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Erzählungen

Friedrich Glauser: Erzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorFriedrich Glauser
titleErzählungen
publisherVerlags AG Die Arche
volumeBand 4 der Gesammelten Werke
editorHugo Leber
year1973
isbn3716014265
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Hund

Ich weiss ja nicht, wo Sie arbeiten und was Sie für Ansichten haben, junger Mann ... – Ja, ein kleines Helles, Jungfer ... – Aber gerade heute ist es mir so recht einsam zumute. Witze haben wir uns genug erzählt, all die letzten Abende, und der Dritte, der sonst mit uns einen Zuger gemacht hat, ist heute auch nicht da. Soll ich Ihnen einmal eine ernste Geschichte erzählen? Natürlich, Sie glauben, dass wir Reisende es immer leicht haben, aber einmal bin ich durch Zufall in eine komplizierte Affäre hineingerissen worden, und das war unangenehm. Denn so etwas stört bei der Arbeit, Und wenn wir nicht immer auf dem Sprung sind und die Kunden bearbeiten, dann kommt ein Jüngerer und stösst uns beiseite.

Nein, Komplikationen liegen mir gar nicht. Ich bin dick und gemütlich, das kann ich sagen, habe auch nie jemandem etwas zuleide getan. Aber die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, hat mich doch eine ganze Zeitlang aus dem Gleichgewicht gebracht, und ich frage mich noch heute, ob ich da nicht etwas hätte verhindern können. Auf alle Fälle hat sie mich vom Heiraten endgültig kuriert ... Und auch von den möblierten Zimmern. Dinge können einem da passieren! ...

Ich habe Ihnen ja schon erzählt, dass ich für eine Zigarettenfabrik reise, für eine bekannte Marke, aber die Direktoren wollen eben auch auf ihre Rechnung kommen. Nun, ich habe es mir vielleicht ein wenig zu wohl sein lassen in Zürich, war nicht genug hinter den Kunden her, ein paar haben reklamiert, der Reisende sei nicht zur rechten Zeit vorbeigekommen, ihr Vorrat sei aufgebraucht. Mehr ist nicht nötig gewesen. Der Direktor hat mir die Kutteln geputzt und mir einen andern Rayon gegeben. Irgend so ein kleines Kaff, von dem aus ich die Krämer der Umgebung hätte besuchen sollen. Froh war ich, dass er mich nicht entlassen hat, aber ich verstehe das Geschäft, es war also mehr eine Art Strafversetzung; denn ich bin schon Jahre und Jahre in der Branche und sonst ganz brauchbar. Es war ein wüstes kleines Dorf, in das ich gekommen bin. Es ging auf den Abend zu, und ich war müde; denn ich bin den ganzen Tag mit dem Töff herumgefahren. Zuerst bin ich in eine Wirtschaft gegangen, habe etwas gegessen und so nebenbei den Wirt gefragt, wo hier ein möbliertes Zimmer frei sei. »Gehen Sie zum Notar Schneider«, hat er gesagt, »der sucht schon lange einen Mieter. Aber es sind ungemütliche Leute. Irgend etwas stimmt nicht bei ihnen. Man weiss nicht was. Eine Garage haben sie auch, wo Sie Ihr Motorrad einstellen können, und die Emma, das ist die Stieftochter vom Notar, ist ein flottes Meitschi. Man mag sie gern hier.«

Ich fuhr also zum Notar. Eine Jungfer machte mir auf. Ein währschaftes Meitschi, mit einem Gesicht ... Und die Augen!... Ich muss an ein junges Pferd denken. Sie trägt einen unordentlichen Haarknoten im Nacken ... Sie hat mir gleich gefallen. Dann hat sie mir das Zimmer gezeigt. Es war ganz anständig, mit Diwan und einem grossen Schrank. Fünfzig Franken im Monat ... Und das Frühstück könne ich auch haben, wenn ich wolle ... Ich war sehr höflich.

