Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Glauser >

Erzählungen

Friedrich Glauser: Erzählungen - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/glauser/erzaehlg/erzaehlg.xml
typenarrative
authorFriedrich Glauser
titleErzählungen
publisherVerlags AG Die Arche
volumeBand 4 der Gesammelten Werke
editorHugo Leber
year1973
isbn3716014265
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2010203
projectid6d9ea240
Schließen

Navigation:

Juliette

Lege dich nicht auf die Kiesel, sie sind hart. Aber auf dem Hügel unter den Korkeichen, von deren Stamm sie die Borke geschält haben, ist der Boden weich. Und auch das Meer kannst du sehen. Lange genug bist du geschwommen; hab keine Angst, auch dort oben wirst du nicht frieren. Der Wald ist gedeckt gegen den Wind, der von den Bergen kommt; und durch die Blätter dringt die Abendsonne noch warm und geduldig.

Liegst du gut?... Komm, ich will dir noch meinen Bademantel unter den Kopf legen; ich bin zufrieden mit dieser Wurzel... Sieh, durch die Blätter flimmert der Himmel, wie eine bunte Zimmerdecke im Fiebertraum ... Schläfst du?... Du hast nur die Augen geschlossen, weil das Licht dich blendet? Frierst du nicht?... Du bist noch feucht und riechst nach Meer... Warum ich lache?... Weil nicht viel gefehlt hätte und ich läge nicht neben dir, hier, wo es warm ist und hell und die strengen Berge Linien zeichnen gegen die Wolken, die stets am Vergehen sind... Und weisst du, gerade hier muss ich an die graue Stadt denken, die fast niemals Sonne hatte. Dort gilbten die Blätter schon im Juli, denn voll Staub und voll giftiger Gase war die Luft. Immer sank dort der Regen, der schwarze Regen, der Flecken zurückliess auf der Haut. Klein waren die Menschen, die durch die Strassen liefen, hässlich, mit schwarz gesprenkelter Haut.

Lass mich nachdenken. Wo habe ich sie nur zuerst getroffen? Sonderbar, sogar ihren Vornamen habe ich vergessen. Deutlich sehe ich nur ein Bild von ihr: Sie sass auf meinem Bett, es war Nacht, die Knie hatte sie gegen das Kinn gedrückt und starrte ins Leere. Manchmal erzählte sie. Damals wohnte ich in einem möblierten Zimmer, das mit einem Kochherd und mit Kochgeschirren vermietet wurde. Ein Tisch stand darin, zwei wacklige Stühle und ein sehr breites Bett.

Wie ich das nur vergessen konnte!... Natürlich, im Zirkus hatte ich sie getroffen. Sie sass neben mir in der leeren Stuhlreihe, die Vorstellung war schlecht besucht. Zuerst bemerkte ich sie nicht. Dressierte Hunde wurden vorgeführt, und diese fesselten mich sehr. Sie starrte mich an, und dann musste ich sie doch ansehen...

Warum kehrst du dein Gesicht ab? Stört dich die Sonne? Bald wird sie untergehen, und der warme Abend ist dann da, der seinen schweren Mantel über das Meer legt. Was ist schliesslich ein Gesicht? Man kann es beschreiben. Aber von den Worten zum Bild ist ein weiter Weg, den keiner, schier, zurückzulegen vermag. Wenn ich dir diese Frau schildere, siehst du doch nur einen zerfliessenden Schatten vor dir...

An deiner Hand sehe ich, dass du ungeduldig wirst. Komm, lass mich deine Finger halten, damit du nicht meinst, ich sei fort. Immer bin ich da, auch wenn ich Vergangenes träume, Vergangenes, das irgendwann doch Gegenwart war.

