereigniß hervorbrachten, war außerordentlich. Hildegard stürzte leichenblaß auf das Lager ihres Vaters zu, dieser aber ertrug sein Leiden mit männlicher Fassung, und ermahnte seine Tochter, sich zu trösten. Am ungeberdigsten benahm sich Eugen. Er fluchte auf das abscheuliche Haus und die Gegend, verwünschte die ganze Reise, und sprach in nicht gelinder Form seinen Mißmuth über die Möglichkeit aus, daß man nun vielleicht Wochen lang in dieser Räuberhöhle werde verweilen müssen.

Der Förster Brandt, der nach der nächsten Stadt geritten war, um einen Arzt zu holen, kam mit diesem gegen Morgen zurück. Eugen bestand auf eine Translocation des Leidenden nach der Stadt, wo die Familie für den Winter zu wohnen pflegte, der Arzt jedoch erklärte dies für gefährlich, und drang seinerseits auf Ruhe und Verweilen am Orte. Er verschwieg nicht, daß dies ein paar Monate währen könne. Traurige Aussichten, bei welchen Eugen halb außer sich gerieth!

Schon begann der Herbst das Laub gelb zu färben, ein Verweilen in dieser Wildniß bis in den späten November mußte daher manche Bedenklichkeiten erregen. Doch erklärte sich Hildegard bereit, Alles mit ihrem Vater zu ertragen, während der Graf weniger für sich, als für sein verwöhntes Kind betrübt war. Er selbst traf daher alle Anordnungen, den Aufenthalt durch Herbeischaffung von Bequemlichkeiten angenehm, oder doch erträglich zu machen. Eugen wurde beauftragt, die Sorge dafür in der Stadt zu übernehmen. Er nahm einen zärtlichen Abschied von dem Oheim und seiner Cousine, und reiste ab. Einige Tage darauf erschien ein schwerer Möbelwagen vor dem Försterhause, von dem allerhand Gerätschaften, darunter sogar ein Fortepiano und eine Kiste mit Büchern abgeladen wurden. Eugen aber kam nicht mit. Er schrieb seinem Oheim, wie er von Freunden aufgehalten werde, die sich bei der beginnenden Saison schon zu sammeln anfingen, sprach von fesselnden Geschäften, und von der allgemeinen Theilnahme, die des geliebten Oheims Unfall errege, und schließlich gab er das Versprechen, recht bald einen Besuch bei ihm zu machen, sogar einige Gäste mitzubringen. Der Graf billigte diesen Brief vollkommen, Hildegard aber faltete ihn schweigend zusammen und legte ihn bei Seite.

Das Leiden des Grafen ging langsam aber normal der Heilung entgegen. Er ertrug es mit Standhaftigkeit und war nur darauf bedacht, daß sein Kind nicht darunter zu leiden habe. Hildegard mochte das Lager ihres Vaters nicht verlassen, er aber drang darauf, daß sie sich die guten Herbsttage zu Nutze mache, und mit Johann tägliche Spazierritte unternehme. An den Letzteren gewöhnte er sich mit der Zeit, und da Johann, Hildegarden zu Liebe, seinem Oheim gern in jeder Weise beistand, bei ihm wachte und ihn pflegte, wurde der gegenseitige Widerwille immer mehr überwunden. Der Graf verwunderte sich, in dem bösartigen Waldmenschen so viel Fügsamkeit und verständige Gesinnung zu finden, und nach einer Zeit von zwei Wochen fehlte er ihm, wenn er nicht mit Hildegard an seinem Lager saß. Freilich, wenn er ihn mit Eugen verglich, mußte er ihn tief hinter den Letzteren stellen, aber der Irrthum, in welchem er sich eingewöhnt hatte, war ihm doch genommen, er fühlte, daß aus Johann doch etwas Andres hätte werden können, ja er machte in mancher einsamen Stunde schon Pläne, wie er ihn künftig noch als seiner Familie würdig präsentiren könne.

Johann war in der glücklichsten Lage. Alles Edle, was in seiner Natur geschlummert hatte, erwachte, wuchs und erstarkte. Er fühlte, bei dem veränderten Betragen des Grafen, Theilnahme und die edelste Aufopferungsfähigkeit für seinen Oheim. Die Liebenswürdigkeit und ungetrübte Offenheit Hildegards, ihre Schönheit und Lebensfülle, waren das leuchtende Tagesgestirn, das seinen Segen über ihn ausgoß und ihm das Leben erst schön machte. Die Stunden, in welchen er mit ihr auszureiten pflegte, waren seine Lehrstunden, in welchen sich sein ganzes Wesen läuterte und umschuf.