»Frühstück nehme ich schon gern«, sag' ich, »aber ich muss etwas essen, was vorhält, weil ich bis Mittag zu tun habe und das Töffahren hungrig macht. Speck und Eier möcht' ich. Über den Preis werden wir uns schon einigen«, meine ich. Dann zahl' ich die fünfzig Franken, das Meitschi gibt mir den Hausschlüssel und sagt noch, ich solle doch leise machen, wenn ich spät heimkomme; denn die Mutter sei herzkrank und erschrecke leicht, wenn man die Türen zuschlage. Ich antworte: Sie brauche keine Angst zu haben, wir schweren, dicken Männer seien manchmal viel leiser als die jungen, mageren Fisel, die so ungeschickt sind, dass sie an keinem Stuhl vorbeikönnen, ohne ihn umzuschmeissen. Da hat sie lachen müssen, die Emma. Schöne Zähne hat sie gehabt, wissen Sie: so breite ... Vielleicht war das ein Grund mehr, dass sie wie eine junge Stute ausgesehen hat – und ich habe Pferde gern.

Beim Wirt habe ich noch einen Zweier getrunken, Zeitungen gelesen (es war grad niemand da, der einen Jass hat klopfen wollen), und ich hab' angefangen, mich mit meiner Strafversetzung auszusöhnen. Das Haus, in dem ich wohnen sollte, hat mir zwar nicht so recht gefallen, es sah aus, wie eben ein verschuldetes Haus aussieht. Und die Luft drin hat mir doch ein wenig den Atem verschlagen, wie ich die Stiegen hinauf bin. Aber ich hab' mir gedacht, das ist nur Einbildung. Man muss sich wieder an die Atmosphäre der Dorfhäuser gewöhnen, wenn man aus der Stadt kommt. Da gibt's nichts anderes.

Um zehn Uhr bin ich heimgegangen. Mein Töff hatte ich in die Garage gestellt, ich hab' die Haustür leise aufgesperrt, und da seh' ich die ganze Familie unter einer Petroleumlampe um einen runden Tisch im Zimmer sitzen. Die Türe zum Gang ist weit offen, die Emma liest in einem Buch, der Notar, ein dürrer, alter Mann mit einer unregelmässigen Glatze, die aussieht, als hätten ihm die Ratten hier und dort ein Büschel Haare herausgenagt, tut nichts; er hockt nur da und starrt auf seine Nägel. Ein wenig im Schatten, zwischen der Jungfer und dem Alten, sitzt ein gebücktes Weiblein, mit gebleichten Haaren. Die hält ein Strickzeug in der Hand, und die Nadeln bewegen sich so langsam, dass es aussieht wie eine Zeitlupenaufnahme im Kino. Die drei haben mich nicht kommen hören. Ich mache die Türe leise zu, aber wie ich weitergehe, knarren meine Stiefel. Sie können es mir glauben oder nicht: Ich kann Schuhe kaufen, wo ich will, immer knarren die Sohlen. Schon als ich klein war, ist es so gewesen, es ist eine Art Fluch, der über meinem Leben liegt, diese knarrenden Schuhe; aber daran kann man eben nichts ändern.

Der Notar schaut auf, die Emma kommt auf mich zu, nimmt mich an der Hand und zieht mich ins Zimmer. Dann stellt sie mich vor. Der Alte knurrt mich an, die Mutter reicht mir zwei Finger. Und dann kann ich wieder gehen. Die Emma lächelt mir nach. Herzlich war die Begrüssung nicht.