Die Strassen waren mit dickem Nebel angefüllt, als wir durch das Tor traten. Im Zirkus selbst hatten wir nicht miteinander gesprochen, aber sie fühlte wohl, dass ich ihr die Stufen hinunter gefolgt war. Denn sie zögerte auf der Strasse, schritt nur langsam aus, so als habe sie Angst, mich zu verlieren. Ich bin sehr ungeschickt, wenn es gilt, Frauen anzusprechen. Das kennst du ja. Wenn du mir damals nicht zugenickt hättest, weisst du, an jenem Abend, als wir zum erstenmal zusammen tanzten, wir hätten uns wohl verfehlt. Ganz anders als du war sie, als du, die du schlank bist und blond. Nicht ganz so gross wie du, breiter gebaut, mit sehr dunklen Haaren und einem runden Gesicht. Ich ging neben ihr und begann zu sprechen, ohne Begrüssung. Von den Hunden erzählte ich, die wir gesehen hatten. Sie schwieg. Ich aber wollte ihre Stimme hören. Wo sie denn wohne, fragte ich sie. Da sprach sie zum erstenmal: Sie sei Krankenschwester.

Siehst du, wieder will ich in den Fehler verfallen, dir ihre Stimme zu schildern. Nachmachen könnte ich sie nicht, und wenig Worte stehen uns zur Verfügung, um den Ton einer Stimme zu verdeutlichen. Es war die Stimme einer schweigsamen Frau, die des Redens ungewohnt ist, nicht aus Schwerfälligkeit oder Dummheit, sondern, so schien es mir, aus Angst vor dem entstellenden Wort und Klang. Eine graue Stimme, möchte ich sagen. Irgendwo klirrte ein Sprung darin, ein seelischer Riss wohl mehr als eine Verletzung der Stimmbänder.

Du lächelst? Ein wenig höhnisch wohl... Nun, mach dich nur lustig über mich und meine papierenen Vergleiche... Du schüttelst den Kopf?... Und willst nicht sagen, warum du mich auslachst?...

Ich begleitete sie bis vors Spital. Was wir noch gesprochen haben, ich weiss es nicht ..., denn ich war es wohl, der die ganze Zeit redete. Ich war damals ziemlich einsam, und dann geschieht es eben, dass er plötzlich losbricht, der Redestrom.

Sie machte mir selbst den Vorschlag, mich besuchen zu kommen. Sie sprach ganz natürlich; sie sagte: »Wo wohnen Sie? Ich werde morgen abend zu Ihnen kommen.« Ich gab ihr meine Adresse.

Nun sass sie in meinem Zimmer auf einem der Stühle. Es war warm. Vor den Fenstern stand eine zähe Dunkelheit.

Du kannst dir diese Dunkelheit nicht vorstellen, besonders hier nicht, wo der Abend klar und hell, die Nacht aber getränkt ist von dem Licht, das ihr der Tag schenkte. Dort brennt die hellste Lampe trüb wie ein Grubenlicht, es ist, als steige die Dunkelheit mit den Kohlen empor aus den Schächten, als vergifte sie jegliches Licht.

Sie sagte, sie habe Hunger, sie sei gleich nach dem Dienst aus dem Spital fortgelaufen. »Du hast mir gefallen«, sagte sie. Ich war nicht weiter erstaunt über das Du. Sie sah erhitzt aus. Auch dass ich ihr gefalle, freute mich. So lange hatte niemand nach mir gefragt, und nach diesen Worten lockerte sich das Einsamsein.

Ich brachte eine Serviette, die ich über den Tisch breitete, ich selbst hatte auch noch nicht gegessen. Eine Fleischsuppe hatte ich gekocht, mit viel Gemüse drin. Das ganze Zimmer roch danach.

Zwischen uns stand die Petroleumlampe; zackig leuchtete die Flamme durch den staubigen Zylinder. Weisst du, wenn man allein ist, hat man keine Lust zum Putzen. Jetzt habe ich ganz deutlich den Geschmack des Rossfleisches im Munde, das ich damals gekocht hatte. Rossfleisch war billig und nahrhaft, und ich hatte wenig Geld. Viel hat sich ja seither nicht geändert. Und an die Fische, die hier nach dem harten Licht schmecken, das über dem Meere liegt, musste ich denken nur wegen des Rossfleisches. Ich arbeitete damals in einem Büro, so Übersetzungen, weisst du. Und vorher hatte ich in den Gruben auf Nachtschicht gearbeitet.