Die schon länger werdenden Herbstabende suchte sich die Familie durch Musik, Vorlesung und Gespräch genußreich zu machen. Hildegard war sehr geschickt auf dem Klavier, und sang mit schöner wohlgebildeter Stimme. Das Fortepiano stand im Zimmer ihres Vaters. Der Theetisch wurde vor das Lager des Grafen gerückt, und der Kranke vergaß alle Schmerzen, wenn er das anmuthige Mädchen, bald wirthlich, bald künstlerisch, walten sah. Zum Vorlesen mußte sich oft auch Johann bequemen. Heimlich nahm er die Bücher, aus welchen gelesen wurde, mit, um sich vorzubereiten und sich vor seinen Zuhörern keine Schande zu machen, und bald gab man das Amt des Vorlesers ganz und gar in seine Hände. Aber wie tief hatte er dabei seine mangelhafte Bildung zu beklagen, wie betrübte er sich über die lange, leere, unbenutzte Zeit, welche ihn so viel aus seinen Schuljahren hatte vergessen lassen. In manchen Stunden empfand er diesen Mangel so tief, daß ihm das Glück der Gegenwart völlig dadurch entrückt ward.

In solcher Bekümmerniß schritt er einst durch den Garten, wo er in den verwilderten, nun schon blätterlosen Gesträuchen eine Bank entdeckte, auf die er sich niederließ. Er hatte erst am Abend vorher Gelegenheit gehabt, Hildegards Geist, ihr ruhig richtiges Urtheil bei der Lektüre zu bewundern, er hatte ihrem Gesange zugehört, bei dem er in ein Gemisch von Entzücken und Andacht versunken war, und lebhaft stand in diesem Augenblicke die Gestalt des Mädchens mit all ihrer Anmuth, mit allen ihren Vorzügen vor seiner Seele. »Was kann ich diesem liebenswürdigen, vollkommenen Geschöpf sein?« dachte er. »Sie, die jeden Anspruch auf das Schönste und Beste machen darf, sie kommt aus einer glänzenden, genußreichen Welt in meine Einöde und gießt eine Fülle der Güte und Nachsicht über mich aus. Trotz dieses hohen Glückes, wie unglücklich bin ich, daß ich nichts gelernt, meinen Geist nicht dem ihren ebenbürtig gemacht habe!«

Immer tiefer bohrten solche Regungen sich in sein Herz, und Scham und Reue kamen dazu, ihn auf's tiefste zu demüthigen. »Und wenn sie nun fortgeht« – dachte er weiter – »das Haus leer, und der Wald, den ich mit ihr durchstreifte, öde wird; wie soll ich dann leben und die alte Einsamkeit ertragen; nachdem ich das Glück des Beisammenlebens gekostet habe? Ihr in die Stadt folgen? Ich bin ein roher, unwissender Mensch, dessen Bekanntschaft ihr überall zur Schande gereichen würde! Wer zeigt mir einen Weg, mich ihrer würdig zu machen?«

Trostlos stützte er den Kopf auf den Arm, als er leichte Tritte vernahm, und ein farbiges Gewand durch die blätterlosen Zweige erblickte. Hildegard kam den Gang herunter. Rasch erhob sich Johann und schritt auf sie zu. »Wo stecken Sie, Vetter?« rief sie ihm entgegen. Aber befremdet über den Ausdruck seines Gesichts, fuhr sie fort: »Was fehlt Ihnen? Sind Sie krank?« Johann schwieg verwirrt.

