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Erzählungen

Wilhelm Holzamer: Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorWilhelm Holzamer
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik Band 3
titleErzählungen
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeDritter Band
editorR. W. Enzio
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
projectid0a5c19e5
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Der lange Hahn.

Sie waren zehn lebendige Geschwister gewesen, drei Buben und sieben Mädchen, von oben, ihm, »dem Langen«, an immer eines kleiner als das andere, wie die Orgelpfeifen. Sein Vater war nur ein Zigarrenmacher, da konnt's nicht gerade hoch hergehen bei ihnen daheim. Anfangs, als sie noch zwei, dann drei, auch noch als sie schon viere waren, da war's eher gegangen. Da hatte auch die Mutter noch in die Fabrik gehen können. Aber beim fünften, da trug sie etwas vom Wochenbett davon, da ging das nicht mehr, und es wurde immer knapper bei ihnen. Denn es kamen immer noch fünfe, und sie waren auf den Verdienst des Vaters allein angewiesen. Das war wenig für so viele Mäuler. Es hieß sparen.

»Ja, sparen!« sagte die Mutter immer, »das ist gut gesagt. Aber essen muß man doch!«

Es gab viel Kartoffeln und wenig Fleisch, und durch die Stücke Brot konnte man durchsehen zuzeiten, so dünn waren sie. Sie bekamen manchmal abgelegte Kleider geschenkt; aber die hielten nicht lange, und die Mutter hatte oft den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als zu flicken. Und die Schuhe! – Gott, die Schuhe – sie liefen alle mehr auf dem deutschen Boden als auf Ledersohlen, und die Füße durften ihnen nicht verfrieren und mußten sich abhärten. Das liebe Elend war der treueste Hausfreund.

Der Vater freilich, der hatte seine Freizigarren, und wenn Kummer und Sorgen zu groß waren, da konnt' er doch rauchen. Es machte ihn ja gewiß auch nicht satt, aber es war doch etwas getan, das nicht an die Not erinnerte und andere Gedanken gab.

Sie hatten zwei Stübchen, einen Gang und eine Küche, aber es war ein großer Hof beim Hause, und das Feld war auch nahe. Im Sommer gab es Rüben draußen, und bald würden auch die Zwetschen reifen, die Birnen und die Äpfel; – nun es schadete so einem reichen Bauern nichts, wenn man im Vorbeigehen mal eine Rübe ausriß und sich mal tüchtig dran satt »watzte«, und unter einen Baum werfen, war auch keine große Sünde, wenn man sich nicht mit Falläpfeln die Taschen füllen konnte. In der Erntezeit konnte man Ähren lesen. Früh auf hieß es da, wenn der Tau noch auf den Ackern lag, denn sonst »schutzte« es nicht. Aber wie beschwerlich und mühsam war das, die Äcker absuchen! Die Bauern ließen kaum ein Hälmchen mehr liegen, seit alle die großen krummzinkigen Patentrechen hatten, und bis so eine Handvoll Ähren gefunden war, da mußte man sich so vielmal bücken, daß man hintennach meinte, das Kreuz müsse einem zerbrechen. Und die Disteln und Stoppeln waren den bloßen Füßen auch nicht angenehm. Aber wenn sie zu zweien waren, der Bruder und er, und sich einander aneiferten und um die Wette suchten, da gab's doch ein tüchtig Bündel, bis es zwölf läutete, und sie waren dann beide nicht wenig stolz, wenn sie mit ihren Armen voll heim kamen. Es war ein teurer Stolz, zumal für ihn, den »Langen«. Aber wenn die Mutter sagte:

»Da, ›Langer‹, hast ein Stück Brot mehr!« da vergaß er gerne die Anstrengung, die es ihn gekostet hatte, und teilte mit dem Bruder, der die Arbeit weniger zählte, als er, und dem alles leichter fiel.

Die Mutter weinte oft.

Sie sagte immer: »Wenn ich nur noch könnt'! Aber ihr habt mir all mein Leben genommen. Ich hab' kein' Kraft mehr.«

Der Vater durft' das nicht hören. Er ward dann böse.

»Wenn du nur mal groß bist, ›Langer‹, und auch was verdienst, dann wird's ja eher gehen. Dann kommt eins nach dem anderen, der Franz dann, dann die Lotte. Aber bis dahin werd' ich auf dem Kirchhof liegen.«

Der Bruder Franz war schon in der Jugend für das »weiche Geschwätz« nicht und ging dann immer aus der Stube. Er, der »Lange«, er blieb bei der Mutter und hörte ihr Lamento an, in dem leise, ganz leise, stets ihr Hoffen mitklang. Mit seinen Kinderohren hörte er dies Hoffen aber laut, und er gab Versprechungen und baute Luftschlösser, und die Mutter trocknete ihre Tränen.

Es war in der Zeit, daß er bald aus der Schule kam. Da merkte er, daß sie noch ein Kind kriegen sollten. Und sie waren doch schon neun und hatten nicht satt genug.

Es ließ ihm Tag und Nacht nicht Ruhe. Er wollte seinen Bruder darum fragen. Aber das wagte er nicht in deutlichen Worten. Und der Franz hatte so eine Art, so etwas nicht schwer zu nehmen und sich nicht quälende Gedanken darüber zu machen. Er war darin ganz anders als er und ließ alles eher gehen, wie es ging. So kam er mit ihm nicht weiter.

Es erregte ihn furchtbar. Es war wie Feuer in ihm. Er konnte die Mutter nicht ansehen. Manchmal war ihm, er müsse auf sie eindringen. Er hatte eine Wut auf sie. Das war so entsetzlich und furchtbar, daß er sich vor sich selbst schämte. Und doch wieder ging etwas von der Mutter auf ihn aus, das wie Singen ward in ihm und ihm heiß machte. Er mußte sie manchmal verstohlen betrachten, vom Kopf bis zu den Füßen, und dann stieg ihm auch heiß die Röte in die Schläfen.

Aber wenn sie sich so hinschleppte, da jammerte es in ihm, und bedauerte und klagte an, und er wußte doch gar nicht, wen er anklagen und wo und was er anklagen sollte. Ach, es war ja zu traurig für sie! Und auch für ihn! Wie sollte der Vater nur das Geld herbeischaffen können für noch ein Kind! Was würde das alles kosten, die Amme alle Tage ins Haus, die Kindtaufe!

Wenn er nur helfen könnte!

Eines Tages war dann das Kind da.

Als es ihm der Vater zeigte, schossen ihm die Tränen in die Augen. Die Mutter sah ihn so hilflos an. Vater und Mutter drangen in ihn, was er denn habe. Endlich rang sich's ihm los: »Wenn's uns nur besser ging', dann könnt's ja gekommen sein!«

Da blickte die Mutter nur noch trauriger und hilfloser, der Vater aber ging stumm weg. Nach einer langen Stille streckte ihm die Mutter ihre weiße Hand, die ganz mager war und auf der man die blauen Adern wie Rutenstriemen sah, aus dem Bette heraus hin und sagte:

»Jetzt kommst du bald aus der Schule, ›Langer‹, da verdienst du was. Gelt, und wenn du mal groß bist, sorg' auch für das Würmchen, wenn du was übrig hast, denn 's kann ja nix dafür, daß es noch kommen ist.«

Er konnte nur nicken und mußte aus der Stube gehen.

