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François Marie Arouet de Voltaire: Erzählungen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorFrançois Marie Arouet de Voltaire
titleErzählungen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year1924
translatorErnst Hardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130917
projectid17ae402b
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Zadig oder das Geschick

Eine morgenländische Geschichte

1748

 

Sadis Widmungsbrief an die Sultanin Scheraa.

(Voltaires Freundin, die Marquise Emilie du Chatelet.)

Am 18. des Monats Schewal im Jahre der Hedschra 837.

Freude der Augen, Qual der Herzen, Licht des Geistes, ich kann den Staub Deiner Füße nicht küssen, denn Du gehest kaum; so Du aber gehest, so wandelst Du auf Teppichen von Iran. Ich bringe Dir die Übersetzung eines Buches dar, das ein alter Weiser geschrieben hat. Er war so glücklich, nichts zu tun zu haben, und so ergötzte er sich denn damit, die Geschichte Zadigs zu schreiben, ein Werk, das mehr enthält, als man zunächst glauben möchte. Ich bitte Dich, es zu lesen und ein Urteil darüber zu fällen; denn wenn Du auch noch im Frühling Deines Lebens stehest, wenn auch alle Freuden Dich suchen, und Du schön bist und gar viele Gaben Deine Schönheit zieren, wenn man Dich auch vom Morgen bis zum Abend preiset und lobt, und Du aus allen diesen Gründen um Deinen gesunden Verstand hättest kommen können, so ist dennoch Dein Geist tief und weise, Dein Geschmack zart und fein, und ich habe Dich verständiger reden hören, als die ältesten Derwische mit den längsten Bärten und spitzesten Mützen. Du bist zurückhaltend, aber nicht mißtrauisch, mild, aber nicht schwach, wohltätig, aber mit Unterschied, Du liebst Deine Freunde und machst Dir keine Feinde. Dein Geist borgt seine Reize niemals dem Spotte und der Verleumdung ab.

Du sagst weder das Böse, noch tust Du es, so wunderbar leicht es Dir auch gemacht sein möchte. Kurz, Deine Seele hat mich stets so rein dünken wollen wie Deine Schönheit. Du besitzest sogar eine kleine Neigung zur Philosophie, und das hat mich zu dem Glauben gebracht, Du möchtest an dem Werke eines Weisen vielleicht mehr Geschmack finden als andere Sterbliche.

Es wurde zunächst auf altchaldäisch geschrieben, was weder Du noch ich verstehen; dann übersetzte man es ins Arabische, um dem berühmten Sultan Ulugh-Bek gefällig zu sein. Es geschah um die Zeit, da die Araber und die Perser anfingen, ihre tausendundein Nächte und ihre tausendundein Tage, und was dergleichen mehr ist, zu schreiben. Ulugh hörte lieber den Zadig, die Sultaninnen dagegen waren ganz in die Tausendundein verliebt. »Wie könnt ihr nur,« sagte der weise Ulugh, »Geschichten den Vorzug geben, in denen keine Vernunft herrscht und die nichts zu bedeuten haben?« »Eben deshalb haben wir sie ja so gern«, erwiderten die Sultaninnen.

Ich schmeichle mir, Du wirst ihnen nicht ähnlich, sondern vielmehr ein echter Ulugh sein! Ich hoffe sogar, daß sich die eine oder die andere Minute finden soll, in der mir die Ehre zuteil werden wird, mich vernünftig mit Dir zu unterreden, wenn Du der gewöhnlichen Unterhaltungen überdrüssig bist, welche ja den Tausendundein ziemlich ähnlich klingen, nur daß sie weit weniger ergötzlich sind. Wärest Du Thalestris zu Zeiten Skanders, des Sohnes Philipps, gewesen oder die Königin von Saba zur Zeit Suleimans, so hätten diese Könige sich wohl zu Dir auf den Weg gemacht.

Ich bitte die himmlischen Mächte, daß Deine Freude ungetrübt, Deine Schönheit beständig und Dein Glück ohne Ende sein möge.

Sadi.

 

Erstes Kapitel: Der Einäugige.

Zur Zeit König Moabdars lebte in Babylon ein junger Mann namens Zadig, dessen schöne, natürliche Anlagen durch seine Erziehung gefestigt und entwickelt worden waren. Obgleich er reich und noch jung war, wußte er doch seine Leidenschaften zu bändigen. Er wollte nichts vorstellen, wollte nicht stets recht haben, und wußte die Schwächen der Menschen zu achten. Es war erstaunlich zu sehen, wie er trotz seines reichen Verstandes die weitschweifenden, unzusammenhängenden Reden, die frechen Verleumdungen, die törichten Urteile, die groben Unflätigkeiten, den ganzen eitlen Wortschwall, den man zu Babylon Unterhaltung nannte, mit seinem Spotte geißelte. Er hatte aus dem ersten Buche Zoroasters gelernt, daß die Eigenliebe ein windgefüllter Schlauch sei, aus dem Stürme hervorbrechen, wenn man auch nur mit einer Nadel hineinsticht. Vor allem brüstete Zadig sich niemals damit, die Weiber zu verachten und zu besitzen. Er war großmütig und scheute sich nicht, auch Undankbare zu verpflichten, nach der großen Vorschrift Zoroasters: »Wenn du issest', so gib auch den Hunden, selbst wenn sie dich beißen.« Er war so weise, als man es zu sein vermag, denn er strebte nach dem Umgange der Weisen. In den Wissenschaften der alten Chaldäer unterrichtet, wußte er von den Naturgesetzen alles, was damals von ihnen bekannt war, und von der Metapyhsik so viel, als man zu allen Zeiten davon gewußt hat, das heißt herzlich wenig. Er war trotz der neuen Philosophie seiner Zeit fest davon überzeugt, daß das Jahr aus dreihundertfünfundsechzig Tagen und sechs Stunden bestehe und die Sonne sich im Mittelpunkte des Weltenraumes befinde, und wenn die Obermagier ihm mit beleidigendem Eigendünkel bedeuteten, daß er verwerfliche Gesinnungen hege, und daß es ein Feind des Staates sein heiße, wenn man glaube, die Sonne drehe sich um sich selbst und das Jahr habe zwölf Monate, so schwieg er ohne Zorn und ohne Überhebung.

Da Zadig große Reichtümer und folglich viele Freunde hatte, ferner gesund und wohlgebildet war und einen geraden, ausgeglichenen Verstand und ein edles, offenes Gemüt besaß, so glaubte er, auch glücklich sein zu können. Er stand im Begriff, Semira zur Frau zu nehmen, welche wegen ihrer Schönheit, ihrer Geburt und ihres Reichtumes für das begehrenswerteste Mädchen von Babylon galt. Er fühlte für sie eine innige reine Neigung, und Semira liebte ihn leidenschaftlich. Schon nahte die glückliche Stunde, die sie für immer vereinigen sollte, als sie auf einem gemeinsamen Spaziergange unter den Uferpalmen des Euphrat, nicht weit vor einem Tore Babylons, plötzlich eine Schar mit Bogen und Schwertern bewaffnete Männer auf sich losstürzen sahen. Es waren die Trabanten des jungen Orkan, des Neffen eines Ministers, dem die Hofschranzen seines Onkels in den Kopf gesetzt hatten, ihm sei alles erlaubt. Er besaß weder die Anmut noch eine einzige der Tugenden Zadigs: da er sich jedoch für etwas weit Besseres hielt, konnte er es nicht verwinden, jenen ihm vorgezogen zu sehen. Seine Eifersucht, die einzig seiner Eitelkeit entsprang, erweckte den Wahn in ihm, er sei sterblich in Semira verliebt, und so hatte er denn beschlossen, sie zu entführen. Die Räuber ergriffen sie, und im Taumel ihres Ungestüms verwundeten sie sie und vergossen das Blut eines Wesens, dessen Anblick die Tiger des Berges Immaus gerührt hätte. Sie erfüllte den Himmel mit ihrem Wehgeschrei. »Mein teurer Gatte,« rief sie, »oh, man raubt mich dem Manne, den ich liebe.« Ihre eigene Gefahr galt ihr nichts, sie dachte nur an ihren geliebten Zadig. Dieser verteidigte sie unterdessen mit der ganzen Kraft, welche Tapferkeit und Liebe zu verleihen vermögen. Obgleich er nur zwei Sklaven zum Beistande hatte, schlug er die Räuber dennoch in die Flucht und trug die ohnmächtige und blutende Semira in ihr Haus. Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie ihren Befreier vor sich. »Oh Zadig,« sprach sie, »ich liebte dich als meinen zukünftigen Gatten, nun liebe ich dich als den, dem ich Leben und Ehre verdanke.« Niemals war wohl je ein Herz ergriffener als das Herz der Semira, nie sprach ein reizenderer Mund rührendere Empfindung in jenen feurigen Worten aus, welche das Gefühl für die größte aller Wohltaten verbunden mit dem zärtlichsten und rechtmäßigsten Liebesüberschwange einzugeben vermag. Ihre Verwundung war nur leicht, und sie genas schnell. Zadig hingegen war gefährlicher verwundet worden, ein dicht neben dem Auge eingedrungener Pfeilschuß hatte ihm eine tiefe Wunde gerissen. Semira erflehte von den Göttern nichts als die Genesung ihres Geliebten. Tag und Nacht schwammen ihre Augen in Tränen: sehnsüchtig harrte sie des Augenblicks, da die Blicke Zadigs sich wieder an ihren Blicken weiden möchten. Ein Geschwür, welches das verwundete Auge überzog, ließ das Schlimmste befürchten. Man schickte bis nach Memphis nach dem großen Arzte Hermes, der auch bald mit reichem Gefolge eintraf. Er untersuchte den Kranken und hielt den Verlust des Auges für unabwendbar, ja, er sagte sogar den Tag und die Stunde voraus, in der dieses traurige Ereignis eintreten würde. »Wäre es das rechte Auge gewesen,« sprach er, »so würde ich es geheilt haben, Verwundungen des linken Auges dagegen sind unheilbar.« Unter Klagen über das Schicksal Zadigs bewunderte ganz Babylon die Tiefe der Wissenschaft des Hermes. Zwei Tage später brach das Geschwür von selber auf, und Zadig genas völlig. Hermes verfaßte ein Buch, in dem er nachwies, daß Zadig nicht hätte gesunden dürfen. Zadig las es nicht, sobald er jedoch ausgehen konnte, schickte er sich an, diejenige zu besuchen, welche die Hoffnung seines Lebensglückes bildete und für die allein er Augen haben wollte. Semira weilte seit drei Tagen auf dem Lande. Auf dem Wege dorthin erfuhr er, die Schöne habe sich in der letztvergangenen Nacht, nachdem sie ihre unüberwindliche Abneigung gegen Einäugige laut verkündet, mit Orkan vermählt. Bei dieser Nachricht fiel Zadig bewußtlos zu Boden. Sein Schmerz brachte ihn an den Rand des Grabes. Lange lag er krank darnieder, endlich aber besiegte Vernunft seinen Gram, ja, die Grausamkeit dessen, so ihm widerfahren, trug sogar dazu bei, ihn zu trösten.

»Da ein am Hofe erzogenes Mädchen mir einen so grausamen Streich gespielt, will ich mir ein Mädchen aus dem Bürgerstande erwählen.« Seine Wahl fiel auf Asora, das klügste und einer der besten Bürgerfamilien entstammende Mädchen der ganzen Stadt. Er vermählte sich mit ihr und lebte einen Monat lang in allen Wonnen zärtlichster Vereinigung, nur gewahrte er an ihr einigen Leichtsinn und den ausgesprochenen Hang, stets die bestgewachsenen jungen Leute auch für die klügsten und tugendhaftesten zu halten.

 

Zweites Kapitel: Die Nase.

Eines Tages kam Asora zornbebend von einem Spaziergange zurück und wußte sich vor empörten Ausrufen gar nicht zu lassen. »Was hast du, meine liebe Gattin,« fragte Zadig, »was hat dich so aufgebracht?«

»Ach,« erwiderte sie, »es würde dir wie mir ergangen sein, hättest du mit ansehen müssen, was ich eben erlebt! Ich wollte die junge Witwe Kosru trösten, die vor drei Tagen ihrem Gatten an dem Bache, der ihre Wiesen begrenzt, ein Grabmal hat setzen lassen. Sie hatte den Göttern in ihrem Schmerze gelobt, so lange an dem Grabmal zu verweilen, als das Wasser des Baches daran vorbeifließe. »Ei,« sprach Zadig, »das ist ja eine vortreffliche Frau, die ihren Gatten aufrichtig geliebt haben muß!« »Oh,« rief Asora, »wüßtest du nur erst, womit sie sich befaßte, als ich zu ihr kam!« »Womit denn, schöne Asora?« »Sie ließ den Bach ableiten!« Und Asora erging sich in so langatmigen Schmähungen, und brach in so heftige Vorwürfe gegen die junge Witwe aus, daß dieser Tugendprunk Zadig nicht recht gefallen wollte.

Er hatte einen Freund namens Kador, der zu jenen jungen Männern gehörte, welche in den Augen seiner Frau mehr Rechtschaffenheit und Wert besaßen als alle anderen. Er zog ihn ins Vertrauen und versicherte sich seiner Treue, so gut er konnte, durch ein ansehnliches Geschenk. Als nun Asora einmal zwei Tage bei einer ihrer Freundinnen auf dem Lande verbracht hatte und am dritten nach Hause zurückkehrte, teilten ihr die Diener weinend mit, ihr Gatte sei in der vorhergehenden Nacht plötzlich gestorben; man habe nicht gewagt, ihr diese traurige Nachricht zu überbringen, und Zadig inzwischen am Ende des Gartens im Grabmal seiner Väter beigesetzt. Sie weinte, raufte sich die Haare und schwur, es nicht überleben zu wollen. Am Abend bat Kador um die Erlaubnis, bei ihr vorsprechen zu dürfen, und sie weinten zusammen. Als er am nächsten Tage wiederkam, weinten sie schon weniger und speisten zusammen. Kador vertraute ihr an, sein Freund habe ihm den größten Teil seines Vermögens vermacht, und ließ durchblicken, wie glücklich es ihn machen würde, es mit ihr zu teilen. Die Dame weinte, wurde ein wenig böse und dann wieder mild, das Abendessen dauerte länger, als das Mittagessen gedauert, und sie sprachen mit weit größerem Vertrauen zueinander. Asora sang das Lob des Verstorbenen, gestand aber doch, daß er Fehler gehabt, von denen Kador frei sei.

Um die Mitte der Abendmahlzeit klagte Kador plötzlich über heftige Schmerzen in der Milz. Voller Unruhe und Besorgnis ließ die Dame alle Essenzen herbeibringen, mit denen sie sich zu parfümieren pflegte, um auszuproben, ob denn nicht eine darunter gut gegen das Milzstechen sei. Sie bedauerte von Herzen, daß der große Hermes Babylon schon wieder verlassen hatte, und ließ sich sogar herbei, die Seite zu befühlen, in der Kador so arge Schmerzen empfand. »Leidest du an diesem grausamen Übel?« fragte sie voller Mitleid. »Bisweilen bringt es mich an den Rand des Grabes, und es gibt nur ein einziges Mittel, das mir ein wenig Linderung verschaffen kann: man muß mir die Nase eines tags zuvor gestorbenen Menschen auf die Seite legen.« »Welch seltsames Mittel«, sagte Asora. »Nicht seltsamer,« erwiderte Kador, »als die Säckchen des Herrn Arnou gegen den Schlagfluß.« Es gab zu jener Zeit einen Babylonier namens Arnou, der alle Schlagflüsse mit einem um den Hals gehängten Säckchen – in den Zeitungen – verhinderte und heilte. Diese Erkenntnis im Verein mit der ungewöhnlichen Vortrefflichkeit des jungen Mannes brachte die Dame schließlich zu einem Entschluß. »Wird denn,« sprach sie, »wenn man alles wohl erwägt, der Engel Asrael meinem Gatten auf dem Wege aus der Welt von Gestern in die Welt von Morgen den Übergang über die Brücke Schinavar eher weigern, weil seine Nase im zweiten Leben etwas weniger lang ist, als sie im ersten gewesen?« Sie ergriff nun ein Schermesser, schritt zum Grabmal ihres Gatten, netzte es mit ihren Tränen und trat dann dicht herzu, um Zadig, den sie lang ausgestreckt im Grabe liegend fand, die Nase abzuschneiden. Da richtete sich Zadig auf, hielt mit der einen Hand seine Nase fest und wehrte mit der anderen dem Schermesser: »Werteste,« sprach er, »erhebe kein solches Geschrei mehr über die junge Kosru; der Vorsatz, mir die Nase abzuschneiden, wiegt doch die Absicht, einen Bach abzuleiten, immerhin auf.«

 

Drittes Kapitel: Der Hund und das Pferd.

Zadig bekam zu spüren, wie bereits im Buche Zend geschrieben steht, daß der erste Monat der Ehe der Honigmond, der zweite jedoch der Wermutmond sei. Einige Zeit darauf sah er sich gezwungen, Asora zu verstoßen, da das Zusammenleben mit ihr allzu schwer geworden war, und suchte fortan sein Glück im Studium der Natur. Niemand kann glücklicher sein, sprach er, als ein Philosoph, der in dem großen Buche liest, das Gott aufgeschlagen vor uns hingelegt hat. Die Wahrheiten, die er entdeckt, werden sein Besitz, er weitet und erhebt seine Seele, lebt ruhig, hat von den Menschen nichts zu fürchten, und keine zärtliche Gattin eilt herbei, um ihm die Nase abzuschneiden.

Von solchen Gedanken ganz erfüllt, zog er sich in ein Landhaus an den Ufern des Euphrat zurück. Hier befaßte er sich nicht damit, zu berechnen, wieviel Unzen Wassers in einer Sekunde unter einem Brückenbogen durchfließen, oder ob im Mausmonat ein Kubikmeter mehr Regen fällt als im Hammelmonat. Er verfiel auch nicht auf den Gedanken, Seide aus Spinnweben und Porzellan aus zerbrochenen Flaschen herstellen zu wollen, wohl aber erforschte er mit Hingebung die Eigentümlichkeiten der Tiere und Pflanzen und erwarb gar bald eine so große Scharfsichtigkeit, daß er hundert Unterschiede dort wahrnahm, wo alle anderen Menschen nur Gleichförmigkeit zu entdecken vermochten.

Als er nun eines Tages am Rande eines kleines Gehölzes auf und nieder wandelte, sah er einen Eunuchen und hinter diesem viele Hofbeamte auf sich zueilen. Sie schienen sich alle in großer Unruhe zu befinden und liefen bald hier-, bald dorthin, wie Menschen, die etwas gar Kostbares verloren haben und nun vor Bestürzung nicht wissen, wo sie es suchen sollen. »Junger Mann,« rief ihm der Obereunuch zu, »hast du nicht den Hund der Königin gesehen?« »Es ist eine Hündin und kein Hund«, erwiderte Zadig bescheiden. »Recht, recht!« entgegnete der Obereunuch. »Es ist eine auffallend kleine spanische Wachtelhündin,« fuhr Zadig fort, »sie hat vor kurzem geworfen, hinkt auf dem linken Vorderfuß und hat sehr lange Ohren.« »Du hast sie also gesehen?« fragte der Obereunuch atemlos. »Nein,« antwortete Zadig, »ich habe sie niemals gesehen, ich habe nicht einmal gewußt, daß die Königin eine Hündin besaß.«

Durch eine jener gar seltsamen, aber dem Zufalle durchaus eigenen Launen war genau zu der gleichen Zeit das schönste Pferd des königlichen Stalles aus den Händen eines Stallmeisters in die Ebene von Babylon entsprungen. Der Oberstallmeister und alle anderen Stallbeamten liefen nun ebenso ängstlich hinter dem Pferde her, wie der Obereunuch hinter der Hündin hergelaufen war. Der Oberstallmeister rief Zadig an und fragte ihn, ob er das Pferd des Königs nicht gesehen habe? »Es läuft einen vortrefflichen Galopp,« erwiderte Zadig, »ist fünf Fuß lang, hat einen auffallend kleinen Huf, und sein Schweif mißt drei und einen halben Fuß; die Buckel an seinem Gebiß sind aus dreiundzwanzigkarätigem Golde und seine Eisen aus elflötigem Silber.« »In welcher Richtung ist es gelaufen, wo ist es?« fragte der Oberstallmeister. »Ich habe es nicht gesehen,« antwortete Zadig, »und auch noch nie von ihm sprechen gehört.«

Der Oberstallmeister und der Obereunuch waren überzeugt, daß Zadig das Pferd des Königs und die Hündin der Königin gestohlen habe; sie ließen ihn vor die Versammlung des großen Desturham bringen und dieser verurteilte ihn zur Knute und zu lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien. Kaum war das Urteil gefällt, so fand man Pferd und Hündin wieder; die Richter sahen sich in die schmerzliche Notwendigkeit versetzt, ihr Urteil zu widerrufen. Sie verdammten Zadig jedoch zu einer Buße von vierhundert Unzen Goldes, weil er behauptet, etwas nicht gesehen zu haben, was er doch gesehen haben mußte, und erst nachdem er die Geldstrafe erlegt, wurde ihm erlaubt, vor dem Rate des großen Desturham seine Sache zu führen. Er sprach folgendermaßen:

»Sterne der Gerechtigkeit, Abgründe der Weisheit, Spiegel der Wahrheit, die ihr die Schwere des Bleies, die Härte des Eisens, den Glanz des Diamanten und gar große Verwandtschaft mit dem Golde besitzet, da mir verstattet ist, vor dieser erlauchten Versammlung zu sprechen, so schwöre ich bei Oromazes, daß ich weder die hochachtbare Hündin der Königin, noch das geheiligte Roß des Königs der Könige jemals gesehen habe. Hört, was mir geschah: ich lustwandelte in der Nähe jenes kleinen Wäldchens, wo mir dann später der ehrwürdige Eunuch und Seine Herrlichkeit der Herr Oberstallmeister begegneten. Während ich nun so dahinging, gewahrte ich im Sande die Spuren eines kleinen Tieres und konnte leicht erkennen, daß sie von einem kleinen Hunde stammten. An den leichten langgestreckten Furchen, die sich zwischen den Eindrücken der Pfoten auf kleinen Erhöhungen des Sandes zeigten, erkannte ich, daß der Hund eine Hündin gewesen, deren Zitzen herabhingen, die also vor wenigen Tagen Junge geworfen haben mußte. Andere von den erwähnten wesentlich verschiedene Spuren, die von einem Schleifen auf der Oberfläche des Sandes zu beiden Seiten der Vorderpfoten herzurühren schienen, lehrten mich, daß die Hündin sehr lange Ohren gehabt haben mußte, und da ich außerdem noch gewahrte, daß der Sand von einer Pfote stets weniger niedergedrückt worden war, als von den drei anderen, so ward mir klar, daß die Hündin unserer allergnädigsten Königin ein wenig hinkt, falls ich es so zu nennen wagen darf.

Was das Pferd des Königs der Könige angeht, so wisset, daß ich beim Beschreiten der Wege jenes Wäldchens die Abdrücke von Pferdehufen sah, welche alle gleich weit voneinander entfernt waren. Ei, sprach ich zu mir selber, dieses Pferd läuft einen gar trefflichen Galopp. Auf einem schmalen, nur sieben Fuß breiten Wege war in einer Entfernung von drei und einem halben Fuß von der Mitte des Weges der Staub von den Bäumen zur Rechten und zur Linken ein wenig fortgewischt. Das Pferd, sprach ich zu mir, muß einen drei und einen halben Fuß langen Schweif gehabt haben, mit dem es nach rechts und nach links wedelnd den Staub von den Bäumen fortgefegt hat. Unter den Bäumen, welche einen Laubgang von fünf Fuß Höhe bildeten, sah ich frisch gefallene Blätter liegen und erkannte daran, daß das Pferd sie abgebrochen hatte, also fünf Fuß hoch gewesen sein mußte. Was sein Gebiß angeht, so muß es aus dreiundzwanzigkarätigem Golde sein, denn es hat sich damit gegen einen Stein gerieben, den ich für einen Prüfstein erkannte und mit dem ich die Probe machte. Aus den Schürfungen endlich, die seine Eisen auf Kieselsteinen anderer Art zurückgelassen, mußte ich schließen, daß sie aus elflötigem Silber geschmiedet waren.« Alle Richter bewunderten die tiefe und feine Unterscheidungsgabe Zadigs; das Gerücht drang sogar bis zum König und der Königin. In den Vorzimmern, den Sälen und den Privatgemächern wurde nur noch von Zadig gesprochen, und obgleich mehrere Magier meinten, man müsse ihn wie einen Hexenmeister verbrennen, befahl der König dennoch, ihm die Buße von vierhundert Unzen Gold, zu der er verurteilt worden war, zurückzuerstatten. Der Kanzleischreiber und die Gerichtsdiener und Anwälte erschienen also bei ihm mit großem Gepränge, um ihm seine vierhundert Unzen wiederzubringen; für die Gerichtskosten behielten sie davon nur dreihundertachtundneunzig, und ihre Leute baten sich ein Trinkgeld aus.

