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François Marie Arouet de Voltaire: Erzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorFrançois Marie Arouet de Voltaire
titleErzählungen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year1924
translatorErnst Hardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130917
projectid17ae402b
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Vorwort des Übersetzers:

Wenige Jahre vor dem Ausgange des siebzehnten Jahrhunderts, in welchem die ursprünglichsten Anlagen des französischen Volkes in sechs oder sieben großen Persönlichkeiten und in einem das gesamte innere und äußere Leben gewaltig beherrschenden Stil ihren vollkommensten Ausdruck erreichten, wurde Voltaire geboren. Er starb vierundachtzig Jahre alt, kurz vor dem Reifen der lichten Saat, die mit den vollsten Händen gerade er fast ein Jahrhundert lang über Europa ausgestreut hatte, kurz vor dem Ausbruch der großen Revolution, deren guter Gott er gewesen ist, und in der jenes so stolz und eng gebändigte Leben seine Formen zerstörte und sich in Bahnen ergoß, die wir heute noch nicht zu Ende geschritten sind. Der große, der vielgeliebte und der sechzehnte Ludwig sind alle drei seine Könige gewesen.

Die vollständigen Ausgaben seiner Werke umfassen neunzig dicke Bände, welche in ihrer Gesamtheit etwas wie die Geschichte des menschlichen Geistes während eines Jahrhunderts darstellen, denn es war keine Regung, die ihn nicht zum Mitschwingen gebracht hätte, jede Kunst, jede Wissenschaft, jede Politik seiner Zeit trägt an irgendeiner Stelle seinen Namen. Die Zahl seiner hinterlassenen Briefe beträgt zehntausend. Sie sind gerichtet an Engländer, Spanier, Italiener, Schweizer, Deutsche, Russen, an Könige, Kaiserinnen, Minister, Marschälle, Fürsten, Staatsräte, Dichter, Mathematiker, Diplomaten, Kaufleute, Protestanten, katholische Priester, Kardinäle, große Damen, Schauspielerinnen, an den Papst. Man darf sagen, daß sich die geistige Welt Europas einmal um ihn wie um ihre Achse gedreht hat. Sucht man den Menschen, der hinter dieser gigantischen Breite an geistiger Lebensbeherrschung steht, so findet man einen Charakter, der fast ebenso vielkantig geschliffen ist. Maßlose Eigenliebe und Eitelkeit neben der selbstlosesten Liebe zu Freunden, selbst zu solchen, die ihn ausnützten und verrieten, alle häßlichen Eigenschaften des reich und adlig gewordenen Emporkömmlings, harter Geiz neben höchster Freigebigkeit, herrischer Stolz neben niedrigster Schmeichelei, tiefe feige Verlogenheit neben dem Mut, die gefährlichsten Wahrheiten am lautesten auszusprechen, rachsüchtig, nachsichtig, empfindlich, reizbar, gallig, boshaft, lärmsüchtig, kabalenschmiedend, schamlos, zart, hassend, schützend und schirmend, großmütig und selbstsüchtig, und dieses alles durcheinander wirbelnd und kochend in einer Lebendigkeit, die kaum je ihresgleichen gehabt hat auf der Welt.

Aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, aus Voltaires Mittagshöhe also, gibt es ein französisches Urteil über ihn, das mit dem verhaltenen Zittern jugendlicher Verehrung in der Stimme schlicht, ruhig und klar Voltaires Geltung für die damalige Welt festzulegen sucht. Der sterbende Vauvenargues veröffentlichte 1746 dieses Stück in seinen Betrachtungen und Maximen, ohne Voltaires Namen darin zu nennen. Es lautet:

»Für mich nimmt es dem berühmten Racine, dem weisesten und formvollendetsten aller Dichter, nichts, daß er nicht allzuviel Dinge behandelt (die er alle veredelt hätte), sondern sich darin beschieden hat, in einer einzigen Gattung die Fülle und Erhabenheit seines Geistes zu zeigen. Ich fühle mich aber dennoch gezwungen, einen kühnen und fruchtbaren, hohen, durchdringenden, leichten und unermüdlichen Schaffensgeist zu verehren, der ebenso geistvoll und liebenswürdig in den unterhaltenden Schriften wie groß und pathetisch in den anderen ist, der eine weite Phantasie besitzt, welche im Fluge die gesamte Ordnung der menschlichen Dinge umspannt und durchdrungen hat, und dem weder die abstrakten Wissenschaften, noch die Künste, noch die Politik, noch die Sitten der Völker, noch ihre Anschauungen, ihre Geschichte und selbst ihre Sprache haben entgehen können; vom Verlassen des Kindesalters an berühmt durch die Größe und die Kraft seiner gedankenreichen Poesie und bald danach durch die Reize und die ursprüngliche und kluge Eigenart seiner Prosa, hat dieser erlauchte Philosoph und Dichter alles, was am Menschenwesen Größe hat, glanzvoll in seinen Schriften verstreut; er hat die Leidenschaften mit lichten und feurigen Zügen gemalt und hat das Theater mit neuen Reizen beschenkt; dank der außerordentlichen Vielseitigkeit seines Geistes verstand er es, die Eigenart der guten Werke jedes Volkes nachzuahmen und deren Geist zu erfassen, aber nichts ahmte er nach, ohne es nicht auch zu veredeln; bedeutend sogar in den Fehlern, die man in seinen Schriften zu finden meint, hat er, trotz ihrer Mängel und trotz der Bemühungen der Kritik ohne Unterlaß seine Freunde und seine Feinde durch seine arbeitsvollen Nächte in Atem gehalten und von seiner Jugend auf den Ruhm unseres Schrifttums – dessen Grenzen er alle erweitert hat – bis zu allen fremden Nationen getragen.« Vauvenargues, Betrachtungen und Maximen, übersetzt von Ernst Hardt, verlegt bei Eugen Diederichs, Jena.