Wie ich schon im Bett liege und das Elektrische ausgedreht habe, merke ich, dass ich durstig bin. Ich zünde wieder an, aber das Wasser in der Flasche ist abgestanden, und das Glas ist mit kleinen Blasen tapeziert. Bei einem grossen Hellen mag ich das nicht ungern sehen – aber beim Wasser!... Nein! Da wirkt es wie ein Brechmittel auf mich. Also geh' ich mir frisches Wasser holen, denk' ich, ziehe den Schlafrock an, schlürfe in die Pantoffeln und gehe auf die Suche nach dem Wasserhahnen. Im Gang hat eine rötliche Birne gebrannt. Wissen Sie, eine von den halbausgebrannten Kohlenfadenlampen. Ich probiere ein paar Türen, aber entweder waren sie verschlossen oder es waren Schlafzimmer. Schliesslich komme ich vor eine Türe, eine kleine, niedere Türe, wie für einen Wandschrank. Das wird das richtige sein, denk' ich mir. Aber es steckt kein Schlüssel im Schloss. Und eine Klinke ist auch nicht vorhanden. Ich will schon weitergehen, da hör' ich hinter der Türe ein Winseln, wie von einem eingesperrten Hund. Eine Bieridee! denk' ich. Ein Tier in einer finsteren Kammer einzusperren! Das muss ich dem Notar sagen; denn das Einsperren verdirbt die Hunde; ich habe die Erfahrung selbst gemacht, mit einem Schäferhund, den ich immer einsperrte, wenn ich fort musste. Das Winseln wird stärker, wie ich da vor der Türe stehe. Da rufe ich ein paar tröstende Worte durch das Holz: Braver Hund! oder so ähnliches; denn das Tier tut mir leid. Dann suche ich weiter, und plötzlich steht der alte Notar vor mir, faucht mich an und sieht aus wie ein Kater, den man in seinen Liebesangelegenheiten gestört hat. Ich soll hier nicht herumspionieren; was hier vorgehe, gehe mich gar nichts an – und dann sagt er noch, zum Abschluss gewissermassen: »Verstehen Sie, ich sage die Sachen gerade heraus, damit die Leute wissen, woran sie sind.«

Ich denke mir mein Teil, setze mein öligstes Kundenlächeln auf und frage ihn, wo ich frisches Wasser finden kann.

»Im untern Stock«, knurrt er böse. »Und machen Sie nicht zuviel Krach! Meine Frau ist sehr schreckhaft.«

»Das weiss ich schon«, sage ich und wünsche ihm eine gute Nacht. Der alte Kracher gibt mir keinen Bescheid, humpelt davon. Am liebsten hätt' ich ihm eine geklepft ...

Wie ich dann wieder im Bett liege, kann ich nicht einschlafen. Ich höre Flüstern im Gang, dann dreht sich ein Schlüssel in einem Schloss, das Winseln wird deutlicher, es klingt bösartig – ein Schrei steigt auf, ein langgezogener Schrei, und es klatscht. Ein Riemen wird geschwungen, ein Riemen knallt auf einen Körper, der Schrei wird stärker ... Misch dich in deine Angelegenheiten! denk ich. Nach und nach wird der langgehaltene Schrei schwächer, wandelt sich wieder in ein Winseln. Und endlich verstummt auch dies. Ich kann einschlafen.

Sie wissen ja, wie das ist, wenn man schläfrig ist oder Zahnweh hat oder Bauchweh. Dann will das Mitleidsgefühl nicht mehr recht funktionieren. Man hat genug mit sich selbst zu tun und nur Gleichgültigkeit übrig für die Leiden seiner Mitkreaturen.