Immer schweife ich ab, weil es so schwer ist, von dieser Sache zu erzählen. Geschehen ist ja weiter wirklich nichts. Nun, eingescharrt wäre ich fast worden, dort oben, in der kalten, schwarzen Erde, die vollgesaugt ist mit Feuchtigkeit. Zuerst erzählte sie vom Spital. Sie schien seit dem ersten Abend ein Hindernis beiseite geschafft zu haben, denn ihre Rede war zusammenhängend, obwohl die Worte nur langsam von den Lippen geformt wurden, diesen Lippen, die viel Farbe hatten, obwohl sie nicht geschminkt waren. Sie sprach von den Kranken, besonders von denen, die noch zäh am Leben hingen und sich wehrten, obwohl keine Hoffnung mehr für sie war. Diese pflege sie mit Vorliebe, und im Spital rufe man sie auch immer zu diesen Fällen; denn die Wirkung ihrer Gegenwart sei bekannt. Ganz ohne Beruhigungsmittel käme sie aus, sie brauche sich nur neben den Kranken zu setzen, der ungebärdig sei; er werde sogleich still, wenn sie seine Hand nehme, und dann bleibe sie bei ihm, bis er erlöst sei. Erlöst, sagte sie.

Wieso erlöst? fragte ich, sie sei doch sicher gläubige Katholikin wie all ihre Landsleute. Sie wurde verlegen. Ja, antwortete sie, gläubig sei sie wohl, aber sie wisse, dass die Kranken, die neben ihr stürben, Ruhe gefunden hätten.

Dass sie weder in die Hölle noch ins Fegefeuer kämen, sondern auf dem geradesten Wege ins Paradies? Ich musste lächeln, während ich diese Frage stellte. Aber sie blieb ernst. Weder ins Paradies noch in die Hölle, entgegnete sie, nicht einmal ins Fegefeuer. Sie würden sich auflösen, wie Rauch in klarer Luft (diesen Vergleich gebrauchte sie), und weder Schmerz noch Freude mehr empfinden ... Während sie dies sagte, blickte sie abwesend aufs Tischtuch und zeichnete mit der Gabel einen kleinen Kreis.

In der Verkürzung sah ihr Gesicht merkwürdig aus. Sehr viel flaches Weiss, nur die Wölbung der Augen warf einen scharfen Schlagschatten auf ihre Wangen. Es sah aus, als seien an diesen Stellen zwei dunkle Löcher.

Ich schwieg und betrachtete sie. Ihre Kleidung war streng; eine schwarze Bluse, die den Hals in einen schwarzen Seidenkragen einschloss. Auch um die Handgelenke legten sich breite Seidenbänder. Die Finger waren kurz und stumpf. Ich bat sie, mir ihre Handfläche zu zeigen. Das, was die Handdeuter die Lebenslinie nennen, war tief eingegraben, reichte kaum bis zur Mitte des Daumenballens und wurde in kurzen Abständen von vielen Fältchen senkrecht durchschnitten.

Auch dir soll ich aus der Hand weissagen? Das kann ich nicht, dazu muss ich ein wenig betrunken sein, und auch dann stimmt es gewöhnlich nicht. Und sind wir nicht vernünftig geworden, wohl allzusehr? Hände oder Sterne, wir glauben nicht mehr an sie, darum glauben auch die Linien, die stets sich kreuzenden, nicht mehr an uns.

Wir sprachen nicht mehr viel. Sie half abwaschen, dann wollte sie noch mein Zimmer in Ordnung bringen, holte sich sogar einen Besen von meinen Nachbarsleuten. Ich lag derweilen faul auf dem Bett und rauchte. Sie rauchte nicht. Ich begleitete sie wieder heim. Ein feuchter Schnee fiel, die Strassen waren schlüpfrig, sie nahm meinen Arm. Ihr Mantel war aus weichem Stoff und fühlte sich an wie die Haut eines Tieres. Sie war nur wenig kleiner als ich. Dann fiel ein Gitter zu, sie stand einen Augenblick als schwarzer Schatten in einer erleuchteten Tür und winkte kaum merklich.