Sechzig Jahre später umriß Goethe in den Anmerkungen zu Diderots Zwiegespräch »Rameaus Neffe« die Bedeutung Voltaires mit den folgenden Worten:

»Wenn Familien sich lange erhalten, so kann man bemerken, daß die Natur endlich ein Individuum hervorbringt, das die Eigenschaften seiner sämtlichen Ahnherren in sich begreift, und alle bisher vereinzelten und angedeuteten Anlagen vereinigt und vollkommen ausspricht. Ebenso geht es mit Nationen, deren sämtliche Verdienste sich wohl einmal, wenn es glückt, in einem Individuum aussprechen. So entstand in Ludwig dem Vierzehnten ein französischer König im höchsten Sinne, und ebenso in Voltairen der höchste unter den Franzosen denkbare, der Nation gemäßeste Schriftsteller.«

Er fügt eine Aufreihung der Eigenschaften hinzu, die »man von einem geistvollen Manne fordere«, es sind sechsundvierzig, und urteilt, man könne Voltaire von allen diesen Eigenschaften und Geistesäußerungen vielleicht nur zwei streitig machen: die Tiefe in der Anlage und die Vollendung in der Ausführung. Die vierundvierzig ihm zuzubilligenden Eigenschaften aber lauten: »Genie, Anschauung, Erhabenheit, Naturell, Talent, Verdienst, Adel, Geist, schöner Geist, guter Geist, Gefühl, Sensibilität, Geschmack, guter Geschmack, Verstand, Richtigkeit, Schickliches, Ton, guter Ton, Hofton, Mannigfaltigkeit, Fülle, Reichtum, Fruchtbarkeit, Wärme, Magie, Anmut, Grazie, Gefälligkeit, Leichtigkeit, Lebhaftigkeit, Feinheit, Brillantes, Saillantes, Petillantes, Pikantes, Delikates, Ingenioses, Stil, Versifikation, Harmonie, Reinheit, Korrektion, Eleganz.«

Überdenkt man all diese Fülle und Breite an Geistigem und Menschlichem, an Kraft und Macht, welche auf den vorangegangenen Seiten aus Worten bricht, die nicht das Wesen eines einzelnen Menschen, sondern eines ganzen Geschlechtes zu kennzeichnen scheinen, vergegenwärtigt man sich, daß Voltaire ein halbes Jahrhundert lang der am meisten bewunderte und am meisten verehrte, der gehaßteste und der berühmteste Mann in Europa gewesen ist, so muß es wundernehmen, daß sein Werk und Wirken im geistigen Hausrate eines Gebildeten unserer Tage zu einem bloßen Ruhm, einem bloßen Begriff herabsinken konnte. Sieht man jedoch näher zu, so ist dieses Verblassen erklärlich, ja, natürlich.

Zunächst und im Großen übersehen bestand sein Wesen aus einem breiten Nebeneinander geistiger Kräfte, die für sich waren, das heißt die nicht rückwärts zusammenliefen in einer ethischen Einheit. Er hat mit Schrot in die Ewigkeit geschossen, der Knall ist verhallt, und die einzelnen Körner haben sich verloren, weil die bindende Macht hinter ihnen fehlte. In die Ewigkeit hinaus trägt nur die zusammengedrängte Kraftfülle eines sittlichen schaffenden Willens, mag er gut, mag er böse sein. Voltaire war wie ein Teppich, reich und dünn. Hält man den Blick auf den zwei dichteren Verschlingungen der Ranken dieses Teppichs fest, so werden die Ursachen des Verblassens noch offensichtlicher:

Dem Philosophen Voltaire fehlte zum Philosophen im großen Sinne das wesentliche Organ: das metaphysische. Da sein Wesen unendlich viel Oberfläche mit geringer Tiefe verband, vermochte er zwar wie im Fluge eine ungeheure Breite der Welt in sich aufzunehmen, aber niemals hat eines ihrer übersinnlichen Probleme für seine bedrängenden Wurzeln die notwendige Bodentiefe in ihm gefunden. Dieser Mangel war seine zeitliche Stärke. Sein Haß auf jede Religion, seine Todfeindschaft wider jede Kirche ließ ihn alles Mittelalter gründlicher überwinden, als es sonst bisher in irgendeinem Kopfe geschehen war. Hierin lag seine persönliche, seine echte Größe. Er wurde der erste wahrhaft freie Geist Europas. Aber seine Philosophie oder besser seine geistigen Leidenschaften: Vernunft, Toleranz, sittliche Freiheit, Denkfreiheit, Gerechtigkeit, lauter zu seiner Zeit ungeheuere ketzerische Forderungen, die er mit tausendsträhnigen Geißeln des Spottes und der Belehrung am unerbittlichsten in die Menschen peitschte, hat die Revolution ins reale Leben umgesetzt, sie sind zum mindesten in der Theorie einigermaßen Besitztümer geworden, was liegt noch an den Ruten! Seine »Aufklärung« kreist heute in unserem Blute, sie war, zumal in seinen lebendigsten, das ist in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens, geniales, praktisches Tagewerk – und Tagewerk wird vergessen.

Der Dichter Voltaire war ein Irrtum seiner Zeit, der Epigone einer Vollendung, die keine Entwicklung mehr zuließ. Er hat dies empfunden und über die Schranken seiner Kultur hinaus gesucht, aber die freie, ursprüngliche Genialität und wilde menschliche Tiefe der englischen Bühne, der Koloß Shakespeare, dessen Bedeutung Voltaire im Gegensatz zu den meisten seiner Landsleute bis auf einen gewissen geringen Grad zu erkennen vermochte, verschob ihm nur jene äußersten, strengen und engen, aber edlen Grenzen der dramatischen Anschauung, in die er hineingeboren war, ohne daß ihm seine Rasse eine wirkliche Befreiung und seine nur in einem sehr großen Verstande wurzelnde dichterische Begabung eine gültige, schöpferische Überwindung der klassischen Gesetze vergönnt hätte. Einst an die Seite der antiken Dichter gestellt, vermag heute selbst in Frankreich niemand der pathetischen Blutlosigkeit seiner siebenundzwanzig Tragödien, der Langweiligkeit seiner Henriade und der platten Unanständigkeit seiner Pucelle irgend Geschmack und künstlerischen Genuß abzugewinnen.

