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Erzählungen

Friedrich Glauser: Erzählungen - Kapitel 10
Quellenangabe
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typenarrative
authorFriedrich Glauser
titleErzählungen
publisherVerlags AG Die Arche
volumeBand 4 der Gesammelten Werke
editorHugo Leber
year1973
isbn3716014265
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zeno

Der Posten Gourrama, im südlichen Marokko, war von der dritten Compagnie montée besetzt. Rechts vom Eingang sass alle Tage Zeno. Sie trug ein blaues, zerschlissenes Kleid (wenn man von einem Kleid spricht, ist es eine Übertreibung: Es war eher ein langes Stück Stoff, das um den Körper gewickelt war; die braune Haut sah an vielen Stellen durch), hockte auf dem Boden und wartete. Die Sonne schien heiss auf ihre schwarzen Haare, die fettig waren und verfilzt.

Zeno hatte schmale Lippen und winzige Ohren. Über ihrer Nasenwurzel war ein kreuzförmiges Ornament eintätowiert. Vielleicht das Zeichen ihres Stammes. Am Abend ging sie ins Ksar zurück, in das Araberdorf, das aber eigentlich gar kein Dorf war, sondern aussah wie ein verpfuschter babylonischer Turm. Ein einziges Gebäude, aus getrocknetem Lehm erbaut, übereinandergeschichtet, mit vielen Gängen, mit Kellern. Uns war es verboten, dort zu verkehren. Es war einem Unvorsichtigen einmal der Kopf abgeschnitten worden.

War einer von uns zu faul, selbst seine Wäsche zu waschen, so gab er sie Zeno. Dann ging sie hinunter zum Oued, zum kleinen Flüsschen, das mit seinem spärlichen Wasser einigen Feigen- und Olivenbäumen gestattete, recht und schlecht zu gedeihen, und sie ging sparsam mit dem Seifenstück um, das ihr anvertraut war. Nach dem Füttern der Maultiere sammelte sie die verstreuten Gerstenkörner. Sie erzählte, damit backe sie Brot.

Niemand beachtete sie, obwohl sie jung war; kein Mann bemerkte, dass sie wohlgewachsen war. Hin und wieder hatte ein alter Sergeant versucht, Zeno für sich zu kapern. Aber das Mädchen biss und kratzte. So liess man es sein. In der Unteroffiziersmesse wurde behauptet, sie sei reizlos ... Bevor eine Frau eine Rolle spielen kann, sei es in der Gesellschaft oder sonst auf der Welt, muss sie entdeckt werden. Dann kann sie vielleicht Filmstar werden, oder, wenn sie Engländerin ist, fürs Unterhaus kandidieren. Aber eine derartige Entdeckung hängt immer vom Zufall ab. Zeno musste zwei Jahre auf diesen Zufall warten ...

In dieser Zeit hockte sie regelmässig von sechs Uhr früh bis neun Uhr abends rechts vom Eingang und rief den Vorübergehenden zu:

»Makasch laver, Caporal?«

Was bedeutete, ob der Korporal nichts zu waschen habe. Für Zeno war jeder Uniformierte aus unerfindlichen Gründen ein Korporal. Sogar den kleinen, dicken Capitaine Chabert, der den Posten kommandierte, nannte sie so. Das war zwar nicht weiter verwunderlich, denn der Capitaine hatte einen Abscheu gegen Galons. Er trug nirgends auf seiner Uniform die Zeichen seines Grades – die drei goldenen Tressen.

Als aber an einem heissen Junimorgen der Wachtposten am Tor seinen Stand bezog, hielt er vergebens Ausschau nach Zeno. Er wurde um acht Uhr abgelöst, auch sein Nachfolger wartete umsonst auf Zenos Erscheinen. Sie kam nicht, den ganzen langen Vormittag kam sie nicht.

Das gab natürlich eine Sensation.

Während der Siesta, zwischen elf und drei Uhr, suchten die Legionäre gewöhnlich den schmalen Schatten auf, den die vorspringenden Wellblechdächer der Baracken warfen – in den Baracken war es nicht auszuhalten, die Hitze dort drinnen war dick wie in einem Backofen – und dann gab es noch Wanzen (und Wanzen haben keine Furcht vor der Hitze, im Gegenteil, sie lieben sie ...).

Dort, in dem schmalen Schatten, wurde Zenos Verschwinden ausgiebig verhandelt. Es gab eben wenig Abwechslung, und da war jede Neuigkeit willkommen.

War Zeno entführt worden? Hatte Zeno sich verheiratet? War sie krank?

