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Erzählungen

Friedrich Glauser: Erzählungen - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenarrative
authorFriedrich Glauser
titleErzählungen
publisherVerlags AG Die Arche
volumeBand 4 der Gesammelten Werke
editorHugo Leber
year1973
isbn3716014265
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ein toter Mann

»Wenn Sie wüssten«, sagte der dicke Herr, dessen Nacken Falten warf, »wenn Sie wüssten, wie schön wir es gehabt haben vor dem sogenannten Weltkrieg. Man brauchte keine Pässe, man brauchte sich nicht anmelden zu lassen – alles war einfach, die Zollwächter behandelten einen rücksichtsvoll. »Oh«, seufzte er und fuhr mit dem Zeigefinger dem Stehkragen entlang, »Sie wissen eben nicht, wie ...« Er schwieg plötzlich; vielleicht war der Ausdruck auf den Gesichtern, die rund über dem Tisch schwebten, an dem plötzlichen Stillschweigen schuld. Denn deutlich verständlich war dieser Ausdruck – und selbst ein Seufzer der Langeweile wäre unnötig gewesen. Die ein wenig verzerrten Mienen der Zuhörer sagten etwa: Wie oft haben wir diese Klage schon hören müssen, wie oft haben schon ältere Herren über die Zeit geklagt, die nach dem Kriege angebrochen ist. Was nützt es aber, über sie zu klagen? Ist sie etwa neu? Nein! Dreimal nein! Schon als Napoleon III., den ein Dichter, der sich für gross hielt, Napoleon den Kleinen nannte, ans Ruder kam, ging es wie in unserer heutigen Zeit. – Der dicke Herr räusperte sich und begann von neuem: »Wenn Sie wüssten, welches Elend uns der Krieg hinterlassen hat! Der Geist ist tot, und einzig der Materialismus triumphiert...« Dann bestellte er sich einen Schnaps, während das Orchester einen Tango spielte.

Doch als die Musik schwieg, sass neben dem dicken Herrn, der so gerne klagte, ein anderer Mann. Sein einfach geschnittener Anzug war blau. Sein Gesicht schien noch jung, deshalb wunderten wir uns über das schneeige Weiss seiner zurückgestrichenen Haare. Sie liessen die Schläfen frei, die sich einbuchteten, und auch den Nacken, der braun war. Die mageren Hände lagen gefaltet auf dem Tisch. Der Kellner kam. »Kann ich ein Glas kalte Milch haben?« fragte der Weisshaarige. Der Kellner war erstaunt. Doch brachte er das Bestellte und verlangte dafür zwei Franken. Der Mann zahlte und faltete dann seine braunen Hände vor dem Getränk. Da sein Gesicht bartlos war, sah man, wie die Lippen sich spitzten ... Ein leiser Pfiff – und dann blies der Neue über die Oberfläche der kalten Milch. »Können Sie sich nicht vorstellen?« fragte der Dicke und zerrte an seinem Stehkragen. Die anderen schwiegen. Da schüttelte der Neue den Kopf und sagte leise: »Ich bin tot. Ich weiss nicht, warum ich noch herumlaufe. Ich bin am zehnten Dezember neunzehnhundertsiebzehn gestorben ...«

»Solche Dummheiten«, meinte der dicke Herr und zog an seiner grünen Krawatte. »Sie sind doch nicht tot, wenn Sie kalte Milch trinken! Wenn Sie in das Tanzlokal eines Hotels gehen! Reden Sie keinen Unsinn!« Uns andere am Tisch fröstelte es, obwohl uns eine trockene Hitze umgab, denn unter jedem Fenster stand ein Heizkörper. Auf einer Tribüne begann die Musik wieder zu spielen. Alle Tische des Speisesaales in jenem grossen Hotel droben in den Bergen waren besetzt. In der Mitte des Raumes war ein leerer Platz, auf dem einige Paare langsame Tanzschritte versuchten.

