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Erzählungen

Otto Roquette: Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorOtto Roquette
titleErzählungen
publisherVerlag für Kunst und Wissenschaft
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150709
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Bei Tische.

Eine gastrosophische Novelle.

 

In den Salons des Commerzienraths Rosenthal v. Muffelseck versammelte sich eine glänzende Gesellschaft. Der Herr des Hauses hatte mit seinem Sohne in der Nähe der Thüre Posto gefaßt und eilte jeder neuen Gestalt, welche zur Thüre hereinrauschte, mit lauten Begrüßungen entgegen.

»Ah, meine himmlische Gräfin! Entzückt, Sie nach so langer Zeit bei uns zu sehen! Die Sonne geht auf in meinen Salons – die gelbe Robe leuchtet wie Sonnenstrahlen, und doch, sie müssen erblassen vor dem Glanze ihrer Besitzerin, der schönen Gräfin Erlach!«

»Oh, Frau v. Zippel! Ganz ergebenster Knecht, meine Gnädigste! Sie beglücken mich auf's Höchste! Erlauben die Damen, daß ich Ihnen meinen Sohn Alphons vorstelle? Mein Sohn Alphons – vor acht Tagen von seinen Reisen zurückgekehrt, hat London, Paris und Wien gesehen!«

»Ah, mein liebster, bester Herr Oberst! Herzlich willkommen! Könnte Ihnen zürnen, daß Sie mich so lange nicht aufgesucht haben, mon cher ami

»O, Herr Lieutenant – ganz Ergebenster! Habe Sie gestern zu Pferde gesehen. Sehr graziöses Thierchen, hat Aehnlichkeit mit meinem Murisko. Erlauben die Herren, daß ich Ihnen meinen Sohn Alphons vorstelle, der vor acht Tagen von seinen Reisen zurückgekehrt ist? Hier – mein Sohn Alphons, hat London, Paris und Wien gesehen. Herr Oberst Freßberg – Herr Lieutenant v. Blankknopf!«

»Ah, mein gnädiges Fräulein! Die Mutter der Armen, die Wonne der Hülfsbedürftigen – sehr glücklich, daß Sie uns beehren! – O, willkommen, meine Gnädigste, welche Freude machen Sie uns! Erlauben die Damen, daß ich Ihnen meinen Sohn Alphons vorstelle, der erst vorgestern von seinen Reisen zurückgekehrt ist – hierher, Alphons, mon fils! – mein Sohn Alphons – London, Paris, Wien hat er gesehen – Fräulein v. Bornhofen – Frau v. Bollenstedt!«

»Ah, voilà notre ami! – mein theuerster Geheimrath! Der funkensprühende Mann des Geistes und Witzes! Willkommen – erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Sohn Alphons vorstelle – vorgestern zurück – Wien, Paris, London –«

»Habe bereits die Ehre!«

»Ah, er hat bereits die Ehre gehabt? Hat leider noch nicht alle dehors beobachten können – Geschäfte! Bitte, mein bester Geheimrath v. Schatz, hier die Causeuse!«

So begrüßte der Commerzienrath seine Gäste, während die Commerzienräthin mehr in der Tiefe des Zimmers die Begrüßung wiederholte, und Sidonie, die Tochter des Hauses, als eine überaus glänzende Partie, von einer Gruppe junger und ältlicher Herren so viel Schmeicheleien hinnahm, als ein zu erwartendes ausgezeichnetes Diner nur irgend verantworten konnte.

Die Gesellschaft, dreißig Personen an der Zahl, ist bereits versammelt. Schon reicht der Oberst Freßberg der Dame des Hauses den Arm, der Lieutenant Blankknopf weiß den Moment abzupassen, Fräulein Sidonie zu erringen. Und durch die weit aufgerissenen Flügelthüren begibt sich der Zug in den Speisesaal, wo Blumendüfte, gemischt mit dem sich schon verkündenden Arom der Suppe, ein magisches Netz der schönsten Erwartungen um die Eintretenden spinnen. Die Tafelordnung schien mit viel Rücksicht auf eine angenehme Gegenseitigkeit eingerichtet zu sein, denn der Geheimrath v. Schatz schmunzelte sehr beglückt, als er die schöne Gräfin Erlach zu seiner Nachbarin bestimmt fand. Der Lieutenant Blankknopf nahm mit funkelnden Augen seinen Stuhl neben Fräulein Sidonie ein, während der Oberst Freßberg, als Nachbar der Dame des Hauses, sich der Hoffnung hingeben konnte, daß bei jedem zweiten Herumgeben eines Gerichts ihm die Nöthigung der Wirthin nicht entstehen werde.

Alles saß jetzt. Zwei Bedienten reichten in mächtigen Schüsseln Austern au naturel umher, zwei andere folgten und präsentirten auf silbernen Platten griechischen Wein in kleinen geschliffenen Gläsern.

»Sieh da, sieh da!« sagte der Geheimrath v. Schatz, nachdem er ein halbes Dutzend Austern auf seinen Teller gelegt hatte, mit sehr glücklichem Gesicht: »Ich hatte etwas von dem heutigen Muffelseck'schen Diner erwartet, dieser allermodernste Anfang aber berechtigt mich, viel zu erwarten!«

»Auch ich bin neugierig,« sagte die Gräfin, »wie der neue französische Koch sein Debut im Hause bestehen wird.«

»Ein neuer französischer Koch? Vortrefflich! Aber natürlich! Wie sollte auch die Schleuderzeh gelernt haben, ein Diner zu bereiten!«

»Still, lieber Geheimrath!« entgegnete die Gräfin mit einem halb schalkhaft beistimmenden, halb verweisenden Blicke.

Dieser Blick bezog sich auf einen Spott gegen die neueren Ereignisse im Muffelseck'schen Hause. Der Commerzienrath v. Muffelseck war nämlich, nachdem er zehn Jahre Wittwer gewesen, nachdem seine Tochter, Fräulein Sidonie, schon zum siebenundzwanzigsten Male die Winter-Hyazinthen im Gewächshause hatte blühen sehen, nachdem sein liebenswürdiger vierundzwanzigjähriger Sohn Alphons schon die eclatantesten und genialsten Liaisons gehabt hatte, nach alledem noch einmal der Gewalt der allbezwingenden Liebe unterlegen, und hatte sich mit Fräulein Schleuderzeh, einer gefeierten Ballettänzerin, vermählt. Freilich hatte der Commerzienrath bei dieser Angelegenheit einen Sturm von Seiten seiner Tochter und seines Sohnes aushalten müssen; freilich hatte Mancher, der die Muffelseck'schen Diners und Soupers zu schätzen wußte, für die Zukunft resigniren zu müssen geglaubt, da diese Heirath, die sehr nach Mesalliance aussah, die seinen Cirkel in dem sonst gesuchten Hause zu verkleinern drohte; aber Alles war anders gekommen. Die Schleuderzeh wußte sich als Commerzienräthin angemessen zu benehmen, sich in die neuen Verhältnisse zu finden und, indem sie die Reminiscenzen ihrer früheren Carrieren verbannt zu haben schien, den Ton ihrer neuen Stellung auf das Glücklichste zu treffen.

So hatte sich denn heute in der neuen, jetzt einjährigen Ehe des Commerzienraths zum ersten Male ein nach alter Art glänzender Cirkel unbedenklich eingefunden, und Wirthe wie Gäste schienen sich der heitersten Stimmung hinzugeben – so weit dies nämlich die Situation erlaubte, denn das Diner hatte kaum begonnen, die Suppe sollte erst servirt werden.

Der Geheimrath v. Schatz lehnte sich, nachdem er seine Austern geschlürft hatte, im Stuhle zurück, blickte prüfend im Saale umher, maß mit den Augen die Höhe und Tiefe, prüfte die Decoration der Wände, warf noch einen raschen geübten Blick über die Tafel, und da das Resultat dieser seiner Forschungen ein günstiges war, so theilte er, indem er sich in rosiger Stimmung die Hände rieb, dasselbe seiner Nachbarin, der Gräfin, folgendermaßen mit:

»So lasse ich mir's gefallen! Die Exposition ist sehr vielversprechend, nun geben die Götter uns einen entsprechenden Gang der Handlung, und ich will diesen Tag nicht zu den verlorenen rechnen! Hellgraue, einfache Tapete für die Wand – ganz gut, und trotz der dunkelblauen seidenen Fenstervorhänge mit goldenen Franzen und Quasten doch ein wohlverbreitetes Licht. Die Wände nicht mit Schildereien überladen – dort der riesige Schenktisch von geschnitztem Eichenholz – vortrefflich! Der Blick wird durch nichts Ungehöriges, außerhalb des Diners Liegendes zerstreut, der Gedanke kann sich bei jeder neuen Kunstleistung des Kochs gehörig concentriren. Ein achtes Diner stellt dieselben Forderungen wie ein achtes Drama. Man will die Decoration zwar anständig und geschmackvoll, aber sie soll nicht durch selbstständigen Kunstwerth das Auge beschäftigen. Ich finde hier diesen Forderungen auf's Glücklichste entsprochen. Der Blick dort durch die geöffneten Glasthüren in das reiche Gewächshaus mit der Farbenpracht der Camellien, den schwatzenden Papageien und den Cacadu's ist freilich bedenklich – allein vielleicht steht ein Nachspiel im Hintergrunde, also wird man dem Maschinisten wohl eine Concession machen müssen, auch ist eine Perspective immer noch eher zu ertragen, als ein übel angewandtes Versatzstück. Freilich sehe ich wohl die trefflich mit den Fenstervorhängen correspondirende Portière, und man hätte sie schließen können – hm! Doch nein, ich verstehe! Thüre und Portière müssen geöffnet sein, weil man sich beim Mocca in das Gewächshaus zerstreuen wird, weshalb denn in den Räumen eine gleichmäßige Temperatur angestrebt werden muß. Sehr verständig arrangirt! Die Tafel prächtig, wie sich's gebührt, ich sehe keinen – nein, in der That – keinen einzigen Verstoß gegen die Anforderungen der Gastrosophie. Stühle von Eichenholz mit hoher, bequemer Lehne. Genügender – o ja, vollkommen genügender Raum, um sich auszubreiten. Vor Allem aber eine Nachbarschaft, wie Sie, meine Gnädigste, sie gewähren –«

»Aber doch das Letzte, was Sie verlangen!« entgegnete lachend die Gräfin. »Sie ausbündiger Gourmand!«

»Nein, schöne Gräfin, das Erste, das Höchste – vielleicht können Sie es zu dem – Einzigen machen! Auch die Gastrosophie hat ihre Gesetze, ihre sehr ernsten Gesetze, denn sie ist eine Kunst, eine würdige Schwester der sieben freien Künste, und es ist mir stets schmerzlich gewesen, daß sie ihren Schwestern noch immer nicht als ebenbürtig an die Seite gesetzt werden soll. Rumohr in seinem ›Geist der Kochkunst‹ hat zwar viel dafür gethan, auch Andere haben Mancherlei zur Sanctionirung dieser Kunst gewirkt, aber freilich kann es zur Schande der meisten ihrer Anhänger nicht bestritten werden, daß diese selbst viel dazu beigetragen haben, die Hohe zu profaniren. So hat mich jene Erzählung von Börne, ›der Eßkünstler,‹ stets in tiefster Seele empört, denn soll sie auch nur eine Satyre auf das Vielessen sein, so ist sie doch geeignet, dem weniger Kundigen den Endzweck zu verrücken, und somit der Gastrosophie gerade entgegen zu wirken. Es ist traurig! Die meisten, selbst der Eingeweihten, essen, wenngleich mit Verständniß, doch ohne die eigentliche Verinnerlichung, ohne Seelenvertiefung, ohne jenes gemüthvolle Element des Geschmacks, welches bei dem Zauber der Qualität jedes quantitative Gelüst völlig aufgibt, und bei welchem der feine, gebildete und somit einzig zurechnungsfähige Eßkünstler in der Spitze der Zunge denselben seligen Schauer empfindet, welcher den Hörer überrieselt, wenn die vollste Harmonie das Ohr berauscht, oder des Dichters ›in schönem Wahnsinn rollendes Auge‹ ihm mit den entzückenden Reimen seiner Lippen zugleich in die Seele dringt!«