Er sollte auch Zigarrenmacher werden. Er folgte dem Vater, der ihn mit in die Fabrik nahm. Es war ihm nicht recht, und innerlich sträubte er sich dagegen. Er mochte den Geruch nicht leiden. Schon als kleiner Bube, wenn er länger in der Fabrik gewesen war, hatte er Kopfweh gekriegt. Einmal war ihm sogar so übel geworden, daß er ganz krank nach Hause geschafft werden mußte.

Die Leute sagten, er ist zu groß aufgeschossen und viel zu rasch gewachsen. Er ist ja dürr wie eine Bohnenstange und dünn wie eine Gerte. Das Blut ist ihm zu schwach. Viel Kräftiges wird er auch nicht zu essen gekriegt haben, da wirft ihn schon das bißchen Tabaksgeruch um.

Der Vater aber meinte, mit dem Wachsen müsse es denn doch einmal ein Ende haben, und er müsse ein wenig in die Breite gehen und gesetzter werden.

»Zum Sortieren bist du wie geschaffen,« stellte er ihm vor. »Mit deinen langen Armen, da machst du an zwei Tischen, was sonst Zwei an einem machen. Rauch du mal tüchtig und laß dir ordentlich dabei übel werden, da wirst du schon von der Käsigkeit kuriert sein! ...«

Er war nun schon vier Wochen lang in der Fabrik und hatte immer noch das gleiche Übelsein, Kopfweh und Schwindel. Und nun gar keinen Appetit mehr. Die einen rieten ihm dies, die anderen jenes.

»Schäm dich vor den Weibsleuten, ›Langer‹!« riefen sie ihm zu. »Und noch ein Zigarrenmacherssohn dabei! Hahn, der Bub blamiert dich!«

Aber ob er sich auch den besten Willen gab, es half halt nicht. Er fühlte sich schwach und elend und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Am liebsten hätte er sich in eine Ecke legen und schlafen mögen, schlafen, schlafen, schlafen, sieben Tage und sieben Nächte lang, und noch länger.

Doch er mußte bleiben; für Vater und Mutter und die Geschwister mußte er sich überwinden.

Die Mutter kochte ihm manchmal ein Ei extra, das stärke mehr als Wurst und Käse.

Aber es schien ihn nicht viel mehr zu stärken. Er fühlte nicht, daß seine Beine kräftiger davon wurden. Sie schlotterten ihm mit jedem Tage mehr unter dem Leib. Er schleppte sie mehr, als sie ihn trugen. Und der Kopf sank ihm ganz auf die Brust, und sein Rücken wurde rund wie bei einem alten Mann.

Bald ginge es nicht mehr. Die ganze Welt ging schon mit ihm herum. Besonders wenn er in der Fabrik war. Wenn er in die frische Luft kam, dann war ihm jedesmal, die Frische ströme durch tausend Löcher in ihn ein und stäube und kühle seinen Kopf aus. Aber nur ärger kam dann die Schwäche.

Eines Tages ging es nicht anders, er mußte liegen bleiben. Er dachte immer noch daran, Zigarrenarbeiter bleiben zu können, wegen des Vaters und der Mutter und der Geschwister. Er schämte sich auch, er wollte nicht so schwach sein. Die Mutter weinte. Ihr war eine Hoffnung verloren, auf die sie so viel gesetzt hatte.

»Man meint, du wärst Vornehmeleutskind!« höhnte der Vater.

Aber er konnte kaum die Ohren recken und konnte nichts dazu sagen.

»Da wird der Franz einmal ein anderer Kerl!«

Ja, das würde er wohl. Er möchte am liebsten sterben.

Er dachte nach, was er denn sonst werden könnte. Er fand nichts. Nichts, wo er Geld verdiente, und was man, ohne Geld zu haben, werden konnte. Kein Geschäft, das war ausgeschlossen. Nichts, wobei er hart arbeiten mußte. Das konnte er nicht. Es war auch sonst keine Fabrik am Orte, in die er hätte gehen können. Und Fabrik war doch das einzige, wo er gleich Geld verdienen und zu Hause mit seinem Verdienst beispringen konnte.

Was er eigentlich wollte, was im Herzen sein stärkster Wunsch wäre, das wurde nicht wach. Das hätte nicht wach werden dürfen.

Schließlich fiel ihm ein, wenn er Schreiber werden könnte. Das war zwar sehr hoch verstiegen. Aber er hatte immer eine gute Handschrift gehabt. Das Sitzen würde hoffentlich seiner Brust nicht schaden, zum Stehen am Pulte wäre er schließlich auch groß genug, und so wäre vielleicht seine Länge etwas Vorgesehenes in seinem Leben, daraus er seinen Nutzen haben sollte. Eigentlich waren ja Vater und Mutter gar nicht groß, und da er dennoch so in die Höhe geschossen war, so mußte es doch für irgend was wert sein in seinem Leben. Und für nichts und wieder nichts konnt's doch auch nicht sein, daß er den Tabakgeruch nicht vertragen konnte.

Wenn ihn nur ein Geschäft aufs Bureau nähme! Vielleicht der Weinhändler Höhnlein – oder der Bürgermeister?

Er baute Luftschlösser. Dann fiel ihm plötzlich wieder das Herz in die Schuhe: wenn er niemand fände, der ihn wollte!

Am Ende gar, weil er so lang und schmal war und so übel aussah, so mager und bleich, und so große Ringe um die Augen hatte, daß sich die Leute genieren mußten, ihn auf dem Bureau zu haben und vor anderen sehen zu lassen.

Das schoß ihm aber nur so durch den Kopf.

Schwerer machte ihm ein anderer Gedanke: zum Schreiber brauchte er bessere Kleider. Daran fehlte es ihm. Er hatte zwar seinen Nachtmahlsanzug, der ja ganz gut war. Wenn er den jeden Tag anzöge, wäre er aber bald hin. Darüber sann er nun nach. Ach, dachte er zuletzt, bis dahin hab' ich dann so viel verdient, daß ich mir eine Hose, dann Rock und Weste anschaffen kann, und wenn ich mal Schreiber bin, da brauch' ich auch nicht gleich zu bezahlen, denn dann hab' ich mehr, als nur mein ehrlich Gesicht, denn ein Schreiber, das ist doch was!

Er getraute sich noch nicht, es dem Vater zu sagen. Der würde ihn schön anschnauzen und von dummen, eingebildeten Possen reden, und daß er zu hoch hinaus wollte! Aber er mußte in den sauren Apfel beißen.

Endlich teilte er dem Vater seinen Entschluß mit.

Er sagte so: »Vater, ich will dir was sagen, ich darf, glaub' ich, doch nit mehr in die Fabrik gehen, es gibt die Schwindsucht am End': dazu, wo ich so eine schmale Brust hab'.«

»Wer hat dir denn den Unsinn eingeredet?«

»Ich spür' das selbst. Ich will Schreiber werden, das ist besser für mich und für euch. Ich glaub' auch, da kommt man eher zu was, und ich will auch ordentlich fleißig sein und mich dahinter halten, daß ich was für euch übrig behalt'.«

Dem Vater leuchtete das zwar ein; aber sein Zigarrenmacherstolz sträubte sich noch.

