Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Holzamer >

Erzählungen

Wilhelm Holzamer: Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/holzamer/werk/book.xml
typenarrative
authorWilhelm Holzamer
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik Band 3
titleErzählungen
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeDritter Band
editorR. W. Enzio
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
projectid0a5c19e5
Schließen

Navigation:

Pfarrers Käthchen.

Meine Mutter hat mir heut' einen Brief geschrieben, Neuigkeiten aus meinem Heimatdorfe. Sie interessieren mich ja meist nicht viel; aber die Gute meint Wunders, wie viel ich entbehrte, wenn ich das nicht all' haarklein wüßte. So viele Namen sind mir ja nur Klang. Ich bin nun zu lange von zu Hause fort. Aber ich sag' ihr das nicht. Sie soll ihre Freude behalten.

»Verheirat die Liese mit dem Christoph«, heißt's da, »ausgerufen die Grete mit dem Lorenz.« Kindtaufe beim Vetter Jakob, und de »alt Härche« – kennst ihn ja noch, der die Klarinette blies – ist gestorben und auch schon begraben. Es war eine schöne, große Leich'. Und die Anne-Marie hat einen Buben gekriegt, ledig, denk' dir.«

Na ja, denk' ich – Gott gesegens ihr und dem Buben! Er gesegnet's ja leider meist nicht.

Und dann steht da: »'s Pfarrers Käthche, denk' dir, ist jetzt ins Kloster gegangen. Erst ins Mutterhaus, dann geht sie nach Afrika. Schwarze Buben soll sie lehren und zu Christen machen. Sie hat mir am Sonntag Adje! gesagt und auch einen schönen Gruß an dich noch aufgetragen. Schade für das schöne, frische Ding, meinst nicht auch?«

Ach ja, mein' ich auch, Mutter. Schad' is!

Und – – 's Pfarrers Käthchen! – – ich denk' ein paar Jahre zurück.

Und noch ein paar Jahre – –: da wir Kinder waren.

Unser Pfarrer hatte eine neue Köchin gekriegt, die hatte das Käthchen mitgebracht, »'s Pfarrers Käthche«, nannten wir Kinder sie – »'s Pfarrers Käthche« nannte sie's ganze Dorf.

Wir spielten oft zusammen – auf der »Pfarrtreppe«, das war die hohe Treppe vorm Pfarrhaus.

Sie war ein sauberes Mädchen. Sie hatte große schwarze Augen und ein allerliebstes Zöpflein. Darin war immer ein rotes Bändchen am Ende – und ich hab' ihr oft die Schleife heimlich aufgezogen. Da schmollte sie so hübsch.

Sie hatte artige Manieren, und da sie eine andere, bessere Sprache hatte als die übrigen Dorfkinder, wurde sie oft verspottet von denen. Da nahm ich mich ihrer an und verteidigte sie. Dafür war sie mir immer sehr dankbar.

Wir waren überhaupt gute Freunde. Ich glaub' freilich, der Pfarrer wußte nichts davon.

Oft, wenn ich aus der Schule heimkam, wartete sie schon am Bahnhof auf mich – ich kam nämlich täglich aus der Stadt mit der Bahn gefahren – und bestellte mich zum Mittagsspiel – auf der Pfarrtreppe – im Pfarrgarten – in den Wiesen. Was spielten wir nicht alles da! Laufen, Verstecken – »wo ist gut Bier feil?« – Vogelraten – und Gott was alles noch! Wir naschten heimlich von des Pfarrers Obstbäumen und waren wie die Stare an seinen Trauben. Im Winter fuhren wir Schlitten und warfen Schneeballen, und Käthchen war eine der wildesten. Und als ihr die Mutter – ohne Wissen des Pfarrers – nach viel Bitten und Betteln ein Paar Schlittschuhe gekauft hatte, half ich ihr auf dem Eise die ersten Übungen und Ängste überstehen.

Sie mochte damals zehn Jahre, ich dreizehn sein.

Ja, wir waren gute Freunde.

Dann im Frühjahr waren wir alle einmal auf den Wiesen am Sonntagnachmittag. Wir hatten Blumen gesucht, Veilchen und Schlüsselblumen, große Sträuße. Und es war schon gegen Abend geworden und Zeit zum Heimgang. Einer machte den Vorschlag, einen Brautzug zu bilden. Jeder sollte sich eine Braut wählen.

