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Erzählungen

Gérard de Nerval: Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorGérard de Nerval
titleErzählungen
publisherDrei Masken Verlag
editorAlfred Wolfenstein
year1921
translatorAlfred Wolfenstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150627
projectidc6207107
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Dritter Band

Die Frauen von Kairo.

Erster Teil.
Die Bräute

I
Die Maske und der Schleier

Kairo ist diejenige Stadt der Levante, in der sich die Frauen noch am dichtesten verschleiern. In Konstantinopel, in Smyrna läßt eine weiße oder schwarze Gaze manchmal die Züge der muselmanischen Schönen erraten. Den strengsten Gesetzen gelingt es kaum, das schwache Gewebe noch dichter zu machen. Das sind anmutige kokette Nonnen, die sich einem einzigen Gatten weihen, aber doch die Welt von Herzen vermissen.

Das ernste gottesfürchtige Ägypten aber ist immer das Land der Rätsel und Mysterien. Wie einst umhüllt sich hier die Schönheit mit Schleiern, mit Bändern, und solch düsteres Auftreten entmutigt leicht den frivolen Europäer. So verläßt er Kairo nach acht Tagen und bricht eilig zu den Katarakten des Nils auf, – geht anderen Enttäuschungen der Wißbegierde entgegen,– die er niemals zugeben wird.

Geduld war die höchste Tugend der in die antiken Mysterien Eingeweihten! Warum so hastig Weiterreisen? Wir machen halt und wollen einen Zipfel vom spröden Schleier der Saisgottheit heben. Wir sehen doch in diesen Ländern, deren Frauen fast für Gefangene gelten, Tausende im Gewimmel der Straßen und Bazare und in der Stille der Gärten gehen. Wir treffen sie zu zweien oder von einem Kind begleitet oder sogar allein. Die Abendländerin ist in mancher Form beengter. Die vornehmen Frauen verlassen ihr Haus wohl in unnahbarer Haltung auf Eseln eingebaut; doch bei uns müssen Frauen des gleichen Ranges im Wagen ausfahren. Und der Schleier, er ist keine unbezwingliche Barrikade.

Zwischen den reichen arabischen und türkischen Gewändern, die von den Neuerungen verschont geblieben sind, gibt die geheimnisvolle Kleidung der Frauen den Straßen das fröhliche Aussehen eines Maskenballs. Die Farben dieses Festes wechseln nur zwischen blau und schwarz. Die großen Damen hüllen ihre Gestalt in den Habbarah aus leichtem Taft. Die Frauen des Volkes umwinden sich anmutig mit einer einfachen Tunika, dem Khamiss, aus Wolle oder Baumwolle; und gleichen den antiken Statuen. Die Einbildungskraft hat freies Feld bei diesem Inkognito der weiblichen Gesichter, das sich nicht auf all ihre Reize erstreckt. Schöne Hände mit Talismanringen und Silberbändchen geschmückt, marmorne Arme, die ganz aus den weiten, bis über die Schultern zurückgeschlagenen Ärmeln hervorschimmern, nackte mit Ringen überhäufte Füße, die der aufgebogene Schuh bei jedem Schritt verläßt, unter silbernem Erklingen der Knöchel: dies dürfen wir bewundern, belauern und erraten. Die Menge kümmert sich nicht um unsere Blicke, die Frau selbst scheint sie nicht zu bemerken.

Manchmal verschieben sich die wehenden Falten des weiß und blau karrierten Schleiers über Kopf und Schultern. Dann erhellt sich der Zwischenraum zwischen dem Schleier und dem Borghot, der langherabhängenden Maske: und eine anmutige Schläfe wird sichtbar, wo braune Haare sich in dichten Locken ringeln wie bei Büsten der Kleopatra. Ein kleines festes Ohr schüttelt über Kragen und Wange Trauben von Goldzechinen oder ein Türkisenschildchen in silberner Filigranarbeit. Dann aber möchte man auch die Augen der Ägypterin suchen, und das ist gefährlich. Die »Maske« ist aus enggeflochtenem langem Schweifhaar gefertigt. Sie fällt vom Kopf bis auf die Füße und hat zwei Löcher wie die Kutte eines Büßermönchs. Dahinter erwartet uns ein Paar glühender Augen, mit jedem Mittel der Verführung bewaffnet. Die Brauen, die Augenhöhlen, die Augenlider selbst, an der inneren Seite der Wimpern, sind gefärbt –: Man kann nicht besser und lebendiger das Wenige der Gestalt zur Geltung bringen, das eine Frau hier zeigen darf.

Zuerst habe ich den eigentlichen Reiz des Geheimnisses, mit dem sich die interessantere Hälfte des Orients umgibt, nicht erkannt. Doch nach einigen Tagen wußte ich schon, daß eine Frau, die sich bemerkt fühlt, immer Mittel findet, sich ansehen zu lassen; wenn sie schön ist. Die es nicht sind, verstehen ihre Schleier besser festzuhalten; und wir sind ihnen darum nicht böse.

So ist dies ein Land des Traumes und der Einbildung! Die Häßlichkeit lebt verborgen wie ein Verbrechen. Aber die Wände tun sich auf, wo Grazie, Form und Jugend sind.

Auch die Stadt, gleich ihren Bewohnerinnen, enthüllt nur allmählich ihre beschatteten Hintergründe, ihr bezauberndes Innere. Am Abend meiner Ankunft in Kairo war ich zu Tode betrübt, ganz entmutigt. Einige Stunden eines Ausritts auf dem Esel, in Gesellschaft eines Dragoman, brachten mich zu der Überzeugung, daß ich hier die zwei trostlosesten Monate meines Lebens verbringen würde. Leider hatte ich alles so angeordnet, daß ich nicht einen Tag früher weitergehen konnte. Wie? dachte ich, dies ist eine Stadt aus den Tausendundein Nächten, die Hauptstadt der fatimischen und sudanischen Kalifen? Ich drang in das unentwirrbare Netz der engen staubigen Gassen ein, durch die zerlumpte Menge, durch das Getümmel der Hunde, Kamele und Esel. Der Schatten der Nacht sank bald herab, denn die Häuser sind hoch und der Staub verdüstert den Himmel.

Was sollte ich von diesem Labyrinth erhoffen, von den tausend Palästen und Moscheen? All dies ist gewiß glanzvoll und wunderbar gewesen, doch dreißig Geschlechter sind darüber hingegangen. Überall bricht der Stein, das Holz fault. Traumhaft reist man in einer vergangenen Stadt umher, Gespenster bewohnen sie, aber beleben sie nicht. Jedes Viertel ist von seinen eigenen Mauern und Zinnen umringt, von schweren Toren mittelalterlich verschlossen; es hat noch das gleiche Gesicht wie zu Saladins Zeit. Überwölbte lange Durchgänge führen hier und da von einer Straße zur anderen. Aber häufiger noch steht man in einer Straße ohne Ausgang.

Alles schließt. Nur die Cafés leuchten noch und die Raucher sitzen auf Palmbaumgestellen, beim trüben Schimmer der in Öl schwimmenden Lichter. Sie hören irgendeiner langen, näselnd vorgetragenen Geschichte zu. Dann erhellen sich die Mouscharabys, die seltsam gearbeiteten Holzgitter, die nach der Straße vorspringen. Der Schein, der aus diesen Fenstern dringt, genügt nicht, um den Weg zu zeigen, zumal wenn die Herdfeuer rings erlöschen. Man muß eine Laterne mitnehmen. Doch draußen trifft man nur noch Europäer und Soldatenrunden. Ich wußte nicht mehr, was ich zu dieser Stunde, zehn Uhr, noch in den Straßen beginnen sollte. Traurig legte ich mich nieder. So würde es nun täglich sein; ich verzweifelte an den Freuden dieser entthronten Residenz.

Mein erster Schlummer vermischte sich mit den unbestimmten Klängen eines Dudelsacks und einer heiseren Viola. Sie rissen an meinen Nerven. Die Musik wiederholte unaufhörlich in verschiedenen Tonlagen die gleiche melodische Erfindung. Sie erinnerte mich irgendwie an eine alte burgundische oder provenzalische Weihnacht. Gehörte sie zum Traum oder zur Wirklichkeit? Mein Geist zögerte kurze Zeit, bevor er ganz erwachte. Mir schien, man trug mich dahin, auf eine zugleich ernste und lächerliche Weise. Kirchensänger und mit Weinranken geschmückte Trinker schritten im Zuge. Patriarchalische Fröhlichkeit und mythische Traurigkeit kreuzten sich in dem seltsamen Konzert, geistliche Klagelieder bildeten die Grundlage einer Buffomelodie, die den Schritt des korybantischen Tanzes regelte.

Der Lärm wuchs, er näherte sich: ich hatte mich ganz betäubt aufgerichtet. Und ein großer Lichtschein, der durch das Gitter meines Fensters drang, zeigte mir endlich, daß mein Traum zum Teil Wirklichkeit war. Fast nackte Männer, wie Kämpfer des Altertums bekränzt, fochten inmitten einer Menschenmenge mit Schwertern und Schilden. Aber sie schlugen in Wahrheit nur den Stahl des Schwertes auf das Kupfer des Schildes, im Rhythmus der Musik. Dann setzten sie sich wieder in Marsch und aus der Ferne ertönte bald der Schall eines neuen Scheingefechtes. Viele Fackeln und Pyramiden von Kerzen, in den Händen von Kindern, erleuchteten die Straße. Hinter ihnen folgte ein langer Zug von Männern und Frauen, die ich nur undeutlich erkannte. Etwas wie ein rotes Gespenst, das eine Edelsteinkrone trug, schritt in ernster Haltung zwischen zwei alten Frauen hin. Eine verworrene Gruppe von Weibern in Blau ging am Schlusse und stieß bei jedem Halt ein kreischendes Glucksen von sonderbarer Wirkung aus.

Es war eine Hochzeit. Durch mein Fenster konnte ich nicht viel sehen, ich mußte dem Zug folgen und alles in Ruhe beobachten. Mein Dragoman Abdallah, dem ich diese Absicht mitteilte, zeigte ein Schaudern über meine Kühnheit. Es war nicht verlockend, mitten in der Nacht durch die Straßen zu laufen, man konnte geschlagen, ermordet werden. Zum Glück hatte ich mir einen Mantel aus Kamelhaut, einen Machlah, gekauft, der die Gestalt von den Schultern bis zu den Füßen bedeckt. Mein Bart war schon lang; ich wand ein Taschentuch um den Kopf; und die Vermummung war fertig.

II
Fackelhochzeit

Es war schwierig, den Zug wieder einzuholen, der sich im Wirrwarr der Gassen verloren hatte. Der Dragoman entzündete eine Papierlaterne und wir liefen auf gut Glück, bald geführt, bald getäuscht von den Klängen aus der Ferne und vom Widerschein an manchem Kreuzweg. Endlich kamen wir vor das Tor eines Viertels, das sich sehr deutlich von dem unseren unterschied. Die Häuser waren hell, die Hunde bellten. Da standen wir schon in einer flammenden und hallenden Straße; sie war mit Menschen bis zu den Dächern hinauf überfüllt.

Dort schritt der Zug jetzt langsam vorwärts beim melancholischen Klang der Instrumente. Es tönte wie das eigensinnige Knarren einer Tür und wie das Quietschen eines Karrens, der seine neuen Räder versucht. Die Schuldigen an diesem Lärm marschierten, zwanzig an der Zahl, inmitten einer Mannschaft mit Feuerlanzen. Danach kamen die Kinder, beladen mit gewaltigen Kandelabern, deren Kerzen rings helles Licht verbreiteten. Noch immer kämpften die Fechter miteinander in den zahlreichen Pausen des Zuges. Manche standen auf Stelzen, hatten Federn im Haar und fochten mit langen Stöcken. Dahinter trugen junge Leute Fahnen und Standarten mit vergoldeten Schildern und Zeichen, wie bei römischen Triumphen. Andere schwenkten kleine Bäume, mit Girlanden und Kränzen behangen, und angezündete Kerzen und Flitterplättchen glänzten und klangen daran wie an Weihnachtsbäumen. Breite Scheiben aus vergoldetem Kupfer, die an langen Stangen befestigt waren, voller Ornamente und Inschriften, fingen und verteilten das Licht überall hin.

