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François Marie Arouet de Voltaire: Erzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorFrançois Marie Arouet de Voltaire
titleErzählungen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year1924
translatorErnst Hardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130917
projectid17ae402b
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Hans und Klaas

1764

 

Mehrere glaubwürdige Personen haben Hans und Klaas in Issoire, einer wegen ihres Kollegiums und ihrer Kochkessel auf dem ganzen Erdenrunde berühmten Stadt der Auvergne, zusammen in der Schule gesehen. Hans war der Sohn eines sehr geschätzten Maultierhändlers, Klaas verdankte sein Leben einem wackeren Ackersmann aus der Umgegend, welcher das Land mit vier Maultieren bebaute und sich jedesmal nach dem Bezahlen der Bürgersteuer, der Beisteuer, der Zehr- und Salzsteuer (einen Pfennig aufs Pfund) und der Kopf- und Bodenertragssteuer am Schluß des Jahres nicht gar übermäßig reich sah.

Für Auvergnaten waren Hans und Klaas recht hübsch: sie liebten einander sehr und hatten zusammen kleine Vertraulichkeiten und Gemeinsamkeiten, an die man stets mit Freuden zurückdenkt, wenn man einander später wiederbegegnet in der Welt.

Die Zeit ihrer Studien näherte sich gerade ihrem Ende, als ein Schneider dem Hans einen Anzug aus dreifarbigem Samt mit einer äußerst geschmackvollen Lyonäser Weste überbrachte; das Ganze begleitete ein Brief an Herren von der Hänserich. Klaas bewunderte den Anzug und ward keineswegs eifersüchtig, Hans jedoch nahm einen überlegenen Ausdruck an, was Klaas betrübte. Von diesem Augenblicke an lernte Hans nichts mehr, besah sich im Spiegel und verachtete alle Welt. Einige Zeit darauf kam ein Kammerdiener mit der Post und brachte einen zweiten Brief an den Herren Marquis von der Hänserich; er enthielt ein Geheiß seines Herren Vaters, des Inhaltes, sein Herr Sohn möge nach Paris kommen. Hans bestieg die Kutsche und reichte Klaas mit einem recht fürnehmen Beschützerlächeln lässig die Hand. Klaas empfand seine Nichtigkeit und weinte. Hans reiste im vollen Gepränge seines Ruhmes ab.

Die Leser, welche gern unterrichtet sein wollen, sollen erfahren, daß Herr Hans der Vater ziemlich schnell ein ungeheures Vermögen in Geschäften erworben hatte. Ihr fragt, auf welche Weise man denn solche großen Vermögen erwerbe? Man muß Glück haben. Herr Hans war wohlgewachsen, seine Frau ebenfalls, und sie war auch noch recht jugendfrisch. Sie waren wegen eines Prozesses, der sie zugrunde richtete, nach Paris gefahren, und da brachte sie das Schicksal, das die Menschen nach seiner Willkür erhebt und hinabstößt, mit der Frau eines Militärkrankenhausunternehmers zusammen, eines außergewöhnlich begabten Mannes, der sich rühmen konnte, innerhalb eines Jahres mehr Soldaten getötet zu haben, als eine Kanone in zehn Jahren umbringt. Hans gefiel der Gattin, Hansens Frau dem Gatten, und gar bald war Hans an dem Unternehmen beteiligt. Aber er ließ sich auch noch auf andere Geschäfte ein. Sobald man erst einmal in den Strom des Wassers gelangt ist, braucht man sich nur noch treiben zu lassen; mühelos macht man ein unermeßliches Vermögen. Die armen Lumpe, die einen vom Ufer aus mit vollen Segeln dahinschaukeln sehn, reißen verwunderte Augen auf; sie begreifen nicht, wie's einem hat gelingen können, beneiden uns aufs Geratewohl und verfassen Schmähschriften gegen uns, welche man aber nicht liest. Dies widerfuhr denn auch Hans dem Vater, der gar bald Herr von der Hänserich wurde, und, nachdem er im Lauf eines halben Jahres ein Marquisat gekauft, den Herren Marquis, seinen Sohn, aus der Schule nahm, um ihn in Paris in die vornehme Welt zu bringen.