»Ei, welche Begeisterung, Herr Geheimrath, mehr, als ich Ihnen zugetraut hatte! Das geht über die Poesie des Dinirens und in die Philosophie hinüber. In diesem Fache könnte man von Ihnen lernen!«

»Es ist auch Philosophie, meine Gnädigste! Wenn Sie meine Schülerin sein wollten, schöne Gräfin, so sollten Ihnen darüber ganz neue Kreise des Denkens, Fühlens, Empfindens aufgehen.«

»Hat die Gastronomie auch einen kategorischen Imperativ? ich hörte immer, der gehöre zur Philosophie.«

»Vortrefflich, meine Gnädigste! Der kategorische Imperativ des Essens ist sehr einfach, wie das in der Natur der Sache liegt, nämlich: Das Essen sei gahr. Dies ist sein sittliches Gesetz. Aber von diesem Centralpunkte gehen tausend Strahlen, zieht sich ein vielfach verschlungenes Netz von Forderungen, Consequenzen, äußeren Einwirkungen –«

»Lieber Freund,« unterbrach die Gräfin lächelnd den Redner, »mir schwindelt schon bei den Anfangsgründen, und Ihnen muß ich in Ihrem Kunstinteresse rathen, sich vor der Suppe nicht zu sehr aufzuregen. Da kommt sie eben. Ich wünsche, daß sie Ihren Enthusiasmus nicht stören möge!«

»Nous verrons!« entgegnete der Geheimrath, nahm das geschliffene Gläschen zwischen Daumen und Zeigefinger, führte es kostend an die Lippen und sagte mit zufriedener Kennermiene: »Thessalisches Gewächs! Sehr brav!«

Die Suppe wurde servirt. Der Geheimrath nahm einen Löffel voll, nickte seiner Nachbarin zu und äußerte: »Soupe à la reine. Es hätte die moderne Suppe, Tapioka, gewählt werden können, diese soupe à la reine aber ist auch gut, es ist nichts daran auszusetzen.« Dann faßte er nach Art eines feinen Epikuräers den Löffel mit erhöhter Grazie, schöpfte langsam und mit Verständniß die duftende warme Fluth aus seinem chinesischen Teller und lehnte sich zurück mit den Worten:

»Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!«

»Also nach der Suppe beginnen wieder Ihre gewohnten Citate aus dem Faust!« entgegnete die Gräfin. »A propos, mein Freund – wie ich höre, haben Sie einen neuen Schüler in der Kunst zu leben gewonnen. Alphons Muffelseck ist in den wenigen Tagen, seit er von seinen Reisen zurückgekehrt, schon zum Stadtgespräch geworden. Er soll ein Roué im großen Styl sein.«

»Wie, meine theuere Gräfin, Sie werden mir doch keine Lehrfähigkeit in der Rouerie zutrauen? Nein, für das feinere Arom des Lebens, welchem ich mich geweiht, hat Herr Alphons keinen Sinn, er wird ewig am Staube haften. Uebrigens ist er nicht mehr Roué, als einem Jünglinge zukommt, dessen Vater über eine Million gebietet.«

»Eine eigenthümliche Anschauung! Wie gefällt Ihnen heute Sidonie?«

»Gefällt? Mir? Und heute? Ich gerathe in Lessingschen Styl, meine Gnädigste, wenn Sie mir solche Fragen vorlegen! Sehen Sie das Mädchen an – jede Bewegung, jede Miene ist mit Bewußtsein arrangirt! Sie fühlt sich ganz weiße Camellie, ganz himmelblaue Seide, sie trägt das schwere Bracelet mit einer Miene, als wär's die Fessel, welche sie an ihren Stand knüpft, sie weiß sich einen so interessanten Ophelienausdruck, und durch die langen, etwas absichtlich vernachlässigten Locken, ein Ansehen zu geben, als wäre sie, wie Polonius' Tochter, in's Wasser gefallen, aber doch wieder herausgezogen und gerettet worden! Hamlet – Wie, Franz?« unterbrach sich der Geheimrath plötzlich, zu dem Diener gewendet, welcher Wein anbot: »Mosel und Chateau la rose? Nach der Suppe ein Glas französischen Rothwein! – Bei alledem,« fuhr er, den Faden wieder anknüpfend, fort, »bei alledem begreife ich nicht, wie das Mädchen hat siebenundzwanzig Jahre alt werden können, ohne sich zu verheirathen! Das Wesen, welches sie sich gibt, hat für Viele eine Anziehungskraft, und zudem ist ihr Vater Millionär!«

»Die Sache ist sehr einfach, lieber Freund. Erst werden einige Jahre lang muthwillig Körbe ausgetheilt und, dadurch abgeschreckt, wird mit der Zeit die Zahl derer, die mit ernstlichen Absichten hervortreten, geringer. Jetzt heißt es eine Wahl treffen, die nun schon schwieriger ist. Die neue Commerzienräthin-Mutter kann Sidonien nicht erwünscht sein, sie strebt aus dem Hause zu kommen, und rathlos nimmt sie am Ende den ersten besten Mann, der ihr in den Weg gelaufen! Das ist die bekannte alte Geschichte. Ich sehe übrigens, daß sich schon etwas anspinnt – beobachten Sie einmal den Lieutenant Blankknopf!«

»Sogleich, meine Gnädigste, sobald ich nur diese Fleischpastetchen und diesen Caviar gekostet habe. Ah, deliciös! Liebe Dingerchen, diese Pastetchen, herziges, kleines Völkchen, sehr geeignet, den Kenner weiter zu locken! – So, so, so! Ich bewundere Ihren Scharfblick, schöne Gräfin! Sie meinen also, der Lieutenant Blankknopf werde Sidoniens Hand davontragen?«

»Das steht noch dahin. Rosenthal wird Bedenken tragen, seine Tochter einem Manne zu geben, der gänzlich ohne Vermögen ist. Günstiger stünde die Sache, wenn es sich bestätigte, daß Blankknopf seine Tante, das Fräulein v. Bornhofen, beerben werde.«

»Ei, das Fräulein v. Bornhofen, dort unser vis-à-vis? Ei, ei – ja, Franz (zum Bedienten gewendet), Du darfst mir das Glas noch einmal füllen!«

»Die Bornhofen macht wirklich eine recht respectable Figur! Ein sehr achtungswerthes Frauenzimmer! Sie ist die Vorsteherin aller unserer wohlthätigen Vereine.«

»Sie muß doch eine Beschäftigung haben. Ein einzeln stehendes Frauenzimmer, hat sich mit Leidenschaft auf die Wohlthätigkeit und Armenpflege geworfen – natürlich! Was sollte sie auch den ganzen Tag über ohne dieses thun? Zudem ist das jetzt Mode. Dringen doch ihre Sparbüchsen, Collecten und Circulare allmonatlich sogar bis in meine Wohnung! ›Leget Anmuth in das Geben,‹ heißt es im Faust. Wie soll man aber mit Anmuth geben, wenn Einem die Gabe so ohne Anmuth abgedrungen wird? Ich gestehe, daß es mich im ästhetischen Sinne schmerzt, meinen Namen stets in diesen Listen aufgeführt zu sehen. Und Sie meinen, diese Bornhofen mache eine gute Figur? Freilich, sie trägt sich einfach, wie eine Frau von fünfzig Jahren, und ihr Betragen ist ruhig, gemessen – aber sehen Sie nur dieses Arrangement von Hoheit und Großheit in ihren Mienen, dieses nonnenhaft entsagende und doch dabei so anspruchsvolle Wesen, welches jeden Augenblick verkündet: Ich bin privilegirte Wohlthätigkeits-Präsidentin! Es ist viel, überaus viel Ostentation dabei, liebe Freundin! Stünde sie nicht einzeln in der Welt – wie gesagt, ich zweifle, ob sie zu dieser Marotte gekommen wäre! – Aber was erscheint da? Zander mit holländischer Sauce! Ein schöner großer Zander, das Fleisch so weiß wie Alabaster!«

»O, Sie Unwürdiger!« rief die Gräfin beinahe ernsthaft. »Also weil die Bornhofen eine einzelne Dame ist, meinen Sie, weil sie sonst ohne Beschäftigung wäre, habe sie sich der Armenpflege hingegeben? Stehe ich nicht auch einzeln da, und bin ich denn nicht auch Vorsteherin des Vereins für Hebung des Nothstandes? Würde es mir ohne dies Amt etwa an Beschäftigung fehlen? Marotte nennen Sie das? Gehen Sie! Allerdings schicken wir unsere Sparbüchsen und Circulare Ihnen in's Haus, weil gewisse Leute zur Wohlthätigkeit gezwungen werden müssen! Aber gut, wenn Sie so denken, so sollen Sie künftig als ein Verstockter übergangen werden!«

»Zürnen Sie nicht, schöne Frau!« versetzte der Geheimrath. »Dieser Zander ist vortrefflich und die Sauce von einer einheitlichen Durchbildung, wie ich sie selten gefunden habe! – Bei Ihnen ist das ganz etwas Anderes. Schicken Sie mir die Sparbüchsen und Vereinslisten nur nach wie vor in's Haus. Wenn ich gut dinirt habe, gebe ich gern ein paar Thaler für die Armen. Freilich lassen sich dafür nur Kartoffeln, Brod und Holz anschaffen, und es ist mir betrübend, daß man das Volk nicht auch zur Bildung, und zwar zur feineren, zur gastrosophischen Bildung erziehen kann! Um aber noch einmal auf den Zander zu kommen, so finde ich, daß derselbe an Größe und Zartheit eine überraschende Aehnlichkeit mit demjenigen hat, welchen Sie uns, schöne Frau, bei Ihrem letzten Souper vor vier Wochen vorsetzten!«

»O sprechen Sie nicht von meinen Soupers, ich verliere den Muth, Sie jemals wieder einzuladen!«