Zadig erkannte, wie gefährlich es zuweilen sei, gelehrt zu sein, und nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit nicht wieder zu sagen, was er gesehen.

Diese Gelegenheit fand sich gar bald. Ein Staatsgefangener entsprang und kam unter den Fenstern Zadigs vorbei; man befragte ihn, er aber gab keine Auskunft, und so bewies man ihm denn, daß er gerade aus dem Fenster gesehen hatte. Für dieses Verbrechen wurde er zu fünfhundert Unzen Goldes verurteilt und dankte, wie es in Babylon der Brauch, seinen Richtern noch für ihre Nachsicht. Zu sich selber jedoch sprach er: Großer Gott, wie beklagenswert ist man nicht, geht man in einem Walde spazieren, durch den die Hündin der Königin und das Pferd des Königs gelaufen ist, und wie gefährlich ist's gar, aus dem Fenster zu sehen, und wie schwer, wie schwer, in diesem Leben glücklich zu sein!

 

Viertes Kapitel: Der Neider.

Zadig wollte in der Philosophie und in der Freundschaft Trost für die Leiden finden, die ihm das Schicksal zugefügt. In einer Vorstadt Babylons besaß er ein geschmackvoll eingerichtetes Haus, und dorthin lenkte er nun alle Künste und Freuden, die eines gesitteten Mannes würdig sind. Am Morgen stand seine Bücherei allen Gelehrten offen, des Abends seine Tafel der guten Gesellschaft. Nur allzu bald erfuhr er jedoch, wie gefährlich die Gelehrten sind. Es erhob sich nämlich ein großer Streit unter ihnen über ein Gesetz Zoroasters, welches Greifenfleisch zu essen verbot. »Wie kann man Greifenfleisch verbieten,« riefen die einen, »da es ein solches Tier gar nicht gibt!« »Es muß es geben,« schrien die anderen, »da Zoroaster nicht will, daß es gegessen werde!« Zadig wollte den Streit versöhnlich schlichten und sprach daher zu ihnen: »Wenn es Greifenfleisch gibt, so wollen wir nicht davon essen, und gibt es keines, so können wir es nicht tun; so werden wir also in jedem Falle alle dem Zoroaster gehorsam sein«.

Ein Gelehrter, welcher dreizehn Bände über die Eigenschaften der Greifen geschrieben und überdies ein großer Theurg war, hatte nichts Eiligeres zu tun, als Zadig bei einem Erzmagier namens Yebor, Umstellung des Namens Boyer, eines fanatischen Dummkopfes, der als Bischof und später als Minister Voltaire aufs gehässigste verfolgte. dem dümmsten und daher fanatischsten aller Chaldäer, anzuklagen. Dieser Mensch hätte Zadig zum höchsten Ruhme der Sonne pfählen lassen und danach das Brevier Zoroasters nur in um so selbstzufriedenerem Tone hergesagt. Der Freund Kador (ein Freund ist mehr wert als hundert Priester) suchte den alten Yebor auf und sprach zu ihm:

»Es lebe die Sonne und die Greifen! Sei ja auf deiner Hut, den Zadig zu strafen, er ist ein Heiliger! Er hält Greifen auf seinem Geflügelhofe und ißt sie nicht. Sein Ankläger dagegen ist ein Ketzer, der zu behaupten wagt, die Kaninchen hätten gespaltene Füße und seien nicht unrein.« »Wohlan,« erwiderte Yebor, indem er seinen Kahlkopf schüttelte, »so muß Zadig eben gepfählt werden, weil er über die Greifen schlecht gedacht, der andere, weil er über die Kaninchen schlecht gesprochen hat!« Es gelang Kador, die Angelegenheit durch ein Hoffräulein beizulegen, dem er ein Kind gemacht, und das einen großen Einfluß im Magierkollegium besaß. Niemand wurde gepfählt, worüber einige Doktoren allerdings murrten und daraus den nahen Untergang Babylons weissagten. »Was ist doch das Glück!« rief Zadig aus, »alles in dieser Welt verfolgt mich, selbst die Geschöpfe, die es gar nicht gibt.« Er verwünschte die Gelehrten und wollte nur noch mit der guten Gesellschaft Umgang pflegen.

Er lud die gebildetsten Männer und die liebenswürdigsten Damen Babylons täglich in sein Haus, gab herrliche Gastmähler, denen oft Konzerte vorangingen und die belebt wurden von den reizvollsten Gesprächen, aus denen er die Sucht, geistvoll zu sein, zu bannen vermocht hatte, als welche nämlich ein sicherstes Mittel ist, keinen Geist zu haben und die glänzendste Gesellschaft zu verderben. Weder die Wahl seiner Freunde noch die Wahl der Speisen wurde von Eitelkeit bestimmt, denn in allem zog er das Sein dem Scheine vor und erwarb sich gerade dadurch jene wahre Achtung, nach der er nicht zu streben schien.

Seinem Hause gegenüber wohnte Arimases, ein Mann, dessen böse Seele auf seinem groben Gesichte geschrieben stand. Er war gallsüchtig und aufgeblasen und dazu noch ein langweiliger Schöngeist. Da er es nie zu einem Ansehen in der guten Gesellschaft hatte bringen können, rächte er sich an ihr, indem er auf sie schimpfte. Trotz seines großen Reichtums gelang es ihm nur mit großer Mühe, wenigstens ein paar Schmeichler in sein Haus zu ziehen. Das Gerassel der Wagen, welche abends bei Zadig vorfuhren, quälte ihn, und das Lob, das Zadig überall erntete, reizte ihn noch weit mehr. Bisweilen begab er sich zu Zadig hinüber, setzte sich an seine gedeckte Tafel, ohne geladen zu sein, und verdarb dann dort der Gesellschaft jede Freude, wie man von den Harpyien sagte, daß sie alles Fleisch vergifteten, das sie berührten. Als er eines Tages einer Dame ein Fest geben wollte, widerfuhr es ihm, daß sie bei ihm absagte, dafür aber zu Zadig zum Abendessen ging. Als er sich ein andermal mit Zadig im Palaste unterhielt, begegneten sie einem Minister, der Zadig zum Essen lud und Arimases nicht. Gar oft hat der unversöhnlichste Haß keine tiefere Quelle. Dieser Mann, den man in ganz Babylon den Neider nannte, wollte Zadig zugrunde richten, nur weil er allgemein der Glückliche hieß. Die Gelegenheit, Böses zu tun, bietet sich täglich zu hundert Malen, die Gelegenheit, Gutes zu tun, dagegen nur einmal im Jahre, wie Zoroaster sagt.

Eines Tages begab sich nun der Neider in Zadigs Haus, als dieser gerade mit zwei Freunden und einer Dame, der er oft Artigkeiten sagte, in seinem Garten auf und nieder wandelte. Das Gespräch drehte sich um einen Krieg, den der König gegen den Fürsten von Hyrkanien, einen seiner Vasallen, soeben glücklich zu Ende geführt. Zadig, der in diesem kurzen Kriege viele Proben seines Mutes abgelegt hatte, pries den König von Herzen, noch mehr aber die Dame. Er ergriff seine Schreibtafel, schrieb aus dem Stegreif vier Verse hinauf und gab sie dann der Schönen zu lesen. Seine Freunde baten ihn, sie auch ihnen mitzuteilen: Bescheidenheit jedoch oder eine kluge Eigenliebe hielten ihn davon ab. Er wußte gar wohl, daß aus dem Stegreif gemachte Verse bestenfalls derjenigen gut erscheinen können, zu deren Ehre sie geschrieben wurden. Er brach daher das Täfelchen, worauf er geschrieben, entzwei und warf die beiden Hälften in ein Rosengebüsch, in dem man vergebens nach ihnen suchte. Dann fing es leicht zu regnen an, und man begab sich ins Haus. Der Neider, der im Garten geblieben, suchte so emsig, daß er schließlich das eine Stück des Täfelchens fand. Es war so gebrochen, daß jede der die Zeilen füllenden Vershälften einen Sinn, ja, sogar einen selbständigen Vers von kürzerem Maße ergab; infolge eines noch seltsameren Zufalles jedoch bargen diese kürzeren Verse einen Sinn, der die schrecklichsten Beleidigungen gegen den König enthielt. Man las:

Durch die größten Freveleien
Herrscher noch auf seinem Thron,
Da wir uns des Friedens freuen,
Spricht nur er dem Frieden Hohn.

Der Neider fühlte sich zum ersten Male in seinem Leben glücklich; in seine Hände war gegeben, was einen tugendhaften und liebenswürdigen Menschen zugrunde richten konnte. Von grausamer Schadenfreude erfüllt, ließ er diese von Zadigs eigener Hand geschriebenen Schmähworte dem Könige unterbreiten. Zadig, seine beiden Freunde und die Dame wurden ins Gefängnis geworfen und sein Prozeß gar schnell entschieden, ohne daß man ihn auch nur anzuhören geruht hätte. Als er von der Urteilsverkündung zurückkehrte, stellte sich ihm der Neider von ungefähr in den Weg und rief ihm laut zu, seine Verse taugten eben nichts. Zadig hatte niemals seinen Stolz darein gesetzt, ein guter Dichter zu sein, aber er war verzweifelt darüber, als Majestätsverbrecher verurteilt zu werden, und zwei Freunde und eine schöne junge Dame für ein Verbrechen im Gefängnis zu wissen, das er nicht begangen hatte. Man gestattete ihm nicht zu sprechen, da dies ja seine Schreibtafel nur allzulaut tat. So wollte es das Gesetz von Babylon. Man ließ ihn also durch eine dicht gedrängte Menschenmenge zum Tode schreiten und keiner wagte ihn zu beklagen, und alle drängten sich heran, um ihm ins Gesicht zu blicken und zu sehen, ob er mit Anstand zu sterben wissen würde. Nur seine Verwandten waren betrübt, weil sie ihn nicht beerbten: drei Viertel seines Vermögens wurden für den königlichen Schatz und ein Viertel zugunsten des Neiders eingezogen.

In der Stunde, da er sich auf den Tod vorbereitete, flog der Papagei des Königs von seinem Balkon herab und ließ sich in Zadigs Garten auf einen Rosenbusch nieder. Unter diesen Rosenbusch hatte der Wind von einem benachbarten Pfirsichbaume einen Pfirsich geweht, und der Pfirsich war auf das Stück einer Schreibtafel gefallen und daran kleben geblieben. Der Vogel hob den Pfirsich und mit ihm das Stückchen Tafel auf und trug so beides auf den Schoß des Herrschers. Der neugierige Fürst las Worte darauf, die gar keinen Sinn ergaben und wie Versenden anmuteten. Er war ein Freund der Dichtkunst, und mit Fürsten, welche Verse lieben, läßt sich immer noch am besten auskommen: das Abenteuer seines Papageis machte ihm allerlei Gedanken. Die Königin, welche sich genau entsann, was auf dem einen Stück von Zadigs Schreibtafel gestanden hatte, ließ es herbei bringen. Man hielt die beiden Stücke aneinander, sie paßten vollkommen zusammen, und nun las man die Verse so, wie Zadig sie gemacht hatte:

Durch die größten Freveleien sah ich alle Reiche wanken.
Herrscher noch auf seinem Thron zwang unser Fürst so Sturm wie Wogen.
Da wir uns des Friedens freuen, hegt nur Amor Kriegsgedanken,
Spricht nur er dem Frieden Hohn mit Pfeilen spitz auf goldnem Bogen.

Der König befahl, Zadig sogleich herbeizuführen und seine beiden Freunde und die schöne Dame aus dem Kerker zu befreien. Zadig warf sich zu Füßen des Königs und der Königin mit dem Gesicht auf den Boden nieder: er bat sie demütig um Verzeihung, so schlechte Verse gemacht zu haben, und sprach mit so viel Anmut, Witz und Verstand, daß der König und die Königin ihn wiederzusehen wünschten. Er kam und gefiel noch mehr. Man sprach ihm das gesamte Vermögen des Neiders zu, der ihn so fälschlich angeklagt, Zadig jedoch gab es ihm ungeschmälert zurück, wobei den Neider nichts wie die Freude bewegte, sein Hab und Gut zu behalten. Des Königs Schätzung für Zadig wuchs von Tag zu Tag. Er mußte an allen seinen Vergnügungen teilnehmen und ihn in allen seinen Angelegenheiten beraten. Und die Königin betrachtete ihn fortan mit einem Wohlgefallen, welches nicht nur für sie, sondern auch für den König, ihren erlauchten Gatten, für Zadig und für das ganze Reich recht wohl gefährlich werden konnte. – Zadig fing an zu glauben, daß es eben doch nicht allzuschwer sei, glücklich zu sein.

 

Fünftes Kapitel: Der Großmütige.

Die Zeit nahte heran, in der man alle fünf Jahre ein großes Fest feierte. Es war Brauch in Babylon, jedesmal nach dem Verlaufe dieser Zeitspanne den Namen desjenigen Bürgers feierlich zu verkünden, der inzwischen die großmütigste Handlung begangen hatte. Die Großen des Reiches und die Magier waren die Richter. Der mit der Aufsicht über die Stadt betraute Obersatrap hatte Bericht über die schönsten Handlungen zu geben, die sich unter seiner Verwaltung zugetragen; darauf wurde abgestimmt und der König verkündete das Urteil. Von allen Enden der Welt strömte man zu dieser Feier herbei. Der Sieger empfing aus den Händen des Königs einen goldenen mit Edelsteinen verzierten Becher und der König sprach zu ihm die folgenden Worte: »Empfange diesen Preis der Großmut, und möchten die Götter mir viele Untertanen schenken, die dir gleich sind.«

Als der denkwürdige Tag herangekommen, erschien der König auf seinem Thron, umgeben von seinen Großen, den Magiern und den Abgesandten aller Völker, die herbeigeströmt waren zu diesen Spielen, in denen der Ruhm nicht durch die Schnellfüßigkeit der Rosse und nicht durch die Kraft des Leibes erlangt wurde, sondern durch die Tugend. Der Obersatrap verkündete mit lauter Stimme die Handlungen, welche geeignet erschienen, ihren Urhebern den unschätzbaren Preis einzutragen. Die Seelengröße, mit welcher Zadig dem Neider sein ganzes Vermögen zurückgegeben, erwähnte er nicht einmal, denn das war noch nicht eine Tat, die nach dem Preise zu streben wagen durfte.

Er führte zuerst einen Richter vor, in dessen Kammer durch ein Versehen, für das er noch nicht einmal verantwortlich war, ein Bürger einen beträchtlichen Rechtshandel verloren hatte, und da hatte dieser Richter dem Bürger als Ersatz sein ganzes Vermögen abgetreten.

Darauf zeigte er einen jungen Mann, der in ein junges, ihm zur Frau bestimmtes Mädchen leidenschaftlich verliebt gewesen war und sie dennoch einem Freunde, welcher aus Liebe zu ihr dem Tode nahe gekommen, abgetreten und ihr obendrein noch eine reiche Mitgift ausgesetzt hatte.

Darauf ließ er einen Soldaten vortreten, der im hyrkanischen Kriege ein noch größeres Beispiel von Großmut abgelegt hatte. Feindliche Soldaten wollten ihm seine Geliebte entreißen, und während er sie verteidigte, rief man ihm zu, daß wenige Schritte davon andere Hyrkanier seine Mutter fortschleppten; er ließ nun seine Geliebte im Stich und eilte zur Befreiung seiner Mutter; als er danach dann wieder zu der zurückkehrte, die er liebte, fand er sie sterbend. Er wollte sich töten, seine Mutter jedoch stellte ihm vor, wie er ihre einzige Stütze sei, und da fand er den Mut, das Leben zu ertragen.

Diesem Soldaten neigten sich die Richter zu. Da ergriff der König das Wort und sprach: »Diese und die Handlungen der anderen sind schön, sie verwundern mich jedoch nicht; Zadig dagegen hat gestern etwas getan, was mich in das allerhöchste Erstaunen versetzte. Ich hatte einige Tage vorher meinen Minister und Günstling Koreb in Ungnaden entlassen und beklagte mich heftig über ihn. Alle meine Höflinge versicherten einstimmig, ich dächte noch viel zu milde über ihn, und jeglicher suchte sich in Schmähungen über Koreb hervorzutun. Da fragte ich Zadig, wie er über ihn dächte, und Zadig wagte es, gut von ihm zu sprechen. Ich gestehe, daß ich in unserer Geschichte schon Beispiele dafür gefunden habe, daß einer seinen Irrtum mit seinem Vermögen bezahlt, seine Geliebte abtritt oder seine Mutter dem Gegenstand seiner Liebe vorzieht; daß aber ein Höfling von einem in Ungnade gefallenen Minister, über den sein Fürst aufs heftigste erzürnt war, vorteilhaft gesprochen hätte, das habe ich noch niemals gelesen! Ich schenke einem jeden, deren großmütige Handlungen eben angeführt wurden, zweihundert Goldstücke, den Becher aber gebe ich dem Zadig.«

»Herr,« sprach nun dieser, »einzig deiner Majestät gebührt der Becher, denn du allein hast die unerhörteste Handlung getan, da du als König dich nicht wider einen Sklaven erzürntest, der deiner Leidenschaft widersprach.«

Man bewunderte Zadig und den König. Der Richter, der sein Vermögen hingegeben, der Liebhaber, der seinem Freunde seine Geliebte angetraut, und der Soldat, dem das Heil seiner Mutter teurer als das seiner Geliebten gewesen war: sie bekamen die Geschenke des Königs und ihre Namen wurden in das Buch der Großmütigen eingetragen; Zadig erhielt den Becher. Der König erwarb sich den Ruf eines guten Fürsten, den er jedoch nicht lange behielt. Der Tag selber ward durch längere Feste gefeiert, als das Gesetz vorschrieb. Noch heute lebt eine Erinnerung an sie in ganz Asien. Zadig sprach: »Endlich bin ich also glücklich.« Doch er täuschte sich.

 

Sechstes Kapitel: Der Minister.

Der König hatte seinen ersten Minister verloren. Seine Wahl zur Besetzung der Stelle fiel auf Zadig. Alle schönen Damen Babylons lobten dies, denn seit der Gründung des Reiches hatte es noch niemals einen so jungen Minister gegeben. Alle Höflinge dagegen waren wütend, der Neider bekam Blutspeien darüber und seine Nase schwoll ihm fürchterlich an. Nachdem Zadig dem König und der Königin gedankt hatte, begab er sich auch zu dem Papagei, um ihm zu danken: »Schöner Vogel,« sprach er, »nur du allein hast mir das Leben gerettet und mich zum ersten Minister gemacht; die Hündin und das Roß Ihrer Majestäten haben mir viel Böses zugefügt, du allein hast mir Gutes getan. Von derlei Dingen hängt also das Geschick der Menschen ab! Aber,« fügte er hinzu, »ein so seltenes Glück wird vielleicht gar bald dahinwelken.« »Ja«, rief der Papagei. Dies Wort erschreckte Zadig; da er jedoch ein guter Naturkenner war und nicht glaubte, daß die Papageien Propheten seien, beruhigte er sich bald wieder und schickte sich an, seines Ministeramtes nach besten Kräften zu walten.

Er ließ jedermann die geheiligte Macht der Gesetze fühlen, niemanden hingegen das Gewicht seiner Würde. Niemals beeinflußte er die Abstimmung im Divan, und jeder Vezier durfte eine eigene Meinung haben, ohne ihm zu mißfallen. Wenn er über eine Sache zu richten hatte, so ließ er nicht sich, sondern das Gesetz für den Spruch maßgebend sein, däuchte ihn jedoch das Gesetz allzustreng, so milderte er es; gebrach es aber gar an einem Gesetze, so schuf sein Gerechtigkeitssinn eines, das ebensogut von Zoroaster selber hätte herstammen können.

Er war's, von dem die Völker jenen großen Grundsatz lernten, daß man lieber Gefahr laufen solle, einen Schuldigen freizusprechen, als einen Unschuldigen zu verdammen. Er war der Ansicht, die Gesetze seien ebensosehr dazu geschaffen, den Bürgern zu helfen, wie sie zu schrecken. Seine vornehmste Begabung bestand darin, die Wahrheit, welche alle Menschen zu verdunkeln suchen, ans Licht zu bringen. Schon in den ersten Tagen seiner Verwaltung wurde es ihm vergönnt, diese große Gabe zu nützen. Ein angesehener Kaufmann aus Babylon war in Indien gestorben. Er hatte seine beiden Söhne zu gleichen Teilen zu seinen Erben unter der Bedingung eingesetzt, daß sie ihre Schwester ausstatteten, und außerdem hatte er ein Geschenk von dreißigtausend Goldstücken demjenigen seiner Söhne bestimmt, der die größere Liebe zu ihm an den Tag legen würde. Der älteste erbaute ihm ein Grabmal, der zweite vergrößerte durch einen Teil seiner Erbschaft die Mitgift seiner Schwester. Jedermann sagte: »der älteste hat seinen Vater am meisten geliebt, der zweite dagegen liebt mehr seine Schwester: dem ältesten kommen also die dreißigtausend Goldstücke zu.«

Zadig beschied alle beide zu sich. Zu dem ältesten sprach er: »Dein Vater ist nicht gestorben, sondern hat seine letzte Krankheit glücklich überstanden und kehrt nach Babylon zurück.« »Gelobt sei Gott,« erwiderte der junge Mann, »aber schade um das Grabmal, das mir gar viel Geld gekostet hat.« Darauf sprach Zadig zu dem jüngeren die gleichen Worte. »Gott sei gepriesen,« rief dieser, »ich will meinem Vater alles wiedergeben, was ich von ihm bekommen habe, ich wünschte nur, er möchte meiner Schwester das lassen, was ich ihr bereits geschenkt.« »Nichts sollst du ihm wiedergeben, und du sollst auch die dreißigtausend Goldstücke bekommen, denn du liebst deinen Vater am meisten.«

Ein sehr reiches Mädchen hatte zwei Magiern die Ehe versprochen, und nachdem sie einige Monate lang von beiden unterrichtet worden war, sah sie sich guter Hoffnung. Beide wollten sie heiraten. »Ich will den zum Gatten nehmen,« sagte sie, »der mich von euch beiden fähig gemacht hat, dem Reiche einen Bürger zu schenken.« »Ich habe dieses gute Werk vollbracht«, sagte der eine. »Nein, mir ward diese Gunst zuteil«, rief der andere. »Wohlan,« erwiderte sie, »so will ich denjenigen als meines Kindes Vater anerkennen, der ihm von euch beiden die beste Erziehung angedeihen zu lassen vermöchte.« Sie kam mit einem Knaben nieder, und jeder der beiden Magier wollte ihn nun erziehen. Die Sache wurde vor Zadig gebracht, und er beschied die beiden Magier zu sich. »Worin wirst du deinen Zögling unterweisen?« fragte er den ersten. »Ich werde ihn in den Vorzügen der Redekunst unterrichten,« erwiderte der Doktor, »ihn Dialektik, Astronomie und Dämonomanie lehren, und ihm die Substanz und das Akzidens, das Abstrakte und das Konkrete, die Monaden und die prästabilierte Harmonie erklären.« »Ich,« sprach der zweite, »will ihn brav und wahrer Freundschaft würdig zu machen suchen.« Zadig entschied: »Magst du nun sein Vater sein oder nicht, jedenfalls sollst du seine Mutter heiraten.«

Fast täglich liefen bei Hofe Beschwerden über Irax ein, den Itimad-Ulet von Medien. Dieser hohe Herr war im Grunde nicht schlecht, aber durch Eitelkeit und Wollüstigkeit recht verdorben. Nur selten litt er, daß man mit ihm zu sprechen wagte, unter keinen Umständen jedoch, daß man ihm widerspräche. Kein Pfau konnte eitler, kein Täuberich wollüstiger und keine Schildkröte träger sein als er; sein ganzes Sinnen war nur auf falschen Ruhm und falsche Freuden gerichtet. Zadig nahm es auf sich, ihn zu bessern.

Er schickte ihm von Seiten des Königs vierundzwanzig Sänger, vierundzwanzig Geiger und einen Musikmeister, einen Haushofmeister, sechs Köche und sechs Kammerherren, die ihn keinen Augenblick allein lassen durften. Ein besonderer Befehl des Königs legte für seinen Hof eine Tagesordnung fest, die aufs genaueste eingehalten werden sollte. Auf Grund dieser Tagesordnung geschah nun folgendermaßen:

Sobald der lüstige Irax am ersten Tage erwachte, versammelten sich der Musikmeister, die Sänger und die Geiger um sein Bett und sangen eine Kantate, die zwei Stunden lang dauerte und von drei zu drei Minuten die Wiederkehr des folgenden Schlußreimes brachte:

Sein Wert ist wahrlich ungemein!
Oh Seelengröße, Anmut, Zier,
Wie muß Erlaucht nicht für und für
Mit sich zufrieden sein!