»Sie machen mir Angst, lieber Vetter, so reden Sie doch!«

Johann sah in ihr offen besorgtes Antlitz, und fand die Sprache wieder. »Ach, theure Cousine,« rief er, »ich dachte an die Zeit, wo Sie nicht mehr hier sein werden – und weiß nicht, was dann aus mir werden soll. Sie haben mir alles Schöne der Welt auf Einmal gezeigt, um es dann auch auf Einmal wieder mit sich zu nehmen, und mich die Trostlosigkeit meines Lebens erst recht fühlen zu lassen!« Er wollte weiter sprechen, da mußte er seine Natur plötzlich überwältigt sehen, und der große starke Johann brach in heftige Thränen aus. Ein leichtes Roth überflog Hildegardens Antlitz, sie schlug die Augen einen Augenblick zu Boden, dann aber sah sie ihn klar und mit hellen Augen an. »Johann,« sagte sie, »die Tage, welche ich hier verlebt habe, sind mir durch Ihre Gesellschaft angenehm und schön, ja sie sind mir noch mehr als das geworden. Sie, Vetter, hatte man mir schwer verlästert, und ich fand einen wackeren Freund und Verwandten in Ihnen. Sie haben in edelster Weise die Verstimmung gegen meinen Vater bekämpft, dafür bin ich Ihnen ewig dankbar. Was von unserer Familie Ihnen bisher Unrecht geschehen ist, das werde ich gut zu machen suchen. Hier gebe ich Ihnen meine Hand darauf, daß ich nicht von hinnen gehe, ohne daß Sie – volle Genugthuung erhalten!« Bei den letzten Worten erröthete sie noch einmal leicht, Johann aber beugte sich auf ihre Hand nieder und bedeckte sie mit seinen Küssen.

Da hörte man einen Wagen auf dem Wege daher rollen, und schweigend trennten sich Beide; Johann von einem heiligen Schauer erfüllt, Hildegard muthig und fest, im Antlitz den Ausdruck einer glücklichen Zuversicht.

Eugen von Alden war zum Besuch gekommen, und hatte auf die Nachricht der erfreulichen Besserung seines Oheims, zwei Offiziere, seine Freunde, mitgebracht. Indem er aus dem Wagen stieg, gab er die Weisung, den mitgebrachten Korb Champagner in acht zu nehmen. Mit großer Zärtlichkeit bewillkommnete er seinen Oheim. Dieser empfing ihn herzlich, Hildegard heiter wie immer. Der Majoratsherr erzählte viel und mit guter Laune, die Gäste fühlten sich ungebundener auf dem Lande, und dem Grafen war diese Unterbrechung, die einen lebendigeren Ton in seine Einsamkeit brachte, etwas Erwünschtes. So ging der Nachmittag mit Unterhaltung schnell dahin, und der Abendtisch wurde durch den Champagner glänzend belebt. Doch hatte Eugen gleich anfangs einige Verwunderung zu verbergen, was ihm mit der Zeit immer schwerer wurde. Hildegard nämlich schien es sich zur Pflicht gemacht zu haben, den Waldmenschen durch Fragen, oder auf sonstige Weise, in den Mittelpunkt der Unterhaltung zu ziehen, ja sie schien eine besondere Freude daran zu haben, daß ihr Schüler sich gut präsentire. Johann seinerseits hatte bereits einige gesellige Festigkeit gewonnen, der Graf stand mit ihm auf dem Fuße verwandtschaftlichen Verkehrs – ohne ihn gerade besonders auszuzeichnen. Eugen traute seinen Augen und Ohren nicht. Welch' eine Wandlung war in seiner Abwesenheit vorgegangen? Die kleinen Dienstleistungen, zu welchen Johann sich seiner Cousine erbot und welche dankbar angenommen wurden, erfüllten ihn erst mit Mißmuth, bald aber mit wachsender Eifersucht. Der Champagner that das Seine, ihn aufzuregen. Er suchte seine Empfindungen unter einer übertriebenen Lustigkeit zu verstecken, in welcher er der Flasche im Uebermaße zusprach. Als aber Johann in einem kleinen Auftrage Hildegardens das Zimmer verließ, war Eugen seines Zornes nicht mehr Herr, er sprang auf und folgte seinem Bruder. »Halt!« rief er ihm zu, »hiergeblieben und Rede gestanden! Wer gibt Dir das Recht zu einer solchen Vertraulichkeit gegen Hildegard?«

Johann stutzte, er sah einen Auftritt aus seinen fernen Knabenjahren erneuert, aber ein edler Einfluß hatte ihm Fassung und Ruhe gegeben. »Die Verwandtschaft,« entgegnete er, »gibt mir das Recht, und ich darf es mir nehmen, wo es mir nicht verweigert wird.«