Danach kamen Sängerinnen, die Oualems und Tänzerinnen, die Ghavasies. Sie trugen gestreifte Seidenkleider mit vergoldeten Mützchen und lang hinfließenden Ketten aus Zechinen. Einige von ihnen hatten große Ringe in der Nase, ihre Gesichter waren rot und blau geschminkt, und sie zeigten sie, während andere selbst beim Singen und Tanzen sorgfältig verhüllt blieben. Sie begleiteten sich mit Zymbeln, Kastagnetten, baskischen Trommeln. Zwei lange Reihen von Sklaven schlossen sich an, mit Kästen und Körben, in denen die Geschenke des Gatten und seiner Familie glänzten. Ihnen folgte die Gruppe der geladenen Gäste, die Frauen in der Mitte, dicht in schwarze Mäntel gehüllt. Sie trugen weiße Masken, als Personen von Stand; die Männer waren reich gekleidet. Denn an einem solchen Tage, sagte mein Dragoman, verschaffen sich selbst die einfachen Fellahs schöne Gewänder.

Zuletzt, im blendenden Licht von Fackeln, Kandelabern und Feuertöpfen, bewegte sich langsam das rote Phantom. Es war El Arouss, die Neuvermählte, in einen Kaschmirschal eingehüllt bis zu den Füßen. Der leichte Stoff ließ sie sicherlich alles sehen, ohne daß man sie sah. Seltsam wirkte diese lange Gestalt unter den gerade stehenden Falten, noch erhöht von einem strahlenden Pyramidendiadem. Die beiden alten Frauen hielten sie an den Ellbogen, so daß es schien, als glitte sie über den Boden hin. Vier Sklaven streckten einen Purpurbaldachin über ihrem Kopf aus, andere begleiteten ihren Gang mit dem Lärm der Zymbeln und Hackbretter.

Aber im Augenblick meiner vollsten Bewunderung des Zuges machte er aufs neue halt und Kinder verteilten Sitze für die Braut und ihre Verwandten. Die Oualems kamen zurück und ließen ihre improvisierten Chorgesänge hören, von Tänzen begleitet. Die Umstehenden wiederholten manche Stellen der Lieder. Da ich allen sichtbar war, machte ich den Mund gleich den Übrigen auf. Aber eine andere Gefahr bedrohte mich. Ich hatte nicht acht gegeben, daß seit einigen Augenblicken Sklaven durch die Volksmenge rannten und in kleinen Tassen ein klares Getränk ausschenkten. Ein großer rotgekleideter Ägypter, der wohl zur Familie gehörte, leitete die Verteilung und empfing den Dank der Trinker. Er war noch zwei Schritte von mir entfernt und ich kannte den Gruß nicht, der ihm gebührte! Aber ich richtete meinen Blick noch schnell auf die Nachbarn, und als ich daran war, nahm ich die Tasse mit der Linken und verneigte mich, indem ich die Rechte auf das Herz, auf die Stirn, zuletzt auf den Mund legte. Diese Bewegungen sind leicht, und doch darf man sie nicht leichtsinnig ausführen und die Reihenfolge nicht verwechseln. Nun hatte ich das Recht, meine Tasse auszutrinken. Aber welche Überraschung: es war Branntwein, eine Art Anisette. Mohammedaner verteilten solche Liköre bei ihren Hochzeiten? Ich hatte Limonade oder Sorbet erwartet, aber alle Stegreiftänzerinnen, Musiker und Possenreißer des Zuges hatten, wie schon deutlich zu sehen war, mehr als ein Mal am Trinken teilgenommen.

Endlich erhob sich die Neuvermählte und ging weiter. Die Fellachinnen in Blau drängten ihr massenhaft nach, mit wildem Glucksen. Der Zug setzte seinen nächtlichen Marsch bis zum Hause des Gatten fort.

Zufrieden, daß ich wie ein echter Bewohner Kairos aufgetreten war, machte ich meinem Dragoman, der sich wieder in die Bahn der Anisetteverteiler begeben hatte, ein Zeichen. Er wollte noch nicht fortgehen, das Fest zog ihn an. Folgen wir ihnen ins Haus, sagte er leise.

Aber wenn man mich anredet? fragte ich.

So sagt nur: Tayeb! Das ist eine Antwort auf alles. Ich bleibe außerdem in der Nähe und lenke das Gespräch ab.

Ich wußte schon, daß in Ägypten »Tayeb« die Grundlage der Sprache ist. Dies Wort bedeutet je nach dem Ton, den man darauf verwendet, ein jedes Ding oder Gefühl. Man vergleiche es trotzdem nicht mit dem englischen goddam ... Es bedeutet: Sehr gut, ausgezeichnet, zu Euren Diensten, die Gebärde wandelt es zu zahllosen Nuancen ab. Das ist ein einfachereres und sichereres Mittel als das des berühmten Reisenden Belzani. Er war in eine Moschee getreten, bewundernswert verkleidet, und übte sich in gewaltiger Nachahmung aller Gesten seiner Umgebung. Aber als er auf eine Frage nicht antworten konnte, mußte sein Dragoman nach all seinen Anstrengungen zu den Neugierigen sagen: Er versteht nichts: ein englischer Türke.

Wir waren durch eine mit Blumen und Laub geschmückte Tür in einen schönen Hof getreten, der ganz mit farbigen Laternen illuminiert war. Das schwache Gitterwerk der Mouscharabys hob sich vom orangenen Hintergrund der erleuchteten Gemächer ab, die von Menschen wimmelten. Wir mußten bei den unteren Galerien stillstehen. Nur die Frauen traten in das Haus ein, wo sie ihre Schleier ablegten, und man bemerkte durch die gewundenen Fensterstangen nur die unbestimmte Form, Farbe und Leuchtkraft ihrer Gewänder und Schmuckstücke.

Während die Damen im Innern von der Neuvermählten und Frauen beider Familien empfangen und gefeiert wurden, war der Gatte von seinem Esel gestiegen. In einem roten und goldenen Anzug nahm er die Glückwünsche der Männer entgegen und lud sie ein, an den niedrigen Tischen Platz zu nehmen, die überall in den Sälen des Erdgeschosses, mit Pyramiden von Schüsseln beladen, standen. Man brauchte nur die Beine auf der Erde zu kreuzen, einen Teller oder eine Tasse an sich zu ziehen und recht reinlich mit den Fingern zu essen. Jeder war willkommen, doch ich wagte an dem Mahle nicht teilzunehmen, aus Furcht vor irgendeiner Verletzung der Sitte.

Der glänzendere Teil des Festes spielte sich im Hofe ab, wo Tänze mit großem Lärm aufgeführt wurden. Eine Truppe nubischer Tänzer bewegte sich mit seltsamen Schritten in einem gewaltigen Kreise von Zuschauern. Sie gingen und kamen, von einer Frau geführt, die einen Mantel mit breiten Streifen trug und in der Hand einen gebogenen Säbel hielt. Damit schien sie einen nach dem andern der Tänzer zu bedrohen und wechselnd zu fliehen. Die Sängerinnen begleiteten den Tanz mit Liedern und schlugen mit den Knöcheln auf Terracottatrommeln, Taraboukis, in der Höhe des Ohres. Das Orchester, eine Fülle wunderlicher Instrumente, hielt die Vorstellung durch sein gewaltiges Geräusch zusammen; auch die Zuschauer waren dabei und schlugen den Takt mit den Händen. Unter den Erfrischungen, die in den Pausen herumgingen, war eine, die ich nicht vorausgesehen hatte. Schwarze Sklaven schütteten kleine Silberflaschen über die Menge aus. Es war ein Parfüm, dessen süßen Sero-Duft ich erst erkannte, als es mir in zufälligen Tropfen über Wangen und Bart rann.

Aber eine der ansehnlichsten Persönlichkeiten des Festes war auf mich zugetreten und sprach mit äußerst höflicher Miene einige Worte zu mir. Ich antwortete mit dem siegreichen Tayeb, das ihn vollständig zu befriedigen schien. Während er sich den Nachbarn zuwandte, konnte ich den Dragoman befragen, was er wolle. Er ladet uns ein, die Neuvermählte im Hause zu besichtigen.

Ich hatte offenbar zugestimmt, aber da nur ein Spaziergang dicht verschleierter Frauen zwischen Massen von Gästen in Aussicht stand, lag mir nichts an der Fortsetzung des Abenteuers. Allerdings zeigten die Frauen dort funkelnde Gewänder, die in den Straßen der schwarze Schleier begrub. Ich war aber auch in der Verwendung des leichten Wortes Tayeb noch nicht sicher genug, um mich in den Schoß der Familien zu wagen.

Wir kamen wieder zum äußeren Tor zurück, auf den Platz von Esbekieh. Schade, sagte mein Begleiter, Ihr hättet jetzt das Schauspiel sehen können. Ich dachte, er meine den berühmten Caragueuz, aber dieser spielt nur bei religiösen Festen, als ein Symbol von höchster Bedeutung. Das Schauspiel hier aber sollte nur aus kleinen komischen Szenen, gespielt von Männern, bestehen, vergleichbar unseren Sprichwort-Spielen. Man will damit den Gästen nur den Rest der Nacht angenehmer machen, indessen die Gatten sich mit ihren Eltern in die Frauengemächer zurückziehen.

Das Fest dieser Vermählung schien bereits acht Tage lang zu dauern. Am Tage der Vertragschließung hatte man auf der Schwelle, bevor die Braut darüberschritt, ein Hammelopfer veranstaltet. Es gab noch eine andere Zeremonie, bei der man eine Kugel aus Zuckerwerk, in der zwei Tauben eingeschlossen sind, zerbricht: und aus dem Aufflug der Vögel wird geweissagt. Die antike Zeit spukt hier noch herum.

Ich bin zu Haus. Das ist ein Volk, denke ich erregt, für das eine Hochzeit noch etwas Großes ist. Und obwohl sich hier ein wenig Wohlhabenheit der Gatten zeigte, verheiraten sich die armen Leute sicherlich mit dem gleichen Glanz und Getöse. Sie brauchen die Musiker und Spaßmacher und Tänzer nicht zu bezahlen, denn es sind ihre Freunde; vielleicht sammeln sie auch in der Menge. Die Gewänder werden ihnen geliehen, jeder Gast hält seine Kerze oder Fackel, und das Diadem der Braut trägt nicht weniger Diamanten und Rubinen als das einer Paschatochter.

Wo auf der Welt findet man eine echtere Gleichheit? Die junge Ägypterin, mag sie auch unter ihrem Schleier nicht schön und unter ihren Edelsteinen nicht reich sein, hat ihren Ruhmestag, an dem sie strahlend hinschreitet durch die bewundernde Stadt. Sie breitet den Purpur und die Kleinodien einer Königin aus, doch allen unbekannt und unkenntlich, rätselhaft wie eine alte Göttin des Nils. Ein einziger Mensch wird das Geheimnis dieser Gestalt erkennen; einer kann jeden Tag in Frieden seinem Ideale folgen und sich für den Günstling einer Sultanin halten. Und selbst die Enttäuschung verschleiert sich und schont seine Eigenliebe ...

Und jeder Mann in diesem glücklichen Lande hat das Recht, mehr als ein Mal diesen Tag des triumphierenden Scheins zu feiern.

III
Der Dragoman Abdallah

Mein Dragoman ist ein kostbarer Mensch; ich fürchte nur, er ist ein allzu vornehmer Diener für einen kleinen Herrn, wie ich bin. In Alexandria, auf der Brücke des Dampfers Leonidas, ist er mir in seinem ganzen Glanze erschienen. Er hatte mit seiner Barke angelegt; ein kleiner Schwarzer stand darin, um seine lange Pfeife zu tragen, und ein jüngerer Dragoman bildete das Gefolge. Eine lange weiße Tunika hing über seinen Kleidern, von der sich die Haut des Gesichtes umso schärfer abhob. Das nubische Blut schuf und kolorierte eine Maske, vergleichbar dem Kopfe der Sphinx. Sicherlich hatten sich in ihm zwei Rassen vermischt. Mit weiten Goldringen waren die Ohren beladen, der gleichmütige Schritt in den langen Gewändern gab ihm das vollendete Aussehen eines Freigelassenen aus der Zeit des oströmischen Kaiserreichs.

