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Erzählungen

Henriette Paalzow: Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorHenriette Paalzow
titleErzählungen
publisherJohann Philipp Eric.
year1842
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150528
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Eine Vision.

Ein herrlicher Maisonntags Morgen lockte mich ins Freie, hinaus auf die grünende Aue vor den Thoren der Stadt D*****. Der feierliche Glockenton rief die Bewohner meiner Vaterstadt in's Gotteshaus und schaarenweis strömten festlich geputzte Leute der Kirche zu, um dem Allvater ihre Verehrung darzubringen, während ich mit niedergeschlagenem Blick an ihnen vorüberging, und einem Verbrecher gleich zum grünen Thore hinausschlich. Hüpfend und tanzend kam mir eine Schaar Kinder entgegen; fröhliche Knaben hatten von Weidenzweigen Pfeifen geschnitten und machten eine widerliche Musik, nach welcher die Mädchen, die mit frischen Wiesenblumen und grünen Zweigen sich bekränzt hatten, tanzten. Guten Morgen, guten Morgen Hr. R.! rief mir die frohlockende Jugend zu; denn sie erkannte mich als ihren Lehrer. Freundlich dankend ging ich vorbei. Ein alter Mann, mit einem schweren Kober auf den Schultern, eine lange Angelruthe in der Hand haltend, kam keuchend dahergeschritten; ein kleiner Knabe folgte, einen großen Fisch im Tuch eingewickelt. Die Sonne versendete ihre glühenden Strahlen und vom Schweiß triefend, nahm ich den Hut vom Kopf und trocknete die nasse Stirn mit meinem Taschentuch. Dumpf und hohl drangen die verklingenden Schläge der entfernten Thurmuhr in meine Ohren; ich zog meine Taschenuhr, es war nach dieser ¼ auf 10.

Gedankenvoll schritt ich dem Weidenheger entlang und betrachtete die spiegelglatte Wasserfläche der Mulde, deren Wasserwellen sanft dahinschaukelten. Am Ufer dies- und jenseits saßen mit langen Angelruthen einige alte Männer und lauschten auf jede Bewegung ihrer Schnur. Ich wadete durch langes, vom Thau befeuchtetes Gras und fühlte die kühlende Nässe an meinen Füßen. Da erblickte ich in einiger Entfernung das bretterne Haus am Badeplatz und der Gedanke mich zu baden stieg unwillkürlich in mir auf. Freundlich grüßte ich den zur Aufsicht und Bewirthung der Badenden angestellten Mann, als ich daselbst ankam; zog meinen Rock herunter und fing an, mich nach und nach zu entkleiden. Nachdem ich mich abgekühlt und Brust und Kopf mit kaltem Wasser angefeuchtet hatte, stürzte ich mich in die silberhellen Wasserwogen, welche hoch über mich zusammenschlugen. Ich versuchte zu schwimmen; aber, o Himmel! mir fehlte Kraft und Geschicklichkeit; ich sank in die bodenlose Tiefe hinab, immer tiefer und tiefer. Die Ohren fingen mir an zu klingen und das Wasser drang ein durch Mund und Nase; denn nicht länger vermochte ich den Athem anzuhalten. Fürchterlich brausete das Wasser und ich hielt mich für verloren, wenn nicht schleunige Hülfe käme. Meine ganze Kraft strengte ich an, um mich empor zu arbeiten, allein vergebens; die Wellen rissen mich pfeilschnell fort und ließen mich nicht nach Oben. Nur noch einmal gelang es mir, den Kopf über dem Wasserspiegel zu erheben, da sah ich denn, wie der Badediener den Kahn losgebunden hatte, um zu meiner Rettung herbeizueilen; aber zu meinem Entsetzen hatte sich der Himmel mit schweren gewitterschwangern Wolken überzogen, und die sonst so friedlich dahinströmende Mulde war zu einem reißenden Strome angewachsen und mit weißem Schaum über und über bedeckt; der zu meiner Hülfe herbeieilende Kahn wurde von den reißenden Wellen in stetem Wirbel gedreht und endlich von einer hochaufthürmenden Welle verschlungen. Hoch schlugen die Wasserwogen über mich weg und trieben mich weit, weit bis in die noch reißendere Elbe. Noch hatte ich Besinnung und betete zu Gott, mich endlich von der langen Qual zu befreien und meine Seele in sein himmlisches Reich gnädig aufzunehmen; denn immer wollte ich ersticken und schnappte ängstlich in dem Wassermeer nach Luft. Mein Athen, wurde immer kürzer und die Beklommenheit nahm überhand; der Geist trennte sich vom Körper; ich hatte aufgehört zu leben. Auf schwang sich der fessellose Geist in höhere Regionen; eine erquickende, kühlende Luft umgab mich und beseligende, harmonische Töne drangen zum geistigen Ohr. Staunend erblickte ich die kreisenden Welten, die in langen, unermeßlichen Bahnen sich um einen großen Fixstern dreheten, und wonnige, erhabene Gefühle durchbebten mein Inneres. Endlich glaubte ich am Ziel zu sein; denn paradiesisches Entzücken umgab mich; aber wiederum ergriff mich Furcht und Zittern; ich sollte nun vor dem Thron des Allgewaltigen erscheinen, um über meine Handlungen Rechenschaft abzulegen; denn leider fand ich wenig Gutes, aber desto mehr vergegenwärtigte ich mich des Bösen, welches mit Flammenschrift in mein Herz eingegraben war.