Ähnliche Hypothesen stellte während des Abendessens in der Unteroffiziersmesse Adjutant Cattaneo auf. Dieser Adjutant war gross und grau, mit einem riesigen Pfeffer- und Salzschnurrbart, ein Analphabet übrigens; er liess sich seine Rapporte immer von andern schreiben und zahlte ihnen dafür einen Liter, zwei Liter Wein, je nachdem er bei Geld war ... Er also interessierte sich ungemein für das Schicksal Zenos, er bedauerte lebhaft, das Mädchen nie so richtig betrachtet zu haben. Aber da er phantasiearm war, bewegten sich seine Theorien in den gleichen Bahnen wie die der Legionäre: Heirat? Entführung? Krankheit? Sergeant Sitnikoff, der behauptete, einmal Rechtsanwalt in Odessa gewesen zu sein – vielleicht stimmte es, denn er hatte eine schöne Schrift und leitete die Verpflegung des Postens, auch auf Spesenrechnungen musste er sich verstehen, denn er hatte immer allerhand Geld in der Tasche –, Sergeant Sitnikoff also grinste, während der Adjutant seinen Theorien nachging und seine Unterlassung betrauerte.

Schliesslich ging dies Grinsen dem Adjutanten auf die Nerven, und er fragte Sitnikoff gerade heraus, ob er etwas über Zeno wisse.

»Ja«, sagte Sitnikoff. »Ich habe Zeno gestern ihrem Vater abgekauft, für dreihundert Franken ...«

Der Adjutant wurde rot und wild, denn er dachte, der Sergeant wolle sich über ihn lustig machen. Aber Sitnikoff erklärte die Sache auf jene höfliche, weltmännische Art, die dem Adjutanten immer so arg auf die Nerven ging.

»Ich bin oft an dem Mädchen vorbeigegangen«, sagte Sitnikoff, »und habe es kaum beachtet. Aber gestern langweilte ich mich zufällig. Und da dachte ich mir, ich könnte der guten Zeno eigentlich einmal ein neues Kleid kaufen. Sie habe es bitter nötig ... Ich winkte ihr also, sie kam ohne weiteres mit; daraus ersah ich, dass das Mädchen Vertrauen zu mir hatte. Und das freute mich. Wir gingen zum Juden, kauften dort Stoff, ich bekam ihn billig, denn ich drohte ihm, wenn er zu teuer sei, würde ich mir einen andern Schaflieferanten suchen. Als wir fertig waren, forderte mich Zeno in ihrem Kauderwelsch auf, sie ins Ksar zu begleiten ...«

»Im Ksar bist du gewesen, Sitnikoff? Weisst du nicht, dass das gefährlich ist? Einem haben sie den Kopf abgeschnitten ...«

Sitnikoff winkte ab, das Kopfabschneiden schien ihn kalt zu lassen.

»Die Leute mögen mich gern«, sagte er. »Mir tun sie nichts. Ich habe ihnen oft mit Kaffee ausgeholfen, sie kennen mich ...«

»Natürlich, die Herren von der Verwaltung ...« meinte der Adjutant boshaft. »Du hast's gut, du kannst dir's leisten ...«

»Sehen Sie, mein Adjutant«, sagte Sitnikoff, der alle seine Kameraden prinzipiell siezte, »es hat alles seine Vorteile. Man hat mich also gut empfangen. Ich habe vor der Wohnung, oder wenn Sie lieber wollen, vor dem Loch, in dem die Familie Zenos haust, die Schuhe ausgezogen, und das hat dem alten Vater scheinbar sehr imponiert, denn er hat mich freundlich begrüsst. Zeno hat Kuskus gekocht, der hat ganz gut geschmeckt; ich habe dann mit dem Vater Tee getrunken und Kif geraucht. Er war wirklich ein sehr sympathischer alter Herr; sein Kopf war glatt rasiert, nur in der Mitte stand ein Büschel Haare aufrecht, um dem Engel Allahs Gelegenheit zu geben, ihn daran zu packen und ihn geradewegs ins Paradies zu entführen, wenn er einmal gestorben war ... Der alte Herr brauchte einen Garten. Er war arm und hatte nur eine einzige Tochter. Die trug er mir an. Ein Neffe des Alten funktionierte als Dolmetscher. So habe ich dreihundert Franken bezahlt ...«

»Dreihundert Franken«, stöhnte der Adjutant. »Wo hast du die zusammengestohlen, sag mir das, Sitnikoff ...«

»Ich bin nicht dumm genug, um zu stehlen ... Ich mache das intelligenter, feiner ...«

»Na ja«, sagte der Adjutant, »das gleicht dir. Dann hast du Zeno gleich mitgenommen und ihr ein Zimmer gemietet, wohl beim Cantinier?« Sitnikoff nickte.

