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Erzählungen

Friedrich Glauser: Erzählungen - Kapitel 11
Quellenangabe
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typenarrative
authorFriedrich Glauser
titleErzählungen
publisherVerlags AG Die Arche
volumeBand 4 der Gesammelten Werke
editorHugo Leber
year1973
isbn3716014265
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das alte Jahr

Selbst Baumann, ein St. Galler, den ein Maulesel mit dem Huf mitten in die Stirn getroffen hatte und der seither nicht mehr ganz gescheit war, selbst Baumann, den man im Posten für den Dümmsten hielt, hatte begriffen, warum sich Schilasky gemeldet hatte, als ein neuer Kutscher für die Kompagnie-Araba verlangt worden war. Eine Araba – das ist ein Zweiräderkarren, ziemlich leicht gebaut, der von einem Gespann gezogen wird, das aus drei Mauleseln besteht. Und zwar werden die drei Tiere nebeneinander eingespannt ...

Schilasky hatte sich gemeldet, weil er Russe war – er hatte sich für diesen Posten Anfang November gemeldet ... November! – Im November fiel wohl in Russland der Schnee in grossen Massen vom Himmel und bedeckte die Erde mit einer dicken Schicht. Wer weiss, wie dick die Schicht war ... Die Russen der dritten Sektion behaupteten, sie sei manchmal zwei Meter hoch – die Schicht. Aber auf die Erzählungen von Russen ist kein Verlass, darum behaupteten alle, die Russen täten übertreiben. Nicht einmal die Bestätigung des Sergeanten Sitnikoff, der allgemein als wahrheitsliebend bekannt war, vermochte die Zweifler zu überzeugen. Aber das hinderte Schilasky nicht, mit seiner gedehnt-singenden Stimme zu sagen: »Zwei Meter hoch der Schnee. Und die Ebene – weit, weit unändlich« (er dehnte das »ä«). »Schlitten fahren darüber hin. Eine Troika – ein Dreigespann. Es fliegt« (Schilasky sagt »flickt«) »über die Ebene dahin, und der Schnee stiebt auf von den Hufen ...« Eine Troika in Russland – eine Araba in Nordafrika. Die beiden Gefährten hatten das eine gemeinsam, dass sie mit drei Zugtieren bespannt waren, drei Zugtieren, die nebeneinander liefen. Aber bei uns flog das Gefährt nicht über die Ebene, es torkelte mühselig übers »Bled«, über die Ebene, die weit war und flach wie ein Teller. Büschel Alfagras wuchsen darauf, und zwischen den Büscheln staken braune Badeschwämme, vollgesogen mit Wasser – das war die Erde. Aber Schilasky kutschierte mit seiner Araba über diese vollgesogenen Badeschwämme, und die zwei Meter hohen Räder drehten sich stolpernd; Schilasky sagte: »Yoptoyoumatj, hü, vorwäärts ...« Und die Maultiere wackelten mit den Ohren, ihre winzigen Hufe versanken in der schwammigen Erde, und jedesmal gab es einen kleinen Knall, wenn sie die Füsse aus dem zähen Morast zogen ...

Wie gesagt, selbst Baumann hatte begriffen, warum Schilasky sich zur Araba gemeldet hatte. Es musste ihn an die Heimat erinnern, und zwar auf dem Umweg über das Dreigespann: Troika – Araba ... Und vielleicht begriff gerade der St. Galler Baumann, dem ein Maultierhuf sein bisschen Intelligenz noch arg reduziert hatte, den Schilasky am besten. Denn Baumann litt an Heimweh. Heimweh gehört der Gefühlssphäre an und hat eigentlich mit Intelligenz nichts zu tun. Die andern von der Kompagnie, die sich für gescheit hielten und Baumann ob seiner Dummheit verachteten, waren ihm in dieser Beziehung sicher nicht überlegen. Schilasky aber schien die Sympathie des Schweizers zu fühlen, er nahm ihn in Schutz, wenn andere ihn plagen wollten. Ja, es entstand sogar eine Art Freundschaft zwischen den beiden. Im November, im Dezember ist der Süden von Marokko ein trostloses Land. Bisweilen friert es in der Nacht – und dann klappern alle jungen und alten Legionäre in den Baracken mit den Zähnen – auch wenn sie sich in drei Decken eingewickelt haben. Fünfzehn, ja achtzehn Grad unter Null zeigt das Thermometer. Aber von acht Uhr morgens an ist die Kälte verschwunden, ein nasser Nebel setzt ein, der sich gegen Mittag in Regen auflöst ... Und bis zum Abend dauert der Regen.