»Sie wissen nicht, was es heisst, tot zu sein? Es ist merkwürdig. Vielleicht haben Sie meiner Sprache angemerkt, dass ich Franzose bin, obwohl ich das Deutsche ziemlich fehlerfrei spreche; ich stamme aus dem Elsass. Neunzehnhundertsechzehn liess ich mich als Freiwilliger in der französischen Armee anwerben, und da ich einundzwanzig Jahre alt war und schon drei Universitätsjahre hinter mir hatte, schickte man mich in eine Offiziersschule. Ich nahm Kurse, lernte Kanonen bedienen, besonders die grosskalibrigen, die in Festungen gebraucht werden, und übte am Maschinengewehr; viel Theorie schluckte ich ... Dann wurde ich in ein Rekrutenlager geschickt, als Unterleutnant, und musste junge Burschen ausbilden. Ende neunzehnhundertsiebzehn war ich soweit, dass ich kommandieren durfte. Als Oberleutnant. Ich wurde in eine Festung geschickt – der Oberst, der unsere Schule befehligte, sagte noch zu mir: ›Passen Sie auf! Dort oben werden Sie nichts zu lachen haben!‹ Ich lachte trotzdem... Dreiundzwanzigjährige haben selten gegen die Angst zu kämpfen.«

Der Mann im blauen, ein wenig abgeschabten Anzug spitzte die Lippen, pfiff leise über seine Milch, und seine Hände blieben gefaltet auf dem Tische liegen. Er wandte den Kopf, grosse Flocken strichen draussen lautlos über die Fensterscheiben. »Es war wie heute abend«, sagte er. »Als wir oben ankamen, beschien eine Bogenlampe den Hof; sie war scharf abgeblendet. Es wunderte mich, dass man alle Insassen der Festung im Hofe versammelt hatte. Die Soldaten trugen Mäntel, deren blaue Farbe an einen bleichen Himmel erinnerte. In weiter Ferne dröhnten Kanonen. Ein Offizier kam mir entgegen; auf seiner Kappe glänzten vier goldene Streifen, in der Rechten trug er den gezückten Degen, und seine Breeches waren rot; an den Absätzen seiner Reitstiefel klirrten Sporen. Ich fragte mich, warum der Kommandant – so nennt man bei uns einen Major – keine Felduniform angelegt hatte. Hinten im Schatten, kaum beleuchtet von der abgeblendeten Bogenlampe, öffneten sich Türen, die in die Kasematten führten. Diese Wohnräume der Truppe waren mit Steinböden bedeckt, darüber krümelte Erde, endlich kam Sand. Die Truppe war unbewaffnet. Dies sah ich erst, als der Kommandant ›Achtung, steht!‹ kommandierte. Dann standen die Männer reglos, deren Gesichter im Schatten der Helme unkennbar waren. Der hohe Offizier, der eine Galauniform des Friedens trug, sprach zu mir: ›Gehen Sie den Reihen entlang, Leutnant! Und bezeichnen Sie mir im ganzen fünfzig Mann!‹ – ›Wozu?‹ – ›Sie haben zu gehorchen und keine Fragen zu stellen! Verstanden?‹ Ich trug einen alten Mantel, und mein Säbel war in meinem Koffer zurückgeblieben. In der Hand hielt ich einen Spazierstock. Ich schritt die erste Reihe entlang und tippte mit meinem Spazierstock fünfzig Männern auf die Brust. Das Schweigen war drückend. Die Männer, deren Brust meine Stockspitze berührt hatte, traten vor, sie standen in einem Knäuel vor den beiden geraden Reihen, vier nebeneinander, so, als warteten sie auf eine Revue.

Ich wartete und fror. Meine Hände steckten in dünnen Handschuhen. Der Kommandant hob seinen Degen, er funkelte matt im Lichte der abgeblendeten Lampe. Da traten aus den Türen, die in die Kasematten führten, fünf Mann heraus. Ein Korporal gab leise Befehle. Einer seiner Begleiter trug auf der Schulter ein Maschinengewehr, der zweite den Dreifuss, der dritte zwei Kisten mit Munition. Die beiden letzten liessen ihre Hände baumeln.