Es bleibt der Schriftsteller Voltaire, ein großer Schriftsteller, den jener Rückschlag des Urteils zu Unrecht mit dem Dichter aus dem modernen literarischen Bewußtsein verdrängt hat.

Die vorliegende Ausgabe und Übersetzung will den Versuch wagen, das zusammenzustellen und aufs neue in Umlauf zu bringen, was an menschlichem und künstlerischem Reiz auch heute noch wertvoll und gültig erscheint.

Sie bringt zunächst eine Auswahl der »romans«, der Erzählungen Voltaires. Diese Form, der »roman philosophique«, ist zuerst von Montesquieu in seinen »Persischen Briefen« gefunden und dann allgemein von den Schriftstellern der Zeit je nach ihrer Eigenart gepflegt worden. Bei allen verbirgt sich die persönliche philosophische These unter einer phantastischen Einkleidung und satirischen Sittenschilderung. Das Morgenland, die Türkei, Persien, Indien, China müssen die Kulissen für die fabelhaften Begebenheiten leihen. Voltaires Erzählergenie hat in dieser Tendenz kleine Meisterwerke geschaffen. Nirgends sonst in seinen Schriften finden seine eigentümlichsten Gaben: sein leuchtender Witz, seine heitere Überlegenheit, sein Mutwillen, sein Ernst und jene Art der Bosheit, um deretwillen man einen Menschen lieben kann, einen so berückend anmutigen und in der Form meisterlichen Ausdruck. Alles, was genialer Spott an befreiender geistiger Lustigkeit besitzen kann, liegt wie ein erfrischender Morgentau auf dieser schlichten kühlen biegsamen Sprache, welche noch heute in Frankreich den guten Federn und Zungen befiehlt.

Zu den neun Erzählungen, welche dieser Band enthält, bedarf es für uns keinerlei Umwege. Seit Jahren sind unter uns voltairische Kräfte wirksam, deren ethischer und künstlerischer Wert in Deutschland den Sinn geweckt haben für den mörderischen Witz, für den bösen Spott als Wehr und Waffe. Sie tun viel für uns, was Voltaire für seine Zeit getan hat, nur die Form und das Angriffsobjekt haben sich etwas verschoben. Es hat all der Grobfingerigkeit schlechter Leser und schlechter Übersetzer bedurft, um so außerordentliche Dinge wie den Candid, den Zadig, den Harmlosen in die Bibliotheken zu verbannen. Und wenn David Friedrich Strauß in seinen Vorträgen über Voltaire sagt, es sei Voltaire einmal gelungen, Menschen mit gemütlicher Anteilnahme so darzustellen, daß ihr Schicksal dem Leser ernstlich zu Herzen gehe, und dafür den Schluß des Harmlosen anführt, die spöttischsten Seiten, die wohl je auf der Welt geschrieben wurden, wenn man sieht, daß französische Kritiker zur Zeit Voltaires den Zadig, das Hohe Lied des Hohns auf die Vorsehung, für eine Verteidigungsschrift eben dieser Vorsehung haben nehmen können, so möchte man fast wähnen, es sei unserer Zeit vorbehalten geblieben, die letzten und feinsten Verästelungen voltairischer Witzigkeit zu begreifen und zu genießen.

 

Der nachfolgende Versuch, das Leben und die Entwickelung Voltaires auf wenigen Seiten kurz zu umreißen, möchte den Leser so nah an ihn heranführen, wie Zweck, Raum und Gelegenheit dies gestatten.

 

Im Jahre 1694 wurde dem Notar und späteren Sporteleinzieher an der Pariser Rechnungskammer Arouet ein Sohn geboren, der in der Taufe den Namen Franz Maria erhielt. Ein Kunde und Freund des Vaters, der bekannte Abbé von Chateauneuf, war sein Pate. Im siebenten Jahre verlor das Kind die Mutter, drei Jahre darauf überantwortete der Vater auf Anregung und Fürsprache des hohen Gönners den frühreifen Knaben dem Jesuitenkollegium »Ludwig der Große«, wo der Notarssohn zusammen mit Kindern aus den ersten Adelsfamilien Frankreichs erzogen wurde. In den Jesuitenschulen stand damals literarische Bildung, gründliche aber kluge Beschäftigung mit den antiken Autoren und den klassischen Dichtern der großen heimischen Zeit an der Spitze des Lehrplanes, ja, das Versemachen und Theaterspielen wurde recht eigentlich geübt, und so erhielt denn der überwache Hang des Knaben zu Dichtkunst und Bühne Nahrung und dauernden Antrieb und entwickelte sich gar bald zu einer ausgesprochenen Begabung. Eines Tages wurde ihm von dem Vorsteher der Anstalt die Anfertigung einer poetischen Bittschrift für einen bedürftigen Invaliden übertragen, welche des Bittstellers und des Verfassers Glück machte. Bei Hofe und in der Stadt sprach man zum ersten Male von dem jungen Jesuitenzögling, der sich da so glücklich auszudrücken und so artige Verse zu feilen wußte, und die intellektuell reinlichste und am leidenschaftlichsten vernünftige Frau Frankreichs wünschte den kindlichen Dichter kennen zu lernen. Der lustige Abbé, ein genauer Freund der Ninon, vermittelte die Bekanntschaft, und die kluge Greisin war so entzückt von dem klugen Knaben, daß sie ihn mit »2000 Franken zur Anschaffung von Büchern« in ihr Testament setzte. Wer der Meinung zuneigt, daß nicht die Ereignisse den Menschen, sondern der Mensch die Ereignisse macht, der wird diese Belobung des bittstellenden Jesuitenzöglings Arouet durch Ninon von Lenclos für einen äußerst wertvollen Umstand halten. Voltaire selber ist sich der Bedeutung dieser Segnung durch die schönen erfahrenen Hände Ninons stets dankbar bewußt gewesen, ja, die hohe Wahrscheinlichkeit, daß der ganze Vorgang auf einer glücklichen Erfindung Voltaires beruht (denn zur Zeit der Abfassung jener Bittverse lag Ninon bereits seit etlichen Jahren unter der Erde), erhöht und vertieft nur seine Bedeutsamkeit.

