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Erzählungen

Friedrich Glauser: Erzählungen - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenarrative
authorFriedrich Glauser
titleErzählungen
publisherVerlags AG Die Arche
volumeBand 4 der Gesammelten Werke
editorHugo Leber
year1973
isbn3716014265
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der erste August in der Legion

In jenem Jahr fiel der 1. August ausgerechnet auf einen Donnerstag. Und am Donnerstag war immer grosser Ausmarsch, mit vollbepacktem Sack, wir mussten den Kaput anziehen, der gab heiss ... Es war eine ungemütliche Angelegenheit, besonders da der Marsch gewöhnlich fünf Stunden dauerte, von Bel-Abbès zu irgendeinem kleinen Kaff ... Fünf Stunden im Sommer! Wenn man sich da drücken konnte, so tat man es. Natürlich.

Oder etwa nicht?

Wir waren sechzig Schweizer im Regiment, und wir beschlossen, den Colonel Boulet Ducarreau zu bitten, uns den Tag frei zu geben.

Boulet Ducarreau war dick, sehr dick. Wenn er am Morgen durchs Kasernentor rollte, präsentierte die ganze Wache das Gewehr. Er rollte wirklich, er sah aus wie ein Fussball, aus dem vier winzige Glieder gewachsen sind, und mit dem rechten winzigen Arme führte er die Reitpeitsche zum Képirand und grüsste. Dann brauchte die Wache nicht mehr Marmormänner zu markieren ...

Er war beliebt, der Colonel, denn er hatte das Sandsackschleppen im Prison abgeschafft. Darum hofften wir auch, mit unserem 1. August Glück zu haben.

Wir schickten Avezzano zum Colonel. Der hatte das beste Mundwerk. (Vielleicht hiess der Avezzano ganz anders, wer kann das wissen? Er behauptete, sein Vater sei Oberst in der Schweizer Armee und habe ein Hutgeschäft in Lausanne, er selber sei Leutnant gewesen, aber ein Liebeskummer ... Merkwürdig, wieviel Liebeskummer es in der Legion gibt, besonders bei den Deutschen und Schweizern. Die Russen sind da viel ehrlicher, die sagen ganz ruhig, sie hätten einen totgeschlagen, auch wenn's nicht wahr ist.) Er machte also seine Sache glänzend, der Avezzano. Wenigstens erzählte er, wie fabelhaft er sich benommen habe:

»Ich habe ihm gesagt: ›Mon Colonel‹, hab' ich gesagt, ›wir haben am 1. August unsern Nationalfeiertag, wir Schweizer.‹ – ›Ah‹, hat der Colonel gesagt, ›habt ihr in der Schweiz auch eine Bastille erstürmt wie wir am 14. Juli?‹ – ›Nein‹, hab' ich geantwortet, ›bei uns ist kein Blut geflossen, wir haben nur ein Schriftstück unterzeichnet und einen Eid geschworen, im Jahr 1291, dass wir uns helfen wollen in allen Nöten und Gefahren, dass wir frei sein wollen und frei sterben. Es ging gegen die Österreicher.‹ – ›Ja, die Österreicher‹, sagte der Colonel. ›Das Haus Habsburg! Oder war es damals ein anderes Haus? Die haben die Politik immer durcheinandergebracht. 1291 haben Sie gesagt, Avezzano? Mein Gott, wie die Zeit vergeht! Und Sie wollen also frei haben? Am 1. August? Ich bin ganz einverstanden. Obwohl Sie in Betracht ziehen müssen, dass ich dann sechzig Permissionen unterschreiben muss. Bei dieser Hitze! Ich will's tun. Den Schweizern zuliebe. Man soll seine Heimat nicht vergessen. Auch die Nacht? Gut. – Sie werden Ausgaben haben, Avezzano, hier sind fünf Franken, ich stifte sie für die Schweizer.‹ – ›Danke, mon Colonel‹, hab' ich gesagt, die Absätze zusammengehauen, und dann bin ich ab. Hab' ich das nicht glänzend gemacht?«

Avezzano wurde von uns allen belobt, obwohl wir ihn schwer in Verdacht hatten, dass er fünfzehn Franken in die eigene Tasche habe gleiten lassen. Ein Colonel gibt doch mindestens zwanzig Franken. Aber wir konnten es ihm nicht nachweisen, und schliesslich hatte er seine Sache gut gemacht. Jeder muss schliesslich gelebt haben auf dieser Welt.