Nach der Aufführung der Kantate hielt ein Kammerherr eine drei Viertelstunden währende Ansprache an ihn, in der er eigens für alle guten Eigenschaften gepriesen wurde, die ihm fehlten. Sobald die Rede beendigt war, führte man ihn unter dem Klange der Instrumente zu Tisch. Das Mittagsmahl dauerte drei Stunden, und sobald er den Mund zum Sprechen öffnen wollte, sagte der erste Kammerherr: »Wie recht wird er nicht haben!« Und hatte er kaum vier Worte gesprochen, so rief auch schon der zweite: »Er hat recht!« Den beiden anderen Kammerherren lag es ob, über die witzigen Einfälle, die Irax hatte, oder hätte haben sollen, in ein lautes Gelächter auszubrechen. Nach Tisch wurde die Kantate noch einmal gesungen.

Der erste Tag erschien ihm köstlich; er glaubte vom König der Könige endlich nach Verdienst geehrt zu werden, der zweite Tag dünkte ihn schon weniger angenehm, der dritte recht unbequem, der vierte schier unerträglich, und der fünfte eine wahre Höllenpein. Schließlich vermochte er den Gesang der Worte: »Wie muß Erlaucht nicht für und für mit sich zufrieden sein« nicht mehr zu ertragen, noch daß man ihm stets sagte, er habe recht, und tagtäglich um die gleiche Stunde eine lange Ansprache an ihn hielt, und so richtete er denn ein inständiges Gesuch nach Hofe, der König möge doch seine Kammerherren, seine Spielleute und seinen Haushofmeister wieder abzuberufen geruhen. Er versprach, fürderhin weniger eitel und viel fleißiger zu sein, ließ sich fortan weniger beweihräuchern, gab seltener Feste und wurde glücklicher, denn, wie Sadder sagt: Ewiges Vergnügen ist kein Vergnügen.

 

Siebentes Kapitel: Streitigkeiten und Empfänge.

Derart offenbarte Zadig täglich seine Verstandesschärfe und seine Seelengüte. Man bewunderte ihn ... und liebte ihn trotzdem. Er galt für den glücklichsten aller Menschen, das ganze Reich war seines Namens voll, alle Weiber äugelten nach ihm, alle Bürger priesen seine Gerechtigkeit, die Gelehrten betrachteten ihn als ihr Orakel, und selbst die Priester rühmten ihm nach, daß er von ihren Dingen sogar mehr verstünde als der Erzmagier Yebor. Jetzt dachte kein Mensch mehr daran, ihm wegen der Greifen den Prozeß zu machen, man glaubte fortan nur noch, was ihm glaublich erschien.

Seit fünfzehn Jahrhunderten währte in Babylon ein Streit, der das Reich in zwei schroff gesonderte Hälften teilte. Die einen meinten, man dürfe den Tempel des Mithras niemals anders denn mit dem linken Fuße zuerst betreten; den anderen war dieser Brauch ein Greuel, sie traten stets mit dem rechten Fuß zuerst ein. Ungeduldig harrte man nun auf das hohe Fest des heiligen Feuers, um zu erfahren, welche Sekte Zadig begünstigen würde. Die Augen des Weltalls waren auf seine beiden Füße gerichtet, und die ganze Stadt befand sich in maßloser Aufregung und Spannung. Zadig sprang mit beiden Füßen zugleich in den Tempel hinein und setzte dann in eindrucksvoller Rede auseinander, daß der Gott des Himmels und der Erde, bei dem kein Ansehen der Person gelte, weder das linke Bein höher werte als das rechte noch umgekehrt. Der Neider und seine Frau behaupteten, es hätte in Zadigs Rede an schönen Wendungen gefehlt, er habe die Berge und Hügel nicht genug tanzen lassen. »Er ist trocken und schwunglos«, sagten sie. »Man sieht bei ihm weder das Meer zurückweichen, noch Sterne fallen, noch die Sonne schmelzen wie Wachs, es fehlt ihm durchaus der gute morgenländische Stil.« Zadig war's zufrieden, nur den Stil der Vernunft zu besitzen. Alle Welt stand auf seiner Seite, nicht etwa weil sein Weg der rechte und er selber gar vernünftig und liebenswürdig, sondern weil er erster Vezier war.

Ebenso glücklich entschied er den Streit zwischen den weißen und den schwarzen Magiern. Die weißen hielten daran fest, daß es eine Gottlosigkeit sei, im Gebet zu Gott das Antlitz nach Südosten zu kehren; die schwarzen dagegen versicherten, Gott habe einen Abscheu vor den Gebeten aller derer, die sich betend nach Nordwesten wendeten. Zadig befahl, jedermann möge sich kehren und wenden, wohin er wolle.

So fand er das Geheimnis, schon in aller Frühe mit allen öffentlichen, staatlichen, privaten und bürgerlichen Angelegenheiten fertig zu werden; den übrigen Teil des Tages verwandte er auf die Verschönerung Babylons: er ließ Trauerspiele aufführen, bei denen man weinte, und Lustspiele, bei denen man lachte, was beides seit langem aus der Mode gekommen war und von ihm wieder eingeführt wurde, weil er Geschmack besaß. Er erhob nicht den Anspruch, mehr von Kunst zu verstehen, als die Künstler selber; er belohnte sie durch Geschenke und Auszeichnungen und war nicht im geheimen eifersüchtig auf ihre Gaben. Des Abends wußte er den König und vor allem die Königin aufs beste zu unterhalten. Der König sagte »der große Minister«, die Königin »der liebenswürdige Minister« und alle beide setzten hinzu, daß es doch sehr schade gewesen sein würde, wenn er gehängt worden wäre.

Niemals ist wohl ein Mann in einem Amte gezwungen gewesen, Damen derart viele Privataudienzen zu bewilligen, wie er. Die meisten kamen, um mit ihm über Rechtshändel zu sprechen, die sie gar nicht hatten, in der Hoffnung, es möchte vielleicht ein Liebeshandel daraus entstehen. Die Frau des Neiders erschien als eine der ersten; sie schwur ihm bei Mithras, bei Zend-Avesta und beim heiligen Feuer, daß sie die Handlungsweise ihres Gatten verabscheut hätte; darauf vertraute sie ihm an, ihr Mann sei ein eifersüchtiger roher Patron, und gab ihm zu verstehen, daß die Götter ihn bereits dadurch gestraft hätten, daß sie ihm die glücklichen Wirkungen jenes heiligen Feuers versagten, durch welches der Mensch allein den Unsterblichen ähnlich wird, und zuguterletzt ließ sie ihr Strumpfband fallen. Mit seiner gewohnten Höflichkeit hob es Zadig zwar vom Boden auf, legte es jedoch nicht eigenhändig wieder um das Knie der Dame, und diese kleine Verfehlung, falls es denn wirklich eine war, wurde die Quelle schrecklichsten Unheils. Zadig dachte nicht weiter daran, die Frau des Neiders dafür jedoch um so mehr.

Tagtäglich ließen sich andere und wieder andere Damen melden. Die geheimen Annalen Babylons behaupten, er sei einmal gestrauchelt, dabei aber ganz verwundert gewesen, ohne Lust zu genießen und seine Geliebte mit abwesenden Sinnen zu umarmen. Die, welcher er fast ohne es gewahr zu werden Zeichen seiner Gönnerschaft zuteil werden ließ, war eine Kammerfrau der Königin Astarte. Die zärtliche Babylonierin sagte sich zum Troste: er muß wohl schrecklich viele Geschäfte im Kopfe haben, da er sie sogar noch bedenkt, während er der Liebe obliegt. In jenen Augenblicken, in denen viele Menschen völlig stumm sind, und andere nur fromme Worte stammeln, widerfuhr es Zadig, plötzlich zu rufen: »Die Königin.« Die Babylonierin wähnte, ein glücklicher Augenblick habe ihn wieder zu sich selbst gebracht und er nenne sie »meine Königin«. Zadig war jedoch noch nicht Herr seiner Zerstreuung geworden und sprach auch noch den Namen Astarte aus. Die Dame, die unter so glückseligen Umständen alles zu ihrem Vorteil auslegte, bildete sich ein, er habe damit sagen wollen: »Du bist schöner als die Königin Astarte.« Mit gar herrlichen Geschenken verließ sie Zadigs Serail und erzählte ihr Abenteuer sofort ihrer vertrauten Freundin, der Neiderin. Diese fühlte sich durch die erfahrene Zurücksetzung tödlich gekränkt. »Mir,« rief sie, »hat er nicht einmal dieses Strumpfband hier wieder umzulegen geruht, ich mag es nun überhaupt nicht mehr tragen!« »Ei, ei, zeig einmal her,« sprach nun die Glückliche zur Neiderin, »du trägst ja dieselben Strumpfbänder wie die Königin, kaufst du sie denn bei derselben Putzmacherin?« Ob dieser Frage versank die Neiderin in tiefes Nachdenken, erwiderte nichts darauf und begab sich eiligst zu gemeinsamer Beratung zu ihrem Gatten, dem Neider.

Inzwischen bemerkte Zadig, daß er stets zerstreut war, wenn er Audienzen erteilte, und wenn er öffentlich Recht sprach. Er wußte nicht, welchem Zustande er dies zuschreiben sollte, das war sein einziger Kummer.

Er hatte einen Traum: es war ihm, als läge er auf trocknen Kräutern, unter denen etliche stachelicht waren und ihn belästigten; dann war's ihm aber plötzlich, als ruhe er weich auf einem Bette von Rosen, doch unter den Rosen kroch eine Schlange hervor und stach ihn mit ihrer spitzen giftigen Zunge mitten ins Herz. »Ach,« rief er, »lange war ich auf solche stachelichte Kräuter gelagert, jetzt liege ich auf dem Rosenbette, wer aber wird die Schlange sein?«

 

Achtes Kapitel: Die Eifersucht.

Zadigs Unglück entsprang seinem Glücke selber und vor allem seinem Verdienst. Täglich hatte er lange Unterredungen mit dem König und des Königs erlauchter Gattin Astarte. Der Reiz seines Gesprächs wurde noch verdoppelt durch den Wunsch, zu gefallen, als welcher für den Geist so viel bedeutet, wie Schmuck für Schönheit. Mehr und mehr machte seine Jugend und Anmut auf Astarte einen Eindruck, dessen sie sich zunächst nicht bewußt wurde. Ihre Leidenschaft wuchs im Schoße der Unschuld empor. Ohne Bedenklichkeit und ohne Furcht überließ sich Astarte dem Vergnügen, den Mann zu sehen und zu hören, der ihrem Gatten und dem Staate teuer war. Sie konnte ihn dem Könige gegenüber gar nicht genug rühmen und sprach unaufhörlich zu ihren Frauen über ihn, welche ihre Lobpreisungen noch überboten. So trug alles dazu bei, ihr den Pfeil, den sie noch nicht fühlte, tiefer und tiefer ins Herz zu stoßen. Sie machte Zadig Geschenke, die mehr Zärtlichkeit verrieten, als ihr bewußt war, sie wagte nur als eine Königin zu ihm zu sprechen, die mit seinen Diensten zufrieden war, und dennoch ähnelten ihre Wendungen bisweilen gar sehr den Worten eines fühlenden Weibes.

Astarte war weit schöner als jene Semira, welche die Einäugigen haßte, und auch schöner als jenes andere Weib, das ihrem Gatten die Nase hatte abschneiden wollen. Astartens Vertraulichkeit, ihre zärtlichen Worte, über die sie schon zu erröten begann, und ihre Blicke, die sie abzuwenden suchte, und die dennoch an den seinen hängen blieben: alles dieses entfachte in Zadigs Herzen allmählich ein Feuer, das ihn bestürzte. Er kämpfte dagegen und rief die Philosophie zu Hilfe, die ihm noch stets beigestanden hatte, aber er gewann durch sie nur Erkenntnis und gar keine Erleichterung. Pflicht, Erkenntlichkeit und das Bild der geschändeten höchsten Majestät standen ihm wie rächende Gottheiten vor Augen. Er kämpfte, – kämpfte und siegte; aber dieser Sieg, den er in jeglichem Augenblick aufs neue erringen mußte, kostete ihm Seufzer und Tränen. Er wagte nun zur Königin nicht mehr mit jener süßen Ungebundenheit zu sprechen, welche für sie beide so vielen Reiz gehabt; seine Augen bedeckten sich mit einer Wolke, seine Worte klangen gezwungen und abgebrochen, er senkte seine Blicke, und wenn sie wider seinen Willen doch einmal Astarten streiften, so begegneten sie denen der Königin, welche von Tränen feucht waren, von Tränen, unter denen Flammenblitze hervorschossen. Sie schienen einander zu sagen: Wir beten uns an und fürchten dennoch uns zu lieben, beide verzehrt uns eine Glut, die wir verdammen.

Jedesmal, wenn Zadig sie verließ, war er verwirrt und bestürzt und fühlte sein Herz von einer Last bedrückt, die er nicht mehr zu tragen vermochte. Im Übermaße seiner Leidenschaft offenbarte er sein Geheimnis endlich seinem Freunde Kador, wie ein Mann, der sein Übel durch einen vom Schmerz endlich hervorgepreßten Schrei und durch den kalten über seine Stirn rinnenden Schweiß verrät, nachdem er allem Drängen seiner Qual lange mutig widerstanden.

Kador sprach zu ihm: »Schon seit geraumer Zeit kenne ich die Gefühle, die du vor dir selber hast verbergen wollen: die Leidenschaften haben Merkmale, über die man sich nicht leicht täuschen kann. Meinst du nun, mein lieber Zadig, der König werde ein ihn beleidigendes Gefühl nicht entdecken, da sogar ich seine geheime Sprache zu verstehen vermochte? Der König hat keinen anderen Fehler, wie den einer Eifersucht ohnegleichen. Du vermagst deiner Leidenschaft mit mehr Kraft zu widerstehen, als der Königin zum Kampfe gegen die ihre gegeben ist, denn du bist ein Philosoph, bist Zadig, Astarte aber ist ein Weib! Sie läßt ihre Blicke um so beredter und unvorsichtiger sprechen, als sie sich noch nicht für schuldig hält; in dieser unglücklichen Überzeugtheit ihrer Unschuld vernachlässigt sie die notwendige äußere Haltung. So lange sie sich nichts vorzuwerfen hat, zittere ich für sie! Wäret ihr erst eins miteinander, so vermöchtet ihr wohl aller Augen zu täuschen: eine entstehende, bekämpfte Leidenschaft verrät sich, eine Liebe dagegen, der man Genüge getan, weiß sich zu verbergen.« Zadig erbebte bei diesem Vorschlage, den König, seinen Wohltäter, zu verraten, denn niemals war er treuer gegen seinen Fürsten gesonnen, als jetzt, da er sich vor ihm eines ungewollten Verbrechens schuldig fühlte. Die Königin sprach jedoch den Namen Zadig so oft aus, und während sie es tat, überzog eine so lebhafte Röte ihre Stirn, sie war bald so lebhaft, bald so verwirrt, wenn sie in Gegenwart des Königs zu ihm sprach, und jedesmal, wenn er fortging, bemächtigte sich ihrer eine so tiefe Versonnenheit, daß der König unruhig zu werden begann: er glaubte alles, was er sah, und was er nicht sah, bildete er sich ein. Vor allem fiel ihm auf, daß die Pantoffeln seiner Frau blau waren, blau wie die Pantoffeln Zadigs, und daß die Bänder seiner Frau gelb waren, gelb wie die Mütze Zadigs: welch entsetzliche Verdachtsgründe für einen feinfühligen Fürsten! Und gar bald ward der Verdacht in seinem verbitterten Gemüte zur Gewißheit.

Alle Sklaven der Könige und Königinnen sind ebensoviele Spione ihrer Herzen. Nur allzubald hatte man erkannt, daß Astarte zärtlich gestimmt und Moabdar eifersüchtig war. Der Neider beredete die Frau Neiderin, dem Könige ihr Strumpfband zu übersenden, als welches dem der Königin ähnlich und zum größten Unglücke auch blau war. Der Fürst sann nur noch über die Art nach, in der er sich rächen sollte. Eines Nachts beschloß er, die Königin bei Tagesanbruch zu vergiften und Zadig erdrosseln zu lassen. Der Befehl dazu wurde dem Vollstrecker aller seiner Rachetaten, einem unerbittlichen Eunuchen, erteilt. Zufällig befand sich im Gemach des Königs ein kleiner Zwerg, der zwar stumm, aber nicht taub war. Man litt ihn überall wie ein Haustier, das Zeuge selbst der geheimsten Vorgänge sein durfte. Dieser kleine Stumme war der Königin und Zadig von ganzem Herzen ergeben. So entsetzt wie erstaunt lauschte er nun dem über sie verhängten Todesurteil. Was sollte er tun, um diesem grauenhaften Gebot, das schon in wenigen Stunden ausgeführt werden sollte, zuvorzukommen? Er konnte nicht schreiben, hatte jedoch Malunterricht genossen und verstand sich vor allem trefflich auf die Ähnlichkeit. So verbrachte er denn einen Teil der Nacht, um zu skizzieren, was er der Königin sagen wollte: seine Zeichnung stellte in einer Ecke den wutentbrannten König dar, der seinem Eunuchen Befehle erteilt; auf einem Tisch sah man einen blauen Strick, eine Vase, blaue Strumpfbänder und gelbe Schleifen, in der Mitte der Zeichnung hauchte die Königin in den Armen ihrer Frauen ihre Seele aus, und Zadig lag erdrosselt zu ihren Füßen. Am Himmelsrande war ein Sonnenaufgang dargestellt, um anzudeuten, daß die grauenhafte Tat beim ersten Schimmer der Morgenröte ausgeführt werden sollte. Sobald er dieses Werk vollendet, eilte er zu einer der Frauen Astartens, erweckte sie und gab ihr zu verstehen, daß das Gemälde augenblicklich der Königin überbracht werden müsse.

Mitten in der Nacht ward dann plötzlich an Zadigs Tür geklopft und ihm, nachdem er erwacht, ein Zettel von der Königin übergeben. Er glaubt zu träumen und erbricht mit zitternder Hand den Brief. Wie groß war nicht sein Erstaunen, und wer möchte die Bestürzung und Verzweiflung beschreiben, die ihn angesichts der folgenden Zeilen niederschmetterten: »Fliehe augenblicklich, oder es kostet Dir das Leben! Fliehe Zadig, ich befehle es Dir im Namen unserer Liebe und meiner gelben Bänder. Ich war nicht schuldig, aber ich fühle, daß ich wie eine Schuldige sterben werde.«

Zadig hatte kaum die Kraft zu sprechen. Er gebot Kador herbeizurufen und überreichte ihm wortlos den Brief. Kador zwang ihn zu gehorchen und auf der Stelle auf dem Wege nach Memphis zu entfliehen. »Wenn du dich zur Königin wagst,« sagte er, »beschleunigst du ihren Tod, wendest du dich an den König, so ist's ebenfalls um sie geschehen. Ich bürge dir für ihr Geschick, folge du dem deinen. Ich will das Gerücht aussprengen, du habest dich nach Indien gewandt. Ich folge dir in Bälde und berichte, was inzwischen in Babylon vorgefallen ist.«

Auf der Stelle ließ Kador zwei der leichtfüßigsten Dromedare vor eine geheime Tür des Palastes führen und Zadig, den man tragen mußte, weil er dem Verscheiden nahe war, auf das eine hinaufsetzen. Ein einziger Bedienter durfte ihn begleiten, und bald verlor der in Bestürzung und Schmerz versunkene Kador seinen Freund aus dem Gesicht.

Als der erlauchte Flüchtling auf den Kamm eines Berges gelangt war, von dem aus man Babylon überblicken konnte, wendete er das Gesicht dem Palaste der Königin zu und fiel in Ohnmacht. Als er wieder zum Bewußtsein kam, geschah's nur, um Tränen zu vergießen und den Tod herbeizuwünschen. Und zuletzt, nachdem er über das beklagenswerte Geschick der liebenswürdigsten aller Frauen und der ersten Königin der Welt nachgesonnen, dachte er auch einen Augenblick lang an sich selber und rief aus: »Was ist das menschliche Leben! Oh Tugend, was nützest du mir? Zwei Frauen haben mich auf das unwürdigste hintergangen, die dritte, die keine Schuld befleckt, und die weit schöner ist als die beiden anderen, diese dritte muß sterben! Alles Gute, so ich getan, hat sich für mich stets in eine Quelle der Verdammnis gewandelt; ich bin auf den Gipfel der Größe nur erhoben worden, um in den schauerlichsten Abgrund des Elends hinabgestoßen zu werden. Wäre ich wie so viele andere schlecht gewesen, so würde ich auch glücklich sein wie sie!« Von solchen düsteren Gedanken niedergedrückt, die Augen verfinstert vom Schleier des Schmerzes, Totenblässe auf dem Antlitz und die Seele tief vergraben in den Abgrund einer schwarzen Verzweiflung, setzte er seinen Weg nach Ägypten fort.

 

Neuntes Kapitel: Die geprügelte Frau.

Zadig richtete seinen Weg nach den Gestirnen: die Stellung des Orion und das hell leuchtende Bild des Sirius leiteten ihn nach dem Hafen von Kanopus. Mit Bewunderung erblickte er die ungeheuren Lichtkugeln, welche unseren Augen nur als ganz kleine schwache Lichter erscheinen, während die Erde, die in der Tat nur ein kaum wahrnehmbarer Punkt ist, unserer Begehrlichkeit gar groß und herrlich dünkt. Er stellte sich die Menschen vor, wie sie in Wirklichkeit sind: als ein kleines Geziefer, das auf einem Kotatome sich gegenseitig verschlingt. Dieses wahre Bild schien all sein Unglück zu vernichten, indem es ihn der Nichtigkeit seines Wesens und Babylons bewußt werden ließ. Seine Seele schwang sich bis in die Unendlichkeit hinauf und betrachtete, gelöst von aller Körperlichkeit, die unverrückbare Ordnung des Weltenalls. Wenn er dann aber, sich selbst wieder zurückgegeben und die Schläge seines Herzens fühlend, Astartens gedachte, die vielleicht für ihn gestorben war, so schwand das All vor seinen Augen, und er erblickte im Weltenraume nichts als eine sterbende Astarte und einen unglücklichen Zadig. Während er sich so einer Ebbe und Flut erhabener Philosophie und niederdrückender Schmerzen überließ, näherte er sich der Grenze Ägyptens, und schon war sein treuer Diener in den ersten Marktflecken vorausgeeilt, um für ihn eine Herberge zu suchen. Zadig wandelte unterdessen zwischen den Gärten einher, die das Dorf einfaßten. Von ungefähr sah er da nicht weit von der Landstraße ein Weib, das tränenüberströmt Himmel und Erde um Hilfe anrief, und einen wütenden Mann, der es verfolgte. Schon hatte jener sie erreicht, und während sie seine Kniee umklammert hielt, überhäufte er sie mit Schlägen und Schmähworten. Aus der zügellosen Wut des Ägypters und dem stets erneuerten Flehen um Vergebung seitens der Dame schloß Zadig, daß ihr Verbrechen Treulosigkeit und des Mannes Wut Eifersucht sei. Als er jedoch die rührende Schönheit der Frau, die der unglücklichen Astarte ein wenig ähnlich sah, näher betrachtet hatte, fühlte er sich von Milde für sie und von Abscheu wider den Ägypter durchdrungen. »Hilf mir,« rief sie schluchzend Zadig an, »entreiße mich dem erbarmungslosesten aller Männer, rette mir das Leben.« Auf diese Rufe hin warf sich Zadig zwischen sie und den Barbaren. Er besaß einige Kenntnis im Ägyptischen und redete ihn in dieser Sprache an: »So du nur die geringste Spur eines menschlichen Gemütes besitzest, beschwöre ich dich, Achtung vor Schönheit und Schwäche zu haben! Wie vermagst du nur ein solches Meisterwerk der Natur, das sich zu deinen Füßen windet und nichts als Tränen zu seinem Schutze hat, wie vermagst du, es so zu schänden?« »Oh, oh,« schrie ihn der Rasende an, »also auch du liebst sie, auch an dir muß ich mich rächen!« Mit diesen Worten ließ er die Haare der Dame, in die er die eine seiner Hände verkrallt hatte, fahren, ergriff eine Lanze und schickte sich an, den Fremden zu durchbohren. Dieser jedoch vermochte, da er seine Kaltblütigkeit nicht verloren, den Stoß eines Rasenden leicht zu vermeiden und packte festen Griffes die Lanze dort, wo ihre eiserne Spitze begann. Beide suchen sie nun die Lanze einander zu entwinden, und sie zerbricht in ihren Händen. Der Ägypter zieht sein Schwert, Zadig ergreift das seine, und so springen sie einander an. Der eine schlägt mit blinder Wut darauf los, der andere fängt geschickt ab, und daneben sitzet die Dame auf dem Rasen, steckt sich ihr Haar auf und sieht ihnen zu. Der Ägypter übertraf seinen Gegner an Stärke, dieser ihn jedoch an Gewandtheit. Zadig focht wie ein Mann, dessen Arm von seinem Kopfe regiert wird, der Ägypter dagegen wie ein Rasender, der alle seine Bewegungen von seiner blinden Wut leiten ließ. Zadig trieb ihn schließlich in die Enge und entwaffnete ihn, und als der Ägypter mit verdoppelter Wut über ihn herstürzen will, fängt er ihn auf, umschließt ihn, wirft ihn zu Boden, setzt ihm das Schwert auf die Brust und verspricht, ihm das Leben zu schenken, wenn er sich ergebe. Besinnungslos vor Wut reißt der Ägypter seinen Dolch heraus und verwundet den Sieger in eben dem Augenblick, da dieser ihm vergeben will. Empört bohrt Zadig ihm nun sein Schwert in die Brust. Der Ägypter stößt einen fürchterlichen Schrei aus und stirbt in Wutkrämpfen. – Zadig näherte sich nun der Dame und sprach demütigen Tones zu ihr: »Er hat mich gezwungen, ihn zu töten: du bist gerächt. Ich habe dich von dem gewalttätigsten Manne befreit, den ich jemals gesehen. Was befiehlst du mir nun des weiteren für dich zu tun, Frau?« »Sterben sollst du! Stirb, du Nichtswürdiger, du hast meinen Geliebten getötet! Oh, könnte ich dir das Herz aus der Brust reißen!« »Ich muß gestehen, meine Verehrte,« antwortete Zadig, »du hattest da einen recht seltsamen Mann zum Liebhaber. Er schlug dich aus Leibeskräften und mir wollte er ans Leben, nur weil ich dir den Beistand lieh, um den du mich anflehtest.« »Oh, schlüge er mich doch noch!« wehklagte die Dame, »ich verdiente es gar wohl, denn ich hatte ihm guten Grund zur Eifersucht gegeben! Oh, wollte der Himmel, er schlüge mich noch, und du lägest an seinem Platze!« Zadig war erstaunter und zorniger, als er je in seinem Leben gewesen, und sagte: »So schön du auch bist, meine Gnädige, so verdientest du doch gar wohl, daß ich dich nun meinerseits prügelte, denn du bist allzu überspannt, aber es verlohnt sich nicht der Mühe.« Und damit stieg er auf sein Kamel und schickte sich an, in den Marktflecken einzureiten. Kaum hatte er jedoch wenige Schritte getan, so zwang ihn der Lärm, den vier aus Babylon heransprengende Eilboten machten, sich umzuwenden. Mit verhängten Zügeln jagten sie herbei, und als einer von ihnen das Weib erblickte, rief er: »Sie ist's, sie gleicht völlig der Beschreibung, die man uns von ihr gemacht hat.« Um den Toten kümmerten sie sich weiter nicht, sondern bemächtigten sich unverzüglich der Dame, die nun nicht aufhörte, Zadig um Hilfe anzurufen. »Stehe mir noch einmal bei, du großmütiger Fremder; vergib mir, daß ich dich gescholten habe, hilf mir, und ich will dein sein bis ans Grab!« Aber Zadig war die Lust vergangen, noch einmal für sie zu kämpfen. »Suche dir jemanden anderes aus,« rief er, »noch einmal bin ich nicht so dumm!« Außerdem war er auch verwundet, sein Blut lief, schleunige Hilfe tat not, und der Anblick der vier Babylonier, die aller Wahrscheinlichkeit nach vom Könige Moabdar entsendet waren, erfüllte ihn mit Besorgnis. Hastig ritt er in das Dorf ein, ohne begreifen zu können, warum wohl jene Eilboten aus Babylon die Ägypterin aufgegriffen haben mochten; noch verwunderter jedoch war er über den Charakter eben dieser Dame selber.