Kein Engländer war unter den Reisenden des Dampfers. Der gute Mann, sichtlich enttäuscht, machte sich mangels eines besseren an mich. Wir landeten, er mietete vier Esel, für sich, für sein Gefolge und für mich, und brachte mich geradeswegs ins Hôtel d'Angleterre. Dort würde man mich für täglich sechzig Piaster vorzüglich aufnehmen. Er selbst beschränkte sich auf die Hälfte dieser Summe und nahm es auf sich, dafür noch den zweiten Dragoman und den kleinen Schwarzen zu unterhalten.

Nachdem ich den ganzen Tag diese eindrucksvolle Eskorte spazieren geführt hatte, war ich mir über die Überflüssigkeit des zweiten Dolmetschers und des Jungen klar. Abdallah, wie sich die Persönlichkeit nannte, machte bei der Verabschiedung des jüngeren Kollegen keine Schwierigkeiten. Den kleinen Schwarzen übernahm er auf seine Kosten und setzte sein Gehalt auf täglich zwanzig Piaster herab, das sind ungefähr fünf Franken.

In Kairo angelangt, tragen uns die Esel sogleich zum englischen Hotel am Platz von Esbekieh. Ich hemme seinen schönen Eifer, denn es ist mir zu teuer.

Gut, nehmt das französische Hotel Domergue.

Einverstanden.

Verzeihung, o Herr, ich will Euch wohl hinführen. Aber ich bleibe dort nicht.

Weshalb?

Weil dies ein Hotel ist, das täglich nur vierzig Piaster kostet. Dahin kann ich nicht gehen.

Aber ich sehr gut.

Ihr seid ein Fremder, ich bin aus der Stadt. Ich diene gewöhnlich den Herren Engländern und habe auf meinen Rang zu achten.

(Ich fand den Preis auch dieses Hotels noch sehr hoch in einem Lande, wo alles ungefähr nur ein Sechstel so teuer wie in Frankreich ist. Hier kostet der Tag nur einen Piaster, das sind nach unserem Gelde fünf Sous.)

Es gibt, fuhr Abdallah fort, einen Ausweg. Zwei oder drei Tage wohnt Ihr im Hotel Domergue, und ich werde Euch dort als Freund besuchen. Inzwischen miete ich Euch ein Haus in der Stadt, und dort kann ich Euch ohne weiteres zur Verfügung stehen.

Ich willigte ein, denn viele Europäer mieten für kürzere Zeit Häuser in Kairo. Mein vorläufiges Hotel Domergue liegt am Ende einer Sackgasse, die von der Hauptstraße des französischen Viertels abzweigt. Seine Gebäude umstehen einen viereckigen Hof, farbig gekalkt, bedeckt mit einem leichten Gitterwerk, um das sich der Wein schlingt. Ein französischer Maler, sehr liebenswürdig, obschon ein wenig taub, und sehr talentvoll, obschon zur Daguerreotypie geneigt, hat sich eine der oberen Galerien zum Atelier umgestaltet. Er bringt manchmal Verkäuferinnen von Orangen und Zuckerstangen mit, die ihm als Modelle dienen. Sie willigen ohne weiteres ein, daß er die Formen der ägyptischen Hauptrassen an ihren Körpern studiere. Sie halten meistens nur daran fest, daß ihr Gesicht verschleiert bleibt. Das ist das letzte Bollwerk orientalischer Schamhaftigkeit.

An der Tafel des Hotels sitzen unter allerlei Leuten zwei Inder aus Bombay, einer des anderen Lehrer. Ihnen scheint die Küche zu fade zu sein, sie ziehen aus ihrer Tasche Silberfläschchen, die eine Art Pfeffer und Senf enthalten, und bestreuen damit alle ihre Speisen. Sie bieten auch mir davon an. Das Gefühl, das man beim Kauen von Kohlenglut haben müßte, gebe eine Vorstellung vom haut goût dieser Würzen. Wesentlich für das Bild des französischen Hotels ist das Piano in der ersten Etage und das Billard im Erdgeschoß; als sei man gar nicht von Marseille abgereist.

Wie viel besser wäre es also, ganz in orientalischen Einrichtungen zu leben. Da hat man ein schönes Haus von mehreren Stockwerken mit Höfen und Gärten für fünfundsiebzig Franken das ganze Jahr. Abdallah zeigte mir mehrere im koptischen und im griechischen Viertel. Sie enthalten großartig geschmückte Räume mit marmornen Böden, mit Springbrunnen, mit Galerien und Treppen gleich denen in genuesischen oder venezianischen Palästen, Säulenreihen umringen die Höfe, kostbare Bäume beschatten die Gärten, man mag das Dasein eines Fürsten führen, wenn man nur die stolzen Räume mit Dienern und Sklaven bevölkern kann. Und bei alledem – ist hier nicht ein Zimmer bewohnbar, verwendet man nicht gewaltige Kosten darauf. Keine einzige Scheibe ist in diesen wunderbar geschweiften Fenstern, die dem Abendwind und der Feuchtigkeit der Nächte offenstehen. So wohnen die Menschen in Kairo. Aber die Augenentzündung straft sie für ihren Leichtsinn, mag er auch ein Bedürfnis nach Luft und Frische sein. Ich war nicht sehr empfänglich für dies Vergnügen, in einer Ecke des ungeheuren Palastes gewissermaßen auf dem Felde zu wohnen. Einst thronten in diesen Gebäuden alte Aristokratengeschlechter, jetzt erloschen. Mamelukische Sultane erbauten sie, jetzt drohen viele mit dem Einsturz.

Abdallah fand endlich ein Haus, das weniger geräumig, doch besser geschlossen und sicherer war. Ein Engländer hatte unlängst darin gewohnt und Fensterscheiben einsetzen lassen; das machte Aufsehen wie eine Merkwürdigkeit. Wir mußten den Scheich kommen lassen, um mit der Eigentümerin, einer koptischen Witwe, zu verhandeln. Diese Frau besaß mehr als zwanzig Häuser, in Stellvertretung für die Fremden, da diese in Ägypten nicht gesetzliche Eigentümer sein können. Der Akt wurde arabisch abgefaßt. Man mußte ihn bezahlen, dem Scheich Geschenke machen, ebenso dem Richter und Vorsteher der nächsten Polizeiwache, und den Schreibern und Dienern Bakschisch zustecken.

Danach übergab mir der Scheich den Schlüssel. Dieses Werkzeug gleicht dem unseren nicht. Es besteht aus einem einfachen Stück Holz, in dessen Ende fünf oder sechs Nägel wie zufällig eingeschlagen sind. Aber da gibt es keinen Zufall: Man führt diesen seltsamen Schlüssel in einen Ausschnitt der Tür ein, und die Nägel entsprechen darin kleinen unsichtbaren Löchern; so erfaßt man einen Holzriegel, der sich löst und den Durchgang freigibt. Den Schlüssel kann man in keiner Tasche unterbringen, man muß ihn in den Gürtel stecken.

Abdallah führte mich in einen Bazar, wo wir uns etwas Baumwolle abwiegen ließen. Mit dieser und mit persischer Leinwand stellen ein paar Wollkämmer Divankissen her, die zur Nacht als Schlafpolster dienen. Der Körper des Bettes besteht aus einem langen Kasten, den ein Korbmacher aus Palmengeflecht vor unseren Augen anfertigt. Er ist leicht, elastisch und fester als man glaubt. Ein kleiner runder Tisch, eine Anzahl Tassen, lange Pfeife oder Narghilees, was man alles auch aus dem benachbarten Café leihen kann: so vermag man die beste Gesellschaft der Stadt zu empfangen. Der Pascha allein besitzt eine vollständige Einrichtung mit Lampen und Uhren. Aber das dient ihm in Wirklichkeit nur dazu, sich als Freund des Handels und des europäischen Fortschritts zu zeigen.

Ich brauche noch Matten, Teppiche und, wenn ich Luxus zur Schau tragen will, auch Vorhänge. Ich traf im Bazar einen Juden, der sich sehr eifrig zwischen Abdallah und die Kaufleute warf, um mir zu beweisen, daß ich von beiden Seiten betrogen worden sei. Der Jude hat die Aufstellung der Sachen benutzt, um sich als Freund auf dem Divan niederzulassen. Ich mußte ihm eine Pfeife reichen und Kaffee vorsetzen. Er heißt Jussuf und beschäftigt sich während dreier Monate des Jahres mit Seidenwürmerzucht. In der übrigen Zeit, erzählt er mir, hat er keine andere Beschäftigung als nachzusehen, ob die Blätter der Maulbeerbäume ausschlagen und die Ernte gut wird. Sonst scheint er vollkommen uneigennützig zu sein und sucht die Gesellschaft der Fremden nur, um seinen Geschmack zu bilden und sich in der französischen Sprache zu vervollkommnen.

Mein Haus liegt in einer Straße des koptischen Viertels, die zum Stadttor nach den Alleen von Schaubrab hinausführt. Gegenüber ist ein Café, etwas weiter eine Haltestelle der Eseltreiber und dann eine kleine Moschee, übergipfelt von einem Minaret. Am ersten Abend, als ich die langsame und heitere Stimme des Muezzin in den Sonnenuntergang klingen hörte, wurde ich von unbeschreiblicher Melancholie ergriffen.

Was ruft er? fragte ich den Dragoman.

Das Allah-il-Allah. Es gibt keinen anderen Gott als Gott.

Und dann?

»O ihr, die ihr schlafen geht, empfehlt eure Seelen ihm, der niemals schläft!«

Sicher ist der Schlummer ein zweites Leben, an dem man nicht vorbeisehen kann. Seit meiner Ankunft in Kairo schreiten all die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten durch meinen Sinn, und ich sehe im Traum all die seit Salomo entfesselten Dämonen und Riesen. Man lacht zuviel in Frankreich über die Geister, die der Schlaf erzeugt, man sieht darin nur die Früchte einer überspannten Einbildungskraft. Aber dies lebt dennoch und unterhält seine Beziehungen zu uns! Haben wir nicht in diesem Zustande alle Empfindungen des wirklichen Lebens?

Der Schlaf ist oft schwer und peinigend in der heißen ägyptischen Luft. Der Pascha, sagt man, hat einen Diener an seinem Kopfkissen stehen, um ihn jedesmal aufzuwecken, wenn seine Bewegungen oder sein Gesicht einen unruhigen Traum verraten. Aber genügt es denn nicht, sich einfach und mit Feuer und Vertrauen – Dem zu empfehlen, der niemals schläft?

IV
Nachteile des Zölibats

Nach meiner ersten Nacht, deren Geschichte ich erzählt habe, erwachte ich ein wenig später. Abdallah zeigte mir den Besuch meines Scheichs an, der schon einmal in der Frühe gekommen sei. Der gute Greis im weißen Bart wartete im Café gegenüber mit seinem Sekretär und dem die Pfeife tragenden Neger auf mein Erwachen. Seine Geduld wunderte mich nicht; jeder Europäer, der kein Kaufmann ist, bedeutet in Ägypten eine Persönlichkeit.

Der Scheich saß auf einem der Divans, man stopfte seine Pfeife und reichte ihm Kaffee. Darauf begann er die Unterhaltung, die mir Abdallah ungesäumt übersetzte.

Er bringt Euch das Geld wieder, das Ihr für die Miete des Hauses bezahlt habt.

Und warum? welchen Grund führt er an?

Er sagt, man kenne Eure Lebensweise nicht, man wisse nichts von Euren Sitten.

Hat er beobachtet, daß sie schlecht seien.

Das sagt er nicht. Er weiß garnichts darüber.

Aber er hat doch offenbar keine gute Meinung davon?

Er dachte, daß Ihr das Haus mit einer Frau bewohnen würdet.

Ich bin nicht verheiratet.

Das ist ihm gleichgültig. Aber er sagt, Eure Nachbarn haben Frauen. Sie werden unruhig sein, wenn Ihr keine habt. Es ist hier der Brauch.

Was soll ich also nach seiner Meinung tun?