Schilasky und Baumann gehörten zur vierten Sektion der berittenen Kompagnie vom dritten Fremdenregiment. Ihre Matratzen – grobe, graue Sackleinwand, mit Alfagras gefüllt – lagen nebeneinander auf dem unregelmässig gepflasterten Fussboden der Baracke fünf. Schilasky half dem Schweizer, Hemden, Kutten, Kaputs auf dem wackligen Gestell über seinem Kopf vorschriftsgemäss aufbauen. Dafür stand Baumann am Morgen eine Stunde vor Tagwacht auf, um seinem Kameraden anderthalb Maultiere zu putzen. Denn allein drei Tiere sauber zu putzen, ist keine Kleinigkeit ...

Der November verging, und der Dezember brach an. Das Weihnachtsfest war vorbei, eh man's gedacht, und niemand dachte daran, es zu feiern. Zwar, der 25. Dezember war dienstfrei, und Capitaine Chabert sprach am Rapport einige verlegene Worte: Sie handelten vom Friedensfest und vom Geburtsfest des Erlösers. Man wird zugeben müssen, dass es paradox ist, wenn ein höherer Offizier vom Frieden schalmeit ...

Und dann war der 31. Dezember da. An diesem Tage fiel kein Regen; es war den ganzen Tag neblig, die Alfamatratzen – das einzige Ameublement der Baracken, plattgedrückt waren sie wie riesige Wanzen – blieben den ganzen Tag besetzt. Die Kompagniekasse hatte nicht schlecht gewirtschaftet – ein kleiner Gewinn war zu verzeichnen. Aber Kompagniekassen schütten keine Dividenden aus. Capitaine Chabert hatte hundert Päckli Zigaretten gekauft und sie beim Rapport verteilen lassen. Es kamen zehn Zigaretten auf den Mann.

Und der Abend begann. Blau und dick stand der Rauch unter dem Wellblechdach der Vierten. In einer Ecke spielten ein Dutzend Legionäre Einundzwanzig, in einer andern wurden uralte Zoten aufgewärmt. So kam es, dass die Mitte des Raumes, dort, wo Schilasky und Baumann lagen, frei war. Die beiden sassen schweigend nebeneinander. Drei dicke Kerzen brannten in der Ecke der Kartenspieler, die Witzeköche hatten eine alte Azetylenlampe aufgetrieben. In der Mitte des Raumes war es dunkel.

Baumann sagte leise: »Mein Meister hat zwanzig Kühe gehabt im Stall, und ich hab' alle zwanzig allein melken müssen. Weisst du, Schilasky, das ist eine Arbeit!« Er bemühte sich, Schriftdeutsch zu sprechen, damit der andere ihn verstünde. Und Schilasky sagte: »Sechs Rosse ich habe pflegen müssen. Zur Tränke reiten. Putzen. War ein grosser Herr, mein Gebieter.« (Es klang wie Gebitter.) »Und am liebsten ich habe geschlafen bei die Rosse. Aber in der Nacht vom neuen Jahr wir haben verbrannt Wacholderbeeren im Stall, um auszutreiben die bösen Geister.«

»Reckholder!« rief Baumann erfreut. Und fügte im Dialekt hinzu, das hätten sie auch getan. Es sei b'sunderbar guet gegen die Hexen.

Da beide nicht rauchten, hatten sie ihre Zigaretten gegen Wein eingetauscht. Eine Zweiliter-Feldflasche stand zwischen ihnen. Sie nahmen von Zeit zu Zeit einen Schluck. Schilasky stand auf. Er zog aus seinem Tornister ein Zweiglein Ginster und zwei dünne, farbige Kerzlein. Die zündete er an und klebte sie auf den Zweig. Aus der Witzecke dröhnte dreckiges Gelächter. Zwei von den Kartenspielern stritten sich.

»Wollen wir nicht hinausgehen?« schlug Baumann vor. Er rieb sich die Stirne. Dort, wo sie der Maulesel getroffen hatte, war eine Vertiefung und die Haut darum dunkelrot. »Ja, wir werden gehen zu die Tiere!« sagte Schilasky. Er kramte noch einmal in seinem Tornister, holte etwas unter seiner Matratze hervor. Und dann verliessen die beiden die Baracke.

Ein kleiner, weisser Mond hing am Himmel und sah aus wie die Blendlaterne eines Einbrechers. Die Sterne glitzerten wie Schneeflocken, die sanft auf die Erde schweben wollen.

Der Park der Maulesel war gerade hinter der Baracke der vierten Sektion. Die beiden hatten nicht weit zu gehen. In fünf Reihen waren die Tiere an schweren Eisenketten angebunden, und manchmal hoben sich die Ketten und klirrten wieder zu Boden, wenn die Tiere die Köpfe senkten. Das Gespann der Araba war am Ende der zweiten Reihe angebunden.

