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Erzählungen

Gérard de Nerval: Erzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorGérard de Nerval
titleErzählungen
publisherDrei Masken Verlag
editorAlfred Wolfenstein
year1921
translatorAlfred Wolfenstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150627
projectidc6207107
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Die verzauberte Hand

I
Place Dauphine

Nichts ist so schön wie diese Häuser des siebzehnten Jahrhunderts, deren erhabene Versammlung die Place Royale umsteht. Wenn ihre Backsteinfassaden, die von Streifen und Ecken aus Stein durchzogen und eingefaßt werden, und wenn ihre hohen Fenster im Glanz des Sonnenuntergangs flammen: so fühlt man vor ihnen die gleiche Verehrung wie vor dem höchsten Gerichtshof in roten Roben mit Aufschlägen aus Hermelin. Und der lange grüne viereckige Tisch, um den sich diese gefürchteten Beamten ordnen, gleicht dem Band von Linden längs der vier Fassaden, die die ernste Harmonie des Platzes vollenden.

Es gibt in Paris noch einen anderen Platz, dessen regelmäßige Form nicht weniger befriedigt. Er bildet etwa ein Dreieck wie der andere ein Quadrat. Er wurde unter Heinrich IV. erbaut, der ihn Place Dauphine nannte, und man bewunderte damals die geringe Zeit, die zur Bebauung des großen Raums der Gourdaine-Insel genügte. Grausames Mißbehagen bereitete die Bebauung dieses Bodens den Schreibern, die sich dort lärmend ergötzten, und den Advokaten, die dort ihre Verteidigungsreden überlegten. Es waren so grüne und blühende Anlagen, wenn man aus dem verpesteten Hof des Palais Royal kam!

Kaum erhoben sich die Gerüste der drei Häuserreihen über ihren schweren Portiken voller Vorsprünge und Furchen, kaum waren sie mit Ziegeln bekleidet, von Balustradenfenstern durchbrochen, mit schweren Giebeln gekrönt: als das Heer der Gerichtsleute in den Platz einbrach, und ein jeder nach seinem Grad und der Höhe seiner Macht sich dort festsetzte, das heißt im umgekehrten Verhältnis zur Höhe der Stockwerke. Es entstand hier eine Art »Hof der Wunder« Freistätte der Pariser Gauner und Bettler. der angesehenen Leute, eine Höhle der bevorrechteten Spitzbuben, ein Schlupfwinkel des »Prozeßwälsch« gleich jenem anderen des »Rotwälsch.« Aus Ziegeln und aus Stein war dieser, der andere aus Holz und Kot.

In einem dieser Häuser wohnte in den letzten Jahren von Heinrichs Regierung eine sehr bemerkenswerte Persönlichkeit, mit Namen Godinot Chevassut. Er bekleidete die Stellung eines Stellvertreters des Pariser Oberrichters. Das war ein einträgliches Amt, aber auch schwierig in jenem Jahrhundert, da die offenen Spitzbuben viel zahlreicher waren als heute, – so sehr hat die Ehrlichkeit in unserem Lande Frankreich abgenommen! und da auch die Zahl der mannstollen Mädchen viel größer war, so sehr haben sich unsere Sitten verschlechtert! Denn weil die Menschen sich kaum verändert haben, kann man mit einem alten Schriftsteller sagen: Je weniger Schelme auf den Galeeren sind, desto mehr sind draußen.

Es muß betont werden, daß die Spitzbuben jener Zeit nicht so unedel waren wie heute. Dies elende Gewerbe war damals eine Kunst, deren Ausübung auch junge Leute von Familie nicht verschmähten. Manche Talente, die sich von einer Gesellschaft voller Schranken und Privilegien beharrlich zurückgestoßen fühlten, entwickelten sich in dieser entgegengesetzten Richtung. Ihre Feindschaft wurde freilich mehr den Einzelnen als dem Staate gefährlich, denn dessen Maschine wäre ohne diese Abstoßung vielleicht zersprungen. So übte denn die Gerechtigkeit Schonung gegen sie und besonders groß in dieser Schonung war unser Stellvertreter von der Place Dauphine, aus Gründen, die man noch erfahren wird. Dafür aber war niemand strenger gegen die Ungeschickten: die mußten für die andern, ihre Mitdiebe, zahlen und belaubten die Galgen, in deren Schatten Paris damals lag, nach des alten Aubigné Ausdruck. Die Bürger waren befriedigt und wurden von den andern nur um so besser bestohlen; immer vollkommener wurde die langfingrige Kunst.

Godinot Chevassut war ein kleiner beleibter Mann, der zu ergrauen anfing und sich gegen die Gewohnheit der Alten sehr darüber freute. Denn je weißer seine Haare wurden, um so mehr verloren sie eine gewisse scharfe Farbe, die ihm von Geburt eigen war. Seine Bekannten gaben ihm deshalb den unangenehmen Spitznamen »Rousseau«, Rotkopf, als ob dies leichter zu behalten und auszusprechen war. Er hatte schielende, aber sehr aufgeweckte Augen, die freilich immer halb geschlossen waren unter den dichten Brauen. Sein Mund war etwas gespalten wie bei Leuten, die gern lachen. Doch er lachte niemals laut, niemals hörte man bei ihm jene bei unsern Vätern beliebten Salven, obwohl auf seinem Gesicht ein dauernder Ausdruck von Bosheit lag. Aber jedesmal, wenn ihm ein Scherz entfuhr, pflegte er an den Schluß ein Ha! oder ein Ho! zu setzen, das er mit voller Lungenkraft hervorstieß. Und dies geschah oft, denn unser Beamter liebte es, seine Unterhaltung mit Pointen zu stacheln, mit Zweideutigkeiten und Neckereien, die er nicht einmal in der Gerichtsverhandlung unterließ. Das war damals übrigens ein allgemeiner Brauch bei den Leuten von der Robe, heute ist er fast ganz an die Provinz übergegangen.

Um seine Zeichnung zu vollenden, muß man ihm noch am gewöhnlichen Ort eine lange und vorn viereckige Nase einpflanzen und kleine ungeränderte Ohren, die so fein waren, das sie einen Vierteltaler auf eine Viertelmeile und ein Goldstück noch viel weiter hörten. Wenn daher sich ein Verteidiger die Anfrage erlaubte, ob der Herr Stellvertreter nicht ein paar Freunde habe, an die man sich zur Fürsprache bei ihm wenden könne, so erfuhren sie, daß der Rotkopf in der Tat recht schwerwiegende Freunde habe. Das waren der Herr Taler, der Baron Dukat und ihre Hoheit die Dublone, welche man am besten alle zusammen in Bewegung setzte, um sich aufs wärmste empfehlen zu lassen.

II
Von einer fixen Idee

Mancher hat mehr Sympathie für die eine große Eigenschaft oder Tugend als für die andere. Der eine schätzt Helden und kriegerische Tapferkeit und die Erzählung schöner Waffentaten über alles. Der andere stellt die Kunst und die Wissenschaft und ihre genialen Taten obenan. Andere fühlen sich tiefer gerührt von hilfreicher Gesinnung und Wohltun an unsern Nächsten, von der Hingabe an das Heil der Gemeinschaft. Aber Chevassuts besonderes Gefühl war, daß man keine Eigenschaft über den Scharfsinn und die Geschicklichkeit stellen könne, und daß die damit versehenen Leute in dieser Welt der Bewunderung und Ehrung am würdigsten seien. Nirgends fand er diese Fähigkeiten glänzender ausgebildet als unter dem Volk der Mantelmarder, der Taschendiebe, der Zigeuner, deren großzügiges Leben und seltsame Kunststücke sich Tag für Tag mit unerschöpflicher Vielfältigkeit vor ihm offenbarten.

Sein Lieblingsheld war Meister François Villon von Paris, in der Dichtkunst so berühmt wie in der langfingrigen Kunst. Er gab selbst die Ilias mit der Äneïs und den nicht weniger bewunderungswürdigen Roman des Huon von Bordeaux für die Dichtung von den »Freitischen« und für die »Legende vom Meister Feuerfang«, welches die Heldenepen des Diebsvolkes sind. »Die Illustration« von Dubellay, »Das Peripolitikon« des Aristoteles und das »Cymbalum mundi« schienen ihm recht schwach neben dem «Rotwälsch, gefolgt von der Verfassung des Königreichs Argot« und neben den «Zwiegesprächen zwischen dem Schlingel und dem Jammerlappen, von einem Ladenschwengel, der in der Stadt Tours Wolle schiebt. Gedrückt mit Genehmigung des Königs von Fünffranken beim Windbeutel Fiaker St. Fiaker: Schutzpatron gegen Durchfall., Tours 1603.« Und da ein Mensch, der auf eine gewisse Tugend große Stücke hält, ganz natürlich die tiefste Verachtung für den entgegengesetzten Mangel hegt, so haßte er wohl niemand so heftig wie die einfachen Leute, den schwerfälligen Verstand und das unverwickelte Gemüt. Dies ging soweit, daß er am liebsten die Verteilung der Gerechtigkeit vollkommen geändert hätte, sodaß nach Aufdeckung irgend eines tüchtigen Verbrechens nicht der Dieb sondern der Bestohlene den Strick verdiente. Das war ein Gedanke; – es war der seine. Er sah hierin das einzige Mittel, um die geistige Befreiung des Volkes zu beschleunigen und das Jahrhundert zum letzten Fortschritt im Geist und in der erfinderischen Geschicklichkeit zu bringen. Denn hier lag für ihn die wahre Krone der Menschlichkeit und die Gott wohlgefälligste Vollendung.

Soweit das Moralische. Was das Politische betrifft, so war er überzeugt: der über eine große Stufenleiter organisierte Diebstahl begünstige am besten die Teilung der großen Vermögen und den Umlauf der kleinen, und also bewirke er das Wohlsein und die Erlösung der unteren Klassen ...