 

Zehntes Kapitel: Die Sklaverei.

Sobald Zadig den ägyptischen Flecken betreten hatte, sah er sich vom Volke umdrängt. »Seht,« schrie ein jeder, »das ist er, der die schöne Missuf entführt und Kletofis ermordet hat.« »Gott möge mich davor bewahren, ihr Herren, jemals eure schöne Missuf zu entführen, sie ist viel zu launenhaft; und was den Kletofis anbetrifft, so habe ich ihn keineswegs ermordet, sondern mich nur gegen ihn verteidigt. Er wollte mich töten, weil ich ihn gar bescheidentlich für die schöne Missuf um Gnade bat; er prügelte sie nämlich aufs unbarmherzigste. Ich bin ein Fremder, der in Ägypten Zuflucht sucht, und es ist wenig wahrscheinlich, daß ich mich in dem Augenblick, da ich euren Schutz erbitten will, durch die Entführung eines Weibes und die Ermordung eines Mannes empfehlen sollte.«

Die Ägypter waren damals gerecht und menschlich. Das Volk führte Zadig in das Stadthaus, dort verband man ihm zuerst seine Wunden und verhörte dann ihn und seinen Diener, und zwar jeden einzeln, um die Wahrheit zu ermitteln. Man erkannte nun wohl, daß Zadig kein Mörder sei, aber er hatte das Blut eines Mannes vergossen, und das Gesetz verurteilte ihn zur Sklaverei. Man verhandelte zugunsten des Dorfes seine beiden Kamele, verteilte alles Geld, das er bei sich hatte, an die Einwohner und stellte ihn und seinen Gefährten auf dem Marktplatze zum Verkauf aus. Ein arabischer Kaufmann namens Setock erwarb sie alle beide, den arbeitsgewohnteren Diener mußte er jedoch weit teurer bezahlen als den Herren, denn ein anderer Vergleich ward zwischen ihnen beiden nicht angestellt. So wurde Zadig denn als Sklave ein Untergebener seines Dieners; man fesselte sie zusammen an dieselbe um ihre Füße gelegte Kette, und in diesem Zustande folgten sie dem arabischen Kaufmanne in sein Haus. Unterwegs tröstete Zadig seinen Diener und ermahnte ihn zur Geduld. Seiner Gewohnheit gemäß stellte er jedoch dabei Betrachtungen über das menschliche Leben an. »Ich sehe,« sagte er, »daß mein unglückliches Verhängnis auch dich in Mitleidenschaft zieht! Bisher hat alles eine gar seltsame Wendung für mich genommen, ich ward zu einer Geldbuße verurteilt, weil ich eine Hündin hatte vorbeilaufen sehen, um eines Greifen willen wurde ich fast gepfählt, und in den Tod geschickt, weil ich Verse zum Preise des Königs gemacht; weil die Königin gelbe Bänder trägt, bin ich fast erdrosselt worden, und nun bin ich hier mit dir zusammen Sklave, weil ein roher Mensch seine Geliebte prügelte. Doch komm, laß uns den Mut nicht verlieren, vielleicht wird auch dies einmal vorüber gehen; die arabischen Kaufleute müssen eben Sklaven haben, warum sollte ich es da nicht so gut wie jeder andere sein, da ich ja wie er auch nur ein Mensch bin? Der Kaufmann wird nicht unbarmherzig sein, er muß seine Sklaven ja gut behandeln, wenn sie zu etwas nütze sein sollen.« So sprach er, doch in der Tiefe seines Herzens war er nur mit dem Schicksal der Königin von Babylon beschäftigt.

Setock, der Kaufmann, brach zwei Tage danach mit seinen Sklaven und Kamelen nach dem wüsten Arabien auf. Sein Stamm wohnte am Rande der Wüste Horeb. Der Weg war weit und mühselig. Während der Reise gefiel ihm der Diener weit besser als sein ehemaliger Herr, weil er sich besser aufs Beladen der Kamele verstand, und so ward denn auch nur er mit kleinen Auszeichnungen bedacht.

Zwei Tagereisen vor Horeb verreckte eines der Kamele, und seine Ladung wurde auf die Rücken der Diener verteilt, auch Zadig bekam seinen Teil. Als nun Setock alle seine Sklaven mit gekrümmten Rücken dahinschreiten sah, mußte er lachen, Zadig aber nahm es sich heraus, ihm den Grund hierfür zu erklären, und lehrte ihn die Gesetze des Gleichgewichtes. Der verwunderte Kaufmann begann ihn nun mit anderen Augen anzusehen. Sobald Zadig gewahrte, daß er seines Herren Neugier erregt, erhöhte er sie noch dadurch, daß er ihm gar viel von den Dingen erzählte, die nicht ohne Zusammenhang mit seinem Handel waren, zum Beispiel das Gewicht der Metalle und Waren bei einem gleichen Umfange, die Eigenschaften verschiedener nützlicher Tiere und die Mittel, auch solche nützlich zu machen, die es von Natur nicht sind, und so fing Setock zu begreifen an, daß Zadig ein Weiser sei. Er gab ihm nun den Vorzug vor seinem Gefährten, den er anfangs so gar hoch geschätzt, behandelte ihn gut und hatte nicht Ursache, es zu bereuen.

Bei seinem Stamme angelangt, nahm Setock seine Geschäfte wieder auf, und begann damit, von einem Hebräer fünfhundert Unzen Silber zurückzufordern, die er ihm in Gegenwart zweier Zeugen geliehen hatte. Diese beiden Zeugen waren inzwischen jedoch verstorben, und da der Hebräer nicht sah, wie er nun überführt werden könnte, gedachte er sich das Geld des Kaufmannes anzueignen und dankte Gott dafür, daß er ihm Gelegenheit gegeben, einen Araber zu prellen. Setock teilte Zadig, der mählich sein Ratgeber geworden war, diese Verdrießlichkeit mit. »An welchem Orte,« fragte Zadig, »hast du dem Wortbrecher die fünfhundert Unzen geliehen?« »Auf einem breiten Stein am Fuße des Berges Horeb«, erwiderte der Kaufmann. »Was für eine Art Mensch ist dein Schuldiger?« fragte Zadig. »Ein Spitzbube ist er«, rief Setock. »Dies will ich nicht wissen, sondern ob er lebhaft oder langsam, bedächtig oder unbesonnen?« »Von allen schlechten Zahlern, die ich kenne,« sagte Setock, »ist er der lebhafteste!« »Wohlan,« rief nun Zadig, »so erlaube mir deine Sache vor dem Richter zu führen.« Er lud nun wirklich den Hebräer vor Gericht und wandte sich mit folgenden Worten an den Richter: »Du Kissen auf dem Throne der Gerechtigkeit, ich fordere von diesem hier im Namen meines Herrn fünfhundert Unzen Silber zurück, er aber will sie nicht geben.« »Hast du Zeugen«, fragte der Richter. »Nein, sie sind gestorben, aber ein großer Stein ist noch da, auf dem das Geld ausbezahlt wurde, möge es deiner Erhabenheit gefallen, das Herbeischaffen dieses Steines zu befehlen, denn wie ich hoffe, wird er Zeugnis für uns ablegen. Ich und der Hebräer aber, wir wollen unterdessen hier bleiben und warten, bis der Stein kommt. Ich will ihn auf Kosten Setocks, meines Herrn, herbeischaffen lassen.« »Herzlich gern«, erwiderte der Richter und schickte sich an, andere Klagefälle zu erledigen.

Am Schlusse der Gerichtssitzung fragte er Zadig: »Nun, ist dein Stein noch nicht angekommen?« Da rief der Hebräer lachend: »Deine Erhabenheit kann hier warten bis morgen, und der Stein wird dennoch nicht gekommen sein, er liegt mehr als sechs Meilen von hier entfernt und fünfzehn Männer vermöchten ihn kaum von der Stelle zu rühren.« »Seht,« rief nun Zadig, »sagte ich nicht, der Stein würde für uns zeugen, denn da dieser Mensch weiß, wo er liegt, gesteht er doch ein, daß auf ihm das Geld ausbezahlt wurde.« Der aus der Fassung gebrachte Hebräer sah sich nun bald gezwungen, alles zu gestehen. Der Richter befahl, er solle ohne Speise und Trank an den Stein gebunden werden, bis er die fünfhundert Unzen wieder gegeben, was auch bald geschah.

Der Sklave Zadig und der Stein aber erlangten gar großen Ruf in ganz Arabien.

 

Elftes Kapitel: Der Scheiterhaufen.

Beglückt machte Setock seinen Sklaven zu seinem vertrautesten Freunde; bald konnte er seiner ebensowenig entbehren, wie einst der König von Babylon, und Zadig war von Herzen froh, daß Setock keine Frau hatte. Er entdeckte in seinem Herrn einen auf das Gute gerichteten Charakter, Geradheit und einen gesunden Verstand. Es verdroß ihn zu sehen, daß Setock alten arabischen Brauches gemäß die himmlischen Heerscharen, das heißt die Sonne, den Mond und die Sterne anbetete, und zuweilen wagte er mit größter Zurückhaltung dessen Erwähnung zu tun. Endlich sagte er ihm, jene Gestirne seien Körper wie andere eben auch und verdienten seine Anbetung ebensowenig, wie etwa ein Baum oder ein Felsen. »Aber es sind doch die ewigen Wesen, von denen uns alles Heil kommt,« erwiderte Setock, »sie beleben die Natur, regeln die Jahreszeiten und sind dazu noch so weit von uns entfernt, daß man gar nichts anderes tun kann, als sie verehren.« »Noch viel mehr Gutes tun dir die Wasser des Roten Meeres, welche deine Waren nach Indien tragen. Warum sollten sie nicht auch ebenso alt sein, wie die Gestirne, und wenn du gar das anbetest, was sehr fern von dir ist, so müßtest du ja auch das Land der Gangariden anbeten, das am anderen Ende der Welt liegt!« »Nein,« erwiderte Setock, »wie sollte ich die Sterne nicht anbeten, da sie ja doch so herrlich glänzen!« Als der Abend herabgekommen, zündete nun Zadig in dem Zelte, in dem er mit seinem Herrn zu Nacht speisen sollte, eine Menge Wachsfackeln an, und sobald sein Herr eintrat, warf er sich vor den brennenden Kerzen in die Kniee und sprach: »Ewige strahlende Lichter, bleibt mir immerdar zugetan.« Nachdem er diese Worte gesprochen, setzte er sich ohne Setock anzusehen an den Tisch. »Was treibst du nur?« fragte ihn dieser erstaunt. »Ich mache es wie du,« antwortete Zadig, »ich bete diese Lichter an und vernachlässige darüber ihren Herren und den meinen.« Setock erfaßte den tiefen Sinn des Gleichnisses, und die Weisheit seines Sklaven fand Eingang in seine Seele; fortan verschwendete er seinen Weihrauch nicht mehr für die Geschöpfe, sondern betete das ewige Wesen an, das sie alle geschaffen.

Es herrschte damals in Arabien ein abscheulicher, ursprünglich von den Skythen herstammender Brauch, der durch den Einfluß der Brahmanen auch in Indien Wurzel geschlagen hatte und das ganze Morgenland zu ergreifen drohte. Wenn ein verheirateter Mann gestorben war, und seine geliebte Frau Lust verspürte, eine Heilige zu werden, so ließ sie sich öffentlich auf dem Leibe ihres Gatten verbrennen. Dieses gottgeweihte Feuerfest hieß der »Scheiterhaufen der Witwenschaft«, und derjenige Stamm, der die meisten verbrannten Weiber aufzuweisen hatte, genoß das größte Ansehen.

Ein Araber von Setocks Stamme war nun gerade gestorben, und seine Witwe, Almona mit Namen, die gar fromm gesinnt war, ließ den Tag und die Stunde verkünden, in der sie sich beim Klange der Trommeln und Drommeten in die Flammen stürzen würde. Zadig stellte Setock vor, wie sehr dieser grausige Brauch dem Heile des Menschengeschlechtes entgegenstehe, da man tagtäglich junge Witwen verbrenne, welche dem Staate noch Kinder schenken oder wenigstens die ihren noch erziehen könnten, und es gelang ihm, ihn zu überzeugen, daß man, wenn möglich, eine so barbarische Sitte abschaffen müsse. Setock wandte jedoch noch einmal ein: »Seit mehr denn tausend Jahren steht den Weibern das Recht zu, sich verbrennen zu lassen! Wer von uns dürfte wagen, einem Gesetze entgegenzutreten, das die Zeit geheiligt hat, ja, was gibt es denn überhaupt Ehrwürdigeres, als einen alten Mißbrauch?« »Die Vernunft ist noch älter,« erwiderte Zadig, »sprich du mit den Häuptlingen der Stämme, ich will indessen zu der jungen Witwe gehn.«

Er ließ sich bei ihr melden, und nachdem er sich durch ein Lob ihrer Schönheit bei ihr eingeschmeichelt und ihr versichert hatte, wie schade es sei, soviel Reize den Flammen preiszugeben, pries er sie wegen ihrer Standhaftigkeit und ihres Mutes. »Du hast deinen Gatten wohl über die Maßen geliebt?« fragte er sie. »Ich? Nicht im geringsten,« entgegnete die arabische Dame, »er war ein roher, ein eifersüchtiger, ein völlig unerträglicher Mensch! Darum aber bin ich nicht weniger fest entschlossen, mich auf seinen Scheiterhaufen zu werfen!« »Dann muß es also ein gar wonnevolles Vergnügen sein, lebendig verbrannt zu werden!« sagte Zadig. »Ach,« erwiderte die Dame, »bis hinab in ihre Grundfesten schaudert die Natur davor zurück. Doch da hilft eben nichts! Ich bin fromm, es wäre um meinen Ruf geschehen, und alle Welt würde mich verspotten, wenn ich mich nicht verbrennen wollte!« Nachdem Zadig ihr auf diese Weise das Geständnis entlockt, daß sie sich nur um der anderen willen und aus Eitelkeit verbrennen lassen wolle, sprach er lange auf eine Art und Weise zu ihr, die ihr schon einige Liebe zum Leben wiedergeben mußte, und schließlich erreichte er es sogar, ihr einiges Wohlwollen für den einzuflößen, der da so herzlich zu ihr sprach: »Gesetzt den Fall, die Eitelkeit hielte dich nicht in ihren Krallen, was würdest du dann tun?« fragte er sie zuletzt. »Ach,« sagte die Dame, »ich glaube, ich würde dich bitten, mich zu heiraten.« Zadig war allzusehr von dem Gedanken an Astarte erfüllt, um diese Erklärung nicht zu überhören, aber er begab sich augenblicklich zu den Anführern der Stämme, teilte ihnen mit, was geschehen war, und riet ihnen, ein Gesetz zu schaffen, welches keiner Witwe gestatte, sich zu verbrennen, ehe sie sich nicht vorher eine ganze Stunde lang mit einem jungen Manne unterhalten hätte. Seit dieser Zeit hat sich in Arabien keine einzige junge Dame mehr verbrennen lassen. Zadig allein verdankte man es, einen seit so vielen Jahrhunderten währenden grausamen Brauch in einem Tage abgeschafft zu sehen. Er war also der Wohltäter Arabiens.

 

Zwölftes Kapitel: Das Nachtmahl.

Setock konnte sich von diesem Manne, in dem die Weisheit wohnte, fortan nicht mehr trennen, und so nahm er ihn mit sich auf den großen Jahrmarkt zu Bassora, wo die größten Kaufleute der Erde zusammenzukommen pflegen. Für Zadig war es ein herzlicher Trost, so viele Menschen aus den verschiedensten Gegenden an einem Orte vereint zu sehen. Die ganze Menschheit erschien ihm wie eine große Familie, die sich in Bassora versammelte. Am zweiten Tage traf er bei Tische mit einem Ägypter, einem Inder vom Ganges, einem Bewohner von Kathay, einem Griechen, einem Kelten und verschiedenen anderen Fremden zusammen, die auf ihren häufigen Reisen nach dem arabischen Meerbusen genug Arabisch gelernt hatten, um sich verständlich zu machen. Der Ägypter schien sehr aufgebracht zu sein. »Was für ein abscheuliches Land, dieses Bassora!« rief er. »Auf das beste Unterpfand der Welt weigert man mir hier tausend Unzen Gold.« »Wieso?« fragte Setock, »auf welches Pfand will man dir die Summe nicht geben?« »Auf den Leichnam meiner Tante, welche dazu noch die braveste Frau in ganz Ägypten war«, erwiderte der Ägypter. »Sie begleitete mich stets und ist mir unterwegs gestorben. Ich habe aus ihr die schönste Mumie gemacht, die mir je zu Gesicht gekommen; in meiner Heimat würde man mir auf sie leihen, soviel ich nur haben wollte, und hier will man mir seltsamerweise auf ein so sicheres Unterpfand nicht einmal tausend Unzen Gold geben!« Aufs heftigste erbost, schickte er sich nun an, von einem trefflich gesottenen Huhn zu essen, als der Inder ihn bei der Hand festhielt und schmerzvoll ausrief: »Oh, was willst du tun.« »Dies Huhn essen«, erwiderte der Mann mit der Mumie. »Um des Himmels willen, tu's nicht,« rief der Gangaride, »leicht könnte sein, daß die Seele der Verstorbenen in den Leib dieses Huhnes gefahren war, und du möchtest dich doch sicherlich nicht dem aussetzen, deine Tante zu verspeisen! Gesottene Hühner sind eine offenkundige Verhöhnung der Natur!« »Was scheren mich deine Natur und deine Hühner!« schrie der zornmütige Ägypter, »wir beten einen Ochsen an und essen dennoch Ochsenfleisch!« »Ist's möglich, einen Ochsen betet ihr an?« fragte der Mann vom Ganges. »Und ob es möglich ist!« entgegnete der andere, »seit hundertundfünfunddreißigtausend Jahren halten wir es so, und niemand von uns hat bis jetzt jemals etwas dawider vorzubringen gewußt.« »Hundertundfünfunddreißigtausend Jahre«, wiederholte der Indier. »Geh, diese Rechnung ist ein wenig übertrieben. Indien ist erst seit achtzigtausend Jahren bevölkert und dennoch gilt's für ausgemacht, daß wir eure Vorfahren sind. Brahma hatte uns den Genuß von Ochsenfleisch verboten, längst ehe ihr es euch beifallen ließet, die Ochsen auf die Altäre zu stellen und an den Bratspieß zu stecken.« »Ein gar herrliches Tier, euer Brahma!« rief der Ägypter. »Wie dürft ihr ihn mit Apis vergleichen? Was hat denn euer Brahma überhaupt vollbracht?« Der Brahmine erwiderte: »Er hat die Menschen lesen und schreiben gelehrt, und die ganze Welt verdankt ihm das Schachspiel!« »Du irrst dich,« sagte ein danebensitzender Chaldäer, »dem Fische Oannes haben wir diese Wohltaten zu verdanken, und darum gebührt auch nur ihm unsere Anbetung. Jedermann wird dir sagen, daß er ein göttliches Wesen war, einen goldenen Schwanz und einen schönen Menschenkopf hatte und täglich den Wassern entstieg, um drei Stunden lang auf der Erde zu predigen. Er hatte mehrere Söhne, die, wie ein jeder weiß, sämtlich Könige geworden sind. Ich trage sein Bildnis stets bei mir und verehre es, wie sich's gebührt. Ochsenfleisch darf man essen, soviel man nur will, das Sieden eines Fisches dagegen ist sicherlich über die Maßen gottlos! Übrigens seid ihr alle beide viel zu unedeln und jungen Ursprungs, um mir etwas abstreiten zu können. Das ägyptische Volk zählt erst hundertundfünfunddreißigtausend Jahre, und die Inder erst achtzigtausend, während wir einen viertausend Jahrhunderte alten Kalender besitzen. Glaubt mir, laßt eure Albernheiten fahren, und ich will einem jeden von euch ein schönes Bild des Oannes schenken.«

Der Mann aus Kambalu nahm jetzt das Wort und sprach: »Ich habe alle nur erdenkliche Ehrfurcht vor den Ägyptern, den Chaldäern, den Griechen, den Kelten, dem Stier Apis und dem schönen Fisch Oannes, vielleicht mag aber dennoch der Li oder Tian, wie man ihn nun gerade nennen will, die Ochsen und Fische einigermaßen aufwiegen! Von meinem Lande will ich gar nicht erst sprechen, es ist so groß wie Ägypten, Chaldäa und Indien zusammen; auch über unser Alter streite ich nicht, weil es nur gilt, glücklich zu sein und gar wenig darauf ankommt, von wannen man ist; soll aber von Kalendern gesprochen werden, so muß ich denn doch behaupten, daß ganz Asien die unseren angenommen hat, und daß wir deren schon sehr gute besaßen, noch ehe man in Chaldäa die vier Spezies kannte.«

»Ihr seit alle miteinander erschrecklich unwissend,« schrie nun der Grieche, »wißt ihr denn nicht, daß der Chaos der Vater aller Dinge ist, und daß Form und Stoff die Welt in den Zustand versetzt haben, in dem sie sich heute befindet?« Dieser Grieche redete gar lange, endlich aber wurde er von dem Kelten unterbrochen, der während des Hin- und Herstreitens tüchtig getrunken hatte, und sich nun für weiser hielt als alle anderen zusammen. Fluchend schwur er, nur Teutath und die Eichenmistel verlohnten der Mühe besprochen zu werden, er seinerseits trüge stets Misteln bei sich in der Tasche, und außerdem seien die Skythen, seine Vorfahren, die einzigen anständigen Menschen gewesen, die jemals auf Erden gelebt. Bisweilen allerdings hätten sie Menschen gefressen, aber das könne nicht hindern, daß man seinem Volke die größte Ehrfurcht schuldig sei, im übrigen würde er dem, der über Teutath Übles äußere, schon Lebensart beibringen. Der Streit wurde jetzt hitzig, und Setock sah schon den Augenblick herankommen, in dem Blut auf den Tisch fließen würde. Zadig, der während des ganzen Streites schweigend zugehört hatte, erhob sich nun und wandte sich zunächst an den Kelten, als an den Wütendsten; er sagte ihm, er habe durchaus recht, und bat ihn um eine Mistel, darauf lobte er den Griechen um seiner Beredsamkeit willen und beschwichtigte so nacheinander alle erregten Gemüter. Zu dem Manne aus Kathay sprach er nur wenig, denn dieser war der verständigste von allen gewesen, und dann wandte er sich an die ganze Gesellschaft: »Meine Freunde,« sagte er, »fast hättet ihr euch um ein Nichts die Köpfe zerschlagen, denn ihr seid alle ein und derselben Meinung.« Gegen diese Worte erhob sich ein allgemeines Geschrei. »Nicht wahr,« sagte er zu dem Kelten, »du betest doch nicht diese Mistel an, sondern den, der die Mistel und die Eiche gemacht hat?« »Gewißlich«, erwiderte der Kelte. »Und du, mein Herr Ägypter, du verehrst augenscheinlich in einem bestimmten Tier den, der euch die Tiere gegeben hat?« »Ja«, sagte der Ägypter. »Der Fisch Oannes muß doch sicherlich vor dem zurücktreten, der das Meer und die Fische erschaffen hat?« »Zugegeben«, sagte der Chaldäer. »Auch der Inder hier und der Mann aus Kathay erkennen gleich euch ein höchstes Urwesen an. Die herrlichen Sachen, die der Grieche vorgebracht hat, habe ich nicht allzu gut verstanden, aber ich bin überzeugt, daß auch er ein höheres Wesen zugibt, dem Form und Stoff untertan sind.« Der Grieche, der allgemein bewundert wurde, erklärte, Zadig habe seine Gedanken richtig erfaßt. »Ihr seid also alle einer Meinung, wiederholte Zadig, und es ist unerfindlich, worüber ihr euch eigentlich zanken solltet!« Da umarmten ihn alle. Nachdem Setock seine Waren teuer verkauft hatte, kehrte er mit seinem Freunde Zadig zu seinem Stamme zurück. Gleich nach seiner Ankunft erfuhr Zadig, daß man ihm in seiner Abwesenheit den Prozeß gemacht, und daß er nun bei lebendigem Leibe auf langsamem Feuer verbrannt werden sollte.