Am nächsten Morgen hat mir die Jungfer Emma pünktlich mein Frühstück gebracht. Der Kaffee war stark und ohne Zusatz gekocht – das riecht so ein alter Hotelwanderer wie ich auf fünf Schritte –, auch die Eier waren frisch und der Speck richtig gebraten. Ich hab' mich ein wenig geniert vor dem Meitschi; denn ich seh' nicht schön aus am Morgen, unrasiert, mit einem verschlissenen Nachthemdkragen. Dazu kommt noch, dass meine Glatze gut zu sehen ist, wenn ich meine Haare nicht auf eine bestimmte Manier gestrählt habe. Die Emma sieht müde aus, immer wieder habe ich an ein Pferd denken müssen, wenn ich sie sah. Aber an ein Pferd, das man zu früh an die Deichsel gespannt hat und zu schwer hat ziehen lassen. Sie hat das Tablett mit dem Frühstück abgestellt und wieder fort wollen. Aber ich habe sie doch gefragt – denn ich bin neugierig, und meine Neugier ist stärker als meine Eitelkeit –: »Warum sperren Sie eigentlich Ihren Hund ein?« – Sie antwortet nichts. Zwei Falten zerschneiden die Haut um den Mund. Und sie sieht plötzlich alt und böse aus. Dazu schaut sie zum Fenster hinaus, obwohl dort nur ein Schornstein zu sehen ist. Der gehört zu einer Fabrik, wie sie jetzt überall auf dem Lande aus dem Boden schiessen: irgend so eine Hackmaschine für Murtenchabis. Dann geht die Emma fort und schletzt die Türe, trotz der herzkranken Mutter.

Wie ich dann die Stufen hinuntergegangen bin, ist mir die Mutter begegnet. Verfallen hat sie ausgesehen – verfallener als der Notar ... Rote Augen, Verzweiflung im Gesicht: Die Verzweiflung ist darauf gesessen, wie eine Maske. Nein, schon damals habe ich mir gedacht, dass nicht alles stimmt in diesem Hause.

Am Abend bin ich dann noch in die Wirtschaft gegangen, trotzdem ich müd' war wie ein Hund. Den ganzen Tag im Regen herumgefahren, auf diesen verfluchten Strassen, auf denen an jeder Biegung ein Karren voll Mist steht und den Weg versperrt und die Rueche meinen, die Strassen gehören ihnen. Dazu die Krämer in den kleinen Dörfern, die jeden Reisenden empfangen, als gehöre er einer Einbrecherbande an und wolle auskundschaften, wo ihr Geld sei. Man muss freundlich lächeln, wie ein Grossrat vor den Wahlen, um es ja mit niemandem zu verteufeln. Beim Wirt also, während wir einen Zuger schmettern, frag' ich so nebenbei, ob denn der Notar einen Hund habe. »Hund?« fragt der Wirt ... »Nein. Der Schneider kann doch Tiere nicht leiden. Meinem Barry hat er einmal einen Fusstritt gegeben, nur weil der Hund ihm die Hosenbeine beschnüffelt hat ...«

Wir spielen weiter, und der Wirt erzählt so nebenbei:

Ja, der Notar habe es schwer. Früher sei er in der Stadt gewesen und habe dort eine gute Praxis gehabt, aber da sei eine dunkle Geschichte gewesen mit seiner jetzigen Frau. Das sei nämlich e G'schydni, und der erste Mann sei in einer Anstalt versorgt worden, weil er getrunken habe. Man habe den Notar beschuldigt, dass er bei der Internierung mitgeholfen habe, weil die Frau Geld gehabt hätte. Er, der Wirt, glaube das nicht, aber abstinent sei der Notar auf alle Fälle. Darum sei er auch so verhasst bei den Bauern rund herum, sie gingen nur zu ihm, wenn es unbedingt nötig sei, und zahlen täten sie erst, wenn der Schneider sie betreiben lasse. Er habe auch schon Hypotheken auf das Haus genommen und sicher das letzte Geld der Frau hineingesteckt.

Wie ich heimkomme, sitzen die drei wieder stumm um den Tisch, wie am gestrigen Abend. Der Alte fährt auf und sieht mich böse an, weil meine Schuhe knarren. Nur die Mutter bleibt ruhig hocken und strickt, strickt so langsam, dass ich in Versuchung komme, die Feder aufzuziehen, damit das Stricken ein wenig gleitiger läuft. Wenn Sie meine Grossmutter hätten stricken sehen – und daneben diese alte Frau!

Nur die Emma steht auf und fragt, ob nichts fehle in meinem Zimmer. Und sie wolle morgen sicher nicht vergessen, mir warmes Wasser zum Rasieren zu bringen. Vor einer Viertelstunde habe sie die Flasche mit frischem Wasser gefüllt. Ich danke ihr freundlich.