Das Haus verlassen oder Euch eine Frau wählen, auf daß sie mit Euch dort wohne.

So sagt ihm, in meinem Land ist es nicht anständig, mit einer Frau zu leben, mit der man nicht verheiratet ist.

Die Antwort des Greises auf diese moralische Bemerkung war von einem väterlichen Ausdruck begleitet, den unsere Worte nicht recht wiedergeben können:

Er erteilt Euch einen Rat, sprach Abdallah. Ein Effendi wie Ihr sollte nicht einsam leben. Es sei auch immer ehrenwert, eine Frau zu unterhalten und zu ernähren und ihr Gutes zu tun. Es ist noch besser, sogar mehrere zu ernähren. Vorausgesetzt, daß der Glaube es gestattet.

Der Rat des Türken rührte mich. Aber mein europäisches Gewissen kämpfte noch gegen eine solche Anschauung, deren Richtigkeit ich erst begriff, als ich die Lage der Frauen in diesem Lande näher kennen lernte. Ich ließ dem Scheich erwidern, ich bäte ihn um Geduld, bis ich mich bei meinen Freunden über die nötigen Schritte erkundigt hätte.

Auf sechs Monate hatte ich das Haus gemietet, hatte es möbliert und befand mich wohl darin: Ich mußte nach Mitteln suchen, um dem Verlangen des Scheichs Widerstand zu leisten, der um meines Junggesellentums willen den Vertrag brechen und mich auf die Straße setzen wollte. Ich beschloß, mir Rat bei jenem Maler im Hotel Domergue zu holen. Er hatte mich schon zum Besuch seines Ateliers eingeladen. Sein Auge genügte für seine daguerreotypische Kunst, sein Ohr aber war so schlecht, daß eine Unterhaltung durch einen Dolmetscher leicht und vergnüglich gegen die seine war.

Als ich auf dem Wege zu ihm über den Platz ging, hörte ich vom französischen Viertel her laute Ausrufe der Freude, die aus einem weiten Hof kamen. Dort wurden sehr schöne Pferde herumgeführt. Einer der Leute stürzte sich plötzlich an meinen Hals und drückte mich heftig in seine Arme. Es war ein dicker Mensch in blauem Kittel, einen wollenen gelblichen Turban auf dem Schädel. Ich hatte ihn bereits auf dem Dampfer bemerkt, sein Gesicht erinnerte mich an die dicken Köpfe, die man auf den Särgen von Mumien gemalt sieht.

Tayeb! tayeb! sagte ich zu dem ausschweifenden Sterblichen, indem ich mich aus seiner Umschlingung befreite und hinter mir nach meinem Dolmetscher suchte. Aber der war in der Menge verschwunden, er legte offenbar keinen Wert darauf, dem Freund eines Stallknechts als Begleitung zu dienen. Der von den englischen Touristen verwöhnte Muselman erinnerte sich nicht, daß Mahomet sogar Kamelführer gewesen ist.

Der Ägypter indessen zog mich am Rockärmel in den Hof hinein, der zum Gestüt seines Paschas gehörte. Dort erkannte ich im Hintergrunde einer Galerie, halb ausgestreckt auf einem Divan, einen anderen meiner Reisegefährten wieder, der etwas gesellschaftsfähiger war: Soliman-Aga. Auch er erkannte mich wieder, und obwohl er in seinen Gebärden bedeutend nüchterner als sein Untergebener war, ersuchte er mich, neben ihm Platz zu nehmen, bot mir eine Pfeife an und bestellte Kaffee. Aber auch mein Stallknecht hielt sich für den Augenblick unserer Gesellschaft für würdig, kreuzte die Beine auf der Erde und erhielt seine lange Pfeife und eine der kleinen Tassen heißen Mocca. Man steckt sie in eine Art von vergoldetem Eierbecher, um sich nicht die Finger zu verbrennen. Sogleich begann sich ein Kreis um uns zu bilden.

Auch Abdallah, der meine Bekanntschaft eine vornehmere Wendung nehmen sah, zeigte sich jetzt und wandelte langsam herbei. Ich ahnte in Soliman-Aga einen vortrefflichen Kameraden, obwohl wir auf unserer gemeinsamen Reise nur pantomimische Beziehungen unterhalten hatten. Er stand mir schon so nahe, daß ich ihn ohne Zudringlichkeit von meinen Angelegenheiten unterhalten und um seinen Rat fragen konnte.

Machallah! schrie er unverzüglich, der Scheich hat Recht! ein so junger Mann müßte sich schon mehrmals verheiratet haben!

Ihr wißt, entgegnete ich etwas scheu, daß man in meinem Glauben nur eine Frau heiraten kann. Da man sie also für immer behalten muß, so stellt man zuvor einige Überlegungen an. Man möchte so gut wie möglich wählen.

Ach, sagte er, und schlug sich an die Stirn, ich spreche nicht von Euren Roumis. Europäerinnen sind für jedermann und keinen. Die armen verrückten Geschöpfe zeigen ihr Gesicht ganz nackt, und nicht nur dem, der es sehen will, sondern auch dem, der das nicht will –. Stellt euch vor, wandte er sich an seine Zuhörer und pustete vor Lachen, daß sie mich alle in den Straßen mit liebevollen Augen ansahen. Manche trieben es soweit, daß sie mich küssen wollten.

Da ich das Publikum bis zum letzten Grade empört sah, mußte ich zur Ehre der Europäerinnen bemerken, Soliman-Aga verwechsele ohne Zweifel die eigennützige Zuneigung gewisser Frauen mit der ehrbaren Neugierde der meisten anderen.

Außerdem, fuhr jener fort, ohne auf meinen Einwurf zu erwidern, der ihm wohl nur vom Nationalgefühl veranlaßt schien –, wenn diese Schönen noch verdienten, daß ein Gläubiger ihnen erlaubte, seine Hand zu küssen! Aber das sind Winterpflanzen ohne Farbe und Geschmack, krankhafte Gesichter, die der Hunger quält; denn sie essen kaum, und ihr Körper würde mir wohl zwischen den Händen bleiben. Furchtbar, sie zu heiraten! Sie sind so schlecht erzogen, daß es nur Krieg und Unglück im Hause geben würde. Bei uns leben die Frauen zusammen und die Männer zusammen und so herrscht überall Ruhe.

Aber lebt Ihr denn nicht inmitten Eurer Frauen?

Allmächtiger Gott! schrie er, wen würde ihr Geschwätz nicht den Kopf zerstechen? Seht Ihr denn nicht, daß hier die Männer, die nichts zu tun haben, ihre Zeit auf der Promenade, im Bad, im Café, in der Moschee verbringen oder bei Audienzen und bei Besuchen, die man einander macht? Ist es nicht viel angenehmer, mit Fremden zu sprechen, Gedichte und Erzählungen anzuhören oder zu rauchen und zu träumen – als mit Frauen zu reden, die sich nur mit allen Mitteln der Berechnung, Dingen der Toilette und übler Nachrede befassen?

Aber Ihr ertragt dies ruhig in den Stunden, in denen Ihr die Mahlzeiten mit ihnen einnehmt?

Durchaus nicht. Sie essen zusammen oder einzeln, wie sie wollen und wir allein oder mit unseren Verwandten und Freunden. Nur eine kleine Zahl von Gläubigen verfährt hier anders, aber sie sind nicht angesehen und führen ein lockeres und unnützes Leben. Die Gesellschaft der Frauen macht den Mann habgierig und grausam. Sie zerstört die Brüderlichkeit und das Mitgefühl. Sie verursacht jede Art von Streit, von Ungerechtigkeit, von Tyrannei. Möge jeder mit seinesgleichen leben! Es genügt, daß der Herr des Hauses zur Stunde der Siesta, oder wenn er abends heimkehrt, zu seinem Empfange lächelnde Gesichter, liebenswürdige geschmückte Gestalten vorfindet Dann singen und tanzen vor ihm andere, die man kommen ließ, und er kann sich voraus ins Paradies träumen. Er kann sich im dritten Himmel glauben, wo wir die wirklichen fleckenlosen Schönheiten finden, die allein würdig sind, ewige Gattinnen der wahren Gläubigen Allahs zu sein.

Vielleicht liegt in einer solchen Anschauung weniger eine Verachtung der Frau als ein gewisser Rest von antikem Platonismus, der reine Liebe über die vergängliche erhebt. Die angebetete Frau ist nur eine abstrakte Erscheinung, nur das unvollkommene Bild einer göttlichen, die dem Gläubigen verlobt ist in alle Ewigkeit.

Aus solchen Äußerungen meinte man schließen zu dürfen, die Orientalen leugneten die Seele der Frau. Aber man weiß nun, daß die frommen Muselmanen die Hoffnung haben, ihr Ideal dereinst im Himmel verwirklicht zu sehen. Die Religionsgeschichte der Araber hat ihre weiblichen Heiligen und ihre Prophetinnen. Und Mohammeds Tochter Fatima ist die Beherrscherin dieses Frauenparadieses.

Der Aga schloß mit dem Rat an mich, den Mohammedanismus anzunehmen. Ich dankte lächelnd und versprach, darüber nachzudenken.

V
Der Mousky

Ich ging weiter; ich hatte mich ja auf dem Wege zu meinem tauben Maler befunden. Hinter dem Gestüt begann man die lebendige Bewegung der großen Stadt zu fühlen. Die Straße war nur mit zwei mageren Reihen von Bäumen bepflanzt, die kaum gegen die Sonne schützten. Aber schon durchschnitten breite und hohe Steinhäuser im Zickzack die staubigen Strahlen. Dieser Ort ist gewöhnlich sehr belebt, sehr lärmend, wimmelnd von Händlerinnen, die Orangen, Bananen, grüne Zuckerrohre verkaufen, deren süßes Mark das Volk mit Genuß kaut. Hier lassen sich Sänger hören, Ringkämpfer zeigen sich und Gaukler, die dicke Schlangen um den Hals gerollt tragen. Es wird auch ein Schauspiel vorgeführt, dessen Bilder die spaßhaften Erfindungen Rabelais' in Leben verwandeln. Ein jovialer Greis läßt mit seinem Knie kleine Figuren tanzen, durch deren Körper ein Bindfaden gezogen ist. Mit ähnlichen spielen unsere Savoyardenknaben, aber ihre Pantomimen sind erheblich anständiger. (Es handelt sich noch nicht um den berühmten Caragueuz, der gewöhnlich in der Form des chinesischen Schattenspiels vorgeführt wird.) Ein bewundernder Kreis von Frauen, Kindern und Soldaten klatscht den schamlosen Marionetten kindlich Beifall. Ferner ist da ein Affenbändiger, der einen ungeheueren Pavian abgerichtet hat: der Affe wehrt sich mit einem Stock gegen die Angriffe der wilden städtischen Hunde, die von den Kindern gegen ihn gehetzt werden.

Weiterhin verengt und verdunkelt sich der Weg zwischen den hohen Häusern. Rechts liegt das Kloster der tanzenden Derwische, die an jedem Dienstag eine öffentliche Aufführung veranstalten. Ein breites Kutschertor, über dem man ein großes mit Stroh ausgestopftes Krokodil bewundert, führt zu dem Hause, von dem die Wagen, die durch die Wüste zwischen Kairo und Suez verkehren, ihren Ausgang nehmen. Das sind sehr leichte Gefährte, deren Form an die unserer alten Torwagen erinnert. Die weit eingeschnittenen Öffnungen darin lassen den Wind und den Staub hereinfliegen. Das ist gerade hier nötig! Die eisernen Räder enthalten ein doppeltes System von Speichen und zerschneiden den Boden, statt über ihn hinzugleiten.