»'s ist ein Schimpf und eine Schand', wenn man einen Bub hat, der noch nit mal werden kann, was man selbst ist, und einem sein ehrlich Geschäft verachtet, weil er höher hinaus will und Possen im Kopf hat.«

Damit ging er. Aber er überlegte sich doch die Sache in aller Ruhe und fand, daß es gut wäre, wenn's dem »Langen« gelänge.

Er fragte auf dem Bureau der Fabrik, ob da kein Platz wäre. Aber es war nichts. Ein wenig sank ihm dabei der Mut. Wenn am Ende gar keine Stelle zu finden wäre! Durch seine Nachfrage auf dem Bureau war die Sache nun bekannt geworden, und wär's hintennach nichts, so käme der Spott haufenweise.

Auf der Bürgermeisterei war's auch nichts, schließlich nahm der Weinhändler Höhnlein den »Langen« an. Kein großer Verdienst, aber ein Anfang.

Der »Lange« war froh.

»Na, nun bist du was Vornehmes!« knurrte der Vater.

Aber der »Lange« hörte darüber hinweg.

»Elend ist's doch,« sagte der Vater, »'s hat nur schönere Kleider an und riecht nit nach Tabak, dafür hat's Tintenflecken.«

Der »Lange« blieb schweigend.

Er wußte nicht, was es war, in ihm war noch etwas erwacht, das war weh und unbefriedigt. Nun war er Schreiber, und soviel das war, es war ihm nicht genug. Er wollte noch etwas anderes. Sein Herz hing noch an etwas, verlangte nach etwas, das ihm nicht klar und deutlich wurde. Er schalt sich. Er hatte gemeint, wenn er die Schreiberstelle hätte, dann würde er jubeln und jauchzen und ein Federchen in die Luft blasen. Und nun lief er herum und wartete auf etwas, das viel besser wäre und schöner und ihm alles gäbe, was er gewollt und gewünscht hatte.

Aber das käme ja nie, das war nur so in ihm und war gar nicht recht.

Er war ein armer Teufel und mußte zufrieden sein mit dem, was er hatte. Es war ja schon mehr, als andere hatten.

So ging er jeden Tag auf sein Bureau, nahm dabei die Post mit, schrieb Bogen um Bogen voll, kopierte Rechnungen und schrieb Offertbriefe und hatte eine halbe, stille Verzweiflung in der Seele, die er niemand verriet.

Wenn er zurückdachte, am meisten Dank schuldete er doch dem Anton Ambach. Ohne den war' er geblieben, was er war. Der hatte ihm die Hand zum ersten Schritt geboten, herauszukommen.

Der Ambach war ein Leineweber gewesen, der letzte am Orte. Auf den Kirchweihen spielte er das Althorn. Aber sie ließen ihn nicht recht aufkommen in der Kapelle, obgleich er mehr von der Musik verstand, als die anderen alle. Es war dieser krakeelige Bottjakob, der die erste Geige spielte und der den Ambach immer unten hielt. Da war er's eines Tages satt und gründete seine eigene Kapelle, aus lauter jungen Leuten, die den Alten schon überlegen werden sollten. Der Bottjakob würde sie ja beschimpfen, wo er könnte, aber wenn sie was leisteten, dann könnt' er sein böses Maul gebrauchen, so viel er wollte.

So war der »Lange« an den Kontrabaß gekommen. Viel dabei gedacht hatte er sich nicht, als der Ambach zu ihm gekommen war und für den Kontrabaß angeredet hatte. Er war nun drei Jahre auf dem Bureau, und was er verdient hatte, war für Kleider und Schuhe und »die Kost zu Hause« verbraucht. Übrig war ihm nichts geblieben, obgleich er stets noch Schreiberarbeiten nebenher gemacht hatte. Es waren immer so viele Löcher zuzustopfen gewesen.

So war er froh, als der Ambach zu ihm kam. Es war ihm ganz unverhofft gekommen. Er hatte zwar immer die Musik lieb gehabt und sich manche trübe Zeit mit seiner Ziehharmonika vertrieben, die ein altes Familienstück war. Er hätte immer gern Musik gelernt, es hatte ihm immer das Herz daran gehangen. Aber das Verlangen danach war nie so recht deutlich geworden in ihm, er hatte es ja nie dürfen, und dann war's immer stiller und stiller geworden, und er hatte sich ins Leben dreingefunden. Das Alltägliche und Nötigste hatte dies ja so geboten, und er hatte nicht den Mut gehabt, trotz aller Beengungen und Forderungen darauf zu bestehen und sich's recht deutlich klar zu machen. Dann war ihm nur übrig geblieben, daß er, so oft er Musik hörte, stehen bleiben und zuhorchen mußte und immer meinte, es ziehe ihm was ins Herz dabei, das sei wie Stocken oder rasches Feuer, und die Seele tat ihm danach weh. Aber er war ja so ein armer Teufel, und zu Hause war sein Verdienst so notwendig, da hatte er kein Recht zu etwas anderem, da mußte er, was er wollte und wünschte, schweigend in sich begraben. Daß er seine alte Ziehharmonika hatte, das war doch gerade genug für ihn, und er mußte zufrieden damit sein und froh dafür, denn wenn man nichts besitzt, so kommt einem auch nichts zu, das ist so in der Welt, und um etwas zu werden und Wünsche zu haben, darf man nicht als armer Teufel geboren worden sein.

Als der Ambach zu ihm kam, da fühlte er etwas in sich regen, ganz versteckt und verborgen wie unter einer dicken Schicht, die über das Lebendige gelagert war und darunter es schon beinahe ganz hatte ersticken müssen. Was ihn jetzt noch am meisten lockte, war der weitere Verdienst, der ihm in Aussicht stand. Zehn Mark brachte doch jede Kirchweih gewiß ein.

»Du hast die richtige Länge für den Kontrabaß,« hatte der Ambach gesagt – »wenn auch nicht gerade die Dicke,« denn er machte immer gern sein Späßchen – »und das Kontrabaßlernen kost' dich weiter kein Geld, das ist nicht wie bei den anderen Instrumenten. Das Instrument selbst besorg' ich dir vorläufig, die Noten auch. Du kannst dir noch was verdienen mit dem Notenabschreiben über Winter hin, und bis die Kirchweihen im Frühjahr losgehen, haben wir schon Einnahmen, und du trägst mir dein Teil ab.«

Es war ganz richtig und gut vom Ambach und leuchtete auch ein.

Der »Lange« strich also den Kontrabaß. Es war kein groß Kunststück dabei. Es war ihm sogar ein bißchen langweilig manchmal, immer nur das Hum-da-da, Hum-da-da; aber wenn sie alle zusammen spielten, so trug auch das sein notwendig Teil zu dem Stück bei, daß es herausgebracht werden konnte, wie es sein sollte. Freilich, wenn der erste Geiger losließ, freilich, das war anders! Der hatte die Melodie und noch etwas von dem der Hahn nicht wußte, was es war, aber das er allemal empfand, als hätt' ein Mairegen den ganzen Boden aufgetan, und es käme überall daraus hervor wie Geruch und Wärme und Feuchte, daß einem ganz wonnig und schwindelig wurde vor lauter Wohligkeit. Aber das war halt der erste Geiger; danach konnte er nicht verlangen, der hatte die teuren Stunden genommen und der nahm noch weiter Stunden – das war etwas, das stand ganz hoch über ihm, danach durfte er nicht greifen wollen. Es war ja schon viel, daß er den Kontrabaß streichen und so sein Teil zugeben durfte, und war das auch nur das ewige Hum-da-da.