Der Korporal führte seine kleine Gruppe zu den fünfzig Mann, die ich ausgelesen hatte, und liess den Trupp von seinen vier Untergebenen einrahmen. Ein leiser Befehl, der Kommandant hatte die behandschuhten Hände über den Degenknauf gelegt, und die Klinge lag schief auf dem schwarzen Uniformrock... Medaillen schimmerten: das kupferne Kriegskreuz mit Palmen und Sternen, das Kreuz der Ehrenlegion und die runde Militärmedaille. Die von fünf Mann eingerahmten Fünfzig schritten mit ziehenden Schritten zur Mauer, stellten sich mit dem Rücken gegen sie und warteten. Der Dreifuss wurde aufgepflanzt, dreissig Meter von ihnen entfernt, das Maschinengewehr in die Gabel gelegt, eine Munitionskiste öffnete sich, ein Mann setzte sich auf den mit Schnee bedeckten Boden, den Rücken den Fünfzig zugekehrt; ein zweiter sass auf dem winzigen Sitz des Dreifusses. Kein Kommando. Eine Bande führte der auf dem Boden Hockende ein, der Schütze zielte nicht lange, dreissig Schüsse knatterten, eine zweite Bande führte der Lader ein, wieder dreissig Schüsse... Sie klangen nicht laut – eher kam es mir vor, als übe sich im Büro der technischen Hochschule ein Fräulein an der Schreibmaschine ... Eine neue Bande, eine Sekunde Ruhe, endlich die letzten dreissig Schüsse. Vor der Mauer lagen fünfzig Männer tot ...

Ich stand unter der abgeblendeten Bogenlampe und stiess die Spitze meines Stockes in den Schnee, der Stock bog sich, schnellte auf; Schneeflocken kühlten meine Wangen ... Vor der Mauer gab der Korporal einen leisen Befehl, der Schütze hob das Maschinengewehr aus der Gabel, ein zweiter hob den Dreifuss, der auf dem Boden Hockende packte die leeren Munitionskisten und stand auf. Die Gruppe ging langsam über den Hof – selbst der Kommandant verlangte von ihr keinen Taktschritt...

Ich ging auf den Offizier zu, dessen Hände noch immer auf dem Griff seines Degens lagen. ›Warum?‹ fragte ich. ›Meuterei!‹ krächzte der Kommandant. ›Wir hatten eine Meuterei. Sie ging so weit, dass Verrat im Spiele war. Zwei Spione haben drei Kanonen sabotiert. Wir konnten den Schuldigen nicht entdecken, der die beiden Feinde in die Festung eingelassen hatte. Ich habe sie alle verhört... die Verstockten. Da musste ich ein Exempel statuieren. Dezimieren war zu wenig – nur jeden Zehnten erschiessen? Jeder fünfte musste dran glauben! Der fünfte Teil von zweihundertfünfzig ist fünfzig. Verstehen Sie?‹ Es kam mir vor, als spreche der Mann mit zusammengebissenen Zähnen. Doch ein grauer Schnurrbart verbarg seinen Mund. ›Fünfzig... haben... daran... glauben... müssen... Ich war froh, dass Sie heute kamen, so musste ich nicht die Leute auswählen. Ich kenne sie alle. Sechs von den Toten sind verheiratet, Frauen und Kinder werden warten. Wie soll man Verrat bestrafen? Sagen Sie mir das, Leutnant!‹

Von mir erhielt der alte Ordensträger keine Antwort. Ich liess mich von meiner Ordonnanz in mein Zimmer führen. Der Koffer war da, ich zog mich um. Dann trat ich vor den Spiegel, um mich zu kämmen. Da sah ich, dass meine Haare weiss geworden waren. Was wollen Sie, auch das Pigment scheint empfindlich zu sein, Angst verscheucht die Färbung. Und es flieht aus dem Körper, wenn der Schmerz unerträglich wird. Sechs Frauen!... Wieviel Kinder?...«

