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Erzählungen

Otto Roquette: Erzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorOtto Roquette
titleErzählungen
publisherVerlag für Kunst und Wissenschaft
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150709
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Der Freiwerber

Es war der letzte Winterball der Casinogesellschaft, die letzte der sechs Zaubernächte, welche die Väter der Stadt der tanzlustigen Jugend gewährten. Es war das letzte Mal, daß auf dem geräuschvollen Tummelplatze des Vergnügens, unter dem ausgeschütteten Füllhorn des Ballglückes, die Göttin Gelegenheit leise durch die Reihen huschte und zu tausend geheimen Beziehungen aufmunterte.

Ja, die herrlichen Casinobälle! Nicht allein, daß ihre Vorzüge und Reize Allem, was sich in Atlasschuhen und Glanzstiefeln bewegte, über aller Kritik standen, sondern sie hatten sich sogar in der stillen Ansicht Derer, welche, vermöge ihrer Stellung, auf solideren Sohlen einherschritten, als überaus praktisch erwiesen. Waren doch allein in diesem Winter bereits sechs Verlobungsfälle eingetreten, deren erste Fäden sich hier auf diesem beglückten Boden angesponnen hatten! Wenn daher zuweilen von jugendlicher Seite das Bedauern ausgesprochen wurde, daß dies nun der letzte Winterball sei, so konnte die Versicherung des Vorstandes, daß man für den nächsten Winter einige Bälle mehr anzusetzen denke, als eine aufrichtige und ernst gemeinte angenommen werden. Und so drehte sich das Völkchen selig im Genusse der Gegenwart durch die Reihen, während sich still und geheimnißvoll ein unsichtbares Netz durch den Tanzsaal spann. Ein Wort, ein Augenaufschlag – und die Masche saß fest. Einmal im Kreise herum – und der Faden zog sich weiter. Ein Vorübertanzen, ein Anstreifen mit dem Gewande, eine Schleife, ein Strauß im Cotillon – Masche um Masche, Faden um Faden, herüber und hinüber – es ward ein Netz, wie selten eins mit solcher Hingebung an die Sache gesponnen worden. –

Unter den unbetheiligt zuschauenden Herren befand sich Einer, der regelmäßig an dieser Stelle stand, regelmäßig, trotz der größten Aufmerksamkeit auf das bunte Treiben, keinen Schritt tanzte, und regelmäßig von der flatternden Jugend völlig unbeachtet blieb. Ihn selbst zwar zog es mit Macht hinein in die Reihen, aber eine andere Macht war stärker und bannte ihn an einen Punkt. Der Conrector Stievel wäre berühmt geworden wegen seiner Schüchternheit, wenn er nicht zu schüchtern gewesen wäre, irgend Einem auch nur einen Blick in seine Verfassung zu eröffnen. Wie aber wagte er sich dann in den Tanzsaal? Es war ihm selber unbegreiflich, wie er zu dieser Kühnheit gekommen.

Friedrich Stievel war Lehrer am Gymnasium der Stadt. Alle seine freie Zeit pflegte er in seinem Studierzimmer zuzubringen, wo die Lampe oft bis gegen Morgen qualmte. Er lebte abgeschlossen, nur unter seinen Büchern, ohne Bekannte, ohne Umgang. Es war eine unberühmte, trübselige Gelehrtenexistenz, von deren Annehmlichkeiten nur er selbst eine Kenntniß hatte. Aber auch in dieses der Welt entfremdete Leben war plötzlich ein Sonnenstrahl aus einer anderen Welt gedrungen, und hatte darin keine geringe Verwirrung angerichtet. Bertha hieß seine Sonne. Sie erwärmte ihn mit ihren Strahlen, aber sie wußte nichts von ihm. Er hatte sie einst auf dem Spaziergang gesehen, und sie von einer älteren Dame, wahrscheinlich ihrer Mutter, bei diesem Namen rufen hören. Aber kein Zufall wollte sie ihm wieder vorüberführen. Und unbekannt mit jener unschätzbaren Kunst, mit welcher fühlende Herzen sich den Zufall dienstbar zu machen, sich ihn zu erzwingen verstehen, lebte er in seinen stillen Wünschen fort, völlig rathlos in Betreff ihrer Erfüllung. Friedrich Stievel saß auch jetzt noch die Nächte bei seiner Studierlampe, aber seine Gedanken schweiften oft über den aufgeschlagenen Cicero hinaus. Bald ging seine Träumerei so weit, daß er selbst gegen seine Hand mißtrauisch werden mußte. Vorwitzig bewegte dieselbe einst einen Bleistift hin und her, und brachte die Züge eines großen B auf das Papier. Verstohlen kräuselte sich ein Be hinterher und plötzlich stand der Name Bertha im Cicero. Erschrocken fuhr der Conrector auf, sah sich argwöhnisch um, suchte den Namen mit dicken Strichen zu vernichten, und rieb endlich, in der Befürchtung, daß die verrätherische Schrift doch noch zu erkennen sein möchte, aus Leibeskräften mit einem Stück Gummi darauf herum. Bei dieser Operation zerknitterte sich das ganze Blatt, und die vernichtende Arbeit hinterließ die bedenklichsten Spuren, die ihn täglich in neue Aufregung versetzen sollten. Schlug er zu Anfang der Schulstunde den Cicero auf, so war's immer dies eine ränkevolle Blatt, welches sich offen hinlegte. Er mochte es machen, wie er wollte, Bertha! rief es ihm in der Schule, Bertha! bei der häuslichen Arbeit entgegen. Er ward zerstreut, verwirrt, er erröthete viel, und stand die heftigste Angst aus, daß alle seine Umgebungen die schrecklichen Vorgänge seines Innern errathen möchten. Gleichwohl nahm keine Seele Notiz von Friedrich Stievels Wonnen und Aengsten, sie blieben ungeahnt, wie alle übrigen Embryonen der Möglichkeit.

Da, als er eines Tages durch die winterlichen Straßen schritt, wurde sein Weg plötzlich durch eine Gruppe junger Damen versperrt. Er blickte auf – schon aber lag er, vor freudigem Schreck ausgleitend, quer über dem Rinnstein. Bertha führte das Wort unter der Gruppe, aus ihrem Munde vernahm er das eine rätselhafte Wort: »Casinoball!« Dann aber stoben sämmtliche Mädchen auseinander, erschreckt durch die Männergestalt, die sich zu ihren Füßen im Schnee wälzte, und trennten sich kichernd mit den Worten: »Also Sonnabend!«

Friedrich Stievel erhob sich verzweiflungsvoll, er hätte mit den ewigen Gesetzen der Natur rechten können, daß sie das Glatteis des Winters tückisch in ihre Erscheinungen aufgenommen; er grollte mit der Unvollkommenheit aller menschlichen Einrichtungen, die durch Ueberschuhe und schlechtes Steinpflaster den besseren Menschen in ihm so grausam beeinträchtigt hatten. Aber das Wort Casinoball klang in seinen Ohren, und fortan schien ihm dies ein Fingerzeig des Schicksals zu sein. Das Glück wollte, daß schon einige Tage darauf einer seiner Collegen dasselbe Wort aussprach, und zwar auf dem Corridor der Schule, und einem Menschen gegenüber, der mit einer langen Liste, voll von Namen, vor ihm stand. Der Mann verließ das Haus.

Der Conrector schwankte – und doch, hier galt es kein Bedenken, er eilte demselben nach, und fragte ihn, was es mit dem Casinoballe für eine Bewandtniß habe. Der Lohnbediente gab ihm eine bereitwillige Erklärung und machte ihn in zuvorkommender Weise mit allen Schritten bekannt, die er zu thun habe, um Mitglied der Casinogesellschaft zu werden. Und Friedrich Stievel that diese Schritte. Freilich in fast aufreibender Furcht, daß der Lohndiener, daß das Mitglied, welches ihn einführte, daß der Vorstand, daß die ganze Gesellschaft ja augenblicklich den Grund erkennen müßten, der ihn in ihren Verband trieb. Und als er zitternd und bebend sich zum ersten Mal in den erleuchteten Saal drückte, als er Bertha wie eine Sommerfee im Reigen schweben sah – das Gemisch von Beklemmung, Wonne, Angst, getreten zu werden oder selber Jemand zu treten, dies Herzklopfen, Staunen und Verwundern ist nicht zu beschreiben.