Die Mädelchen kicherten, uns Buben leuchteten die Augen. Wir hatten alle nichts dagegen. »Und wir wollen singen!« sagte einer.

In einer Reihe standen die Bräute, ihnen gegenüber wir Buben. Ich war der größte, ich sollte zuerst wählen.

Ich ließ den Blick die Reihe hingehen.

Jed' Mädel stand mit lachendem Gesicht, halb verlegen, und ließ die Zähne blinken.

Nur 's Käthchen nicht. Es war über und über rot geworden. Und als mein Blick es traf, gingen ihm lockend die Lider höher. Ich seh's noch heut'. Und es machte eine leise Bewegung mit der Hand. »Mich, mich!« hieß das.

Aber was mir einfiel! – mein Blick ging weiter.

Ich glaub', ich wollte sie nur necken. Ich wußte wirklich nicht mehr, welchen anderen Grund ich hätte haben können. Ob ich einen anderen hatte, ich glaube nicht.

Ich glaube, ich wollte sie nur necken, und ich wählte die Anne-Marie, die jetzt ledig eines Buben genesen ist.

Das Käthchen ließ den Kopf sinken. Ich glaube nicht, daß sie geweint hat. Aber zum Weinen war's ihr gewiß, das merkt' ich wohl.

Und auch mir war's jetzt so leid. Die anderen sangen. Ich führte zwar die Anne-Marie an der Hand, aber ich war nicht froh und sang nicht.

Vorm Dorf, wo wir wieder durcheinander gingen, suchte ich an ihre Seite zu kommen und flüsterte ihr zu: »'s war ja nur Spaß, Käthchen,« aber sie schüttelte es von sich ab.

Seitdem war sie nie mehr am Bahnhof, haben wir nie mehr zusammen gespielt und von des Pfarrers Obst genascht.

Wir waren ja auch indessen zu groß geworden, und es wäre nun »unschicklich« gewesen.

Lange, lange sah ich das Käthchen nicht. Oder doch – als sie zur »heiligen Kommunion« ging, sah ich sie vom Altar gehen, sehr fromm, sehr züchtig, wie sich das gehörte.

Und später dann noch, wenn ich in den Ferien heim kam, ebenfalls in der Kirche. Sie betete dann immer sehr fromm und eifrig und ließ ihren schönen weißen Rosenkranz geschickt durch ihre kleinen Hände gleiten.

Ob sie mich auch sah! – sehen wollte!? –

Ich war indessen ein stattlicher Jüngling geworden und – sehr stolz.

Langsam fügte sich ein Jahr zum anderen, und wenn man's übersah, war's doch schneller gegangen, als man's gedacht hatte.

So hatt' ich meine dreiundzwanzig erreicht. Das Käthchen war nun wohl an den zwanzig.

Ich kam zur Kirchweih heim. Recht lustig wollt' ich sein und mein gut Teil tanzen.

Wie ich am Nachmittag ins Wirtshaus komme und in den Tanzsaal trete, steh' ich den Mädchen gegenüber, die an der Wand sitzen und auf die Burschen warten. Auch's Käthchen ist dabei. Aber es steht da oben und plaudert mit einem Mädchen, als ob's nicht dazu gehöre. Der Brauch, an der Wand zu sitzen, behagte ihr offenbar nicht.

Ich laß die Blicke über die Mädchen gleiten.

Das Orchester spielt einen Walzer.

Heut' – wähl' ich das Käthchen! –

Burschen kommen – Paare tanzen. Es geht alles sehr rasch.

Und nun ist schon ein wenig Trubel im Saal.

Das Käthchen plaudert noch.

Ich gehe hin.

Formell zu sein, hätte ich nun nicht übers Herz gebracht. Ein konventionelles Wort wäre mir nicht aus der Kehle gegangen.

»Käthchen,« sag' ich, »wollen wir nicht den Walzer zusammen tanzen?«

Sie sieht auf – sie sieht mich an – sie errötet –

Sie greift in ihre Stirnlöckchen mit verlegenem Finger – –

Sie neigt den Kopf – – »Danke!« – und ganz leise: »Nein!« sagte sie und verbeugt sich.

Ich habe keinen Tanz getanzt.

Das Käthchen tanzte viel, meist mit Fremden.

Nun war's bald Zeit zum Abendessen.