Aber doch – wenn er die Geige spielen könnte! Das rüttelte ihn nun aber nicht mehr so sehr, es drängte und trieb auch nicht mehr in ihm so stark.

Einmal war ihm ein merkwürdiges Nachdenken über sich gekommen.

Er war mit dem Ambach in der Stadt gewesen, Noten kaufen. Sie hatten vor mehreren Musikalienläden gestanden, Geigen hatten da gehangen, Klarinetten, Flöten und Hörner waren ausgelegt.

»Es ist doch schade,« hatte der Ambach gesagt, »daß man das Zeugs nit all' kaufen kann, da liegt's ewig im Laden drin und wird nie gespielt, und was in ihm steckt, das kommt nie aus ihm heraus, denn die Musik steckt doch in jedem Instrument. Von den Geigen aber wird mehr als eine zu Lebtag nit gestrichen, und manch' Flöt' wird nit geblasen werden, und sie wären doch gerade so gut wie die anderen, vielleicht noch besser.«

Da war es dem Hahn wie ein Schleier vor den Augen geschwebt, und er hatte lange die Instrumente angucken müssen.

Es sind halt Instrumente, die nichts selbst tun können, hatte er gedacht, man ist auch nit viel anders, besonders wenn man arm ist. Das Armsein das schläfert einen so ein, daß man auf einmal nit mehr den Mut hat, was fest zu wollen, und daß einem das, was man will, selbst gar nit recht wach wird. Die Stimme, die vielleicht auch in ihm war, die hatte aber auch so immer still sein müssen.

Und dann wurde ihm wieder alles ziemlich unklar, was er fühlte, und er war dem Ambach nur noch dankbarer, daß er seinen Kontrabaß spielen durfte.

Wenn er oben aus dem Orchester neben seiner großen Baßgeige stand, spindeldürr, hoch wie eine Hopfenstange, und den großen Bogen hin und her über das mächtige Ungetüm strich, da lachten die Mädchen und Burschen, die Jungen und die Alten.

»Der lange Hahn, man meint, die Baßgeig' müßt' ihn fressen! Dünn ist er wie ein Stock, man meint nicht, daß er mit seinen weichen Federfuchserfingern die dicken Saiten herunterbringen könnt', denn die sind doch wie die Batzenstrick'!«

»Nu ja,« sagte dazu ein anderer, »aber streichen tut er seinen Baß, wie gesagt, fein! Und ihr müßt nit meinen, der Baß wär' etwas so Geringes in der ganzen Musikmacherei. Die sollten mal da oben den Baß nit haben, da könnt' ihr's bleiben lassen mit dem Tanzen!«

»Habt ihr schon gemerkt, der ›Lange‹ spielt fast alles auswendig. Er guckt mehr in den Saal als auf die Noten. Die Noten braucht der nit, der hat alles im Gehör. 's will als was heißen!«

»Der lange Hahn hat schon in der Schul' am besten gesungen – Kunststück für den, den Baß zu kratzen – und wie er auf seiner alten Harmonika gespielt hat, trotzdem sie so viel pft! ftft! gemacht hat, 's hätt's ihm mal einer nachmachen sollen!«

»Ja, vom Hahn hängt da oben alles ab. Macht er langsam, müssen die andern auch langsam machen, macht er schnell, bleibt ihnen auch nichts anders übrig.«

»Sünd' und schad' ist's, daß dem sein Vater nichts hat an den hängen können, der war' doch noch ein ganz anderer Kerl geworden, als der alte Limbach selbst. Und gar als dem seine Buben. Denn dem seine Buben sind ja gegen den Alten doch nichts, und dem Alten sein Talent haben die nit geerbt.«

Dann guckten alle wieder hinauf, wo der Hahn stand und seinen Baß sägte, und einer sagte:

»Aber 's ist zum Schiebeln, wenn man ihn so sieht, wie dünn er ist und wie dick sein Baß, 's ist grad', als wollt' ihn der Baß im nächsten Augenblick aufpacken und mit ihm davonhumpeln, anstatt daß der Hahn morgen früh seinen dicken Baß auf seinen dünnen Buckel nimmt und mit ihm heimtrottet.«

Nach solchem Hin- und Hergerede und Besserwissen waren alle so von dem »langen Hahn« begeistert, daß sie ihm eine Flasche Wein hinaufschickten zur Stärkung.

Aber der Hahn war ein guter Kerl und teilte seinen Wein mit den Kollegen. Am liebsten freilich hätt' er die Flasche eingesteckt und seiner kranken Mutter gebracht, die hätte ihn am nötigsten gehabt. Aber wenn die Nacht herum war, da hatte er seine zehn Mark verdient, dafür sprang auch noch eine Flasche Wein für sie heraus.

Das machte ihm das Gemüt heiter. Dabei gewann er seinen Baß immer lieber. Er war wie eine melkende Geiß im Stall, ein treuer Freund und Helfer in der Not.

In dem langen Hahn war doch eine Unruhe geblieben. Das Hum-da-da mit seinem Brummbaß war ihm nicht genug, das bißchen Kirchweihmusik befriedigte ihn nicht. Vom Militär war er wegen zu schmaler Brust freigekommen. Nun hörte er ein merkwürdiges Rufen in sich. Nicht laut und groß, nicht sehr deutlich auch, aber er verstand's. Er verstand's so, daß es hieße: »Die gewonnene Zeit benützen, über das Hum-da-da hinauskommen! Der große Baß müsse auch noch für Besseres da sein, müsse Besseres leisten können!«

Er zog vor wie nach mit den andern auf die Kirchweihen hinaus. O, so in der Morgenfrühe, wenn der Tau auf den Feldern glänzte, wenn die ersten Lerchen stiegen, wenn die Weißen Nebelgestalten über die Wiesen zogen, wenn dann der Wald groß und dunkel, mit dem tausendfältigen hellen Glanz zugleich, der wie blinkende Steine und Perlen in einem großen samtenen Mantel war, wenn der oben auf den Höhen aus dem Grauen aufstieg, so hoch, so hoch ins Klare, darin das Sonnenlicht flutete, o, da hätte er seine Baßgeige vom Rücken nehmen und mit ihr tanzen mögen, und sie hatte singen müssen, in einer tiefen, vollen beweglichen Stimme, die trillern konnte und Akkorde hatte und lange, lange Läufe, fast wie die erste Geige, und ihre ganze Freude und ihren ganzen Jubel über die Morgenschönheit, die das Herz schwellte, auch ausdrücken konnte, und aber auch den Zorn und den Groll über das garstige Leben herausbrachte, den die Geige immer nur kreischte, den sein Baß aber zu wettern verstehen müßte, daß die Berge ins Zittern kämen!

So dachte er und ging den andern nach. Denn am liebsten ging er allein.

Zu Hause aber, da tat er noch eines mehr, davon die andern nichts wußten. Da versuchte er aus seinem Brummbaß die Stimmen herauszulocken, die er aus ihm haben wollte. Er hatte sich ganz andere Noten gekauft, als die Kirchweihtänze, die der alte Limbach besorgte.