Mitten in der Nacht wache ich auf, weil etwas an meiner Türe kratzt. Ich will schon aufstehen, um nachzuschauen, was es denn gibt, da höre ich ein böses Geflüster im Gang. Die Stimme der Emma und noch eine. Und dann eine Art Ringen und heftige Atemzüge. Ich will gerade in meine Hosen fahren, da wird es draussen still. Mira! denk' ich. Vielleicht ist es die alte Frau, die nicht stricken kann ... Sie kann wohl auch nicht schlafen. Drehe mich auf die andere Seite und schlafe wieder ein. So im Einschlummern höre ich wieder das Winseln und das Riemenklatschen, aber wenn man am Tage fünfhundert Kilometer auf schlechten Strassen gemacht und sich die Kehle wundgeredet hat, interessiert einen wenig mehr.

Die nächsten Tage ist nicht viel passiert. Die Emma hat mir am Morgen immer mein Frühstück gebracht. Sie hat wohl gemerkt, dass ich sie gerne mag, denn sie ist immer daneben stehen geblieben, während ich im Bett, wie ein Prinz, gefrühstückt hab'. Einmal hab' ich sogar ihre Hand genommen und recht lang gehalten – sie hat sie mir nicht entzogen. Dann hat sie angefangen zu weinen, so ein trockenes Aufschlucken ohne Tränen, und ich dummer Kerl bin so verlegen geworden, dass ich nichts zu sagen gewusst habe. Wenn ich sie damals gefragt hätte ... Sie hat dann richtig vergessen, das Frühstückstablett mitzunehmen.

Das Wetter ist immer gleich geblieben. Geregnet hat es, und ich hab' aufpassen müssen, damit ich nicht ausgleite mit meinem Karren. Aber nachgedacht hab' ich doch. Das Meitschi muss das Haus verlassen! Weggehen von den beiden Alten! Die ganze Luft in dem Haus ist vergiftet, hab' ich mir gesagt. Mir schadet es nichts: Erstens, weil ich nur dort schlafe, und zweitens, weil ich robust bin. Gern hätt' ich die Emma eingeladen, einmal am Abend mit mir spazieren zu gehen. Aber bei diesem Wetter ... An was für Kleinigkeiten manchmal ein Schicksal hängt. Wenn es damals Juni gewesen wäre, statt November, so wäre vielleicht alles gut gekommen ...

Und dann hat mir der Wirt einmal erzählt, dass der Notar mit seiner Stieftochter Arm in Arm spazieren gehe ..., die beiden seien sehr zärtlich zueinander. Da habe ich mir den Mann richtig angeschaut. Er war gar nicht so alt, höchstens vier bis fünf Jahre älter als ich, und vielleicht wartete er nur auf den Tod seiner Frau; die Frau könnte ja seine Mutter sein. Und herzkrank war sie auch ... Wie ich das hab' festgestellt, bin ich kühler gegen die gute Emma geworden. Es ist mir vorgekommen, als sei sie nicht mehr so sauber, wie ich sie mir vorgestellt hatte ... Das merkte sie und wurde reizbar. Wenn ich zum Beispiel am Abend heimgekommen bin und die drei wie Wachsfiguren unter der Lampe gesessen sind, hat sie immer für ihren Stiefvater ein böses Wort gefunden, sobald ich die Stufen hinaufgestiegen bin, so dass mir schliesslich der Alte richtig leid getan hat und ich seine Partei gegen die Stieftochter genommen habe. Überhaupt, diese Ehe! Ich hab' ja nie viel davon gesehen, höchstens am Sonntag, wenn ich daheim blieb, weil mir der ewige Hock in der Wirtschaft verleidet war. Natürlich werden Sie mir sagen, ich hätte auch wegfahren können in die nächste Stadt. Aber was dort tun? Einen öden Film ansehen? Ich hab' nichts übrig für die schönen Weiber auf der Leinwand ... Sie sind so flach! Wenn ich sie bewundern soll, komme ich mir vor wie ein Vierzehnjähriger, der aus einem französischen illustrierten Blatte ein paar Weiber ausgeschnitten hat und sie versteckt, um sie am Abend vor dem Schlafengehen anzustieren.