Das Käthchen ging.

Und bald ging auch ich.

Wär' meine Mutter nicht gewesen, ich wäre nach dem Abendessen zu Hause geblieben.

»Geh', Bub, schäm' dich,« sagte sie. »Gar nicht getanzt. Und nun zu Hause bleiben. Jung sein und in der Stube hocken, wenn's Kirchweih ist, Bub, das paßt nicht. Tanzen und froh sein, wie wir's auch waren, da wir jung sind gewesen. Werd' mir kein Stubenhocker, Bub, und kein Duckmäuser! Du hast jetzt das Alter, du gehst mir zum Tanz. Jetzt sind die Jahre, hast noch lang genug vor zum Daheimhocken –!«

Da ging ich denn wieder.

Bald kam auch das Käthchen mit ihren Nachbarsleuten.

Und ich tanzte noch nicht.

Da bestellten die Fremden eine Française.

Unsere Dorfschönen mußten nun »schimmeln«.

Auch das Käthchen. Halb gönnt' ich's ihr.

Doch nun fehlte noch ein Paar.

Ich konnte ja die Française. Und nun faßt' ich mir ein Herz.

»Käthchen, wollen wir die Française zusammen mittanzen?«

Sie lächelte: »Ich kann sie ja nicht.«

Aber sie sah doch ganz stolz aus – und sie war recht wohl willens.

»Wenn du mit mir tanzt, geht's schon – ich sag' dir jedesmal, was du tun mußt.«

Und rascher, als es zu erwarten war, hing sie in meinem Arm.

Wir tanzten.

»Du, bist du mir bös?« fragte sie in der Pause. »Nein – warum?«

»Wegen heute nachmittag! Es ist mir so leid?«

»Warum gabst du mir den Korb?«

»Ach Gott! – laß! – ich weiß das ja selbst nicht. Oder – ach gelt, laß! Sei mir nicht bös! Gelt nicht? – – 's war ja nur Spaß« – und sie betonte das so seltsam. Ich verstand.

Du gekränkt Mädchenherz, du goldiges! Du eitel, du trutzig Menschenkind, du frisches, liebes! – dacht' ich da.

Unter Scherzen tanzten wir die folgenden Touren. Ein Paar Fehler machte das Käthchen schon. Dann klatscht' ich ihr zu.

Und nun ging die Musik in den Schlußgalopp über. – Und wir beide – husch – ein Bogen und Schwung – und wir beide flogen durch den Saal. Flogen!

Dann haben wir noch ein paarmal mitsammen getanzt.

Ich wollte das Käthchen heimbegleiten, da's gen Morgen ging.

»O ja, das sollte ich,« meinte das Käthchen.

Wir hatten es mit wenig Mühe fertig gebracht, uns von den Nachbarsleuten »loszuschrauben«.

Und nun gingen wir. Wie zwei Kinder. Nicht nach dem Pfarrhaus. Wie die Kinder im Märchen, nur immer gerade aus, immer geraden Wegs vorwärts.

Und nun standen wir im Freien.

Eine herrliche blaue Mondnacht. Das fahle Mondlicht auf den Feldern, breit hingelegt. Eine weite, weite Stille vor uns. Unzählige Sterne über uns.

Und jeder Baum und Strauch wie verhüllt. Wie ein Gespenst, wie eine alte Hexe da – wie ein grauer Mönch dort. Unbeweglich alle, lauernd, als ob sie auf uns warteten.

Und dort am Wiesenrand der Wiesenmann. Er saß am Grabenrand. Ganz in sich gebückt. Man sah nur seinen großen hohen Hut. Und seine Pfeife, die glimmte. In der Hand, an tausend Fäden, hielt er die dünnen weißen Nebel, die nach seinem Zug und Ruck über die Wiesen glitten.

Ich glaub', wir zitterten ein wenig.

Das Käthchen drückte sich fest an mich.

»Du – der Wiesenmann, du!« – flüsterte sie. »Ich fürcht' mich.«

Jetzt hatt' ich Mut.

»Geh – das ist ja nur ein Weidenstumpf.«

»Aber seine Pfeife glimmt doch, ich seh' sie deutlich glimmen. Komm, wir wollen heim gehen! Durch den Pfarrgarten hin, die Tür ist offen. Was tun wir denn im Freien da! Ich fürcht' mich.«

Wir gingen dann den Weg ums Dorf nach dem Pfarrgarten.