Mit sechzehn Jahren verließ Franz Maria Arouet die Jesuitenschule, und hinter seinen mannigfachen geistigen Gaben brannte unbändig und hitzig wie ein Fieber die Sucht emporzukommen, seinen hochgeborenen Schulkameraden gleich zu werden an Ansehen, Reichtum und Luxus. Er traute es sich zu, dieses Ziel mit der Feder zu erreichen, sein Vater jedoch hielt die juristische Laufbahn für sicherer und zwang ihn zum Eintritt in die Pariser Rechtsschule (1710). Der Pate verstand sich besser auf Talent und Welt. Er nahm den jungen Mann zum Großprior von Vendome in die berühmte Tempelgesellschaft mit, wo Prinzen, Herzöge und Priester freien, ja, frechsten Geistes mit allen Waffen des Witzes und des Tuns sich wider den dumpfen Druck sittlicher und religiöser Heuchelei auflehnten, mit dem die letzten Regierungsjahre Ludwigs XIV. auf Frankreich lasteten. In dieser Atmosphäre entfaltete sich in den nächsten Jahren die Eigenart des jungen Mannes wie eine tropische Pflanze, die in ihren Mutterboden gelangt. Sein geschliffener Witz, sein beißender kluger Spott und seine skrupellose Bosheit, ursprüngliche Anlagen, die bisher mannigfach die Koppel hatten dulden müssen, durften nun unter dem Beifall und der Bewunderung einer erlesenen Gesellschaft ihr geistiges und menschliches Wild sich erspähen. Sein seelischer Hang zur Ehrfurchtslosigkeit als Prinzip aller Welt und Überwelt gegenüber machte ihn in dieser Runde zum unübertroffenen Meister.

Man braucht nur einen Augenblick lang an die unsäglichen Schicksalsunbilden zu denken, wider die ein großer Zeitgenosse Voltaires, Rousseau, in diesen Entwicklungsjahren zu ringen hatte, um zu begreifen, in wie hohem Maße alle äußeren Umstände wetteiferten, um hier die Entfaltung und Gestaltung eines jungen Geistes zu begünstigen. Was jedoch beider Charakterbildung anbelangt, so ist diese Lebensspanne für den einen wie für den anderen gleich verhängnisvoll gewesen. Voltaires Charakter verdarb in dem Kampfe, die Kluft zu überbrücken, mit der ihn Adel und Reichtum von seinen Freunden und ihrer Welt schied, in die er durch einen unbezähmbaren Hang zum Wohlleben unablässig hinübergedrängt wurde. Während die Erniedrigung in dem schweren Temperamente Rousseaus jenen gespreizten und stets bereiten Gesinnungsdünkel aufschwellen ließ, in dem er seine fast lebenslängliche äußere Abhängigkeit vor sich selber verhüllte, wuchsen in Voltaire die natürlichen Keime der Eitelkeit und Bosheit ins Maßlose als die Waffen, kraft derer er verwand und sich rächte. Die ersten zwei Drittel seines Lebens, die Zeit also, in der er mit allen Mitteln seiner reichen schmiegsamen Natur daran arbeitet, emporzukommen, sind angefüllt von lauter ethisch minderwertigen Handlungen, und erst als er am Ziele angekommen, als er in Ferney ein unabhängiger König geworden ist, werden die liebenswürdigen guten edlen Seiten seines Wesens wirksam.

Der erste vielversprechende Anlauf, den der junge Arouet nach dem Verlassen der Jesuitenschule genommen, wurde jäh durch väterliche Besorgnis unterbrochen. Der Notar wünschte den Rechtsstudenten, der nichts Rechtes studierte, aus der in mehr als einer Beziehung gefährlichen Nähe der adligen Freidenker und Lüstlinge zu entfernen. Wiederum war es der Pate, der die Wege wies. Er verschaffte dem jungen Arouet eine Pagenstelle bei dem Marquis von Chateauneuf, seinem Bruder, der als Gesandter nach dem Haag ging. Hier verliebte sich der Page ungestüm und so ernsthaft, wie dieses nur irgend in seinem Charakter liegen konnte, in eine junge Emigrantin. Die Mutter legte sich dazwischen, und Arouet wurde übel belobt nach Paris zurückgeschickt. Des Vaters Unmut kannte nun keine Grenzen mehr, er drohte mit äußersten Maßregeln. Franz Maria unterwarf sich für diesmal und trat in die Kanzlei eines Prokurators ein. Sein altes Leben wurde dadurch jedoch nur wenig geändert, nach wie vor segelte er im alten Fahrwasser, tafelte mit Prinzen und Herzögen, schmeichelte und spottete und ließ seiner bösen Zunge die herrlichste Freiheit. Inzwischen war auch Ludwig XIV. gestorben, und die Regentschaft Philipps von Orleans schien jeglicher Beschränkung im Sittlichen wie im Geistigen leidenschaftlich abhold. Dennoch verrechnete sich der junge Spötter: zwei ihm zugeschriebene satirische Stücke trugen ihm zunächst eine fast einjährige Verweisung aus Paris ein. Er verbrachte sie vergnüglich auf dem Schlosse des Herzogs von Sully und beschäftigte sich hier ernstlicher mit den Plänen zu dreien seiner Hauptwerke: der Henriade, dem Zeitalter Ludwigs XIV. und seiner ersten Tragödie, dem Ödipus. Seine lebenslänglich beibehaltene Taktik, gefährliche Schriften abzuleugnen, trat jetzt zum ersten Male in einer Epistel an den Regenten in Wirksamkeit und trug ihm denn auch eine beträchtliche Abkürzung seiner Verbannung ein. Um weniges später erwachte er jedoch eines Morgens in der Bastille – um elf Monate dort zu bleiben. Dieses Mal war die gereimte Bosheit wirklich nicht von ihm gewesen.