Man versteht jetzt, daß nur die schöne dreifache Gerissenheit ihn freute, die geschmeidige Feinheit der Leute vom Fach, die alten Streiche des Meisters Gonin, die sich seit zwei Jahrhunderten im Salz der Geister aufbewahrten. Villon, der sich selbst übertraf, war sein Vetter! und nicht die hergelaufenen Straßenräuber. Der Verbrecher, der sich an die Straße legt und roh den waffenlosen Reisenden ausplündert; oder der ohne geistige Anstrengung in das einsame Haus einbricht und oft die Bewohner abtut: war ihm wie allen Guten ein Abscheu. Aber wenn er diesen Zug eines edlen Spitzbuben gekannt hätte, welcher beim Einbruch in eine Wohnung darauf achtete, daß die Öffnung in der Mauer die Form eines gotischen Spitzbogens annahm, auf daß man nächsten Tages bei der Entdeckung des Diebstahls den Geschmack und die Kunst der Ausführung bemerke: – einen solchen Menschen hätte Meister Gobinot, um wenig zu sagen, höher als Bertrand de Clasquin oder den Kaiser Augustus eingeschätzt.

III
Die Hosen des Beamten

Jetzt aber ist es Zeit, den Vorhang aufzuziehen und nach altem Brauch dem Herrn Prolog, da er allzu üppig wird, einen Tritt in die Rückseite zu versetzen. Die Kerzen sind seit seinem Eingang schon dreimal geputzt worden. Er beeile sich also mit dem Schluß wie jener, der die Zuschauer beschwor: Reinigt die Unvollkommenheiten meines Spruches mit den Staublappen eurer Menschlichkeit; empfangt das Klystier meiner Entschuldigungen in die Gedärme eurer Ungeduld! So kann die Handlung beginnen.

Ein düsterer getäfelter großer Saal. Der alte Beamte sitzt in einem breiten geschnitzten Lehnstuhl mit gedrehten Füßen, über dessen Lehne sein gefranstes Damasthemd geworfen ist. Er versucht ein Paar bauschige ganz neue Hosen, die ihm Eustache Bouteroue, Gehilfe des Tuchmachers und Strumpfwirkers Goubard, gebracht hat. Meister Chevassut erhebt sich und setzt sich wieder beim Schnüren seiner Bänder, und er richtet von Zeit zu Zeit das Wort an den jungen Mann, der steif wie ein Steinheiliger auf der Ecke eines Schemels sitzt und furchtsam und zögernd den Herrn ansieht.

Hä! sagt der und stößt mit dem Fuße die alten Hosen fort, aus denen er soeben herausgestiegen ist, die haben ihre Zeit gedauert. Sie waren fadenscheinig wie ein Gerichtsverbot; alle Teile nahmen von einander Abschied, ein Abschied, der durch und durch ging. Der spaßhafte Beamte hob sie indessen noch einmal in die Höhe, um seine Börse heraus zu nehmen und ein paar Geldstücke auf seine Hand zu schütten.

Sicherlich, fuhr er fort, tragen wir Leute vom Gericht unsere Kleider recht sparsam, denn wir bedecken sie mit unserer Robe, solange nur Gewebe und Nähte standhalten. Darum, und weil ein jeder leben muß, selbst die Diebe, von den Schneidern angefangen, – so ziehe ich von den sechs Talern nichts ab, die der Meister verlangt. Ich füge sogar noch diesen etwas beschnittenen Taler für den Gehilfen hinzu, unter der Bedingung, daß er ihn nicht mit Nachlaß wechselt, sondern ihn als gut irgend einem dummen Bürger andreht, indem er alle Quellen seines Geistes springen läßt. Andernfalls behalte ich den besagten Taler für die Almosensammlung am morgigen Sonntag in Notre-Dame.

Eustache nahm die sechs Taler und den beschnittenen mit tiefer Verbeugung.

Na, mein Junge, beginnt man bei euch sein Geschäftchen zu machen? beim Messen mit der Elle, beim Zuschneiden? und dreht man dem Kunden alt für neu und flohbraun für schwarz an? Haltet nur den alten Ruf der Händler unter den Pfeilern der Hallen!

Eustache hob erschrocken seine Augen auf den Beamten. Dann stellte er sich, als liege ein Scherz vor und fing laut zu lachen an. Doch der Beamte scherzte nicht.

Ich liebe nicht die Betrügereien der Händler; der Dieb stiehlt; er betrügt nicht. Ein guter Freund mit scharfer Zunge und kundig im Latein kauft ein Paar Hosen; streitet lange über den Preis, bewilligt endlich sechs Taler. Kommt darauf ein ehrenwerter Christ, so von den einen Schafskopf, von den andern ein guter Kunde genannt wird. Wenn es nun geschieht, daß er ein Paar genau gleicher Hosen wie der andere nimmt, und wenn er sie im Vertrauen auf den Verkäufer, der seine Redlichkeit bei der Jungfrau beschwört, mit acht Talern bezahlt: so beklage ich ihn nicht, denn er ist nur ein Dummkopf. Aber während der Verkäufer seine beiden Einnahmen zählt und die zwei Taler, den schönen Unterschied zwischen der ersten und zweiten Einnahme, befriedigt in der Hand klimpern läßt: – wird vor seinem Laden ein armer Teufel vorbei geführt, auf die Galeere, weil er ein schmutziges löcheriges Schnupftuch aus einer Tasche zog. Schaut, ein Verbrecher! ruft unser Tuchmacher; wenn die Gerechtigkeit gerecht wäre, würde der Lump lebendig gerädert! und ich könnte dabei zuschaun, fährt er fort, immer die beiden Taler in der Hand ... Eustache, was meinst du, wie wäre es, wenn die Gerechtigkeit entsprechend diesem Wunsch gerecht wäre?

Der junge Mann lachte nicht mehr. Dies Paradox übertraf alle ihm zur Verfügung stehenden Antworten, und der Mund, aus dem es hervorging, machte es zu einer höchst beunruhigenden Tatsache. Als ihn Meister Chevassut erstarrt wie einen Wolf in der Falle stehen sah, lachte er sein besonderes Lachen, klopfte ihm auf die Wange und hieß ihn gehn. Gedankenvoll stieg Eustache die Balustradentreppe hinab, obgleich er in der Ferne, im Hofe des Palais, die Trompete des Galinette la Galine hörte, Possenreißer beim berühmten Operateur Geronimo, der die Leute mit seinen Späßen zum Kauf der Heilmittel seines Meisters lockte. Eustache war diesmal taub und schritt voll Pflichtgefühl zum Pont Neuf, um ins Hallenviertel zu gelangen.

IV
Pont Neuf

Der Pont Neuf, unter Heinrich IV. vollendet, ist das wesentlichste Bauwerk aus diesem Zeitraum. Sein Anblick erregte eine unglaubliche Begeisterung, als er nach gewaltigen Arbeiten mit zwölf Spannungen die Seine ganz überbrückte und die drei Stadtteile der Herrin Paris enger vereinigte.

Bald wurde die Brücke der Sammelort aller müßigen Pariser, deren Zahl groß ist, und aller Gaukler, Salbenverkäufer und Spitzbuben, deren Gewerbe durch die Menge in Schwung gebracht wird wie eine Mühle durch ein Gewässer. Als Eustache das Dreieck der Place Dauphine verließ, warf die Sonne ihre staubigen Strahlen senkrecht auf die Brücke und es herrschte dort großer Verkehr. Denn die belebtesten Spazierwege von Paris sind gewöhnlich die, an denen nur Schaufensterauslagen blühen, auf deren Boden nur Steine wachsen und deren Schatten nur von Häusern gebildet wird.

Er schlug sich mit Mühe durch den Strom der Menge, der den Strom des Wassers überkreuzte und sich langsam von einem Ende der Brücke zum andern wälzte. Wie Eisschollen stieß man sich an jedem Hindernis fest. Zahllose kreisende Wirbel bildeten sich von Platz zu Platz um die Taschenspieler, um die Sänger, um die Händler, die ihre Ware mit Geschrei anpriesen. Manche standen längs der Brüstungen, um unter den Brückenwölbungen die Flöße hintreiben, die Schiffe hin und her fahren zu sehen oder die prachtvolle Aussicht zu betrachten, die die Seine stromabwärts bietet. Zur Rechten stehen das Ufer entlang in langer Reihe die Bauten des Louvre, zur Linken liegt die große Wiese Pré-aux-Clercs, durchzogen von schönen Lindenalleen, eingefaßt von grauen struppigen Weiden und grünen Trauerweiden, die in das Wasser weinen. Und auf jedem Ufer steht ein Turm, der von Nestle und der des Bois de Boulogne, die gleich Riesen aus alten Romanen Wache stehen vor den Toren von Paris.

Plötzlich wandte ein heftiger Knall die Augen der Spaziergänger und Beobachter auf ein Schauspiel, das ihrer Aufmerksamkeit würdig war. In der Mitte einer dieser kleinen halbmondförmigen Erhöhungen, auf denen man früher Buden aus Stein aufgebaut hatte, während sie jetzt über jedem Brückenpfeiler einen kleinen leeren Raum seitab bildeten, hatte sich ein Taschenspieler aufgestellt. Auf dem Tische vor ihm spazierte ein sehr schöner Affe umher in schwarzer und roter Tracht eines Teufels mit natürlichem Schwanz. Ohne die geringste Scheu schoß er Raketen und künstliche Sonnen los, zum Schaden all der Bärte und Halskrausen, die nicht schnell genug zurückgewichen waren.

Sein Herr hatte ein Zigeunergesicht, wie es hundert Jahre vorher gewöhnlich, damals aber schon selten war, während es heute in der Häßlichkeit und Verwaschenheit unserer bürgerlichen Köpfe untergegangen ist. Sein Profil war eisern wie eine Axt, seine Stirn hoch, aber eng, seine Nase sehr lang und sehr gebuckelt, aber nicht überhängend wie die römische, sondern eher aufgerichtet. Seine feinen Lippen traten ein wenig hervor, das Kinn wich zurück. Seine Augen waren breit geschlitzt, die Brauen bildeten darüber ein V, die langen Haare waren schwarz. Geschmeidige Gelöstheit zeigte sich in den Bewegungen, in seiner Haltung die Geschicklichkeit eines Hallunken, der mit seinen Gliedern alles anfangen konnte, da sie frühzeitig für mancherlei Gewerbe »gebrochen« waren.

Er trug die alte Tracht eines Possenreißers, auf seinem Kopf saß ein großer Filzhut mit Rändern, sehr zerdrückt und abgerieben. Meister Gonin war der Name, den alle Welt ihm gab, seiner Gewandtheit wegen, oder weil er wirklich von jenem berühmten Gaukler abstammte, der unter Karl VII. das Theater der »Sorglosen Kinder« gründete und als erster den Titel eines Königs der Dummen trug. Zur Zeit dieser Geschichte war der Titel auf den Herrn d'Engoulevent übergegangen, der alle souveränen Vorrechte eines solchen Namens wohl zu vertreten wußte, selbst vor dem Gericht.