Sehr vorsichtig trug Schilasky den Ginsterzweig mit den beiden brennenden Kerzlein, und Baumann torkelte hinter ihm her – der Hufschlag hatte seinen Gleichgewichtssinn ein wenig aus der Ordnung gebracht –, wenn er schnell ging, konnte er sich gerade halten, aber sobald er langsam einherschritt, waren ihm seine eigenen Füsse im Wege.

Die drei Tiere der Araba schnauften laut, hoben und senkten die Köpfe, wieherten ganz leise. Der nächtliche Besuch schien ihnen Freude zu machen.

Es war sehr kalt, denn Mitternacht war nahe. Heute wurde kein Lichterlöschen geblasen. Durch die geschlossenen Fenster der Offiziersmesse drang leise Musik. Leutnant Lartigue liess sein Grammophon laufen. Aber die beiden Einsamen lauschten nicht der Musik. Sie hockten auf den gefrorenen Boden und verteilten zuerst das Brot, das sie den Tieren mitgebracht hatten.

»Wacholder habet Ihr verbrannt in der Schweiz?« fragte Schilasky.

»Ja«, antwortete Baumann. Und dann fügte er schwerfällig hinzu: »Reckholder nennen wir es. Kleine Beeren. Verbrennen, um die Hexen zu vertreiben.«

»Und wir die bösen Geister ...«

Einer kam aus Russland, und Russland ist gross. Es gibt dort Gebiete, in denen man Deutsch spricht. Und der andere kam aus der Schweiz ...

»Dein Land ist klein, Baumann, nicht wahr?«

»Ja«, sagte der Schweizer. »Klein. Aber es soll einmal einer probieren, es zu erobern. Der wird sich wüscht in den Finger schneiden.«

»Sicher«, sagte Schilasky. »Die Schweizer sind tapfer.« Er wusste zwar, dass es einmal einen russischen General gegeben hatte, der durch die Schweiz marschiert war, Suwaroff hatte der Mann geheissen. Schilasky hatte es gelesen. Aber das war lange her. Und es wäre eine Taktlosigkeit gewesen, dem Schweizer dies unter die Nase zu reiben.

»Merkwürdig«, sagte er gedehnt. »Bei dir und bei mir – der gleiche Brauch! Schau, was ich da habe.«

Baumann beugte sich vor. Im Schein der kleinen Kerzen sah er eine alte Sardinenbüchse, und auf ihrem Boden lagen kleine, braunschwarze Kügelchen. Einige hatten einen winzigen hellen Punkt.

»Reckholder!« sagte Baumann, und seine Stimme zitterte ein wenig.

Da nahm Schilasky die beiden farbigen Kerzlein vom Ginsterzweig, und eines gab er seinem Kameraden. Er zog sein Messer aus der Tasche und spaltete den Ginsterzweig an seinem dicken Ende. In den Spalt klemmte er die Sardinenbüchse.

Baumann begriff. Er war nicht so dumm, wie seine Kameraden stets meinten. Während Schilasky den Ginsterzweig mit der Sardinenbüchse hielt – in der Linken, und die Rechte hielt die Flamme des Kerzleins unter den Blechboden –, tat Baumann das gleiche. Auch die Flamme seines Kerzleins bestrich den Boden der Sardinenbüchse. Und so schritten die beiden rund um ihre drei Tiere, schweigsam, mit langsamen Tritten, Schilasky gerade aufgereckt, Baumann ein wenig torkelnd. Und als sie dreimal den Rundgang vollendet hatten – würziger Rauch quoll aus der Büchse in die kalte Winterluft, er bestrich die Nüstern der Tiere, dass sie niesen mussten –, hockten die beiden wieder ab und blieben sitzen in der kalten Winternacht. Schweigsam. Reglos.

Dann, nach einer langen Weile, zog Schilasky seine Uhr.

»Es ist zwölf Uhr. Ich wünsche dir ein gutes neues Jahr, Kamerad.«

»Es guets Neus!« sagte Baumann. Sie schüttelten sich die Hände und stellten fest, dass sie kalte Finger hätten.

»Wir wollen schlafen gehen«, sagte Schilasky. »Vielleicht haben wir im neuen Jahre Glück. Auf alle Fälle werden unsere Tiere nicht krank werden.«

»Sicher nicht«, bekräftigte Baumann.

Sie gingen in die Baracke zurück, in der es nach Rauch, Schnaps und Streit stank. Aber sie schliefen beide gleich ein.

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