Die neue Muße kam seinen Arbeiten zugute. Die Henriade wurde fortgesetzt und der Ödipus vollendet. Bald nach seiner Haftentlassung gelang es ihm nach jahrelangen Bemühungen, die Aufführung des Stückes am »Französischen Theater« durchzusetzen. Sie fand am 18. November 1718 statt und machte den vierundzwanzigjährigen Dichter berühmt. Mit den nicht unbeträchtlichen Einnahmen und dem Geschenk des Regenten fing er nun mit einem wahren Spekulantengenie an, den Grundstock zu dem größten Vermögen zu legen, das wohl jemals ein Schriftsteller aus eigenen Kräften besessen hat.

Auch hielt er jetzt den Zeitpunkt für gekommen, seinen bürgerlichen Namen mit einem adligen zu vertauschen. Eine Weile lang nannte er sich noch Arouet von Voltaire, dann aber ließ er das angeborene Arouet für immer fallen. Der Name Voltaire ist aus einer damals üblichen Buchstabenversetzung der Worte: Arouet l(e) j(eune) entstanden.

Die nächsten acht Jahre sind ein wirrer Strudel: kurze, lustig verlebte Verbannungen, viele Liebschaften, zwei ausgezischte Tragödien, der Tod des Vaters, der Tod des Regenten, die Thronbesteigung Ludwigs XV. Voltaires freundliche Verbindung mit den Maitressen des jungen Königs, eine Politik, die er sein Leben lang aufs eifrigste gepflegt hat, seine wachsende Hofgunst, der Ruhm der Henriade, die er wie ein fahrender Sänger von Schloß zu Schloß trug, treiben den Dichter innerlich und äußerlich gar mannigfach umher, ohne daß in diesem oberflächlichen Wirrwarr gesellschaftlicher Erfolge und Widrigkeiten eine feste Bahn und menschliche Reife sich zu zeigen begönne. Da trat im Jahre 1726 das Ereignis ein, ohne dessen Folgen Voltaire nicht Voltaire geworden wäre.

In der adligen Umgebung Voltaires befand sich natürlich manch ein Edelmann, der dem boshaften, bald kriechenden, bald anmaßenden und geistig so unendlich überlegenen Emporkömmling nicht sonderlich gut gesinnt war, ja, dieses Übelwollen mußte sich in Köpfen, die Voltaire nicht hätten die Schuhriemen lösen dürfen, zu aufrichtigem Haß steigern. In solcher mißlichen Lage befand sich der Feldmarschall Chevalier de Rohan Chabot. An zwei aufeinanderfolgenden Dezemberabenden fragte er Voltaire im Schauspiel, wie er denn nun eigentlich heiße, ob Herr Arouet oder Herr Voltaire, und da am zweiten Abend Voltaires Geliebte, die Schauspielerin Lecouvreur, dabei war, wurde die geistvolle Frage dieses Mal nicht ausweichend, sondern so gewandt und schroff beantwortet, daß der Chevalier seinen Stock erhob, Voltaire an seinen Degen faßte, und Fräulein Lecouvreur wohl oder übel in Ohnmacht fallen mußte, um dem Auftritt ein Ende zu machen. Einige Tage darauf wurde Voltaire vor der Haustür des Herzogs von Sully, von dessen Tafel er eigens heruntergerufen worden war, von zwei in einem Wagen sitzenden Männern bei den Kleidern ergriffen, an den Kutschenschlag gezerrt und dort mit einem Hagel von Stockschlägen überschüttet. Der Feldmarschall Chevalier von Rohan Chabot leitete gleichzeitig vom Fenster eines zweiten Wagens aus die Arbeit und war gütig genug, anzuordnen, man solle den Kopf nicht treffen.

Der Geprügelte vermochte weder von seinem Freunde, dem gewissermaßen mitbeleidigten Herzoge von Sully, noch von sonst einem seiner adligen Gönner irgend Beistand wider die mächtige Familie der Rohans zu erlangen, ja, nicht wenige fanden die Prügel nicht gar so übel an den Mann gelangt.

Voltaires Lage war mißlich, doch er fand einen Ausweg. Er nahm Fechtstunden, zog mit Raufbolden in den Schenken umher und schlug drei Monate lang einen solchen Duellärm, daß die Familie der Rohans besorgt wurde und am 17. April seine Verhaftung erlangte. In der Bastille machte er dann selber den Vorschlag, man möchte ihn nach England verbannen. Anfang Mai wurde er nach Calais geleitet und zu Schiffe gebracht. Von England aus ließ er dann durch einen Freund in Paris verbreiten, er sei im geheimen sofort wieder nach Frankreich zurückgekehrt, habe aber vergeblich versucht, seines Gegners habhaft zu werden. – Mit diesem tragikomischen Vorfall endet die Jugend Voltaires.

Der folgende fast dreijährige Aufenthalt in England ist der wichtigste Faktor in Voltaires Entwicklung gewesen, er ist ohne ihn ebensowenig als Voltaire zu denken, wie etwa Goethe ohne Italien als Goethe. Sein bewegliches, sprunghaftes romanisches Temperament lernte hier germanische Tiefe und Gründlichkeit kennen, und er begriff bald, daß er die zahlreichen Waffen seines Geistes gar wohl im Kampfe für andere Dinge verwenden konnte, als er bisher getan.

Die Wissenschaften, um die er sich vordem kaum gekümmert, traten hier zum ersten Male in seinen Gesichtskreis, und er bemächtigte sich ihrer als der natürlichen Grundlagen seines Weltgefühls. Er entdeckte Newton für sich und blieb für sein ganzes Leben sein treuer Verfechter. Bacon, Collins, Shaftesbury und vor allem Locke ließen ihn erkennen, daß Philosophieren etwas anderes sei als geistreiches Wegelagern, er fing an, systematisch zu betrachten und sich eine Weltanschauung zu bilden, in der zur Lehre erhoben ward, was bis dahin unbekümmertes Triebleben gewesen war. Die Berührung mit den Streitigkeiten und dem Fanatismus der englischen Protestanten ließ seine Kritik, die bisher der katholischen Kirche gegolten hatte, zum Hasse wider jede Kirchlichkeit ausreifen, und die englische Verfassung und Denkfreiheit machten ihm die erbärmlichen heimischen Zustände bis in den Grund fühlbar. Als er im Jahre 1729 nach Frankreich zurückkehren durfte, waren alle Keime der Reife in ihm und alle jene Kräfte in eine neue Bahn gelenkt, die im lichtesten und reinsten Sinne die eine große Umwälzung herbeiführen helfen sollten, durch die sich die neue Zeit vom Mittelalter scheidet. Für das wild gewordene Tier in der Revolution ist niemand weniger verantwortlich als Voltaire, wohl aber darf man alles Lichte und Geistig-Große darin mit seinem Namen verbinden.