Es wird wohl ein Zufall gewesen sein, dass ich auf dem Rückwege von Betrunkenen angerempelt wurde. Drei waren es, klein zwar, aber breit in den Schultern, mit muskulösen Armen, die lang waren, wie die der Affen. Ich verteidigte mich, den Rücken gegen eine Häuserwand gelehnt. Ganz in der Nähe brannte eine Laterne. Eine Messerklinge spiegelte deren Schein und zuckte wie eines jener bengalischen Zündhölzchen in Kinderhand. Das Messer traf mich nicht. Ich erhielt nur einen starken Schlag auf die Schläfe und fiel hin.

Als ich aufwachte, lag eine dünne Schicht nassen Schnees auf mir. Meine Zunge war aufgequollen und schmeckte schlecht. Ohne Sterne war der Himmel; ich hinkte heim, und mir war sehr übel.

Am nächsten Tage war ich krank. Wohl ein wenig erkältet, mit Fieber und einem dumpfen Kopf. Zum erstenmal empfand ich die Trostlosigkeit meines Zimmers; es war auch noch nie vorgekommen, dass ich in ihm einen Tag zubrachte. Sonntags war ich sonst immer vor seiner Düsternis geflohen, in irgendein Café, und dort geblieben bis zur Dunkelheit, manchmal auch bis tief in die Nacht hinein. In einem Café macht eben die Einsamkeit viel mehr Spass. Gegen Mittag stand ich auf und kochte mir Tee. Es war still im Haus. Meine Nachbarsleute hatten keine Kinder, der Mann rückte am Morgen aus in die Grube, die Frau schlief lange, und dann beschäftigte sie sich so geräuschlos, dass ich manchmal meinte, der Raum neben meinem Zimmer sei unbewohnt.

Dann schlief ich wieder ein. Mein Zimmer war dunkel und kalt, als ich wieder erwachte. Mir tat der Rücken weh, auch fror ich.

Auch jetzt noch bekomme ich die Gänsehaut. Sieh, mein Arm ist ganz rauh... aber das vergeht wieder... Ja, du hast recht, auch der Körper erinnert sich. Warum sollte nicht auch er manchmal in der Vergangenheit leben, wenn es der Seele so gut gelingt.

Ich zog mich an, die Decke auf meinem Bett war dünn, dann legte ich mich wieder hin. Ich war viel zu müde, um die Lampe anzuzünden. Irgendeine trübe Laterne, draussen, in dem Hof, auf den mein Fenster ging, spritzte schmutziggelbe Flecken gegen die Zimmerdecke. Auch meine Uhr war stehengeblieben.

Und in dieser Dunkelheit, in der das Fieber summte und gärte, sah ich die sonderbare Frau wirklich zum erstenmal. Ihr Bild war deutlich, greifbar und sehr nahe, sie lächelte mit geschlossenem Munde, so als habe sie etwas zu verbergen. Dann fiel mir ein, dass ich nicht einmal wusste, wie sie hiess. Auch ihren Vornamen kannte ich nicht, und darum sehnte ich mich nach ihr. Ich wollte fragen, vieles wollte ich sie fragen. Und dann wusste ich plötzlich, dass sie draussen vor der Türe stand.

Es war ihr Klopfen, das nun kam, und ich rief: »Herein.« Sie hatte Blumen mitgebracht, nach dem Geruch mussten es Chrysanthemen sein. Leise sagte die Frau: »Guten Abend«, trat an den Tisch, zündete die Lampe an; sie fand sie ohne weiteres im Dunkel. Und dann legte sie die Blumen auf den Tisch.

»Wie heisst du eigentlich?« fragte ich.

»Juliette.« Und nach einer Weile: »Bist du krank?«

Ich nickte. »Du hast sicher Hunger«, meinte sie. »Soll ich dir etwas kochen?« Sogar eine Schürze hatte sie mitgebracht, eine weisse Schürze, die nach Chlor roch. Sie kniete nieder vor dem Herd, räumte die Asche aus, schnitzte Späne. »Du wirst dich ganz schmutzig machen«, sagte ich. »Soll ich dir helfen?« Sie schüttelte den Kopf. Sie schüttelte den Kopf mit grosser Energie. Ihr Haar ging auf, es lag als Knoten auf ihrem Nacken. Nun fiel der Zopf, ein dicker Zopf, über die schwarze Bluse und stach doch schimmernd braun ab von dem dunklen Grunde. Ich habe später oft mit diesem Haar gespielt, es gekämmt, geflochten. Weisst du, meine Mutter hatte ebensolche Haare, und als sie starb, habe ich immer weinen müssen, wenn ich an das Haar der Mutter dachte...