Indessen hatte ihn die Folge von sechs Bällen im Laufe des Winters doch schon etwas ruhiger gemacht. Wie bewunderte er die Kühnheit dieser jungen Männer, die, getragen von den Tönen der Mazurka, mit den jungen Damen dahinsausten, dann plötzlich Kehrt machten, und links herum mitten in den Strudel der Paare hineinras'ten, plötzlich straff dastanden und ohne sich zehnmal zu überschlagen, ihre Damen sauber am alten Orte absetzten. Und wie sie sich zu unterhalten wußten! Er war nun schon zweiunddreißig Jahre alt, aber der Gedanke, eine dieser luftigen Damengestalten anzureden, versetzte ihm den Athem, und dort jene zwanzigjährigen jungen Männer lachten, sprachen, wiegten sich, als wäre das das Allernatürlichste! Wenn ein neuer Tanz begann, und bei den ersten Tönen sämmtliche Tänzer durch den Saal flogen, wie eine Schaar schwarzer Habichte, die sich unter die zarten Küchlein stürzt: kein Küchlein eilt geängstigt unter die Flügel der Mutter, jedes läßt sich lächelnd von dem Daherschießenden ergreifen – dann zog es den Conrector gewaltig hinterdrein! Einmal war er in halber Selbstvergessenheit dem hastigen Fluge wirklich bis in die Mitte des Saales gefolgt. Da aber fand er das Bewußtsein wieder, sah sich jedoch zugleich in einer Lage, die ihm das Fürchterliche deutlich machte, ein Spielball der Verhältnisse zu sein. Rund um ihn her ging ein Wirbel von dreißig tanzenden Paaren, ein dämonischer Zauberkreis, welcher ihm keinen Ausweg verstattete. Aller Blicke waren auf den Unglücklichen gerichtet, der rathlos sich bald hierhin, bald dorthin drehte, um durch irgend eins der bald sich öffnenden, bald sich wieder schließenden Pförtchen entschlüpfen zu können. Schon glaubte er dem Taumel entronnen zu sein, da kam das Unheil in Gestalt eines tanzenden Menschenpaares hohnlachend herbeigesaust, und schleuderte ihn mit einem Ruck in die Mitte des Saales zurück. Dort wurde er von einem neuen Anprall empfangen, und flog ächzend nach der Seite der Mütter, von woher eine Menge Lorgnetten auf ihn gerichtet waren. Aber auch hier riß ihn der Strudel hinweg und von Neuem in's fürchterliche Centrum hinein. Ach, in diesem Sternentanze herrschte nicht das Gesetz streng gemessener Kreise, und so taumelte der Conrector Friedrich Stievel, geschleudert, gestoßen, getreten, bald rechts, bald links durch das chaotische Getümmel, bis endlich ein älterer Herr den Besinnungslosen beim Arm ergriff und an das Ufer der zuschauenden Väter rettete. Hier glaubte er seinen Geist aufgeben zu müssen vor Scham und Schrecken und eilte nach Hause, seinen Vorwitz bitter bereuend.

Dieser Vorfall hatte sich auf dem fünften Balle ereignet, und doch war der Conrector auf dem sechsten wieder erschienen. Er hatte den ganzen Winter über noch kein Wort mit Bertha gesprochen, er hatte nicht den Muth gehabt, sich ihr vorstellen zu lassen. Jedesmal war er mit dem festen Entschluß zum Feste gegangen, die Bekanntschaft mit der Sonne seines Lebens einzuleiten und jedesmal hatte er den Plan aufgeben müssen, denn die Nähe des Ziels machte alle seine Lebenspulse stocken. Wie oft, wenn er die aufregenden Touren des Cotillons beobachtete, und Bertha mit einer Schleife oder einem Knallbonbon an ihm vorüberstreifte, hatte er gedacht: Ach, wenn sie mich doch holte! Gott, wenn sie mir die Schleife brächte! Himmel, wenn sie mir den Bonbon zum Knallen reichte! Ach, aber die Ballfee bemerkte ihn gar nicht, oder wenn sie ihn bemerkte, so wendete sie sich vielleicht lächelnd zu einer Mitfee und flüsterte: »Da steht der komische Mensch, der uns einst auf der Straße zu Füßen fiel und den wir neulich wohl zwanzigmal über den Haufen getanzt haben!« –

Heute aber hatte der Conrector den festen Entschluß gefaßt, mit Bertha zu sprechen, denn es war vielleicht die letzte Gelegenheit, die sie ihm in solche Nähe brachte. Schüchtern wendete er sich an einen Herrn, denselben, welcher ihn neulich aus der Walzergefahr gerettet hatte, mit der Bitte, ihn jener Dame dort, im Rosenkranze und mit den rosigen Schleifen, vorzustellen.

»Sehr gern!« sagte der Angeredete, »das ist meine Tochter, ich führe Sie gleich zu ihr.«

Ein freudiger Schreck überkam den Conrector. Zwar hätte er fast gewünscht, der Herr möchte sich wegen Unbekanntschaft mit der Dame entschuldigen, anstatt sich jetzt von ihm an der Hand gefaßt und durch den Saal gezogen zu sehen, aber sein Führer war ja ihr Vater und dies bewirkte, daß seine Seele sich zuversichtlich an den Vortrefflichen anschmiegte.

Die Gruppe, in welcher Bertha stand, stob auseinander, als der Doctor Werner mit dem Conrector Stievel angezogen kam. Die jungen Damen steckten kichernd die Kopfe zusammen, und Bertha lächelte, als ihr Vater ihr den vor Verlegenheit förmlich zusammenschwindenden Mann präsentirte.

Der Conrector versuchte einige Worte zu stammeln, aus deren zitternder Bewegung einzelne Brennpunkte, wie: »Glück« – »hohe Ehre« – »längst gewünscht!« – hervortraten.

Die Rosenbekränzte aber wußte dem ängstlichen Auftritt schnell ein Ende zu machen, indem sie mit einer Verbeugung sagte: »Bedauere sehr, ich bin schon zu allen Tänzen engagirt!«

In diesem Augenblick schmetterten die Trompeten die Einleitung zum Cotillon und eine Hetzjagd mit Stühlen begann, daß der Conrector mit drei Sätzen aus dem Saale schoß, um nicht ein neues Unheil zu erleben. Der Doctor Werner, mit welchem er auf solche Weise bekannt geworden war, gesellte sich zu ihm und suchte ihn, indem Beide dem geistreichen Tanze bewundernd zusahen, in eine Unterhaltung zu verflechten. Und in der That war Friedrich Stievel plötzlich beredter geworden, denn jemals, so daß der Doctor zu der Ueberzeugung kam, eine recht angenehme Bekanntschaft gemacht zu haben.

Inzwischen hatte der Cotillon sich zu einer der bedeutungsvollsten Touren aufgeschwungen. Die Tänzerin saß in der Mitte auf einem Stuhle, während der Tänzer ihr Herren aller Art zur Auswahl zuführte, welche, wenn sie von der Dame verworfen wurden, sämmtlich hinter ihrem Stuhl zu warten hatten, bis endlich der Jüngling ihrer Wahl gefunden war. Eben saß Bertha in der Mitte. Ihr Tänzer, mit welchem sie ein Paar Worte geflüstert hatte, schien die größte Mühe zu haben, ihre Wünsche zu verstehen, denn schon stand ein imposantes Heer von dreißig schwarzen Fracks, verworfen und nur zu Trabanten bestimmt, hinter ihrem Stuhl. Allgemein wurde die Spannung, wer endlich der Erwählte sein werde, und schon murmelte Vater Werner halb unwillig vor sich hin: »Das Mädel wird mir zu ausgelassen!« während Königin Bertha ihr Taschentuch vor die Lippen preßte, und doch ein verrätherisches Lachen ihrer Augen nicht verbergen konnte. Da kam der junge Mann, welcher ihr fast schon das ganze männliche Personal zugeführt hatte, wie von ungefähr auf den Conrector zu, und ergriff seine Hand, um ihn vor den Thron zu führen. Friedrich Stievel trat erschrocken einen Schritt zurück, Vater Werner aber schob ihn vorwärts mit den Worten: »Gehen Sie, gehen Sie, damit die Sache zu Ende kommt, es ist vielleicht auf Sie abgesehen!«

Der Conrector sah sich vor den Thron geschleift, Bertha stand mit einer Verbeugung auf, und bezeichnete ihn als ihren Tänzer, indem sie ihm die Hand darreichte. Ein allgemeines convulsivisches Aufathmen, ein Gesichtverhüllen mit dem Taschentuche, die Stimmung einer Begebenheit, ging durch den ganzen Saal. Friedrich Stievel stand wie vom Schwindel erfaßt, er wußte von sich selber nichts. In der nächsten Minute aber schnaubte ein einzelnes Paar durch den Kreis, der Boden wurde gestampft, zwei tollgewordene Rockschöße klatschten in den Lüften zusammen, alle Ecken wurden unsicher, der Stuhl unter dem Kronenleuchter flog polternd zur Seite, die Trompeten auf der Galerie schienen ihre Töne der Hetzjagd des wilden Jägers zu entleihen. Bertha riß sich los und huschte auf ihren Platz, Friedrich Stievel aber, vor dessen Augen Alles im Kreise ging, drehte sich noch dreimal auf dem Absatze herum, stürzte dann in eine Ecke, und endlich, als er sich dort nicht heimisch sah, noch einmal durch den ganzen Saal und auf seinen früheren Platz zurück.

Als er wieder zu Athem kam, fühlte er, daß ein Ereigniß durch sein Leben gegangen sei, ja, es war nicht zu verkennen, daß des Conrectors Friedrich Stievel Verhältniß zur Welt plötzlich ein verändertes geworden war. Denn ein Gedanke enthob sich plötzlich seiner tiefsten Seele, ein Gedanke, so fremd, wie er ihn nie gedacht, aber mit Entschiedenheit und völliger Klarheit, und dieser Gedanke gestaltete sich zu dem Wunsche: Jetzt ein Glas Punsch!

Entschlossen schritt der Conrector aus dem Saale und durch die Reihe der Zimmer dem Schenktische entgegen.

Wer den schüchternen Mann nach Ablauf von zehn Minuten beobachtete, konnte die auffallendste Veränderung an ihm wahrnehmen. Freundlich lachend eilte er Allen entgegen und war, nachdem er den Platz neben Vater Werner wieder aufgesucht hatte, bald im Gespräch mit allen Umgebungen.