»Pfui Teufel!« hatte sein Vater geflucht, »ist das ein verdammtes Geschrupp im Haus. Hören und Sehen vergeht einem dabei!«

Aber dem »Langen« ging's ein wenig wie damals, da er hatte Schreiber werden wollen: er hielt daran fest. Er war nun noch fester und zäher als früher und übte trotz Mißlingen und Schimpfen mit Ausdauer. Es war nichts Ängstliches und nichts Bängliches in ihm. Es war ihm nur, er würde ganz langsam geschoben, und er käme ganz langsam ein Stückelchen weiter. Er müsse nur an etwas Fernem festhalten, das ihm zwar nicht greifbar war in heller Deutlichkeit, das er aber doch unbestimmt im Dunkeln erfassen könne. Und ganz langsam müsse es nun immer so weiter gehen, bis er da wäre, wo es ihn nicht mehr schiebe und wo er halten könnte.

So übte er tapfer.

Dann kam eines Tages der Advokat Doktor Obernhaus, der aus dem Orte gebürtig war, zu ihm und wollte ihn sprechen. Sie verhandelten lange miteinander. Als der Advokat ging, war der »Lange« von ihm als Schreiber engagiert. Er kündigte seine Stelle, und nach ein Paar Wochen trat er seinen neuen Posten in der Stadt an.

Inzwischen war der Franz in die Höhe gekommen und die Lotte auch, da konnte er von zu Hause weggehen. Mithelfen konnte er ja jetzt noch mehr als früher, denn er bekam doch ein ganz anderes Gehalt.

Seinen Brummbaß nahm er aber auch mit.

»Wenn ich dich mal brauch' zum Aushelfen,« hatte ihm der alte Ambach gesagt, »dann wirst du's doch tun und wirst nit zu stolz sein dazu!«

Er hatte es ihm versprochen.

Nun, da er in der Stadt war, fühlte er, daß das sachte Schieben nicht aufgehört haben könnte. Er meinte sogar, es müsse noch ein wenig stärker geworden sein. Und manchmal war ihm auch, er könne schon fast fühlen, wohin es ginge. Aber das Ziel ward doch noch nicht deutlich genug.

Er schrieb tagsüber, und abends übte er seinen Baß. Die Stadt brachte ihm noch den Vorteil, daß er nun Musik hören konnte, wie er es gerne wollte. Freilich mußte er sich die Pfennige dazu am Munde absparen, denn so viel mehr als daheim steckte er in seiner neuen Stellung doch nicht auf; Wohnung, Kost, Kleider, alles kostete mehr. Aus dem Entbehren war halt schwer herauszukommen.

Aber es war ein Gefühl in ihm, das es ihn gern und leicht tun ließ: dieses Gefühl galt seinem Baß, den er gern hatte, wie ein erster Geiger nur seine Geige haben konnte. Denn nun war er's gewiß geworden, daß der Baß wirklich noch einen anderen Wert habe, als nur Takt und Humdada seiner Kirchweihtänze. Es waren schon Leistungen, die den Baßstreichern in den Opern und Konzerten zugemutet wurden.

Er nahm Stunden. Es war doch nicht vergebens gewesen, was er zu Hause geübt hatte.

Er schrieb ganze Nächte durch an Privatarbeiten und nahm ein schönes Geld ein. Es ging all' für Stunden drauf. Etwas legte er auch zurück, denn zu Hause rückte ja schon all' die Jahre her eines ums andere von den Geschwistern als Hilfe nach. So reichte es ihm eines Tages aus, daß er seine alte Baßgeige gegen ein besseres Instrument umtauschen konnte.

Ein langer Winter ging so in Arbeit, Entbehrung und Studium hin. Sein Lehrer, der Mitglied des Theaterorchesters war, betrieb nun die Stunden noch eifriger. Bis Ostern werde eine Bassistenstelle im Orchester frei, ob er sich melden wolle?

Das Gehalt war freilich gering, geringer als sein Schreibergehalt. Aber wie konnte der Lehrer nur fragen! Er würde sich unter allen Umständen melden, und wenn er noch dazu bezahlen müsse – und wenn er alle Nächte durchschreiben müsse.

Er wußte es auf einmal deutlich und klar, daß dies das Ziel war, dahin es ihn geschoben hatte, dahin er gestrebt hatte, ohne es zu wissen.

Wenn er manchmal denken wollte, er habe das den Umständen seines Lebens zu danken, so wehrte er sich dennoch dagegen. Die hatten wohl mitgeholfen, aber schließlich wenig genug. Wenig genug waren sie gewesen. Wenig genug waren sie frei geworden. Immer waren sie durch die ungünstigen Verhältnisse gebunden gewesen. So hatte er sich's zu danken, was er erreicht hatte, und wer weiß, wer konnte es wissen, wenn ihm alles günstiger gewesen wäre, ob er nicht mehr erreicht hätte!

Zum ersten Male empfand er ein eigenes Wert- und Kraftgefühl, fühlte sich Mensch und frei, fühlte von dem, was er tat, auch einen Wert für sich und nicht nur den Verdienst- und Nützlichkeitswert, fühlte Liebe! Und Respekt!

Er hatte es nie glauben können, was es hieße, etwas vor sich selbst zu gelten, wie niedrig und gering es auch noch sein mochte; aber etwas gelten! Das war wie ein großer, tiefer Atemzug. Das war wie ein Morgen auf freiem Felde.

Er fühlte nun erst das Leben, das in die Höhe hob, statt immer nur herunterzuzwingen und zu bedrücken, und das nicht nur verächtlich war, das man auch lieben konnte.

In solcher Stimmung und mit solchen Gefühlen trat er als Mitglied in das Theaterorchester ein und stand nun stolz in der Reihe der Kontrabässe, die wie eine Grundmauer für das ganze Orchester in der hintersten Reihe aufgebaut waren.

Es war und blieb ja ein armes Leben. Kleiner Gehalt und keine Privatstunden. Ein bißchen Notenschreiben nebenher, so schlug er sich durch.

Wer arm geboren ist, der muß sein Lebtag arm bleiben, das ist so in dieser Welt, sagte er sich.

Aber er hatte nun doch die Liebe zu seinem Baß, und hatte seinen Stolz, ihn immer besser zu streichen und immer geschickter auf ihm zu werden. Das half über vieles hinweg.

Zu Hause waren sie wohl stolz auf ihn, aber sie fanden es doch dumm, daß er seinen schönen Schreiberposten aufgegeben hatte für eine Musikantenstelle, die eher geringer als besser war.

»Schließlich ist ein Schreiber doch auch ein Herr!« hatte die Mutter gemeint. »Man muß nicht zu hoch hinaus wollen.« Sie war alt und begriff das nicht, was in ihm war. Er aber war nun in den Dreißig schon, da konnte man stillschweigen, auch wo man gerne geredet hätte.

In der Stadt kannte ihn jedes kleine Kind. »Der lange Hahn,« sagten sie, wenn sie ihm auf der Straße begegneten. »Der lange Hahn« hieß er auch im Orchester. Es war selbstverständlich, daß er so hieß.