»Um Alles in der Welt, schöne Freundin, verlieren Sie diesen Muth nicht! Ihre Diners und Soupers sind reizendes Genre, das heutige hier mehr großer Historienstyl. Wen aber entzückt nicht auch das Genre, zumal, wenn es von so reizenden Händen, wie die Ihrigen, dargereicht wird? Nein, muthig, muthig, schöne Freundin! Nicht ohne Grund habe ich vorhin bei den Austern ein Diner mit einem Drama, der höchsten Kunstform, verglichen, gestatten Sie mir, daß ich den Vergleich ein wenig weiter ausführe. Das große historisch-heroische Drama ist das Vorbild eines Diners erster Klasse; dieses macht dieselben Anforderungen wie jenes. Eine verständige Exposition durch Austern, Suppe, Pastetchen und Caviar. Der zweite Act bringt den ersten Schritt der Entwickelung durch stylisirtes Rindfleisch und Geflügel, und schon wird durch eine weichere Casserolspeise ein zarteres, vielleicht episodisches Verhältniß angedeutet, man vermeide aber einen zu scharfen Accent darauf. Der dritte Act verlangt schon eine gewaltige Steigerung, und da ist denn ein großes, majestätisches, kraftgefülltes Ragout am Platze, etwa von Wild, mit einer pikanten, geistvoll gewürzten Sauce. Diese Höhe ist es, welche der Koch, wie der dramatische Dichter, ganz besonders erstreben muß, denn schürzt sich hier nicht der Knoten ganz fest und nachhaltig, so stürzt das Herz des Kenners aus allen Himmeln und keine Leiter führt wieder hinauf. Doch zum vierten Acte! Eine Dehnung darf hier zwar um keinen Preis stattfinden, aber man räumt dem zarteren, leidenschaftlich-innigen Element gern etwas Spielraum ein, und so sind denn junge Gemüse, etwa Spargel oder Spinat – die Lyrik ist ja mannichfach – durchaus an ihrem Platze. Nun aber galt es ein nochmaliges, die ganze Kraftanstrengung beanspruchendes Emporstreben. Dies muß der fünfte Act bringen, der in der Gastrosophie durch den Braten vertreten wird. Das ganze Stück, das ganze Diner muß so gebaut sein, daß es hier eine gewaltige Last erträgt, ohne daß der Schwerpunkt verrückt werde. Denken Sie sich einen Wildschweinsbraten, mit oder ohne einen kleinen haut-goût, einen Hirschziemer, riesenhaft an innerlicher Energie, mit der erschütterndsten Fluth von Sauce und Leidenschaft übergossen, so ist der große Wurf gelungen, und ein paar lyrische Rapunzel oder Endivienblätter schmälern den Eindruck nicht, sondern sind vielmehr geeignet, auf das Gemüth zu wirken. So ungefähr soll ein Diner im großen dramatischen Historienstyl beschaffen sein, obgleich dies nur ein oberflächliches Schema ist, dessen Ausführung noch manches Zwischenglied in sich aufnehmen müßte. Nun aber stellt sich noch ein großer Vortheil heraus, welchen das Diner vor dem Drama hat. Das Letztere nämlich ist mit dem fünften Act zu Ende, beim Diner aber folgt nun der zweite Theil, das Desert, welches bei einem großen historisch stylisirten Diner mit derselben Sorgfalt arrangirt werden muß, wie der erste Theil, und eine unendliche Fülle von sanfteren Reizen, Wendungen, Licenzen, Kreuzungen, Ueberraschungen und Entwickelungen erlaubt. Das Desert ist kein Nebenbestandtheil, sondern der zweite Haupttheil, der gar nicht genug betont werden kann. Sehen Sie, dieser Vorzug der zweiten großen, mehr lyrischen Partie will mich fast bewegen, ein historisch stylisirtes Diner einem historischen Drama vorzuziehen!«

»Das glaube ich gern! O Sie Gourmand!« entgegnete die Gräfin. »Aber vernachlässigen Sie auch nicht das filet de boeuf, mit welchem Franz schon hinter Ihnen steht.«

»Himmel! Ich hätte mir eine Vernachlässigung zu Schulden kommen lassen? Franz, mein Lieber, sollte dies wieder der Fall sein, so gib mir ein Zeichen. Filet de boeuf! Schön! Ein dreifacher Kranz herum von Kastanien, Mandel-Kartöffelchen und spanischen Zwiebelchen, sieh, sieh –

›Ich habe ihresgleichen nie gehaßt!‹

Warte, Franz noch ein paar Zwiebelchen – warte, noch eine Kastanie – so! Sehr gut, sehr weich, sehr kräftig, eine überaus brave Leistung!«

»Auch meine Meinung. Nun aber, nachdem Sie die höchste gastrosophische Kunstschöpfung geschildert haben, erklären Sie mir das Genre meiner Diners!«

»Sogleich, meine Gnädigste!« fuhr der Geheimrath fort. »Erlauben Sie nur, daß ich bei meiner Theorie hier noch schnell der Praxis nachkomme, die, wie überall, langsameren Schrittes geht. – So, das Filet war gut! – Das gastrosophische Genre hat vielfache Verzweigungen, ist aber noch der höchsten Kunstschöpfungen fähig, ja, es kann sogar seinen Styl bis zur historischen Größe erheben. Die ganze Fülle der Innerlichkeit darf sich hier entwickeln, die gastrosophische Lyrik darf ihre reizendsten Arabesken durch solch ein Diner schlingen, Tasso, Nathan, Leben ein Traum, und dergleichen, bilden die dramatische Parallele dazu. Solche Diners geben Sie, schöne Gräfin! Man ist berechtigt, auch hier noch einen großen Maßstab anzulegen, aber man heißt es gut, wenn Alles einen holderen, blühenderen, einschmeichelnderen Charakter trägt. Eine zweite Art des gastrosophischen Genre ist das Diner à la carte in guten Hotels erster Klasse!

›Ein Jeder sucht sich endlich selbst was aus,
Wer Vieles bringt, wird Manchem Etwas bringen,
Und Jeder geht zufrieden aus dem Haus.‹

Das ist wie ein gemischter Theater-Abend. Auf der Speisekarte oder dem Komödienzettel steht Allerlei. Ein einactiges Schauspiel – guter Braten, Ragout, Fricassee (man darf hier nicht zu strenge sein, noch auch zu strenge vergleichen wollen). Eine Arie aus einer Oper, gesungen von einer neuen Sängerin – Pastete, Fisch, Geflügel. Ein pas de deux – Hammelschlägel, gefüllte Kalbsbrust in Begleitung von spanischem Pfeffer. Endlich ein Lustspielchen – Dampfnudeln, Omelette u. s. w. Man hat ganz die Wahl, kann früh oder spät kommen und es ebenso mit dem Weggehen halten. Ein drittes Genre ist das Diniren an der table d'hôte, welches oft, vorzüglich auf Reisen, sehr interessant sein kann, zumal dem Zufall Mancherlei überlassen bleiben muß, was immerhin pikant wirkt. Man sieht schöne Damen sitzen,

›Zufällig naht man sich, man fühlt, man bleibt,
Und nach und nach wird man verflochten.‹

Das gibt feine Lustspiele im Dramatischen, Donna Diana, manche französische Stücke, auch wohl die Shakespeare'schen Komödien. – Mit Uebergehung einer Menge von Abarten, komme ich nun auf das tiefste Genre, die Hausmannskost, welche im Dramatischen durch Iffland, Kotzebue, Frau Birch-Pfeiffer und einige andere neuere Dichter ihre Vertreter findet. Da hören denn alle Postulate auf und das Reich der Concessionen beginnt. Eine Gries-, Milch- oder Kartoffelsuppe, Sauerkraut und Bratwurst – voilà tout! Es sollte mich nicht wundern, wenn man in Sachsen, dem Lande des Sauerkrauts, ein Familien-Diner mit Krautsuppe begönne, dann gedämpftes und gebackenes Sauerkraut (natürlich ohne Fleisch) folgen ließe, ferner gebratenes Sauerkraut mit Krautsalat servirte, und endlich zum Desert Jedem einen Krautkopf au naturel zum Einbeißen vorsetzte! Lachen Sie nicht, schöne Freundin, die Sache hat ihre sehr ernsten Seiten! Was habe ich nicht zuweilen darunter leiden müssen! Denken Sie, ich komme gelegentlich kurz vor Tische (wie das leider zuweilen geschieht) zu einem Collegen, dem Vater einer zahlreichen Familie. Er wird zu Tische gerufen, der Unglückliche kennt meine gastrosophischen Ansichten nicht, weiß nur, daß ich Garçon bin, und ladet mich ein, sein frugales Mittagessen zu theilen! Ich entschuldige mich, er nimmt es für Zartheit, dringt immer cordialer in mich, endlich fühle ich mit Entsetzen meinen Widerstand gebrochen, und ich renne in mein Verderben! Keine Götter geben

›– mir die Zeiten wieder,
Da ich noch selbst im Werden war‹

und an Biersuppe oder dicken Erbsen und Pökelfleisch ein herzliches Genügen hatte! Da sitze ich, sehe ein halbes Dutzend bereits kauender Kindergesichter, merke an dem etwas befangenen Mienenspiel der Hausfrau, wie unerwünscht es ihr sei, daß ich hinter die gastrosophischen Mysterien ihrer Wirtschaft komme – sitze, sehe ein Kauen um mich her, das mir den Angstschweiß auf die Stirne treibt, fange selber an zu kauen und zu schlucken, und stehe Qualen aus, deren Erinnerung mich auf eine Woche elend macht!«

»Sie schildern das auch zu arg!« lachte die Gräfin. »Ich nehme da die Partei der Hausfrauen und bin überzeugt, Sie haben bei dergleichen improvisirten Familiendiners ganz gut gespeist, nur daß Ihnen einmal nichts recht zu machen ist. Sie sind ein extremer Gourmand!«

»Was sagen Sie, schöne Freundin! Ich ein Gourmand? Nein, nimmermehr! Ein Friand vielleicht, ein Gastrosoph aber gewiß, ein Kenner der Kunst des Dinirens, aber gegen die Gourmandise, deren Wesen an der Quantität haftet, muß ich protestiren! Ich koste freilich von Allem, das ist meine Pflicht, denn nur dadurch läßt sich der Gesammt-Eindruck, die Kunsthöhe eines Diners bestimmen, aber viel essen, förmlich am Kauen mich ergötzen – nein, das ist meine Art nicht! Betrachten Sie da drüben den Obersten Freßberg, der ist ein Gourmand – doch nein, auch diese Bezeichnung ist für ihn noch zu gut! Sehen Sie, wie er völlig ohne Grazie, völlig unästhetisch, ganz wider alle Regeln der Gastrosophie, wahrhaft fuderweise die herrliche Gabe in den Mund stopft, wie sein ganzes Wesen aufgeht in dem Gedanken:

›Zwar ess' ich viel, doch möcht' ich Alles essen!‹

Sehen Sie, wie er seinen Teller wehmüthig betrachtet, und mit einer Weißbrodscheibe den letzten Rest der Sauce zusammenkehrt! Sagen seine Mienen nicht deutlich:

»Verschwunden ist, was ich besaß,
Ein abgemähtes, welkes Gras!«

Und sehen Sie nur seine Augen an, wie er dort den Bedienten verfolgt, der die Schüssel hartherzig davon trägt, ohne ihm zum dritten Mal davon angeboten zu haben, sehen Sie diese Augen,

›Diese unvergleichlichen,
Wollen immer weiter,
Sehnsuchtsvolle Hungerleider,
Nach dem Unerreichlichen!‹

Und jetzt blüht er lächelnd wieder auf, denn Franz kommt mit der Flasche, ach –

›Ist jenes Fläschchen dort den Augen ein Magnet?
Warum wird ihm auf einmal lieblich helle,
Als wenn im nächt'gen Wald ihn Mondenglanz umweht?‹

Ja, warum? O, du Original! Uebrigens dauert die Wonne nicht lange, denn schon ist das Glas leer und er denkt melancholisch:

›Warum muß der Strom so bald versiegen,
Und wir wieder im Durste liegen?‹

Möchte man ihm nicht empört zurufen:

›Solch einen störenden Gesellen
Mag ich nicht in der Nähe leiden!
Einer von uns Beiden
Muß die Zelle meiden –‹«

»Um Gotteswillen!« rief die Gräfin. »Hören Sie auf! Sie überschütten mich mit Citaten und sogar mit Sauce, denn bei Ihrer Lebhaftigkeit kann Franz die Schüssel nicht erhalten!«

»O bitte tausend Mal um Entschuldigung, meine Gnädigste! Ist Franz da? Nun, Franz, welcher Herrlichkeiten bist Du jetzt ein Träger? Ah, Reis in der Casserolle und Ragout von – nun von?«

»Von Schildkröten.«

»Ah, von Schildkröten! – Göttlich! Schöne Freundin, wir sind bald auf der Höhe, der dramatische Knoten naht sich seiner engsten Schürzung! O delicat! Göttliches Ragout! Diese wunderbare Intensität des Gedankens ist wirklich einzig! Franz – höre, lieber Franz, noch etwas Sauce! Wie heißt der neue Koch, Franz?«

»Monsieur Hippolyte Fricasse la Nyctère.«

»Grüße Monsieur Hippolyte von mir, sag' ihm, er nehme eine achtunggebietende Stellung unter den gastrosophischen Künstlern der Gegenwart ein. – Was sagen Sie, schöne Frau, ist das Ragout nicht wundervoll?«