V
Die Wahrsagung

Als der Taschenspieler einen schönen Kreis um sich versammelt sah, begann er zunächst mit einigen Kunststückchen, die brausende Bewunderung fanden. Er hatte freilich seinen Platz im Halbmond mit Vorbedacht gewählt, – durchaus nicht nur um den Verkehr nicht zu stören: Er hatte auf diese Weise die Zuschauer vor sich und niemand hinter sich. Denn die Kunst war damals noch nicht, was sie heute geworden ist; jetzt arbeitet der Taschenspieler rings von seinem Publikum umgeben. Als die Kunststücke zuende waren, machte der Affe einen Rundgang durch die Menge und erntete eine Menge Geld, für das er galant dankte mit einem Gruß und einem grillenhaften Schrei. Aber dies war nur die Einleitung für etwas ganz anderes gewesen, und in wohlgesetztem Prolog verkündete der neue Meister Gonin seine Fähigkeit, aus den Karten, aus der Hand und aus den pythagoräischen Zahlen zu wahrsagen. Das sei unbezahlbar, – es sei nichts als eine Gefälligkeit, für die er einen Sou nehme. Bei diesen Worten schlug er ein großes Spiel Karten, und sein Affe Pacolet verteilte sie mit viel Verstand unter alle, die die Hand danach ausstreckten.

Als die Nachfrage befriedigt war, rief sein Meister, nach den Namen der Karten, die Neugierigen heran und weissagte jedem sein gutes oder böses Geschick. Pacolet hatte von ihm eine Zwiebel als Lohn erhalten und vergnügte inzwischen die Gesellschaft mit den Grimassen, die ihm dies Geschenk verursachte, war entzückt und unglücklich, lachte mit dem Mund und weinte mit dem Auge, verzog bei jedem Biß sein Gesicht vor Freude und vor Jammer.

Eustache, der auch eine Karte genommen hatte, wurde als letzter gerufen. Aufmerksam besah Meister Gonin sein langes kindliches Gesicht und verkündete in hochtrabendem Ton: – Dies die Vergangenheit: Ihr habt Vater und Mutter verloren; Ihr dient seit sechs Jahren beim Tuchmacher in den Hallen. Dies die Gegenwart: Euer Herr versprach Euch seine einzige Tochter; er wünscht sich zurückzuziehen und Euch das Geschäft zu übergeben. – Um die Zukunft zu sehen, reicht mir Eure Hand.

Eustache tat es voll Erstaunen. Der Wahrsager forschte eifrig in den Linien, runzelte zögernd die Braue und rief seinen Affen, wie um ihn zu befragen. Der ergriff die Hand, starrte hinein, sprang auf die Schulter seines Herrn und schien ihm ins Ohr zu flüstern. Aber er bewegte nur sehr rasch die Lippen, wie dies Tiere tun, wenn sie unzufrieden sind.

Seltsam! rief endlich Gonin, daß ein anfangs so einfaches, so bürgerliches Dasein nach einer ganz ungewöhnlichen Umbildung strebt, nach einem außerordentlich hohen Ziel! Ja, mein liebes Kücken, Ihr brecht Eure Schale, Ihr werdet hochkommen, recht hoch ... Ihr sterbt größer als Ihr wart.

Schön, dachte sich Eustache, solche Versprechungen machen die Leute immer. Woher aber weiß er denn die Dinge, die er mir zuerst sagte? Das ist merkwürdig, oder kennt er mich irgendwie?

Er zog den beschnittenen Taler aus der Börse und bat den Gaukler ihm herauszugeben. Vielleicht hatte er zu leise gesprochen; jener rollte den Taler zwischen den Fingern und sprach: Ich sehe, Ihr habt Lebensart. Daher füge ich meiner sehr wahrhaftigen, jedoch noch ein wenig zweideutigen Prophezeiung ein paar Einzelheiten hinzu. Ja, es hat sich gelohnt, mein Lieber, daß Ihr mich nicht wie die andern mit einem Sou abspeist, mag Euer Taler auch ein gutes Viertel verloren haben. Es macht nichts, diese blanke Münze soll für Euch ein glänzender Spiegel sein, in dem Ihr die reine Wahrheit erblickt.

Was Ihr mir also von meiner Erhöhung sagtet, ist nicht die reine Wahrheit?

Ihr habt mich über Eure Zukunft befragt, und ich habe sie Euch verkündet, aber die Erklärung fehlte noch. Nun, wie versteht Ihr das hohe Ziel, das ich Eurem Lebenslauf voraussage?

Ich denke mir, ich werde Vorsteher der Tuchmacher werden oder Kirchenvorstand oder Schöffe ...

Weit gefehlt! nein, verehrter Freund, es ist anders zu verstehen. So hört: unser Orakel sagt »hoch kommen« von denen, die man zu Hütern der Mondkälber bestellt, und »weit kommen« von denen, die ihre Geschichte in den Ozean schreiben dürfen mit fünfzehn Fuß langen Schreibfedern ...

Ah! doch erklärt mir Eure Erklärung, dann begreife ich sie gewiß.

Es sind nur zwei ehrenwerte Sätze zur Umschreibung zweier Worte: Galgen, Galeere! Ihr werdet hoch und ich weit kommen. Das wird bei mir durch diese Mittellinie angezeigt, welche von anderen weniger betonten Linien im rechten Winkel durchschnitten wird: Bei Euch durch eine Linie, welche die Mittellinie trifft, ohne darüber hinauszulaufen, während eine dritte die beiden schräg durchquert ...

Der Galgen! schrie Eustache.

Haltet Ihr durchaus auf einen wagrechten Tod? Das wäre kindisch! Wie sicher seid Ihr nun vor allen anderen Todesarten, denen der sterbliche Mensch sonst ausgesetzt ist! Kann sein übrigens, daß der hohe Herr Galgen Euch erst beim Hals packt, wenn Ihr nur noch ein alter von der Welt angeekelter Mensch seid. – Aber es schlägt Mittag, und die Verordnung des Herrn Oberrichters vertreibt uns bis zum Abend von der Brücke. Braucht Ihr einmal wieder einen Rat, einen Zaubertrank oder sonst eine Hexerei nach Eurem Belieben im Falle der Gefahr, der Liebe oder der Rache: so wohne ich dort unten am Ende der Brücke, Château Gaillard. Seht Ihr das Taubentürmchen?

Noch ein Wort, ich bitte Euch, sagte Eustache zitternd. Werde ich mich glücklich verheiraten?

Bringt Eure Frau zu mir, und ich sage es Euch ... Pacolet, Verbeugung vor dem Herrn und Handkuß!

Der Gaukler legte seinen Tisch zusammen, nahm ihn unter den Arm und den Affen auf die Schulter und ging ein altes Liedchen pfeifend davon.

VI
Kreuz und Leiden

Eustache wollte sich in der Tat mit der Tochter seines Tuchmachers verheiraten. Er war ein sehr ordentlicher Junge, verstand den Handel, und in seiner Mußezeit fröhnte er nicht dem Kugel- oder Ballspiel wie mancher andere, sondern rechnete, las in der »Laube der sechs Korporationen« und lernte spanisch. Denn spanisch mußte ein Kaufmann sprechen können wie heute englisch, weil so viele Angehörige dieses Volkes damals in Paris wohnten. In sechs Jahren hatte sich Meister Goubard von der vollendeten Redlichkeit und dem trefflichen Charakter seines Angestellten überzeugt, und da er zwischen seiner Tochter und ihm eine recht tugendhafte und ehrlich beherrschte Neigung entdeckt hatte, so wollte er sie zu Sankt Johannis verheiraten. Darauf gedachte er sich nach Laon in der Picardie zurückzuziehen. Eustache besaß freilich kein Vermögen, aber es war noch nicht allgemein Brauch, zwei Säcke Taler miteinander zu verheiraten. Die Eltern prüften einige Zeit die Zuneigung der jungen Leute und studierten lange und sorgfältig ihren Charakter, ihre Begabung und Lebensführung, indessen die Väter von heute mehr sittlichen Untergrund von einem Diener verlangen als von einem Schwiegersohn.

Die Prophezeiung des Gauklers hatte die nicht sehr flüssigen Gedanken des jungen Mannes derartig verdichtet, daß er betäubt mitten im Halbmond stehen blieb und die silbernen Stimmen nicht hörte, die in den Glockentürmen der Samaritaine zwitscherten: Mittag, Mittag! Aber in Paris läutet es Mittag eine Stunde lang: Jetzt ergriff die Uhr des Louvre das Wort mit größerer Feierlichkeit, dann die der Großen Augustiner, dann die des Châtelet. Eustache schrak zusammen und lief eilig davon, und sein Gesicht hellte sich auf, als er endlich die roten Schirme des Hallenplatzes erblickte, die Gerüste der »Sorglosen Kinder«, die Leiter und das Kreuz und die hübsche Laterne des Prangers mit dem Bleidach. Unter einem dieser Schirme wartete seine Zukünftige, Javotte Goubard. Die meisten Händler hatten solch eine Auslage vor den Hallen, die von einem Angestellten beaufsichtigt wurde und ihrem dunklen Laden als ergänzende Verkaufsstelle diente.

Alle Morgen nahm Javotte als Gehilfin ihres Vater hier Platz, sie saß inmitten der Waren und häkelte. Oder sie erhob sich, um die Vorübergehenden anzurufen, und packte sie fest beim Arm und ließ sie nicht eher los, als bis sie irgend einen Einkauf gemacht hatten. Für gewöhnlich aber war sie das schüchternste junge Mädchen, voll Anmut, zierlich, blond, groß, und leicht nach vorn geneigt wie die meisten Ladenmädchen von zarter Gestalt. Sie errötete wie eine Erdbeere bei den geringsten Worten, die man außerhalb des Geschäfts an sie richtete, während ihr Mundwerk hier hinter keinem anderen Hallenfräulein zurückstand.

Gewöhnlich löste Eustache sie mittags unter dem roten Schirm ab, und dann ging sie mit ihrem Vater in den Laden zum Mittagessen. Darum eilte er jetzt hierher und fürchtete schon sehr ihre Ungeduld. Aber er sah sie von weitem ganz harmlos dastehn, den Ellbogen auf eine Tuchrolle gestützt: aufmerksam hörte sie der sprühenden Unterhaltung eines Soldaten zu, der sich auf die gleiche Rolle lehnte und keinem Ding der Welt so wenig ähnlich sah wie einem Kunden.