Juliette blieb die Nacht bei mir, und seltsam war diese Nacht. Die Frau sass am Fussende des Bettes, die Knie gegen das Kinn gedrückt, und starrte in das Licht der Lampe. Gegen Morgen erlosch die Lampe. Juliette aber blieb sitzen. Manchmal erzählte sie zwischendurch einiges, in ihrer langsamen, schweren Art...

Zweimal sei sie verlobt gewesen, erzählte Juliette, und beide Male, kurz vor der Hochzeit, seien die Männer gestorben. Der eine sei eine Treppe hinuntergestürzt und habe das Genick gebrochen, der andere sei beim Abspringen von der Strassenbahn unter ein Auto gekommen. Nun glaube sie, sie bringe Unglück – wenn der Tod ein Unglück sei. Bei mir habe sie weniger Angst. Mir werde wohl nichts geschehen. Ihr komme es vor, als stünde ich mit dem Tode auf vertrautem Fuss. Ich musste ihr recht geben. Ich dachte oft und gern an den Tod. Unangenehm war mir nur der Gedanke, dort oben in der verwässerten, schmutzigen Erde zu liegen. Aber das war doch nur ein Vorurteil.

»Auf Wiedersehen«, sagte sie, als sie mich am Morgen verliess. Ich fragte sie nicht, wann sie wiederkommen wolle. Es war zuviel Unwahrscheinliches in ihrem Kommen. Da nützten präzise Fragen nichts.

Dann ging ich ins Büro und arbeitete halb im Schlaf. Es waren ja immer die gleichen Briefe, die ich zu übersetzen hatte. Aber die Frage, die ich am vorigen Abend nicht gestellt hatte, quälte mich den Tag hindurch: Ob sie wohl wiederkommen würde, heute schon?

Sie kam. Wieder zündete sie die Lampe an. Dann setzte sie sich zu mir und legte den Kopf an meine Schulter. Auch ihr Haar roch ein wenig nach Chlor. Ich wusste nicht, an was mich dieser Geruch erinnerte; es hing mit Gräbern zusammen.

Dann schlief sie ein. Ich legte sie zurecht und blieb neben ihr sitzen. Auf ihrem verschlossenen Gesicht lag viel Müdesein.

Die nächste Zeit war seltsam. Ich weiss eigentlich heut' noch nicht, war ich in sie verliebt oder nicht. Liebe, musst du wissen, hat verschiedene Masken. Ich nannte sie »sœurette«, es klingt zärtlicher als das deutsche »Schwesterlein«. Sie kam allabendlich zu mir, blieb manchmal die ganze Nacht, hin und wieder ging sie schon um zehn Uhr fort. Dann lag ich noch wach und dachte an sie. Es waren verworrene Gedanken. Als ob ich sie seit Ewigkeiten kennte, so war es; in mein Kinderzimmer war sie getreten, als ich noch klein war, und hatte mit mir gespielt. Und früher noch, vor diesem Kinderzimmer, war sie dagewesen, in jenem dunklen Reich, das voll Trostlosigkeit ist und Versunkensein. Aber ihre stete Gegenwart machte auch die Finsternis jener zeitlosen Ewigkeiten erträglich, in denen kein Tag ist, nur der Schein verblichener Sterne.

Hier, auf Erden, schlichen wir aneinander vorbei, wie Schatten, die ihren Leib verloren haben. Manchmal sprach ich von diesen Dingen zu ihr. Dann kam jenes Lächeln wieder, jenes Lächeln mit geschlossenem Mund, das in einem meiner Träume auf ihrem Gesicht entstanden war, bevor ich es in Wirklichkeit gesehen hatte.