»Der Capitaine hat nichts dagegen gehabt, dass ich von Zeit zu Zeit ausserhalb des Postens schlafe ...« meinte er und schnitt ein unschuldsvolles Gesicht. Dann wollte er sich entfernen. Aber der Adjutant verlangte kategorisch, Sitnikoff müsse der gesamten Tafelrunde einen Liter Kartoffelschnaps stiften, er habe ja genug auf der Verwaltung. Sitnikoff tat es, wünschte allen eine gute Nacht und schritt zum Posten hinaus.

Vor dem Tor wartete Zeno auf ihn. Sie war nicht wiederzuerkennen. Ihr Haar war sauber gekämmt, eine rote Schleife steckte darin, auch leuchtend rote Lederpantoffeln trug sie. Das tätowierte Ornament über ihrer Nasenwurzel strahlte blau, wie ein frischgewaschener Himmel. Die Besatzung des Postens wollte auch das Schauspiel geniessen. Die Leute drängten sich am Tor ...

Sergeant Sitnikoff schritt würdig dahin, er hatte O-Beine und die Gangart eines alten Kavalleristen. Weltmännisch, wie er nun einmal war, führte er Zeno, indem er ihren Arm etwas unter dem Ellbogen mit seiner Rechten umspannt hielt.

Seit dieser Zeit wurde Zeno mit Respekt behandelt. Es war gefährlich, den Vorstand des Verpflegungsdienstes zum Feinde zu haben. Er hatte den Wein, er hatte die Seife ... Zeno lernte Französisch. Der dicke Capitaine Chabert, dessen Frau in Frankreich sass und sicher nicht mehr jung war, begann sich für die Freundin seines Sergeanten zu interessieren. Er lud Zeno einmal zum Tee ein, und sie kam auch. Nachher hatte der Capitaine eine zerkratzte Wange. Das sind eben Dinge, die vorkommen können. Der Capitaine sagte natürlich, er sei von Wanzen zerstochen worden und habe sich gekratzt...

Man nannte Zeno daher »die schöne Wanze«; aber nur im geheimen.

Der Capitaine trug seinem Sergeanten nichts nach. Seine Revanche bekam er doch. Denn als Sitnikoff nach sechs Monaten vom Colonel nach Fez eingefordert wurde, weil sich dort die Klagen vor Kriegsgericht häuften und kein geeigneter Mann zu finden war, der die Klagen auch juristisch hätte ausarbeiten können, fragte der Capitaine Sitnikoff, was jetzt mit Zeno geschehen solle.

»Sie können sie haben, mein Capitaine«, sagte Sitnikoff lässig. »Ich kann das Mädchen warm empfehlen. Sie ist freundlich und gutmütig, sie redet nicht viel, sie ist nicht anspruchsvoll ...«

»Sehr freundlich von Ihnen, Sergeant, aber Sie haben Auslagen gehabt, nicht wahr, ich möchte Ihnen gerne ...«

»Nicht nötig, mein Capitaine«; Sergeant Sitnikoff war eben als Gentleman auf die Welt gekommen, und er war es geblieben. »Wenn Sie nach Frankreich zurückkehren, so geben Sie dem Mädchen etwas. Zeno wird Geld brauchen können. Aber seien Sie gut zu ihr, nicht wahr? Ich werde noch mit ihr sprechen ...«

»Aber, Sitnikoff, ich möchte mich gerne erkenntlich zeigen. Was darf ich Ihnen ...«

»Sie sind gütig, mein Capitaine«, sagte Sitnikoff und lockerte die Achtungsstellung, auf die der Capitaine ohnehin keinen Wert legte, aber Sitnikoff war übertrieben korrekt, »wenn ich um etwas bitten dürfte, so wäre es um eine Flasche Anisette.«

Anisette ist ein Schnaps, der stark dem Absinth ähnelt. Meistens ist es sogar purer Absinth ...

So wurde Zeno für eine Flasche Anisette die treue Dienerin Capitaine Chaberts. Seine Frau in Frankreich hat nie etwas von diesem Handel erfahren, sonst ...

Und für Zeno war es auch gut. Hätte sie einen Marokkaner geheiratet, sie hätte schuften müssen wie ein Lasttier. Auf dem kleinen Feld, im Garten.

So konnte sie sich pflegen, sie wurde eine Schönheit. Später ging sie nach Casablanca, wo ein Farmer sie regelrecht heiratete.

Wir unterschätzen manchmal die Segnungen der Kultur und der Kolonisation.

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