Das ist mein Zukünftiger! sagte Javotte lächelnd zu dem Fremden, und dieser machte eine leichte Bewegung mit dem Kopfe, ohne die Haltung zu ändern. Er maß den jungen Mann nur von Kopf bis Fuß mit der Verachtung des Soldaten für Personen bürgerlichen Standes, deren Äußeres sie nicht überwältigt.

Er sieht falsch aus wie ein Trompeter bei uns, bemerkte er wichtigen Tones, aber der pflegt mehr Mark in den Knochen zu haben. Der Trompeter in der Schwadron, Javotte, ist weniger als ein Pferd, doch etwas mehr als ein Hund.

Mein Neffe! sagte Javotte zu Eustache und wandte ihm ihre großen blauen Augen mit befriedigtem Lächeln zu, er hat Urlaub zu unserer Hochzeit erhalten. Wie schön sich das trifft, nicht? Er ist Scharfschütz zu Pferd. O, ein schönes Korps! Wenn du so angezogen wärst, Eustache ... Aber du bist nicht groß genug, auch nicht stark genug.

Und wie lange, sagte schüchtern der junge Mann, gibt uns der Herr die Ehre in Paris?

Das kommt darauf an, versetzte der Soldat, dessen Antwort ein wenig auf sich warten ließ, und wandte sich wieder um. Man hat uns ins Berry geschickt, um die aufrührerischen Lumpen dort auszurotten. Wenn sie noch einige Zeit ruhig bleiben, schenke ich euch einen ganzen schönen Monat. Auf alle Fälle aber kommen wir zu Sankt Martin nach Paris und lösen das Regiment d'Humières ab, und dann kann ich euch alle Tage und unbegrenzt besuchen.

Eustache betrachtete den berittenen Scharfschützen, soweit er es tun konnte, ohne seinem Blick zu begegnen, und fand, daß seine körperlichen Maße ganz entschieden die eines Neffen überschritten ...

Wenn ich sagte, ich könnte euch alle Tage sehen, fuhr der andere fort, so habe ich mich doch geirrt. Denn Donnerstags ist ja die große Parade, aber der Abend ist frei, und so kann ich Donnerstags immer bei euch zu Nacht essen.

Und an den anderen Tagen zu Mittag? dachte Eustache. – Aber Ihr habt mir gar nicht gesagt, Fräulein Goubard, daß Euer Herr Neffe so ...

So schön ist? Ja, wie er stark geworden ist! Herrgott, sieben Jahre lang haben wir den lieben Joseph nicht gesehn, und seitdem ist viel Wasser unter der Brücke durchgelaufen.

Und ihm viel Wein unter der Nase, dachte der junge Mann, geblendet von dem glühenden Antlitz seines künftigen Neffen. Mit rotem Wasser setzt man sich das Gesicht nicht so in Farben, die Flaschen Meister Goubards werden zur Hochzeit den Totentanz tanzen und nachher ...

Gehen wir essen, Papa wird ungeduldig! sprach Javotte und verließ ihren Platz. Ei, ich gebe dir den Arm, Joseph ... Wenn man denkt, daß ich früher größer als du war, als ich zwölf Jahr alt war und du zehn. Ihr nanntet mich die Mama. Wie stolz will ich am Arm eines Scharfschützen sein! Nicht wahr, du führst mich aus? Ich komme so wenig fort, kann nicht allein gehen. Und Sonntag Abend wohne ich der Andacht bei, denn ich gehöre zur Schwesternschaft der Heiligen Jungfrau bei den Unschuldigen Kindlein, ich halte ein Band der Standarte ...

Dies Mädchengeplapper, in das im Takt der hallende Schritt des Reiters einschlug, die anmutige leichte Form, die sich hüpfend um die schwere und steife schlang, verloren sich bald im Schatten der Pfeiler und hinterließen Eustaches Augen nur noch einen Nebel und seinen Ohren ein dumpfes Summen.

VII
Leiden und Kreuz

Wir sind bisher dicht hinter dieser bürgerlichen Handlung einhergeschritten. Jetzt müssen wir trotz unserer tiefen Liebe zur Beobachtung der Zeiteinheit einen Sprung von ein paar Tagen machen. Man möchte vielleicht etwas über die Unruhe Eustaches hinsichtlich seines künftigen Neffen erfahren. Aber sie war weniger bitter als die Einleitung erwarten ließ. Eustache erkannte bald, daß sich in Javotte nur eine zu frische Kindheitserinnerung geregt und in solchem ereignislosen Leben maßlose Wichtigkeit angenommen hatte. Sie sah in dem Scharfschützen zu Pferd zuerst den lustigen Spielgefährten. Aber rasch bemerkte sie, daß das Kind groß geworden war und sich anders benahm; – sie wurde zurückhaltender.

Aber auch der Scharfschütz leistete sich nur diese oder jene verwandtschaftliche Vertraulichkeit und schien gegen seine junge Tante keine bösen Pläne zu hegen. Er gehörte zu den zahlreichen Männern, denen anständige Frauen wenig Begierde einflößen. Gegenwärtig war die Flasche sein Liebchen. An den ersten drei Tagen hatte er Javotte nicht verlassen, hatte sie sogar zum Abendkorso auf den Cours la Reine geführt, wobei sie zum Mißbehagen Eustaches nur von der dicken Hausmagd begleitet wurden. Das dauerte nicht lange; er begann sich in ihrer Gesellschaft zu langweilen und ging jetzt gewöhnlich allein aus dem Haus; kehrte allerdings pünktlich zu den Mahlzeiten zurück.

So beunruhigte den Bräutigam nur noch dieser Umstand, daß der Verwandte sich so fest in dem Hause niederließ, das nach der Hochzeit das seinige werden sollte. Es schien nicht leicht, ihn in Güte wieder hinauszubringen, mit jedem Tage setzte er sich gewichtiger hinein. Und doch war es nur ein angeheirateter Neffe, der Sohn einer Tochter der verstorbenen Gattin Goubards aus ihrer ersten Ehe.

Wie konnte man ihm begreiflich machen, daß er die Bedeutung der Familienbande übertrieb, daß er in dieser Beziehung zu weite und gewissermaßen zu patriarchalische Vorstellungen hatte? Vielleicht spürte er in Kürze selbst seine Taktlosigkeit, und Eustache nahm Geduld an wie nach dem Sprichwort die Damen von Fontainebleau, wenn der Hof in Paris ist.

Aber als die Hochzeit gemacht und vollbracht war, änderte sich nichts an den Gewohnheiten des Scharfschützen, der sogar die Hoffnung durchblicken ließ, er werde dank dem ruhigen Verhalten der Aufrührer bis zur Ankunft seines Korps in Paris bleiben dürfen. Eustache versuchte es mit einigen epigrammatischen Anspielungen, daß manche Leute die Läden mit Gasthöfen verwechselten: aber nichts traf, oder alles war zu schwach. Mit seiner Frau und mit dem Schwiegervater wagte er noch nicht offen zu sprechen; denn er, der ihnen alles verdankte, wollte nicht gleich in den ersten Tagen der Ehe als ein geiziger Mensch erscheinen.

Ergötzlich aber war die Gesellschaft des Soldaten wirklich nicht. Sein Mund war nur die dauernde Glocke seines Ruhms. Dieser gründete sich teils auf Triumphe im Einzelkampf, die ihn zum Schrecken der Feinde machten, teils auf Großtaten gegen die Aufrührer, die unseligen französischen Landleute, gegen die König Heinrichs Soldaten Krieg führten, weil sie die Steuer nicht zahlten und offenbar das berühmte Huhn im Topf nicht besaßen ...

Am meisten aber verstimmte den guten Eustache das dauernde Bestreben des Soldaten, ihn als kleinen Jungen zu behandeln und vor Javotte bei jeder Gelegenheit sein Aussehen ins Lächerliche zu ziehen. Dieses Vorgehen ist besonders unvorteilhaft in ersten Ehetagen, wenn der junge Gatte sich Achtung und die Grundlage für die ganze Zukunft verschaffen muß. Auch gehört recht wenig dazu, um die ganz neue und harte Eigenliebe eines Mannes zu verletzen, welcher soeben als Gewerbetreibender zugelassen und vereidigt worden ist.

Eine letzte Quälerei machte das Maß voll. Da Eustache der Zunftwache zugeteilt war, und nicht wie Meister Goubard in bürgerlicher Kleidung und mit einer vom Stadtviertel gestellten Hellebarde seinen Dienst tun wollte: so hatte er einen Korbsäbel gekauft, der keinen Korb mehr hatte, eine Pickelhaube und ein Panzerhemdchen aus rotem Kupfer, welches schon der Hammer eines Schmieds bedrohte. Drei Tage hatte er damit verbracht, die Sachen zu reinigen und zu putzen, und hatte ihnen endlich einen Glanz gegeben, den sie vorher nicht besaßen. Aber als er sie antat, stolz im Laden umherspazierte und die Zuschauer fragte, ob er seinen Harnisch mit Anmut trage, da lachte der Scharfschütz »wie ein Schwarm Mücken in der Sonne« und versicherte, er trage ihn wie ein Küchengeschirr.

VIII
Der Nasenstüber

So standen die Dinge, als eines abends am zwölften oder dreizehnten, jedenfalls an einem Donnerstag, Eustache seinen Laden frühzeitig schloß. Das hätte er sich nicht erlaubt, wäre nicht Meister Goubard in die Picardie gefahren, wo er bald dauernd seinen Wohnsitz nehmen wollte, sobald sein Nachfolger sich in das Geschäft eingearbeitet hätte.

Als nun der Scharfschütz zur gewohnten Zeit heimkam, fand er die Haustür verschlossen und alle Lichter erloschen. Dies verwunderte ihn sehr, denn man hatte vom Châtelet noch nicht Schlafenszeit geläutet. Und da er nie ohne einen kleinen Weinrausch nach Haus kam, äußerte sich sein Ärger in einem so ungeheuren Fluch, daß Eustache in seinem Zwischenstock erzitterte. Er hatte sich noch nicht niedergelegt, erschrocken über seine kühne Tat.

Holla! he! schrie der andere und stieß mit dem Fuß gegen die Tür, gibts ein Fest heut Abend? Sankt Michel vielleicht, Fest der Tuchmacher, Kleiderdiebe und Beutelschneider! Er trommelte mit der Faust gegen den Laden. Aber das war wirkungslos, wie wenn man in einem Mörser Wasser stampft.