»Vortrefflich! Der Koch verdient Anerkennung.«

»Nicht wahr, meine Freundin? Wie sehr wir doch übereinstimmen! Ich fühle mich überaus glücklich, und bin der Ueberzeugung, daß Sie, meine Gnädigste, und ich, die beiden vernünftigsten Personen hier am Tische sind. Darf ich Ihnen in dieser glücklichen Stunde ein Wort sagen, das mir schon lange auf der Seele brennt? Sie ahnen es, aber leider sind Sie ihm schon zweimal ausgewichen. Der Moment ist günstig – schöne theure Freundin, mein Herz –«

»Warten Sie noch das nächste Gericht ab, lieber Freund. Uebrigens hat Ihre linke Nachbarin, Frau v. Zippel, schon drei Mal den Versuch gemacht, mit Ihnen anzuknüpfen, und scheint, da es ihr nicht gelungen, ein wachsames Ohr für unsere Unterhaltung zu haben. Bitte, sprechen Sie ein Weilchen mit ihr, ich stehe nach dem folgenden Gange dann wieder zu Diensten.«

»Wirklich?« flüsterte der Geheimrath mit leuchtenden Augen. »Ja, theure Gräfin, ich will mit Frau v. Zippel Conversation machen, obgleich sie fait macht von ihrer Geistreichigkeit, eine Eigenschaft, die mir ganz entsetzlich ist. Ich will reden mit der Zippel, denn Sie, meine Theure, geben mir die Kraft

›Zu diesem Schritt mich heiter zu entschließen,
Und wär' es mit Gefahr, in's Nichts dahin zu fließen!‹«

Der Geheimrath v. Schatz wendete sich also zu Frau v. Zippel und sagte: »Es ist überaus beglückend für mich, meine Gnädigste, endlich einmal neben einer der geistreichsten Frauen unserer Zeit zu sitzen!«

Frau v. Zippel lächelte gnädig und erwiederte: »Sie scherzen, Herr Geheimrath! – Wenn ich nicht irre, sprachen Sie eben mit der Gräfin Erlach über Poesie, ich hörte Sie Verse recitiren. Ich liebe die Poesie sehr, überhaupt die Literatur! Sie gibt uns Schwingen und hebt uns über die Gegenwart hinaus, in ungeahnte Sphären. Ich finde so oft in Dichtungen wieder, was ich selber schon gedacht habe, ja zuweilen ist mir's, als hätte ich das Alles viel besser sagen können, als der Dichter!«

»Ohne Zweifel, meine Gnädigste, ohne Zweifel! Sie leiden gewiß recht sehr an Nervenschwäche!«

»Wie so?« fragte die Dame etwas erstaunt.

»Nicht als ob ich durch eine solche Frage die Diskretion verletzen wollte, meine Gnädigste – ich halte nämlich die Nervenschwäche für den reinsten Aether der poetischen Auffassungsfähigkeit. Ein gewisses hysterisch-nervöses Leiden wird immer am empfänglichsten sein für die Poesie, ja es hört den vom Dichter angeschlagenen Ton schon in seiner ganzen Tragweite voraus, und zwar viel feiner, reiner, so daß das vom Poeten Gegebene am Ende nur Schlacke bleibt. So erkläre ich mir denn auch sehr wohl Ihr Gefühl, das Poetische poetischer sagen zu können als der Poet, denn gewiß haben Sie diese zarte Nervenschwäche.«

»Ja, es ist wahr, ich bin sehr nervenschwach, überaus nervenschwach!« lispelte die Dame sehr beruhigt, ja sogar geschmeichelt.

Der Geheimrath war in der rosigsten Laune, und da er keine Gefahr zu laufen glaubte, von Frau v. Zippel durchschaut zu werden, beschloß er auf Kosten ihres Geistreichthums etwas zu wagen.

»O dann, meine Gnädigste,« sagte er, »wird es Sie gewiß interessiren, das neueste Gedicht von Heinrich Heine kennen zu lernen, in welchem so ganz das nervös-ideale Element zur Erscheinung gekommen ist – oder sollten Sie es schon kennen? Es ist das Gedicht von der Maulbeerpflaume –«

»Von der Maulbeerpflaume? Sehr eigenthümlich! Nein, ich kenne es noch nicht.«

»Es ist ächt Heinisch, in jedem Verse werden Sie Heine erkennen. Darf ich es Ihnen recitiren?«

»O Sie werden mich unaussprechlich erfreuen, ich schwärme für Heine!«

Der Geheimrath räusperte sich, zupfte an seinen Vatermördern, sann einige Augenblicke nach – er mochte es nöthig haben – und begann dann mit großer Innigkeit:

»Die Maulbeerpflaume sehnt sich
Und glüht für eine Rose,
Der alte Graf steht daneben
Und spielt mit der goldenen Dose.

Die Pflaume mit tödtlichem Argwohn
Baumelt an ihrem Zweige,
Die Rose schwankt in Düften,
Es tönt eine ferne Geige.

Der Grafensohn spielt so süße,
Die Rose hebt sich am Stengel,
Die Pflaume ist angewachsen
Und seufzt: Ich armer Bengel!

Der alte Graf steckt die Dose
In die Westentasche d'rauf,
Er pflücket lachend die Rose
Und frißt die Pflaume auf.«

Nachdem der Geheimrath diese, in der Eile von ihm selbst verfertigten Verse hergesagt hatte, lehnte er sich zurück, Frau v. Zippel aber sah ihn forschend an, und sagte: »Sollte dies Gedicht wirklich von Heine sein?«

»Aber können Sie zweifeln, meine Gnädigste?«

»So muß ich doch gestehen, daß ich schönere von Heine kenne.«

»Unmöglich, meine Gnädigste! Dringen Sie nur tiefer in den Gedanken ein! Es ist ja eine ganze Tragödie, eine Tragödie der ergreifendsten Art, im umfassendsten Sinne. Die Maulbeerpflaume ist ein sehnendes, aber durch die Verhältnisse gefesseltes Jünglingsherz, welches seine Liebe auf eine Schöne geworfen hat. Diese Schöne, die Rose, kann seine Neigung nicht erwiedern, sondern liebt heimlich den Grafensohn, dessen Gestalt der Dichter freilich etwas im Hintergrunde hat stehen lassen, der sich aber durch sein aus der Ferne herüber klingendes seelenvolles Geigenspiel als eine überaus ideale Erscheinung verkündigt, und ohne Zweifel die Töne seines Bogenstrichs, als schwerverhüllte Seelensprache, zur Rose hat hinüber schweifen lassen. Der alte Graf dagegen, dessen Spiel mit der goldenen Dose vor den Augen der Rose sehr fein charakteristisch bezeichnend ist, steht da als ein Repräsentant der frivolen Welt, der den Fluch der Zeit versinnbildlicht und bestimmt ist, drei Herzen auf einmal zu brechen. Er pflückt die Rose – der alte Gedanke aus Schiller's ›Don Carlos‹, der übrigens hier viel zarter behandelt worden ist – er vernichtet das Glück seines Sohnes, des sehnenden Geigenvirtuosen, und frißt die Pflaume auf, das heißt: er richtet auch den Jüngling zu Grunde, der, wie er weiß, eine Leidenschaft für die Rose im Busen trägt, für die Rose, die er jetzt Frau Gräfin zu nennen verurtheilt ist. Was sagen Sie, meine Gnädigste? Ist der Gedanke nicht groß und bedeutend?«

Frau v. Zippel hatte eingehend und verstehend den Commentar verfolgt, wiegte jetzt beifällig das Haupt, und sagte mit einem Blicke gegen den Plafond des Saales: »Ach! Jawohl, überaus ergreifend! Jetzt bin ich ganz anderer Ansicht, das Gedicht ist einzig! Ich stieß mich nur an ein paar Einzelnheiten, doch jetzt – wie erschütternd klingen mir jetzt die wenigen Schmerzensworte der Pflaume: ›Ich armer Bengel!‹ Das ist ganz Heine! Es hätte anders ausgedrückt werden können, aber bezeichnender gewiß nicht. O himmlisch! Mein bester Geheimrath, das Gedicht müssen Sie mir abschreiben!«

»Mit dem größten Vergnügen, meine Gnädigste!« entgegnete schmunzelnd der Geheimrath. – »Ah, Franz, was bringst Du da? Sieh, sieh – canards aux olives, wie mir scheint, richtig! Wenn sich dieser Gang auf der Höhe erhält, so ist dies das großartigste Diner, das ich jemals erlebt habe. Ah! Hm – recht weich! Die Sauce sehr kräftig – – Gott – Himmel – o weh! – O weh!«

Der Geheimrath legte Gabel und Messer nieder, seine Züge wurden sehr ernst, ein tiefer Seelenschmerz, eine trostlose Enttäuschung, eine dumpfe Gleichgültigkeit gegen Gott und Menschheit gingen in düstern Schatten über sein Antlitz. Er hatte auf eine Olive gebissen, und diese – ganz hart gefunden! »Q weh,« seufzte er noch einmal still vor sich hin, lehnte sich zurück, blickte schmerzlich bewegt auf seinen Teller, und sprach fünf Minuten lang kein Wort.

Bald darauf wandte sich die Gräfin zu ihm. »Ich hörte,« sagte sie, »wie sie mit Frau v. Zippel über Heine schwärmten.«

»Die Zeiten der Schwärmerei sind vorüber!« erwiederte trocken der Geheimrath.

»So? Mit einem Mal? Sie sehen ja ganz verstört aus?«

»Ich habe auch Grund dazu! Die Welt ist wirklich ein Jammerthal, und – die Menschen? Man lebt eigentlich nur in ewigen Täuschungen und bittern Enttäuschungen. Glückselig, wer nie das Bessere kennen lernte! Das Gute wird er doch nie erringen, und wenn der Mensch weiß, daß ein Gipfel unerreichbar über ihm ragt – Thor, wenn er dann noch beginnt emporzuklimmen!«

»Aber wie soll ich das Alles verstehen? Sie sind räthselhaft! Waren Sie doch eben noch in der heitersten Stimmung!«

»Meine Gnädigste, ich will Ihnen nur gestehen, was mich verstimmt, ja erbittert hat. Die canards aux olives –«

»Waren doch vortrefflich?«

»Nein, meine Gnädigste! Ich habe auf eine Olive gebissen und sie steinhart gefunden!«

»Und diese eine Olive hat Sie so verstimmt? Hahaha! Sie sind überaus komisch! Eine Olive –! wird denn dadurch das Gericht verdorben, kann es nicht trotzdem ganz vortrefflich sein?«