Der stets zärtliche Klaas schrieb einen Brief voller Artigkeiten an seinen alten Kameraden, und zwar: um ihn zu beglückwünschen. Der kleine Marquis antwortete nicht, und Klaas ward darüber krank vor Gram.

Vater und Mutter nahmen für den jungen Marquis zunächst einen Hofmeister an: dieser Hofmeister, ein gar feiner Mann, der nichts wußte, konnte seinen Zögling auch nichts lehren. Der gnädige Herr wünschten, sein Sohn solle Latein lernen, die gnädige Frau jedoch wünschten es nicht. Sie erwählten einen Schriftsteller zum Schiedsrichter, der damals durch gefällige Arbeiten gerade berühmt war: er wurde zum Essen geladen. Der Herr des Hauses begann das Gespräch mit den Worten: »Da Sie Latein können, mein Herr, und ein Hofmann sind..« »Ich, Latein, Herr? Ich weiß kein Wort Latein,« unterbrach ihn der Schöngeist, »und fahre gut dabei, denn es ist klar, daß man seine eigene Sprache viel besser spricht, wenn man seinen Fleiß nicht zwischen ihr und fremden Sprachen teilt: sehen Sie einmal all unsere Damen an, aller Geist ist angenehmer als der der Männer, und ihre Briefe sind mit hundertmal mehr Anmut geschrieben; diese Überlegenheit über uns verdanken sie nur dem einen Umstände, daß sie kein Latein wissen.«

»Siehst du, hatte ich nicht recht«, rief die Gattin. »Ich will, daß mein Sohn ein geistvoller Mann werde und in der Welt vorwärts komme; wüßte er Latein, so würde er, wie du nun wohl einsiehst, verloren sein: spielt man denn etwa, wenn's beliebt, Schauspiele oder Opern auf lateinisch, verteidigt man sich vor Gericht in einem Prozesse auf lateinisch, liebt man gar auf lateinisch?« Von diesen Vernunftsgründen geblendet, sah der Gatte sein Unrecht ein, und so wurde denn beschlossen, der junge Marquis solle seine Zeit nicht damit verlieren, Cicero, Horaz und Virgil kennen zu lernen. Was sollte er aber lernen, denn irgend etwas mußte er doch schließlich wissen: könnte man ihn nicht ein wenig in Geographie unterrichten lassen? »Wozu ihm das wohl nützlich sein sollte!« erwiderte der Hofmeister. »Wenn der Herr Marquis einst auf seine Güter reisen wird, werden dann die Postkutscher die Wege etwa nicht wissen? Gewißlich werden sie ihn nicht in die Irre fahren! Zum Reisen braucht man keinen Quadranten, und von Paris nach der Auvergne gelangt man gar bequem, ohne daß man zu wissen nötig hätte, unter welcher Breite man sich befindet.«

»Sie haben recht,« erwiderte der Vater, »aber ich habe von einer schönen Wissenschaft sprechen hören, welche man, glaube ich, Astronomie nennt.« »Es ist ein Jammer!« entgegnete der Hofmeister. »Richtet man denn in dieser Welt sein Leben nach den Gestirnen, und täte es not, daß der Herr Marquis sich mit der Berechnung einer Finsternis zu Tode quälte, da er sie ja doch genau im Kalender angegeben findet, im Kalender, der ihn außerdem noch die beweglichen Feste, das jeweilige Alter des Mondes und das Alter sämtlicher Prinzessinnen Europas lehrt?«

Die gnädige Frau war völlig der Meinung des Hofmeisters, der kleine Marquis wußte sich vor Freuden kaum zu lassen, und der Vater blieb unentschlossen. »Was soll meinem Sohne dann aber gelehrt werden?« rief er. »Liebenswürdig zu sein,« antwortete der Freund, den man nun um Rat fragte; »besitzt er erst die Mittel, zu gefallen, so kann er alles, und diese Kunst wird er bei seiner Frau Mutter erlernen, ohne daß es weder ihr noch ihm die geringste Mühe kosten soll.«