 

Dreizehntes Kapitel: Das Stelldichein.

Während seiner Reise nach Bassora hatten die Priester der Gestirne den Beschluß gefaßt, diese Strafe über ihn zu verhängen. Die Edelsteine und Schmucksachen der jungen Witwen, die sie früher auf den Scheiterhaufen geschickt, waren ihnen stets von Rechts wegen zugefallen; wenn sie Zadig nun verbrennen lassen wollten, so war das wirklich noch eine geringe Strafe für den bösen Streich, den er ihnen gespielt. Sie klagten ihn also an, irrige Anschauungen über die himmlischen Heerscharen zu hegen, brachten Beweise vor und schworen, mit eigenen Ohren die Ansicht von ihm gehört zu haben, daß die Gestirne nicht im Meere untergingen. Bei dieser gräßlichen Lästerung schauderte es den Richtern, fast hätten sie über diese gottlosen Worte ihre Kleider zerrissen, ja, wäre Zadig imstande gewesen, sie ihnen zu ersetzen, so hätten sie es auch sicherlich getan, so aber beschieden sie sich im Übermaße ihres Schmerzes, ihn zur Strafe eines langsamen Feuertodes zu verurteilen. Umsonst bot der verzweifelte Setock all seinen Einfluß auf, um den Freund zu retten: man brachte ihn unsanft zum Schweigen. Die junge Witwe Almona jedoch, welche gar große Lust am Leben gefunden und sich Zadig dafür verpflichtet fühlte, beschloß, ihn vom Scheiterhaufen, dessen Mißbrauch er sie kennen gelehrt hatte, zu erretten. Sie schmiedete eifrig an einem Plane, ohne jemandem etwas davon zu verraten. Schon am folgenden Tage sollte Zadig sterben, so blieb ihr zu seiner Rettung nur die eine Nacht, wobei sie sich als mitleidige und kluge Frau folgendermaßen anließ:

Sie besprengte sich mit Wohlgerüchen, erhöhte ihre Schönheit durch den üppigsten und verführerischsten Putz und bat sodann den Oberpriester der Gestirne um geheimes Gehör. Als sie dem verehrungswürdigen Greise gegenüberstand, redete sie ihn folgendermaßen an: »Ältester Sohn des großen Bären, Bruder des Stiers und Vetter des großen Hundes (denn alles dies waren Titel des Oberpriesters), ich nahe mich dir, um dir meine Gewissenszweifel anzuvertrauen. Ich fürchte gar sehr, eine ungeheure Sünde dadurch begangen zu haben, daß ich mich seinerzeit nicht auf dem Scheiterhaufen meines teuren Gatten habe verbrennen lassen! Was hatte ich im Grunde denn auch zu bewahren? Ein vergängliches Fleisch, das nun bereits dahingewelkt ist!« Mit diesen Worten streifte sie lange, seidene Ärmel von ihren Armen zurück, welche wunderbar an Form und von blendender Weiße waren. »Sieh,« rief sie, »um ein wie Geringes ich sündigte!« Der Priester fand auf dem Grunde seines Herzens das Geringe nicht gar so gering, seine Augen verrieten es und auch sein Mund bestätigte es: er schwur, sein Lebtage nicht so schöne Arme gesehen zu haben. »Ach,« klagte die Witwe, »vielleicht ist es um die Arme wirklich ein wenig besser bestellt, als um das übrige, du mußt aber zugeben, daß mein Hals meine sündige Sorgfalt nicht verdiente.« Und mit diesen Worten enthüllte sie den entzückendsten Busen, den die Natur jemals geformt: eine Rosenknospe auf einem Apfel aus Elfenbein würde daneben nur wie Krapp auf Buchsbaumholz erschienen sein und die Weiße gebadeter Lämmer wie bräunliches Gelb. Dieser Busen und ihre großen schwarzen Augen, die schmachtend und süß in zärtlichem Feuer erglänzten, ihre Wangen, die der schönste Purpurschmelz neben dem reinsten Milchweiß belebte, und ihre Nase, die nicht war wie der Turm auf dem Berge Libanon, und ihre Lippen, die wie zwei Korallenreihen die schönsten Perlen des arabischen Meeres umschlossen, alles dieses zusammen vermochte dem Greise den Glauben beizubringen, er zähle nur zwanzig Lenze. Stammelnd wagte er eine zärtliche Erklärung. Als ihn Almona nun dergestalt in Flammen sah, bat sie ihn um Gnade für Zadig. »Ach, meine schöne Dame,« rief er, »wollte ich dir auch deinen Wunsch gewähren, so nützte dir meine Willfährigkeit doch zu nichts, die Begnadigungsschrift müßte noch von drei anderen meiner Amtsbrüder unterzeichnet werden.« »Unterzeichne nur«, bat Almona. »Von Herzen gern,« erwiderte der Priester, »aber nur unter der Bedingung, daß deine Gunst der Preis meiner Nachgiebigkeit sei.« »Du erweisest mir allzuviel Ehre,« sagte Almona. »Laß es dir jedoch immer gefallen, zwischen Sonnenuntergang und dem Erscheinen des strahlenden Sternes Scheat am unteren Himmel in meine Stube zu kommen. Dort wirst du mich auf einem rosenfarbenen Sofa finden und mit deiner ergebenen Dienerin nach bestem Können verfahren.« Die Unterschrift in Händen, ging sie nun fort und ließ den Greis voller Liebessehnsucht und voller Mißtrauen in seine Kräfte zurück. Er verwandte den Rest des Tages darauf, sich zu baden, trank ein Gebräu aus Zeylon-Zimmet und kostbaren Gewürzen aus Tidor und Ternate und harrte mit Ungeduld auf das Erscheinen des Sternes Scheat.

Unterdessen begab sich die schöne Almona zu dem zweiten Priester. Er versicherte ihr, Sonne, Mond und alle Sterne am Himmelszelt seien nur Irrlichter im Vergleich mit ihren Reizen. Sie bat ihn um die gleiche Gnade, und um den gleichen Preis ward sie ihr verheißen. Sie willigte darein, und bestellte diesen zweiten Priester beim Aufgange des Sternes Algenib zum Stelldichein. Von ihm begab sie sich zu dem dritten und vierten, nahm von jedem eine Unterschrift mit sich fort und verabredete Stelldicheine von Stern zu Stern. Darauf ließ sie die Richter um einer wichtigen Angelegenheit willen zu sich entbieten. Sie kamen, und sie zeigte ihnen die vier Unterschriften und bekannte, um welchen Preis die Priester Zadigs Begnadigung verkauft hätten. Von diesen erschien jeder zu der verabredeten Stunde und war nicht wenig erstaunt, seine Amtsbrüder, und noch verwunderter, die Richter dort zu finden, vor denen nun ihre Schande geoffenbart wurde. Zadig ward gerettet, und Setock fühlte sich von der klugen Verschlagenheit Almonas so angetan, daß er sie zur Frau nahm.

 

Vierzehntes Kapitel: Der Tanz.

Setock hätte eigentlich in Handelsangelegenheiten nach der Insel Serendib verreisen müssen, aber der erste Monat seiner Ehe, der, wie man weiß, der Honigmond ist, wollte ihm nicht erlauben, seine Frau zu verlassen oder auch nur anzunehmen, daß er dieses jemals hätte übers Herz bringen können. So bat er denn also seinen Freund Zadig, an seiner Statt die Reise zu unternehmen. »Ach,« seufzte Zadig leise, »so soll ich eine noch größere Ferne zwischen mich und die schöne Astarte bringen? Was hilft's, ich muß meinen Wohltätern zu Gefallen sein.« Sprach's, weinte und reiste ab.

Er war noch nicht lange auf der Insel Serendib, so erlangte er auch dort den Ruf eines ganz ungewöhnlichen Mannes. Er war Schiedsrichter in allen Streitigkeiten der Kaufleute, ein Freund der Weisen und ein Ratgeber der kleinen Zahl der Menschen, welche auf guten Rat hören wollen. Der König wünschte ihn zu sehen und zu sprechen und erkannte gar bald Zadigs wahren Wert; er gewann großes Zutrauen zu seiner Weisheit und machte ihn zu seinem Freunde. Zadig zitterte vor der Achtung und Freundschaft des Königs, denn noch war sein Gemüt Tag und Nacht durchdrungen von dem Unglück, das ihm die Neigung Moabdars eingetragen. »Ich gefalle dem Könige,« sprach er, »wird mich das nicht verderben?« Trotzdem konnte er sich den Freundlichkeiten Seiner Majestät nicht entziehen. Denn man muß gestehen, daß Nabussan, König von Serendib, Sohn Nussanabs des Sohnes Nabassuns des Sohnes Sanbusnas, einer der besten Fürsten Asiens war, und daß es schwer hielt, mit ihm gesprochen zu haben, ohne ihn zu lieben.

Dieser gute Fürst wurde unausgesetzt gepriesen, hintergangen und bestohlen: das Plündern seines Schatzes war eine Art Wettspiel geworden. Der Oberzöllner der Insel Serendib ging beständig mit gutem Beispiel voran, und treulich taten es ihm alle anderen nach. Der König wußte es; schon oftmals hatte er seinen Schatzmeister gewechselt, niemals aber war es ihm gelungen, zugleich auch den eingebürgerten Brauch zu ändern, wonach die Einkünfte des Königs in zwei ungleiche Teile zerfielen, von denen der kleinere in den Säckel Seiner Majestät, der größere jedoch in den Säckel der Verwalter floß.

Der König Nabussan vertraute seinen Kummer dem weisen Zadig an. »Du, der du so gar viele schöne Dinge weißt,« sprach er zu ihm, »solltest du nicht auch ein Mittel wissen, mir einen Schatzmeister zu verschaffen, der mich nicht bestiehlt?« »Gewiß,« erwiderte Zadig, »ich weiß ein untrügliches Mittel, dir einen Mann ausfindig zu machen, der keine langen Finger macht.« Entzückt umarmte ihn der König und fragte ihn, wie er das anfangen wolle. »Du brauchst nur,« sprach Zadig, »alle diejenigen, die sich um die Würde eines Schatzmeisters bewerben, tanzen zu lassen, und der, so mit der größten Leichtigkeit tanzen wird, ist unfehlbar der ehrlichste Mann unter ihnen.« »Du hast mich zum besten,« rief der König, »das wäre fürwahr eine gar vergnügliche Art, meine Zöllner zu erproben! Wie, du willst behaupten, daß der, so die besten Luftsprünge machen kann, zugleich auch der rechtschaffenste und gescheiteste Steuerverwalter sei?« »Ich stehe dir nicht dafür, daß er gerade der allergescheiteste ist,« erwiderte Zadig, »wohl aber bürge ich dafür, daß er unzweifelhaft der ehrlichste sein wird.« Zadig sprach mit solchem Selbstvertrauen, daß der König wähnte, er besäße ein übernatürliches Geheimnis zur Ergründung der Zöllner. »Ich liebe das Übernatürliche nicht,« sagte Zadig. »Alle Wunderbücher und Wundermänner haben mir stets mißfallen! Beliebt es jedoch Deiner Majestät, mich die vorgeschlagene Probe anstellen zu lassen, so wirst du dich selber davon überzeugen, daß mein Geheimnis ein einfachstes und leichtestes Ding von der Welt ist.« Nabussan, der König von Serendib, war nun noch weit verwunderter, zu vernehmen, das Mittel sei einfach, als wenn man ihm gesagt hätte, es sei ein großes Wunder. »Wohlan,« sprach er, »tue wie du sagst.« »Ja, laß mich nur gewähren,« antwortete Zadig, »du wirst bei dieser Probe mehr gewinnen, als du denkst.« Und selbigen Tages noch ließ er im Namen des Königs veröffentlichen, daß alle, so sich um das Amt eines Obersteuereinnehmers bei Seiner liebreichen Majestät Nabussan, Sohn Nussanabs, bewürben, sich am ersten Tage des Krokodilmondes in Gewändern aus leichter Seide im Vorzimmer des Königs einzufinden hätten. Vierundsechzig erschienen. In einem Nebensaale hatte man Spielleute versammelt, und alles war zu einem Ball vorbereitet; die Tür zu dem Tanzsaale jedoch war verschlossen, und um hineinzugelangen, mußte man einen ziemlich dunklen Wandelgang durchschreiten. Jeder Bewerber wurde einzeln von einem Türhüter abgeholt und in dem Verbindungsgange einige Minuten lang allein gelassen. Hier hatte der König, den Zadig ins Geheimnis gezogen, alle seine Schätze ausgestellt. Als endlich alle Bewerber in dem Ballsaale versammelt waren, befahl die Majestät, ihnen zum Tanze aufzuspielen. Niemals ist wohl in der Welt schwerfälliger und mit weniger Anmut getanzt worden; alle hielten sie den Kopf gesenkt, die Rücken krumm und die Arme fest an die Seiten gepreßt. »Welche Spitzbuben«, murmelte Zadig leise. Ein einziger nur vermochte erhobenen Kopfes, mit Geschmeidigkeit, sicherem Blick, freien Armen, aufrechtem Leibe und festen Knieen seine Schritte zu bewegen. »Ach, der ehrliche, der brave Mann,« sprach Zadig. Der König umarmte den guten Tänzer und ernannte ihn zum Schatzmeister; alle anderen wurden bestraft und auf die gerechteste Weise von der Welt behandelt, denn jeder von ihnen hatte sich in der Zeit, da man ihn allein in dem Durchgange gelassen, seine Taschen so voll gestopft, daß er kaum zu gehen vermochte. Der König grämte sich um die menschliche Natur, welche unter vierundsechzig Tänzern dreiundsechzig Halunken geschaffen. Der dunkle Wandelgang hieß fortan der »Korridor der Versuchung«. In Persien hätte man diese dreiundsechzig Herren gepfählt, in anderen Ländern sie vor einen außerordentlichen Gerichtshof beschieden, der das Dreifache des Gestohlenen an Gerichtskosten verschlungen und nichts in den Säckel des Königs zurückgebracht hätte, in wieder einem anderen Reiche würden sich die Herren völlig gerechtfertigt und den leichtfertigen Tänzer in Ungnade gestürzt haben. In Serendib dagegen wurden sie nur dazu verurteilt, eine Buße in den Staatsschatz zu zahlen, denn Nabussan war ein äußerst nachsichtiger König.

Und er hatte ein dankbares Gemüt! Er schenkte Zadig eine größere Summe Geldes, als sie je ein Schatzmeister seinem königlichen Herrn entwendet hatte. Zadig verwandte sie, um Eilboten nach Babylon zu entsenden, welche Erkundigungen über das Schicksal Astartens einholen sollten. Während er diesen Auftrag erteilte, zitterte seine Stimme, das Blut in seinem Herzen stockte, seine Augen bedeckten sich mit Finsternissen, und seine Seele war nahe daran, ihn auf immer zu verlassen. Der Eilbote brach auf, Zadig sah ihn noch zu Schiffe gehen und begab sich dann zum Könige zurück, doch ohne rings um sich etwas zu hören und zu sehn, und in dem Wahne, er sei allein in seinem Zimmer, sprach er das Wort »Liebe« aus. »Ja, Liebe,« rief der König, »gerade das ist ja die große Frage. Du hast den Gegenstand meiner Qual erraten! Welch ein großer Mann bist du doch! Ich hoffe von dir, daß du mich auch ein Weib wirst kennen lehren, das jegliche Probe besteht, wie du mich einen uneigennützigen Schatzmeister hast finden lassen.« Zadig, der inzwischen wieder zu voller Besinnung gekommen war, verhieß ihm seine Dienste in Liebes- wie in Geldsachen, obgleich hier die Dinge weit schwieriger lägen.

 

Fünfzehntes Kapitel: Die blauen Augen.

»Leib und Herz«, sprach der König zu Zadig ... Bei diesen Worten konnte der Babylonier sich nicht entbrechen, Seiner Majestät ins Wort zu fallen. »Wie sehr weiß ich es dir Dank,« sagte er, »daß du nicht mit den Worten »Geist und Herz« anhubest, denn in den Unterhaltungen zu Babylon hört man nur diese beiden, man bekommt nur Bücher zu Gesicht, die von Herz und Geist handeln, und die doch von Leuten geschrieben sind, die weder das eine noch das andere besitzen. Doch, mit Verlaub, Herr, fahre fort.« Und Nabussan fuhr fort: »Leib und Herz sind bei mir zum Lieben geschaffen. Die erste dieser beiden Mächte hat allen Grund, befriedigt zu sein: ich habe hier hundert Weiber zu meiner Verfügung, und alle sind schön, willfährig, zuvorkommend, ja, sogar wollüstig, oder tun doch wenigstens so, als ob sie es mit mir seien. Mein Herz dagegen ist bei weitem nicht so glücklich; ich habe nur allzuoft verspürt, daß alle Liebkosungen einzig dem Könige von Serendib gelten, und man sich um Nabussan dabei gar wenig schiert. Nicht etwa, daß ich meine Frauen für untreu hielte, aber ich möchte eine Seele finden, die ganz mein ist! Für einen solchen Schatz würde ich gern die hundert Schönheiten hingeben, über deren Reize ich gebiete. Versuche einmal, ob es dir gelingen möchte, unter diesen hundert Sultaninnen eine ausfindig zu machen, deren Liebe ich mich versichert halten könnte.«

Zadig antwortete ihm, wie er bereits in betreff der Steuereinnehmer getan: »Laß mich gewähren, Herr; zunächst mußt du mir aber erlauben, frei über alles zu verfügen, was du in dem Korridor der Versuchung ausgestellt hattest. Ich will es gut behüten, du sollst nichts dabei verlieren.« Der König gab ihm unumschränkte Vollmacht. Er suchte nun in Serendib die dreiunddreißig häßlichsten Buckligen zusammen, die er nur irgend auftreiben konnte, dreiunddreißig schöne Edelknaben und dreiunddreißig der beredsamsten und kräftigsten Bonzen. Allen verschaffte er die Freiheit, ungehindert die Kemnaten der Sultaninnen zu betreten. Jeder kleine Bucklige erhielt viertausend Goldstücke zum Verschenken, und schon am ersten Tage waren alle Buckligen beglückt. Die Pagen, die nichts wie sich selber zu verschenken hatten, triumphierten erst nach zwei oder drei Tagen, die Bonzen mußten noch größere Mühe aufwenden, schließlich ergaben sich ihnen aber dennoch dreiunddreißig fromme Seelen. Der König sah durch kleine Guckfenster, die in das Innere sämtlicher Zellen Einblick gewährten, alle diese Proben mit an und war aufs höchste verwundert: von seinen hundert Frauen erlagen neunundneunzig vor seinen Augen. Nur eine einzige blieb übrig, eine junge, völlig unerfahrene, der sich Seine Majestät noch niemals genähert hatte. Man hetzte ein, zwei, drei Bucklige auf sie, die ihr bis zu zwanzigtausend Goldstücke boten; sie blieb unbestechlich und mußte laut über die Buckligen lachen, die durch Geld schöner zu werden wähnten. Darauf sandte man die beiden schönsten Pagen zu ihr, aber sie sagte, sie fände den König noch schöner. Zuletzt versuchte man es mit zwei Bonzen, und zwar mit dem beredsamsten und dann mit dem verwegensten; sie nannte den ersten einen Schwätzer und geruhte den Wert des zweiten nicht einmal zu mutmaßen. »Auf das Herz allein kommt es an,« sagte sie, »ich werde weder dem Golde eines Buckligen, noch dem Liebreiz eines Jünglings, noch den Verführungskünsten eines Bonzen jemals nachgeben: ich werde immerdar einzig Nabussan, den Sohn Nussanabs, lieben und still harren, bis auch er mich zu lieben geruht.« Der König war außer sich vor Freude, Staunen und Zärtlichkeit. Er nahm alles Geld zurück, das den Buckligen zu ihren Siegen verholfen hatte, und schenkte es der schönen Falide, denn so lautete der Name des jungen Frauenzimmers. Er schenkte ihr auch sein Herz, und sie verdiente es gar wohl: nie noch zierte eine Frau eine so strahlende Blüte der Jugend, nie ein so bezaubernder Reiz der Schönheit! Geschichtliche Wahrheit erlaubt nicht zu verschweigen, daß sie sich linkisch verbeugte, aber sie tanzte wie eine Fee, sang wie eine Sirene und sprach, wie die Grazien sprechen: ihre Gaben und Tugenden waren sonder Zahl.

Nabussan, der sich endlich geliebt wußte, betete sie an, aber sie hatte blaue Augen, und das ward die Quelle des größten Unheils. Es gab ein altes Gesetz, das dem Könige verbot, eine jener Frauen zu lieben, die später bei den Griechen βοώπδες hießen. Vor mehr denn fünftausend Jahren hatte ein Oberhaupt der Bonzen dieses Gesetz erlassen, und um sich die Geliebte des Königs von Serendib anzueignen, hatte jener Oberbonze das Gesetz über die blauen Augen zu einem grundlegenden Satze der Staatsverfassung erhoben. Alle Stände des Reiches machten nun Nabussan die nachdrücklichsten Vorstellungen. Man scheute sich nicht, öffentlich auszusprechen, die letzte Stunde des Reiches sei gekommen, die Ruchlosigkeit habe ihren Gipfel erreicht, die ganze Natur sei von einem unheilvollen Ereignisse bedroht, kurz, man sagte, Nabussan, der Sohn Nussanabs, liebe zwei große blaue Augen. Die Buckligen, die Steuereinnehmer, die Bonzen und die Braunäugigen erfüllten das Reich mit ihren Klagen.

Die wilden Völkerstämme im Norden von Serendib machten sich diese allgemeine Unzufriedenheit zunutze, erhoben sich und brachen in die Staaten des guten Nabussan ein. Er verlangte Kriegsgelder von seinen Untertanen, die Bonzen jedoch, welche die Hälfte der Staatseinkünfte besaßen, begnügten sich damit, die Hände zum Himmel zu erheben, und weigerten sich, sie zum Beistande des Königs in ihre Geldsäckel zu stecken. Sie setzten schöne Gebete in Musik und überließen den Staat den Räuberhänden der Barbaren.