»Ob es kann? Kann – kann!« rief der Geheimrath durch das Lachen der Gräfin etwas gereizt. – »Wer thut heutzutage noch ganze Oliven an das Ragout? Man kann es, o ja, und sie können alle hart wie die Kieselsteine sein! Man kann aus abscheulichster Fahrlässigkeit auch wohl nur eine Olive ganz haben hineinfallen lassen – gewiß! Die Enten können ungerupft ins Ragout gethan sein, die Mehlspeise kann räucherig, der Braten in die Asche gefallen, die Aepfel können wurmstichig, das Aprikosencompot verpfeffert und das Gefrorne versalzen sein! Es kann – was kann nicht Alles! Aber die Frage ist, ob es das soll? Es soll, es darf keine, nicht eine Olive hart sein, wenn dieselben denn doch nun einmal ganz in's Ragout geworfen worden sind, und das Ragout unbeeinträchtigt bleiben soll! Was – wenn uns der dramatische Dichter in einem Stücke in der ausgezeichnetsten Weise bis zur festesten Schürzung des Knotens gebracht hat, so daß wir nun zu den hochfliegendsten Erwartungen berechtigt sind, und er läßt seinen Helden nur ein Wort aussprechen, welches gegen sein ganzes System sündigt, ja es umstößt – was, sollen wir da nicht ungehalten werden? Und haben wir hier nicht denselben Fall vor uns? Hier ist sogar gegen die ersten Bedingungen der Gastrosophie gesündigt worden. Der kategorische Imperativ der Gastronomie heißt: das Essen soll gahr sein. Es war aber nicht gahr! Sie sagen: Was thut eine Olive? Eine Olive ist die Ursache, daß das ganze Diner in seinem Kunstwerthe zu nichte wird. Monsieur Hippolyte Fricasse la Nyctère ist ein Stümper, ein Pfuscher, ein Sudelkoch! Was – es wird hier ein Diner gegeben für Kunstkenner, für Gastrosophen im großen Sinne, was – und man setzt uns rohe Oliven vor? Warum nicht gleich den rohen Krautkopf zum Einbeißen, von dem ich vorhin sprach? Wir sind gastrosophische Autoritäten – ja, das ist es aber! Wo gilt heutzutage noch Autorität? An diesem Mangel leidet unser religiöses, unser künstlerisches und wissenschaftliches, unser Staatsleben! Wir haben es in unglücklichen Jahren gesehen, wie jede Autorität mit Füßen getreten wurde! Und ist's nicht in der Wissenschaft ebenso? Dringt nicht die verruchteste Tendenz selbst in die Forschungen der Gelehrten? Malt, modellirt, dichtet man nicht von Grundsätzen aus, die allen Grund unterwühlen? Und unsere Schulen? Erziehen sie nicht eine Generation, deren Emporwachsen ein solider Charakter mit gerechtfertigter Besorgniß beobachten muß? Ideen werden hier schon in die jungen Köpfe gesäet, die zur schrecklichen Frucht heranreifen werden. Was fehlt hier hauptsächlich? Autorität! Respect! Man hat moderne Ansichten, man will sich von vielem Conventionellen befreien, man nennt es absurd und unzeitgemäß! Auch unter unserm Bürgerstand ist der gute Boden gelockert, der Handwerker bekümmert sich um Politik, und kann täglich in oppositionellen Zeitungen Angriffe gegen die Organe der Regierung lesen, Angriffe, die ihm nur zu sehr einleuchten, da seine Beschränktheit in Ideenkreise gezogen wird, wo ihm Alles neu ist, Alles imponirt, Alles Wahrheit erscheint, was gegen die rechtmäßige Autorität ausgesprochen wird. Der Verlust der Au – – –«

Der Geheimrath kam plötzlich zum Bewußtsein, daß er die letzte Hälfte seines Monologs nur für sich selber gesprochen hatte, er sah, wie die Gräfin sich in ein anderes Gespräch mit ihrem zweiten Nachbar, dem Hauptmann Zabel, vertieft hatte, welches sie sehr zu fesseln schien. Er sah mehrere Gesichter der Nachbarschaft erstaunt auf sich haften, er fühlte, daß er sich von seiner Aufregung habe fortreißen lassen, daß er sich vergessen habe, und gerieth in einen Zustand, in welchem Unwillen und Verlegenheit mit einander kämpften. Verwirrt fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, griff nach seinem Glase, welches er, obgleich es leer war, an den Mund setzte, und endlich saß er mit übel verhehlter Befangenheit in sich gekehrt da.

Die Gräfin hatte den Geheimrath trotz ihres Gespräches beobachtet, und als sie ihn endlich zur Ruhe gekommen sah, wandte sie sich wieder zu ihm, und begann mit theilnehmender Miene und mitleidigem Tone: »Nun, mein armer, unglücklicher Freund, haben Sie sich von der bösen Olive erholt? Wenn harte Oliven einen derartigen Zustand bei Ihnen hervorrufen, so sind Sie vollkommen in Ihrem Rechte, keine essen zu wollen!«

»Und Sie, meine Gnädigste,« entgegnete kleinlaut der Gastrosoph, »sind in Ihrem Rechte, mich zu verspotten! Gott im Himmel, ich habe mich in einer Art vergessen, wie es mir noch niemals begegnet ist! Können Sie mir verzeihen, schöne Gräfin?«

»Warum nicht, lieber Freund? Sie waren körperlich, so wie auch gemüthskrank, und einem Kranken muß man ja wohl verzeihen.«

»Sie sind überaus edel! Ich habe einen schweren Kampf durchgerungen, habe kennen gelernt,

›daß dem Menschen nichts Vollkommnes wird,‹

nun aber bin ich ruhig. Die Hoffnung lebt noch in mir – ja, dennoch, dennoch lebt sie noch! Denn meine Wartezeit ist vorüber, schöne Gräfin – darf ich nun das ernste Wort aussprechen? Ich bin ernster jetzt, mein Zustand hat sich durch eine strenge Erfahrung und durch Irrthum geläutert – nicht wahr, nun darf ich reden, wie mein Herz –«

»Nur noch einen Augenblick!« entgegnete die Gräfin, und dann zu Franz gewendet, fragte sie diesen: »Was gibt es jetzt, Franz?«

»Aspic von Gänseleber,« war die Antwort.

»Aspic von Gänseleber?« wiederholte der Geheimrath, indem er wieder freudiger aufzublühen schien.

»Lieben Sie einen Aspic von Gänseleber ganz besonders?« fragte die Gräfin mit dem holdseligsten Lächeln.

»O leidenschaftlich, meine Theure!«

»Nun dann, mein Freund, lassen Sie den Aspic erst vorübergehen, ehe Sie sprechen, denn ich wünsche nicht, daß Ihnen ein zweites Gericht verdorben würde.«

»Verdorben würde? Himmel – ahnen Sie denn auch, welche Frage ich an Sie richten will?«

»Gewiß, ich ahne sie.«

»Und Sie fürchten, mir den Aspic durch Ihre Antwort zu verderben? Zu verderben, meine Theure?«

»Beruhigen Sie sich, Bester, Sie sollen mit mir zufrieden sein!«

»Wirklich?«

»Vollkommen! Ah, sehen Sie, da kommt Johannisberger, davon nehme ich auch ein Glas. Ich liebe dies Arom!«

»Sie sind göttlich, schöne Gräfin! Franz, gib den Aspic her! Das ist Balsam! Dieser Aspic ist einzig! O verzeih' mir, Hippolyte Fricasse la Nyctère! Alles ist vergessen,

›Die Thräne quillt, die Erde hat mich wieder!‹

Und dieser excellente Johannisberger! Hm! Ach ja – ›wer nie sein Brod in Thränen aß,‹ wie ich vorher meine canards aux – still, mein Herz! ›der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!‹ Franz, noch etwas Aspic! Du darfst mir auch mein Glas noch ein Mal füllen.«

Der Geheimrath aß jetzt und trank und wurde von seiner Nachbarin nicht gestört. Nachdem er dem aspic noch ein letztes Superbe! geweiht hatte, räusperte er sich und begann: »Und nun, meine über Alles Theuere –«

»Lassen Sie mich Ihnen zuvorkommen, lieber Geheimrath!« fiel die Gräfin, welche den Moment abgepaßt hatte, ihm in die Rede. »Ich denke mir, Sie haben die Absicht, mir in dieser sehr scharfsinnig gewählten Stunde Ihre Hand anzutragen?«

»Sie errathen meine Gedanken! Und ich darf hoffen?«

»Halt, lieber Freund! Machen wir uns die Sache klar! Sie wollen mein Freund sein, nicht wahr?«

»Gewiß, der treueste!«

»Gut! Dann brauchen wir uns nicht zu verbinden. Ich denke mir, lieber Freund, für unsere Freundschaft ist es am besten, wenn Alles beim Alten bleibt. Ich werde Sie stets für einen der liebenswürdigsten Gesellschafter halten, und Sie werden mich hoffentlich stets mit erneuetem Interesse aufsuchen. Was brauchen wir mehr? Genügt uns das nicht vollkommen? Keine Widerrede, lieber Freund, es genügt. Glauben Sie mir,« fuhr sie mit schalkhaftem Lächeln fort, »wenn wir uns verheiratheten, würde ich vor Tische doch oft mit Besorgniß an die canards aux olives denken, vielleicht sogar an jenes abschreckende Beispiel des tiefsten gastrosophischen Genre, welches Sie vorher so anschaulich dargestellt haben. Nun genug davon. Ich bitte Sie, lassen Sie dies schwermüthige Korbgesicht! Sie haben eigentlich keinen Korb bekommen. Ich ahnte, daß Sie meine Hand wünschten, beugte vor, und mache Ihnen nun dafür ein bei Weitem größeres Geschenk, nämlich – meine Freundschaft! Stoßen Sie mit mir an, ich habe mir zu diesem Zwecke ein Glas Johannisberger geben lassen, das ist ein würdiger Wein, um auf ewige Freundschaft anzustoßen! – So – und nun kein Wort mehr von abgemachten Dingen! – Nun aber, lieber Freund, will ich Sie gleich zu einem Freundschaftsstück auffordern, nämlich, sich für ein aufkeimendes Verhältniß zu interessiren und mir behülflich zu sein, den Faden zum Knoten zu schürzen. Wir wollen ein Drama componiren, und zwar aus lauter hier am Tische sitzenden Personen. Sie helfen mir, nicht wahr?«

»Aber, meine ganz entzückende Gräfin –!«

»Aber, mein ganz entzückender Geheimrath! Lassen wir jetzt die Entzückungen! Sie stehen mir mit Rath und That bei – keine Widerrede!«

»Wer kann Ihren Befehlen widerstehen? Gebieten Sie ganz über mich!«

»Gut!« sagte die Gräfin. »Erst von diesem Augenblick an haben wir Anspruch auf eine Qualität, welche Sie uns schon früher zusprachen, nämlich, daß wir die beiden vernünftigsten Personen an dieser Tafel seien. Nun zur Sache! Da Sie sich Alles dramatisch denken, so will auch ich jetzt meinen Plan dramatisch componiren. Die handelnden Personen des Dramas sind zuerst, wie billig, die Liebenden. Da die meinigen sich aber zu passiv verhalten, will ich sie in Bewegung setzen. Da sehen Sie dieselben, Sidonie Rosenthal und Kuno v. Blankknopf!«

»Ah, Sie überraschen mich, schöne Freundin! Ist es Ihr Ernst?«

»Allerdings. Es ist Zeit, daß das Mädchen sich verheirathe. Interesse für den Lieutenant ist vorhanden, ich habe sie fortwährend beobachtet. Und ob er Sidonien gern nähme – keine Frage! Nun aber ist eine Person unsers Dramas vorzüglich in's Auge zu fassen, nämlich der grausame Vater.«

»Meisterhaft, meine Gnädigste!«

»Ich sagte Ihnen schon, daß Vater Rosenthal einige Bedenken gegen den Lieutenant haben dürfte. Von der Stiefmutter ist nichts zu befürchten. Vor allen Dingen müssen wir uns also zu vergewissern suchen, ob Fräulein v. Bornhofen die ernstliche Absicht habe, ihren Neffen zum Erben einzusetzen.«

»Sehr klar. Ich bewundere!«

»Sagt sie ja, so ist Alles gut, wir sprechen dem Lieutenant Muth ein, sich noch bei Tische zu erklären, denn daß das geht, wissen wir ja!«

»Leider Gottes, schöne Freundin –«

»Still, keinen Rückfall! Blankknopf muß seine Erklärung deshalb schon bei Tische machen, weil ich den Commerzienrath überaus angeheitert sehe, und er in dieser Laune am besten bearbeitet werden kann.«

»Sie haben entschiedenes Talent für das höhere Intriguenstück, schöne Freundin! Aber haben Sie auch den Fall bedacht, wenn die Bornhofen Nein sagt?«

»Dann muß man eben zu des Commerzienraths guter Laune seine Zuflucht nehmen. Das sei später meine Arbeit. Jetzt aber geht die Ihrige an, Sie haben versprochen, sich für das Verhältniß zu interessiren?«

»Herzlich gern, aber ich bin in dergleichen wenig bewandert.«

»Haben Sie Visitenkarten bei sich? Ein Notizbuch und einen Crayon?«

»Stehe zu Diensten.«

»So nehmen Sie eine Karte und schreiben Sie unter dem Tische folgende Worte an die Bornhofen: Gnädiges Fräulein, der Drang der Umstände möge meine Frage entschuldigen. Haben Sie den Lieutenant Blankknopf zu Ihrem Erben bestimmt? – Genug. Haben Sie geschrieben? Geben Sie die Karte her! Franz!« flüsterte die Gräfin dem gewitzigten Diener, welcher die Teller wechselte, zu, indem sie die Karte zwischen Serviette und Teller schob, »diese Karte lasse Er dem Fräulein v. Bornhofen in den Schooß gleiten, wenn Er ihr den Teller reicht!«

Franz blinzelte mit den Augen, er hatte verstanden.