Auf diese Rede hin umarmte die gnädige Frau den artigen Nichtswisser und sagte zu ihm: »Man sieht es wohl, mein Herr, Sie sind der gelehrteste Mann von der Welt, mein Sohn wird Ihnen seine ganze Bildung zu verdanken haben: dennoch meine ich, es würde nicht schlecht sein, wenn er etwas Geschichte wüßte.« »Ach, gnädige Frau, wozu sollte ihm das wohl frommen,« erwiderte jener, »angenehm und nützlich ist gewißlich nur die Geschichte des Tages, alle alte Geschichte ist, wie einer unserer Schöngeister Fontenelle gesagt hat, nur ein vorsätzlich geglaubtes Märchen und die moderne ein Chaos, das man nicht zu entwirren vermag: was verfängt es Ihrem Herren Sohn, daß Karl der Große die zwölf Pairs von Frankreich eingesetzt und sein Nachfolger gestottert hat?«

»Wohl gesprochen,« rief der Hofmeister aus, »man erstickt den Verstand der Kinder unter einem Haufen unnützer Kenntnisse, aber die meiner Meinung nach abgeschmackteste aller Wissenschaften, welche zugleich auch jegliche Art geistiger Kraft am ehesten erstickt, ist die Geometrie. Diese lächerliche Wissenschaft hat Flächen, Linien und Punkte zum Gegenstande, welche es in der Natur nicht gibt: man läßt im Geiste hunderttausend krumme Linien zwischen einem Kreise und einer ihn berührenden geraden Linie durchlaufen, obgleich man in der Wirklichkeit nicht einen Strohhalm hindurchschieben könnte. Die Geometrie ist wahrhaftig nur ein schlechter Scherz.«

Der gnädige Herr und die gnädige Frau verstanden nicht allzugut, was der Hofmeister sagen wollte, aber sie waren völlig seiner Meinung.

»Ein Standesherr wie der Herr Marquis«, fuhr er fort, »soll sich das Hirn in dergleichen eitlen Studien nicht dörren; wenn er eines Tages zur Aufnahme des Planes seiner Güter eines gewiegten Geometers bedarf, so kann er sie für Geld ausmessen lassen, und sollte er das Alter seines in die frühesten Zeiten hinaufreichenden Adels erforschen wollen, so wird er nach einem Benediktiner schicken. Ebenso steht es mit allen Künsten. Ein junger, glücklich veranlagt zur Welt gekommener Standesherr ist weder Maler noch Musiker noch Baumeister noch Bildhauer, aber er bewirkt die Blüte aller dieser Künste, indem er sie durch seine Prachtliebe ermutigt. Zweifelsohne ist es mehr wert, sie zu beschützen, denn sie auszuüben; es genügt, wenn der Herr Marquis Geschmack besitzen, den Künstlern liegt es ob, für ihn zu arbeiten, und hierin hat man vollkommen recht mit dem Worte: Standespersonen (ich meine solche, die sehr reich sind) wüßten alles, ohne etwas gelernt zu haben, weil sie in der Tat mit der Zeit über alle Dinge zu urteilen wissen, die sie bestellen und bezahlen!«

Der liebenswürdige Nichtswisser ergriff darauf das Wort und sagte: »Sie haben sehr fein bemerkt, gnädige Frau, daß das große Ziel des Menschen darin besteht, in der Gesellschaft Geltung zu erlangen: aufrichtig, erringt man diesen Erfolg jemals durch die Wissenschaften? Hat man es sich in guten Kreisen jemals beifallen lassen, von Geometrie zu sprechen? Fragt man einen Weltmann jemals, welcher Stern heute zusammen mit der Sonne aufginge? Erkundigt man sich bei der Abendtafel, ob Chlodwig der Merowinger den Rhein überschritt?« »Nein, gewißlich nicht,« rief die Marquise von der Hänserich, welche durch ihre Reize bisweilen mit der vornehmen Welt in Berührung gebracht worden war, »mein Herr Sohn soll seinen Geist nicht in dem Studium all dieses Plunders ersticken. Was soll man ihn schließlich dann aber lehren, denn es ist jedenfalls gut, wenn ein junger Standesherr bei Gelegenheit, wie mein Herr Gemahl sich ausdrückt, zu glänzen vermag. Ich entsinne mich, von einem Abbé sagen gehört zu haben, die angenehmste aller Wissenschaften sei etwas, dessen Namen ich vergessen habe, es fing aber mit einem H an.« – »Mit einem H, gnädige Frau? Sollte das nicht die Heortologie gewesen sein?« »Nein, von der Wissenschaft hat er mir nicht gesprochen, sie fing, sage ich Ihnen, mit einem H an und hörte mit einem ik auf.« »Oh, ich hab's, gnädige Frau, es war die Heraldik, das ist in der Tat eine sehr tiefe Wissenschaft; seit man jedoch die Gewohnheit verloren hat, sein Wappen auf die Türen seiner Karosse malen zu lassen, ist sie nicht mehr Mode; in einem wohlgeordneten Staatswesen war sie einst das nützlichste Ding von der Welt, heute würde dies Studium übrigens auch endlos sein, denn in unseren Tagen gibt es kaum noch einen Barbier, der nicht sein Wappen hätte – und Sie wissen: alles, was gemein wird, ist wenig geschätzt!« Schließlich, nachdem die starken und die schwachen Seiten sämtlicher Wissenschaften untersucht worden waren, wurde beschlossen, der Herr Marquis solle tanzen lernen.