O he! Onkel und Tante! ... wollt ihr mich in freier Luft schlafen lassen auf dem Pflaster, daß mich die Hunde anfressen? Holla! he! der Teufel hole die Verwandten! Sie sind fähig dazu! Wo bleibt da die Natur, ihr Raben! Ho! ho! Bürgerpack komm herunter, rasch, man bringt Geld! ... Schlag euch die Pest!

Diese Ansprache des armen Neffen veränderte nicht im geringsten das Holzgesicht der Tür. Er nutzte umsonst seine Worte ab gleich dem ehrwürdigen Beda, als er einem Haufen Steine predigte.

Aber wenn die Türen taub sind, brauchen die Fenster nicht blind zu sein, jedenfalls gibt es ein einfaches Mittel, ihren Blick zu erhellen. Der Soldat schritt aus der dunklen Pfeilergalerie bis in die Mitte der Straße zurück, hob eine Scherbe auf und schleuderte sie so gut, daß er eins der kleinen Zwischenstockfenster einschlug. Da stand das Loch vor Eustache wie ein furchtbares Fragezeichen zu dieser Frage, in der der ganze Monolog des Soldaten zusammenlief: Warum macht man nicht die Tür auf?

Eustache faßte einen Entschluß. Eine Memme, die sich etwas in den Kopf setzt, gleicht dem Geizhals, der sich in Ausgaben stürzt, und treibt es immer gleich bis zum Äußersten. Außerdem lag es ihm am Herzen, einmal vor seiner jungen Frau zu glänzen. Wie mußte es ihren Gefühlen schaden, wenn sie ihn seit Tagen als Zielscheibe des Soldaten sah, nur mit dem Unterschied, daß die Zielscheibe als Holzpuppe mit dem Stock manchmal auch Hiebe zurückgibt. Er stülpte also verwegen seinen Filzhut auf und war schon die enge Treppe hinuntergepurzelt, bevor Javotte ihn festhalten konnte. Er riß im Hinterraum des Ladens sein Rapier vom Haken und hielt nur, als er in der heißen Hand den kalten Kupfergriff spürte, einen Augenblick inne; dann setzte er mit Füßen wie Blei seinen Weg zur Tür fort, deren Schlüssel er in der anderen Hand hielt. Aber eine zweite klirrende Scheibe und die Schritte seiner Frau hinter ihm erweckten wieder all seine Kraft. Er schloß hastig die schwere Tür auf und pflanzte sich mit nacktem Degen auf die Schwelle, gleich dem Erzengel am Tor des irdischen Paradieses.

Was will dieser Trunkenbold von mir? Dieser Säufer zu einem Sou den Topf! der wohl gesprungene Schüsseln zerschlagen kann! schrie er und sein Ton hätte gebebt, wenn er ihn nur zwei Noten tiefer genommen hätte. Beträgt man sich so bei ehrenhaften Leuten! Macht Euch gleich davon und schlaft bei den Metzgern mit Euresgleichen, oder ich rufe die Nachbarn und die Wache!

O! o! wie der seltene Vogel auf einmal singen kann! Hat man dich heut Abend mit einer Trompete aufgeblasen? ... Schön, das ist mal etwas anderes, ich höre es gern, wenn du so tragisch sprichst wie Riese Aufschneider, und die Leute von Herz sind meine Lieblinge. Laß dich umarmen, süße Galle!

Marsch, weg, Bummler! Die Nachbarn wachen schon auf von deinem Lärm und bringen dich gleich zur nächsten Wache als frechen Ruhestörer! Skandaliere lieber nicht mehr und komm nie wieder!

Aber der Soldat im Gegenteil rückte unter den Pfeilern vor, was den Schluß von Eustaches Rede ein wenig abstumpfte. Gut gesprochen! brüllte jener, eine ehrenwerte Meinung, die man belohnen muß ... Ehe man zwei zählen konnte war er heran und hatte ins Gesicht des jungen Kaufmanns einen Nasenstüber gesetzt, der ihn karmoisinrot färbte. – Behalte alles, wenn du kein Kleingeld hast! und keinen Abschied weiter, lieber Onkel!

Eustache konnte einen Schimpf, der erniedrigender war als eine Ohrfeige, vor der jungen Frau unmöglich einstecken. Mochte sie ihn auch zurückhalten, er stürzte sich auf seinen abgehenden Widersacher und schlug nach ihm mit der Schärfe seines Schwertes einen Hieb, welcher dem Arm des tapferen Roger Ehre gemacht hätte. Aber die Waffe war seit den Religionskriegen nicht mehr geschärft worden und schnitt nicht einmal das Wams des Soldaten an. Dieser packte sogleich beide Hände des Mannes, daß der Degen zu Boden fiel und der Patient so laut er konnte schrie und mit dem Fuß wie wahnsinnig gegen die weichen Reiterstiefel seines Peinigers stieß.

Glücklicherweise kam Javotte hinzu, während die Nachbarn aus ihren Fenstern sorglos dem guten Kampfe zusahen. Eustache zog endlich seine blauen Finger aus dem Schraubstock heraus und hatte lange zu reiben, bis sie ihre viereckige Form wieder aufgaben.

Ich fürchte dich nicht, schrie er, und wir sehen uns wieder! Finde dich ein, wenn du nur soviel Herz wie ein Hund hast, finde dich morgen früh im Pré-aux-Clercs ein! Um sechs Uhr, Lump! Schlagen uns auf Tod und Leben, bis einer liegt!

Der Ort ist gut gewählt, mein Gottesstreiter, wir werden es als Ehrenmänner machen! Auf morgen also! Bei Sankt Georg, die Nacht wird dir kurz vorkommen!

Der Krieger sprach diese Worte im Ton einer Hochachtung, die er bisher nicht gezeigt hatte. Eustache wandte sich stolz nach seiner Frau um, seine Herausforderung hatte ihn um sechs Spannen verlängert. Er hob seinen Degen auf und warf schallend die Tür zu.

IX
Château-Gaillard

Als der junge Tuchhändler erwachte, war sein mutiger Rausch verflogen. Er mußte sich eingestehen, daß seine Herausforderung äußerst lächerlich war. Er verstand sich auf keine andere Waffe als auf die Halbe Elle, mit der er als Gehilfe oft gegen die Kollegen gefochten hatte. Er faßte den festen Entschluß, zu Hause zu bleiben, mochte der Gegner seinen Gelbschnabel im Pré-aux-Clercs spazieren fahren und sich auf den Füßen wiegen wie ein dummer Vogel.

Als die Stunde vorüber war, stand er auf und öffnete den Laden. Mit seiner Frau sprach er nicht von der Szene des Vorabends, wie auch sie jede Anspielung vermied. Schweigend frühstückten sie, wonach Javotte ihren Platz unter dem roten Schirm aufsuchte, indes der Mann mit der Magd irgend ein Stück Tuch auf Fehler prüfte. Allerdings richtete er häufig die Augen nach der Tür und zitterte, daß der Feind erscheinen und ihn ob seiner Feigheit und Wortbrüchigkeit beschimpfen könne. Gegen acht ein halb Uhr sah er von weitem die Scharfschützenuniform in der Galerie auftauchen, noch umschattet wie ein Reiter von Rembrandt, welcher von drei Schimmern glänzt; von dem der Haube, dem des Panzerhemds und dem der Nase. Die unheilvolle Erscheinung wuchs rasch und hellte sich schnell auf und ihr metallischer Schritt klang wie Minute für Minute in des Tuchmachers letzter Stunde.

Jedoch die gleiche Uniform bedeckte nicht den gleichen Körper; es war ein Kamerad des Scharfschützen, der vor Eustaches Laden stillstand und den kaum Gefaßten in ruhigem, höflichem Ton anredete.

Er zeigte ihm zunächst an, daß sein Gegner ihn zwei Stunden erwartet habe, jedoch in der Überzeugung, daß ein unvorhergesehenes Hindernis eingetreten sei, nächsten Tages zur selben Stunde an denselben Ort kommen und dort dieselbe Zeit verweilen werde. Sollte es wieder erfolglos sein, so werde er sich in den Laden verfügen, ihm beide Ohren abschneiden und ihm in die Tasche stecken. So machte es im Jahre 1605 der berühmte Brusquet mit einem Stallmeister des Herzogs von Chevreuse aus dem gleichen Grunde, welche Tat den Beifall des Hofes erhielt und allgemein sehr geschmackvoll gefunden wurde.

Eustache erwiderte auf diese Eröffnung, daß der Gegner mit solcher Drohung seinem Mute unrecht tue, und daß er es ihm doppelt heimzahlen werde. Nur deshalb habe er sich nicht einstellen können, weil er noch keinen Sekundanten gefunden habe.

Befriedigt von dieser Erklärung teilte der andere dem Kaufmann mit, er würde ausgezeichnete Sekundanten auf dem Pont Neuf finden, wo sie gewöhnlich herumspazierten; nämlich Leute, die keine andere Beschäftigung hätten, für einen Taler sich gern mit jedem Streit befaßten und selbst die Säbel zum Kampfplatze brächten. Nach diesen Bemerkungen und einem tiefen Gruß zog er sich zurück.

Als Eustache allein war, blieb er lange in einem Zustand angestrengtester Ratlosigkeit. Sein Geist gabelte sich in drei hauptsächliche Entschlüsse. Bald wollte er dem Gericht von der Belästigung und Drohung des Soldaten Anzeige machen und seine bewaffnete Hilfe anrufen; aber dabei mußte immer ein Kampf herauskommen. Oder er entschloß sich, an den Ort der Verabredung zu gehen und die Polizei zu benachrichtigen, damit sie im Augenblick des Duellbeginns erscheine; aber sie konnte erscheinen, wenn es zu Ende war. Endlich dachte er an einen Besuch bei jenem Gaukler vom Pont Neuf, und hierfür entschied er sich zuletzt.

Mittags löste die Magd Javotte unter dem Schirm ab. Ihr Mann sagte ihr während des Essens nichts von dem Besuch, den er empfangen hatte. Er bat sie, im Laden aufzupassen, während er einen geschäftlichen Besuch bei einem neu angekommenen Edelmann machen wolle. Er nahm seine Mustertasche und ging fort.