»Ei, ei,« sagte ein Herr zu ihm, indem er ihm mit dem Finger drohte: »Wer hätte das von Ihnen gedacht! Es schien ja, als wollten Sie das Fräulein durch die Luft entführen!«

»Sie glücklicher Bevorzugter!« sagte ein Anderer; »die schöne junge Dame verschmäht das ganze anwesende Männerpersonal allein zu Ihren Gunsten!«

»Ich gratulire!« ließ sich ein Dritter vernehmen; »auf diesen Triumph dürfen Sie stolz sein!«

Friedrich Stievel hörte diese Reden mit gläubigstem Gemüthe und kindlichster Seligkeit an; einen solchen Moment jemals erlebt zu haben, konnte er sich nicht erinnern.

Der Cotillon war aus, der Ball zu Ende. Die zersprengten Familienbande wurden wieder enger gezogen, Mütter traten hervor, sammelten ihre Töchter und hüllten sie in leichte Shawls, Väter tauchten aus dem Qualm der entlegensten Spielzimmer, um mit den Ihrigen nach Hause zu fahren. In diesem Momente der letzten Abkühlung näherte sich der Conrector der Werner'schen Familiengruppe, denn er hatte jetzt Muth wie ein Mann. Der Doctor stellte ihn seiner Frau vor. Friedrich Stievel bat um die Erlaubnis;, der Dame im Hause seine Aufwartung machen zu dürfen, und strahlte vor Wonne, als er erfuhr, daß man seinem Besuche mit Freude entgegensehe.

Als der Glückliche am andern Morgen erwachte und seine Erinnerungen des gestrigen Abends sammelte, konnte er sich nur schwer überzeugen, daß er nicht geträumt habe. Jetzt, wo er sich wieder unter seinen häuslichen Umgebungen sah, unter deren Einfluß die ganze Schüchternheit seines Gemüthes auf's Neue erwachte, erstaunte er über die Extravaganzen, die er begangen, und traute sich nicht die Fähigkeit zu, eine solche Handlungsweise zu wiederholen. Aber ein rosiger Abglanz schöner Augenblicke war doch in seiner Seele zurückgeblieben. Es war Sonntag, er brauchte nicht den Schulkatheder zu besteigen, und hatte Zeit, sich einer schwärmerischen Stimmung hinzugeben. Einiges Herzklopfen verursachte ihm der Gedanke an den Besuch, den er noch heute im Werner'schen Hause machen wollte, aber er beschloß fest zu bleiben, und fühlte sich wie von einer unsichtbaren Macht fortgetrieben, wenn seine Befangenheit Einsprache erheben wollte.

Von diesem Besuche, der durchaus befriedigend ablief, schrieb sich nun eine Bekanntschaft her, deren Einzelnheiten zu verfolgen für uns zu weitläufig sein würde. Der Conrector wurde zuweilen eingeladen, traf im Laufe des Sommers in öffentlichen Kaffeegärten mit der Familie Werner zusammen, und wußte sich mit den Eltern seiner Angebeteten auf's Beste zu unterhalten. Sein Verhältniß zu Bertha aber blieb ein durchaus schüchternes und unentwickeltes, denn eine grenzenlose Hochachtung versetzte ihm in ihrer Nähe noch immer den Athem. Bertha selbst schien unbefangen. Wir dürfen nicht verschweigen, daß sie nach jenem Balle sowohl von väterlicher, als auch von mütterlicher Seite einen kleinen Verweis über ihr auffälliges Possenspiel mit dem Conrector erhalten hatte, und da sie im Verlauf der Zeit die ganz besondere Achtung bemerkte, welche ihr Vater ihm schenkte, gewöhnte sie sich an ihn, und fand, die große Schüchternheit abgerechnet, den Mann nicht mehr so lächerlich.

Der Sommer verging, des Conrectors Leidenschaft wuchs, mit ihr aber auch eine wahre Todesangst vor dem doch so heiß ersehnten Augenblicke einer offnen Erklärung. Denn es war geschehn, er hatte den unbändigen Entschluß gefaßt, Bertha um ihre Hand zu bitten. Heirathen – Gott! Friedrich Stievel schauderte im Innersten zusammen, und wußte nicht, ob das Seligkeit, ob das Entsetzen sei?

In dieser Zeit geschah es, daß er einen Brief von einem Universitätsfreunde erhielt. Dieser, ebenfalls Philologe, schrieb ihm, daß er als Lehrer an dasselbe Gymnasium, an welchem der Conrector den Cicero traktirte, berufen sei, und sich herzlich freue, sein College zu werden. Friedrich Stievel fühlte sich sehr beglückt über diese Nachricht. Der Doctor Spaatz war der Einzige gewesen, dem er sich auf der Universität näher angeschlossen hatte, der auch sein Wesen verstand, vielleicht weil derselbe einige ähnliche Eigenschaften besaß. Er galt in den Augen des Conrectors für einen der außerordentlichsten Menschen. Phantastisch, von oft überschwenglichen Ideen, war er der Mann, welcher eine hohe Leidenschaft verstehen, ihr vielleicht ein glückliches Resultat bereiten konnte.

Der Herbst war vor der Thür, die Familie Werner begab sich auf eine längere Reise zu Verwandten, dafür aber erschien Friedrich Stievels Jugendfreund, welcher in kurzer Zeit andere Elemente in das einsame Leben des Conrectors brachte. Theobald Spaatz war in der That ein sehr außerordentlicher Charakter. Eine aufkeimende Neigung fand bei ihm das vollkommenste Verständniß, bei ihm, dessen ganzes Dasein eigentlich ein fortwährendes Neigungsflackern war. Oft wechselte er in einem Monat den Gegenstand seiner Neigung viermal, und zu einem entschiedenen Verhältniß zu einem Gegenstande war er noch nicht gelangt, aber er war durchaus geeignet, ein solches in großartigem Sinne zu erfassen. Die Auffassung war überhaupt das Bedeutendste bei ihm. Alles, was ihm nur einigermaßen ungewöhnlich erschien, versetzte ihn in die idealste Aufregung. Dann war er ganz Feuer, Hingebung an die Sache, dann wurde er Schöpfer der ausschweifendsten Pläne, für welche er sich eine Zeitlang eine titanische Gestaltungskraft zutraute. Kam aber der Moment der Ausführung, dann entfloh vor dem Eiseshauche der Wirklichkeit die ganze Glut seiner Phantasie, und eine Schüchternheit, ähnlich derjenigen seines stillen Freundes, erfüllte ihn mit tausend bangen Zweifeln. Diese letztere war der Grund, warum auch er sich gern zurückgezogen hielt, und nur aus der Stille eines bescheidenen Daseins die Blitze seiner Begeisterung sprühen ließ. Friedrich Stievel hatte derartige Blitze freilich niemals zünden sehen, aber er zollte dem Versender derselben die aufrichtigste Bewunderung, überzeugt, daß sein Freund der erstaunlichsten Handlungen fähig sei.

Wie groß und erhaben Theobald Spaatz des Conrectors Liebe ergriff, braucht kaum auseinandergesetzt zu werden. Er malte dem Freunde den Bräutigamsstand wie ein Märchen der Tausend und einen Nacht aus, die Ehe als ein Paradies, wo keine Obstsorte verboten ist, und keine Schlange die Glücklichen durch ränkevolles Betragen beunruhigt, er hob den Freund mit sich in eine Welt, wo Alles möglich, und dennoch Alles ideal war.

»Ja,« sagte einst der Conrector, »das sind wunderbar schöne Aussichten! Aber wenn ich dran denke, der herrlichen Bertha mit runden Worten meine Hand anzutragen, so tritt mir der kalte Angstschweiß vor die Stirn. Glaube mir, ich bringe die verhängnißvollen Worte nicht über die Lippen!«

»Wohlan denn!« rief Theobald Spaatz, »Du sollst mich als Deinen Freund erkennen! Ich selbst werde zu ihr gehn, werde ihre Hand für Dich erbitten. Du kennst mich, und wirst wissen, daß ich ein solches Versprechen mit guter Manier zu erfüllen weiß.«

»O Du edler, theurer Freund!« rief der Conrector freudig aufblühend; »ja, handle Du für mich, ich lege mein Glück in Deine Hand, Du bist dazu geschaffen, es mir zu erringen!«

Täglich, in freien Stunden, auf Spaziergängen, wurde dieser Plan hundertmal durchgesprochen, und der Begeisterte theilte dem Liebenden alle die schönen Wendungen und stylistischen Kunststücke mit, welche er sich für den großen Augenblick ausgesonnen hatte. »Aber noch Eins!« rief Theobald eines Tages. »Wir müssen auf alle Fälle gerüstet sein. Ein Liebesbrief muß geschrieben werden, ein Liebesbrief ist ein Haupterforderniß!«

Zu Hause angelangt, setzten die Freunde sich sogleich zusammen, um im Concept das Werk zu entwerfen. Theobald dictirte, indem er hastig im Zimmer umher schritt, und sich häufig vor dem Spiegel mit der Hand durch die Locken fuhr; Friedrich aber schrieb andächtig all die großen Worte nieder, und dankte im Stillen Gott für die Hülfe eines solchen Freundes. Ein Musterstück von einem Liebesbriefe, in den unglaublichsten Ausdrücken abgefaßt, war fertig, und wurde nun einer gemeinsamen Feile unterworfen. Am folgenden Abend schrieb der Conrector das vier Quartbogen lange Schriftstück ins Reine, steckte es in eine Briefhülle und adressirte es – die Versiegelung schob er noch auf.