Die alles wirkende Natur hatte ihm eine Gabe verliehen, die sich bald mit wunderbarem Erfolge entfaltete: die Gabe, gar artig Gassenhauer zu singen. Der Reiz der Jugend, der sich bei ihm mit dieser hervorragenden Begabung paarte, ließ ihn als einen jungen Mann erscheinen, der zu den allergrößten Hoffnungen berechtigte. Er ward von den Frauen geliebt, und da es in seinem Kopf über und über von Liedern schwirrte, machte er für seine Geliebten selber welche. Aus dem einen Singspiel stahl er »Bacchus und Amor«, aus einem anderen »Tag und Nacht«, aus einem dritten »Freuden und Leiden«; da seine Verse jedoch immer ein paar Füße mehr oder weniger hatten, als richtig war, ließ er sie für zwanzig Franken das Lied verbessern – und so wurde er denn bei der literarischen Jahresernte auf eine Stufe mit einem La Fare, Chaulieu, Hamilton, Sarrasin und Voiture gestellt.

Die Frau Marquise wähnte nun die Mutter eines schönen Geistes zu sein, und so lud sie die Pariser Schöngeister zu Tisch. Der Kopf des jungen Mannes war gar bald verdreht; er erwarb die Kunst zu sprechen, ohne selber ein Wort davon zu verstehen, und vervollkommnete sich in der Gewohnheit, ein rechter Taugenichts zu sein. Als sein Vater diese Beredsamkeit an ihm gewahr wurde, bedauerte er heftig, ihn nicht Latein lernen gelassen zu haben, denn dann hätte er ihm ein hohes Amt in der Jurisprudenz kaufen können. Die Mutter, welche edlere Empfindungen hegte, nahm es auf sich, ihrem Sohne ein Regiment zu verschaffen – und in der Zwischenzeit lag er der Liebe ob. Die Liebe ist bisweilen teurer als ein Regiment, und so gab er viel aus, während seine Eltern ihren Beutel noch weit mehr erschöpften, um die großen Herren zu spielen.

Eine junge altadlige Witwe, ihre Nachbarin, die nur ein mittelmäßiges Vermögen besaß, wollte sich entschließen, die großen Reichtümer des Herrn und der Frau von der Hänserich dadurch in Sicherheit zu bringen, daß sie sie sich aneignete und den jungen Marquis heiratete: sie zog ihn in ihr Haus, ließ sich anbeten, gab ihm zu verstehen, daß er ihr nicht gleichgültig sei, lenkte ihn behutsam, bezauberte ihn und unterjochte ihn mühelos: bald fütterte sie ihn mit Lob, bald mit guten Ratschlägen, und ward die beste Freundin des Vaters und der Mutter. Eine alte Nachbarin schlug die Heirat vor, und die Eltern, geblendet von dem Glanz einer solchen Verbindung, schlugen mit Freuden ein: sie gaben ihrer nächsten Freundin ihren einzigen Sohn. Der junge Marquis sollte also eine Frau heiraten, die er anbetete und von der er geliebt wurde; die Freunde des Hauses beglückwünschten ihn, man ging daran, den Ehevertrag aufzusetzen, und arbeitete unterdessen an den Hochzeitskleidern und dem Hochzeitscarmen.