Weiter steht da ein christliches Gasthaus, nämlich ein großer Ausschank, wo man aus Fässern zu trinken bekommt. Vor der Tür thront meistens ein Sterblicher mit feuerrotem Antlitz und lang hängendem Schnurrbart, welcher majestätisch den altangesessenen Franken darstellt; eine Rasse, die zum Orient gehört. Wer weiß, ob er aus Malta, Italien, Spanien oder Marseille stammt? Sicher ist nur seine Verachtung für die Trachten des Landes und seine Meinung von der Überlegenheit europäischer Moden! Auf diese Weise ist er zu einer gewissen Raffiniertheit gelangt, die seine zerlumpte Kleidung recht seltsam macht. Auf seinen blauen Rock, dessen ausgefranste Litzen seit langem von ihren Knöpfen geschieden sind, hat er Raupen aufgenäht, die sich wie Uniformschnüre kreuzen. Seine rote Hose steckt in Resten starker Militärstiefel mit Sporen. Ein weiter Hemdkragen und ein weißer gebuckelter Hut mit grünen Krempen mildern das allzu Kriegerische der Kleidung. Der Ochsenziemer, den er in der Hand hält, ist ein Privileg der Franken und der Türken, das recht oft auf Kosten der Schultern des armen geduldigen Fellachen ausgeübt wird.

Gegenüber ist eine enge Sackgasse, wo ein Bettler mit abgeschnittenen Füßen und Händen dahinkriecht. Der arme Teufel wendet sich an das Mitleid der Engländer, die unaufhörlich vorbeigehen. Denn ihr Hotel Waghorn liegt in dieser dunklen Gasse, die weiterhin zum Theater von Kairo und zum Lesekabinett des Herrn Bonhomme führt. Alle Freuden der Zivilisation vereinigen sich dort; die Araber sehnen sich nicht sehr danach. Wo die Straße einen Bogen beschreibt, muß ich gegen ein mächtiges Gedränge von Eseln, Kamelen, Hunden, Gurkenverkäufern und Brotverkäuferinnen ankämpfen. Die Esel galoppieren, die Kamele schreien, die Hunde bilden hartnäckig Spalier längs der Tore von drei Metzgern. Dieser Winkel wäre ganz arabisch, wenn man nicht gegenüber eine Trattoria voller Italiener und Malteser erblickte.

Jetzt aber dehnt sich vor unseren Augen in all ihrer Üppigkeit die Verkehrsstraße des französischen Viertels, gewöhnlich der Mousky genannt. In seinem ersten Teil, halb überdeckt mit einem Zeltdach, stehen zwei Reihen gut ausgestatteter Buden, wo alle europäischen Völker ihre bezeichnenden Erzeugnisse ausstellen. England bietet vor allem Stoffe und Tafelgeschirr, Deutschland Tuch, Frankreich Kleidung, Marseille Spezereien, Rauchfleisch und hübsche Auswahldinge. Ich nenne Marseille abseits von Frankreich, denn in der Levante ist man der Meinung, die Marseiller bildeten eine Nation für sich.

Unter den Buden, deren Industrie nach bestem Können die Reichen von Kairo anlockt, die reformierten Türken wie die christlichen Kopten und die Griechen, die sich uns zugänglicher zeigen, gibt es ein englisches Gasthaus, wo man mit Hilfe von Madeira, Porter oder Ale die aufweichende Wirkung der Nilgewässer gleichfalls erreichen kann. Eine andere weniger orientalische Stelle ist die Pharmacie Castagnol, wo sich die Beys und die Nazirs, die aus Paris stammen, mit den Reisenden treffen und Erinnerungen an das Vaterland austauschen. Dort sieht man die Stühle des Ladens und selbst die Bänke draußen sich mit zweifelhaften Orientalen bedecken, deren Brust von Sternen blitzt, die französisch sprechen und Zeitungen lesen. Inzwischen halten die Saïs muntere Pferde mit goldgestickten Sätteln zu ihrer Verfügung bereit. Dieser Verkehr kommt auch von der Nähe der französischen Post, man erwartet hier die täglichen Nachrichten aus jeder Ferne, die sich ganz unregelmäßig nach dem Zustand der Straßen und dem Eifer der Boten richten. Der englische Dampfer kommt nur ein Mal im Monat den Nil herauf.

Jetzt bin ich am Ziel meines Weges angelangt, denn ich treffe in der Pharmacie meinen Maler, der sich hier eine Verbindung von Chlor und Gold herstellen läßt. Er schlägt mir vor, zu einem Aussichtspunkt über die Stadt zu gehen. Ich verabschiede den Dragoman, der sich eiligst im englischen Gasthaus niederläßt. Er hat, wie ich fürchte, von seinen früheren Herren einen maßlosen Geschmack für starkes Bier und Whisky übernommen.

Ich hatte vor, mich jetzt zur labyrinthischsten Stelle der Stadt führen, darauf den Maler an seine Arbeit gehen zu lassen und aufs Geratewohl ohne Dolmetscher und ohne Begleiter umherzuschweifen. Diesen so naheliegenden und so schönen Plan hatte ich bisher noch nicht ausführen können, denn der Dragoman hielt sich jederzeit für unentbehrlich, und die Europäer machen stets den Vorschlag, die Schönheiten der Stadt zu besichtigen. Man muß ein wenig im Süden umhergereist sein, um die Tragweite dieses heuchlerischen Vorschlags zu kennen. Ihr glaubt, der liebenswürdige Beamte der Gesandtschaft beispielsweise mache sich aus Seelengüte zu eurem Führer. Im Gegenteil: er hat nichts zu tun, er langweilt sich fürchterlich, er braucht euch, auf daß ihr ihn unterhaltet. Doch er zeigt euch nichts, was ihr nicht selbst auf den ersten Blick gefunden hättet. Er kennt die Stadt überhaupt nicht und hat keine Ahnung, was darin vorgeht Er sucht einen Vorwand zum Spazierengehen und eine Möglichkeit, euch mit seinen Bemerkungen zu langweilen und sich an den euren zu erheitern. Im übrigen aber – was ist ein schöner Ausblick, ein Bauwerk, eine seltsame Einzelheit ohne den Zufall, ohne die Überraschung!

Die Europäer hegen das Vorurteil, man könne in Kairo nicht zehn Schritt weit kommen, ohne auf einen Esel zu steigen. Die Esel sind freilich sehr schön und laufen wunderbar. Der Treiber dient als Kawaß, als Polizist, und drängt die Menge zurück, indem er schreit: Ha! ha! iniglac! smalac! Das heißt: rechts! links! Da die Frauen auf der Straße harthöriger oder hartnäckiger als die Männer sind, schreit der Eseltreiber jeden Augenblick: Ia bent! He Frau! Er ruft es in befehlerischem Ton, der die Überlegenheit des männlichen Geschlechts fühlbar macht.

VI
Ein Abenteuer im Besestain

So ritten wir los, der Maler und ich, hinter uns ein Esel mit dem komplizierten und zerbrechlichen daguerreotypischen Apparat. Man mußte ihn auf eine Weise unterbringen, daß er uns Ehre machte. Wir kamen durch einen Durchgang, mit Brettern überdeckt, wo der europäische Handel noch einmal seine glänzendsten Waren zur Schau stellt. Mit diesem Bazar endet das französische Viertel. Wir wanden uns durch eine immer wachsende Menge in der geraden Straße, voller Moscheen und Brunnen.

Dann nach tausend Abbiegungen wird unser Weg still, staubig, verlassen. Die Moscheen zerfallen, die Häuser stehen wie im Einsturz begriffen. Lärm und Tumult schallen nur noch aus den Mäulern heulender Hunde, die erbittert hinter unsern Eseln herlaufen und besonders unsere schrecklichen schwarzen europäischen Kleider zu verfolgen scheinen. Glücklicherweise kommt jetzt ein Tor, das Viertel endet, und die Tiere bleiben kläffend an ihren Grenzen stehen.

Dreiundfünfzig Quartiere hat die Stadt, mit Mauern umgeben, darunter mehrere der Kopten, Griechen, Türken, Juden und Franzosen. Die Hunde, die in der Stadt herumwimmeln, ohne irgend jemandem zu gehören, erkennen gleichfalls diese Einteilung an und wagen sich nicht über die Bezirke hinaus! Ein neues Hundegeleit vielmehr ersetzt jenes, das uns verlassen hat, und folgt uns bis zu den Häuschen am Ufer des Kairo durchziehenden Kanals, genannt Calish.

Wir sind jetzt in einer Art Vorstadt mit zahlreichen Cafés oder Kasinos am inneren Ufer, während das andere einen breiten Boulevard bietet, den staubige Palmen schmücken. Das Wasser ist grün und sumpfig. Aber eine lange Reihe von Lauben und Bogengängen, durchschlungen mit Wein und Lianen, schließt an die Cafés heitere Gärten an. Das glatte Wasser, das sie umgibt, spiegelt liebevoll die buntscheckigen Gewänder der Raucher. Die Ölflaschen in den Kronleuchtern entzünden sich an den Lichtern des Tages, die Narghilees aus Kristall sprühen Blitze, der Likör von Ambrafarbe schwimmt in den leichten Tassen, die von Schwarzen in Bechern aus Goldfiligran umhergetragen werden.

Wir reiten ans andere Ufer und befestigen mit Pflöcken den Apparat, in dem der Gott des Lichtes so hübsch den Beruf eines Landschafters ausübt. Eine zerstörte Moschee mit seltsam behauenem Minaret, eine geschmeidige Palme, die aus Mastixgebüsch aufsteigt, könnte zur Komposition eines Gemäldes, Marilhats würdig, dienen. Mein Begleiter versinkt in Entzücken, und während die Sonne auf seinen frisch polierten Platten arbeitet, meine ich nun, die beratende Unterhaltung beginnen zu dürfen. Mit dem Bleistift lege ich ihm meine Fragen vor, und der Taube antwortet mit umso lauterer Stimme.

Verheiraten Sie sich nicht! und vor allem nehmen Sie nicht den Turban! Was verlangt man von Ihnen? Eine Frau bei sich zu haben. Welch große Sache! Ich lasse mir so viel kommen, wie ich will. Diese Orangenverkäuferinnen in blauer Tunika mit den Silbergehängen sind so schön! Sie haben genau die Formen der ägyptischen Statuen, die entfaltete Brust, die herrlichen Schultern und Arme, die wenig vorspringende Hüfte, das feine und gelenkige Bein. Das ist Archäologie! Sie müßten nur noch den Sperberschmuck auf dem Kopfe, Gewinde um den Körper und das gehenkelte Kreuz in der Hand tragen, um Isis oder Athor zu sein.

Aber Sie vergessen, sagte ich, daß ich kein Künstler bin. Außerdem haben diese Frauen Männer und Familie. Sie sind verschleiert: wie soll man wissen, ob sie schön sind? Ich kenne noch kein Wort arabisch: wie soll ich sie überreden?

Die Galanterie ist in Kairo streng verboten, die Liebe aber nicht im mindesten. Sie treffen leicht eine Frau, deren Gestalt und Gang und Fähigkeit, sich phantasievoll zu kleiden, ihre Jugend anzeigt. Irgend etwas, das den Schleier verschiebt und das Haar reizend auflöst, und die Lust, liebenswürdig zu scheinen, verrät sie! Folgen Sie ihr nur, und wenn sie in Ihr Gesicht sieht, sobald sie sich von der Menge nicht bemerkt glaubt: schlagen Sie den Weg nach Ihrem Hause ein, Sie wird Ihnen folgen. Im Falle der Frau muß man nur sich selbst vertrauen. Die Dolmetscher würden Sie da schlecht bedienen –. Die eigene Person muß für uns sprechen, das ist sicherer.

Ich verließ ihn, indessen eine achtungsvolle Menge ihn umstand und ihn mit magischen Handlungen beschäftigt glaubte. Wirklich, sagte ich mir, warum verzichte ich denn darauf, zu gefallen? Die Frauen sind wohl verschleiert; aber ich folgte ihnen noch nie. Meine europäische Hautfarbe könnte doch einigen Reiz für dieses Land haben. In Frankreich wäre ich ein üblicher Kavalier, doch in Kairo werde ich zu einem anziehenden Kind des Nordens. Diese fränkische Kleidung, die die Hunde aufregt, dient mir wenigstens dazu, aufzufallen, und das ist schon viel –.