Der Mann, dessen blauer Anzug ein wenig abgeschabt war, trennte seine gefalteten Hände. Die Rechte ergriff das Milchglas, er trank es leer. »Ober«, rief der Mann. Und als der Kellner kam: »Jetzt können Sie mir einen Whisky bringen.«

Der dicke Herr aber sagte: »Unerhört! Solches zu erzählen! Da spricht man noch von Ritterlichkeit!« Er zog sein Schnupftuch und wischte sich den Hals.

Der Weisshaarige trank. Seine Lider blieben gesenkt, während er leise sprach: »Ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich damals gestorben bin, damals, an jenem Dezembertag, da es schneite und in der Ferne Kanonen unzufrieden blafften. Mehr konnte ich nicht tun. Aber was wollen Sie: Auch der Tod kennt keinen Gehorsam. Er kommt nicht auf Anruf. Ich habe ihn gesucht und nicht gefunden, ihm gerufen ... Am nächsten Tage gab es inmitten des Hofes der Festung ein Viereck, dessen gelber Lehm von seiner Umgebung abstach. Aber der Boden war festgestampft. Kein Kreuz ... Nichts ...«

Er stand auf, während das Orchester einen Rumba spielte. »Khäkhäkhä ...« hustete der Dicke. »Unglaublich.« Der Weisshaarige stand am Fenster und blickte in die Nacht. Dichter strichen die dicken Flocken über die Scheiben. Er ging an unserem Tisch vorbei. »Morgen wird der Schnee sicher vierzig Zentimeter hoch sein. Ich will eine Skitour machen. Gute Nacht!« Schweigen antwortete ihm. Am nächsten Abend brachte ihn eine Rettungskolonne ins Hotel zurück. Er starb in der Nacht. Das Zimmermädchen, das bei ihm Wache gehalten hatte, erzählte am nächsten Morgen: »Er hat viel geredet, immer Französisch. Aber gegen Mitternacht ist er klar geworden, und da hat er gesagt zu mir, auf deutsch: ›Bist du verheiratet?‹ ›Nur verlobt!‹ Da hat der Herr gelächelt und sich aufgerichtet: ›Pass auf die Kinder auf! Auf deine Kinder! Sechs Väter hab' ich gesehen, und ich sehe sie immer, obwohl ich sie nicht erkennen kann. Sie liegen vor einer Mauer. Sag deinem Mann, er soll sich vor Mauern hüten!‹ Sicher«, endete das Stubenmädchen, »sicher hat er im Delirium gesprochen.« Doch ich glaube, dass der sonderbare Mann nicht im Delirium gesprochen hat, im Gegenteil, er war wach. Im Knopfloch seines abgeschabten blauen Kittels war ein rosa Band befestigt, das ich zuerst für einen Orden hielt. Doch war es ein Seidenbändchen, wie man es braucht, um Kindern die Haare zusammenzuhalten. Und ich glaube, er hat die Frauen seiner Toten, er hat die Kinder seiner Toten nach dem Kriege besucht.

Im Fremdenbuch war hinter seinem Namen als Beruf »Arzt« eingetragen. Vielleicht hat der Vierundzwanzigjährige gehofft, wenn er Tote seziere, komme er dem Tode näher. Doch der Unsichtbare hat im Schnee auf ihn gewartet und ihm, mitleidvoll, wie er bisweilen ist, den Weg gezeigt, der in sein Reich führt. Der junge Weisshaarige musste nur über eine Felsenfluh springen. Während des Falles vergass er die Bogenlampe und den ordengeschmückten Offizier. Einzig an die Körper am Fusse der Mauer musste er sich noch erinnern. Diesem quälenden Bilde jedoch hat der Sprung das Entsetzen geraubt.

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