Als er nun eines schönen Morgens zu den Füßen der reizenden Gattin lag, welche Liebe, Achtung und Freundschaft ihm geben sollten, und beide in zärtlichem und angeregtem Geplauder die Erstlingsblüten ihres Glückes genossen und sich auf die Führung eines gar wonnevollen Lebens vorbereiteten, eilte ganz bestürzt ein Kammerdiener der Frau Mutter herbei: »Ich bringe recht nette Neuigkeiten,« rief er, »Gerichtsdiener räumen das Haus des gnädigen Herrn und der gnädigen Frau aus, alles ist von Gläubigern beschlagnahmt, man spricht sogar von Verhaftung, ich selber will eine beschleunigte Klage einreichen, um zu meinem Lohne zu kommen.« »Wir wollen doch einmal nachsehen,« sagte der junge Marquis, »was denn da los ist, was denn das eigentlich zu bedeuten hat.« »Ja,« sagte die Witwe, »bestrafen Sie diese Schurken. Eilen Sie!« Er läuft hin und gelangt ins Haus ... sein Vater war schon verhaftet, alle Bedienten waren nach allen Richtungen auseinandergelaufen und hatten fortgeschleppt, was ihnen nur irgend möglich gewesen war. Seine Mutter war allein, ohne Beistand, ohne Trost, und schwamm in Tränen: ihr war nichts geblieben als die Erinnerung an ihr Glück, ihre Schönheit, ihre Sünden und an all ihre tolle Verschwendung.

Nachdem der Sohn eine geraume Weile mit der Mutter geweint hatte, sagte er schließlich zu ihr: »Wir wollen nicht verzweifeln, jene junge Witwe liebt mich über alles, und sie ist noch großmütiger denn reich, ich bürge für sie; ich will zu ihr eilen und sie herbringen.« Er kehrte also zu seiner Geliebten zurück – und findet sie in traulichem Beisammensein mit einem jungen, recht liebenswürdigen Offizier. »Wie? Sie sind es, Herr von der Hänserich? Was wollen Sie hier? Läßt man denn derart seine Mutter im Stich? Gehen Sie zu der armen Frau und sagen Sie ihr, ich wolle ihr noch immer wohl: ich brauche gerade eine Kammerfrau und würde ihr den Vorzug geben.« »Mein Bürschlein,« sprach der Offizier zu ihm, »du scheinst leidlich gewachsen zu sein, wenn du in meine Kompagnie treten willst, will ich dir einen guten Posten zuschanzen.«

Der Marquis begab sich völlig betäubt mit einem Herzen voller Schmerz und Zorn zu seinem ehemaligen Hofmeister, schüttete sein Leid vor ihm aus und ging ihn um Rat an. Er schlug ihm vor, gleich ihm Kindererzieher zu werden! »Ach, ich weiß ja nichts, Sie haben mich ja nichts gelehrt, Sie sind die erste Ursache meines Unglücks!« und während er zu ihm sprach, schluchzte er. »Schreiben Sie Romane,« riet ihm ein Schöngeist, der gerade da war, »in Paris ist das eine vorzügliche Hilfsquelle.«

Verzweifelter denn jemals lief der junge Mann zu dem Beichtvater seiner Mutter, einem sehr angesehenen Theatiner, der nur Frauen aus der allervornehmsten Gesellschaft beriet. Sobald er ihn erblickte, eilte er auf ihn zu: »Aber, mein Gott, Herr Marquis, wo ist Ihr Wagen? Wie geht es der verehrten Frau Marquise, Ihrer Mutter?« Der arme Unglücksvogel berichtete ihm von dem Unstern seiner Familie, und in dem Maße, in dem er sich näher ausließ, nahm der Theatiner eine ernstere, gleichgültigere, überlegnere Mine an: »Mein Sohn, dahin hat Gott euch gewollt, Reichtümer verderben nur das Herz! So hat Gott also Ihrer Mutter wirklich die Gnade angetan, sie zur Bettlerin zu machen?«

»Ja, Hochwürden!« »Um so besser, sie darf ihres Heiles sicher sein –« »Mein Vater aber! Gäbe es inzwischen kein Mittel in dieser Welt, Hilfe für ihn zu erringen?« – »Mit Gott, mein Sohn, eine Dame vom Hofe erwartet mich.«

Dem Marquis vergingen beinahe die Sinne. Von seinen Freunden wurde er ungefähr ebenso behandelt, und so lernte er in einem halben Tage die Welt besser kennen, als in der ganzen übrigen Zeit seines Lebens.