Während der Zeit, in der ich mit ihr zusammen war, gab es nur einen Ansatz zu einem Unglück. Wir waren zusammen in die nahe Hauptstadt gefahren, an einem Samstagabend, den Sonntag wollten wir dort verbringen. Der Zug stand still, ich stieg zuerst aus; als ich einen Fuss auf den Bahnsteig setzte, ruckte der Wagen und fuhr einige Meter zurück. Ich warf mich nach vorn und fiel auf die Knie. Juliette stand bleich hinter mir. »Fast wärest du unter den Zug geraten«, stotterte sie. Aber nur der obere Teil ihres Gesichtes zeigte Angst: Die Augen, die gefurchte Stirne; geschlossen lächelte der Mund.

Nach einem Monat merkte ich erst, wie stark ich mich verändert hatte. Ich ging nicht gerne in das Büro, das kannst du mir glauben. Aber nun kam eine Gleichgültigkeit über mich, die ich früher nicht gekannt hatte. Ich verliess meine Stellung und blieb tagsüber zu Hause. Und wartete. Auf was ich wartete, weiss ich nicht, oder besser, ich kann es nicht beschreiben. Ich war immer müde, lag auf dem Bett und redete mir ein, ich warte auf den Abend. Denn am Abend kam sie, immer pünktlich. Aber doch wusste ich, dass ich auch in den Stunden, in denen sie bei mir war, auf etwas wartete. Und sie fühlte es. Einmal erzählte ich ihr, ich hätte fast kein Geld mehr. Es war eine Lüge, ich hatte noch eine kleine Summe auf der Bank, aber diese wollte ich nicht angreifen. Es war meine Reserve, eine unbewusste Vorsicht vielleicht. Sie bot mir sogleich Geld an. Und ich nahm es.

In der letzten Zeit sprach sie viel vom Tode. Ich wusste genau über die Kranken Bescheid, die in ihrer Pflege starben. Manchmal fragte ich sie auch, was aus uns werden solle; ob wir heiraten wollten, sie habe doch Familie, und im Spital würde doch sicher über unsere Freundschaft geklatscht. Sie zuckte mit den Achseln und schwieg. Nur einmal sagte sie: »Wir werden wohl bald erlöst sein.« Ich lachte ein wenig über diese Antwort.

An einem Abend kam sie nicht, auch am nächstfolgenden fehlte sie. Ich lag in meinem Zimmer und wartete. Viel habe ich nicht gegessen in diesen Tagen und Nächten. Und dann lag ich immer im Dunkeln. Ich durfte die Lampe nicht anzünden, das war ihr Amt und nicht mehr meins. Manchmal war es mir, als riefe sie nach mir. Ihre Stimme war dünn und ängstlich. Endlich am dritten Tag ging ich ins Krankenhaus und fragte nach ihr.

Der Portier war mürrisch. Sie sei gestorben, sagte er, und das Begräbnis sei morgen. Dann schlug er das Tor zu. Es war etwa vier Uhr nachmittags. Ich ging auf die Bank und holte mein Geld. Aber glaubst du, dass ich wusste, was ich damit anfangen sollte? Einen Augenblick freuten mich die Scheine. Ich könnte damit irgendwohin essen gehen, dachte ich, und nachher in den Zirkus oder ins Kino. Aber dann verschwanden diese Wünsche wieder, und es war sehr einsam auf der Strasse. Die Wolken am Abendhimmel waren fettigrot wie zerlaufene Schminke. Darum hab' ich sie immer rufen hören, dachte ich, das war, weil sie krank war. Und nun sollte ich sie nie mehr sehen. Aber ich hatte sie doch schon früher gekannt, sie war als kleines Mädchen zu mir gekommen, damals, und sie trug ein rotes Kleidchen und erzählte Märchen. War sie es wirklich, oder hatte ich das nur als Kind geträumt?

Ich war in meinem Zimmer angekommen und packte meine wenigen Sachen zusammen. Die Miete war vorausbezahlt. Was sollte ich noch in der dunklen Stadt? Ich ging zum Bahnhof.

Dort kaufte ich eine Bahnsteigkarte, ja, wirklich, ich habe es damals nicht gewagt, ein Billett nach irgendeinem Ort zu kaufen. Ich trat auf den Bahnsteig hinaus und ging neben den Schienen hin und her. Es waren nur wenige Leute da, die auf einen Zug warteten. Aber sie kamen mir ausserordentlich unwirklich vor. So verschwommen schienen sie, ohne feste Konturen. Nur einen gelben Herrn sah ich deutlich, der in einem dicken Pelzmantel zu frieren schien. Ich dachte, er kommt sicher aus den Tropen und ist leberkrank. Oder vielleicht ist die Galle nicht in Ordnung. Auch er muss bald sterben. Das letzte muss ich wohl gesagt haben, denn der Herr sah mich an. Die Pupillen seiner Augen waren gross. Ich nickte ihm zu, und er kehrte sich ab.