Fürchterlich steigerte sich meine Angst und nur mit schwacher Hoffnung blickte ich auf meinen Erlöser, den ich im Leben so oft verläugnet hatte. Gnade, Gnade für ein verirrtes Schaf, wollte ich rufen, als ein fürchterlicher Donnerschlag geschah, der mich verstummen machte. Auf Augenblicke war ich in schauerliche Finsterniß gehüllt, da brach ein blendend helles Licht durch die dunkele Nacht und ich erblickte den rosenfarbig glühenden Himmel. Du bist am Ziel! drang es durch tausend Stimmen in mein Ohr, und schattenähnliche, weiße Gestalten schwebten in unzähliger Zahl an mir vorüber. Ganz geblendet von der niegesehenen Herrlichkeit wollte ich dem Schöpfer meinen Dank bringen; aber eine fürchterlich ernste Gestalt drohete, und donnerte mir zu: »Entweihe nicht mit deinen verruchten Lippen den Namen des Höchsten. Du Schalksknecht mißbrauchtest gar zu oft den Namen Jehovas; wisse, nur im Gebet, nur mit Andacht und Ehrfurcht soll der Sterbliche den Namen Gottes nennen. Thatest du das? O, wehe, wehe! Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter,« schrie die drohende Gestalt und wehrte mir den weitern Fortgang. »Danke es deinem Erlöser, daß er dich nicht ganz hinabschleuderte in die grausenvolle Tiefe, wo Heulen und Zähnklappen ist, denn du hattest es verdient; 14 ist deine gute That und 3 mal mehr die böse.«

Ich bebte zusammen; denn sonnenklar überschaute ich meine Vergehungen, und Alles war bloß und entdeckt vor meinen Augen. Erbarmen, Verzeihung flehete ich. Bei Gott ist Erbarmen, ist Verzeihung, aber nicht bei den Menschen, klang es dumpf und hohl. Wie sie dich jetzt lieblos richten und verdammen, so thatest du es oftmals mit deinen Mitbrüdern. Darum hinab zur Tiefe! lege ab alle Bosheit, allen Betrug, alles Afterreden und glaube an den Herrn Jesum, dann wirst du selig. Bei diesen Worten stieß mich die Gestalt, daß ich pfeilschnell hinabflog und einen schweren Fall that, wovon ich erwachte. Scheu blickte ich um mich, denn ich lag, im Schweiße gebadet, im Bette; es war die erste Nacht, die ich in H******, seit meiner Abreise aus D*****, auf diese Art zugebracht hatte.

L. R.

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