Wir sammelten unter den sechzig Schweizern, denn wir wollten endlich feiern. Vier Sergeanten, fünfzehn Korporale, der Rest Mannschaft. Die Mannschaft war wichtig. Viele waren darunter, die gerade ihre »Prime touchiert« hatten, die mussten abladen. Um es kurz zu machen, wir brachten zweihundert Franken zusammen. Der Sergeant Senn, ein Thurgauer, wurde zum Kassier gewählt. Wir hatten Vertrauen zu ihm, weil er ein ehemaliger Theologe und nicht aus Liebeskummer in die Legion gekommen war.

Wir kannten einen Beizer in der Stadt, der einen grossen Saal hatte. Den Saal brauchten wir gar nicht zu mieten, wir bekamen ihn umsonst – zwei Franken verlangte der Mann fürs Essen: Braten, Gemüse – auf Suppe und Dessert verzichteten wir gerne – dafür kam auf jeden ein Apéritif und ein Liter Wein für zwei.

Es wurde ein richtiger Feiertag. Als die andern um halb vier Uhr aufstehen mussten, blieben wir liegen. Sie schwankten mit dem vollbepackten Sack zur Tür hinaus, und wir sahen ihnen nach. Nicht, dass es gerade sehr gemütlich gewesen wäre in den Betten, die Wanzen plagten uns, sie liessen sich von der Decke auf uns herunterfallen. Es klang manchmal wie zu Beginn eines Gewitters, wenn die ersten grossen Tropfen fallen... Aber Langes-im-Bett-Liegen gehört zu einem Feiertag.

Gegen neun Uhr standen wir auf, machten Toilette. Den Khakirock stopften wir in die Hosen, legten die graue Flanellbinde um, ganz eng, wir hatten richtige Taillen... Dann marschierten wir zum Tor hinaus. Der Sergeant von der Wache wusste Bescheid, er kontrollierte nicht einmal unsere Permissions.

Um zehn Uhr spendierte der Kassier, Sergeant Senn, den Apéritif. Wir tranken weissen Wein. Er war stark. Darum hiess er auch »Kébir: Der Grosse«. Wir sprachen nicht viel, es war zu heiss. Hin und wieder erzählte einer eine Geschichte aus der Rekrutenschule in Thun oder Frauenfeld. Avezzano sprach von den vielen Cocktails, die er in Genf getrunken hatte. Aber das interessierte uns nicht. Es waren eben viele da, die gar nicht wussten, was ein Cocktail war...

Dann gingen wir in die Kaserne zurück, assen dort zu Mittag, legten uns hin und schliefen bis um vier Uhr. Das gehörte auch zum Feiertag. Um vier Uhr weckten uns die Heimkehrenden, sie waren mit Staub gepudert, sie schwitzten und ächzten, und einige hatten Blasen an den Füssen. Wir wurden beneidet, und das hob unsere Stimmung. Gemütlich wuschen wir uns, gingen wieder in die Stadt, zur Stadt hinaus, promenierten unter den Bäumen und liessen uns von den Zivilisten bewundern. Avezzano hatte ein paar Bekanntschaften. Denen erzählte er, wir hätten heute unsern grossen Feiertag. Besonders die Spanier verstanden das sehr gut. Es war ein Weinbauer dabei, dem kilometerlange Weinfelder gehörten, der lud uns zu sich ein und spendierte allerlei. Wir kamen in Stimmung.

Um sieben Uhr landeten wir bei unserem Beizer. Der Braten war gut – als Apéritif hatte es Anisette gegeben, aber eine Anisette, die schon mehr Absinth war –, zu dem Braten gab es Tomaten und einen Salat aus Pfefferfrüchten, der uns durstig machte. Zu einer rechten Feier gehört ein Trunk.

An der Wand hing eine Fahne. Auf einem roten Tuch waren zwei weisse Streifen in Form eines Kreuzes ungeschickt aufgenäht. Sie war schön, die Fahne. Wir fanden sie viel schöner als die langweilige Trikolore... »Ein Kreuz«, sagte einer, »das ist doch wenigstens etwas. Aber so drei Streifen nebeneinander?...« Es war doch gut, dass uns kein Franzose hören konnte.

Merkwürdig, die Fahne wirkte auf uns. Wir benahmen uns sehr gesittet, trotz der Hitze, trotz dem Staub, trotz, vor allem, dem vielen Wein. Denn Wein gab es genug. Es blieb natürlich nicht bei einem Liter für zwei. Jeder wollte etwas spendieren. Voran die Sergeanten, die keinen grossen Sold hatten (und drei Viertel mussten sie an die Unteroffiziersmesse abführen), da waren wir Korporale mit unsern fünfundvierzig Rappen im Tag besser dran...

