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Erzählungen

Gérard de Nerval: Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorGérard de Nerval
titleErzählungen
publisherDrei Masken Verlag
editorAlfred Wolfenstein
year1921
translatorAlfred Wolfenstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150627
projectidc6207107
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Zweiter Band

Vorwort zu Aurelia

von Arsène Houssaye

Seit seiner letzten Reise nach Deutschland vergaß Gérard oft, daß er auf der Erde war. Ihn quälte mehr als je ein rätselhafter Hang zur Unendlichkeit hin. Er fühlte, wie er den Boden verlor und im Leeren weiter ging. Um noch Wirklichkeit zu ergreifen, um noch am Leben zu sein, wandte er sich der Vergangenheit zu. So entstand dieses letzte Werk.

Er hatte alle Bücher zugemacht, er öffnete seine Seele. Nur noch die Seele und die Liebe bedeuteten ihm: Dichtung. Daß der Tod ihn bald besitzen werde, wußte er, und drehte sich wie ein Wanderer, der die Nacht sinken sieht, noch einmal um.

... Im Labyrinth der unsichtbaren Welt sind nicht viele so weit gegangen wie er. Oft geschah es, daß er einen ganzen Sommer oder Winter lang sich nicht wiederfinden konnte, von Schatten erschreckt, außerstande, sie zu zerstreuen.

Er verschmähte die Bücher und sah in seine Seele, weiter vielmehr; in die Seelenwelt. Wir meinten, sein Geist sei bei uns, da er mit sichtbarem Mund zu uns sprach; indeß er schon durch die strahlenden oder nächtigen Sphären flog. Wenig kümmerten ihn die irdischen Zwänge; sein Körper ging, wo es Gott gefiel.

Er war immer ein Reisender. Und hatte er kein Geld (nur hierfür brauchte er's), reiste seine Seele. Wieviel Luftfahrten ins Unbekannte! So war auch sein Tod.

Seit seiner Kindheit verbrachte er kaum jemals einige Tage in der gleichen Wohnung. Er war die Amsel im Laub, die Schwalbe über dem See. Manchmal kam er in mein und Théophile Gautiers Haus und schlief dort von Mitternacht bis Morgengrauen. Manchmal kam er zu seinem Vater, den er sehr liebte; er war bis zu seinem letzten Tage ein Kind. Wenn er über die Schwelle getreten war und den alten Chirurgen mit seiner zu Herzen gehenden Stimme begrüßt hatte und wenn sie dann nach dem Essen zu einem Spaziergang das Haus verließen: sobald er die Straßenluft wieder gerochen hatte, flog er davon. Erst durch die Zeitungen erfuhr sein Vater, daß er in Venedig oder Stambul war; und deckte doch an den gewohnten Tagen den Tisch für ihn, als brächte ihn dies zurück.

Zu Gérard konnte man wohl sagen, was Tressan zu Boufflers sprach, als er ihm auf der Landstraße begegnete: Mein teurer Dichter, entzückt, Euch zu Haus zu treffen!

... Gleichsam am Vorabend seines Todes schrieb er: Aurelia. Denn er war immer der Traum, der mit dem Leben kämpfte. Gott hat ihm die feinen und starken Goldflügel der Biene geschenkt: Aber diese Biene, an Licht und Luft trunken, ist nur niemals zu ihrem Haus zurückgeflogen.

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