Ich war bereits in volkreiche Straßen zurückgelangt. Rings um mich war man erstaunt, im arabischen Stadtteil einen Franken zu Fuß und ohne Führer zu sehen. Ich blieb an den Türen der Buden und Ateliers stehen und betrachtete alles mit einer Miene friedlichen Nichtstuns, die mir jedoch rings Lächeln zuzog. Sie dachten: Er hat seinen Dragoman verloren; er besitzt wohl kein Geld, um einen Esel zu nehmen; er hat sich in unseren gewaltigen Bazaren verirrt. Ich sah drei Schmieden bei ihrer Arbeit zu, sie schienen Männer aus Kupfer zu sein. Das arabische Lied, das sie sangen, leitete mit seinem Rhythmus ihre dichten Schläge auf die Stücke Metall, die ein Kind in gleichen Abstanden auf den Ambos legte. Ich fühlte einen leichten Schauder, denn wenn einer nur einen halben Takt verfehlte, mußte er dem Kinde die Hand zerschmettern.

Zwei Frauen sind hinter mir stehen geblieben und lachen über meine Neugier. Ich wende mich um und sehe an ihren Umhangen aus schwarzem Taft, an ihren grünen Seidenröcken, daß sie nicht der Klasse der Orangenverkäuferinnen vom Mousky angehören. Ich trete vor sie hin, aber sie lassen ihre Schleier herab und entschlüpfen. Ich folge ihnen und komme bald in eine reiche Straße, die durch die ganze Stadt geht. Wir geraten unter ein Gewölbe von großartigem Aufbau, sein Holzwerk ist in altem Stil geschnitzt, Lack und Vergoldung erhöhen die tausend reizenden Arabesken. Das ist wohl der Besestain der Circassier, wo jene Geschichte spielte, die der koptische Kaufmann dem Sultan von Kachgar erzählt. Ich bin mitten in den tausendundein Nächten. O, warum bin ich nicht einer der jungen Kaufleute, von denen sich die beiden Damen Stoffe vorlegen lassen gleich der Tochter des Emirs im Laden von Bedreddin! Ich würde, gleich dem Jüngling aus Bagdad, zu ihnen sprechen: Laßt mich euer Antlitz sehen um den Preis dieses goldgeblümten Stoffes, und ich bin mit Wucherzinsen bezahlt! Aber sie verschmähen die Seiden von Beirut, die durchwirkten Stoffe von Damaskus, die Kittel von Brussa, die hier um die Wette ausgelegt werden ... Es sind gar keine Läden da, es sind einfache Auslagen, deren Schichten bis zur Wölbung reichen, darüber hängt ein Schild mit einer goldenen Inschrift. Der Verkäufer raucht, mit gekreuzten Beinen auf einer engen Stufe sitzend. Und die Frauen gehen so von Stand zu Stand, und nachdem sie bei dem einen sich alles vorlegen ließen, wandeln sie mit mißbilligendem Blick zu dem nächsten. Meine Schönen lachen, – sie wollen durchaus Stoffe aus Stambul. Für Kairo gibt Stambul die Mode an. Man zeigt ihnen gräuliche bedruckte Musseline und schreit: Istamboldan! Das ist aus Stambul! Sie stoßen Rufe der Bewunderung aus. Die Frauen sind gleich, überall.

Ich nähere mich nun mit der Miene des Kenners. Ich hebe die Ecke eines gelben Stoffes mit dunkelroten Ranken hoch und rufe: Tayeb! Das ist schön! Mein Urteil scheint Anklang zu finden, man einigt sich auf den bezeichneten Stoff. Der Kaufmann mißt mit einer Art von Halbmetermaß, das er einen Pic nennt, und man beladet einen kleinen Jungen mit der zusammengerollten Ware.

Für meine Aussichten scheint es mir ein gutes Zeichen, daß eine der jungen Frauen mir ins Gesicht gesehen hat. Ihr unbestimmter Gang, das halbe Lachen, wenn sie sich umwenden und mich auf ihrer Spur sehen, dies Lüften ihres schwarzen Umhangs, Habbarah, darunter sie mich von Zeit zu Zeit eine weiße Maske sehen lassen, das Zeichen einer höheren Klasse: Dies ganze unentschiedene Verhalten eines Dominos, der uns auf dem Opernball verführen will, kündet offenbar eine heftige Empfindung für mich an.

Jetzt dürfte also jener Augenblick gekommen sein, an ihnen vorbei und vor ihnen her zu gehen und den Weg nach meiner Wohnung einzuschlagen. Ja, aber wie soll ich sie finden? In Kairo haben die Straßen keine Schilder, die Häuser keine Nummern, jedes der ummauerten Viertel ist ein in sich abgeschlossenes Labyrinth. Auf eine Straße, die weiter führt, kommen zehn Sackgassen. Inmitten meiner Ungewißheit folgte ich ihnen jedenfalls ohne Pause. Wir verließen die hellen Bazare, deren kleiner Luxus den flimmernden Gegensatz bildet zum groß architekturalen Charakter der Moscheen, wo sich mächtige gelbe und rote Bänder über die Mauern ziehen. Jetzt häufen sich gewölbte Durchgänge, enge, düstere Gäßchen, deren Fenster mit Holzwerk umzimmert sind, wie an unseren mittelalterlichen Häusern. Die kühle Luft in solchen fast unterirdischen Straßen gewährt eine Zuflucht vor der brennenden ägyptischen Sonne, hier atmet man wie im gemäßigten Klima. Daher kommt die mattweiße Farbe, die sich viele Frauen von Kairo unter ihrem Schleier bewahren, denn sie haben kaum jemals die Stadt verlassen.

Aber was soll ich von soviel Umwegen denken, die man mich hier machen läßt? Fliehen sie mich wirklich oder leiten sie sich selbst – mir voran und besser, als ich es kann – langsam auf den Weg meines Abenteuers hin? Jetzt kommen wir in eine Straße, die ich am Abend vorher durchschritten habe; ich erkenne sie an dem entzückenden Geruch wieder, den die gelben Blüten eines Erdbeerbaums verbreiten. Dieser von der Sonne geliebte Baum streckt seine mit duftenden Büscheln bekleideten Zweige die Mauer entlang. Ein niedriger Brunnen höhlt die Mauerecke aus, eine mitleidige Einrichtung, um die verirrten Tiere zu tränken.

Wir stehen an einem Haus von schönem Aussehen mit geschnitzten Ornamenten in Gips. Die eine der Damen steckt in das Tor den wuchtigen Schlüssel, den ich schon kenne. Ich folge ihnen auf dem Fuße in den dunklen Flur, ohne zu schwanken, ohne nachzudenken. Da bin ich in einem weiten, schweigenden Hof mit Galerien umgeben voll tausend zackiger Mouscharabys.

VII
Ein gefährliches Haus

Die Damen waren auf irgend einer dunklen Treppe des Flurs verschwunden. Ich wende mich um, in der ernsthaften Absicht, wieder zur Tür hinauszugehen: Aber ein großer starker abessinischer Sklave ist dabei, sie zu schließen. Ich suche nach einem Worte, um ihm zu erklären, daß ich mich im Hause geirrt hätte; daß ich bei mir selbst einzutreten glaubte. Aber das Wort Tayeb, so universal es sein mag, scheint mir für den Ausdruck all dieser Dinge doch nicht zu genügen. Inzwischen erhebt sich im Hintergrunde ein gewaltiger Lärm. Erstaunte Saïs laufen aus den Ställen hervor, rote Mützen zeigen sich auf den Terrassen des ersten Stockwerks und einer der majestätischsten Türken, die ich je sah, tritt aus der Hauptgalerie hervor.

In solchen Augenblicken ist es das Falscheste, die Sprache zu verlieren. Ich erinnere mich, daß viele Muselmanen die fränkische Sprache verstehen. Das ist ein Gemisch aus jeglicher Art von türkischen Dialekten. Man verwendet sie auf gut Glück, bis man sich verständlich machen kann. Es ist die Sprache der Türken bei Molière. So raffe ich denn alle meine Kenntnisse im Italienischen, Spanischen, Provençalischen, Griechischen zusammen und menge daraus eine recht verfängliche Rede. Im übrigen, sagte ich mir, meine Absichten sind rein: Mindestens eine der Frauen könnte seine Tochter oder seine Schwester sein: Ich heirate sie; ich nehme den Turban. Es gibt wohl Dinge, die man nicht vermeiden kann. Es gibt eine Schickung.

Dieser Türke hatte das Aussehen eines guten Kerls, sein wohlgenährtes Antlitz deutete nicht auf Grausamkeit. Er blinzelte ein wenig boshaft, als er mich die barockesten Ausdrücke auftürmen sah, die jemals an allen Stapelplätzen der Levante verwendet wurden. Und er sprach, indem er eine fleischige mit Ringen beladene Hand gegen mich ausstreckte:

Mein lieber Herr, machen Sie sich die Mühe, hier einzutreten. Wir können doch bequemer plaudern.

Welche Überraschung, der gute Türke war ein Franzose wie ich.

Wir treten in einen schönen Saal, dessen Fenster auf Gärten gehen. Ein reicher Diwan empfängt uns, wir plaudern bei Kaffee und Pfeife. Ich setze ihm auseinander, daß ich in sein Haus geraten sei, da ich in einen der zahlreichen die Häuser querenden Durchgänge zu treten meinte. Sein Lächeln sagte mir, daß die schönen Frauen schon Zeit gefunden hatten, mich zu verraten. Trotzdem wurde unsere Unterhaltung schnell recht freundschaftlich. Mein Wirt lud mich zu Tisch ein, und als die Stunde gekommen war, sah ich zwei schöne Gestalten erscheinen. Die eine war seine Frau, die andere deren Schwester, beide Französinnen.

Um mich zu erniedrigen, tadelt man meinen Anspruch, die Stadt ohne Dolmetscher und Eseltreiber durchstreifen zu wollen. Die beiden Damen wissen mir durchaus keinen Dank wegen meiner nur auf Willkür beruhenden Wahl; denn keiner ihrer Reize war hierbei im Spiel, da der schwarze Habbarah aus jeder Frau nur ein formloses Paket macht. Er ist nicht einmal so kleidsam wie der Schleier der einfachen Fellachin, und wenn der Wind sich darin fängt, sieht er wie ein halb aufgeblasener Ballon aus.

Nach dem Essen ließ man mich in einen noch reicheren Saal treten, dessen Wände mit gemaltem Porzellan belegt waren. Rings lief ein Kranzgesims aus geschnitztem Zedernholz. Eine marmorne Fontäne spann in der Mitte ihr zartes Wassernetz. Teppiche und venetianische Spiegel vervollständigten das Bild arabischen Reichtums. Aber eine schönere Überraschung erwartete mich. Acht junge Mädchen saßen um einen ovalen Tisch und waren mit verschiedenen Arbeiten beschäftigt. Sie erhoben sich und grüßten. Das ist eine Zeremonie, der man sich in Kairo nicht entziehen kann. Am meisten erstaunte mich an dieser verführerischen Erscheinung, daß die Hautfarbe der jungen Frauen, die orientalisch gekleidet waren, vom olivgrün bis zum bisterschwarz wechselte und bei der letzten wie zu dunkelster Schokolade wurde. Offenbar waren sie alle Schönheiten von gemischter Rasse. Die Herrin des Hauses und ihre Schwester saßen auf dem Diwan und lachten bei den Ausbrüchen meiner Bewunderung. Man brachte Liköre und Kaffee.

Ich war meinem Gastgeber unendlich dankbar, daß er mich in seinen Harem eingeführt hatte. Aber ich dachte mir: Man sieht, daß ein Franzose nie einen guten Türken abgibt; denn die Eitelkeit, mir seine Geliebten oder Gattinnen vorzuführen, sollte doch lieber von der Furcht beherrscht werden, er könnte sie in Versuchung bringen! – Ich täuschte mich wieder, denn diese entzückenden verschiedenfarbigen Blumen waren nicht die Frauen sondern die Töchter des Hauses. Mein Wirt gehörte zu dem Soldatengeschlecht, das sein Leben dem Dienste Napoleons geweiht hat. Ehe sie sich zu Untertanen der Restauration machen ließen, boten diese Tapferen sich lieber den Herrschern des Orients an. Indien und Ägypten nahmen eine große Anzahl von ihnen auf, in diesen beiden Ländern leben schöne Erinnerungen an die große Armee. Manche nahmen die Religion und die Sitten des Volkes an, das ihnen Zuflucht bot. Die meisten, während der Revolution geboren, hatten ja kaum irgend einen anderen Kultus als den theophilanthropischen oder den der Freimaurerlogen kennen gelernt. Der Mohammedanismus aber, sieht man ihn in den Ländern, in denen er herrscht, hat eine Größe, die auch den skeptischen Geist berühren muß.