Ja, die Ehe der beiden! An einem Sonntagnachmittag hab' ich sie zusammen sprechen hören. Das war auch das erste Mal. Ich stand oben an der Treppe und wollte gerade fortgehen. Die beiden Alten sassen im Wohnzimmer am runden Tisch, und der Mann sagte: »Das beste wäre doch, ihn fortzuschaffen.« – »Nein«, antwortete die Frau mit weinerlicher Stimme. Und wirklich, es hat so getönt wie das Winseln in der Nacht. »Nein, das gibt's nicht! Ich hab' ja sonst nichts auf der Welt. Die Emma will ja auch fort von mir. Und du bist auch den ganzen Tag nie daheim, und wenn du einmal da bist, so langweilst du dich mit mir. Oh, ich weiss schon, die Emma gefällt dir viel besser, und du willst sie nicht gehen lassen, obwohl sie eine schöne Stelle haben könnte, bei ihrem Onkel in Rom. Ich weiss ja nicht, was ihr beide hinter meinem Rücken tut, aber meinen einzigen Trost lass' ich mir nicht nehmen. Und wer kann wissen, wie man ihn behandeln wird? Hier hat er doch wenigstens mich. Wer weiss, ob sie ihn nicht einfach umbringen im Spital.«

Ich dummer Esel hab' gemeint, sie spricht noch immer von einem Hund.

Dann sind noch vierzehn Tage vergangen, es war schon um Weihnachten herum, als die Katastrophe passierte. Mit dem Wirt, dem dicken, habe ich gute Freundschaft geschlossen. Es war so ein Mensch in meiner Art: ruhig, dick und freundlich. Und wir mussten beide dasselbe tun, immer ein freundliches Gesicht schneiden, um keine Kunden zu verlieren. Der Kari also, der Wirt, hat sich an einem Abend zu mir gesetzt und gesagt: »Ich weiss nicht, was bei deinen Wirtsleuten los ist, aber etwas wird sicher in der nächsten Zeit passieren. Letzthin ist die Emma aus dem Haus gelaufen, weinend, mit verstrubbelten Haaren, in Filzpantoffeln. Und die Mutter hinter ihr her. Und irgend jemand im Haus hat geschrien wie ein Tier, das man metzgen will. Der Notar war's nicht, den hab' ich gesehen aufs Bezirksamt gehen.« – »Ach«, sag' ich, »das wird der Hund gewesen sein; ich höre ihn jede Nacht winseln.« – »Also«, hat der Kari gesagt, »wenn es etwas gibt, musst du mir es zuerst erzählen, das bist du mir schuldig, als deinem alten Freund.« Ja, der gute Kari! Er war die ungedruckte Zeitung vom Dorf; ein Wirt muss so etwas machen, dann hat er immer genug Kunden. Ich hab's ihm versprochen.

Es war in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag. Mir ist es in den letzten Tagen auch aufgefallen, wie aufgeregt die Emma war. Nie ist sie mehr am Morgen neben meinem Bett stehen geblieben, um mit mir z'brichte ...