Besonders in den Symphoniekonzerten, da sah man ihn gleich. Er stand seit einiger Zeit auch noch genau in der Mitte, gerade dem Kapellmeister gegenüber. Da fiel er gleich ins Auge.

Man lächelte, wenn man ihn sah. In seinem schwarzen Gehrock mit der weißen Brust und dem hohen Kragen, das lange, schmale Gesicht, seine Gestalt, so hoch wie die Baßgeige und fast noch einen halben Kopf mehr, das blasse, welke Gesicht mit den vielen Falten, nur ein paar hellblonde Härchen auf der Oberlippe, die langen Arme mit den langen Händen, die langen strohblonden Haare, die ihm tief in den Nacken fielen, so sah er neben seinem dicken Instrument jetzt noch komischer aus als früher im Tanzsaal. Und wenn eine Stelle war, wo er seine Geige recht tüchtig bearbeiten mußte, der große Bogen nur so hin und her sprang und die Linke an dem langen Geigenhals nur so auf und nieder jagte, die Geige die schwierigen Läufe herunterbrummte und dabei hin und her wackelte, da konnte man meinen, im nächsten Augenblick müßte sie's müde sein, von dem dünnen Wüterich da neben sich so drangsaliert und malträtiert zu werden, und sie müßte ihren großen Bauch auftun und ihn verschlucken, und er müßte darin verschwinden, wie ein Lineal, das man in einen weiten Ärmel versteckt hat und das darin verschwunden ist, plötzlich, man weiß nicht wie.

Aber der lange Hahn war stärker als das Ungeheuer neben ihm, und er fuhr manchmal so gottserbärmlich auf ihm herum, daß es raspelte und wimmerte und sich ihm danach ganz erschöpft an die Seite und in den Arm legte und ruhte und ein gutes, glänzendes Gesicht machte dafür, daß es ruhen durfte.

Der »lange Hahn« war noch Junggeselle. Die Lust zum Heiraten war ihm immer noch nicht gekommen. Er hatte Angst davor.

Die Zeit für eine Frau, meinte er, habe er verpaßt. Mit jedem Jahr käme er den Vierzig eins näher, und da sei für die Liebe keine Zeit mehr.

Da bekam er eines Tages mal einen Brief:

Lieber Herr Hahn!

Drei Jahre lang seh' ich Sie schon, alle Donnerstage, im Symphoniekonzert, mit Ihrer armen Baßgeige umspringen. Dicker sind Sie nicht dabei geworden, im Gegenteil. Es kann einem in der Seele weh tun, wie dünn und dürr Sie sind. Sie müssen gewiß keine ordentliche Pflege, keine kräftige Kost und richtige Versorgung haben. Man meint ja nicht, daß Sie den großen Baß mit Ihren Spinnearmen noch mantenieren könnten. Ich mein' drum, Sie sollten heiraten, und ich mein's ehrlich gut mit Ihnen. Um noch große Sprünge zu machen, sind Sie zu alt, da kann's Ihnen gar nicht schaden. Ich bin auch nicht mehr jung, und so paßten wir sehr gut zueinander. Daß Sie so lang und so dünn sind, tät mich nicht weiter genieren, ich wollt' schon sorgen, daß Sie dick werden täten. Im Kochen kenn' ich mich aus wie keine, und ich kann's gut und sparsam, wie sich's für eine gute Hausfrau gehört. Und ein paar Mark Gespartes hab' ich auch. Wenn Sie wollen und meinen, es wär' gut für uns alle beide, so kommen Sie am Sonntagnachmittag um drei Uhr in die Anlage, wo der »Vater Rhein« liegt, da erkennen Sie mich an meinem neuen Umhang, schwarz mit Spitze und Seidenband, und meinem Samtkapottchen mit einem rosa Reiher.

Ihre, Sie sehr verehrende und bedauernde
I. M.

Der Hahn lachte erst, dann ärgerte er sich und faßte die Sache als einen Scherz auf, den die Kollegen sich mit ihm erlaubt hatten, dann kam er davon ab und lachte wieder, dann fing er an, die Sache ernst zu nehmen und sie sich zu überlegen, dann leuchtete sie ihm mehr und mehr ein; – dann schüttelte er sie wieder ab, dann wurde er ungeduldig und konnte zuletzt den Sonntag nicht abwarten und lebte schon ganz in der Vorstellung, wie er ein gemütliches Heim, einen gut gedeckten Tisch, Sauberkeit und häusliche Ordnung hätte, und wie's ihm endlich, wenn auch bescheiden, wohl erginge im Leben, besser, als man's an seiner Wiege hätte ahnen können, wie man ja überhaupt nicht denken konnte, daß ihm so viel, wie er erreicht hatte, in die Wiege gesungen war. Eine Frau um sich, das konnte er sich freilich gar nicht vorstellen, zumal er ja auch keine kleinste Ahnung hatte, wie sie äußerlich aussehen könnte. Aber schließlich gefiel er sich doch darin, sie sich als etwas Warmes, Gutes, Freundliches und Gemütliches zu denken, das einen recht in der Hut halte.

Er war beunruhigt, sein Sinn war abgezogen von dem, was ihm sonst am liebsten war. Er war zerstreut und unsicher und meinte, das Leben habe nun auf einmal so viel Unerledigtes für ihn gelassen, er könne das kaum all' bewältigen, und er wisse nicht, wo beginnen. Dabei war doch alles für ihn wie früher, nur daß ihm für den Sonntag die Begegnung bevorstand, vor der er ein wenig Angst hatte und die er doch eigentlich nicht versäumen wollte.

Am »Vater Rhein« traf er also die Josephine. Sie erkannte ihn natürlich zuerst. Anfangs standen sie einander gegenüber und wußten nicht, was sie sagen sollten.

Endlich begann die Josephine:

»Es leuchtet Ihnen doch ein, Herr Hahn, was ich Ihnen geschrieben habe?«

»Ja, es leuchtet mir ein!«

»Ich hab' nun auch bald die Vierzig, da denkt man, daß man sich versorgen müsse. Bei fremden Leuten immer, das muß einmal ein End' haben. Ich bin frisch und gesund und kann auch noch lustig sein. Ich mein' auch, daß ich Ihnen was Rechtes tun müßt' und eine vernünftige Hausfrau sein könnt'. Sprünge werden wir ja beide nicht mehr machen wollen, da sind wir zu gesetzt dazu. Das Wirtshausleben werden Sie ja auch müde sein. Es ist keine rechte Kraft in der Kost und gibt einem auch nicht, was doch jeder braucht, seine rechte Ruhe.«

Sie waren währenddessen ein paar Schritte auf und ab gegangen.

»Ja,« sagte er gedankenlos, »das Wirtshausleben ist nicht angenehm.«

Sie gingen ein paar Schritte weiter.

Die Josephine wußte beständig etwas zu sagen; er fand keine Worte. Ihm war, als laufe er unter einem klatschenden Regen her, und er müsse sich beständig ducken, wie er so niederprasselte.

Sie gingen langsam in den Anlagen weiter.

Er war sehr geniert. Er hörte Stimmen und erschrak.

Knaben rannten an ihnen vorbei.

»Der lange Hahn!« sagten sie zueinander.

Er fand endlich Zeit, die Person neben sich ein wenig zu mustern. Sie war sauber und nett, gut angezogen, ohne zu sehr geputzt zu sein, und schien ihm sehr beweglich.