Von den Arbeiten, die Voltaire aus England mitbrachte, erging es zunächst am glücklichsten der Zaïre, die im Jahre 1732 aufgeführt wurde, ihm seinen zweiten und letzten großen Erfolg auf der Bühne bescherte und ihn zum berühmtesten Dramatiker der Zeit machte. Sein erstes vollendetes Geschichtswerk, seine Geschichte Karls XII., zu der ihn die mündlichen Berichte eines Genossen des Schwedenkönigs angeregt hatten, mußte wie einst die Henriade heimlich gedruckt und eingeschmuggelt werden. Seine »Philosophischen Briefe« oder, wie er selber sie nannte, seine »philosophischen, politischen, kritischen, poetischen, ketzerischen und teuflischen Briefe«, eine Zusammenfassung der englischen Eindrücke, das heißt seinen ersten großen und kühnen Angriff auf die heimische Willkürherrschaft und die Jesuitenkirche, hatte er bereits in englischer Sprache erscheinen lassen. 1734 drangen einzelne französische Exemplare nach Paris und trugen ihm eine neue Verbannung ein. Voltaire begab sich für kurze Zeit nach Lothringen und ließ sich dann für die nächsten zehn Jahre in Cirey an der Grenze der Champagne bei seiner Freundin, der Marquise von Châtelet, nieder.

Voltaire fand in dieser Frau, die es zum Troste für eine unglückliche Ehe schon mit vielen Liebhabern versucht hatte, eine geistig hochstehende Genossin, die ihm auf eine schöne Weise das einzige tiefere Glück gebracht hat, das seinem Leben und seinem Charakter vorbehalten war. Die bis zum Tode der Frau von Châtelet andauernde Verbindung schuf ihm die Häuslichkeit, die er brauchte: einen Schwarm von Gästen, rauschende, festliche Tage und Muße zur Arbeit, zu einer Arbeit, die mehr und mehr ins Riesenhafte wuchs. Unterdessen versäumte er jedoch keineswegs, seine Beziehungen zu Paris und zum Hofe, das heißt zu den Maitressen des Königs, zu pflegen, und als 1745 eine alte Freundin von ihm, die Frau von Pompadour, der königlichen Gunst zunächst stand, erreichte er es, zur Hochzeit des Kronprinzen mit der Abfassung eines Singspieles beauftragt zu werden.

Nach fast zehnjähriger Abwesenheit tauchte er jetzt wieder in Paris auf, und jenes Possenspiel verschaffte ihm, was keines seiner ernsten Werke vermocht hatte: die höchste Gunst des Monarchen. Er wurde zum Historiographen von Frankreich und unter Verleihung eines Adelspatentes zum königlichen Kammerjunker ernannt. Ungefähr um dieselbe Zeit erlangte er auch, allerdings durch die vielleicht unwürdigste Handlung seines Lebens (er schrieb eine Lobhudelei auf die Jesuiten), den langersehnten Sitz in der Akademie: mit dem Vermögen, das ihm sein Börsengenie inzwischen eingebracht, sah er sich also endlich am Ziel fast aller seiner Wünsche.

Seine Zunge sorgte dafür, daß die Herrlichkeit nicht lange dauerte. Er überwarf sich bald mit Frau von Pompadour, verließ den Hof, ging zur Herzogin du Maine, nach Sceaux, nach Anet, nach Cirey und nach Luneville zum Exkönige von Polen, Stanislaus. Hier verlor er 1749 Frau von Châtelet, kurz nachdem sie einem Kinde das Leben gegeben, das dieses Gut weder dem Marquis von Châtelet noch Herrn von Voltaire zu danken hatte. Der Tod der Freundin machte Voltaire aber dennoch innerlich und äußerlich aufs neue heimatlos, und so folgte er denn nach kurzem Verweilen in Paris, wo nach dem Ausbruche des großen Philosophenkampfes seines Bleibens nicht sein konnte, endlich den Lockrufen Friedrichs II. und ging nach Preußen.

Die Freundschaft Voltaires mit Friedrich dem Großen und sein Aufenthalt in Potsdam sind bei uns so oft dargestellt, daß alle Einzelheiten hier übergangen werden können. Hervorzuheben ist nur, wie bei den deutschen Darstellungen der Beziehungen und des Bruches meist vergessen wird, daß auch dem seltsam großen, wundervollen Manne, der damals bei uns auf dem Throne saß, »die kleinen Treulosigkeiten und Schelmenstücke gar wenig kosteten«. Es war nicht nur Friedrich der Große, der sich über Voltaire zu beklagen hatte.

Für Voltaire bedeutete der endliche Bruch einen der herbesten Schläge, die letzte bittere, aber heilsame Erfahrung, die ihn endlich dazu trieb, sich ganz auf sich selbst zu stellen und der nur von sich abhängige Fürst zu werden, der er in Ferney dann geworden ist. Diese seine endliche Unabhängigkeit und Gleichstellung erlaubte ihm auch, die Freundschaft mit Friedrich dem Großen aufs neue zu knüpfen. Beide wußten zu wohl, ein wie köstlicher Teil ihres Lebens darinnen beschlossen lag, als daß sie ihr anders hätten ein Ende setzen können, denn durch den Tod. Voltaire ist von keinem Zeitgenossen und keinem Nachfahren geistig leidenschaftlicher bewundert und menschlich herzlicher geliebt worden als von Friedrich dem Großen, wenn anders es Liebe ist, über alle sittliche Wertschätzung hinaus ohne den anderen nicht denken und leben zu können.