»Oh mein geliebter Zadig,« rief schmerzlich Nabussan aus, »wirst du mich auch aus dieser schrecklichen Not erretten?« »Herzlich gern,« erwiderte Zadig, »du sollst von den Bonzen so viel Geld bekommen, wie du nur willst. Gib alle Gebiete preis, auf denen ihre Schlösser liegen, und verteidige nur die deinen.« Nabussan tat, wie ihm Zadig geraten, und die Bonzen warfen sich gar bald dem Könige zu Füßen und flehten ihn um Beistand an. Der König antwortete ihnen mit einer schönen Musik, deren Text aus Bitten an den Himmel zur Erhaltung ihrer Besitzungen bestand. Da rückten die Bonzen endlich mit ihrem Gelde heraus, und der König beendete den Krieg. Auf diese Weise hatte sich Zadig durch seine weisen und glücklichen Ratschläge und durch die wichtigsten Dienste den unversöhnlichsten Haß der mächtigsten Leute im Staate zugezogen. Die Bonzen und die Braunäugigen schworen seinen Untergang, die Steuereinnehmer und Buckligen waren ihm nicht günstiger gesinnt, und so suchte man denn den guten Nabussan argwöhnisch gegen ihn zu machen. Geleistete Dienste bleiben oft im Vorzimmer, der Verdacht jedoch dringt bis ins Kabinett, so lautet ein Spruch Zoroasters; man sorgt alle Tage für neue Beschuldigungen, die erste wird zurückgewiesen werden, die zweite ritzt die Haut, die dritte verwundet und die vierte tötet!

Zadig erkannte aus Erfahrung die drohende Gefahr, und da er die Geschäfte seines Freundes Setock glücklich zu Ende geführt und ihm sein Geld hatte zustellen lassen, so war er nur noch darauf bedacht, der Insel so schnell wie möglich den Rücken zu kehren, und faßte den Entschluß, selber Erkundigungen über Astarte einzuziehen; »denn,« sagte er, »bleibe ich in Serendib, so lassen mich die Bonzen pfählen! Wohin soll ich mein Haupt jedoch legen? In Ägypten macht man mich zum Sklaven, in Arabien verbrennt man mich allem Anscheine nach lebendig, und in Babylon erdrosselt man mich. Dennoch muß ich aber erfahren, was aus Astarten geworden ist. Auf also, und zugesehen, was mir mein trauriges Schicksal noch vorbehalten hat.«

 

Sechzehntes Kapitel: Der Räuber.

Als er an die Grenze gelangt war, die das steinige Arabien von Syrien trennt, und an einer stark befestigten Burg vorbeikam, brachen bewaffnete Araber daraus hervor. Er sah sich umringt, und man schrie ihm zu: »Alles, was du besitzest, gehört uns, und du selber gehörst unserem Herrn.« Statt jeder Antwort zog Zadig sein Schwert, und ebenso tat sein Diener, denn auch er war mutig. Sie schlugen die ersten Araber, welche Hand an sie legen wollten, zu Boden, da verdoppelte sich ihre Zahl, aber sie ließen sich nicht schrecken und beschlossen, kämpfend zu sterben. So sah man denn diese beiden Männer sich allein gegen eine ganze Schar verteidigen: ein solcher Kampf konnte nicht lange dauern! Der Schloßherr, Arbogad mit Namen, welcher von einem Fenster des Schlosses aus die Wunder der Tapferkeit, welche Zadig vollführte, mit angesehen hatte, wurde von Achtung für ihn durchdrungen. Eilig kam er hinab, zerstreute mit eigener Hand seine Leute und befreite die beiden Reisenden. »Alles, was mein Gebiet durchzieht, ist mein,« sagte er, »und ebenso, was ich auf fremdem Gebiet erhasche. Du jedoch scheinst mir ein so tapferer Mann zu sein, daß ich dich von diesem allgemeinen Gesetze ausnehmen möchte.« Er ließ ihn in seine Burg treten, gebot seinen Leuten, ihn artig zu behandeln, und als es Abend geworden war, wünschte Arbogad mit Zadig zu speisen.

Der Burgherr war einer jener Araber, welche man Räuber nennt; unter einer Fülle scheußlicher Taten beging er jedoch auch hin und wider eine gute Tat; er raubte mit wütender Gier und schenkte andererseits mit vollen Händen; dabei war er unerschrocken im Gefecht, ziemlich sanft im Umgange, bei Tisch ein Schlemmer, und während er schlemmte, lustig und vor allem offenherzig. Zadig gefiel ihm sehr, und ihre immer lebhafter werdende Unterhaltung ließ das Mahl gar lange währen. »Ich rate dir in meine Dienste zu treten,« sagte Arbogad zuletzt, »das ist wirklich das Gescheiteste, was du tun könntest; das Gewerbe ist keineswegs übel und eines Tages könntest du das sein, was ich bin.« »Darf ich dich fragen, wie lange du diesem so gar edlen Berufe obliegst?« »Seit meiner frühesten Jugend«, erwiderte der Burgherr; »ich war der Bediente eines ziemlich gescheiten Arabers, vermochte meine Lage jedoch nicht mehr zu ertragen. Ich war verzweifelt, zu sehen, daß mir das Schicksal von der ganzen Erde, welche doch unterschiedslos allen Menschen gehört, keinen Teil vorbehalten hatte. Ich vertraute meinen Kummer einem alten Araber an, und dieser sprach zu mir: »Verzweifle nicht, mein Sohn: einst beklagte sich ein Sandkorn darüber, nur ein unbekanntes Pünktchen zu sein, nach einigen Jahren jedoch war es zum Diamanten geworden, und heute bildet es die schönste Zier in der Krone des Königs von Indien.« – Diese Rede machte großen Eindruck auf mich; ich war selber jenes Sandkorn, und ich beschloß, zum Diamanten zu werden. Ich begann damit, zwei Pferde zu stehlen, warb mir Genossen, und bald war ich imstande, kleine Karawanen zu berauben. Auf diese Weise gelang es mir, allmählich das Mißverhältnis zu beseitigen, welches anfangs zwischen mir und den Menschen bestanden hatte. Auch ich hatte nun meinen Teil an den Gütern dieser Welt, ja, ich war sogar mit Wucherzins entschädigt. Bald erlangte ich großes Ansehen, und nachdem ich dieses Schloß mit Gewalt an mich gebracht, ward ich ein Raubritter. Der Satrap von Syrien wollte mir den Besitz streitig machen, aber ich war bereits zu reich, um mich noch vor irgend etwas fürchten zu müssen. Ich gab dem Satrapen Geld, erhielt mir dadurch das Schloß und vergrößerte noch mein Gebiet. Er ernannte mich sogar zum Schatzmeister der Abgaben, welche das steinige Arabien dem König der Könige zu zahlen hat. Das Eintreiben dieser Gelder besorge ich schon, das Auszahlen dagegen unterlasse ich füglich.

Der große Desthurham von Babylon sandte im Namen des Königs Moabdar einen kleinen Satrapen her, der mich erdrosseln sollte. Mit seiner Vollmacht ausgerüstet, langte dieser Mann hier an, aber ich war bereits von allem unterrichtet; ich ließ in seiner Gegenwart die vier Leute erwürgen, die er mit sich gebracht hatte, um die Schlinge an meinem Halse zuzuziehen, und darauf fragte ich ihn, wieviel ihm die Vollführung seines Auftrages wohl eingetragen haben würde? Er erwiderte mir, seine Belohnung würde sich ungefähr auf dreihundert Goldstücke belaufen haben. Ich bewies ihm darauf deutlich, daß bei mir mehr zu verdienen sei. So trat er denn als Unterräuber in meine Dienste, und heute ist er einer meiner besten Hauptleute und auch einer der reichsten. Wolltest du guten Rat annehmen, würde es auch dir gelingen wie ihm! Niemals war eine so herrliche Zeit zum Rauben, wie gerade jetzt, wo Moabdar tot ist, und in Babylon alles drunter und drüber geht.«

»Moabdar ist tot!« rief Zadig. »Und was ist aus der Königin Astarte geworden?« »Das weiß ich nicht,« erwiderte Arbogad, »ich weiß nur, daß Moabdar toll ward und dann umgebracht wurde, und daß Babylon jetzt eine große Mördergrube und das ganze Reich ein Jammertal ist, und daß sich noch herrliche Handstreiche vollführen lassen, wie ich meinerseits deren bereits gar wunderbare vollführt habe.« »Aber die Königin? Sag' mir um Himmels willen, weißt du denn nichts über das Geschick der Königin?« »Man hat mir von einem Fürsten von Hyrkanien erzählt,« erwiderte er, »wahrscheinlich befindet sie sich in seinem Harem, falls sie im Tumulte nicht getötet worden ist; doch ich bin auf Beute erpichter, als auf Neuigkeiten. Übrigens habe auch ich auf meinen Streifzügen mehrere Weiber aufgegriffen, aber ich behalte niemals eine; sind sie schön, so verkaufe ich sie teuer, ohne mich weiter über ihre Herkunft zu vergewissern. Denn man kauft keineswegs den Rang; für eine häßliche Königin würde man vergebens nach einem Käufer suchen. Vielleicht habe ich auch die Königin Astarte verkauft, vielleicht ist sie tot, aber was kümmert mich das, und ich meine, auch du solltest dich nicht mehr darum scheren als ich.« Und während er alles dieses vorbrachte, zechte er so tapfer und brachte bald alle Begriffe dermaßen durcheinander, daß Zadig daraus nichts mehr entnehmen konnte.

Betrübt, niedergeschlagen, regungslos saß er da. Arbogad trank weiter, erzählte Geschichten, wiederholte unaufhörlich, daß er der glücklichste aller Menschen sei, und drängte Zadig, ebenso glücklich zu werden wie er. Endlich begab er sich von Weindünsten sanft umfangen zu Bett und versank in ruhigen Schlummer. Zadig verbrachte die Nacht in der gewaltigsten Aufregung. »Wie,« rief er, »der König toll, der König getötet! Ich kann nicht umhin, ihn zu beklagen! Das Reich ist zerrissen, und dieser Räuber ist glücklich! Oh Schicksal, oh Verhängnis; ein Dieb ist glücklich, und das Lieblichste, was die Natur je hervorgebracht, ist vielleicht auf das grausamste umgekommen, oder lebt in einem Zustande, der noch schlimmer ist denn der Tod! Oh Astarte, was ist aus dir geworden?«

Sobald der Tag angebrochen, erkundigte er sich bei allen denen, die ihm im Schlosse begegneten, aber jedermann hatte zu tun, und niemand stand ihm Rede. In der Nacht waren neue Raubzüge ausgeführt worden, und man verteilte nun die Beute. Alles, was er in diesem lärmenden Hin und Her erlangen konnte, war die Erlaubnis abzureisen. Er nützte sie unverzüglich, tiefer in qualvolle Betrachtungen versenkt denn jemals.

Unruhig und aufgeregt machte er sich auf den Weg, seinen Geist über und über erfüllt von der unglücklichen Astarte, dem Könige von Babylon, seinem treuen Kador, dem glücklichen Räuber Arbogad, jenem launischen Weibe, das auf der Grenze von Ägypten von Babyloniern entführt worden war, kurz von allen Widerwärtigkeiten und Unbilden, die ihm zugestoßen.

 

Siebzehntes Kapitel: Der Fischer.

Sein Schicksal beklagend und sich für den Unglücklichsten der Unglücklichen haltend, erreichte er einige Meilen von der Burg Arbogads entfernt die Gestade eines kleinen Flusses. Am Ufer sah er einen Fischer kauern, dessen schlaffe Hand im Begriffe zu sein schien, das ausgeworfene Netz fahren zu lassen, und dessen Augen trostlos gen Himmel erhoben waren.

»Sicherlich bin ich der unglücklichste aller Menschen«, rief der Fischer. »Einst war ich, wie jedermann zugeben mußte, der berühmteste Rahmkäsehändler in ganz Arabien, und nun bin ich zugrunde gerichtet. Ich hatte die hübscheste Frau, die ein Mann nur besitzen kann, und sie hat mich hintergangen. Nichts war mir geblieben als ein elendes Häuschen, und nun ist auch das geplündert und zertrümmert. In eine Hütte geworfen, habe ich nichts denn diese meine Fischnetze, um davon zu leben, und nun fängt sich kein einziger Fisch! Oh du mein Netz, nie wieder will ich dich ins Wasser werfen, doch mit mir selber will ich es jetzo tun.« Mit diesen Worten erhob er sich und beugte sich wie ein Mensch nach vorn, der sich hinabstürzen und seinem Leben ein Ende machen will.

»Ei,« sprach Zadig zu sich selber, »es gibt also Menschen, die ebenso unglücklich sind wie ich«, und schnell wie seine Überlegung war auch sein Eifer, dem Fischer das Leben zu retten. Er eilte auf ihn zu, hielt ihn zurück und befragte ihn gerührt und tröstend. Man behauptet, der Mensch sei weniger unglücklich, wenn er es nicht allein ist. Nach Zoroaster geschieht dies jedoch nicht aus Bosheit, sondern von Natur: man fühlt sich zu dem Unglücklichen wie zu seinesgleichen hingezogen. Die Fröhlichkeit eines Glücklichen würde wie eine Beleidigung wirken, zwei Unglückliche dagegen sind wie zwei schwache Bäumchen, die sich aneinander stützen und so dem Sturme besser standhalten können.

»Warum unterliegst du deinem Unglücke?« fragte Zadig den Fischer. »Weil mir kein anderer Ausweg bleibt«, erwiderte dieser. »Ich war der angesehenste Mann im Dorfe Derlback bei Babylon und bereitete mit Hilfe meiner Frau die besten Rahmkäschen im Reiche. Die Königin Astarte und der berühmte Minister Zadig liebten sie leidenschaftlich. Ich hatte sechshundert für ihre Häuser geliefert, und als ich mich nun eines Tages nach der Stadt begebe, um mein Geld einzufordern, erfahre ich bei meiner Ankunft in Babylon, daß die Königin und Zadig verschwunden seien. Eiligst laufe ich in das Haus des erlauchten Zadig, den ich niemals gesehen hatte; aber ich fand nur die Häscher des großen Desthurham vor, die sein Haus kraft einer königlichen Vollmacht ordnungsgemäß und von Rechts wegen ausplünderten. Ich flog in die Küche der Königin; einige der Herren Oberspeisemeister sagten mir, sie sei gestorben, andere behaupteten, sie säße im Gefängnisse, und wieder andere versicherten, sie sei geflohen; alle jedoch waren eins darin, daß meine Käse mir niemals bezahlt werden würden. Ich begab mich darauf mit meinem Weibe zu dem erlauchten Orkan, der ebenfalls zu meinen Kunden gehörte, und flehte ihn in unserem Mißgeschick um seinen Schutz an; meiner Frau ließ er ihn angedeihen, mir jedoch verweigerte er ihn. Sie war weißer als die Rahmkäschen, mit denen mein Unglück begann, und der Glanz tyrischen Purpurs mußte erblinden neben dem Schmelz, der ihre Weiße belebte; um dieser Umstände willen behielt Orkan sie bei sich und warf mich aus dem Hause. Ich schrieb an meine liebe Frau einen verzweifelten Brief. Sie sagte zu dem Überbringer: »Ach ja, ja, gewiß, ich weiß von dem Manne, der mir da schreibt, man hat mir von ihm gesprochen. Man behauptet, er mache vortrefflich Rahmkäse; er soll welche herbringen und sie sich bezahlen lassen.«

In meinem Unglück wollte ich mich nun an die Gerichte wenden. Ich besaß noch sechs Unzen Gold; zwei davon mußte ich dem Rechtsgelehrten geben, den ich um Rat fragte, zwei dem Anwalt, der meinen Prozeß annahm, und noch einmal zwei dem Schreiber des Oberrichters. Nachdem all dies geschehen, war mein Prozeß noch nicht einmal angefangen, und doch hatte ich schon mehr dafür verausgabt, als meine Frau und meine Käse wert waren. Ich kehrte mit der Absicht in mein Dorf zurück, mein Haus zu verkaufen, um mit dem Erlös meine Frau zu erstreiten.

Mein Haus war gut sechzig Unzen Gold wert, aber man sah, daß ich arm und zum Verkauf gezwungen war! So bot mir denn der erste, an den ich mich wandte, dreißig, der zweite zwanzig, der dritte zehn Unzen. Schon war ich in meiner Verblendung drauf und dran, den Handel abzuschließen, als ein Fürst von Hyrkanien auf seinem Wege nach Babylon unterwegs alles verheerte: mein Häuschen wurde zuerst ausgeplündert und dann niedergebrannt.

Nachdem ich so mein Geld, meine Frau und mein Haus eingebüßt, zog ich mich in dieses Land hier zurück, wo du mich antriffst. Ich habe durch das Fischereihandwerk meinen Lebensunterhalt zu erwerben versucht, doch die Fische verhöhnen mich gleich den Menschen, ich fange nichts und bin dem Hungertode nahe: ohne dich, du erhabener Tröster, läge ich schon tot auf dem Grunde dieses Stromes.«

Der Fischer erzählte alles dies keineswegs hintereinander, denn in jedem Augenblick wurde er von Zadig unterbrochen, der ihn aufgeregt und erschüttert fragte: »So weißt du denn wirklich nichts von dem Schicksal der Königin?« »Nein, erlauchter Herr,« erwiderte der Fischer, »ich weiß nur, daß die Königin und Zadig mir meine Rahmkäse nicht bezahlt haben, daß man mir meine Frau genommen hat und daß ich nun völlig verzweifelt bin.« »Ich möchte glauben,« entgegnete Zadig, »daß dir nicht dein ganzes Geld verloren gehen wird. Ich habe von diesem Zadig sprechen gehört, er ist ein ehrlicher Mann, und wenn er nach Babylon zurückkehrt, was er in der Tat zu tun hofft, so wird er dir mehr zurückgeben, als er dir schuldig ist. Was jedoch deine Frau angeht, die es mit ihrer Ehre nicht ebenso genau zu nehmen scheint, wie er mit seinen Schulden, so rate ich dir, dich nicht weiter um sie zu bemühen. Folge meinem Rat und begib dich nach Babylon; ich werde vor dir dort sein, denn ich bin zu Pferd, du nur zu Fuß; wende dich an den erlauchten Kador, sage ihm, du wärest seinem Freunde begegnet, und warte bei ihm auf mich. Auf, vielleicht bleibst du nicht immer so unglücklich, wie du jetzt bist!«

»Oh, mächtiger Oromazes,« fuhr er fort, »der du dich meiner bedienest, um diesen Mann zu trösten, wen wirst du entsenden zu meinem Tröste?« Während er dieses sprach, gab er dem Fischer die Hälfte allen Geldes, das er aus Arabien mit sich gebracht. »Du bist ein rettender Engel«, rief bestürzt und entzückt der Fischer und küßte dem Freunde Kadors die Füße. Unterdessen fragte Zadig ihn immer wieder und wieder nach Neuigkeiten und vergoß bittere Tränen dabei. »Wie, hoher Herr,« rief der Fischer, »solltest auch du unglücklich sein, der du doch Gutes tust?« »Hundertmal unglücklicher als du«, antwortete Zadig. »Wie wäre es möglich,« rief das wackere Fischerlein, daß der, so da gibt, beklagenswerter sein könnte als der, so da empfängt?« »Dein größtes Unglück war der Mangel, ich dagegen bin durch mein Herz unglücklich.« »Sollte auch dir Orkan dein Weib geraubt haben?« fragte der Fischer. Dieses Wort brachte Zadig alle seine Abenteuer wieder ins Gedächtnis, und die lange Kette seines Unglücks, von der Hündin der Königin bis zu seiner Ankunft bei dem Räuber Arbogad, rollte an seinem inneren Auge vorbei. »Ach,« sprach er zu dem Fischer, »Orkan verdiente gar wohl, bestraft zu werden, aber gewöhnlich sind derartige Leute Günstlinge des Schicksals. Wie dem aber auch sein möchte, begib dich zu dem erlauchten Kador und erwarte mich dort.« Darauf trennten sie sich: der Fischer wanderte von Danksagungen an sein Geschick bewegt langsam dahin, Zadig eilte schnellen Schritts und das Herz schwer von bitteren Anklagen wider das seine.

 

Achtzehntes Kapitel: Der Basilisk.

Von ungefähr kam er über eine schöne Wiese und sah dort viele Frauen, welche mit großem Eifer nach etwas suchten. Er nahm es sich heraus, an eine von ihnen heranzutreten und sie zu fragen, ob er vielleicht der Ehre teilhaftig werden dürfte, ihnen beim Suchen zu helfen. »Hüte dich wohl davor,« erwiderte die Syrerin, »was wir suchen, darf nur von Frauenhänden berührt werden.« »Wie seltsam,« sprach Zadig, »dürfte ich wagen, Euch zu bitten, mir zu sagen, welch ein Ding es denn ist, was zu berühren nur den Frauen gestattet ist?« »Ein Basilisk ist es«, sagte sie. »Ein Basilisk! und bitte, meine Gnädige, aus welchem Grunde suchet ihr nach einem Basilisken?« »Wir tun es für unsern Herrn und Gebieter Ogul, dessen Schloß du dort am Rande der Wiese zunächst des Flußufers siehst. Wir sind seine untertänigsten Sklavinnen. Der edle Ogul ist krank, der Arzt hat ihm verordnet, einen in Rosenwasser gekochten Basilisken zu essen, und da so ein Basilisk ein sehr seltenes Tier ist, das sich nur von Frauen fangenläßt, so hat der erlauchte Ogul versprochen, diejenige von uns zu seiner Lieblingsfrau zu erwählen, die ihm einen Basilisken bringt. Laß mich also gefälligst suchen, denn du weißt nun, was es mich kosten würde, wenn eine meiner Genossinnen mir zuvorkäme.«

Zadig ließ die Syrerin und ihre Gefährtinnen nach ihrem Basilisken suchen und setzte seinen Weg über die Wiese fort. Als er an das Ufer des kleinen Flusses gelangt war, fand er eine zweite Dame, welche auf dem Rasen lag und nach nichts suchte. Ihre Gestalt schien majestätisch, ihre Antlitz aber war von einem Schleier verhüllt. Sie hatte sich tief über das Wasser gebeugt, und schweres Seufzen kam aus ihrem Munde. In ihrer Hand hielt sie ein kleines Stäbchen, mit dem sie Buchstaben in den feinen Sand zwischen dem Gras und dem Bache schrieb. Zadig war neugierig, zu sehen, was diese Frau wohl schreiben mochte. Er näherte sich ihr leise, sah den Buchstaben Z, dann ein A und wunderte sich; dann schrieb sie ein D, und er erbebte. Niemals ist jemand überraschter gewesen denn er, als er nun noch die beiden letzten Buchstaben seines Namens vor sich im Sande entstehen sah. Eine Weile lang blieb er starr, dann brach er endlich mit zitternder Stimme das Schweigen: »Oh, hochedle Dame, verzeih einem Fremden, einem Unglücklichen, wenn er dich zu fragen wagt, aus welchem verwunderlichen Grunde deine göttliche Hand hier den Namen Zadig in den Sand schrieb?« Sobald die Dame den Klang seiner Stimme und diese Worte vernommen, lüftete sie mit zitternder Hand den Schleier, sah Zadig an, stieß einen Schrei der Überraschung, der Rührung, der Freude aus, und sank übermannt von all den verschiedenen Regungen, welche ihre Seele auf einmal bestürmten, ohnmächtig in seine Arme. Ja, es war Astarte selber, es war die Königin von Babylon, sie, die Zadig zu seinem Verhängnis liebte, sie, um die er so viel geweint, um deren Schicksal er so große Not gelitten. Einen Augenblick lang versagten seine Sinne, doch als seine Blicke in die Augen Astartens fielen, welche sie schmachtend, verwirrt und zärtlich zu ihm aufschlug, da rief er aus: »Oh, ihr ewigen Mächte, die ihr die Geschicke der schwachen Sterblichen lenket, gebt ihr mir Astarten wieder? Und zu welcher Zeit, an welchem Orte und in welchem Zustande muß ich sie finden?« Er warf sich vor Astarte in die Kniee und grub seine Stirn in den Staub zu ihren Füßen. Die Königin von Babylon hob ihn auf und zwang ihn, sich neben sie an das Ufer des Flusses zu setzen. Zu wiederholten Malen trocknete sie ihm die Augen, aus denen die Tränen immer wieder aufs neue hervorquollen, und wohl an die zwanzig Male hub sie zu sprechen an, stets aber erstickte ihre Stimme in Schluchzen. Sie fragte, welcher Zufall sie zusammengeführt, und unterbrach seine Antwort wieder durch andere Fragen; bald fing sie den Bericht von ihrem Unglücke an, bald wollte sie wissen, wie es Zadig ergangen. Als endlich beide den Aufruhr ihrer Seelen ein wenig beschwichtigt hatten, erzählte ihr Zadig in wenigen Worten, welches Abenteuer ihn auf diese Wiese geführt. »Wes aber, oh du unglückliche, erhabene Königin, wes finde ich dich an diesem entlegenen Orte in Sklavengewändern, umgeben von anderen Frauen, welche gleich dir Sklavinnen sind und nach einem Basilisken suchen, um ihn nach Verordnung eines Arztes in Rosenwasser kochen zu lassen?«

»Während sie nach ihrem Basilisken suchen,« sagte die schöne Astarte, »will ich dir alles erzählen, was ich gelitten, und was ich nun, da ich dich wiedergesehen, dem Himmel gern verzeihe! Du weißt, daß mein Gatte, der König, es übel aufnahm, daß du der liebenswerteste aller Männer bist; aus diesem Grunde faßte er in einer Nacht den Entschluß, dich erdrosseln und mich vergiften zu lassen. Du weißt auch, wie es der Himmel zuließ, daß mich mein kleiner Stummer von dem Entschluß Seiner erlauchten Majestät in Kenntnis setzte. Sobald der treue Kador dich gezwungen hatte, meinem Gebote zu folgen und zu fliehen, ließ er sich auf das Wagnis ein, durch einen geheimen Zugang um Mitternacht in mein Gemach zu dringen; er entführte mich und brachte mich in den Tempel des großen Oromazes, wo mich sein Bruder, der Magier, in eine Riesenbildsäule sperrte, deren Basis bis in die Fundamente des Tempels hinabreicht und deren Kopf oben an die Kuppelwölbung stößt. Dort weilte ich wie lebendig begraben, wurde aber von dem Magier treulich bedient und entbehrte keines notwendigen Dinges. Unterdessen trat bei Tagesanbruch der Leibapotheker Seiner Majestät mit einem Trank aus Bilsenkraut, Opium, Schierling, schwarzem Nießwurz und Wolfsmilch in mein Gemach, und ein anderer Beamter begab sich mit einer blauseidenen Schnur zu dir. Man fand keinen von uns beiden. Um den König besser zu täuschen, eilte Kador als erster herbei, um uns anzuklagen: er meldete, du habest den Weg nach Indien, ich den Weg nach Memphis eingeschlagen, und dir und mir wurden Trabanten nachgeschickt.