*

Eine Woche verging. Da stürzte der Conrector eines Tages in das Zimmer seines Freundes mit den Worten: »Sie sind wieder da! Eben habe ich den Doctor vorüber gehen sehn. Jetzt, theurer Freund, erfülle Dein Versprechen und gehe an meiner statt zu Bertha. Den Brief habe ich schon gesiegelt und mitgebracht!«

Theobald erhob sich, etwas betreten über diese Wendung der Dinge, und sagte: »Möchtest Du nicht noch einige Tage abwarten – oder möchtest Du nicht erst den Brief absenden, und dann –?«

»Nein!« rief der Conrector, »heut und auf der Stelle muß es sein! Du hast es mir selbst angeboten, und mein Glück hängt von Deiner Hülfe ab.«

»Aber,« fuhr Theobald etwas befangen fort, »ich habe das junge Mädchen nie gesehen, wäre es daher nicht besser, Du führtest mich erst als Deinen Freund im Werner'schen Hause ein?«

»Es ist nur diese eine Tochter, nur dies eine Kind in der Familie,« entgegnete Friedrich, »Du kannst sie gar nicht verkennen. Du weißt die Wohnung, ich habe Dich oft genug vorübergeführt.«

»Bedenke nur,« warf Theobald ein, welchen jetzt ein leises Frösteln überkam, »daß sie mich nicht kennt, daß es ihr höchst wunderbar vorkommen muß, von einem Fremden in dieser Weise überrascht zu werden!«

Aber das Feuer Theobalds war jetzt, in demselben Maaße als es ihm entschwand, auf Friedrich Stievel übergegangen, und er mahnte den Zaudernden an alle Rechte der Freundschaft, an alle Gluten der Begeisterung, an alle Ideale eines besseren Daseins. »Du stellst Dich ihr als meinen Freund dar,« rief er endlich, »Du sagst ihr, daß es zwischen uns keine Geheimnisse gebe, Du strömst ihr die ganze Fülle Deiner Beredsamkeit entgegen – Theobald, es wird, es muß gelingen.«

»Aber,« erwiederte der Andre durchaus sachgemäß, »wenn ich sie nun nicht allein sprechen kann, oder wenn sie nicht zu Hause ist?«

»Dann allerdings,« sagte klagend der Conrector, indem er sich niedersetzte, »dann wärst Du umsonst gegangen, und – wir müßten die Sache aufschieben!« – Schnell aber erhob er sich wieder, und bestürmte den Freund von Neuem, wenigstens den Versuch sogleich zu machen, so daß dieser endlich den Widerstand aufgab und eine weiße Weste aus der Commode nahm. Der Conrector beeilte sich geschäftig, dem Freiwerber, dem er so viel verdanken sollte, bei der Toilette behülflich zu sein; er strich ihm die Falten des Fracks glatt, bürstete seinen Hut, und bemerkte in der eignen fieberhaften Aufregung nicht, wie Theobalds Hände zitterten und er mit der weißen Cravatte nicht zurecht kommen konnte. Endlich reichte er ihm den inhaltschweren Brief und sagte: »Und nun geh' mit Gott, mein bester Freund! Ich verfüge mich nach Hause und werde Dich da erwarten.«

So machte sich Theobald Spaatz als Freiwerber seines Freundes auf den Weg. Ihm war eben nicht gut zu Muthe. Jetzt, da das Abenteuer beginnen sollte, wurde ihm die ganze Abenteuerlichkeit desselben deutlich, und allerhand Pläne durchkreuzten ihn, wie er dem Auftrage entschlüpfen könne. Er fühlte, daß er zu viel übernommen habe, die Begeisterung hatte ihn im Stiche gelassen, und seine Stimmung wurde immer geängstigter, je mehr er sich dem Ziele näherte. Das Haus des Doctor Werner, eines sehr geachteten Arztes und wohlhabenden Mannes, war eines der letzten Häuser der Stadt und hatte einen großen, schönen Garten hinter sich. Theobald stand jetzt an der Thür, sein Herz klopfte hörbar, er überlegte, ob es nicht gerathener sei, sich noch zurückzuziehen. Aber die Gestalt des Conrectors stand flehend vor seiner Seele, er faßte einen kühnen Entschluß und zog die Klingel. O weh – die abscheuliche Klingel gellte auch so überlaut durch das Haus, als hätte sie Sturm zu läuten! Gewiß kommen nun gleich Vater, Mutter, Bertha, die Dienstboten aus allen Thüren gestürzt – was soll er vor dem gemeinsamen Andrang beginnen? Er verwirrte sich und dachte an schleunige Flucht.

Da wurde die Thür leise geöffnet, ein Dienstmädchen lauschte heraus und sagte unaufgefordert, die Herrschaft sei ausgegangen, nur das eine Fräulein sei zu Hause. Das war für die Ausführung des Vorhabens überaus günstig, und an einen Rückzug konnte nicht mehr gut gedacht werden. Er wünschte also zu dem Fräulein geführt zu werden, und das Dienstmädchen wies ihn in den Garten, wo die junge Dame sich aufhalten sollte. Der Freiwerber verwunderte sich einigermaßen über die Sorglosigkeit der Dienerin, welche von seinen schrecklichen Plänen nichts zu ahnen schien, und sich phlegmatisch in ein Zimmer zurückzog. Er öffnete die Gartenthür mit einer so schüchternen Behutsamkeit, wie der Conrector Stievel sie nicht besser hätte zur Erscheinung bringen können, schritt durch einen Gang, und stand in der Nähe einer Laube, in welcher er eine junge Dame erblickte. Die Dame legte das Buch aus der Leihbibliothek, in welchem sie studirt hatte, sogleich bei Seite und kam ihm mit einem Knix unbefangen entgegen. Theobald Spaatz begann mit einer Entschuldigung, daß er als Fremder hier eindringe, worauf die junge Dame entgegnete: »Die Andern werden wohl bald nach Hause kommen, bleiben Sie nur getrost hier. Oder wollen Sie vielleicht blos etwas bestellen?«

»Allerdings, mein Fräulein,« stammelte der Freiwerden, »ich habe hier etwas – abzugeben –«

Die junge Dame nahm ihm ohne Umstände den Brief, welchen er halb und halb überreichte, aus der Hand und las die Aufschrift. Ein Gedanke schien durch ihre Seele zu gehn, sie betrachtete den Verlegenen mit einem schalkhaften Blicke, nickte dann vergnügt mit dem Kopfe und steckte den Brief in die Tasche. Theobald wollte sich eben in die Einleitung zu einer längeren Rede verlieren, die Dame aber schnitt ihm schnell die Worte ab, indem sie sagte: »Wollen Sie inzwischen einmal den Garten betrachten? Sehen Sie nur wie schön die Georginen blühn! Die braune da! Und die rothe, ach und die gelben! Man sagt allgemein, daß der Werner'sche Garten der schönste in der ganzen Stadt sei.«

Theobald behauptete, das auch schon gehört zu haben, und folgte seiner Führerin durch die Gänge. Die Dame aber fuhr fort: »Ueberhaupt kann ich Ihnen gar nicht sagen, wie wohl es mir hier in der Stadt ist! Ich, als Kleinstädterin, bin gar zu glücklich hier! Die hübschen Straßen, und all die angenehmen Bekanntschaften – auch ist es bei weitem wohlfeiler hier, als man glauben sollte! Zum Winter kommen dann wieder die Casinobälle, ich freue mich unsäglich darauf, denn ich tanze gar zu gern, Sie tanzen doch auch?«

Theobald betheuerte dies.

»Das ist ja prächtig!« rief die Dame. »Ein Kränzchen soll auch eingerichtet werden, wir wollen mit vertheilten Rollen lesen, das soll einmal wieder ein herrlicher Winter werden!«

Die kleine untersetzte Dame schwatzte mit einer solchen Keckheit, mit einer so geläufigen Zunge fort, daß Theobald die seinige füglich entbehren konnte. »Na, Gott sei Dank!« sagte sie, »an Herren fehlt es hier nicht! Sie glauben nicht, was das in kleinen Städten manchmal für eine Roth ist auf Bällen und in Gesellschaften! Wir haben beschlossen, unser Lesekränzchen mit Maria Stuart anzufangen. Lieben Sie Schiller? Ach, ich schwärme für ihn, aber auch Bulwer lese ich sehr gern und Eugen Sue. Den Letzteren hat mir mein Vater verboten, aber ich begreife gar nicht warum? Einmal fragte ich ihn auf's Gewissen, warum ich von Sue nichts lesen sollte, da meinte er, ich könnte mir den Styl an der Lektüre verderben. Ach, mein Styl! Meine Aufsätze haben niemals viel getaugt!«

Theobald wollte behaupten, daß das unmöglich der Fall gewesen sein könnte, sie aber fuhr fort:

»Gott sei Dank, daß ich die Schuljahre hinter mir habe, wiewohl ich mich oft sehr gut dabei amüsirt habe! Wie wir den Lehrern auf der Nase herum gespielt haben, das glauben Sie gar nicht. Sehn Sie da den einen rothen Kohlkopf zwischen all den grünen, der kommt mir vor, wie der Schulmeister unter seinen Schülern! Mögen Sie rothen Kohl? Mein Geschmack ist's nicht, höchstens zum Gänsebraten. Sie sollten die Gänse sehn, die meine gute Mutter zum Winter mästet, es ist eine Pracht! Ich weiß es noch ganz genau, wie wir im vergangenen Jahre die letzte Gans aßen, nachher las uns der Vater den Tasso von Göthe vor. Meine Mutter schlief dabei ein, und ich muß gestehn, gar so schön finde ich das Stück nicht. Ueberhaupt Göthe – ich versteh' seine Bücher nicht, Sie mögen es mir nun glauben oder nicht. Ach Gott – da ist ein Frosch! Ich bin sonst nicht ängstlich, aber Frösche kann ich nicht leiden!«

Theobald wollte sich über das Ungeheuer stürzen, um es ritterlich mit dem Absatz seines Stiefels zu erlegen, die Dame aber hielt ihn am Arme zurück und rief: »Nicht todt machen! Das bringt Unglück!« Gleich darauf war sie wieder im lebhaftesten Redefluß über allerlei Gegenstände.