Mein Wirt hatte sich noch in jungen Jahren diesen Verführungen eines neuen Vaterlandes überlassen. Er hatte für seine Fähigkeiten und Dienste den Grad eines Beys erhalten. Sein Serail bestand in Schönheiten aus Sennaar, Abessinien und aus Arabien selbst. Denn er hatte mitgeholfen, die heiligen Städte vom Joch muselmanischer Sekten zu befreien. Später aber, als er älter geworden war, kehrte ihm das europäische Gefühl zurück. Er verheiratete sich mit der Tochter des Konsuls, und gleich dem großen Soliman, als er sich mit Roxelane vermählte, verabschiedete er seinen ganzen Serail. Aber die Kinder blieben bei ihm. Die Töchter sah ich hier; die Söhne studierten auf den Militärschulen.

Inmitten so vieler zu verheiratender Töchter ahnte ich in der Gastfreundschaft dieses Hauses gewisse Gefahren. Ich wollte mich noch nicht festlegen, bevor ich mich weiter unterrichtet hatte.

Man ließ mich abends in mein Haus zurückführen. Ich habe diesem Erlebnis zwar eine heitere Erinnerung bewahrt; doch es lohnt sich im Grunde nicht, durch Kairo spazieren zu gehen, um sich in einer französischen Familie zu verheiraten.

Am folgenden Tage bat mich Abdallah um die Erlaubnis, Engländer nach Suez zu begleiten. Das bedeutete ein Geschäft von einer Woche, und ich wollte ihn der schönen Einnahme nicht berauben. Vermutlich war er auch nicht sehr zufrieden mit meiner Aufführung vom vorigen Tage. Ein Reisender, der seinen Dolmetscher so lange fortschickt, zu Fuß geht, und, man weiß nicht wo, speist, muß für ein trügerisches Wesen gehalten werden. Abdallah brachte mir als seinen Stellvertreter einen Freund, einen Barbarin, wie man die gewöhnlichen Dienstboten nennt.

VIII
Der Wekil

Der Jude Jusuff, mein Bekannter vom Baumwollbazar, saß an jedem Tage auf meinem Diwan und vervollkommnete sich in der Unterhaltung.

Ich habe gehört, sagte er, daß Ihr eine Frau braucht. Ich habe einen Wekil gefunden.

Was ist das?

Das heißt sonst: Geschäftsträger, Gesandter. Im gegenwärtigen Falle bedeutet es einen Ehrenmann, den man beauftragt, sich mit Eltern heiratsfähiger Töchter in Verbindung zu setzen. Er führt Euch zu ihnen oder bringt sie zu Euch.

O! o! was sind das für Mädchen?

Das sind sehr ehrenwerte Personen. Es gibt überhaupt nur solche in Kairo, seitdem Seine Hoheit die andern nach Esnee verbannt hat, ein wenig unterhalb des ersten Nilfalls.

Ich glaube es. Also gut, bringt mir den Wekil.

Er ist schon unten.

Es war ein Blinder. Sein Sohn, ein großer starker Mann, führte ihn mit bescheidener Miene. Alle vier stiegen wir auf Esel. Ich mußte lächeln, da ich den Blinden mit der Liebe verglich und seinen Sohn mit dem hymenäischen Gotte. Der Jude, unbekümmert um mythologische Vergleiche, gab mir unterwegs gute Auskünfte.

Ihr könnt Euch auf vielerlei Art hier verheiraten. Die erste ist, ein koptisches Mädchen zu ehelichen vor dem Türken.

Vor welchem Türken?

Das ist ein braver Santon, ein Mönch, dem Ihr etwas Geld gebt. Er spricht dafür ein Gebet, unterstützt Euch vor dem Kadi und versieht das Amt eines Priesters. Diese Leute sind hierzulande heilig und alles, was sie tun, ist gut getan. Sie denken nicht an Eure Religion, wenn Ihr Euch nicht um die ihre kümmert. Für eine solche Heirat sind aber nicht gerade die anständigsten Mädchen zu haben.

Schön, also die nächste Art.

Das ist schon eine ernsthafte Heirat. Ihr seid Christ, auch die Kopten sind es. Es gibt koptische Priester, die Euch, obwohl sie schismatisch sind, unter der Bedingung verheiraten, daß Ihr Euch für den Fall einer späteren Scheidung zur Zahlung eines Unterhalts an die Frau verpflichtet.

Sehr vernünftig, wie hoch ist der Unterhalt?

Je nach Übereinkunft, mindestens gibt man zweihundert Piaster.

Fünfzig Franken! das ist nicht teuer! ich verheirate mich.

Es gibt noch einen dritten Grad für besonders zartfühlende Menschen. Da handelt es sich um gute Familie. Ihr werdet vor dem koptischen Priester verlobt, er verbindet Euch nach seinem Ritus und dann könnt Ihr Euch nicht mehr scheiden lassen.

O, das wird ernst! Einen Augenblick!

Außerdem müßt Ihr zuvor noch den Unterhalt aussetzen, für den Fall, daß Ihr das Land verlaßt.

Dann wird die Frau also frei?

Jawohl, und Ihr auch. Aber solange Ihr im Lande bleibt, seid Ihr gebunden.

Im Grunde ist auch das gerecht. Welches aber ist die vierte Heiratsart?

An diese rate ich Euch nicht zu denken. Da werdet Ihr zweimal verheiratet: in der Kirche und im Franziskanerkloster. Das ist eine feste Heirat! Reist Ihr ab, so müßt Ihr die Frau mitnehmen. Sie kann Euch überallhin folgen und Euch das Kind in die Arme legen.

Dann ist es also zu Ende, man ist unlöslich verknüpft?

Vollkommen. Ihr habt dann nur noch einen Ausweg. Wenn Ihr jemanden vom Konsulat kennt, so müßtet Ihr erreichen, daß das Aufgebot in Eurem Lande nicht veröffentlicht wird.

Die Kenntnisse dieses Seidenwurmzüchters in Fragen der Verheiratung verwunderten mich. Er erklärte mir, daß er in diesen Angelegenheiten dem Wekil, der nur arabisch verstand, häufig als Dolmetscher gedient habe. Inzwischen waren wir fast bis an den Rand der Stadt gelangt; in den Teil des koptischen Viertels, der auf der Seite von Boulacq zum Platz Esbekieh geht. Ein ziemlich ärmlich aussehendes Haus am Ende einer Straße, die von Händlern mit Kräutern und Gebratenem versperrt wurde, bedeutete die Stätte, wo mir das Mädchen vorgestellt werden sollte. Ich erfuhr, daß es nicht das Haus der Eltern sei sondern ein dritter Ort.

Zwei Mädchen werdet Ihr sehen, sagte der Jude, und wenn Ihr nicht zufrieden seid, läßt man noch mehr kommen.

Ausgezeichnet; doch wenn sie verschleiert bleiben, so heirate ich nicht; nehmt davon Kenntnis.

O, seid unbesorgt, hier ist es nicht wie bei den Türken. Die Türken haben ja den Vorteil, daß sie es mit der Zahl wieder wettmachen können.

Ja. Das ist wirklich etwas anderes.

In dem niedrigen Saal des Hauses befanden sich einige Männer in blauen Kitteln, die zu schlafen schienen. Wir stiegen über eine Steintreppe zur inneren Terrasse. Dort traten wir in ein Zimmer, das auf die Straße ging, und das breite Fenster sprang mit seinem Holzgitter einen halben Meter vor. Wenn man in diesem einer Speisekammer ähnelnden Vorsprung steht, sieht man in beide Richtungen der Straße; die Vorübergehenden erscheinen in den seitlichen Ausschnitten. Es ist gewöhnlich der Platz der Frauen, von hier können sie (auch wieder gleichsam verhüllt) alles bemerken, ohne bemerkt zu werden.

Hier mußte ich mich niedersetzen, während der Wekil, sein Sohn und der Jude sich auf den Diwans niederließen. Bald erschien eine verschleierte Frau. Sie grüßte und hob danach ihren schwarzen Borghot bis über den Kopf, wodurch zusammen mit dem rückwärts geworfenen Schleier eine Art von israelitischer Haartracht entstand.

Das war die Khatbee, der weibliche Wekil. Sie verkündete mir, daß die jungen Frauen noch ihren Anzug beendeten. Inzwischen waren für jedermann Pfeifen und Kaffee gebracht worden. Ein Mann mit weißem Bart, einen schwarzen Turban um den Kopf gebunden, war noch zu unserer Gesellschaft gestoßen: der koptische Priester. Zwei verhüllte Frauen, offenbar die Mütter, standen an der Tür.

Es wurde also ernst, und ich gestehe, daß sich in meine Erwartung einige Unruhe mischte. Endlich erschienen zwei junge Mädchen, traten auf mich zu und küßten mir nacheinander die Hand. Darauf ersuchte ich sie durch Zeichen, neben mir Platz zu nehmen.

Laßt sie nur stehen, sagte der Jude, sie sind Eure Dienerinnen.

Aber ich war zu sehr Franzose, um das ertragen zu können. Der Jude redete und erklärte ihnen wahrscheinlich, es sei eine wunderliche Sitte der Europäer, die Frauen niedersitzen zu lassen. Sie nahmen also endlich neben mir Platz.

Sie trugen Kleider aus geblümtem Taft und gesticktem Musselin. Aus ihrem Haarputz, gebildet von dem roten Tarbouch, mit Gaze umwickelt, drang ein Gewimmel von Bändern und Seidenschlingen hervor. Trauben kleiner Gold- und Silberstücke, die wahrscheinlich falsch waren, bedeckten die Haare völlig. Dennoch war zu erkennen, daß die eine dunkel, die andere blond war. Man hatte jedem Einwand von vornherein begegnen wollen. Die erste war geschmeidig wie ein Palmbaum, sie hatte das Auge der Gazelle; ihre Haut war leicht gebräunt. Die andere, zarter, reicher in den Linien und so weiß, daß es mich in diesen Breiten sehr verwunderte, hatte die Miene und Haltung einer jungen Königin, blühend im Morgenland.

Sie verführte mich sehr und ich ließ ihr Zärtlichkeiten aller Art sagen, ohne indessen ihre Gefährtin ganz zu vernachlässigen. Doch die Zeit verging und ich berührte die Hauptfrage nicht. Da hieß die Khatbee sie aufstehen und die Schultern entblößen, und sie schlug sie mit der Hand, um zu zeigen, wie fest sie seien.

Ich aber fürchtete jetzt, die Entblößung könnte zu weit gehen. Ich war schon ein wenig verlegen vor diesen armen Mädchen, deren Hände ihre halb zur Schau gestellten Reize wieder mit Gaze bedeckten. Endlich sagte der Jude:

Was denkt Ihr?

Die eine gefällt mir sehr, aber ich möchte noch nachdenken. Wir wollen noch einmal wiederkommen.

Die Anwesenden hätten sicher irgend eine bestimmtere Antwort gewünscht. Khatbee und Priester ließen mich zu einer Entscheidung drängen. Ich machte ein Ende, indem ich mich erhob und wiederzukommen versprach; doch ich fühlte, daß man nicht viel Vertrauen dazu hatte.

Die beiden jungen Mädchen waren während dieser Verhandlung hinausgegangen. Als ich jetzt über die Terrasse zur Treppe schritt, sah ich die eine, die mir besonders gefallen hatte, scheinbar mit dem Ordnen von Pflanzen beschäftigt. Sie richtete sich lächelnd auf und, indem sie ihren Tarbouch fallen ließ, schüttelte sie auf ihren Schultern die herrlichen goldgelben Flechten, in denen die Sonne rötlich widerschien. Diese letzte und unaufdringliche Koketterie hätte fast über meine Klugheit triumphiert. Ich ließ der Familie sagen, ich würde bestimmt Geschenke senden.

Wahrhaftig, sagte ich unten zum gefälligen Israeliten, diese würde ich heiraten: »vor dem Türken«.