Sie sprach von ihren Stellen, von ihrer jetzigen Herrschaft, daß sie's ja eigentlich gut habe, daß der Mensch aber immer selbständig sein wolle.

Ja, das begreife er gut.

Sie sagte, sie heiße Josephine Müller, und wenn er sie Josephine nennen wolle – einmal sei sie von einer Herrschaft auch Phinchen genannt worden. – wenn er sie Josephine nennen wolle, so dürfe er das.

Wie er denn heiße?

»Alois Hahn!«

Sie werde ihn dann Alois nennen.

So nannte er sie Josephine und sie ihn Alois. Erst immer noch Sie. Dann nahm sie seinen Arm. Sie war ja nicht klein, aber sie mußte doch in die Höhe reichen, um sich bei ihm einhängen zu können.

Es war ihm furchtbar genierlich, und er schämte sich ordentlich.

Sie sei ja nur eine Köchin und er ein Künstler, sie wisse das wohl, sagte sie; aber sie sei von guter Herkunft und habe sich ordentlich gehalten und auch ein paar hundert Mark gespart. Weil sie ihm immer gern zugesehen hätte, wie er seine Baßgeige gestrichen, und weil ihr das so gut gefallen hätte, und weil sie so viel Mitleid zu ihm gefühlt habe, da habe sie sich die Courage genommen und habe ihm geschrieben und gedacht, es käm' nicht auf Vornehm und Gering in der Welt an, sondern daß man ein ordentlicher Mensch wäre und es auch ordentlich mit den Menschen meine.

Sie kehrten zusammen ein und sagten nun auch du zueinander. Er blieb immer zurückhaltend, fürchtete beständig etwas und wußte nicht was und konnte sich in die Situation nicht finden.

Ihr war alles leicht.

Gegen Abend kehrten sie in die Stadt zurück und machten gleich die nächste Zusammenkunft aus.

Als sie voneinander gegangen waren, drehte sich die Josephine noch ein paarmal um, er aber ging gedankenvoll seinen Weg weiter, ohne den Kopf zu wenden.

Er wußte nicht, wie ihm war. Er war sich gänzlich fremd. Er meinte, er wäre in lauwarmes Wasser untergetaucht gewesen und hätte alles um sich vergessen gehabt, und die lauwarme Flüssigkeit hätte ihn schmeichelnd umplätschert und er sei immer tiefer und tiefer in sie hineingesunken und sie wäre ihm fast über dem Kopfe zusammengeschlagen. Da habe er sich gerade noch zu rechter Zeit in die Höhe schaffen können, und so laufe er nun wie ein Verirrter da seinen Weg hin und sei ganz irr und erkenne alles um sich nicht mehr und wisse nicht, was links und rechts um ihn sei.

Es war zu viel auf einmal, zu viel für einen armen Kerl, wie er einer war.

Die Kollegen hatten ihn schon beglückwünscht, ernst und spöttisch, je nach der persönlichen Art.

Der Hahn begriff gar nicht. Sah man's ihm denn an, daß er sich mit der Josephine traf, auch manchmal schon etwas von ihr zugesteckt bekommen hatte, eine Kotelette mal, mal ein Schnitzel, auch mal Süßigkeiten, und so genierlich es ihm auch gewesen war, es hintennach doch mit gutem Appetit verzehrt hatte, sah man denn das gleich an ihm? Oder kannten ihn so viele Leute? Na ja, viele Leute kannten ihn ja. Aber waren's denn so viele, die ihm nachspürten und auf ihn acht gaben?

Es war so ein Reiz und eine Süßigkeit darin gewesen, daß alles so heimlich war. Jetzt war ihm das genommen. Er war an das Nahe und Nächste und Nüchterne erinnert: Verlobung, Hochzeit. So viel auch zwischen ihm und der Josephine davon gesprochen worden war, so viel auch gerade sie ihm davon ausgemalt hatte, es war ihm doch seither nicht deutlich und nahe genug geworden.

Dazu kam jetzt noch, daß er schon die ganze Zeit in heftigen Unruhen und Kämpfen mit sich war.

Und nun noch dieser Vorfall auf der Probe. Der Kapellmeister hatte ihm bei der Symphonie von Beethoven unwillig zugerufen: »Grollender, zorniger, polternder, Hahn! Dem Beethoven ging's nicht so gut wie Ihnen! Und an der Stelle hat er sich Luft gemacht, hart und fest das heraus!«

Das hatte ihm noch nie gesagt werden müssen. Und die Kollegen hatten gleich wieder auf sein »Verhältnis« angespielt.

Gewiß, es war halb die Ablenkung dadurch und halb schon die Wirkung des guten Lebens, von dem ihm die Josephine so eindringlich immer vorredete. Das würde er nicht vertragen können, das spürte er jetzt schon in sich, das würde ihm etwas nehmen und ihn verweichlichen. Sein lieber Baß würde das am ersten spüren.

Es gäbe Menschen, redete er sich ein, denen dürfe es nicht zu gut gehen. Er sei einer von denen.

Er trug das lange unruhig, hart und schwer mit sich herum. Er fragte sich aufs ehrliche Gewissen darüber. So hart und bitter hatte er die langen Jahre her gerungen, er durfte nun nicht leichtfertig hinwerfen, was er errungen hatte. Das wäre Verrat! Verrat an sich, an seinem Streben, an seiner Musik. Gegen ein bißchen Wohlleben sollte er das alles verkaufen! Gewiß, Armut drückte sehr, aber er wollte dennoch nicht für das bißchen Bessergehen das Beste hergeben, das er hatte, so wie's die Welt machte, die nichts wert und die leer war. Lieber arm und sich getreu bleiben, als ein Wohlleben und sich untreu sein.

Der Gedankengang fand kein Ende bei ihm und verspann und verstieg sich immer mehr. Er war förmlich in ihn hineingezwängt wie in einen Schraubstock. Von allen Seiten preßte und zwickte und zwängte er ihn, und er litt bitter darunter.

Was wollte er eine Frau haben? Liebe? Er hatte eine Liebe, das war sein großer dicker Brummbaß, der ihm stets so treu gewesen war von dem Tage an, da ihn der Ambach für ihn gewählt hatte, weil ihm nichts Besseres zukommen konnte, keine Geige und keine Bratsche und nicht das sanfte Cello, das seinem Basse so nahe verwandt war.

Und es entstand in ihm die Frage: die Baßgeige oder die Josephine? Die Antwort hätte er rasch geben können. Aber sie sollte doch erst erwogen sein, genau und gewissenhaft, denn sie schnitt ins Leben.

Zu Hause waren alle so weit versorgt. Die Eltern waren nun tot. Es frug sich nur noch für ihn allein.

Wenn's mit seinem Spiele rückwärts ginge, was könnte ihm dann noch ein Heim, eine Frau und ein gutes Leben helfen!

In den Pausen klammerte er seine Baßgeige fester. Er hielt Zwiesprache mit ihr.

Nein, nein, er wollte sie nicht lassen, er konnte nicht. Er war noch nicht lange erster Kontrabassist geworden, wie könnte er nun das Vertrauen täuschen, das der Kapellmeister in ihn gesetzt hatte!

Und dann noch: er wollte ein Leben an seines binden. Das war eine Verantwortung! Die konnte er nicht übernehmen.