In dem Freiwerber gingen inzwischen die wunderbarsten Dinge vor. Das Geschäft, welches ihn hergeführt hatte, trat bald in den Hintergrund und war endlich völlig vergessen. Hingerissen von der Suade der jungen Dame, fühlte er das alte Neigungsflackern erwachen, erst in kleinen Fünkchen, dann in Flämmchen, endlich lichterloh. Nicht mehr der Stellvertreter des Conrectors spazierte an der Seite der Dame durch den Garten, sondern Theobald Spaatz, als solcher. Die Phantasie erwachte wieder, die Begeisterung für schöne Weiblichkeit füllte seine Seele, er selbst wurde der Liebende. Sie kamen an einem Beete vorbei, wo dichte Büschel von Monatsrosen lustig in den Herbst hinein blühten. Theobald war tief ergriffen.

»Betrachten Sie diese Rosen, mein Fräulein!« rief er. »Wie schöne junge Mädchen blühen sie, und überdauern alle Jahreszeiten, stets duftend, stets entzückend. Die Rose und das Weib sind die Kronen der Schöpfung!« Nun erging er sich des Weitern in diesem Thema, indem er die Rose erstens in ästhetischer, dann in naturwissenschaftlicher und endlich noch in einer mehr allgemeinen Hinsicht betrachtete, welche letztere sein eigentliches Feld war.

»Sie wissen zu reden!« sagte die Dame, indem sie sich bückte, eine Rose brach und sie dem Begeisterten darreichte. »Nehmen Sie, ich darf sie abpflücken, es sind so viele da!«

Theobald ergriff die Rose und rief: »O tausend Dank, mein Fräulein! Die Götter mögen mich strafen, wenn nicht aus diesem Geschenk der ganze Zauber der ihm inwohnenden Poesie auf mich übergeht! Der Mensch lebt große Stunden, er fühle es nur, er gebe sich ganz dem himmlischen Augenblick hin, der sich ihm darbietet!«

»Nein, das war hübsch!« sagte die Dame ganz ehrlich. »Kommt das nicht in irgend einem Theaterstück vor? Mir ist, als hätte ich dergleichen schon gelesen.»

Theobald, ergriff ihre Hand: »Es ist der eigenste Ausdruck meiner Empfindung, mein Fräulein!« sagte er. Dann warf er ihr einen schmachtenden Blick zu und führte ihre Hand an seine Lippen.

»Nein, so weit sind wir noch nicht!« rief die junge Dame, indem sie ihm die Hand entzog. »Bedenken Sie, wir sehen uns heute zum ersten Mal! Ueberhaupt – wird es spät, ich wundre mich, daß die Andern noch nicht zu Hause sind. Sie besuchen uns wohl recht bald wieder?«

Dies war eine Entlassung, Theobald fühlte das, und plötzlich wurde er sich der vollkommen veränderten Situation bewußt, in welcher er das Haus verließ. Wie ein Abgrund that sich sein schlechtes Gewissen in ihm auf – ach, er hatte nicht für den Freund geworben, er hatte sich selber sterblich verliebt! Hingewelkt waren mit einem Male alle Blüthen seiner Begeisterung, er verwirrte sich, stotterte einen Abschied und stolperte in der Dämmerung durch den Garten und aus dem Hause. Trostlos that die Wirklichkeit sich ihm auf, ach, nach dem Beginne des schönsten Traumes! Es war geschehen. Der Freiwerber liebte die Geliebte des Freundes, Theobald Spaatz liebte die Geliebte Friedrich Stievels! Was sollte er dem Conrector sagen, wie nur vor seinen Blicken stehen? Er fühlte sich schuldig, verworfen, unselig, und dennoch saß die Liebe ihm diesmal so tief im Herzen, daß es ihm unmöglich dünkte, ihr jemals entsagen zu können. Zum Freunde, der jetzt sehnsüchtig seiner Rückkehr harren mochte, konnte er nicht gehen; nach Hause wagte er sich auch nicht – hinaus, hinaus! In's Freie trieb es ihn, in die Nacht, aus dem Bereich der Menschen hinaus. So stürmte er von der Chaussee herab und auf einem Feldwege dem nächsten Dorfe zu. Die Wölkchen im letzten Purpur der längst gesunknen Sonne schienen ihm Amoretten, die ihm mit Blumengewinden entgegenschwebten, aus den Büschen am Wege aber stiegen verdächtige Schreckensgestalten, die kreuzten ihm den Weg, grinsten und schnitten Gesichter und riefen: Verräther! Scheusal! Scheusal!

Und dann wurden in ihm eine Menge Erinnerungen rege, wie ähnliche, oft weit geringere Fälle die Sterblichen schon zu den gefährlichsten Duellen geführt hatten. Ein Zweikampf mußte das Resultat auch seiner That sein, und seine Phantasie malte sich die ganze Situation in den fürchterlichsten Farben aus. Er hatte zwar selbst niemals die Führung einer Waffe gelernt, aber er erinnerte sich lebhaft aus seinen Universitätsjahren eines Zweikampfes auf dem Fechtboden, bei welchem Blut geflossen war. Es stand fest bei ihm, er mußte sich schon morgen auf Degen oder Pistolen einüben. Aber der Conrector – würde der sich denn schlagen oder schießen wollen? Und wenn er es wollte – dies Aufsehn im Lehrercollegium, in der ganzen Stadt, wahrscheinlich auch in den Zeitungen! Ha, der Gedanke hatte, trotz alledem, etwas Großes an sich! Aber wenn er nun den armen Conrector im Duell tödtete, wenn er als Mörder ergriffen wurde – Galgen, Rad und Guillotine standen vor seiner Seele, er schauderte zusammen und schlug sich verzweiflungsvoll vor die Stirn.

Im schrecklichsten Zustande kam er im Dorfe an, und steuerte, ohne es zu wissen, in ein Vergnügungslocal, welches die Städter häufig besuchten. Es war leer dort, er warf sich in die Ecke eines Sofas, stierte in die lange Schnuppe des vor ihm stehenden Talglichtes und bestellte beim Kellner einen Eierkuchen – vielleicht den letzten seines Lebens.

*

Frau Werner kam mit ihrer Tochter Bertha nach Hause. »Nun, mein Hannchen,« rief die erstere, »wie hast Du Dir inzwischen die Zeit vertrieben?«

»Ausgezeichnet,« rief die junge Dame, die wir im Garten kennen gelernt haben; »ausgezeichnet, liebe Tante! Ich habe gelesen. Es war auch ein Herr da – ich kenne ihn natürlich nicht, und habe ihn gebeten, ein ander Mal wieder zu kommen.«

»Wahrscheinlich wollte er zum Onkel,« sagte Frau Werner. »Wir haben Dich lange allein gelassen, armes Kind!«

»Ich habe mir die Zeit sehr gut vertrieben, liebe Tante,« sagte Hannchen. »Ach, was ist es schön hier! Wie bin ich Euch dankbar, daß Ihr mich einmal wieder mit nach der Stadt genommen habt! Zu Hause in unserm kleinen Neste erlebt man gar nichts, hier aber in einem Nachmittag so viel, daß man für's ganze Leben darüber zu denken hat.«

»Du bist ein gutes, bescheidenes Kind, mein Hannchen!« sagte die Tante. »Kommt nur bald zum Thee, ihr Mädchen, der Vater ist auch schon zu Hause.«

Nachdem Frau Werner sich entfernt hatte, ergriff Hannchen ihre Cousine Bertha am Arme und zog sie noch einmal durch den Garten. An einer entlegenen Stelle langte sie den empfangenen Brief aus der Tasche und überreichte ihn ihr.

»Das ist sicherlich ein Liebesbrief!« rief Hannchen. »Von wem er ist, weiß ich nicht, aber der ihn überbracht hat, war ein allerliebster Mensch. Wahrscheinlich ein Freund von Deinem Briefschreiber – Du, Bertha, er kann reden wie ein Buch, so etwas hab' ich noch nicht gehört. Und die Hand hat er mir küssen wollen – weißt Du was? Der interessirt sich sehr für mich, und ich hoffe, ihn zu nehmen!«

Bertha traute ihrem Gehör nicht. Sie zweifelte, ob sie das dicke, räthselhafte Schriftstück, welches Hannchen ihr gab, annehmen dürfe. In der That wußte sie unter den ihr bekannten Männern keinen, von dem sie eine derartige Annäherung hätte erwarten können, auch war ihr Mädchensinn durchaus nicht von der naiven Keckheit und schnell bereiten Anknüpfungsfreude, wie der ihrer kleinstädtisch offenherzigen Cousine. Sie versenkte schweigend und betroffen den Brief in ihre Tasche und eilte am Anne des fortwährend schwatzenden Hannchens in das Haus.

Am Theetisch war Bertha heute sehr still, was sonst nicht in ihrer Art lag, so daß die Eltern eine besorgte Frage an sie richteten. Hannchen dagegen war des besten Humors, und erhielt Alle in guter Laune. Endlich war der Augenblick gekommen, wo sich die Mädchen auf ihr Schlafzimmer begeben konnten.