Da fürchtete sie sich nicht mehr.

Die Türe war nur angelehnt. Sie knarrte ein wenig, als das Käthchen öffnete.

»Das hört niemand,« sagte sie.

Wir traten ein.

Das Mondlicht rieselte durch die Baumkronen und spielte auf den gelben Kieswegen.

Das Käthchen ging vor. Der Kies knirschte ein wenig.

»Das tut nichts, das hört niemand.«

Da stand eine Bank. Das Käthchen setzte sich.

»Hier setz dich her, neben mich, komm! – Siehst du, da denk' ich oft an dich. Wenn ich da sitze und stricke oder im Goffiné lese. Das muß ich, obschon ich gar nie Lust dazu habe. Hier hab' ich auch dein Gedicht gelesen neulich, obschon es der Herr Pfarrer mir verboten hatte. Du gehörtest jetzt auch zu den Gottlosen, hat er gesagt, und es sei ein garstig schlecht Gedicht. Mir hat's aber gefallen, so gefallen!« –

Mir lachte das Herz.

»Das ist lieb von dir, Käthchen. Aber laß! Der Pfarrer hat mich schlechter gemacht, als ich bin. Und am Ende auch mein Gedicht. Aber laß nur, Käthchen, was liegt daran! Sieh, das ist so eine stille, schöne Nacht. Die wollen wir jetzt genießen. Wir beide! Laß den Pfarrer und die Gottlosen und das Gedicht.«

»Wie still ist's hier! – Nur fern die Musik, hörst du sie?« – –

»Und unsere Herzen, hörst du sie? Sie schlagen ganz laut!« –

»Ich hör' sie,« lispelte das Käthchen und legte ihren Kopf auf meine Brust. Und ich strich ihr übers Haar, zärtlich und langsam.

Und so saßen wir – und plauderten ein wenig, leise flüsternd – und faßten unsere Hände – und waren eine lange, lange Weile still – und genossen so herzlich und rein die verschwiegene Nacht und unsere Seligkeit in – Schweigen.

Und leise hob das Käthchen den Kopf – und beugte ihn zurück – und sah mich lange und tief mit großen, strahlenden, bittenden Augen an. Ich neigte ihr den Kopf entgegen und berührte ihren Mund – und sie schlang stürmisch ihre Arme um meinen Hals, und ihre Lippen sogen sich heiß und fest an die meinen – und wir verharrten in langem, langem Kusse.

Dem ersten Kuß, den sie geküßt – in Freundschaft, in kindlich-seliger Liebe.

Dann sprang sie auf. »Nun muß ich gehen.« Auch ich stand auf. Und wieder umschlang sie meinen Hals und küßte mich.

»Du Lieber, Lieber! Gelt, bist mir nicht böse wegen dem Walzer heut'. Es war zur Strafe wegen – der Braut auf der Wiese. Ich hätt' ja weinen mögen. Gelt, sei mir nicht bös, gelt, sei mir gut, du Lieber!«

Das stürmte sie so heraus.

»Noch einen Kuß: nun geh!«

Sie ging ein paar Schritte und blieb stehen.

»Du! – wann krieg ich wieder einen Kuß?«

»Das frag' ich dich!«

»Wenn du erst fragst. – Gut Nacht!«

Der Kies knirschte von ihren raschen Schritten ...

Leiser und leiser ...

Am zweiten Kirchweihtag kam das Käthchen nicht zum Tanz.

»Wenn du erst fragst!«

Im Schatten des Haselstrauches stand ich bis tief in die Nacht an der Mauer des Pfarrgartens. Und der Mond grinste durch die Zweige über mir.

Das Käthchen war wohl behütet im Pfarrhaus. Ich wartete vergebens. Und am folgenden Tage reiste ich ab.

Es sind nun schon ein paar Jährchen her.

»'s Pfarrers Käthche ist jetzt ins Kloster gangen – –«

Wenn ich damals gefragt hätt' – um sie –!

Schade um das liebe, frische, fröhliche Ding!

Wenn die schwarzen Buben einen Sinn haben für schöne dunkle Augen und rote volle Lippen, werden sie gute Christen werden.

Und das wird das Käthchen freuen und – glücklich machen. Armes Käthchen!

 << Kapitel 4 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.