Es mußte alles bleiben, wie es war. Es war gut so gewesen. Er hatte also seine Baßgeige gewählt. Ordentlich frei und fast gestärkt fühlte er sich, als sein Entschluß gefaßt war.

Er schrieb der Josephine. Es war ein feiner, zarter, geschickter Brief. Die letzten Nachklänge von seiner Schreibertätigkeit bei dem Advokaten und sein ganzes, gutes, furchtsames Herz waren darin. Er schrieb ihr, daß er sie nicht glücklich machen könne und nicht unglücklich machen dürfe, daß seine Pflicht es ihm gebiete, ihr keine Aussichten zu machen, und daß er immer dankbar und treu sich ihrer erinnern werde und sie sehr um Verzeihung bitte.

Von da an war seine Seele, die einen kleinen Aufruhr als großen Sturm empfunden hatte, von keiner Unruhe mehr getrübt. Es war keine Freude, kein Jubeln und Jauchzen in ihm, nur ein friedliches Stillesein, in dem noch ein paar letzte leichte Zuckungen waren, wie ein ganz schwacher Puls.

Er dachte, daß er gut getan habe und daß es notwendig gewesen sei. Er brauchte keinen Trost. Er brauchte nur Schweigen.

Nun trat noch einmal die Pflicht an ihn heran und wollte seine Ruhe stören. Er wußte sie zu empfangen. Er war nicht mehr zu beirren.

Es war seine jüngste Schwester, die seine Hilfe suchte.

Er war ihr auf der Straße begegnet, zufällig. Aber sie mochte auf ihn gewartet haben, da sie nicht den Mut hatte, zu ihm heraufzukommen.

Sie sagte ein scheues, schüchternes »Guten Tag«. Er hörte gleich die Angst in ihr.

»Du hast mir gar nicht geschrieben, daß du kommen wolltest, Gretel!«

»Ja, ich hab's nit – Alois – erst – und dann – ich bin dann rasch zu dir hergefahren.«

Er ließ sie nicht weiterreden, er wollte sie nicht quälen. Es ist so hart, einen Menschen gequält zu sehen, dachte er.

»Hast du Hunger, Gretel? Willst du was essen, was trinken?« Sie bogen nach einer stilleren Seitenstraße.

Er sah nach der Uhr.

»Es reicht noch gut, ich muß ins Konzert.« Sie verneinte.

»Du wirst mich am Ende gleich wieder fortjagen. Du bist der vornehme Bruder, und wir sind so gewöhnlich geblieben.«

»Ich glaub' nicht, daß ich das verdient hab', daß du mir so etwas sagst.« Sie errötete.

»Es war auch nit so gemeint.« Es war ihm schwül.

»Wenn du nichts essen willst, dann geh mit mir ins Theater, in einer halben Stunde fangt das Konzert schon an.«

Sie ging neben ihm her.

»Du hast doch was, Gretel, das dich auf einmal zu mir geführt hat. Was ist's denn?«

»Es ist dir nicht recht, daß ich gekommen bin?« wich sie aus.

»Davon hab' ich wieder nichts gesagt.«

Er trat an die Theaterkasse und kaufte der Gretel ein Billett.

»Es ist dir doch recht?« Sie nickte.

Sie traten abseits in eine Nische.

»Was hast du denn?« fragte er.

»Ich bin im Unglück, Alois!«

Da begriff er, und es flog ihm heiß in die welken Wangen.

»Du wirst mich jetzt fortjagen und hättest dir das Billett sparen können.«

»Wär' dir damit geholfen?«

»Ich könnt' dann in den Rhein gehen!«

»Für heut', Gretel, will ich weiter nichts wissen. Beruhige dich mal, morgen reden wir darüber. Ich will meine Wirtin fragen, ob sie dir auf ein paar Tage ein Zimmer abgeben kann. Wir werden dann sehen.«

Das Mädchen hing mit seltsamen, verwunderten Blicken an ihm. Es begriff ihn nicht. Er wurde nicht mal zornig, schalt sie nicht.

Er erklärte ihr den Weg zu ihrem Platz, er wollte zur Bühne gehen. Die Schwester blieb aber an seiner Seite. Nach ein paar Schritten hielt sie ihn fest und zog ihn in die nächste Nische.

»Ich kann nicht ruhen, bis ich dir's gesagt habe, Alois, du mußt's doch wissen, eh' ich bei dir bleiben kann.«

Sie sah auf. Über der Nische hing eine weinende und eine lachende Maske. Die Gretel erschrak. Dann hielt sie sich mit beiden Händen das Gesicht zu, und so erzählte sie, wie alles gekommen war. Er hörte still zu.

»Will er dich heiraten?«

»Wenn er vom Militär frei ist!«

»Willst du ihn?« Sie zögerte.

»Bis dahin«, sagte sie, »ist es lang!«

»Bist du schlecht?« fragte er.

»Dann wär' ich nicht zu dir gekommen,« und die Tränen standen ihr in den Augen. Er legte ihr die Hand auf die Schulter.

»Es ist gut und genug, Gretel, es wird sich schon alles finden.« Darauf trennten sie sich.

Er spielte, als läge alles in seinem Baß, Armut und Elend, Jammer, Groll und Anklage, und doch sei ein Grundton darin, darauf sich alles aufbaute und daraus alles erwuchs: das Gutsein.

Er sah ins Publikum, da saß die Josephine.

Sie hatte in ihrem Briefwechsel, der seiner Absage gefolgt war, das letzte Wort gehabt. Sie hatte geschrieben: »Du bist falsch und feig!«

Er war doch nicht feige. Seinen Mut hatte er nur nicht da, wo ihn andere Menschen haben.

Vielleicht würde das seine Schwester, die da irgendwo da oben saß, einmal besser wissen. Und wenn sie's nie verstände, er wüßte es doch von sich selbst, daß er nicht feige war und auch nicht falsch. Vielleicht nur verbrauchter war er als andere Menschen. Aber das lag an den Verhältnissen.

Dazu aber hatte er noch Kraft genug, zu helfen. So wollte er, soweit es ginge, dem armen, unglücklichen Wesen der Helfer sein, und wenn er sie und ihr Kind bei sich behalten müsse für immer. Sie hatten's notwendiger als die Josephine.

So war auch das gut geworden in ihm.

In der Pause sagte ein Kollege zu ihm:

»Du hast heute aber deinem Instrument weh getan, Hahn. So braucht man sich nicht ins Zeug zu werfen. Oder tatst du's, weil deine Braut da unten saß?«

»Sage den Kollegen,« antwortete der Hahn, »daß ich keine Braut habe und daß ich das nicht mehr hören wolle. Ich habe keinem ein Wässerchen getrübt, sie sollen auch mir nicht weh tun. Bitte!«

Nun war ihm, er habe einen Schritt über vieles hinweggetan, und vieles habe er unter sich getreten. Und wo er stehe, das sei nun sein Platz, und da stehe er frei und fest.

Der Kollege sah ihn ernst an.

»So bitter?«

»Ja! Und wie ich dir's gesagt habe, so will ich's?«

»Das haben wir alle nicht gewußt, Hahn. Aber 's ist gut, du sollst deinen Frieden haben.«

Und so hatte er ihn. –

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