Als er so völlig verzweifelt und niedergeschmettert dastand, sah er eine altmodische Halbkutsche, eine Art gedeckten Henkerkarrens mit Ledervorhängen, herankommen; dahinter fuhren vier ungeheure vollbeladene Bretterkarren; in der Halbkutsche saß ein junger bäurisch gekleideter Mann, er hatte ein rundes frisches, Gutmütigkeit und Fröhlichkeit atmendes Gesicht; seine kleine braune, im großen und ganzen recht angenehme Frau wurde neben ihm gerüttelt. Das Gefährt fuhr nicht so schnell wie der Wagen eines Stutzers: der Reisende fand also vollauf Zeit den regungslosen schmerzversunkenen Marquis zu betrachten. »He! Mein Gott,« rief er, »ich glaube, dort ist Hans.« Bei dem Klang dieses Namens hob der Marquis die Augen, und der Wagen hielt an: »Er ist's, Hans ist es selber!« Der kleine strotzende Mann tat nur einen Sprung und hing am Halse seines alten Kameraden. Hans erkannte Klaas, und Scham und Tränen bedeckten sein Gesicht. »Du hast mich verlassen,« sagte Klaas, »aber du magst ein so vornehmer Herr sein, wie du nur willst: ich werde dich immer lieb behalten.« Hans erzählte ihm verwirrt und gerührt und schluchzend einen Teil seiner Geschichte. »Komm mit und erzähle mir das übrige in dem Gasthof, in dem wir ausspannen, umarme meine kleine Frau und iß mit uns zu Mittag«, sagte Klaas.

Sie gingen alle drei zu Fuß vor dem Lastkarren her. »Was hat denn dieser ganze Troß zu bedeuten? Gehört er dir?« »Ja, alles gehört mir und meiner Frau! Wir kommen vom Lande herein. Ich stehe an der Spitze einer guten Fabrik für Kupfer und verzinntes Eisen und habe die Tochter eines reichen Kaufmannes geheiratet, der mit Gerätschaften für Erwachsene und Kinder handelt; wir arbeiten viel, Gottes Segen ruht auf uns, unsere Verhältnisse haben sich nicht geändert, wir sind glücklich, und wir werden unserem Freunde Hans beistehen! Sei kein Marquis mehr, alle Größe dieser Welt wiegt einen guten Freund nicht auf. Du wirst mit mir aufs Land zurückkehren, ich will dich das Handwerk lehren, es ist nicht allzu schwer, du wirst mein Teilhaber, und dann wollen wir fröhlich auf dem Fleckchen Erde leben, auf dem wir geboren sind.«

Der bestürzte Hans schwankte zwischen Schmerz und Freude, Zärtlichkeit und Scham, ganz leise sagte er sich: Alle meine vornehmen Freunde haben mich verlassen, Klaas, den ich verachtete, Klaas allein kommt mir zu Hilfe. Welche Lehre! Klaasens Seelengüte brachte in Hansens Herz den guten Wesenskern, den die Welt noch nicht erstickt hatte, zum Keimen: er empfand, daß er seinen Vater und seine Mutter nicht im Stich lassen dürfe. »Für deine Mutter werden wir sorgen,« sagte Klaas, »und was den eingesperrten Biedermann, dein Väterchen, anbetrifft, so kenne ich mich in derlei Sachen ein wenig aus: wenn seine Gläubiger erst einsehen, daß er nichts mehr hat, werden sie sich mit wenigem zufrieden geben.« Klaas brachte es fertig, den Vater aus dem Schuldturm zu befreien. Hans kehrte mit seinen Eltern, die ihren ehemaligen Beruf wieder aufnahmen, in seine Heimat zurück, heiratete eine Schwester Klaasens, die ihn sehr glücklich machte, da sie die gleiche Gemütsart wie ihr Bruder besaß, und Hans der Vater und die Hänsin, die Mutter, und Hänschen der Sohn erkannten, daß das Glück nicht in der Eitelkeit läge.

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