»Jetzt lies vor allen Dingen Deinen Brief!« rief Hannchen, indem sie sich mit geschäftiger Hand ein Nachtkostüm zurechtmachte. Bertha öffnete das Schreiben mit einigem Widerstreben, und begann zu lesen. Die Lesung zog sich etwas in die Länge, und Hannchen, die ihrer Neugier nicht mehr gebieten konnte, ergriff die Blätter, breitete sie erstaunt aus und rief: »Nein, ist mir so ein langer Brief vorgekommen! Vier große Bogen! Was steht denn drin?«

Bertha sah gedankenvoll vor sich hin und sagte: »Der Conrector Stievel bietet mir seine Hand an, aber in so wunderlichen Ausdrücken, daß ich den Mann aus diesem Briefe gar nicht wieder erkenne.«

Hannchen jauchzte laut auf: »Stiefel heißt er? Oho, da hat Meiner gewiß einen hübscheren Namen! Aber nimm ihn nur! Warum hast Du mir denn niemals von Deinem Verhältniß erzählt?«

»Weil das Verhältniß nicht existirt hat,« entgegnete Bertha. »Der Conrector ist kein übler Mann, aber grenzenlos schüchtern. Ich habe oft abscheulichen Spott mit ihm getrieben, und muß mich Angesichts dieses Briefes aus tiefster Seele schämen!«

»I, das kannst Du Alles wieder gut machen!« rief Hannchen. »Nimm Du Deinen Stiefel nur, wie ich meinen – ja, jetzt weiß ich nicht, wie Meiner heißt! Ach, wie werden sich meine Freundinnen zu Hause alle ärgern, wenn es heißt, daß ich mich hier gleich verlobt habe! Die hochnäsige lange, Sophie, die immer thut, als könnte sie alle Männer haben und wolle nur keinen nehmen? Die kluge Henriette, die auf Alle herabsieht, weil sie sich für gebildet hält; hernach Meier's Karoline, die da meinte, sie hätte den Kandidaten schon ganz sicher; dann die Selma Wuschke, na, die erst, mit ihren ewigen Klatschereien! Nur die Albertine, die zu Pfingsten heirathet, die gönnt mir's, der will ich's auch zuerst schreiben. Ich versichere Dir, Bertha, mein Gegenstand ist ein ganz allerliebster Mensch, nur war er Anfangs zu schüchtern. Die Schüchternheit muß er sich abgewöhnen.«

Bei der Erwähnung der Schüchternheit überkam Bertha ein beunruhigender Gedanke.

»Hast Du,« sagte sie, »den Ueberbringer dieses Briefes nicht nach seinem Namen gefragt?«

»Nein, das hab' ich vergessen,« entgegnete Hannchen.

»War er groß?«

»Nun, Mittelgröße.«

»Braunes Haar?«

»Ja, braunes, etwas gelocktes Haar und einen Backenbart.«

»Graue Augen?«

»Ich denke, graue.«

»Und sehr schüchtern?«

»Ganz unglaublich schüchtern, sag' ich Dir, es war Anfangs kein Wort aus ihm herauszubringen.«

»Liebes Hannchen,« sagte Bertha zögernd, »ich fürchte, der Ueberbringer des Briefes war der Conrector Stievel selber.«

»Was?« schrie Hannchen entsetzt: »Nein, das ist nicht möglich! Es muß ein Freund von ihm gewesen sein! Wer wird denn seine eigenen Briefe selbst überbringen!«

»Ich weiß,« sagte Bertha, »daß er hier keinen Freund hat, daß er sehr vereinsamt lebt. Ich habe die Ueberzeugung, er ist selber hier gewesen.«

»Na, das wäre eine schöne Geschichte!« rief Hannchen, indem sie sich entrüstet im Bette aufsetzte. »Dein Stiefel schreibt vier Bogen lange Briefe an Dich, und zu mir kommt er, um mir die Cour zu machen? das ist schändlich, das ist nichtswürdig! Und Du bist so ruhig dabei? Du meinst wohl, weil Du ihn sicher hast, könnte ich mich ärgern, so viel ich wollte? So! Du bist eben so heimtückisch, ich habe mich in Dir getäuscht, und hätte nie gedacht, daß ich solche Erfahrungen an Dir machen würde! Ja, freue Dich nur, Du hast ihn noch gar nicht so sicher, es können noch ganz andere Dinge geschehen, von denen Du keine Ahnung hast, Du eingebildete Person!«

»Aber, Hannchen,« rief Bertha, von dem Betragen ihrer Cousine durchaus nicht angenehm berührt – »Du hast Unrecht, gleich in dieser Weise heftig zu werden. Ich versichere Dir, daß ich zwar alle Hochachtung vor dem Conrector habe, daß es mir aber noch nie bisher in den Sinn gekommen, ihn zu heirathen, und daß ich von seinem Briefe höchlich überrascht bin. Ist mir denn nicht gestattet, zu erstaunen, wenn ich erfahre, daß er nach einem solchen Briefe an mich, Dir eine mündliche Liebeserklärung macht? Ach – Hannchen, hat er Dich denn wirklich merken lassen, daß er Dich liebe?«

In Hannchens Phantasie stand das Abenteuer des letzten Nachmittags plötzlich in vertausendfachter Vergrößerung da. Sie war überzeugt, daß der Jüngling zu ihren Füßen gelegen, ihr die heiligsten Schwüre gethan, daß er erklärt habe, sie oder keine müsse sein Weib werden. Und indem die Zunge mit ihrem Gewissen davonlief, gab sie im leidenschaftlichen Redestrom ihrer Cousine eine Schilderung, welche Bertha überzeugen mußte, daß der Conrector plötzlich in Betreff seiner Wahl andern Sinnes geworden sei. Bertha fühlte sich tief verletzt, und vielleicht war es nur dies Gefühl, welches ihre Thränen plötzlich fließen machte. Das wirkte aus Hannchen zurück. Auch sie brach in einen Strom von Thränen aus, und so saßen die beiden jungen Mädchen weinend in ihren Betten, erfüllt von Unwillen über die Wankelmüthigkeit, Unzuverlässigkeit und Unsittlichkeit der Männer.

*

Inzwischen harrte Friedrich Stievel noch immer der Rückkehr seines Freundes entgegen. Er blieb gar zu lange! Was konnte in diesen schrecklichen Stunden Alles geschehen sein! Der Conrector nahm den Cicero vor. Er fand den alten Heiden sehr langweilig. Er schlug andere Bücher auf, darunter zufällig Bürger's Gedichte. Sie versetzten ihn nur noch in größere Aufregung und Unruhe. Jeder Tritt der Vorübergehenden rief ihn ans Fenster. Er sah hinaus, so lange noch ein Tagesschimmer am Himmel war. Die Straßen wurden dunkel, die Gestalten der unten Wandelnden schwarz und unerkennbar, er mußte das Spähen aufgeben. Er zündete die Studirlampe an. Der Platz am Arbeitstische kam ihm wie eine Folterbank vor. Mit großen Schritten durchmaß er das kleine Zimmer. Er hat sie zu Haus getroffen! dachte er, er muß sie getroffen haben, woher sonst der lange Aufenthalt? Wie wird der Brief gewirkt haben? Wenn sie nein gesagt hätte!

Es wurde später und später, der Conrector lauschte auf die Viertelstundenschläge der Thurmuhr. Jetzt knarrt die Treppe – er reißt die Thür auf, um dem Liebesboten zu leuchten – seine Wirthin ist's. Es schlägt neun Uhr, wo in aller Welt bleibt Theobald? Eine Angst überfällt ihn. Sie steigert sich, sie wird gegen halb zehn Uhr fast zum Herzkrampfe. Da nimmt er seinen Hut, gibt der Wirthin die Weisung, er gehe zum Doctor Spaatz und werde im erforderlichen Falle dort zu finden sein, und eilt hinaus. In Theobalds Wohnung sieht er kein Licht, und bleibt unschlüssig vor der Thüre stehen. Unwillkürlich führt sein Fuß ihn die Straße auf und ab. Jedem entfernten Tritte fliegt er entgegen. Es wird zehn Uhr – man schließt die Häuser, der Nachtwächter tritt seine Regierung an. Friedrich Stievel ist in halber Verzweiflung, und schreitet langsam nach Hause. Da hört er in der Entfernung ein Gespräch mit dem Nachtwächter, er täuscht sich nicht, es ist vor Theobalds Wohnung. Mit zitternden Knieen eilt er zurück. Der Nachtwächter bestätigt ihm, daß der Doctor Spaatz nach Hause gekommen sei. Der Conrector weiß sich durch ein Geldstück Einlaß zu verschaffen und stolpert die Treppen hinauf.

Theobald Spaatz hat seine Thüre sorgfältig verschlossen, da hört er Tritte auf der Treppe und preßt vor Beklemmung die Lippen aufeinander. Der Conrector geht an seine Thüre, Theobald beschließt, noch nicht zu Hause zu sein.

»Mach' auf!« ruft Friedrich, »ich bin's, ich sehe durch's Schlüsselloch Licht in Deinem Zimmer!«

Spaatz wankt zur Thüre und öffnet.

»Theobald! warum kommst Du nicht zu mir?« ruft der Conrector, indem er in das verstörte Gesicht des Andern sieht. »Mein Gott, was ist vorgefallen? Hast Du den Brief abgegeben?«

Theobald nickte, am ganzen Leibe zitternd.