Der Avezzano hielt eine Rede, weiss Gott, der Mann hatte ein Maul wie... Aber lassen wir die Vergleiche. Wir hatten ihn zum »Major de table« gewählt. Er hatte sein Bajonett hinausgeschmuggelt, nun lag es neben seinem Teller. Hin und wieder packte er es am Griff und schlug mit der Klinge klatschend auf den Tisch. Er befahl Lieder. Wir sangen – deutsch, französisch, es klappte sehr gut. Die einen sangen: »Trittst im Morgenrot daher...«, die andern: »Sur nos monts, quand le soleil...« Senn dirigierte mit den Händen – es ging ausgezeichnet, und wir waren stolz. Nachher wurde es still. Avezzano sagte: »Sergeant Senn hat das Wort.«

Senn stand auf. Er hatte ein mageres Asketengesicht, und die Sonne hatte der Blässe seiner Haut nichts anhaben können. Er sprach, als ob er auf einer Kanzel stünde, aber was er sagte, war nicht langweilig wie manche Sonntagspredigten. Es wurde ganz still. Er sagte etwas von der Heimat, er sprach von den Seen, er sprach von den Bergen. Wir sahen die grossen Feuer auf den Hügeln, wir sahen die hohen Münstertürme – ja, wir glaubten auch, wie durch einen umgekehrten Feldstecher, die weissen Alpen zu sehen, ganz klein, ganz nah... So schön sprach der Sergeant Senn...

Dann kam die schönste Überraschung des Abends. Ein Photograph stellte seinen Dreifuss auf, wir gruppierten uns vor der Fahne, auf der die zwei weissen Kreuzesstreifen unregelmässig aufgenäht waren. Ein Magnesiumblitz...

Es hat dann jeder von uns mindestens zwei Abzüge bestellt. Viele haben sie heimgeschickt. Man sieht darauf Avezzano, der in der Hand eine weisse Kartontafel hält, auf der in dicken Buchstaben geschrieben steht:

»Erinnerung an den 1. August in der Fremdenlegion.«

Hernach wollte noch einer, der vielleicht doch den Wein nicht recht vertragen hatte, das sogenannte Legionärslied anstimmen: »Gefangen in maurischer Wüste, sitzt ein Krieger mit wehmüt'gem Blick...« Aber der Theologe erklärte ihm, ein Schwab' habe das Lied gedichtet, und da wollten wir nicht singen. Überhaupt waren wir gar nicht sentimental aufgelegt.

Nur der kleine Gerber, der noch jung war und sehr blond, fragte mich, ob ich Kandersteg kenne. Dort hätte ich einen Teil der Rekrutenschule gemacht, sagte ich ihm, bei der Gebirgsartillerie. Da seufzte der Gerber und meinte in seinem komisch singenden Oberländerisch, dort sei es doch nicht so heiss wie hier in der Wüste (Wiieschti, sagte er). Er war erst vor einem Monat gekommen und glaubte noch immer, Bel-Abbès liege am Rande der Sahara. – Übrigens, Heimweh hatten wir alle ein wenig, aber warum es zeigen? Bis jetzt hatten wir noch nicht zu klagen. Unser Bataillon war noch nicht »im afrikanischen Felsental« marschiert... Und schliesslich mussten wir eben die Suppe auslöffeln, die wir uns eingebrockt hatten...

Um ein Uhr machten wir Schluss. Es war ein grosser Mond am Himmel, sein Licht lag auf dem Boden, fest und dick, wie geronnene Milch. Wir gingen noch ein wenig spazieren. Ein paar wollten abschwenken, den Rest der Nacht noch irgendwo angenehm verbringen... Aber Senn war dagegen. Und als Theologe hatte er grosse Autorität. Gerber, blond und jung, ging neben mir. Er summte zwischen den Zähnen: »Niene geits so schön...«

Um vier Uhr kamen wir in die Kaserne zurück. Ein anderer Wachthabender war da. Dem mussten wir alle sechzig unsere Permissionen zeigen. Der Mann hasste uns Schweizer.

Dann versuchten wir eine Stunde zu schlafen. Aber ich glaube, alle sind wach gelegen. Nicht nur wegen dem Wein. Aber die Lieder, die summten immer noch in unsern Köpfen. Wissen Sie, die Lieder, die sind manchmal viel ärger als das Alphorn, von dem das Lied zu singen weiss, das Lied von der Strassburger Schanz, wo das Trauern anfing...

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