In dieser Nacht bin ich also gegen zwei Uhr aufgewacht von einem wüsten Krach vor meiner Zimmertür. Ich fahr' in die Hosen und reiss' die Tür auf. Da seh' ich einen Bub, rote Haare und schmutzige, zerrissene Hosen, der hat sich an der Hand von der Emma festgebissen. Die immer verschlossene Tür, hinten im Gang, ist offen, aus den Angeln gerissen und hängt nur noch am Schloss. Ich seh' die Emma, sie hält in der rechten Hand eine Hundepeitsche und schlägt auf den Buben los; aber der ist wie ein junges Tier, tritt und strampelt mit den Füssen, und seine Zähne lassen die Hand, in die er sich verbissen hat, nicht los. Ich muss schon sagen, das Ganze hat mich aufgeregt. Ich bin näher getreten, hab' dem Buben die Hände von hinten um den Hals gelegt und die Daumen gerade vor den Ohren fest angesetzt – und dann gedrückt, bis er losgelassen hat. »Wer ist denn das?« hab' ich ganz dumm gefragt. – »Mein Bruder!« sagt die Emma. Sie trägt einen blauen Morgenrock über dem Nachthemd. Ganz bleich ist sie, und ihre Hand blutet. Der Kleine liegt am Boden und schreit mit weit offenem Munde – brüllt. Da kann ich auch nicht anders und gebe ihm eine Ohrfeige. Er schweigt. In einer Ecke vom Gang, beleuchtet von der halb ausgebrannten Birne, so dass sie beide wie Gespenster aussehen, stehen die beiden Alten. Plötzlich stösst die alte Frau einen kurzen Schrei aus und fällt um. Wir tragen sie aufs Bett, die Emma und ich. Und dann verbind' ich der Emma die Hand. »Er ist wie sein Vater«, sagt die Emma leise. »Der hat auch in der letzten Zeit, bevor er in die Anstalt gekommen ist, solche Anfälle gehabt. Und wir haben den Buben immer nur eingesperrt halten können, weil er oft mit einem Messer auf uns losgegangen ist. Und die Mutter will ihn nie in eine Anstalt versorgen lassen, sie würden ihn dort töten, meint sie.« Während sie das erzählt, höre ich hinter mir einen leisen Schritt. Der Notar steht da. In einer alten Hose und in einem zerrissenen Hemd. Wahrscheinlich will er seiner Stieftochter helfen. Er setzt sich ganz leise auf einen Stuhl. »Sie ist tot«, murmelt er. »Jetzt ist doch alles umsonst gewesen. Und ich kann wieder irgendwo von neuem anfangen.« Dabei wischt seine Rechte immer übers Gesicht, als ob dort Spinnweben wären. Aber weinen kann er nicht. Dann gehen die Emma und ich in den Gang und sehen nach dem Buben. Der liegt am Boden und schläft. Zur Sicherheit binden wir ihn. Ich nehme die Hundepeitsche auf und schau die Emma an. Sie wird rot, zuckt mit den Achseln und sagt: »Ja, ich hab' mir nicht anders zu helfen gewusst; am Anfang hat mir der Doktor noch Schlafmittel gegeben – aber dann wollt' sie der Bub nicht mehr nehmen. Und wenn er wild wurde in seinem Zimmer, musst' ich ihn verprügeln, damit er schwieg. Wir hätten Sie ja nie ins Haus genommen, wenn wir das Geld nicht so notwendig gebraucht hätten.« Sie schaut mich ängstlich an, ob ich ihr auch glaube. Dann geht sie weg. Ich gehe zum Notar in die Küche, führe ihn in mein Zimmer und lege ihn ins Bett. Telephoniere dem Doktor. Der ist dann bald gekommen, und noch in der gleichen Nacht haben sie den Buben in eine Anstalt gebracht. Ich habe bei der Toten Wache halten wollen, aber ich bin so müde gewesen, dass ich gegen Morgen eingeschlafen bin. Und da war die Emma fort. Sie hat noch in der Nacht ihre Sachen gepackt und ist zu ihrem Onkel nach Rom. Einmal hat sie mir eine Karte geschickt.

Ich hab' dem Kari die Geschichte erzählt, und er war zufrieden, sie als erster zu erfahren. Er hat dann viel dazu beigetragen, dass die Bauern von da an den Notar besser behandelt haben. Und ich warte immer noch, bis die Emma einmal von Rom zurückkommt...

Loset, Jungfer!... Jungfer!... Ich hätt' noch gern einen Kognak! Sonst kann ich diese Nacht nicht schlafen...

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