»Wo aber,« fuhr der Conrector fort, »warest Du so lange? Hast Du sie gesprochen? Was sagte sie? Rede doch – o Himmel, Dir ist ein Unglück begegnet, ich erkenne Dich kaum wieder! Fasse Dich, sag' mir Alles, ich muß es wissen!«

Theobald fand die Sprache nicht, er kämpfte mit sich selber. Endlich rief er:

»Freund, es ist furchtbar, aber ich kann es Dir nicht ersparen! Ich sah sie – sprach sie allein – oh, sie ist göttlich! Ich selbst liebe sie – habe ihr meine Liebe zu verstehen gegeben! Sie gab mir diese Rose – und lud mich ein, wieder zu kommen!«

Friedrich Stievel war einer Ohnmacht nahe. Er wankte, und sank mit schlaff herabhängenden Armen auf einen Stuhl neben der Thüre. Theobald Spaatz aber hatte inzwischen die Bemerkung gemacht, daß in diesem Verhältniß etwas phantastisch Gewaltiges sei, und beschloß, als er den Freund zusammenbrechen sah, durchaus in seiner Rolle zu bleiben.

»Ja, sie liebt mich!« rief er, »und gegen alle Mächte des Himmels und der Erde werde ich sie mir erringen und vertheidigen!«

Mit untergeschlagenen Armen ging er im Zimmer auf und nieder und warf sich endlich in eine Ecke des Sofas. Lautloses Schweigen herrschte eine Weile im Zimmer, das Talglicht brannte düster, und düster war die Stimmung der Männer. Da erhob sich der Conrector, stieß einen leisen Seufzer aus, und trat dann gefaßt und mit ruhigem Ernste vor den Verräther.

»Du hast Dich nicht als Freund erwiesen, Theobald!« sagte er fest. »Ich vertraute Dir mein Heiligstes an, und Du hast Deine eigenen, selbstsüchtigen Zwecke verfolgt. Daß sie schön und liebenswürdig sei, hatte ich Dir gesagt. Du mußtest behutsam sein, wenn Du mein Freund warst, mußtest Dich dem Eindruck zu entziehen suchen, selbst wenn es Dich ein Opfer gekostet hätte, – so wenigstens würde jeder ehrliche Mann gethan haben. Du behauptest, ihr meinen Brief gegeben zu haben – wenn das der Fall ist und Du dann noch egoistisch Deiner eigenen Regung gehorchtest, so weiß ich nicht, ob ich dies Abspielen zweier entgegengesetzten Rollen für mehr lächerlich oder – nichtswürdig halten soll! Ich habe mich in Dir getäuscht, ich werde fortan meinen Weg allein gehen!«

Während der Conrector dies sprach, war in dem Wesen des sonst so schüchternen Mannes etwas von Würde und männlicher Festigkeit zu sehen, wie sein sonstiges Gebahren es kaum hätte erwarten lassen. Theobald Spaatz nahm dies mit Erstaunen und Schrecken wahr, und stürzte aus der tragischen Heldenrolle in die tiefste Beschämung und Zerknirschung. Ein tiefes Stöhnen war Alles, was er zu äußern vermochte, er sah im Geiste den Conrector schon die Pistole aus der Tasche ziehen. Der aber fuhr fort:

»Wer von uns die größeren Anrechte auf Bertha hat – das ist eine nicht zu entscheidende Frage. Jedenfalls aber mußte mein langes, bescheidenes Werben um sie Dir Achtung gebieten. Vielleicht habe ich kein Recht an sie, Du aber hattest eine Pflicht gegen mich. Du hast dieselbe in schimpflicher Weise verletzt. Ob sie Deine jählings aufgeschossene Neigung erwiedert, werde ich sie selber fragen. Ich habe durch Dich die ernste Lehre empfangen, daß der Mann ungethan lassen muß, was er nicht selber thun kann!«

Bei diesen Worten ergriff er den auf dem Tische liegenden Hausschlüssel, setzte den Hut auf, und verließ das Zimmer – ein veränderter Mann. Theobald Spaatz aber war vernichtet, und selbst das Gefühl seiner brennenden Leidenschaft konnte ihm in diesem Augenblick keine Beruhigung geben. Bald darauf lagen alle vier Hauptpersonen unserer Geschichte in ihren Betten und fühlten sich sehr unglücklich.

*

Als Theobald am andern Morgen seinem Freunde auf dem Corridor des Schulgebäudes begegnete, vermochte er ihm nicht in die Augen zu sehen. Sein Herz war wie zusammengeschnürt, er verwirrte sich fortwährend in der Schulstunde. Während er sonst die Heldenthaten der Weltgeschichte mit einem Feuer schilderte, welches manche seiner Schüler so lebhaft begeisterte, daß in der Pause die entsetzlichsten Prügeleien auf dem Hofe in Scene gingen, war sein Vortrag heute lau und theilnahmlos. Unglücklicherweise hatte er gerade den Verrath Heinrichs des Löwen und den Abfall desselben von seinem Freunde und Kaiser Friedrich Barbarossa zu entwickeln, ein Stoff, der ihn heute zur Verzweiflung brachte. Er fühlte sich ganz den gedemüthigten, schuldbewußten Löwen, er sah den Conrector Friedrich Stievel ganz als edlen großen Barbarossa. Es war eine schreckliche Stunde! Nachdem sein Tagewerk gethan war, ging er nicht wie sonst den Freund zum Spaziergang abzuholen, sondern er machte seinen Weg allein. Und da er einen seiner düsteren Stimmung entsprechenden Weg suchte, und ihm der Kirchhof die angemessenste Räumlichkeit dazu schien, so wandelte er zwischen den Gräbern auf und ab, und stellte die grauenhaftesten Betrachtungen über Leben, Tod und Ewigkeit an.

Der Conrector seinerseits hatte ebenfalls einen bösen Tag. Er hätte zwar gern Bertha noch heute persönlich aufgesucht, aber Berufsarbeiten aller Art machten es ihm unmöglich, so daß er den Besuch auf morgen zu verschieben beschloß. War Theobald heute zerstreut und übel aufgelegt für den Schulunterricht, so schien sich in dem Conrector ein ganz anderer Geist geltend zu machen. Seine Schüler, welche sich bei ihm Mancherlei zu erlauben pflegten, nahmen heute eine noch unbekannte Strenge und Energie in ihm wahr, und konnten sich, nachdem ihrer mehre abgestraft worden waren, eines aufkeimenden Respekts gegen ihn nicht erwehren.

Schon brannte die abendliche Studirlampe im Zimmer des stillen Mannes, als seine Wirthin eintrat, und ihm einen Brief überreichte, welchen, wie sie sagte, ein Knabe bei ihr abgegeben hatte. Der Conrector öffnete das Papier und fand folgende Worte: »Herr Conrector Stiefel wird ersucht, sich morgen Abend um sechs Uhr hinter der Mauer des alten Kirchhofs einzufinden, wo ihn eine Dame durchaus sprechen muß.« Die Unterschrift fehlte, aber das muß war sechsmal unterstrichen. Unser Freund war überrascht, sein erster Gedanke war, daß die anonyme Schreiberin niemand anders, als Bertha sein könne. Aber – Bertha wußte doch, daß die zweite Silbe seines Namens nicht mit einem f, sondern mit einem v anfange, er erinnerte sich, daß einst im Werner'schen Hause harmlos darüber gescherzt worden war. Er faltete den Brief zusammen, und beschloß, der Einladung auf gut Glück zu folgen.

Wir aber, die wir in der glücklichen Lage sind, uns mit einer Art von Allwissenheit durch den Kreis der hier betheiligten Personen zu bewegen, erkennen in der Absenderin keine andere, als Hannchen, die schnell fertige Kleinstädterin. Das liebe Kind war am Morgen, wider Gewohnheit, mit einem Seufzer erwacht, einer Aeußerungsweise, die ihrem sonstigen Wesen durchaus fremd war. Sonst pflegte sie, lebhaft wie ein Wiesel, mitten in den Morgen hinein zu springen, trällernd, lachend, wirtschaftlich geschäftig, überall angreifend, häusliche Arbeiten wie Vergnügungen mit gleich frischem Interesse erfassend. Rüstig bei der Hand und kurz angebunden war ihr ganzes Wesen. Auch die Dinge um sich her wollte sie fertig oder leicht ergreifbar wissen, jede Unentschiedenheit war ihr ein Gräuel. Der Streit mit ihrer Cousine lag ihr schwer auf der Seele, und das Erste, was sie am Morgen that, war eine rasche Versöhnung, und der geheime Entschluß, dem Räthsel selbstthätig nachzuspüren. Es lebte noch die stille Hoffnung in ihr, daß der Briefschreiber und der Rosenempfänger zwei verschiedene Persönlichkeiten sein müßten, denn unglaublich war ihr der Gedanke, daß ein Mensch das, was er mit dem ihm von Gott zum Reden gegebenen Munde sagen könne, persönlich schwarz auf weiß überbringen solle. In listiger Weise wußte sie im Laufe des Tages die Wohnung des Conrectors zu erfragen, und gab den oben erwähnten Zettel einem Knaben, welcher bei der Gartenarbeit beschäftigt war.

Als die zum Stelldichein anberaumte Stunde gekommen war, nahm Hannchen Hut und Shawl und begab sich, unter dem Vorwande eines kleinen Geschäftsganges, an die Umfassungsmauer des alten Kirchhofes. Es war eine wenig betretene Gegend. Die Mauer stieß an ein weites Stoppelfeld, das Terrain war leicht zu übersehen. So schritt Hannchen entschiedenen Fußes auf dem Boden verhängnißvoller Entscheidung auf und nieder, und blickte mit Augen von der Schärfe des Luchses bald nach rechts, bald nach links.