Château-Gaillard, am Ufer und zwar am südlichen Ende der Brücke gelegen, war ein kleiner Bau mit einem runden Turm, der früher als Gefängnis gedient hatte, nun aber überall zerplatzte und kaum noch bewohnbar war für die, denen keine andere Zuflucht übrig bleibt. Nachdem Eustache mit unsicherem Schritt über den steinigen Boden hineingefunden hatte, stand er vor einer kleinen Tür, in deren Mitte eine Fledermaus angenagelt war. Er pochte leise an, und der Affe Meister Gonins öffnete sogleich.

Drinnen saß der Taschenspieler an einem Tisch, ein Buch vor sich. Ernsthaft wandte er sich um und machte dem jungen Mann ein Zeichen, sich auf den Schemel zu setzen. Als er das ganze Abenteuer vernommen hatte, versicherte er, dies sei die leichteste Sache von der Welt; er habe recht getan, zu ihm zu kommen.

Einen Zauber wollt Ihr von mir haben, sagte er, einen magischen Zauber, um Euren Gegner sicher zu überwinden. Ist es nicht so?

Ja, ja, wenn ich das haben könnte!

Obschon jedermann solche Dinge herstellen will, findet Ihr nirgends so sichere wie bei mir. Sie sind auch nicht wie manche andere mit Teufelskunst gemacht. Sie kommen aus tiefer Kenntnis der weisen Magie und vermögen auf keinen Fall das Seelenheil zu zerstören.

Sehr gut, erwiderte Eustache, sonst würde ich sie ablehnen. Aber wieviel kostet Euer magisches Werk? Vielleicht kann ich es nicht bezahlen.

Bedenkt, daß Ihr damit das Leben kauft und den Ruhm noch obendrein. Müßt Ihr nicht zugeben, daß man für zwei so ausgezeichnete Dinge unmöglich weniger als hundert Taler fordern kann?

Daß dich hundert Teufel holen! stöhnte Eustache mit verdunkeltem Gesicht. Das ist mehr als ich besitze ... Und was nützt mir dann das Leben ohne Brot und der Ruhm ohne Kleidung? Und vielleicht ist es nichts als Schwindel ...

Ihr bezahlt erst nachher.

Das ist schon etwas. Aber welches Pfand verlangt Ihr?

Nur Eure Hand.

Also! ... Sicher bin ich ein Narr, daß ich auf Eure Flausen höre! Habt Ihr mir nicht prophezeit, daß ich am Galgen ende?

Zweifellos, und ich widerrufe es nicht.

Wenn das so ist, was habe ich dann eigentlich von diesem Duell zu fürchten?

Nichts, außer ein paar Rissen und Löchern, um Eurer Seele die Türen weit zu öffnen ... Danach aber hebt man Euch auf und hißt Euch noch an das »Halbe Kreuz«, tot oder lebendig, wie der Befehl lautet. Und so wird Euer Schicksal sich erfüllen. Versteht Ihr?

Der Tuchmacher verstand es so sehr, daß er eiligst seine Hand hinhielt und sich nur zehn Tage ausbat, die Summe aufzutreiben. Der andere willigte ein und notierte auf der Mauer den Tag der Fälligkeit. Dann nahm er das Buch des Albertus Magnus, kommentiert von Cornelius Agrippa und dem Abte Trithème, und schlug es auf bei dem Artikel »Besondere Kämpfe«. Um Eustache darüber zu beruhigen, daß sein Verfahren nichts mit dem Teufel zu tun habe, hieß er ihn inzwischen Gebete verrichten, ohne daß es dem Werke schaden würde. Nun hob er den Deckel einer Truhe hoch, nahm einen unglasierten Topf heraus und mischte darin verschiedene Stoffe, welche ihm sein Buch anzeigte. Mit leiser Stimme sang er seine Beschwörung. Als er fertig war, ergriff er die rechte Hand Eustaches, der mit der andern das Zeichen des Kreuzes machte, und tauchte sie bis zum Gelenk in jene Mischung. Aus der Truhe nahm er eine sehr alte Flasche voll einer fetten Flüssigkeit, kehrte sie langsam um und goß einige Tropfen über den Rücken der Hand. Die lateinischen Worte, die er dabei sprach, ähnelten der Taufformel der Priester.

Da verspürte Eustache im ganzen Arm eine Art von elektrischer Erregung; es setzte ihn sehr in Schrecken. Seine Hand war wie erstarrt, und doch wand sie sich seltsam und zog sich mehrmals in die Länge, daß die Gelenke knackten, wie ein Tier, das erwacht. Dann fühlte er nichts mehr, sein Blut begann wieder zu kreisen, Meister Gonin rief, es sei fertig. Er könne nun wohl den wackersten Degen des Hofes und Heeres Trotz bieten und ihnen Knopflöcher stechen für all die überflüssigen Knöpfe, die die Mode auf ihren Kleidern anbringen wollte.

X
Pré-aux-Clercs

Am nächsten Morgen schritten vier Männer durch die grünen Alleen, um einen anständigen und abgelegenen Ort für den Zweikampf zu suchen. Am Fuß des kleinen Hügels im Mittelteil der Wiese standen sie still; der Kugelspielplatz bot einen sauberen Ort zum Fechten. Die beiden Gegner legten ihr Wams ab, und die Zeugen untersuchten sie, wie es Vorschrift war »unter Hemd und Beinkleid.« Der Tuchmacher war in einiger Erregung, obwohl er Vertrauen in den Zauber hatte. Sein Zeuge, den er auf dem Pont Neuf für einen Taler gemietet hatte, grüßte den Kameraden des Scharfschützen und fragte an, ob der auch seinerseits beabsichtige, sich zu schlagen. Als der andere verneinte, kreuzte er gleichmütig die Arme und trat zurück, um das Feld den Streitern zu überlassen.

Dem Tuchmacher wurde ein wenig schwach zu Mute, als der Gegner ihm den Waffengruß bot, den er nicht zurückgab. Er blieb regungslos stehen, hielt seinen Säbel vor sich hin wie eine Kerze und war so schlecht auf den Beinen, daß der Soldat, der kein böses Herz hatte, sich vornahm, ihm nur einen Kratzer auszuwischen.

Aber kaum hatten sich die Waffen berührt, als Eustache merkte, daß seine Hand seinen Arm vorwärts zog und sich wie unsinnig gebärdete. Richtiger gesagt: er fühlte sie nur noch durch den mächtigen Zug, den sie auf seine Armmuskeln ausübte. Die Bewegungen hatten die wunderbarste Kraft und Geschmeidigkeit gleich einer Stahlfeder. Daher verdrehte sich der Soldat fast das Handgelenk, als er die Terz parierte. Aber die Quart schlug ihm den Degen zehn Schritt weit aus der Hand, während Eustaches Degen mit der gleichen Bewegung, in der er ausgefallen war, den Körper des Gegners so heftig durchstieß, daß sich der Korb in die Brust einzeichnete. Eustache, unverletzt; von dem unvermuteten Stoß seiner Hand mitgerissen, stürzte der Länge nach hin und hätte sich den Kopf zerschlagen, wäre er nicht auf den Bauch seines Gegners gefallen.

Himmel, welche Faust! schrie der Zeuge des Soldaten. Will der den Ritter Tord-Chêne ausstechen? Seine Anmut hat er nicht, noch seinen Wuchs, aber sein Arm ist steifer als ein Bogen von Wales!

Indessen hatte sich Eustache mit Hilfe seines Zeugen erhoben. Einen Augenblick lang stand er völlig betäubt von dem Geschehenen. Aber als er den Scharfschützen zu seinen Füßen ausgestreckt liegen sah, vom Degen an die Erde geheftet wie die Kröte in einen magischen Kreis, da ergriff er die Flucht. Und vergaß auf der Wiese sein sonntägliches Wams, das schön geschlitzt und mit seidenen Tressen besetzt war.

Da man den Soldaten hier umgebracht hatte, war auch den beiden Sekundanten an längerem Verweilen nichts gelegen. Sie entfernten sich schleunigst; aber nach hundert Schritten schlug der Zeuge Eustaches sich an die Stirn und rief: Meinen Degen habe ich vergessen, den ich ihm borgte!

Er ließ den andern weitergehen, kehrte zum Kampfplatz zurück und wandte eifrig die Taschen des Toten um. Aber er fand darin nur ein paar Würfel, ein Stück Bindfaden und ein schmutziges verbogenes Spiel Karten. Die Uniform hätte ihn beim Verkauf verraten können, und so begnügte er sich mit den Stiefeln des Soldaten, rollte sie samt Eustaches Wams unter seinen Mantel und entfernte sich fluchend.

XI
Besessenheit

Der Tuchhändler ging mehrere Tage nicht aus dem Haus, das Herz bedrängt von diesem schrecklichen Tode, den er so leichter Beleidigungen wegen verursacht hatte. Seine Tat war der Verurteilung und der Verdammung wert in dieser Welt wie in der andern. Manchmal erschien ihm alles wie ein Traum, und hätte er sein Wams nicht auf der Wiese vergessen, er hätte ohne diesen Zeugen, der durch Abwesenheit zeugte, an der Schärfe seines Gedächtnisses gezweifelt. Eines Abends endlich wollte er sich durch den Augenschein überzeugen und begab sich wie zu einem Spaziergang nach der verhängnisvollen Wiese. Sein Blick trübte sich, als er den Ballspielplatz wiedersah, sodaß er sich setzen mußte. Amtspersonen spielten dort, wie sies vor dem Abendessen zu tun pflegen; und Eustache, als sich der Nebel vor seinen Augen hob, meinte auf dem glatten Boden zwischen den gespreizten Beinen eines von ihnen eine große Blutlache zu sehen. Er erhob sich krampfhaft und beeilte sich die Anlagen zu verlassen. Die Blutlache blieb vor seinen Augen, sie behielt ihre Form und legte sich über alle Dinge, auf die sein Blick fiel, gleich den bleiernen Flecken, die man um sich herum fliegen sieht, wenn man in die Sonne geblickt hat.

Auf dem Nachhauseweg war ihm, als sei jemand seinem Wege gefolgt. Vielleicht hatten ihn Leute aus dem Hotel der Königin Margarete wiedererkannt, weil er dort an jenem Morgen und an diesem Abend vorbeigegangen war. Und obwohl die Duellgesetze damals nicht sehr streng gehandhabt wurden, so konnte man es vielleicht doch recht gelegen finden, einmal einen armen Kaufmann zur Lehre für die Hofleute aufzuhängen. Denn an diese selbst wagte man sich, im Gegensatz zu später, noch nicht heran.