»Hüte Dich, Mensch!« rief Eugen, nur noch aufgebrachter über diese Antwort. »Ich leide Dich nicht auf meinen Wegen, und hast Du die Frechheit, ihn mir hier zu kreuzen, so nimm Dich vor meinem Zorn in acht!«

»Deinen Zorn fürchte ich nicht,« sagte Johann, »noch habe ich von Dir Bestimmungen über meine Handlungen zu empfangen. Beginne nicht von Neuem Verwirrungen, die hier sich inzwischen gelöst haben. Hildegard ist mir theuer – –«

Er sprach nicht weiter, denn eine völlige Selbstvergessenheit schien über den Majoratsherrn gekommen zu sein. Er packte seinen Bruder wüthend bei der Brust mit dem lauten Ausruf: »Nichtswürdiger Bube!«

Johann wich zurück und hielt ihn in kräftiger Ueberlegenheit von sich ab und bei den Armen fest. »Eugen!« rief er mit gedämpfter Stimme, »bedenke, was Du thust und in wessen Nähe Du Dich gegen mich vergehst!« Mit diesen Worten ließ er seinen Bruder los, und eilte die Treppe hinunter.

Die Gesellschaft hatte bei dem Hinausgehen Eugens nichts Arges vermuthet. Da tönte in eine plötzliche Pause des Gespräches von draußen der Ruf »nichtswürdiger Bube« hinein. Man sah sich betroffen an. Hildegard war die Erste, die den Zusammenhang ahnte. Eugen trat in's Zimmer, bleich und entstellt von zorniger Aufregung, trocknete sich die Stirn mit dem Taschentuch?, und warf sich auf den Stuhl.

»Was ist vorgefallen?« fragte der Graf.

»Nichts!« entgegnete Eugen kurz.

Es war spät geworden und Eugens Freunde nahmen den Augenblick wahr, um zur Abfahrt zu mahnen. In dem richtigen Gefühl, daß Oheim und Neffe mit einander allein zu sein wünschten, verließen sie das Zimmer, um den Wagen zu besorgen. Auch Hildegard eilte hinaus, um sich von Johann das Vorgefallene erzählen zu lassen. Eugen und der Graf waren allein.

»Was ist begegnet, Eugen?« fragte der Erstere.

»Oheim, dieser Mensch muß aus dem Hause!« rief Eugen aufspringend.

»Wer?« fragte der Graf befremdet.

»Johann, dieser freche Bube, der sich gegen Dich und Hildegard Freiheiten nimmt, die ihm niemals zugestanden werden dürfen! Er muß aus dem Hause!« wiederholte Eugen, indem er ein Wasserglas voll Champagner goß und den Inhalt hinunterstürzte.

»Eugen, trink nicht mehr!« sagte der Graf. »Sammle Deine Fassung! Johann ist inzwischen in Beziehungen zu uns getreten, die ihm Rechte gestatten. Wir betrachten ihn als unsern Verwandten – erkenne in ihm Deinen Bruder. Oder hast Du einen wichtigen Grund zum Zorne wider ihn?«

»Oheim,« rief Eugen, im Zimmer auf und ab schreitend, »konnten Sie die Vergangenheit dieses Menschen so ganz vergessen? Sie haben diesen rohen Bauer verwöhnt. Wagt er es doch sogar, Hildegarden mit Blicken anzusehen – Tod und Teufel! Es gibt keinen Ausweg, als mich mit ihm zu schießen!«

Der Graf erhob sich auf seinem Lager. »Eugen,« sagte er in strengem Tone, »wenn Du mit diesem Gedanken umgehst, so sind wir auf ewig geschieden! Und sei überzeugt, daß ich selbst krank und gelähmt, wie ich hier liege, gegen eine solche That einschreiten würde. Das ist Wahnsinn oder äußerste Verhärtung des Herzens! Johann steht unter meinem ganz besondern Schutz, das merke Dir! Bewirke nicht, daß ich den Schutz, den ich bisher Dir allein habe angedeihen lassen, ewig bereuen muß!«