Nachdem Voltaire in Frankfurt endlich den ungeschickten Händen der preußischen Schergen entronnen war, begab er sich nach Elsaß-Lothringen. Frankreich, Paris, Preußen waren ihm verschlossen, er wußte wirklich nicht, wohin er sein Haupt legen sollte. Nach langem Herumirren kam er in die Schweiz und hoffte in diesem freien Lande endlich Ruhe, Sicherheit und Freiheit zu finden. Er kaufte sich ein Haus in der Umgebung von Genf, die »Delices«, und ein zweites in Monrion bei Lausanne, denn: »Die Philosophen müssen sich zwei oder drei unterirdische Verstecke vor den Hunden halten, die hinter ihnen her sind« (1755).

Auch des dritten Versteckes bedurfte er gar bald. Die Pucelle, welche Frau von Châtelet mit so mancher anderen gefährlichen Schrift jahrelang weise unter Schloß und Riegel gehalten hatte, wurde plötzlich allerorten gedruckt, und die gestrengen Genfer Herren, die fast stets nur die fremden Verbrecher in ihren Landen in Ruhe gelassen haben, erhoben sich wider Voltaire. Er erwarb nun in Frankreich dicht an der Grenze die beiden Güter Tourney und Ferney und konnte bald feststellen, daß er mit Hilfe dieser drei Schlupfwinkel nun wirklich vor allen Verhaftsbefehlen in Sicherheit war. Mit der Lebendigkeit, der Frische und der Arbeitskraft eines Jünglings trat der greise Philosoph von Ferney seine geistige Herrschaft an.

Das letzte große Werk Voltaires, das Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten, nach seiner novellistischen Geschichte des schwedischen Karl die erste in einer wahrhaft modernen, auch heute noch gültigen Methode unternommene Geschichtsschreibung, war nach zwanzigjähriger Arbeit in Potsdam vollendet und veröffentlicht worden, von nun an fand sein Geist die ihm eigentümlichste Form der Äußerung: die kurze zugespitzte Schrift, das Flugblatt. Zuweilen entlädt sich der Irrtum der Jugend noch in einer schlechten, bestenfalls in sechs Tagen geschriebenen Tragödie, doch solche Ewigkeit kann das Temperament des Greises nicht mehr ertragen, der Pfeile müssen sich hundert schnitzen lassen in der Stunde. So geht denn ein Hagel von fliegenden Blättern unter tausend erborgten Verfassernamen erbarmungslos über die Welt nieder, die fernsten Länder, ja, die Gräber müssen sich öffnen, um Voltaire die Persönlichkeiten zu liefern, unter deren Flagge er seine Geschosse hinaussendet. Und die Angriffe kennen keinen Umweg, keine Zurückhaltung mehr. Sein Religionshaß hatte sich bis dahin in einer Feindschaft wider Kirche und Priester geäußert, jetzt nagen die Zähne seines mörderischen Spottes an der Religion selber: er fängt an, in seiner Art Bibelkritik zu üben und offen auszusprechen, daß alle Religionen der Schurkerei eines einzelnen und der Dummheit aller übrigen Menschen ihren Ursprung zu danken hätten. Und Voltaires Religionshaß war nicht eine kühle geistige Erkenntnis, nein, er war aus den Instinkten seiner Natur geboren und daher leidenschaftlich und warmblütig. Seine lüstige Wesensveranlagung, welcher Leben wie ein von der Natur verbrieftes Recht auf Genuß erschien, empfand in dem mehr oder weniger asketischen Charakter aller Religionen ein wider den lebendigen Leib und Geist geübtes Verbrechen, das die Menschheit um ihr köstlichstes Teil zu bringen trachtet. Dem geistigen Äquivalent dieser Instinkte, die in Frankreich schon seit Jahrhunderten wider das Christentum wirksam waren, haben die Franzosen ihre religiöse Freiheit zu danken. Auch die verehrungswürdige Trennung von Kirche und Staat im heutigen Frankreich ist nur die Erfüllung einer der Satzungen des voltairischen Testamentes.

Doch sein philosophischer Journalismus strebte nach einer weit unmittelbareren Wirksamkeit. Sobald in irgend einem Winkel seines Vaterlandes oder der Welt eine Tat der Intoleranz, des geistigen Zwanges, der Ungerechtigkeit geschah, erhob er seine Stimme, und es währte nicht lange, bis seine Macht über die öffentliche Meinung praktisch in das Leben des Staates einzugreifen begann. In Toulouse war ein Kalvinist namens Calas als Mörder seines Sohnes, der sich erhängt hatte, gerädert worden, weil die katholischen Richter ohne jeden Beweis annahmen, er habe seinen Sohn lieber von seiner eigenen kalvinistischen Hand sterben, als von fremden katholischen Händen bekehrt sehen wollen. Voltaire nahm die übrigen Mitglieder der unglücklichen Familie bei sich auf, erzwang in dreijährigem Kampfe die Durchsicht des Urteils, und die Unschuld des Calas wurde von den Gerichten ausgesprochen. Kaum ist dies geschehen, so errettet er einen zweiten Kalvinisten namens Sirven vom Tode, der gleichfalls unter der Anklage stand, seine schwachsinnige Tochter, die Selbstmord begangen, umgebracht zu haben. 1776 wird der Chevalier de la Barre in Arras gerädert, weil er gottlose Lieder gesungen und das Kreuz geschändet haben sollte. Voltaire nahm einen der mitschuldigen Kameraden de la Barres, den jungen d'Etallonde, bei sich auf, empfahl ihn in den Dienst des Königs von Preußen und arbeitete an der Aufhebung der über ihn verhängten Verfolgung. Und so geht es weiter bis zu seinem Tode.