Inzwischen hatte Theobald Spaatz auch heute seine melancholische Kirchhofswanderung angetreten, und bog, in der Absicht, einen entfernteren Feldweg zu betreten, um die Ecke der Mauer. Er sah eine Gestalt in der Entfernung hinter der Mauer umherspazieren, und erkannte mit bald freudiger, bald beängstigender Überraschung die Dame seines jüngsten Neigungsgeflackers. In demselben Augenblick wendete Hannchen sich um, erkannte auch ihn, und mußte aus seinem Hiersein annehmen, daß er Derjenige sei, an welchen sie ihre Zeilen gerichtet hatte. Abscheulich! Schändlich! rief es in ihr; ein und derselbe ist's, der mich und Bertha betrogen hat! Ihr ganzes Innere empörte sich wider ihn, und in dem Gefühle, ein unverzeihliches Unrecht erduldet zu haben, war nicht der Gedanke an Flucht der vorherrschende in ihr, sondern der der Rache an dem Unwürdigen. Mit raschen kleinen Schritten eilte sie ihm entgegen. Auch Theobald Spaatz näherte sich ihr, wenngleich nicht mit derselben Schnelligkeit.

»So, mein Herr!« rief sie ihm schon von Weitem entgegen – »das ist also Ihre Art, mit jungen Damen umzugehen! Der Einen Liebesbriefe schreiben und der Anderen die Hände küssen und großartige Reden hersagen! Schämen Sie sich! Ich werde Ihr Betragen in der ganzen Stadt ausrufen, damit sich alle Welt vor Ihnen hüte. Hätte ich gewußt, daß ich es mit einem so unzuverlässigen Manne zu thun habe, so würde mein Benehmen vorgestern ein anderes gewesen sein. Ja, das versichere ich Ihnen! Denken Sie, man kommt aus einer kleinen Stadt herein, um sich hier etwas weiß machen zu lassen? Wir sind auch nicht auf den Kopf gefallen, und wollen den gelehrten Herren beweisen, daß wir uns keine Ungezogenheiten gefallen lassen!«

So ging es im unaufhaltsamen Redestrome fort, und Theobald stand wie vom Donner gerührt, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Was aber seine Lage verschlimmerte, war die Wahrnehmung, daß im Hintergrunde die Gestalt Friedrich Stievels auftauchte, und sich mit hastigen Schritten näherte. O Himmel, dachte er, jetzt sieht er mich hier mit seiner Geliebten stehn, und muß glauben, dies sei ein beabsichtigtes Stelldichein!

Der Conrector seinerseits erblickte den verrätherischen Freund neben einer ihm fremden Dame, und da er nun zu der Annahme kam, daß er es mit einem entlarvten Don Juan zu thun habe, förderte er seine Schritte, um die Unglückliche zu retten.

»Trauen Sie dem Heuchler nicht, mein Fräulein!« rief er, bei der Gruppe angelangt; »trauen Sie ihm nicht, er pflegt sich Damen gegenüber durchaus nicht gewissenhaft zu betragen!«

Hannchen schrack doch ein wenig zusammen, als sie plötzlich die Stimme eines Fremden, und zwar mit so strenger Mahnung, neben sich hörte. Der Conrector aber fuhr fort: »Ich erbiete mich, Sie ihm gegenüber zu beschützen, ja, ich halte es für meine Pflicht, Sie mit seinem Wesen bekannt zu machen. Er hat sich gegen eine Dame, die mir theuer ist, vergangen, er hat um ihre Liebe geworben, er wird auch an Ihnen zum Verräther werden. Verzeihen Sie, mein Fräulein, daß ich, ein Ihnen völlig Unbekannter, es wage« – –

»Also auch noch gegen andre Damen hat er sich vergangen?« rief Hannchen, schnell gefaßt. »Ich danke Ihnen, mein Herr, und werde Ihren Rath zu nützen wissen!«

In Theobald Spaatz aber dämmerte plötzlich ein Licht. »O Himmel!« rief er, »mein Fräulein, kennen Sie den Herrn nicht?«

»Ich habe heut zum ersten Mal die Ehre,« entgegnete Hannchen.

»Ich bin der Conrector Stievel,« entgegnete Friedrich, »man kennt mich als unbescholtenen Charakter, und Sie, mein Fräulein, können sich auf mich verlassen.«

Hannchen machte große Augen, eine wohlthuende Ueberraschung rief ein frischeres Roth auf ihre Wangen, und mit vergnügter Miene betrachtete sie den rechtmäßigen Conrector von oben bis unten. » Sie sind der Herr Stiefel?« rief sie. »Na, die Bertha wird Augen machen, wenn sie diese Geschichte erfährt!«

»Bertha? Bertha?« stammelte Theobald; »haben wir denn nicht die Ehre hier mit Fräulein Bertha Werner zu reden?«

»I Gott bewahre!« rief Hannchen. »Ich heiße Johanna Wohlgemuth und bin bei meinem Onkel Werner zum Besuch! Sie haben mich für meine Cousine Bertha angesehn? Nein, das ist zum Todtlachen! Jetzt wird mir die Verwirrung klar. Aber warum haben Sie, mein Herr, mir vorgestern nicht Ihren Namen gesagt?«

»O mein Gott!« sagte Theobald, »dadurch ist die ganze Verwirrung entstanden! Ich heiße Theobald Spaatz, bin Oberlehrer am Gymnasium, Doctor der Philosophie und College meines Freundes Stievel.«

»Spaatz?« fragte Hannchen gedehnt, indem sie, etwas enttäuscht, diesen Namen mit dem des Conrectors verglich.

»Mein Fräulein,« nahm Friedrich Stievel jetzt das Wort, »ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet, daß Sie sich der Lösung dieser unglücklichen Verwirrung so gütig unterzogen haben. Darf ich die Frage an Sie richten, ob Fräulein Bertha meinen Brief – ob ich hoffen darf?«

Hannchen nickte schalkhaft. »Die Bertha hat den Brief gelesen,« sagte sie, »und – wird sich gewiß recht sehr freuen, Sie bald zu sehen. Und was Sie betrifft, mein Herr,« fuhr sie zu Theobald gewendet fort, »so habe ich Sie – vielleicht zu abstoßend behandelt – es thut mir leid, aber – die Geschichte war gar zu verwickelt. Doch ich muß nach Hause. Wir werden uns freuen, die Herren bald bei uns zu sehen!« Mit diesen Worten knixte sie, und eilte leichtfüßig davon.

Theobald aber athmete tief auf und rief: »Verzeihung, Friedrich!« Und der Conrector öffnete milde lächelnd die Arme und empfing den Reuigen an seiner Brust. Auf dem Heimwege erzählte Theobald dem Freunde das Nähere der schrecklichen Vorgänge, und versöhnt sahen die glücklichen Schulmeister ihren schönen Hoffnungen entgegen.

*

Drei Wochen nach diesen Vorgängen schrieb Hannchen folgenden Brief an eine Freundin, welche in ihrem Heimathstädtchen wohnte:

»Theure Albertine!

Von der Verlobung meiner Cousine Bertha mit dem Conrector Stievel wirst Du wohl durch meine Eltern erfahren haben, welchen ich dieses Ereigniß mittheilte. Heute lege ich einem Briefe an meine Eltern diese Zeilen an Dich bei, um Dir die freudige Nachricht zu melden, daß auch ich mich verlobt habe, und zwar mit dem Oberlehrer Dr. Spaatz. Ach, ich bin sehr glücklich! Theile das den andern Mädchen mit. Mein Theobald ist ein sehr gelehrter Mensch, ebenso wie auch Bertha's Bräutigam. Er hat aber manche Eigenschaften, die ich ihm noch abgewöhnen will. Manchmal ist er ganz außer sich vor Poesie, und manchmal wieder sehr schüchtern. Ich habe schon gemerkt, daß man Alles aus ihm machen kann, wenn man ihm nur ordentlich auftrumpft, und ich will mir schon einen guten, gehorsamen Mann an ihm erziehen. Weißt Du, die gelehrten Männer können sich meistentheils gar nicht zurechtfinden im Leben. Ach, ich werde Dir mündlich Geschichten erzählen, über die Verwirrung, die wir schon gehabt haben, daß Du Dich wundern sollst. Da halte ich es für eine große Wohlthat, wenn sie Frauen bekommen, die sie im Leben ordentlich zurechtweisen. Und auch für eine Frau halte ich es für sehr angenehm, wenn sie einen Mann hat, den sie leiten kann, wohin sie will. Beherzige das doch ja, liebe Albertine, Dein Bräutigam scheint mir zu viel Willen zu haben. Auch die Bertha wird mit ihrem Conrector nicht so leicht umspringen können. Er scheint zwar sehr sanft, hat es aber doch hinter den Ohren. Ich habe täglich Streit mit der Bertha, die ihren Bräutigam durchaus nicht nach meiner Art erziehen will. Mein Onkel hat mir ein sehr schönes seidenes Kleid geschenkt, ich lasse mir's ganz modern machen. Für meinen Bräutigam werde ich dieser Tage ein Schlummerkissen zu sticken anfangen. Es wird ein reizender Winter werden, in drei Wochen ist der erste Casinoball, es werden ihrer acht sein. Wir sind schon jetzt so viel in Gesellschaft, daß die Tante meint, es wäre für den Anfang zu viel. Ich will mich aber nicht grämen, wenn es noch toller kommt. Ich muß schließen, denn ich erwarte meinen geliebten Theobald jeden Augenblick. Leb' wohl und vergiß nicht Deine Dich ewig liebende Freundin –

Johanna Wohlgemuth.«

*

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