Eugen fuhr fort, mit hastigen Schritten das Zimmer zu durchmessen. Oheim und Neffe schwiegen einige Minuten. Die Gäste kamen, man nahm unter dem Einfluß der Verstimmung einen unbequem höflichen Abschied, und der Wagen rollte davon. Die Lustigkeit des Abends war mit einem Mißton zu Ende gegangen. Seit vier Wochen hatte ein ruhig schönes Familienleben unsre Freunde im Forsthause umschlossen, heut war ein klaffender Zwiespalt hinein gerissen worden. Hildegard erzählte ihrem Vater, bleich und wie zerschmettert, den einfachen Verlauf des Auftrittes, wie sie ihn von Johann vernommen hatte, Johann erschien nach einer Weile, um seinen Verwandten gute Nacht zu wünschen. »Mein lieber Neffe,« sagte der Graf, indem er ihm die Hand entgegen reichte: »Sei Du großmüthig und vergiß, was geschehen ist! Laß mich nur auf den Beinen sein, und es soll Alles anders werden.«

*

Am nächsten Morgen erhielt der Graf einen Brief, der ihm neue Unannehmlichkeiten brachte. Auf einem seiner Güter waren der Ober- und Unterinspector schnell hinter einander gestorben, und der neue Beamte, welchen Eugen besorgt hatte, konnte einiger Verwirrungen, welche ausgebrochen waren, nicht Herr werden. Er bat um dringende Abhilfe, widrigenfalls er seinen Platz verlassen müsse. Der Graf war in großer Verlegenheit. Noch gestern würde er unbedingt Eugen gebeten haben, dort seine eigne Person zu vertreten, heut aber verwarf er diesen Ausweg. Der Verdruß, welchen der Majoratsherr ihm gemacht hatte, bewirkte, daß Johann ihm in kurzen Stunden um so näher trat. Er sah die Notwendigkeit, die Hülfe eines Andern in Anspruch zu nehmen, und da er in der Erscheinung seines jüngeren Neffen eine ausdrucksvolle Persönlichkeit fand, und ihm Festigkeit und Entschiedenheit zutraute, ließ er Johann zu sich rufen. Er stellte ihm die Sachlage dar und beauftragte ihn, an seiner statt die Ordnung herzustellen. »Du wirst,« sagte er, »durchaus als Vertreter meiner eigenen Person dort auftreten. Mit den Specialitäten des Geschäftes, die Dir fremd sind, hast Du natürlich nichts zu thun. Ich gebe Dir Briefe an meinen Advocaten in der Stadt und Andre, die mir neue Beamten besorgen sollen, mit. Bis diese angekommen sind, bitte ich Dich auf dem Gute zu bleiben, und Dich dort als Herr zu benehmen. Was sonst dazu nöthig ist, wird meine Sorge sein. Ich habe das Vertrauen, daß Du Dich mit Eifer und Erfolg diesem Geschäft unterziehen werdest.«

Johann war im höchsten Grade beglückt über dies Vertrauen. Schon nach einigen Stunden war er reisefertig. Die Hoffnung, neben dem Geschäft ein Stückchen von der Welt zu sehen, versetzte ihn in freudige Aufregung. Zwar däuchte es ihm nichts Geringes, Hildegard vielleicht auf lange Zeit entbehren zu müssen, doch stand die Gewißheit des Wiedersehens als ein leuchtendes Ziel vor seiner Seele. Die Briefe des Grafen waren geschrieben, auch Hildegard vertraute ihm einige Aufträge zur Besorgung an, der Oheim gab ihm herzliche Glückwünsche mit, Hildegards Augen glänzten vor Freude – und so reiste er ab. Seit zehn Jahren war es die erste Reise aus seinem Walde. –

Die Verwickelungen, welchen Johann entgegen ging, waren bei weitem schwieriger, als er erwartet und der Graf sich klar gemacht hatte. Grenzstreitigkeiten waren eingetreten, der neue Verwalter hatte auf fremdem Grunde Holz schlagen lassen, verwickelte Prozesse standen in Aussicht. In der Fabrik und in der Brennerei mußte für neue Arbeiter gesorgt werden. Zwischen den Leuten beider Anstalten war es zu einem Conflikt gekommen, der mit blutigen Köpfen geendet hatte. Die Schlimmsten waren zwar bereits weggeschickt worden, aber die Eifersucht dauerte fort und mußte mit Gewalt in Schranken gehalten werden, was um so schwieriger war, da sich auch schon die Werkführer von dem Parteihaß hatten anstecken lassen. Johann hatte vollauf zu thun. Freilich machte ihn seine Unkenntniß der Verhältnisse oft rathlos, doch suchte er sich in einer fast täglichen Correspondenz mit dem Oheim zu unterrichten, sowie auch durch den Advocaten, der selbst Gutsbesitzer war, zu belehren. Er scheute keine Mühe noch Arbeit, und das Bewußtsein, auch für Hildegard zu schaffen, gab ihm Eifer, Kraft und Ansehn. Oft hatte er in der Stadt zu thun, lernte Menschen kennen und mit ihnen umgehen, und gönnte sich, von seinem Oheim brieflich dazu aufgefordert, auch zuweilen eine Zerstreuung. Er besuchte das Theater und, auf Hildegards Veranlassung, einige Familien ihrer Bekanntschaft. Auch seinen Bruder zu besuchen hatte er mehrmals den Versuch gemacht, ihn aber nicht getroffen. Auf der Straße war derselbe ihm einmal begegnet, hatte ihn verwundert flüchtig angesehen, und ihn ohne Gruß stehen lassen.