Diese wahrhaft praktische, von solchen Erfolgen begleitete Philosophie fing allmählich an, Voltaires Bild in den Augen der eben herangewachsenen Generation völlig umzugestalten. Der große Zyniker, der sich mit einigen siebenzig Jahren krank stellte, den Priester holen ließ, mit verdrehten Augen und ersterbender Stimme wimmernd um die letzte Ölung bat, sie empfing, und dann aus dem Bett sprang, seinen zitternden Sekretär hinter dem Vorhang hervorzog und ihn vor Lachen fast vergehend fragte, ob er seine Rolle nicht trefflich gespielt habe, dieser so furchtbar ernste Spötter wurde allmählich zum milden, weisen, gütigen Patriarchen, den man wie einen guten alten Papst um seinen Segen bat.

Leider sorgte dieser Patriarch selber dafür, daß sein Bild in der Nachwelt auf die entgegengesetzte Weise verzerrt fortleben sollte. Wie es bei seinem Charakter natürlich war, hatten persönliche, literarische und nichtliterarische Streitigkeiten sein ganzes Leben begleitet, jetzt in dieser seltsamen Lebendigkeit des Alters nahmen sie mehr und mehr einen völlig unerträglichen, würdelosen Charakter an. Man darf sagen, daß nie so schändliche Pamphlete geschrieben worden sind, wie Voltaire sie in diesen beiden letzten Dezennien seines Lebens wider seine Feinde geschleudert hat. Und diese Verunglimpfungen besorgte er wie ein unumgängliches Geschäft, oder vielmehr wie eine Erholung, eine diabolische Erheiterung, die seiner Gesundheit von Zeit zu Zeit zuträglich war. Aber das Bild eines verächtlichen, geifernden Bösewichtes, das er dadurch fast unauslöschlich in das Gedächtnis der Menschen geschrieben hat, ist ebenso falsch wie das des Patriarchen, dessen knochige Fechterhände man zum Segnen auf die Häupter seiner Kinder zwang, beides sind nur zwei burleske Nebenfiguren des großen Theaters, das er war.

Vielleicht wird man den Gutsherrn noch dazu stellen wollen. Königlicher Kammerjunker, Herr von Ferney, Graf von Tourney, es waren der Titel noch nicht genug, er wünschte auch noch den eines Gestütsdirektors des Landes zu führen, und als dieses nicht zu erreichen war, gab er sich mit der Ernennung zum weltlichen Pater des Kapuzinerordens zufrieden. Als solcher hat er in der von ihm erbauten Kirche, welche die Inschrift trägt: Deo erexit Voltaire, eines Sonntags gepredigt!! Allerdings wider den Diebstahl.

Seine Lebensführung in Ferney war völlig fürstlich – und die Fürsten und Könige, zu denen er nun nicht mehr ging, kamen zu ihm. Er gab glänzende Feste, und was in Cirey, in Potsdam, was überall geschehen war, wo er sein Haus und Heim aufschlug, es wurde ununterbrochen Theater gespielt; nach dem Berichte der Frau von Grafigny hatte man einst in Cirey dreiunddreißig Akte in vierundzwanzig Stunden geprobt und gespielt.

Doch der Hauptstrom seines Lebens mündete breiter und schöner, es ist etwas Faustisches daran, etwas vom Schlusse des Candid. Er nutzte seinen außerordentlichen Reichtum und seinen europäischen Einfluß unermüdlich zur Hebung des Wohlstandes in den ihm gehörigen Bezirken, legte Tuch- und Uhrenfabriken an und streckte den Unternehmungslustigen Geld vor. Das Dorf Ferney zählte 50 Seelen, als er das Gut erwarb, und 1200 bei seinem Tode. Er hat Glück und Gedeihen um sich verbreitet, so sehr es nur in seinen Kräften stand. Vielleicht erfaßt man für die Dauer eines Blitzes die letzte menschliche Einheit seines Wesens, wenn man sich vergegenwärtigt, daß er auch alles sehr Gute in seinem Leben stets nur wie einen spöttischen Witz getan hat. 1760 erfuhr er, daß irgendwo in der Welt eine sechzehnjährige Enkelin des großen Corneille lebte; er nahm sie in sein Haus, ließ sie erziehen, verheiratete sie und schenkte ihr eine große Mitgift, obwohl sich inzwischen zu seinem größten Ergötzen herausgestellt, daß sie nicht eine Enkelin des großen, – sondern nur die Enkelin von Thomas Corneille war. Dann meldete sich in recht bedürftigem Zustande der echte Enkel, und Voltaire nahm auch ihn zu sich. Man muß die Briefe lesen, in denen er über diese häuslichen Ereignisse berichtet, und man wird etwas von dem geistigen Entzücken nachempfinden, das alle Menschen in seiner Nähe ergriff.

Mit dem Tode Ludwigs XV. war für Voltaire das Verbot erloschen, Paris zu betreten. Nach langem Schwanken und ungestümem Zureden seiner Nichte, der schrecklichen Madame Denis, die seit dem Tode der Frau von Châtelet das Haus für ihn hielt, entschloß er sich endlich am 10. Februar 1778 hinzugehen. Drei Monate lang berauschte er sich in vollen Zügen an seinem Ruhme, dann versagte sein Körper. Er hatte in der ganzen Zeit daran zu denken vergessen, daß er ein vierundachtzigjähriger Greis war, und starb in der Nacht vom 30. zum 31. Mai, nachdem er die Priester zur Tür hinausgewiesen.

Hier liegt – wenn man euch glauben wollte,
Ihr frommen Herrn – der längst hier liegen sollte.
Der liebe Gott verzeih aus Gnade
Ihm seine Henriade
Und seine Trauerspiele
Und seiner Verschen viele:
Denn was er sonst ans Licht gebracht,
Das hat er ziemlich gut gemacht.

Diese hellsichtige Grabschrift auf Voltaire fand sich im Nachlasse des Mannes, der ihm von allen Deutschen in den edlen Tendenzen seines Geistes am verwandtesten gewesen ist, im Nachlasse Lessings.

Ernst Hardt.

 

Die nicht in Klammern gefaßten Fußnoten sind Anmerkungen, die Voltaire seinem Text selber gegeben hat.

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