Die Eilboten, die mich suchen sollten, kannten mich nicht: fast nur dir allein hatte ich je mein Gesicht gezeigt, und auch dir nur in Gegenwart und auf Befehl meines Gemahls. Jene verfolgten mich also nur auf eine Beschreibung hin, die man ihnen von mir gemacht hatte. Eine Frau von ähnlichem Wuchse wie ich – vielleicht jedoch schöner als ich – kam ihnen auf der Grenze von Ägypten zu Gesicht. Verzweifelt irrte sie umher, und so zweifelten sie keinen Augenblick, daß diese Frau die Königin von Babylon sei, und schleppten sie zu Moabdar. Ihr Mißgriff versetzte den König zunächst in die heftigste Wut; nachdem er die Frau jedoch näher betrachtet hatte, fand er sie sehr schön und tröstete sich. Sie hieß Missuf. Seither hat man mir gesagt, daß dieser Name in der ägyptischen Sprache so viel wie »die schöne Launische« bedeute. Sie war's in der Tat, besaß dabei aber so viel Schlauheit wie Launen. Sie gefiel Moabdar und wußte ihn dermaßen zu betören, daß er sie zu seiner Gemahlin erhob. Aber nun erst enthüllte sich ihr Charakter völlig. Ohne Scheu gab sie sich allen Tollheiten ihres launischen Eigenwillens hin. Den alten gichtkranken Obermagier wollte sie zwingen, vor ihr zu tanzen, und als er sich weigerte, verfolgte sie ihn fortan mit ihrem ganzen Hasse. Ihrem Oberstallmeister befahl sie, ihr eine Fruchttorte zu backen; der Oberstallmeister mochte so viel er nur wollte hervorheben, daß er kein gelernter Zuckerbäcker sei: es half ihm nichts, er mußte die Torte machen, und dann ward er davongejagt, weil sie überbacken war. Nun erhob sie ihren Zwerg zum Oberstallmeister und ernannte einen Pagen zum Kanzler. Auf diese Weise herrschte sie über Babylon. Jedermann trauerte mir nach. Der König, welcher bis zu dem Augenblick, da er mich hatte vergiften und dich hatte erdrosseln lassen wollen, ein trefflicher Mann gewesen war, schien nun alle seine Tugenden in der maßlosen Liebe zu der schönen Launischen ersäuft zu haben. Am Fest des heiligen Feuers kam er in den Tempel. Ich hörte ihn am Fuße der Bildsäule, in der ich eingeschlossen war, die Götter für Missuf anflehen. Da erhob ich meine Stimme und rief: »Die Götter sind taub vor den Bitten eines Königs, der zum Tyrannen geworden ist und eine verständige Frau hat umbringen lassen wollen, um eine überspannte zu heiraten.« Moabdar ward von diesen Worten so erschüttert, daß seine Sinne sich verwirrten. Mein Orakelspruch und die Tyrannei Missufs reichten hin, ihm den Verstand zu rauben: in wenigen Tagen wurde er toll.

Sein Wahnwitz, den man für eine vom Himmel gesandte Züchtigung hielt, gab das Zeichen zum Aufstand: man erhob sich und griff zu den Waffen. Babylon, das so lange in weichlicher Muße dahingelebt hatte, ward der Schauplatz eines schrecklichen Bürgerkrieges. Man holte mich aus meiner Bildsäule hervor, stellte mich an die Spitze einer Partei, und Kador eilte nach Memphis, um dich nach Babylon zurückzurufen. Sobald der Fürst von Hyrkanien alle diese traurigen Nachrichten erfuhr, rückte er mit seinem Heere zur Gründung einer dritten Partei in Chaldäa ein und griff den König an, der sich ihm mit seiner überspannten Ägypterin entgegenwarf. Von Schwertstreichen durchbohrt fiel Moabdar, und Missuf geriet in die Hände des Siegers. Mein Unglück wollte, daß ich selber von einem hyrkanischen Trupp aufgegriffen und zu derselben Zeit vor den Fürsten geführt wurde, wie jene Missuf. Es wird dir schmeichelhaft sein zu erfahren, daß der Fürst mich schöner fand als jene Ägypterin, kränken wird es dich aber, daß er meine Aufnahme in seinen Harem verfügte. Recht entschiedenen Tones verkündete er mir, sobald er nur seinen geplanten Kriegszug beendigt hätte, würde er sich meiner erinnern. Stelle dir meine Qual vor! Die Bande, die mich mit Moabdar verknüpft hatten, waren zerrissen, ich hätte nun Zadig angehören können – und fiel dafür in die Ketten dieses Barbaren! Ich antwortete ihm mit dem ganzen Stolze, den mein Rang und meine Gefühle mir eingaben. Ich hatte stets sagen gehört, der Himmel verleihe Leuten meines Standes einen Zug von Größe, der mit einem Wort und einem Blick die Verwegenen zu bändigen vermöchte, welche die Grenzen der geschuldeten tiefen Ehrfurcht zu überschreiten wagten. Ich sprach wie eine Königin, ward aber wie eine Kammerjungfer behandelt; ohne mich auch nur eines Wortes zu würdigen, sagte der Hyrkanier zu seinem schwarzen Eunuchen, ich sei zwar ein wenig naseweis, er fände mich aber hübsch, und so befehle er ihm, mich gut zu hüten und mich auf die Kost seiner Lieblingsweiber zu setzen, damit ich etwas frischer im Gesicht und seiner Gunstbezeugungen würdiger würde für den Tag, da es ihm gefallen möchte, mich damit zu beehren. Ich sagte ihm, daß ich mich umbringen würde; er jedoch erwiderte lachend, es stürbe sich nicht so leicht, er kenne derlei Zierereien schon, und mit diesen Worten verließ er mich wie einer, der einen neuen Papagei in seinen Käfig gesetzt hat. Welche Lage für die erste Königin der Welt und, was mehr sagen will, für ein Herz, das Zadig gehörte!«

Bei diesen Worten warf Zadig sich ihr zu Füßen und benetzte sie mit seinen Tränen. Astarte hob ihn zärtlich auf und fuhr folgendermaßen fort: »Ich sah mich also in der Gewalt eines Barbaren und als Nebenbuhlerin einer Närrin, mit der ich sogar das Zimmer teilen mußte. Sie erzählte mir ihr ägyptisches Abenteuer: aus den Zügen, mit denen sie dich schilderte, aus dem Zeitpunkte, aus dem Dromedar, auf dem du rittest, kurz aus allen näheren Umständen schloß ich, daß niemand anderes denn Zadig für sie gekämpft hatte. Ich glaubte sicher sein zu dürfen, daß du dich in Memphis aufhieltest, und faßte den Entschluß, mich ebenfalls dorthin zu begeben. »Schöne Missuf,« sprach ich, »du bist viel unterhaltender und vermagst den Fürsten von Hyrkanien viel besser zu zerstreuen als ich, erleichtere mir die Möglichkeit zur Flucht; du herrschest dann allein, machst mich glücklich und befreist dich zugleich von einer Nebenbuhlerin.« Missuf stand mir hilfreich bei, und so machte ich mich denn mit einer ägyptischen Sklavin heimlich auf den Weg.

Schon näherte ich mich Arabien, als ich unversehens einem berüchtigten Räuber namens Arbogad in die Hände fiel; er verkaufte mich an Sklavenhändler, die mich auf dieses Schloß zu dem Ritter Ogul brachten. Er hat mich gekauft, ohne zu wissen, wer ich bin. Er ist ein genußsüchtiger Mensch, dessen Sinn einzig auf Essen und Trinken gerichtet ist, und der wähnt, Gott habe ihn nur zum Tafeln auf die Welt gesetzt. Sein Leibesumfang ist so mächtig, daß er dauernd in der Gefahr des Erstickens schwebt. Sein Arzt, dem er, wenn er gut verdaut, nur wenig zutraut, beherrscht ihn jedoch unumschränkt, sobald er zuviel gegessen hat: diesmal hat er ihm eingeredet, er könne ihn mit einem in Rosenwasser gekochten Basilisken heilen. Der Ritter Ogul hat seine Hand derjenigen seiner Sklavinnen versprochen, die ihm einen Basilisken bringt; du siehst, daß ich sie in ihrem Eifer, diese Ehre zu erjagen, durch kein Mitbewerben behellige, und niemals ist mir weniger darum zu tun gewesen, diesen Basilisken zu finden, als jetzt, da der Himmel mir vergönnt hat, dich wiederzusehen.«

Nun sagten sich Astarte und Zadig alles, was die lange zurückgedämmten Empfindungen und ihre Trübsale und ihre Liebe ihren edlen und leidenschaftlichen Herzen eingeben konnten, und die Genien der Liebe trugen ihre Worte hinauf bis in den heiligen Kreis der Venus.

Die Frauen kehrten, ohne etwas gefunden zu haben, zu Ogul zurück, und auch Zadig ließ sich bei ihm melden und sprach folgendermaßen zu ihm: »Möge unsterbliche Gesundheit vom Himmel sinken, um alle deine Tage in ihre Hut zu nehmen! Ich bin Arzt, auf das Gerücht deiner Krankheit hin bin ich herbeigeeilt und bringe dir einen in Rosenwasser gekochten Basilisken. Nicht etwa, daß ich den Anspruch erhöbe, von dir geheiratet zu werden: ich fordere von dir nur die Freiheit einer jungen babylonischen Sklavin, die dir seit einigen Tagen gehört, und willige ein, an ihrer Stelle dein Sklave zu werden, falls mir das Glück, den ausgezeichneten Ritter Ogul zu heilen, nicht zuteil werden sollte.«

Der Vorschlag wurde angenommen: Astarte brach mit dem Diener Zadigs nach Babylon auf und versprach, augenblicklich einen Eilboten an ihn zu senden, um ihn von allem zu unterrichten, was inzwischen vorgefallen. Ihr Abschied war ebenso herzlich wie es ihr Wiedersehen gewesen; der Augenblick, da man sich wiederfindet, und der Augenblick, da man sich trennt, sind die beiden größten Ereignisse des Lebens, wie es im großen Buche Zend heißt. Zadig liebte die Königin so sehr, wie er es ihr schwur, und die Königin liebte Zadig noch weit mehr, als sie ihm gestand.

Darauf sprach Zadig folgendermaßen zu Ogul: »Meinen Basilisken, erlauchter Herr, kannst du nicht essen; seine Kraft vermag nur durch die Pforten deiner Poren in dich einzudringen; ich habe ihn in einen kleinen, straff aufgeblähten und mit einer feinen Haut überspannten Schlauch getan; du mußt nun diesen Schlauch mit deiner ganzen Kraft von dir schleudern, und ich will ihn dir immer wieder zurückwerfen: in wenigen Tagen wirst du bei diesem Verfahren erkennen, was meine Kunst vermag.« Am ersten Tage kam Ogul um seinen Atem und glaubte vor Ermattung zu sterben, am zweiten Tage fühlte er sich schon weniger müde und schlief besser, und am achten Tage hatte er alle Kraft und Gesundheit, alle Leichtigkeit und Fröhlichkeit seiner glänzendsten Jahre wiedererrungen. »Du hast Ball gespielt und bist mäßig gewesen,« sprach Zadig zu ihm, »erfahre nun, daß es in der Natur keinen Basilisken gibt; Mäßigkeit und Leibesübung erhalten jedermann bei Wohlsein, und die Kunst, Unmäßigkeit und Gesundheit vereinigen zu wollen, ist ein ebenso unmögliches Ding wie der Stein der Weisen, die weissagende Astrologie und die Theologie der Magier.«

Der Leibarzt Oguls empfand gar wohl, wie gefährlich ein solcher Mann für die Medizin sei, und verband sich mit dem Leibapotheker, um Zadig zur Jagd auf Basilisken in die andere Welt zu befördern. Wie Zadig immer bestraft worden war, sobald er Gutes getan, so drohte ihm jetzt die Gefahr, dafür umgebracht zu werden, daß er einen adeligen Vielfraß geheilt hatte. Man lud ihn zu einem herrlichen Prunkmahle ein: mit dem zweiten Gericht sollte er vergiftet werden, jedoch schon während des ersten langte ein Eilbote der schönen Astarte an, er stand vom Tische auf und reiste ab. »Wenn man von einer schönen Frau geliebt wird, so ist man stets wohlgebettet auf dieser Welt«, sagt der große Zoroaster.

 

Neunzehntes Kapitel: Die Kämpfe.

Die Königin war in Babylon mit jenen Freudenausbrüchen empfangen worden, die man stets für eine schöne Fürstin empfindet, wenn sie unglücklich gewesen ist. Babylon schien jetzt etwas ruhiger zu sein; der Fürst von Hyrkanien war in einem Gefechte getötet worden, und die siegreichen Babylonier erklärten nun, Astarte solle sich demjenigen vermählen, den das Volk zum Herrscher küren würde. Man wollte nicht, daß das höchste Amt der ganzen Erde, das heißt das Amt, Astartens Gatte und König über Babylon zu sein, durch Ränke und Kabalen verteilt würde, sondern man schwur, nur den Tapfersten und Weisesten als König anzuerkennen. Einige Meilen vor der Stadt wurde ein großer, von herrlich geschmückten Amphitheatern eingefaßter Kampfplatz angelegt. Dorthin sollten sich die Bewerber in voller Rüstung begeben, und einem jeden von ihnen wurde hinter den Amphitheatern ein abgesondertes Gemach angewiesen, wo er von niemandem gesehen und erkannt werden konnte. Jeder sollte vier Lanzen brechen und die, denen das Glück zuteil ward, vier Ritter zu besiegen, sollten danach gegeneinander kämpfen, und wer dann als der letzte den Kampfplatz behauptete, sollte als Sieger der Spiele ausgerufen werden. Am vierten Tage darauf hatte er dann in derselben Rüstung noch einmal zu erscheinen und die von den Magiern gegebenen Rätsel zu lösen. Vermochte er dieses nicht, so wurde er auch nicht König, und das Lanzenstechen begann von neuem, bis sich ein Mann gefunden, der aus beiden Kämpfen als Sieger hervorging, denn unter allen Umständen wollte man nur den tapfersten und den weisesten zum Könige! Die Königin sollte während dieser ganzen Zeit sorglich bewacht werden. Man wollte ihr nur erlauben, dicht verschleiert den Kampfspielen beizuwohnen: mit keinem der Bewerber durfte sie jedoch ein Wort wechseln, damit keinerlei Vorlieben und Ungerechtigkeiten sich einmischen möchten.

Dies war's, was Astarte ihren Geliebten in der Hoffnung wissen ließ, er werde um ihretwillen mehr Mut und Verstand beweisen, als sonst jemand in der Welt. Er brach auf und bat die Göttin Venus, sie möchte seinen Mut stärken und seinen Geist erleuchten. Am Vorabend des großen Tages erreichte er das Euphratufer und ließ seinen Wahlspruch unter die der übrigen Kämpfer eintragen, verbarg aber, wie das Gesetz es befahl, sein Gesicht und seinen Namen und legte sich in dem Zimmer, das ihm durchs Los bestimmt wurde, zur Ruhe nieder. Sein Freund Kador, der nach Babylon zurückgekehrt war, nachdem er vergeblich in Ägypten nach ihm gesucht hatte, ließ ihm als ein Geschenk der Königin eine vollständige Rüstung in sein Zimmer bringen, außerdem übersandte er ihm ebenfalls von Seiten der Königin ein herrliches persisches Pferd. Zadig erkannte in diesen Geschenken gar leicht Astarte, und sein Mut und seine Liebe gewannen neue Kraft und neue Hoffnung dadurch.

Als am nächsten Tage die Königin unter einem mit Edelsteinen reich verzierten Baldachin Platz genommen hatte, und die Amphitheater von allen Damen und Ständen Babylons dicht erfüllt waren, erschienen die Kämpfer in den Schranken. Ein jeder von ihnen legte dem Obermagier seinen Wahlspruch zu Füßen, und dann wurde unter diesen Sprüchen gelost; der Zadigs sprang zuletzt heraus. Die erste Lanze war einem reichen, ungewöhnlich eitlen, feigen, dafür aber um so ungeschickteren und geistlosen Edelmanne namens Itobad zugefallen. Seine Bedienten hatten es ihm in den Kopf gesetzt, nur ein Mann wie er dürfe König werden, und er hatte ihnen geantwortet: »Ja, nur ein Mann wie ich darf herrschen.« So hatte man ihn denn vom Kopf bis zu den Füßen bewaffnet: er trug einen goldenen Harnisch mit grünem Schmelz, einen grünen Federbusch und eine mit grünen Federn gezierte Lanze. Schon an der Art, wie Itobad sein Pferd lenkte, erkannte man, daß er nicht der Mann sei, dem der Himmel das Zepter Babylons vorbehalten hatte. Der erste Reiter, der ihn anrannte, hob ihn aus dem Sattel, und der zweite warf ihn mit in die Luft gekehrten Beinen und gespreizten Armen auf das Hinterteil seines Pferdes. Itobad setzte sich wieder zurecht, aber mit so jämmerlichem Anstande, daß das ganze Amphitheater in lautes Gelächter ausbrach. Ein dritter Ritter verschmähte es sogar, sich gegen ihn seiner Lanze zu bedienen; er ließ ihn einen Fehlstoß auf sich machen, packte ihn dann beim rechten Bein, drehte ihn halb herum und setzte ihn so auf den Sand. Die Stallmeister der Spiele liefen lachend hinzu, hoben ihn wieder in den Sattel und nun faßte ihn der vierte Kämpfer beim linken Bein und warf ihn nach der anderen Seite von seinem Pferd herunter. Unter allgemeinem Hohngeschrei ward er in sein Zimmer geführt, wo er dem Gesetze gemäß die Nacht verbringen mußte, und während er dergestalt elend dahin humpelte, sagte er: »Welch ein Abenteuer für einen Mann wie mich.«

Die anderen Ritter taten besser ihre Schuldigkeit: einige besiegten zwei Kämpfer hintereinander, andere brachten es sogar bis zu dreien, jedoch nur der Prinz Otam vermochte vier zu besiegen. Nun endlich kam Zadig an die Reihe; mit allem nur erdenklichen Anstande hob er vier Reiter hintereinander aus dem Sattel: die Entscheidung ruhte also in einem Kampfe zwischen Otam und Zadig. Jener trug eine blaugoldene Rüstung und einen gleichfarbigen Federbusch, Zadigs Waffen waren weiß. Aller Wünsche teilten sich zwischen dem blauen und dem weißen Ritter, die Königin jedoch betete mit klopfendem Herzen allein für die weiße Farbe zum Himmel.

Die beiden Kämpfer machten ihre Ausfälle und Wendungen mit solcher Gewandtheit, versetzten einander so gar schöne Lanzenstiche und saßen so fest in ihren Sätteln, daß außer der Königin jedermann wünschte, zwei Könige möchten über Babylon herrschen. Als endlich ihre Rosse müde geworden und ihre Lanzen völlig zersplittert waren, wandte Zadig folgende List an: er fiel dem blauen Prinzen in den Rücken, schwang sich hinter ihn aufs Pferd, packte ihn mitten um den Leib, warf ihn auf den Boden herab, setzte sich an seiner Statt in den Sattel und tummelte nun Otams Roß um den zu Boden gestreckten Gegner. Das ganze Amphitheater schrie: »Sieg dem weißen Ritter!« Wutentbrannt rast Otam auf und zieht sein Schwert, und Zadig springt, den Säbel in der Faust, vom Pferde; so stehen nun beide einander in den Schranken gegenüber und beginnen einen neuen Kampf, in dem Kraft und Gewandtheit abwechselnd siegen. Unter tausend blitzschnellen Hieben stäuben rings die Federn ihrer Helme, die Nieten ihrer Armschienen und die Maschen ihrer Kettenhemden umher, es geht auf Hieb und Stich, zur Rechten und zur Linken, auf Kopf und Brust, sie weichen zurück, springen vor, messen sich, springen sich hart an, packen sich, winden sich wie Schlangen und greifen einander wie Löwen an, und unaufhörlich sprühen feurige Funken unter der Wucht ihrer Hiebe hervor. Endlich reißt Zadig alle seine Besinnung zusammen, bleibt stehen, macht eine Finte, überrennt Otam, bringt ihn zu Falle, entwaffnet ihn, und Otam ruft: »Oh, weißer Ritter, dir gebührt Babylons Thron.« – Die Königin war außer sich vor Freude! Man führte den blauen und den weißen Ritter, wie es im Gehorsam gegen das Gesetz auch mit allen anderen geschehen war, in ihr Zimmer zurück. Sie wurden von Stummen bedient und mit Speisen versorgt. Man kann sich schon denken, ob der kleine Stumme der Königin Zadig bediente oder nicht! Darauf ließ man die Ritter bis zum nächsten Morgen allein schlafen, um welche Zeit der Sieger dem Obermagier seinen Wahlspruch zum Vergleich überbringen und sich zu erkennen geben sollte.

Zadig war so ermüdet, daß er trotz seiner Liebe fest schlief. Itobad jedoch, der in dem Zimmer neben ihm lag, schlief nicht. Mitten in der Nacht stand er auf, betrat Zadigs Gemach, nahm seine weiße Rüstung und seinen Wahlspruch an sich und legte seine grüne Rüstung an ihre Stelle. Bei Tagesanbruch begab er sich dann zu dem Obermagier, um zu verkünden, daß »ein Mann wie er« der Sieger gewesen. Man war nicht darauf gefaßt gewesen, aber er wurde nun doch bekannt gegeben, während Zadig noch schlief. Verwundert und verzweifelten Herzens kehrte Astarte nach Babylon zurück. Als Zadig erwachte, war das ganze Amphitheater bereits fast leer. Er suchte nach seinen Waffen, fand nur die grüne Rüstung, und da er sonst nichts bei sich hatte, mußte er sie wohl oder übel anlegen. Erstaunt, empört und wütend zugleich schnallte er sie an und begab sich hinaus.

Alle, die noch im Amphitheater und unten im Zirkus waren, empfingen ihn mit Hohngelächter. Man umringte ihn und überhäufte ihn mit Spott und Schmach. Niemals zuvor hatte je ein Mensch so demütigende Kränkungen erduldet. Schließlich riß ihm die Geduld: mit Schwerthieben verscheuchte er den Pöbel, der ihn zu beschimpfen wagte; was er jedoch weiter tun sollte, wußte er nicht. Er konnte die Königin weder sprechen, noch die weiße Rüstung einfordern, die sie ihm geschenkt, denn das würde sie bloßgestellt haben; und so kam es denn, daß er vor Zorn und Unruhe sich nicht zu lassen wußte, während sie sich in ihrem Schloß dem tiefsten Schmerze hingab. Überzeugt, sein Stern habe ihm bestimmt, ewig unglücklich zu sein, wanderte er längs den Ufern des Euphrats dahin und überdachte noch einmal all das Mißgeschick, das ihm seit dem Abenteuer mit jenem Weibe, das die Einäugigen nicht leiden konnte, bis zu dem Verschwinden seiner Rüstung widerfahren. »Das kommt davon,« sprach er, »daß ich zu spät erwacht bin; hätte ich nicht so lange geschlafen, wäre ich jetzt König von Babylon und Astartens Gatte. Wissenschaft, Tugend, Tapferkeit, alles hat stets nur zu meinem Unglück beigetragen«, und schließlich widerfuhr's ihm, wider die Vorsehung zu murren. Er fühlte sich versucht zu glauben, alles werde durch ein grausames Verhängnis gelenkt, welches die Guten unterdrücke und den grünen Rittern zum Glück verhelfe. Es kränkte ihn auch, diese grüne Rüstung tragen zu müssen, die ihm so viel Hohn und Spott eingebracht, und so überließ er sie um ein Geringes einem vorüberziehenden Kaufmanne und erhandelte von ihm einen Rock und eine lange Mütze. In diesem Aufzuge schritt er weiter an den Ufern des Euphrats entlang, das Herz erfüllt von Verzweiflung und geheimen Vorwürfen wider die Vorsehung, die ihn unablässig verfolgte.