Die Thätigkeit auf dem Gute war eine vielverzweigte, und unter den gegenwärtigen Umständen nicht eben geisterquickende. Das viele Neue aber, was sie unserm Helden bot, die verschiedenen Fächer menschlicher Thätigkeit, welche er überblickte, wirkten anfangs erregend auf ihn, und wenn sich dies auch bald verlor, so ersetzte das Pflichtgefühl ihm das Interesse. So kam es, daß er mehr übernahm, als er gerade ausdrücklich beauftragt war. Ueber Alles suchte er sich Aufklärung zu verschaffen, um im nöthigen Falle selbstthätig handeln zu können. Und wenn er den Tag über in den Büreaustuben, in den Wirtschaftsgebäuden und wo er es immer nöthig fand, seine Pflicht gethan hatte, dann fand ihn der späte Abend noch thätig bei Arbeiten, die er sich selbst auferlegte. Das Wohnhaus des Gutes war äußerlich einfach, unscheinbar und nicht geräumig, aber im Innern allen Anforderungen eines behaglichen Junggesellenlebens, wie der Graf es führte, entsprechend. Johann fand eine reichhaltige Büchersammlung vor, und setzte jene Leseabende der Familie, die ihm lieb geworden waren, auf eigne Hand fort. Ihn überkam ein solcher Drang, seiner Familie Ehre zu machen, daß er die ganzen Nächte hätte zu Hülfe nehmen mögen, um sich Kenntnisse zu verschaffen.

Sechs Wochen waren auf diese Weise vergangen, der November neigte sich unter Stürmen, Regengüssen und Nachtfrost zu Ende. Wie mochte es draußen im einsamen Waldhause aussehen? So dachte Johann, als er durch den Garten ging und sein Fuß die feuchten, abgefallnen Blätter aufwühlte. Seine Zeit war um, die neuen Beamten hatten auf dem Gute ihre Thätigkeit begonnen und er sollte heimkehren. Die Nachrichten über seines Oheims Befinden waren befriedigend, er konnte am Stocke schon täglich eine kleine Strecke ausgehen. Die Nähe seiner Uebersiedlung nach der Stadt war damit ausgesprochen und Johann schauderte bei dem Gedanken, nach kurzem Wiedersehen, allein in seinem Walde zu bleiben. Er packte seine Sachen, um am nächsten Morgen abzureisen. Da erhielt er noch einen Brief von seinem Oheim. Derselbe sprach ihm nochmals seine Billigung alles dessen, was er geleistet habe, so wie seine Freude über das baldige Wiedersehen aus, und fragte schließlich nach Eugen, der die ganze Zeit über nicht eine Silbe von sich habe hören lassen. So beschloß Johann denn, auf der Rückreise noch einen Tag in der Stadt zu verweilen, um seinen Bruder aufzusuchen. Er fand ihn auch diesmal nicht, es hieß, er sei zu einer großen Jagd in der Umgegend geladen. Unverrichteter Sache reiste unser Held weiter. Es war ein kalter, sonniger Tag. Die acht Stunden seiner Fahrt währten ihm aber zu lang, bis er seinen Föhrenwald wieder sah. Endlich rauschten die Wipfel der alten Bäume über seinem Haupte. Hier kannte er auf Schritt und Tritt jeden Stamm, er konnte sich's abzählen, wie lange er noch bis zum Forsthaus zu fahren habe. Immer lauter schlug sein Herz, wie einen Freudentaumel empfand er die Erwartung des Wiedersehens.