Dann ging ich auf und ab. Plötzlich wurde es dunkel. Der Bahnhof verschwand, überall lagerten nächtliche Wolken, darüber glänzten faustgrosse Sterne und gaben ein mildes, goldenes Licht. Fast sah es aus wie die Dekoration zu einem Zaubermärchen, aber es war viel wirklicher, ohne den widerlichen Beigeschmack der Kartonkulissen. Auf diesen Wolken kam ein Wagen näher gerollt, den vier schwarze Strausse zogen. Die Schwanzfedern der Vögel wehten wie Wimpel, und solche Federbüsche hatte ich auch auf den Köpfen der Pferde gesehen, die einen Leichenwagen zogen. Der Wagen war schwarz, sah aus wie eine altertümliche Chaise. Juliette sass darin. Neben ihr war noch ein Platz frei. Sie winkte mir und sprach – scheinbar. Denn ich hörte keinen Laut. Jetzt erst fiel mir die grosse Stille auf, die über den Wolken lag. Dann hielt der Wagen an, ich wollte einsteigen, da hörte ich einen dumpfen Donner, dessen Rollen immer mehr anschwoll. Und eine Hand packte mich am Arm.

Ich sah das Gesicht des gelben Herrn. Der Mund darin arbeitete heftig, aber ich verstand kein Wort. Der Donner rollte an meinen Ohren. Da stand ich auf dem Bahnsteig, und eine Schnellzugslokomotive fuhr an mir vorbei. Auf einem Puffer wehte etwas, das aussah wie ein schwarzes Kleid. Ich wollte mich losreissen, dort sass doch Juliette, und ich musste zu ihr. Aber der gelbe Herr hatte knochige Finger, die hielten mich fest. Nun verstand ich auch, was er schrie (er musste schreien, der Zug lärmte und pfiff). »Was sind das für Sachen«, schrie der gelbe Herr. »In die Maschine hineinzulaufen. Wollen Sie sich umbringen?«

Ich muss ihn ziemlich dumm angesehen haben, denn er lächelte ein wenig. Dann sah er mich an, so, von oben bis unten, wie etwa ein Rosstäuscher ein Pferd ansieht, das er kaufen will. Inzwischen hatte sich der Zug beruhigt. »Bisschen melancholisch? He?« sagte der gelbe Herr. »Luftveränderung notwendig? Wie?« Er hatte eine Stimme, die sich bei den Fragewörtern überschlug. »Liebeskummer? Was?« Er lächelte immer noch, seine Zähne waren gelb und breit. »Stenographie? Maschinenschreiben? Ja?« Ich nickte. Sein Sekretär sei krank geworden, ob ich mitkommen wolle? Er müsse seine Memoiren weiter diktieren. Er schwenkte ein Fahrscheinheft, packte mich am Arm und schleppte mich in den Zug. Wir fuhren nach Paris.

Ich bin nicht lange bei ihm geblieben. Seine Memoiren waren wirklich schlecht, und ich konnte seine Stimme nicht mehr hören. Aber ich muss ihm wohl dankbar sein. Sonst läge ich wahrscheinlich doch in der feuchten Erde dort oben.

Du schweigst? ... Es war doch eine so schöne Geschichte. Aber jetzt will ich meinen Kopf auf deine Schulter legen. Dein Arm ist kühl, und deine Haut schmeckt noch ein wenig nach dem Salz des Meeres. Später wollen wir durch die Rebberge heimgehen und nach reifen Trauben suchen. Die Beeren werden noch warm sein von der Sonne ... Ja, und weisst du ... Schwestern sind eben selten im Leben, man findet sie nur, um sie wieder zu verlieren. Aber nach dem Tode wird das Leben ja so lange sein. Man muss nur Geduld haben ...

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.