Diese Gedanken bereiteten ihm eine sehr erregte Nacht. Er konnte die Augen nicht schließen, ohne sogleich tausend Galgen nach ihm drohen zu sehen. An jedem hing, einen Strick um den Hals, ein Toter, der sich in fürchterlichem Lachen wand, oder ein Skelett, dessen scharfe Linien sich vom breiten Antlitz des Mondes abhoben.

Da aber fegte ein glücklicher Gedanke diese vielfältigen Gesichte hinweg. Eustache erinnerte sich an den Stellvertreter des Oberrichters, seines Schwiegervaters alten Kunden, der auch ihn schon so wohlwollend behandelt hatte. Er nahm sich vor, ihn sofort am nächsten Tag zu besuchen und sich ihm ganz anzuvertrauen. Seinen Schutz würde er ihm mindestens um Javottes willen gewähren, die er schon als kleines Kind oft gestreichelt hatte und um Meister Goubards willen, den er hochschätzte. Der Ärmste schlief endlich ein und ruhte auf dem Kissen des guten Entschlusses aus.

Gegen neun Uhr klopfte er an die Tür des Beamten. Der Kammerdiener glaubte, er komme um Maß zu nehmen oder irgend ein Angebot zu machen, und ließ ihn sogleich bei seinem Herrn ein. Dieser lag in einem großen Lehnstuhl mit Ohren und gab sich einer genußreichen Lektüre hin: Er hielt die alte Dichtung von Merlin Coccaie in der Hand und ergötzte sich herzlich an der Geschichte von Baldes Heldentaten, Pantagruels wackerem Vorbild, und mehr noch an den Feinheiten und Schelmereien ohnegleichen Cingars, dieses grotesken Burschen und vortrefflichen Musters für unseren Panurg.

Meister Chevassut war gerade bei der Erzählung von den Hammeln, von denen Cingar das Schiff befreit, indem er denjenigen, den er selbst bezahlt hatte, ins Meer warf und sogleich alle andern ihm folgten ... Da bemerkte er seinen Besuch, legte das Buch auf den Tisch und wandte sich dem Tuchhändler in bester Stimmung zu.

Er fragte ihn nach der Gesundheit seiner Frau und seines Schwiegervaters und machte allerlei banale Scherze betreffend seinen jungen Ehestand. Der junge Mann leitete dies Gespräch bald auf sein Abenteuer hin, erzählte den ganzen Verlauf des Streites mit dem Scharfschützen, und ermutigt durch die väterliche Miene des Beamten schloß er mit dem vollen Geständnis des unglückseligen Ausgangs.

Sein Zuhörer betrachtete ihn mit einem Erstaunen, als hätte er den guten Riesen Fracasse aus seinem Buche vor sich oder den getreuen Falquet, welcher das Hinterteil eines Windhundes hatte, – und nicht vielmehr Meister Eustache Bouteroue, Kaufmann unter den Pfeilern. Allerdings hatte er bereits gehört, daß man den besagten Eustache in Verdacht habe. Aber er konnte an diese Heldentat nicht glauben: daß einen Soldaten des Königs mit dem Degen an den Boden geheftet haben sollte – so ein Ladenschwengel, von der Höhe des Hofnarren Triboulet.

Aber als er an der Tatsache nicht mehr zweifeln konnte, versicherte er dem Unglücklichen, er werde alles aufbieten, um die Sache zu vertuschen und das Gericht von seiner Spur abzulenken. Ja er versprach ihm, wenn nur die Sekundanten ihn nicht verklagten, so würde er bald in Ruhe und mit freiem Hals leben.

Meister Chevassut begleitete ihn sogar bis zur Tür und wiederholte seine beruhigenden Versicherungen. Da, im gleichen Augenblick, in dem Eustache sich demütig verbeugte, schlug er dem Herrn eine derartige Ohrfeige ins Gesicht, daß es auf dieser Seite rot und blau wie das Pariser Wappenschild wurde. Erstarrt, den Mund ein oder zwei Fuß weit geöffnet und sprachlos wie ein Fisch stand der Beamte da.

Entsetzt von seiner Tat stürzte ihm der arme Eustache zu Füßen und bat ihn wegen dieser Gottlosigkeit flehentlich und mit jammervollen Beteuerungen um Gnade. Er schwor, dies sei irgend eine unberechenbare Bewegung, mit der sein Wille nichts zu tun habe, für die er sein Mitgefühl erhoffe wie vom lieben Gott. Der alte Mann hob ihn auf, mehr erstaunt als zornig. Aber kaum hatte er ihn auf den Füßen, als er von der Rückseite der Hand auf die andere Backe wieder eine Ohrfeige erhielt, und die fünf Finger drückten sich derartig darin ein, daß man sie in der Vertiefung hätte abgießen können.

Das aber war nicht mehr zu ertragen, und Meister Chevassut lief zur Klingel, um seine Leute zu rufen. Aber der Tuchhändler folgte ihm und setzte den Tanz fort, und es war eine sonderbare Szene, wie bei jeder Meisterohrfeige, mit der er seinen Schutzherrn bedachte, der Unglückliche in Tränen zerfloß und erstickte Bitten und Entschuldigungen stammelte. Aber umsonst versuchte er den Schwung seiner Hand aufzuhalten. Er glich einem erschrockenen Kinde, das einen großen Vogel am Fuß angebunden hält, von ihm durch das ganze Zimmer gezogen wird und ihn nicht fliegen lassen und auch nicht zurückhalten kann. So riß den unseligen Eustache seine Hand zur unwiderstehlichen Verfolgung des Beamten hin. Sie rannten um die Tische und Stühle, kreischend, klingelnd, fluchend, in maßloser Wut und Verzweiflung. Endlich stürzten die Diener herein, packten Eustache und warfen ihn nieder.

Meister Chevassut glaubte kaum an die weiße Magie, er wußte nur, daß er mißhandelt und verhöhnt worden war. Er ließ die Polizei holen und übergab ihnen den Mann unter der doppelten Anklage der Tötung im Duell und der Körperverletzung gegen einen Beamten in der eigenen Wohnung.

Eustache erwachte aus seiner Ohnmacht erst beim Knirschen der Riegel. Das Gefängnis gähnte vor ihm auf. Ich bin unschuldig! schrie er den Aufseher an, der ihn hineinstieß.

Potz tausend! antwortete der bedächtig, was denkt ihr, wo ihr seid? Hier waren immer nur Unschuldige.

XII
Von Albertus Magnus und vom Tode

Man hatte Eustache in eine der Zellen des Châtelet geschleppt, von denen Cyrano sagte, er habe dort wie eine Kerze in einem Zugloch ausgesehen. Indem er sich einmal im Kreise herumdrehte, habe er den ganzen Umfang des Raumes kennen gelernt. Wenn man mir dies Steinkleid, sagte Cyrano, als Rock gibt, ist es zu weit. Als Grab ist es zu eng. Die Läuse haben dort Zähne, die länger sind als ihr Körper, und man leidet unausgesetzt an »Steinen«, die nicht weniger Schmerzen bereiten, weil sie außen sind.

Dort konnte unser Held über sein Mißgeschick und über des Taschenspielers verhängnisvolle Hilfe nachsinnen, die eines seiner Glieder der natürlichen Gewalt des Hauptes entzogen hatte.

Groß war sein Erstaunen, als er den Gaukler eines Tages in sein Gefängnis herabsteigen sah. Ruhigen Tones fragte er nach dem Befinden.

Daß dich der Teufel an deinen Kaldaunen aufhänge! elender prahlerischer Spieler mit Schicksalen!

Was ist denn? versetzte der andere. Bin ich daran schuld, daß Ihr nicht am zehnten Tage mit der versprochenen Summe gekommen seid, um den Zauber aufzuheben?

Ah! ... Ich wußte nicht, daß es so schnell nötig sei, sagte Eustache etwas gedämpfter. Daß Ihr das Geld brauchtet, der sich gewiß Gold nach Belieben machen kann!

Nein, nein! im Gegenteil! Zweifellos dringe ich noch einmal in das große hermetische Geheimnis ein, denn ich bin auf dem Wege. Aber bisher vermochte ich nur feines Gold in sehr gutes, sehr reines Eisen zu verwandeln. Dies Geheimnis fand auch schon der große Lulle am Ausgang seiner Tage.

Wie schön ist die Wissenschaft, sagte der Tuchhändler. Ihr wollt auch mich also endlich erlösen? wahrhaftig! das ist recht, ich zählte kaum noch darauf ...

Getroffen, mein Freund! Das soll mir in der Tat bald gelingen, die Türen ohne Schlüssel zu öffnen, um nach Belieben einzutreten und fortzugehen. Ihr sollt sehn, durch welche Operation man dazu gelangt! Bei diesen Worten zog der Zigeuner sein Buch des Albertus Magnus heraus, und beim Licht seiner Laterne las er den folgenden Paragraphen vor: »Heroisches Mittel, dessen die Verbrecher sich bedienen, um in die Häuser einzudringen.

Man nimmt die abgeschnittene Hand eines Gehängten, die man ihm vor dem Tode abgekauft haben muß. Man taucht sie, indem man sie sorgfältig geschlossen hält, in ein Kupfergefäß mit Salpeter und Spondylisfett. Man setzt das Gefäß einem klaren Feuer von Farren und Eisenkraut aus, derart daß die Hand nach einer Viertelstunde vollkommen ausgetrocknet und gut aufbewahrungsfähig ist. Darauf stellt man eine Kerze aus Fett vom Seekalb und aus lappländischem Sesam her und bedient sich der Hand wie eines Leuchters, um die angezündete Kerze damit zu halten. Trägt man sie also vor sich hin, fallen überall, wohin man kommt, die Sperrstangen nieder, die Schlösser öffnen sich, und alle Personen, denen man begegnet, bleiben regungslos stehn. Die so präparierte Hand erhält den Namen einer: Hand des Ruhms.«

Eine herrliche Erfindung, rief Bouteroue.

Wartet noch. Eure Hand gehört mir, obwohl Ihr sie nicht verkauft habt; Ihr habt sie am Verfalltag nicht ausgelöst. Beweis dafür ist, daß sie nach der Fälligkeit vermöge des Geistes in ihr sich derartig aufführte, daß ich nun so bald wie möglich in ihren Genuß kommen werde. Morgen verurteilt Euch das Gericht zum Strang, übermorgen wird das Urteil vollstreckt, und am selben Abend pflücke ich die ersehnte Frucht und bereite sie zu, wie sichs gehört.