»So, mein lieber Geheimrath,« fuhr die Gräfin fort, »die Exposition, wie Sie es nennen, ist durch eine Correspondenz mit Visitenkarten eröffnet worden. Nun aber vergessen Sie Frau v. Zippel nicht, sie muß ab und zu beschäftigt werden.«

So knüpfte denn der Geheimrath eine Unterhaltung mit Frau v. Zippel an, welche sich zu des Ersteren Entsetzen über den Unterschied der englischen und französischen Romane zu verbreiten drohte. Bald aber berührte die Gräfin leise seinen Arm und winkte mit den Augen über den Tisch. Der Geheimrath blickte hinüber, er sah das Fräulein in das Studium der abgeschickten Visitenkarte vertieft und ließ seine Augen erwartungsvoll auf ihr haften. Fräulein v. Bornhofen schob die Karte in ihre Tasche und sandte dem Fragesteller einen Blick zur Antwort, in welchem sich Erstaunen und Mißbilligung die Wage hielten.

»Geschwind, lieber Freund,« flüsterte die Gräfin, »machen Sie eine recht unterthänige und flehende Geberde.«

Der Geheimrath veranstaltete das Geforderte, machte ein Gesicht, in welches er Alles legte, was er an Mienenspiel in der Eile auftreiben konnte, winkte dem Fräulein zu, ihre Augen nach dem unteren Ende der Tafel zu richten, und legte zum Ueberfluß noch die Hand auf's Herz. Das matronenhafte Fräulein folgte der bezeichneten Richtung mit den Augen und traf auf eine Situation, welche sie zu fesseln schien. Der Lieutenant Blankknopf hielt eben Sidoniens Sträußchen in der Hand und führte es mit einem verklärten Blick auf die Besitzerin desselben an die Nase, während diese – nämlich Sidonie – sich mit einem sehr effectvollen Augenniederschlag beschäftigte. Dieser Anblick schien die Bornhofen über des Geheimraths Frage aufzuklären; sie lächelte mit Hoheit, winkte den Bedienten zu sich und flüsterte ihm Etwas in's Ohr. Gleich darauf kam Franz mit der heimlichen Meldung an den Geheimrath, das Fräulein v. Bornhofen lasse sagen: Ja!

»Ausgezeichnet!« rief der Geheimrath.

»Vortrefflich!« bestätigte seine Freundin. »Jetzt, lieber Freund, nehmen Sie eine zweite Karte und schreiben Sie an unsern Jüngling. Sprechen Sie dem Lieutenant Muth ein und treiben Sie ihn zur Eile, denn wir sind schon dicht vor dem Braten. Die Fassung dieses Schriftstückes überlasse ich Ihrem eigenen Genius.«

Der Geheimrath, welcher jetzt anfing, Geschmack an dem Roman zu finden, zog eine Karte hervor und schrieb unter dem Tische Folgendes: Erklären Sie sich dem Fräulein gleich jetzt bei Tische, widrigenfalls ich für den guten Ausgang Ihrer Werbung nicht stehen könnte. Muth, Freund!

»Sehr gut!« sagte die Gräfin, als sie die Karte geprüft hatte. »Da kommt Franz!«

»Franz, mein Lieber, diese Karte an den Lieutenant v. Blankknopf, aber vorsichtig und heimlich,« flüsterte der Geheimrath. Franz nickte, lächelte verständnißinnig und reichte dem Geheimrath die Schüssel.

»Oh, da wären wir bei den Gemüsen! Was haben wir da? Carden mit Rindsmark – nicht mein Geschmack, muß aber gekostet werden. Blumenkohl mit geräuchertem Rheinlachs – welch eine weiße, göttlich schöne Dolde! Mit Verständniß zubereitet! Der Lachs ist gut. – Es ist doch merkwürdig,« fuhr der Gastrosoph fort, nachdem er seinen Teller geleert hatte und indem er sich behaglich die Hände rieb. »Es ist doch merkwürdig, wozu so ein albernes Ding wie eine Visitenkarte manchmal gut sein kann.«

»Was sagen Sie da? Eine Visitenkarte ein albernes Ding? Da irren Sie sehr. Eine Visitenkarte ist etwas sehr Bedeutungsvolles.«

»Darüber wünschte ich einige Belehrung, meine Gnädigste.«

»Gesetzt, es macht ein uns noch unbekannter Herr bei uns Visite, Wir sind nicht zu Haus, oder bei der Toilette, oder sonst verhindert, ihn zu empfangen, und finden seinen Namen auf der abgegebenen Karte. Da steht der Name, wir halten die elegante, glatte, weiße Karte in der Hand, noch ist sie uns ein glänzendes Räthsel, spiegelglatt wie die Möglichkeit. Wir sinnen der Lösung nach, denn eine Persönlichkeit, die wir kennen lernen sollen, ist denn doch von einigem Interesse. Die Beschäftigung damit bewirkt, daß wir bald anfangen, nach dem Unbekannten, der seinen Namen in unser Gedächtniß geworfen hat, zu suchen, daß wir mit jeder neuen, interessanten Erscheinung den Gesuchten in Verbindung bringen. Endlich wird er uns vorgestellt. Wir finden zwar, wie das zu geschehen pflegt, einen Andern, als wir uns vorgestellt hatten, sind aber nun überrascht. Mit wem wir uns denkend eine Weile beschäftigt hatten, dem bringen wir meist kein ungünstiges Vorurtheil entgegen, wenn er nicht selbst auf unsere Ungunst hingearbeitet hat. Eine Visitenkarte und ein Buch haben im Grunde dasselbe Schicksal.«

»Wie das, meine Gnädigste?«

»Haben wir eine Dichtung, einen Roman oder dergleichen mit Interesse gelesen, und wissen wir, daß der Verfasser in derselben Stadt mit uns, oder doch nicht allzu weit wohnt, so tritt meist der Inhalt des Buches in den Hintergrund – bei uns Frauen ist der Fall gewiß sehr häufig – und die Gestalt des Verfassers wird uns interessant. Sein Buch ist gewissermaaßen die Visitenkarte, die er bei unsrem Herzen abgegeben, die uns ein günstiges Vorurtheil erweckt, unsre Spannung, Erwartung und Neugier angeregt hat.«

»Sie sind eine geistreiche Frau –«

»Um Gotteswillen nennen Sie mich nicht so! Sie verbinden mit dieser Bezeichnung etwas Ihnen Mißfälliges, ich glaube, Sie wollen mich verspotten! Ich will auch um keinen Preis geistreich sein. Geistreich sein wollende Leute sind meist kalt und reflectirend, ihr Denken ist ein Haschen nach Witz und Pointen, sie empfinden nicht, sie calculiren nur. Sie leben nicht, sie denken nur so am Leben herum. Sie haben nicht das schöne Genügen, sich in einer Situation wohl zu fühlen, oder ganz darin aufzugehen. Daher erleben sie auch nichts, sondern machen sich ihre Erlebnisse nur zurecht. Ihre Erfahrungen sind kalte Reflectionen und Combinationen. Wenn man gelegentlich verständig ist und sich über eine Sache Rechenschaft geben kann, so ist das genug, man soll nur kein Handwerk von seinem Geistreichthum machen, kann aber Geist haben, so viel man will. Wenn ein Mensch liebenswürdig ist, so genügt er mir, er mag dabei so geistesarm sein, als Gott will! Aber sehen Sie doch – dort! Geheimrath – der Lieutenant hat die Karte bekommen – er ist ganz verwirrt und verlegen geworden!«

»Ei, er wird ja nicht, er ist ja kein Kind mehr!«

»Wenn er nur nicht die Fassung verliert!«

»Nicht doch, seine Qualität als Dragoner-Lieutenant bürgt uns dafür. Da kommt Spargel, schöner Lübecker Spargel! Welche kräftige lange Sprossen!«

»Lieber Freund, Sidonie wendet sich von ihm – er scheint zu beben, er verliert wahrhaftig die Fassung!«

»Er ist köstlich, dieser Spargel! So saftig, vom Kopf bis zum Schafte weich und genießbar.«

»Bester Geheimrath, sehen Sie nur –«

»Beste Freundin, sehen Sie nur die Stärke dieses Spargels! Er ist einzig – befehlen Sie nicht?«

»Geheimrath! Kuno wird feuerroth!«

»Franz, noch etwas Spargel!«

»Nein, ich begreife Sie nicht, Geheimrath! Unser ganzes Unternehmen steht auf dem Spiele, und Sie beschäftigen sich ausschließlich mit Spargel! Sie denken nur immer an Ihre Genüsse und haben keinen Sinn für die Entwickelung eines lebendigen Romans oder Dramas! Erst versprechen Sie mir, sich lebhaft daran betheiligen zu wollen, und nun lassen Sie mich an der gefährlichsten Stelle sitzen!«

»Meine schöne Freundin, die Götter wissen, wie weit ich davon entfernt bin, Sie sitzen zu lassen!« sagte der Gastrosoph mit Ruhe. »Aber so wie Sie vor einer Weile hinreichenden Grund hatten, mir meine Ereiferung vorzuhalten, so muß ich Sie jetzt bitten, sich nicht aufzuregen. Für's Erste mache ich Ihnen den Vorschlag, diesen ausgezeichneten Spargel zu kosten. Franz – etwas Spargel für die Frau Gräfin! Was nun unsern Lieutenant betrifft, so glaube ich aus der Art, wie er so eben einen Spargel zum Munde führt, abnehmen zu können, daß er vollkommen Herr seiner Sinne sei. Sollte dies nicht der Fall sein, so müssen wir dem Jüngling Zeit lassen, sich zu fassen, denn dergleichen will mit Ruhe entwickelt sein, und ich bin überzeugt, daß er unsere Bemühungen krönen werde.«

Doch es ist nöthig, daß wir uns jetzt einige Augenblicke von dem Geheimrath ab- und dem unteren Ende der Tafel zuwenden. Als Kuno v. Blankknopf die Karte des Geheimraths erhalten hatte, durchzuckte ihn ein unbeschreibliches Gefühl. Er hatte in dem Geheimrath niemals einen Freund gesucht, und die Ueberraschung dieser unerwarteten Hülfe, der Schreck, daß man seine Neigung durchschaut habe, verbunden mit der Notwendigkeit, seine Gedanken zu einem förmlichen Antrage sammeln zu müssen, raubte ihm, wie die Gräfin richtig beobachtet hatte, beinahe die Fassung. Für's Erste wußte er sich keinen andern Rath, als aus der Schüssel, welche Franz ihm reichte, ein Stück jambon au jus zu langen – er merkte erst einige Sekunden später, daß er in der Zerstreuung drei Stücke genommen hatte – einige Endivien dazu zu thun und kauend der Sache weiter nachzudenken. Es war auch für den Augenblick nicht möglich, Sidonie anzureden, da diese gerade mit einem Major, ihrem zweiten Nachbar, in einer Unterhaltung begriffen war, einer Unterhaltung, welche Kuno, da sie sein Vorgesetzter führte, nicht unterbrechen durfte. Der jambom au jus war wirklich ausgezeichnet – was waren aber für Kuno in diesem Augenblicke alle jambons au jus der Welt?