 

Zwanzigstes Kapitel: Der Einsiedler.

Unterwegs begegnete er einem Einsiedler, dessen ehrwürdiger weißer Bart bis auf den Gürtel herabreichte. Er hielt ein Buch in der Hand, in dem er aufmerksam las; Zadig blieb stehen und verneigte sich tief vor ihm. Der Einsiedler erwiderte seinen Gruß mit so freundlichem Adel, daß Zadig von dem Verlangen erfaßt wurde, sich mit ihm zu unterhalten, und so fragte er ihn denn, in welchem Buche er läse. »Im Buch des Schicksals,« entgegnete der Einsiedler, »willst auch du ein wenig darin lesen?« Mit diesen Worten legte er das Buch in Zadigs Hände, und obgleich dieser doch so gar viele Sprachen beherrschte, vermochte er nicht einen einzigen Buchstaben in dem Buche zu entziffern; das steigerte noch seine Wißbegier. »Du erscheinst mir recht voller Gram«, sprach nun der gute Vater zu ihm. »Ach, ich habe es wohl Ursache«, erwiderte Zadig. »Wenn du mir erlauben wolltest, dich zu begleiten,« entgegnete der Greis, »könnte ich dir vielleicht nützlich sein. Schon oft ist es mir geglückt, Gefühle des Trostes in den Seelen Unglücklicher zu erwecken.« Zadig empfand Ehrfurcht vor der Miene, dem Barte und dem Buche des Einsiedlers, und in seinen Gesprächen entdeckte er bald eine höhere Einsicht. Der Einsiedler sprach über das Schicksal, die Gerechtigkeit, die Sittlichkeit, das höchste Gut, die menschliche Schwachheit und über die Tugenden und die Laster mit so lebhafter und eindringlicher Beredsamkeit, daß Zadig sich durch einen unwiderstehlichen Zauber zu ihm hingezogen fühlte. Er bat ihn inständigst, ihn nicht zu verlassen, bis sie wieder nach Babylon zurückgekehrt sein würden. »Um diese Gefälligkeit bitte ich dich selber,« sprach der Greis, »schwöre mir bei Oromazes, daß du dich in den nächsten Tagen nicht von mir trennen willst, was auch immer ich tun möchte.« Zadig schwur, und sie brachen zusammen auf.

Gegen Abend langten die beiden Wanderer vor einem herrlichen Schlosse an. Der Eremit bat um Gastfreundschaft für sich und den jungen Mann, der ihn begleite. Der Türhüter, den man für einen großen Herrn hätte halten können, ließ sie mit einer Art geringschätziger Güte eintreten. Dann wurden sie einem Oberbedienten zugeführt, der ihnen die prächtigen Gemächer des Herrn zeigte. An der Tafel wies man ihnen die untersten Plätze an, ohne daß der Schloßherr sie nur eines Blickes gewürdigt hätte; sonst aber wurden sie wie alle anderen mit den auserwähltesten Speisen reichlich bedient, und zuletzt reichte man ihnen Waschwasser in einem goldenen mit Smaragden und Rubinen besetzten Becken. Nach der Tafel führte man sie in ein herrliches Schlafgemach. Am nächsten Morgen überreichte ein Diener jedem von ihnen ein Goldstück, und damit wurden sie verabschiedet.

»Der Herr des Hauses,« sprach Zadig unterwegs, »scheint mir ein freigebiger, wenn auch etwas hoffärtiger Mann zu sein, in jedem Falle aber weiß er Gastfreundschaft auf gar großmütige Art zu üben.« Während er diese Worte sprach, bemerkte er, daß eine Art Beutel oder Tasche, die der Eremit trug, auffällig gespannt und gebläht war, und als er näher zusah, entdeckte er darin das edelsteinverzierte Goldbecken, das der Einsiedler gestohlen haben mußte. Er wagte zunächst nicht, sich etwas merken zu lassen, fühlte sich aber höchlichst betroffen.

Gegen Mittag klopfte der Einsiedler an die Tür eines kleinen Häuschens, in dem ein reicher Geizhals wohnte, und bat um einige Stunden Gastfreundschaft. Ein alter, schlecht gekleideter Diener empfing ihn in barschem Ton und wies ihn dann mit Zadig in einen Stall, wo man ihnen einige faule Oliven, schlechtes Brot und Bier vorsetzte. Der Eremit aß und trank mit ebenso zufriedenem Gesicht wie am Abend vorher; dann wandte er sich an den alten Diener, der sie beide scharf beobachtete, um zu sehen, ob sie auch nichts entwendeten, und sie fortwährend zum Aufbruch drängte, und gab ihm die beiden Goldstücke, die sie morgens bekommen hatten, und dankte ihm für all seine Gefälligkeit. »Ich bitte dich,« setzte er hinzu, »führe mich auch zu deinem Herrn.« Verblüfft gehorchte der Diener. »Hochmögender, freigebiger Herr,« sprach nun der Eremit, »ich kann dir für die edle Art, in der du uns aufgenommen, nur demütigsten Dank abstatten. Wolle indes dennoch dieses goldene Becken als einen schwachen Beweis meiner Erkenntlichkeit annehmen.« Der Geizhals wäre beinahe auf den Rücken gefallen, der Einsiedler ließ ihm jedoch keine Zeit, sich von seinem Erstaunen zu erholen, sondern entfernte sich mit seinem jungen Begleiter aufs schnellste. »Sag' mir, mein Vater,« sprach Zadig, »was hat dies alles, so ich an dir gewahre, zu bedeuten? In nichts scheinst du mir anderen Menschen ähnlich zu sein! Du stiehlst ein goldenes mit Edelsteinen besetztes Becken einem Edelmann, der dich freigebig bewirtete, und schenkst es darauf einem Geizhals, der dich aufs unwürdigste behandelt hat.« »Mein Sohn,« erwiderte der Greis, »jener gastfreie Mann, der die Fremden nur aus Eitelkeit aufnimmt, um seine Reichtümer von ihnen bewundern zu lassen, wird von nun an vorsichtiger werden, der Geizige aber Gastfreundschaft üben lernen! Wundere dich über nichts und folge mir.« Zadig wußte noch nicht, ob er es mit dem tollsten oder dem weisesten aller Menschen zu tun hatte, aber der Einsiedler sprach mit solchem Übergewicht, daß Zadig, der ohnedies durch seinen Eid gebunden war, nicht umhin konnte, bei ihm zu bleiben.

Abends gelangten sie vor ein schlicht aber gefällig gebautes Haus, in dem nichts weder auf Verschwendung, noch auf Geiz schließen ließ. Der Hausherr war ein Philosoph, der sich aus der Welt zurückgezogen hatte und nun in Frieden einzig der Weisheit und der Tugend lebte, ohne sich dabei im geringsten zu langweilen. Es hatte ihm behagen wollen, sich diese Zufluchtsstätte zu schaffen, in der er nun die Fremden auf eine schlichte, edle und herzlich bescheidene Weise willkommen hieß. Er ging den beiden Wanderern selber entgegen und führte sie zunächst in ein bequemes Gemach, auf daß sie sich ausruhen möchten. Um einiges später holte er sie wiederum selber von dort ab, um sie zu einem einfachen, aber um so schmackhafteren Mahle zu bitten, während dessen er sich zurückhaltend über die letzten Aufstände in Babylon äußerte. Er schien der Königin aufrichtig ergeben zu sein und gab dem Wunsche Ausdruck, Zadig möchte mit den anderen Bewerbern um die Krone gekämpft haben. »Aber,« fügte er hinzu, »die Menschen verdienen es nicht, einen König wie Zadig zu haben.« Dieser errötete und fühlte seine Schmerzen sich verdoppeln. Man einigte sich im Gespräch darüber, daß sich die Dinge in dieser Welt nicht immer nach dem Gefallen der Weisesten zu ordnen pflegten. Der Einsiedler hielt jedoch stets aufrecht, daß man die Wege der Vorsehung nicht kennte und die Menschen sehr unrecht daran täten, über ein Ganzes zu urteilen, von dem sie doch nur den kleinsten Teil wahrnähmen.

Man sprach dann von den Leidenschaften. »Oh, die verderblichen!« rief Zadig. »Sie sind die Winde, die die Segel des Schiffes blähen,« entgegnete der Einsiedler; »sie versenken es wohl zuweilen, aber ohne sie könnte es nicht segeln. Die Galle macht zornig und krank, und doch könnte der Mensch ohne sie nicht leben; alles hienieden ist gefährlich, und alles ist notwendig!«

Man sprach von der Lust, und der Einsiedler bewies, daß sie ein Geschenk der Gottheit sei. »Denn,« sprach er, »der Mensch vermag sich weder Empfindungen, noch Begriffe selber zu schaffen; er empfängt alles, Schmerz und Lust stammen wie sein ganzes Wesen wo anders her.«

Zadig bewunderte es, wie ein Mann, der doch so gar ungereimte Dinge getan, dennoch so vernünftig zu sprechen vermöchte. Nach einer so lehrreichen wie angenehmen Unterhaltung führte der Wirt endlich seine Gäste wieder in ihr Zimmer und segnete den Himmel dafür, ihm zwei so weise und tugendhafte Menschen ins Haus geführt zu haben. Auf eine völlig ungezwungene und doch so edle Weise, daß sie sich nicht dadurch gekränkt fühlen konnten, bot er ihnen Geld an. Der Einsiedler schlug es aus und sagte, er wolle schon jetzt von ihm Abschied nehmen, da sie noch vor Tagesanbruch nach Babylon aufzubrechen gedächten. Ihr Abschied war herzlich, und vor allem Zadig fühlte sich ganz erfüllt von Achtung und Neigung zu einem so liebenswürdigen Manne.

Als er und der Einsiedler nun allein in ihrem Zimmer waren, lobten sie ihren Wirt noch lange. Bei Tagesanbruch weckte der Greis seinen Gefährten: »Wir müssen aufbrechen,« sagte er, »aber während das ganze Haus noch schläft, will ich diesem Manne ein Zeichen meiner Achtung und meiner Zuneigung hinterlassen.« Mit diesen Worten ergriff er eine Fackel und steckte das Haus in Brand. Zadig schrie entsetzt auf und suchte ihn an der Vollführung einer so abscheulichen Tat zu hindern; der Einsiedler jedoch riß ihn mit übernatürlicher Kraft mit sich fort, und schon stand das Haus in lichten Flammen. Als der Einsiedler mit seinem Gefährten eine Strecke weit fortgeeilt war, wandte er sich um und sah es ruhig brennen. »Gott sei gelobt,« sprach er, »bald liegt das Haus unseres lieben Freundes in Schutt und Asche, der glückliche Mann!« Bei diesen Worten fühlte sich Zadig zugleich versucht, laut aufzulachen, den ehrwürdigen Vater zu schmähen, zu prügeln und dann davonzulaufen; er tat jedoch von alledem nichts, sondern folgte ihm, gebannt durch den rätselvollen Hauch, der von dem Einsiedler ausging, wider Willen bis zur letzten Nachtherberge.

Sie kehrten diesmal bei einer wohltätigen und tugendhaften Witwe ein, die mit ihrem vierzehnjährigen vielversprechenden Neffen, der ihre einzige Hoffnung war, zusammen lebte. Sie nahm die Fremden so gut auf, wie es nur irgend in ihren Kräften stand, und am nächsten Morgen hieß sie ihren Neffen die beiden Wanderer bis zu einer Brücke geleiten, die seit kurzem geborsten und so zu einem gar gefährlichen Übergange geworden war. Diensteifrig schritt der Knabe vor ihnen her. Als sie mitten auf die Brücke gelangt waren, sprach der Einsiedler zu dem Knaben: »Komm her, mein Kind, ich will nun deiner Tante meine Dankbarkeit beweisen.« Mit diesen Worten packte er ihn bei den Haaren und warf ihn mitten in den Fluß hinab. Der Knabe ging unter, tauchte nach einem Augenblick noch einmal an die Oberfläche und ward dann vom Strome verschlungen. »Oh, du Ungeheuer, du Abscheulicher, du Bösewicht«, schrie Zadig auf. »Du hattest mir mehr Geduld versprochen«, unterbrach ihn der Einsiedler. »So vernimm denn, daß unter den Trümmern jenes Hauses, das die Vorsehung in Brand steckte, sein Besitzer einen unermeßlichen Schatz gefunden, wisse, daß dieser Knabe, den die Vorsehung ersäuft hat, in einem Jahre seine Tante und in zweien dich ermordet haben würde.« »Wer hat dir das gesagt, du Unmensch,« rief Zadig, »und selbst wenn du das Kommen dieser Ereignisse in deinem Schicksalsbuche vorausgelesen hättest, wer erlaubt dir ein Kind zu ersäufen, das dir nichts Böses getan?«

Während der Babylonier noch sprach, gewahrte er plötzlich, daß der Greis keinen Bart mehr hatte und sein Antlitz den Schmelz der Jugend annahm; sein Einsiedlergewand war verschwunden, vier schöne Flügel bedeckten einen majestätischen Leib und sandten helle Strahlen rings umher: »Oh, Bote des Himmels, oh, göttlicher Engel,« rief Zadig und warf sich zu Boden nieder, »so stiegest du vom Himmel hernieder, um einem schwachen Sterblichen Unterwerfung unter die ewigen Gesetze zu lehren?« »Die Menschen,« sprach der Engel Jesra, »urteilen über alles und wissen nichts, du jedoch verdientest von ihnen allen am ehesten erleuchtet zu werden.« Zadig bat nun um die Erlaubnis, sprechen zu dürfen: »Ich mißtraue zwar durchaus meiner eigenen Meinung, dürfte ich jedoch die Bitte an dich wagen, mir einen Zweifel zu erhellen? Wäre es nicht vielleicht vernünftiger gewesen, diesen Knaben zu bessern und ihn tugendhaft zu machen, anstatt ihn zu ertränken?« Jesra erwiderte: »Wäre er tugendhaft geworden und am Leben geblieben, so war es ihm bestimmt, zusammen mit der Frau, die er geheiratet, und den Söhnen, die sie ihm geboren, ermordet zu werden.« »Mein Gott,« rief Zadig, »ist es denn durchaus notwendig, daß es Verbrechen und Unglück gibt, und daß das Unglück gerade die Guten heimsucht?« »Die Bösen,« erwiderte Jesra, »sind stets unglücklich: sie dienen zur Prüfung der kleinen Zahl der Gerechten, die auf Erden wandeln. Kein Unglück geschieht, aus dem da nicht auch ein Gutes entspränge!« »Wenn es nun aber,« sprach Zadig, »eben nur Gutes und gar kein Böses gäbe?« »Dann,« entgegnete Jesra, »dann würde diese Erde eben eine andere Erde sein, die Verkettungen der Begebenheiten wären nach anderen Gesetzen geordnet, und diese Ordnung, die einer Vollkommenheit gleichkäme, darf nur an dem ewigen Wohnsitze des höchsten Wesens herrschen, in dessen Nähe das Böse nicht dringen kann. Millionen Welten erschuf dieses Wesen, von denen keine der anderen gleicht, und deren unermeßliche Verschiedenheit eine Eigenschaft seiner unermeßlichen Macht ist. Es gibt weder zwei Blätter auf einem irdischen Baume, noch zwei Weltkugeln in den unendlichen Gefilden des Himmels, welche einander völlig gleich sind, und alles, was du auf diesem kleinen Atom, auf dem du geboren bist, erblickest, mußte nach den unwandelbaren Gesetzen dessen, der da alles umspannt, seinen bestimmten Platz und seine bestimmte Zeit haben. Die Menschen wähnen, jenes Kind, das da soeben gestorben, sei aus Zufall ins Wasser gefallen, und aus einem gleichen Zufalle sei jenes Haus niedergebrannt; aber es gibt keinen Zufall, alles ist entweder Prüfung oder Strafe oder Belohnung oder Vorhersehung. Erinnere dich jenes Fischers, der sich für den unglücklichsten aller Menschen hielt: Oromazes hatte dich dazu ausersehen, sein Geschick zu wenden. Schwacher Sterblicher, höre auf, wider das zu streiten, was dir anzubeten geziemet.«

»Aber«, sagte Zadig ... Als er jedoch dieses Wort ausgesprochen, hatte der Engel bereits seinen Flug nach der zehnten Sphäre angetreten. Auf den Knieen liegend, betete Zadig die Vorsehung an und unterwarf sich. »Wandle gen Babylon«, rief ihm der Engel aus den oberen Lüften zu.

 

Einundzwanzigstes Kapitel: Die Rätsel.

Wie ein Mann, neben dem ein Donner niedergeschlagen, so eilte Zadig in seinen Tiefen erschüttert von dannen. Er gelangte an jenem Tage nach Babylon, an welchem die, so in den Schranken gekämpft, bereits in der Vorhalle des Palastes versammelt waren, um die Rätsel zu lösen und auf die Fragen des Obermagiers zu antworten. Alle Ritter waren eingetroffen, nur die grüne Rüstung fehlte. Sobald Zadig sich in der Stadt zeigte, sammelte sich alles Volk rings um ihn, und aller Augen wurden nicht müde, ihn anzuschauen, aller Mund nicht, ihn zu segnen, und aller Herzen nicht, ihm das Reich zu wünschen. Der Neidische sah ihn vorübergehen, erbebte und wandte sich ab, das Volk dagegen trug ihn auf seinen Schultern bis an den Ort der Versammlung. Die Königin, der man seine Ankunft meldete, ward von allen Schauern der Furcht und der Hoffnung ergriffen, und Unruhe verzehrte sie; sie vermochte weder zu begreifen, warum Zadig unbewaffnet war, noch warum Itobad die weiße Rüstung trug. Ein dumpfes Gemurmel erhob sich, als man Zadigs ansichtig wurde; man war überrascht und entzückt, ihn zu sehen; der Zutritt zur Versammlung war jedoch nur den Rittern gestattet, die gekämpft hatten.

»Ich habe gekämpft wie die übrigen,« rief er, »aber ein anderer trägt hier meine Rüstung, und ehe mir die Ehre zuteil wird, dies darzutun, bitte ich um die Erlaubnis, mich zur Lösung der Rätsel einstellen zu dürfen.« Man schritt zur Abstimmung, und der Ruf seiner Rechtschaffenheit stand noch so fest in aller Herz geschrieben, daß man sich keinen Augenblick lang besann, ihn zuzulassen.

Der Obermagier stellte zuerst die folgende Frage: »Welches von allen Dingen der Welt ist das längste und das kürzeste, das schnellste und das langsamste, das teilbarste und das ausgedehnteste, das vernachlässigste und das ersehnteste, das Ding, ohne welches nichts geschehen kann, und das alles verschlingt, was klein, und alles belebt, was groß ist.«

Die Reihe zu sprechen war an Itobad, er sagte: ein Mann wie er verstehe sich nicht auf Rätsel, es genüge ihm vollkommen, mit tüchtigen Lanzenstößen obgesiegt zu haben. Von den anderen meinten die einen, das Lösungswort sei das Glück, andere sagten, die Erde sei's, und wieder andere nannten das Licht. Zadig sprach: »Es ist die Zeit! Nichts ist länger,« setzte er hinzu, »denn sie ist das Maß der Ewigkeit, nichts kürzer, denn sie fehlt uns bei allen unseren Plänen, nichts ist langsamer als sie für den, der wartet, nichts schneller für den, der genießt; im großen dehnt sie sich bis ins Unendliche, und bis ins Unendliche teilt sie sich im kleinen; alle Menschen vernachlässigen sie, und doch beseufzt ein jeglicher ihren Verlust; nichts kann ohne sie geschehen, und alles, was der Nachwelt unwert ist, bringt sie in Vergessenheit: die großen Dinge dagegen macht sie unsterblich.« Einstimmig erkannte die Versammlung, daß Zadig das Rechte getroffen.

Darauf wurde gefragt: »Was empfängt man, ohne dafür zu danken, wessen genießt man, ohne zu wissen, wie, was schenkt man anderen, ohne zu wissen, wie es zugeht, und was verliert man, ohne es gewahr zu werden?«

Jeder sagte, was ihm einfiel; Zadig allein erriet, daß es das Leben sei, und mit gleicher Leichtigkeit löste er alle übrigen Rätsel. Itobad verfehlte nicht, stets dazwischen zu rufen, das Rätsel sei kinderleicht gewesen, und auch er würde es geraten haben, wenn er sich nur hätte Mühe geben wollen. Darauf stellte man Fragen über die Gerechtigkeit, über das höchste Gut und über die Kunst zu herrschen, und stets wurden Zadigs Antworten für die gediegensten erkannt. »Wie schade,« rief man, »daß ein so kluger Kopf auf einem so schlechten Ritter sitzet.«

»Hochmögende Herren,« rief da Zadig, »mir ward die Ehre, auch in den Schranken zu siegen, denn mir gehört die weiße Rüstung. Der hochedle Itobad bemächtigte sich ihrer, während ich schlief; wahrscheinlich glaubte er, sie stünde ihm besser als die grüne. Ich erkläre mich bereit, in diesem meinem schlichten Gewande und nur mein Schwert in der Hand, ihm vor euch gegen seine ganze schöne weiße Rüstung, die er mir entwendet hat, zu beweisen, daß mir die Ehre zuteil ward, den tapferen Otam zu besiegen.«

Itobad nahm die Herausforderung mit dem größten Selbstvertrauen an; es erschien ihm nur allzu gewiß, daß er, so behelmt, bepanzert und beschient wie er war, gar leicht mit einem Kämpen in Nachtmütze und Schlafrock fertig werden würde. Zadig zog sein Schwert und grüßte die Königin, die ihn vor Furcht und Freude bebend anblickte. Auch Itobad zog das seine, aber er grüßte niemanden. Wie ein Mensch, der nichts zu fürchten hat, schritt er auf Zadig zu und schickte sich an, ihm den Schädel zu spalten. Zadig jedoch wußte den Hieb derart geschickt abzufangen, daß das Schwert Itobads zersprang, indem er nämlich, wie man es zu nennen pflegt, die Schwertschwäche seines Gegners auf seine Schwertstärke auffallen ließ. Darauf faßte Zadig seinen Gegner um den Leib, warf ihn zu Boden und setzte ihm die Spitze seines Schwertes in die Lücke zwischen Helm und Harnisch. »Laß dich entwaffnen, oder ich töte dich.« Verwundert über all das Mißgeschick, das einem Mann »wie ihm« zustoßen konnte, ließ Itobad Zadig ruhig gewähren. Gelassen nahm dieser ihm seinen prächtigen Helm, seinen herrlichen Panzer, seine schönen Armschienen und die glänzenden Beinkrebse ab, bedeckte seinen eigenen Leib damit, und warf sich dann in voller Rüstung zu Astartens Füßen nieder. Kador war es ein leichtes, zu beweisen, daß die Waffen stets Zadig gehört hatten. Einstimmig wurde er nun als König anerkannt, vor allem aber von Astarte, welcher nach so vielen Schicksalsunbilden endlich die Freude beschieden war, ihren Geliebten in den Augen der ganzen Welt für würdig erkannt zu sehen, fortan ihr Gatte zu sein. Itobad ging nach Hause, um sich dort Durchlaucht nennen zu lassen. Zadig wurde König und ward glücklich. Stets blieb ihm gegenwärtig, was ihm der Engel Jesra gesagt, er gedachte sogar des Sandkornes, das zum Diamanten geworden. Er und die Königin beteten die Vorsehung an. Die schöne launenhafte Missuf ließ Zadig ihrer Wege ziehen, den Räuber Arbogad dagegen beschied er zu sich und gab ihm einen ehrenvollen Posten im Heere mit dem Versprechen, ihn zu den höchsten Würden zu befördern, falls er sich wie ein echter Krieger betrage, und ihn hängen zu lassen, wenn er noch einmal auf sein Räüberhandwerk verfiele.

Setock wurde mit seiner schönen Almona aus dem tiefsten Schoße Arabiens herbeigerufen, um an die Spitze des Handels in Babylon zu treten. Kador wurde angestellt und gehegt, wie seine Dienste es verdienten. Er blieb der Freund des Königs, und so wurde Zadig der einzige Herrscher auf Erden, der einen Freund besaß. Auch der kleine Stumme ward nicht vergessen, und dem Fischer schenkte man ein schönes Haus. Orkan wurde verurteilt, ihm eine große Geldsumme auszuzahlen und ihm seine Frau wiederzugeben, aber der Fischer, der inzwischen gescheit geworden war, nahm nur das Geld.

Die schöne Semira vermochte sich niemals darüber zu trösten, daß sie einst geglaubt, Zadig habe ein Auge verloren, und Assora weinte bis an ihr Lebensende darüber, daß sie ihm hatte die Nase abschneiden wollen. Er linderte durch Geschenke ihre Schmerzen. Der Neider starb vor Wut und Scham. In Frieden, Ruhm und Überfluß erblühte das Reich, die Erde durchlebte ihr schönstes Zeitalter, sie wurde regiert von Gerechtigkeit und Liebe, und man segnete Zadig dafür, und Zadig segnete den Himmel.

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