Nichts da! schrie Eustache, morgen sage ich den Herren das Geheimnis!

Gut, tut es nur, dann werdet Ihr bloß lebendig verbrannt werden; weil Ihr Magie gebraucht habt. Das gewöhnt Euch im voraus an Satans Bratspieß ... Aber so kommt es nicht! denn Euer Horoskop zeigt den Strang, und nichts kann Euch davon ablenken.

Da fing der unglückliche Eustache so laut zu schreien und so heiß zu weinen an, daß es zum Erbarmen war.

Ei, ei, teurer Freund, sagte Meister Gonin sanft, weshalb sich so gegen das Schicksal stemmen?

Heilige Mutter, schluchzte Eustache, das sagt sich leicht, aber wenn der Tod ganz nahe ist ...

Hört, was ist der Tod, um derartig überrascht von ihm zu sein? Ich schätze ihn einen Dreck! »Niemand stirbt vor seiner Stunde«, sagt Seneca der Tragiker. Seid Ihr die einzige Kreatur des nasenlosen Herrn? Auch ich bins ganz! und dieser Martin zu einem Drittel und jener Philipp zu einem Viertel ...

Der Tod achtet niemand. Er ist so kühn, daß er ohne Unterschied Päpste, Kaiser, Könige, wie Richter, Polizisten und anderes Gesindel verurteilt und tötet. So betrübt Euch nicht zu leiden, was später auch alle andern leiden werden. Ihre Lage ist trauriger als die Eure; denn wenn der Tod ein Übel ist, so ist ers nur für die, welche zu sterben haben: Also habt Ihr nurmehr einen Tag dieses Übels, die meisten andern aber zwanzig, dreißig Jahre und darüber!

Ein alter Weiser sagte: »Die Stunde, die dir das Leben gegeben hat, hat es schon verkürzt.« Ihr seid im Tode, während Ihr im Leben seid. Denn wenn Ihr nicht mehr im Leben seid, seid Ihr nach dem Tode. Oder um es besser zu sagen und gut zu schließen: der Tod geht Euch weder lebend noch gestorben etwas an; lebend nicht, weil Ihr seid; gestorben nicht, weil Ihr nicht mehr seid. Laßt Euch, mein Freund, an diesen Überlegungen genügen. Sie ermutigen Euch, diesen Absinth ohne Grimasse zu trinken. Und bedenkt noch den schönen Vers des Lukretius, dessen Sinn lautet: »Lebe so lang du kannst: der Ewigkeit deines Todes nimmst du doch nichts hinweg.«

Nach diesen Quintessenzen aus alten und neuen Weisen, im Geschmack des sophistischen Jahrhunderts verfeinert, hob Meister Gonin seine Laterne und schlug an die Tür des Gefängnisses. Der Aufseher ließ ihn hinaus, das Dunkel fiel auf den Gefangenen zurück wie eine Kappe aus Blei.

XIII
Der Verfasser nimmt das Wort

Wer die Einzelheiten des Prozesses von Eustache Bouteroue kennen zu lernen wünscht, findet die Urkunden in den »Denkwürdigen Urteilen des Pariser Gerichtshofes«, die in der Manuskriptsammlung aufbewahrt werden. Herr Paris erleichtert dort die Suche mit seiner gewöhnlichen Zuvorkommenheit. Dieser Prozeß steht in alphabetischer Reihenfolge unmittelbar vor dem des Barons von Boutteville. Auch dieser ist sehr merkwürdig, er handelt von dem Duell mit dem Marquis von Bussi; um den Verordnungen noch schöner zu trotzen, kam der Baron von Lothringen gerade nach Paris und schlug sich unmittelbar auf der Place Royale, nachmittags drei Uhr, und zwar am Ostertag, 1627. In Bouteroues Prozeßakten ist von dem magischen Zauber, der Ursache alles Unheils, nicht die Rede, sondern nur vom Zweikampf und der Mißhandlung des Richters. Aber eine angehängte Note verweist auf die »Sammlung tragischer Geschichten« von Belleforest (Haager Ausgabe, die von Rouen ist unvollständig). Dort finden sich auch die Einzelheiten, die wir dieser Erzählung, von Belleforest sehr glücklich »Die besessene Hand« betitelt, noch hinzuzufügen haben.

XIV
Ende

Am Morgen seiner Hinrichtung empfing Eustache, den man in eine hellere Zelle gebracht hatte, den Besuch eines Beichtigers. Dieser murmelte einige geistliche Tröstungen von ebenso großem Geschmack wie die des Gauklers und von gleich geringer Wirkung. Er stammte aus einer der guten Familien, in denen ein Sohn immer um des Namens willen Abt ist. Er trug einen gestickten Kragen, sein Bart war gewichst und spindelförmig gedreht, und sein Schnurrbart galant gebogen. Das Haar war sorgfältig frisiert, und er sprach in etwas fettigem Ton, um seine Worte recht zierlich zu machen. Als Eustache ihn so sorglos und geputzt sah, wagte er nicht, seine ganze Schuld zu bekennen, und überließ sich seinem eigenen Gebet, um darin vielleicht Vergebung zu erlangen.

Der Priester gab ihm Absolution, und um die Zeit hinzubringen, da er bis zu zwei Stunden bei dem Verurteilten bleiben mußte, überreichte er ihm ein Buch des Titels: »Tränen der bußfertigen Seele oder die Rückkehr des Sünders zu seinem Gott.« Eustache öffnete den Band an der Stelle, wo vom königlichen Gnadenprivileg die Rede ist, und las voll Zerknirschung die Anfangsworte: »Heinrich, König von Frankreich und Navarra, an unsere lieben Getreuen etc.« bis zu dem Satz: »Aus diesen Gründen, weil wir den besagten Gesuchsteller günstig bescheiden wollen ...« Da konnte er sich nicht bezwingen, er zerfloß in Tränen und gab das Buch zurück, da es zu rührend sei und da er zu weich werden könnte, wenn er weiter läse. Darauf zog der Priester ein schön gemaltes Kartenspiel aus der Tasche und schlug seinem Beichtkind ein paar Runden vor. Er gewann ihm ein wenig Geld ab. Javotte hatte es ihm zukommen lassen, daß er sich ein paar Erleichterungen verschaffe. Der arme Mann dachte kaum noch an sein Spiel, und auch der Verlust war ihm kaum mehr fühlbar.

Um zwei Uhr verließ er den Châtelet, die vorgeschriebenen Paternoster hersagend, mit den Zähnen klappernd; und wurde auf den Augustinerplatz geführt zwischen die beiden Arkaden, die den Eingang der Rue Dauphine und den Kopf des Pont Neuf bilden. Dort sollte er die Ehre des steinernen Galgens haben. Auf der Leiter zeigte er viel Sicherheit, denn eine Menge Menschen sahen zu, da der Platz der Hinrichtung zu den belebtesten gehörte. Aber da man, um den großen Sprung ins Nichts zu machen, doch soviel Anlauf wie möglich nehmen möchte, so geschah es im Augenblick, wo der Henker den Strick um seinen Hals legen wollte, – mit einer Zeremonie übrigens, als sei es das goldene Vließ, denn diese Art Personen, an Zuschauer gewöhnt, legen große Gewandtheit und selbst Anmut in ihr Geschäft: – daß Eustache ihn bat, noch zu warten. Denn er wolle noch zwei Bittgebete zum heiligen Ignatius und zum heiligen Ludwig von Gonzaga erledigen, die er unter anderen Heiligen sich als letzte aufgespart hatte, denn sie waren erst in diesem Jahre sechzehnhundertneun selig gesprochen worden. Jedoch der Mann gab zur Antwort, das Publikum habe nicht so viel Zeit, und man könne es so eines kleinen Schauspiels wegen nicht länger aufhalten. Der Strick, der sich zuzog, indem man Eustache von der Leiter stieß, schnitt dessen Erwiderung ab.

Man versichert, als alles vorüber schien und der Henker nach Haus gehen wollte, sei in einer der Schießscharten des Château-Gaillard, die auf die Seite des Platzes gingen, Meister Gonin aufgetaucht. Und sogleich hob sich, obwohl des Tuchhändlers Körper vollkommen schlaff und leblos war, sein Arm in die Höhe, und seine Hand bewegte sich lustig in der Luft wie der Schwanz eines Hundes, der seinen Herrn wiedersieht. Ein langes Geschrei entstand in der Menge, und alles strömte eilig auf den Platz zurück, wie Zuschauer, die das Stück schon zuende glauben, indessen noch ein letzter Akt bleibt.

Der Henker stellte seine Leiter wieder an und befühlte die Füße des Gehenkten an den Knöcheln. Doch der Puls schlug nicht mehr. Er schnitt eine Ader auf, das Blut floß nicht mehr, und doch setzte der Arm seine unnatürlichen Bewegungen fort.

Der rote Mann verwunderte sich durchaus nicht. Pflichtgemäß stieg er unter dem lauten Geschrei der Umstehenden auf die Schultern seines Opfers: – Aber die Hand behandelte sein finniges Gesicht mit der gleichen Achtungslosigkeit wie das des Meisters Chevassut und zwar mit solcher Gewalt, daß der Mann fluchend sein breites Messer zog und mit zwei Schnitten die besessene Hand abtrennte.

Sie vollführte einen erstaunlichen Sprung und fiel blutend mitten unter die Menge, die voll Schrecken auseinanderstob. Darauf machte sie auf der Elastizität ihrer Finger noch mehrere Sprünge, und da alles ihr einen breiten Weg öffnete, befand sie sich rasch am Fuße des Turms. Mit ihren Fingern hakte sie sich gleich einer Krabbe in die Spalten und Unebenheiten der Mauer ein und kletterte so bis zu der Schießscharte empor, wo der Gaukler sie erwartete.

Dies seltsame Ergebnis schließt Belleforest mit den folgenden Worten ab: »Mit Anmerkungen versehen, kommentiert und illustriert, machte diese Begebenheit lange die Runde in der guten Gesellschaft wie auch im Volk, das nach grausen und übernatürlichen Geschichten immer begierig ist. Vielleicht aber ist es auch nur eine Erfindung für Kinder, die man am Kamin erzählt, während die Erwachsenen, gelassenen Verstandes, nicht so leicht daran glauben.«

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