Endlich wandte Sidonie sich zu ihm. Ihre Stimme war weich, ihr Auge tief, ihr Mund holdselig, der Strauß an ihrem Busen bewegte sich.

»Ich sprach eben mit dem Herrn Major über den letzten Ball bei dem Minister Tettenborn,« sagte Sidonie zu Kuno.

»Ich tanzte auf diesem Balle den Cotillon mit Ihnen, gnädiges Fräulein!« sagte Kuno zu Sidonien.

»Ja wohl!« sagte Sidonie. »Wir hatten hübsche Touren!«

»Ich werde ewig an diesen Ball denken, mein Fräulein!« sagte Kuno. »Der Cotillonstrauß –«

Sidonie schlug die Augen auf, athmete und schwieg. Jetzt nahm Kuno einen gewaltigen Anlauf, raffte alle Fassung zusammen, griff in alle Saiten seiner Seele und ließ sie mit Einem Aeolsharfen-Accord dahinrauschen in dem Namen Si–do–nie!

»Kuno!« lispelte die Tochter des Commerzienraths, und war ganz Ahnung, ganz Wehmuth, ganz Innigkeit, ganz weiße Camellie auf himmelblauer Seidenfolie.

»Sidonie!« säuselte Kuno jetzt etwas kühner. »Ich kann mein Herz nicht länger verbergen, ich muß –«

»Kuno!« flüsterte die Geliebte ängstlich. »Jetzt nicht! Wenn wir von Tische aufstehen – im Gewächshause – hinter den großen blühenden Orangenbäumen – am Ende des Camellienganges – nur jetzt nicht!«

Das ließ sich hören, es war mit romantischem Verständniß arrangirt, Kuno schwieg daher. Nun könnte man von der Situation, in welcher die Liebenden sich befanden, etwa sagen, der Geist der Liebe schwebte ahnungsvoll um sie, und schlug seine Flügel über ihren Häuptern, oder auch: Amor stand auf der Lauer und schärfte seine Pfeile für zwei glühende Herzen – aber, der Wahrheit die Ehre, kein Geist der Liebe, kein Amor war in Person zwischen ihnen, sondern Franz mit der Schüssel, in welcher er dem Lieutenant einen der herrlichsten Rehrücken des neunzehnten Jahrhunderts präsentirte. Kuno lehnte ihn nicht ab, er wollte das Aufsehen vermeiden, und genoß davon. Da er sich aber nicht entschließen konnte, bis zum anberaumten Termin mit dem Fräulein noch von andern Dingen zu reden, glaubte er durch Geberden und Thaten zarter Innigkeit seine Liebe sprechen lassen zu müssen. Er zog daher dem Fräulein die Serviette vom Schooße, da er gesehen, daß sie mit dieser so eben ihre Lippen berührt hatte, und zog dieselbe an die seinigen, aber nicht um sich den Mund damit zu wischen, sondern um einen Kuß darauf zu drücken. Ein seelenvoller Blick Sidoniens dankte ihm dafür. Da sich Kuno hierauf sinnend und ohne ein Wort zu sprechen dem Rehbraten zuwandte, weshalb es unnütz wäre, ihm noch langer zuhören zu wollen, kehren wir zum obern Theile der Tafel zurück.

Als die Speisenden die Station des Bratens, welche dem Geheimrath wieder einige Ausrufungen des Entzückens entlockt, überwunden hatten, stürzten sich plötzlich alle vier Bedienten an die Tafel, nahmen alle Gerätschaften ab, zogen das Tischtuch herunter, und schon ging ein schmerzliches Zucken durch das Antlitz des Obersten Freßberg – aber siehe da, unter dem abgenommenen Tafeltuche ward ein zweites, blendend weißes sichtbar, die Tafel wurde noch einmal besetzt und die Freude erneuert.

»Ewige Götter!« jauchzte der glückliche Geheimrath. »Das Desert wird im ernsten Styl, im großen Sinne, in ganz moderner Fassung behandelt!«

Und so war es. Die Bedienten leiteten den zweiten Haupttheil des Diners, das Desert, mit bayerischem Crême ein, und der nunmehr erscheinende Champagner ließ aus seinem Schaum die gastrosophische Aphrodite, das Wohlbehagen des hungerlosen Naschens, entsteigen. Der Geheimrath behauptete, ihm werde ganz antik zu Muthe. In dieser Stimmung aber fiel es ihm schwer auf das Herz, daß noch kein Toast erklungen war, weshalb er sich denn schnell erhob, um in wenigen wohlgesetzten Worten das Wohl der Dame des Hauses auszubringen. Nicht lange darauf fühlte sich der Oberst Freßberg bewogen, den Hausherrn leben zu lassen, und zwar durch Vorausschickung einer Rede, welche aus lauter kurzen Sätzen bestand, deren erster lautete: Ich bin kein Redner! während der überraschend schnell sich daran schließende letzte Satz die Worte enthielt: Meine Herrschaften – ohne viel Worte – es lebe der Herr Commerzienrath v. Muffelseck! – –

»Es ist ein eigenthümlich Ding um den Champagner!« Zu dieser Bemerkung öffnete jetzt Frau v. Zippel ihre gebildeten Lippen gegen den Geheimrath.

»Sehr richtig bemerkt, meine Gnädigste! Aber dürfte ich fragen, warum?«

»Ich liebe ihn. Er ist kein Wein mehr, es ist schon etwas vom Nektar darin, etwas Ideales, Poetisches, Sprudelndes!«

»Sehr richtig! Sie sprechen, meine Gnädigste, wie eine fein empfindende Frau. Der Champagner ist nicht mehr starker, klarer Wein, er ist mit ätherischen Substanzen gemischt, und vielleicht ist es gerade diese Mischung, welche Sie so anmuthet. Ich wäre neugierig, wie Ihnen die Homerische Bowle munden würde, denn auch diese besteht aus einer Mischung.«

»Die Homerische Bowle? Liebte Homer die Bowlen vorzugsweise?«

»Wahrscheinlich, gnädige Frau. Und wahrscheinlich war es seine Lieblingsbowle, welche er durch seine Helden vor Troja zubereiten läßt. Diese Bowle heißt der Kykeon.«

»Kykeon? Sehr interessant – ach, ich glaube schon darüber gelesen zu haben. Hat nicht Lessing ein Buch darüber geschrieben?«

»Lessing? Ach, Sie meinen wohl den Laokoon? Nein, meine Gnädigste, das ist denn doch etwas Anderes. Die Homerische Bowle wird folgendermaßen bereitet: Man nehme ein ziemlich umfassendes Gefäß und streue in dieses zuvörderst eine Schicht geriebenen Ziegenkäse. Darüber schichte man eine gleiche Quantität geschnittener Zwiebeln und bestreue diese dick mit ›heiligem Kerne des Mehles.‹ Dann verbreite man darüber einen Guß flüssigen Honigs, und fülle das Gefäß mit Pramnischem Weine, worauf das Ganze tüchtig umgerührt und kredenzt werden kann.«

»Unmöglich! Sie wollen mir etwas aufbinden!«

»Halten Sie mich solcher Abscheulichkeiten fähig? Sie können sich selbst davon überzeugen, wenn Sie sich die Mühe machen wollen, den elften Gesang der Ilias zu lesen.«

»Aber das muß ja ganz ungenießbar sein!«

»Der Geschmack ist verschieden.«

»Pyramusschen Wein – nannten Sie ihn nicht so?«

»Pramnischen – aber verlangen Sie keine Auskunft über die Qualität dieses Weins –«

»O ich denke mir, das war der ganz gewöhnliche Kochwein der Alten, denn einen guten kann man doch zu einem so entsetzlichen Gericht nicht hergeben!«

»Ueberaus fein bemerkt, meine Gnädigste! Darüber sollten Sie eine Abhandlung schreiben, und Sie würden eine der ausgezeichnetsten Notabilitäten auf dem Gebiete der Archäologie werden! – Da kommt Ananas? Eingemachte Melonen – Pfirschen – Erdbeeren. Ist das Himbeer – aha! Ja, gewiß, Franz, laß mein Glas schäumen! Dies hier sind Confitüren – Nüsse, grüne Mandeln, nun, gekostet müssen doch alle diese Dinge werden.«

»Was haben Sie Ihrer Nachbarin denn da wieder aufgebunden?« fragte jetzt die Gräfin den Geheimrath.

»Aufgebunden, schöne Freundin? Durchaus nicht! Ich habe nur referirt, was Homer erzählt.«

»Homer? Lesen Sie denn den Homer? Aufrichtig!«

»Ich will's gestehen – ja! Ich lese ihn zuweilen, wenn ich mich nach all dem modernen Zeuge einmal nach etwas ganz Ursprünglichem sehne. Wie man nach all den verkleideten Statuen die Erquickung eines nackten Marmorbildes sucht – das gefällt Ihnen nicht? – nun oder wie man nach den vielerlei eingemachten Früchten ganz gern in einen frischen Apfel beißt, so wie dort die tyroler Aepfel, die zwischen den griechischen Weintrauben liegen – sie sehen recht gut und verlockend aus!«

»Also auch was die Antike betrifft, auch darin sind Sie Friand!«

»Schöne Freundin, Sie mißverstehen mich und mein System! Ich bin nicht Friand in Poesie, noch in einer der andern Künste, sondern ich schätze jede derselben einzeln, will aber die Gastrosophie, welche allerdings eine erhabene Friandise einschließt, als eine ebenbürtige Schwester der übrigen Künste anerkannt wissen. Wenn unsere Dichter nur erst so viel Bildung erreicht hätten, um Dichtungen dieses meines Schützlings zu schreiben!«

»Ueber diese ewigen Thorheiten!« entgegnete die Gräfin. »Manchmal reden Sie mit mir nicht vernünftiger, als mit Frau v. Zippel! Aber wohlan, ich will jetzt einmal auf Ihre Thorheit eingehen. Wie war's, Geheimrath, wenn Sie selbst sich an die Arbeit machten, Ihr System poetisch zu verwirklichen? Etwa in einem Roman, oder noch besser in einem Drama – o thun Sie's, ich sähe Sie so gern einmal auf dramatischem Gebiete!«

»Sehr verbunden, meine Gnädigste! Ich wüßte auch gleich einen passenden dramatischen Stoff für mein System. Nämlich – Sardanapal!«

»O lassen Sie mich gleich ein wenig helfen! Wie stellen wir das an? Halten wir den Sardanapal à la Lord Byron?«

»Durchaus nicht. Ich müßte diesen Charakter ganz anders auffassen, wenn ich ihn zum Träger meines gastrosophischen Systems machen wollte. Er dürfte kein wüster Schlemmer und Weichling sein, sondern ein Gastrosoph im ganzen und großen Sinne. Er müßte zum Märtyrer seiner gastrosophischen Idee werden, die er trotz seiner Königsschätze nicht durchführen könnte. Ferner würde ich ihn ganz ideal halten, und sein tragisches Pathos dürfte nur das sein, daß er einseitig die gastrosophische Kunsthöhe festhält, anstatt auch den übrigen Künsten ihr Recht einzuräumen.«

»Vortrefflich! Was freue ich mich darauf! Aber soll denn gar keine Liebe, kein Verhältniß in dem Stücke vorkommen? Geheimrath, ich bestehe auf ein Verhältniß! Eine Myrrha muß ihm gegeben werden, oder eine Cleopatra, oder – mein Vorrath von orientalischen Namen reicht nicht aus.«

»Schön! Er soll auch lieben. Seine Gemahlin soll sein Fluch, sein Entsetzen (der Geheimrath schielte ein wenig nach links) – sie soll eine Geistreiche sein, sie muß Romane schreiben und ein geistreiches Journal herausgeben!«