Da gewahrte er auf dem Wege in der Entfernung zwei Gestalten. Er erkannte diejenigen, die ihm die Theuersten waren. Er stand auf und winkte mit dem Tuche, er hieß den Kutscher die Pferde antreiben, und endlich, als er nahe genug war, sprang er aus dem Wagen und ihnen entgegen. Mit lautem Freudenrufe flog Hildegard auf ihn zu, und hing an seinem Halse. Er preßte sie an seine Brust und bedeckte ihren Mund mit seinen Küssen. Dann riß sie sich los, und führte ihn ihrem Vater zu, der langsam, aber mit offenen Armen ihm entgegen kam. Alles Fremde und Entfremdende war zwischen ihnen niedergerissen, es war eine Stunde des vollkommensten Glückes.

Nachdem man sich nach hunderten von Fragen und Antworten behaglich im erwärmten Zimmer zusammengesetzt hatte, ließ der Oheim seine Blicke mit Wohlgefallen auf seinem Neffen ruhen, der ihm in der modisch gewählten städtischen Kleidung auch äußerlich den besten Eindruck machte. »Junge,« sagte er, »was ist mit Dir vorgegangen? Du scheinst mir gewachsen und breiter geworden, und hast ein Ansehn wie – ein Rittmeister! Und was der Mensch für Bewegungen hat! Hast Du Dir etwa einen Unteroffizier und einen Tanzmeister heimlich aus der Stadt kommen lassen?« Man lachte und war guter Dinge. »Das bei Seite« – fuhr der Graf fort – »Du hast Dich wacker benommen, und bist mir ein lieber braver Freund geworden.« –

»Und wie viel habe ich Ihnen durch dies Vertrauen zu verdanken!« entgegnete Johann. »Soviel neue Verhältnisse wurden mir dadurch eröffnet, ich mußte denken, mir Kenntnisse verschaffen, mit Menschen umgehn lernen, und das Alles so schnell und unbedingt, daß meine träge gewordne Natur wie mit einem Ruck aus sich selbst und in eine bessere Sphäre versetzt wurde. Ich fühle, daß ich jetzt erst zu leben angefangen habe.«

*

Der Oheim hatte inzwischen Beobachtungen eigner Art gemacht. Das immer lebhaftere Interesse seiner Tochter für Johann war ihm in den letzten Wochen deutlicher entgegengetreten, und hatte ihm zu großen Bedenklichkeiten Gelegenheit gegeben. Seinem einzigen Kinde hätte er einen Gatten gewünscht, der vor der Welt eine glänzende Rolle spielte, die Neigung zu seinem Neffen wollte ihm nur schwer gefallen und er hegte die stille Hoffnung, sich in der Heftigkeit derselben zu täuschen. Als er aber jenen Empfang Hildegards mit angesehn, wußte er genug, und indem er selbst Johannes Erscheinung mit Befriedigung betrachten konnte, war sein Entschluß gefaßt, das Unabwendbare lieber zu beschleunigen als zu verzögern. Er ging unter einem Vorwande aus dem Zimmer und ließ die Glücklichen allein. –

»Hildegard,« begann Johann, »Du gehst nun bald von hinnen!« –

»Du gehst mit uns,« entgegnete das Mädchen, »oder ich bleibe bei Dir!« Und Johann umschlang die Geliebte und war der Glücklichste der Menschen.

*

Was weiter geschah, ist in ein paar Worte zu fassen. Eugen von Alden reiste, als ihm der Oheim die Verlobung Johanns und Hildegards meldete, sofort nach Paris, wo er bis nach der Verheirathung seines Bruders blieb. Er schien sich Jahre lang ganz von seinen Verwandten losreißen zu wollen, und erst in späteren Jahren gelang es den vereinten Kräften der Glücklichen, wenigstens ein anständiges äußeres Verhältniß anzubahnen. Johann kam als Gatte Hildegardens in den Besitz der Güter seines Oheims und erhielt dadurch eine glänzende Genugthuung für frühere Kränkungen. Das romantische Schloß kam nicht zur Ausführung, wohl aber nach dem Tode des alten Brandt ein neues nettes Forsthaus, in welchem sich ein Kreis von glücklichen Menschen in jedem Sommer einige Wochen versammelte.

*

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