Die Mutter wird es nicht wollen, sie bestehen auf dem koptischen Priester. Es ist eine Schreiberfamilie, der Vater ist tot. Das junge Mädchen, dem Ihr Eure Vorliebe bezeigt, war erst ein einziges Mal verheiratet. Und doch ist sie erst sechzehn Jahre alt.

Wie! Sie ist Witwe?

Nein, geschieden.

O! Aber das ändert die Sache.

Ich schickte jedenfalls ein Stück Stoff als Geschenk hin.

Der Blinde und sein Sohn machten sich wieder auf die Suche und fanden andere Bräute. Es geschahen immer ungefähr die gleichen Zeremonien. Aber ich fand Geschmack an diesen Besichtigungen des koptischen schönen Geschlechts. Wenn ich etwas Stoff und kleinen Schmuck schickte, beanstandete man meine Unentschiedenheit nicht sehr. Eine Mutter führte sogar ihre Tochter in meine Wohnung. Ich glaube, diese wäre auch mit der hymenäischen Verbindung vor dem Türken einverstanden gewesen. Aber das Mädchen, recht betrachtet, befand sich in einem Alter, daß sie schon öfter, als gut war, geheiratet sein mochte.

IX
Der Garten von Rosette

Der Barbarin, den Abdallah an seine eigene Stelle gesetzt hatte, war wohl ein wenig eifersüchtig auf die Beharrlichkeit des Juden geworden. Er führte mir eines Tages einen jungen, sehr gut gekleideten Mann zu, der italienisch sprach und mir eine ganz besondere Heirat vorzuschlagen hatte.

Diese muß vor dem Konsul stattfinden, erklärte er. Es sind reiche Leute und die Tochter ist erst zwölf Jahre alt.

Ein wenig jung für mich! Es scheint aber, dies ist das einzige Alter, in dem man nicht Gefahr läuft, Witwen oder Geschiedene zu finden.

Signor, è vero. Man ist sehr ungeduldig, Sie zu sehen, da Sie ein Haus besitzen, in dem Engländer gewohnt haben. Man hat eine hohe Meinung von Ihrem Rang, ich sagte, Sie seien General.

Ich bin kein General.

Gehen Sie! Sie sind kein Arbeiter und kein Geschäftsmann! Sie tun nichts?

Nicht viel.

Schön, das bedeutet hier zum mindesten den Grad eines Myrliva, eines Generals.

Ich wußte schon, daß man in Kairo, wie in Rußland, alle Einteilungen wirklich nach militärischen Graden vornimmt. Es gibt ja Schriftsteller in Paris, für die es keine geringe Auszeichnung bedeuten würde, einem ägyptischen General gleichzustehen. Ich konnte darin nur eine orientalische Übertreibung erblicken.

Wir besteigen Esel und wenden uns zum Mousky. Wir klopfen an die Tür eines gut aussehenden Hauses. Eine Negerin öffnet und stößt einen Freudenschrei aus. Eine andere schwarze Sklavin neigt sich neugierig über die Balustrade der Treppe und klatscht mit hohen lachenden Tönen in ihre Hände. Innen widerhallt es von eifrigem Gespräch, und ich höre jedenfalls, daß vom angekündigten Myrliva die Rede ist. Im ersten Stockwerk finde ich eine sauber gekleidete Persönlichkeit vor, einen Turban aus Kaschmir um die Stirn. Er stellt mir einen großen jungen Mann als seinen Sohn vor; er ist der Vater. Im gleichen Augenblick tritt eine noch hübsche Frau von dreißig Jahren ein. Man bringt Kaffee und Pfeifen, und ich höre von dem Dolmetscher, daß sie aus Oberägypten seien. Das gibt dem Vater das Recht, einen weißen Turban zu tragen. Bald danach kommt das junge Mädchen, gefolgt von Negerinnen, die draußen vor der Tür bleiben. Sie nimmt aus deren Händen ein Tablett und reicht uns in einer Kristallschale Konfitüren, die man mit Löffeln von vergoldetem Silber ißt.

Sie war so jung und so zierlich, daß ich nicht begriff, wie man sie verheiraten konnte. Ihr Gesicht war noch nicht vollkommen geformt; sie glich aber so sehr ihrer Mutter, daß man sich nach deren Zügen vorstellen konnte, wie ihre Schönheit sich entwickeln würde. Sie ging in die Schule des fränkischen Viertels und konnte schon einige Worte italienisch. Die ganze Familie schien mir so achtungswert, daß ich bedauerte, mit nicht ganz ernsthaften Absichten bei ihr eingeführt zu sein. Als ich sie verließ, sagte ich eine rasche Antwort zu. Da galt es reiflich nachzudenken.

Der übernächste Tag war das jüdische Ostern, das unserem Palmsonntag entspricht. An Stelle des Buchsbaums wie bei uns in Europa trugen alle Christen den lieblichen Palmenzweig. Die Straßen waren voller Kinder, die ihn hielten. Ich ging, um ins fränkische Viertel zu gelangen, durch den Garten von Rosette. Das ist Kairos reizendste Promenade. Zwei Häuser von Konsuln und das des Doktors Clot-Bey stehen auf der einen Seite; die fränkischen Häuser vom Ende der Sackgasse Waghorn begrenzen die andere. Der Raum dazwischen ist groß genug, um einen waldigen Horizont voller Dattelpalmen, Orangenbäumen und Sycomoren sehen zu lassen.

Den Weg zu diesem Eden, das kein öffentliches Tor hat, findet man nicht leicht. Man muß ein Haus durchschreiten; dann befindet man sich in Obstgärten und Beeten, die von den Nachbarhäusern ausgehen. Ein Pfad durchschneidet sie und endet bei einer Art kleiner umgitterter Farm, in der Giraffen wandeln. Der Doktor Clot-Bey läßt sie von Nubiern bewachen. Ein dichter Orangenhain dehnt sich links von der Straße hin; rechts stehen Maulbeerbäume, zwischen denen Mais gepflanzt ist. Dahinter macht der Weg eine Biegung und man sieht in einen weiten Raum, abgeschlossen von einem Vorhang von Palmen und Bananenbäumen, deren lange Blätter ein sprühendes Grün haben. Ein Pavillon erhebt sich auf hohen Pfeilern, er überdeckt ein viereckiges Bassin, wo sich oft Gruppen von Frauen ausruhen; denn es ist frisch hier. Am Freitag kommen die Muselmaninnen, so dicht wie möglich verhüllt; am Sonnabend die Jüdinnen, am Sonntag die Christinnen. An diesen beiden Tagen sind die Schleier etwas weniger dicht. Manche Frauen lassen ihre Sklaven Teppiche beim Bassin ausbreiten und sich mit Früchten und Backwerk bedienen. Der Vorübergehende kann sich in den Pavillon setzen; nur am Freitag, dem türkischen Tage, belehrt ihn zuweilen eine wilde Zurechtweisung über seine Unbescheidenheit.

In der Nähe des Pavillons kam plötzlich ein Knabe mit heiterem Ausdruck auf mich zu. Es war der Bruder meiner letzten Umworbenen. Er machte mir einige Zeichen, die ich nicht verstand, und veranlaßte mich endlich mit klarerer Pantomime, im Pavillon zu warten. Nach zehn Minuten öffnete sich die Tür eines der kleinen an die Häuser stoßenden Gärten und zwei Frauen, geführt von dem jungen Mann, traten heraus. Sie nahmen am Bassin Platz und lüfteten ihre Schleier. Es war seine Mutter und seine Schwester. Nach der ersten herzlichen Begrüßung blickten wir einander an. Die Mutter und ich sprachen auf gut Glück ein paar Worte und lächelten wechselseitig über unsere Unwissenheit. Das kleine Mädchen sagte nichts, gewiß aus Zurückhaltung. Ich erinnerte mich, daß sie italienisch verstand, und versuchte einige Worte in dieser Sprache. Sie erwiderte mit der gaumigen Aussprache der Araber und so wurde die Unterhaltung noch immer nicht sehr klar.

Ich beobachtete die besondere Ähnlichkeit der beiden Frauen: die eine war die Miniatur der andern. Die unbestimmten Züge des Kindes zeichneten sich schärfer bei der Mutter ab. Zwischen den beiden Altern mußte eine entzückende Zeit kommen, in der man sie blühen sehen mochte. In der Nähe von uns lag ein Palmenbaumstamm, den der Wind vor ein paar Tagen umgestürzt hatte; seine Zweige schwammen am Rande des Bassins. Ich zeigte mit dem Finger auf ihn und sagte: Oggi è il giorno delle palme; heute ist der Tag der Palmen. Nun fallen die koptischen Feste, die sich nach dem ursprünglichen Kalender der Kirche richten, nicht auf dieselbe Zeit wie die unseren. Aber das kleine Mädchen ging hin und brach einen Zweig ab, und indem sie ihn in der Hand hielt, sagte sie: Io così sono Roumi; jetzt bin ich also eine Römerin.

Vom Standpunkt der Ägypter sind alle Franken Römer. So konnte ich dies für eine Schmeichelei halten und für eine Anspielung auf die künftige Heirat ... O Hymen, o Hymenäe, wie nahe habe ich dich an diesem Tage gesehen! Du bist nach unserer europäischen Meinung nur ein nachgeborener Bruder der Liebe. Aber müßte es nicht reizend sein, die Gattin, die man sich so klein gewählt hat, vor seinen Augen groß werden und sich entfalten zu sehen! Einige Zeit den Vater zu ersetzen, bevor man der Geliebte ist! Für den Gatten jedoch ... welche Gefahr!

Als ich den Garten verließ, hatte ich das Bedürfnis, alle meine Freunde von Kairo zu Rate zu ziehen. Ich besuchte Soliman-Aga. Verheiratet Euch doch vor Gott! sagte er wie Pantagruel zu Panurg. Ich ging zum Maler, der mit der lauten Stimme des Tauben schrie: Wenns vor dem Konsul ist, verheiraten Sie sich nicht!

Eine gewisse religiöse Hemmung verläßt den Europäer im Orient nicht, zumal unter ernsten Umständen. Eine Heirat auf koptische Art einzugehen, ist äußerst einfach.., wenn es sich nicht um ein junges Kind handelt. Das wird uns ausgeliefert ...

Zwischen diese weichen Überlegungen trat Abdallah, der von Suez zurück kam; und ich erklärte ihm meine Lage.

Ich ahnte ja, rief er, man würde meine Abwesenheit benutzen, um Dummheiten mit Euch zu machen. Ich kenne die Familie. Habt Ihr an die Mitgift gedacht?

O, darauf lege ich wenig Wert. Ich weiß, daß sie hier nicht groß zu sein pflegt.

Man spricht von zwanzigtausend Piastern, fünftausend Franken.

Gut, einverstanden.

Wie denn? an Euch ist es, sie zu zahlen.

Ach, das ist etwas anderes! Ich muß also eine Mitgift geben, anstatt eine zu erhalten?

Natürlich, wußtet Ihr nicht, daß dies hier der Brauch ist?

Da man doch von einer Heirat auf europäische Art sprach!

Die Heirat ist europäisch. Aber die Summe muß bezahlt werden. Das ist eine kleine Entschädigung für die Familie.

Da begriff ich den Eifer der Eltern in diesem Lande, ihre kleinen Töchter zu verheiraten. Es ist ja auch so gerecht wie möglich, durch eine solche Zahlung die Mühe anzuerkennen, die sich die braven Leute gegeben haben, um für uns ein junges anmutiges wohlgewachsenes Kind auf die Welt zu setzen und aufzuziehen!

Wie es scheint, wächst die Mitgift oder vielmehr die Entschädigung nach dem Grade der Schönheiten der Gattin und der elterlichen Stellung. Wenn man noch die Kosten der Hochzeit hinzurechnet, so wird eine Vermählung auf koptische Art zu einer sehr kostspieligen Änderung unseres Lebens. Es tat mir leid, daß diese letzte mir angebotene Heirat meine augenblicklichen Mittel überstieg.

Nach Abdallahs Meinung übrigens konnte man um den gleichen Preis auf dem Sklavenbazar einen ganzen Serail erwerben.

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