»Gut, aber wie soll sie heißen?«

»Etwa – Zippelina, oder Zierliese. Er könnte sie in leidenschaftlichen Augenblicken dann wohl Zippchen, Zierchen, Linchen oder Lieschen nennen.«

»Sie müßte aber doch auch mit ihm zu Grunde gehen?«

»Natürlich! Mit Wollust wollen wir sie morden! Für sie muß eine ganz neue tragische Gerechtigkeit ersonnen werden – halt, ich hab's! Sie müßte verurtheilt werden, sich an ihren eigenen Schriften zu Tode zu langweilen. Sehen Sie, auf diese Weise können wir sogar moralisch wirken!«

»Ohne Zweifel, aber wie denken Sie sich die Situation des Zutodelangweilens auf der Bühne? Ich halte das für schwierig.«

»Schwierig? Kommt es nicht oft genug in modernen Stücken vor, daß die Heldin in Gefahr ist, sich zu Tode zu langweilen? Nimmt sie noch ein anderes Ende, so dankt sie den Göttern für den fünften Act, der sie vor dem schrecklicheren Tode bewahrt hat Aber dennoch gebe ich zu, daß unser Stück Schwierigkeiten auf der Bühne haben werde. Da ich nämlich der gastrosophischen Grundsätze wegen, die ich im Sardanapal durchführen wollte, genöthigt sein würde, das ganze Personal wesentlich bei Tafel schmausend vorzuführen – (und ich wollte, da ich es ja so überaus wohlfeil hätte, ein Diner auf der Bühne geben, das seines Gleichen umsonst aufsuchen sollte) – so sehe ich wohl, daß unsere jetzigen Bühnen nicht im Stande sein werden, das ausgezeichnete Stück zu geben.«

»Was machen wir da? Lassen wir's drucken?«

»Die Verleger sollen ein Vorurtheil gegen gedruckte Dramen haben. Ueberdies, schöne Freundin, halte ich dafür, daß unsere herrliche Schöpfung sich mehr für das Privatleben, denn für die Oeffentlichkeit eignen werde. Ah, da kommt Gefrornes à la Nesselrode! Süß! Hold! Einzig!«

»Himmel! Aber wie steht es da unten mit unsern Liebenden? Kuno genießt sein Gefrornes so ruhig, als dächte er nicht an das, was wir ihm zur Pflicht gemacht haben!«

»Er wird doch keinen Korb bekommen haben?«

»Würde er dann so mit Muße den Löffel zum Munde führen?«

»Er hat vielleicht ewige Freundschaft erhalten!«

»Nein, Geheimrath, das geht nicht – in diesem Falle nicht! Sie freilich mögen mit Seelenruhe Ihr Gefrornes verspeisen, es wäre mir sogar unlieb, wenn Sie es nicht könnten, aber der Lieutenant darf diese Ruhe nicht haben!«

»So kühlt er mit dem Gefrornen die Gluth seines Busens ab. – Ei, die tyroler Aepfelchen, da kommen sie! Griechische Trauben – sehr schön und groß! Das da sind Mandelspähne, nicht wahr, Franz? Warte, ich will hier noch ein Bisquitchen dazu thun. Von den glasirten Früchten – nur ein Paar wollen wir prüfen. Die Bonbons – sie sind doch gefüllt? Ah, zweierlei! Halt, Franz, noch etwas Marzipan! Und aus dem Chaos von kleinen Niedlichkeiten da – nun geh' nur, Franz, ich werde Dir winken, wenn es nöthig werden sollte!«

»Wollen Sie das Alles noch aufessen?« fragte die Gräfin, indem sie den aufgehäuften Teller ihres Nachbars mit Erstaunen betrachtete.

»Mein Himmel, ich begreife auch nicht, warum man die Gänge des Desert so sehr übereilt! Die Sachen könnten nacheinander gereicht werden – ich weiß ich allerdings kaum, wie ich aus diesem Gewühl meines Tellers nun die richtige Reihenfolge ordentlich herstellen soll!«

Der Gastrosoph mußte die Leerung seines Deserttellers sehr beschleunigen, denn schon regten sich allerlei bedenkliche Anzeichen, welche darauf hindeuteten, daß die Tafel aufgehoben werden sollte. Etwas verstimmt blickte er, so weit die Prüfung der sehr verschiedenen Gegenstände seines süßen Chaos es erlaubte, im Kreise umher, und eben hatte er diese Mission vollendet und wollte Franzen in Betreff der kleinen »Niedlichkeiten« zu sich winken, als die Dame des Hauses sich erhob und das Signal zum Aufbruch gab.

»Jetzt, lieber Geheimrath,« flüsterte die Gräfin, »muß der Hauptschlag in unserm Drama eintreffen, und ich rechne auf Ihre Unterstützung. Ha – da verläßt Sidonie den Saal, und eilt in's Gewächshaus – das ist ein Zeichen! Richtig, der Lieutenant folgt ihr – Victoria! Es hat eine Verständigung stattgefunden. Jetzt gehe ich den Beiden nach, betrachte Anfangs die Camellien, und komme den Liebenden zu Hülfe, wenn es denselben an Muth gebrechen sollte. Sie aber, Geheimrath, stellen sich als Wächter in die Thüre zum Gewächshause, fesseln jeden eindringen Wollenden durch Unterhaltung – lassen aber Niemand hinein! Nur über Ihre Leiche gehe der Weg! Keine Widerrede! Wünsche gesegnete Mahlzeit!«

Der Geheimrath verneigte sich und murmelte:

»Und hat mit diesem kindisch-tollen Ding
Der Klugerfahr'ne sich beschäftigt,
So ist fürwahr die Thorheit nicht gering,
Die seiner sich am Schluß bemächtigt!«

Die Liebenden waren mit weiser Benutzung des Moments im Gewächshause verschwunden und wahrscheinlich bereits in dem verabredeten Winkel, »wo die Zitronen blühten,« mit Auswechselung ihrer Herzen beschäftigt. Die Gräfin betrachtete vorgeblich die Camellien, verschwand aber ebenfalls bald hinter den Blumen-Terrassen, verfolgt von einem Blicke der Frau v. Zippel, welcher es nicht entgangen war, daß hier Etwas im Werke sei.

Während die Gesellschaft Arm in Arm den Speisesaal verließ, und sich in die Fauteuils und Causeusen des anstoßenden Salons vertheilte, nahm der Geheimrath Franzen eine Tasse Kaffee ab, und stellte sich mit dieser breitbeinig – so weit dies nämlich der feine Ton zuließ – in den Eingang des Gewächshauses. Die erste, welche mit neugieriger Miene auf ihn zukam, und zwar in der schlecht verhehlten Absicht, dem Cerberus durch Schmeichelei und List den Durchgang abzugewinnen, war Frau v. Zippel.

»Welch ein entzückender Blumenflor!« rief sie aus.

»A propos, meine Gnädigste! ich wollte Sie schon vor einer Weile auf das schöne Oelgemälde hier seitwärts aufmerksam machen!«

»Ein Gemälde, Herr Geheimrath? Die Wände sind ja gar nicht decorirt?«

Der Geheimrath besah die Wand, sie war leer. »Ach,« rief er, »ich verwechsele das! Das Gemälde befindet sich in dem Salon, in welchem wir vor Tische waren.«

»Sogar Rosen sehe ich zwischen den Camellien!« fuhr Frau v. Zippel mit lang gestrecktem Halse fort.

»Da wollte ich Ihnen noch, gnädige Frau, von den neuesten Pariser Confituren erzählen: man macht nämlich jetzt auch Rosenknospen ein, wie man früher schon die jungen grünen Tannenzapfen, ähnlich den Nüssen, in Franzbranntwein und Zucker aufbewahrt hat.«

»Warum nicht gar! Wenn ich nicht irre, sehe ich dort die Uniform des Lieutenant Blankknopf unter den Blumen –«

»Es zieht hier etwas, meine Gnädigste, darf ich Ihnen meinen Arm anbieten? Im Salon ist es wärmer.«

»Herr Geheimrath, ich wünsche den Gärtner zu sprechen – wie es ihm gelingt, die Camellienblätter so blank zu erhalten?«

»Sie werden alle Sonnabend mit Spiritus und Kreide geputzt –«

»Herr Geheimrath, Sie scheinen mir absichtlich den Weg in das Gewächshaus zu versperren!«

»Allerdings, meine Gnädigste! Nur über meine Leiche geht der Weg! Um diesen Preis werden Sie keinen Eintritt verlangen!«

Frau v. Zippel sah ihn mit einem wüthenden Blicke an, und eilte in den Salon mit den Worten: »Ich muß doch die Frau Commerzienräthin fragen, wo sich Fräulein Sidonie befindet!«

Der Geheimrath athmete auf, murmelte: »Verlangt Dich nicht nach einem Besenstiele?« – schlürfte einen Zug des köstlichen Mocca-Trankes, und rief dann mit gedämpfter Stimme in's Gewächshaus: »Pst! Pst! Schöne Freundin – meine gnädigste Gräfin! Schürzen Sie schnell den dramatischen Knoten! Die Zippel wird es gleich ruchbar machen, daß ich diesen Eingang mit meinem Leibe decke, und ich werde der Gewalt weichen müssen!«

Schon aber trat die Gräfin mit strahlendem Gesicht aus dem Grünen hervor und rief: »Triumph, sie sind einig – jetzt muß der Commerzienrath bearbeitet werden. Den übernehme ich. Wo ist Franz? – Franz, ich lasse den Herrn Commerzienrath bitten, mir einige Minuten hier in diesem Saale zu schenken!«

Franz flog in den Salon.

»Sie, lieber Geheimrath, lassen sich schnell in ein Gespräch mit der Bornhofen ein, und bringen sie en promènent, wie zufällig, ebenfalls hierher. Eilen Sie!«

Der Geheimrath flog ebenfalls in den Salon, und begegnete dem Commerzienrath, welcher seinerseits zur Gräfin flog. Man flog, man sprach, man staunte, man wunderte sich, man holte die Commerzienräthin-Mutter und sodann die Liebenden aus dem Treibhauswinkel herbei, und nach zehn Minuten bewegte sich der geheimnißvolle Zug in gemessener Bewegung dem Salon entgegen, wo der Commerzienrath seinen Gästen Sidonien und den Lieutenant v. Blankknopf als Verlobte vorstellte. Hier war ein vielstimmiges Oh! die erste Antwort, bis Staunen und Freude sich in bewegteren Tönen Luft machten, und die Verdauung in anmuthigster Weise unterstützten.

Als der Geheimrath, der jetzt seine wirkliche Tasse Kaffee einnahm – die frühere war nur eine außerordentliche gewesen – in einem bequemen Fauteuil wiederum neben der Gräfin Erlach saß, sagte er: »Sie haben mich, schöne Freundin, heute in eine Thätigkeit gezogen, zu welcher ich, wenn ich in meine gastrosophischen Studien versenkt bin, niemals fähig zu sein geglaubt hatte!«

»Das war eben ein Irrthum,« entgegnete die Gräfin. »Sie pflegen bei Tische einseitig die gastrosophische Kunsthöhe festzuhalten, während ich Ihnen gezeigt habe, wie weit man auch andern Künsten bei Tische Spielraum gewähren müsse, z. B. der Kunst, zu beobachten, Fäden zu knüpfen, trotz des Kunstgenusses das Leben im Auge zu behalten. Uebrigens, daß auch Sie fähig sind, bei Tische noch andern Regungen, als denjenigen des Schmausens nachzugehen, davon, mein Theurer, wüßte ich ein Liedchen zu singen. Man muß bei Tische auf Alles gefaßt sein, Alles bewerkstelligen können. Hüten Sie sich, daß Sie bei Ihrem Versenken in die Kunst nicht, wie Ihr Sardanapal, zum Märtyrer der gastrosophischen Idee werden!«

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