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Erotische Erzählungen

Klabund: Erotische Erzählungen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorKlabund
titleErotische Erzählungen
publisherBuchverlag Der Morgen
addressBerlin
year1981
booktitleKlabund ? Erzählungen und Grotesken
pages18-19
senderhille@abc.de
created20030417
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Professor Runkel

Sowie es klingelte, riß Professor Runkel die Tür auf und stand mit einem Ruck in der Klasse.

«Asseyez-vous.»

Die Stuhlklappen polterten donnernd nieder. – Dann atemlose Stille. «Primus.» – Der schoß erschreckt in die Höhe. «Wie kann es noch heißen?» Professor Runkel rollte die Augen, daß man nur das Weiße sah. Der kleine Jude auf der letzten Bank begann zu kichern, leise, verstohlen. Zur größeren Vorsicht kroch er hinter den breiten Rücken seines dicken Vordermannes.

«Assoiyez-vous», stotterte der Primus und machte seinen berühmten devoten Augenaufschlag.

Arnold Bubenreuther, als er ihn ansah, schüttelte sich vor Ekel. – Runkel stülpte seinen schwarzen Schlapphut mit der riesigen Krempe auf den Kleiderhalter und zog seinen grünen Lodenmantel aus. Unter dem Lodenmantel kam noch ein schwarzer, halbwollener Sommerpaletot zum Vorschein.

Die Klasse hielt sich mucksstill.

Arnold Bubenreuther blickte zum Fenster hinaus. Er sah nichts als ein Stück heißblauen Sommerhimmels, in dem die verkrüppelte und verstäubte Krone eines Kastanienbaumes hing.

Runkel entledigte sich des zweiten Mantels und stürmte auf das Katheder. Den Kopf mit der buschigen Mähne nach hinten gestreckt, saß er da und zerrte an den beiden Enden seines braunen Vollbartes.

«Wer hat das Fenster aufgelassen?» schrie er plötzlich.

«Ich werde den Betreffenden gleich zum Fenster raushalten. Zum Teufel, Sie wissen, seit mich in dem verfluchten Kriege die verfluchte Kanonenkugel in den verfluchten Schenkel getroffen, kann ich keinen Zug vertragen. – Sie, schließen Sie das Fenster.»

Irgendeiner schob den Riegel zu. Die Klasse duckte sich murrend. Nun konnte man wieder eine geschlagene Stunde in dieser muffigen Luft hocken, nur weil es diesem Kerl da oben so gefiel.

Runkel schlug das Klassenbuch auf. Als ob er nicht genau sehe, brachte er die rechte Hand vors Auge und drehte mit der andern das Buch herum.

«Ordnungsschüler», brüllte er.

Der kleine, schüchterne Penschke ging mit unsicheren Schritten vors Katheder.

«Was haben Sie denn für eine Sauschrift? Da soll es doch gleich Bauernjungen oder Holzklöppel regnen! Das geht doch über die grasenden Mitternachtsnächte mit ultravioletten Schatten! Verflucht, wer kann das lesen? Ist das Siamesisch? Arabisch? So herum? Wie herum?»

Der kleine Penschke war dem Weinen nahe.

Bubenreuther scharrte mit den Stiefeln.

«Bubenreuther», Runkel schnellte wie der Teufel des Kinderspielzeugs aus der Kiste, die das Katheder darstellte, empor. «Sie denken wohl, ich sehe Sie nicht? Ich werde Sie an der Busenkrause nehmen und mit drei Stunden Arrest zum Tempel rausschmeißen. Darauf können Sie Gift, darauf können Sie Blausäure nehmen. – Penschke, setzen Sie sich, Bubenreuther, die Lektüre, lesen Sie, wir sind Seite …?»

«Zweiundsechzig, Herr Professor», klang es unisono.

«Was, Fessor, Fessor? Das ist ja teuflisch! Nennen Sie mich meinetwegen Herr Gelehrter, meinetwegen Heinrich, aber nicht dies gottverdammte Professor. – Bubenreuther, Sie Schacher, lesen Sie.»

Bubenreuther las: «Nous avions perdu Gross-Goerschen; mais cette fois, entre Klein-Goerschen et Rahna, l'affaire allait encore devenir plus terrible…»

Runkel fauchte und biß auf die Unterlippe, daß sein Bart wie eine borstige Wand dastand: «Kein Franzose sagt avions, es heißt a-wü-ong, die zweite Silbe kurz: a-wüong. Lesen Sie weiter.»

Bubenreuther las und übersetzte leidlich. Runkel klopfte ihm auf die Schulter: «Da soll der Teufel dem Eosinschwein das Licht halten: der fürnehme Baron von Bubenreuther hat mal präpariert. – Fahren Sie fort, Schulz.»

Schulz konnte vor Angst kaum das Buch in den zittrigen Händen halten. Er trug eine Brille, war blaß, dumm und sehr fleißig. Runkel ärgerte ihn mit Vorliebe, gab ihm aber nachher bei der Zensur, weil er ihm nie Widerstand entgegensetzte, immer «genügend».

«Schulz», schrie er ihn an, «Sie sind wohl vom Affen frisiert. Ich habe mit Ihnen erst noch was zu besprechen – von gestern, ein Hühnchen mit Ihnen zu rupfen, um nicht zu sagen einen Hahn. Habe ich Ihnen nicht verboten, mich zu grüßen, wenn Sie mit Ihren Eltern auf der Straße gehen? Weshalb haben Sie mich gegrüßt? Damit die Leute mich anglotzen und sagen: ‹Da läuft wieder der tolle Runkel›, he, was?»

Die Klasse verbiß sich mit Mühe das Lachen. Aber lachen durfte niemand. Wer herausplatzte, flog unweigerlich in Arrest.

Draußen klopfte es leise.

Runkel fuhr herum: «Das ist doch, um mit der Jungfrau zur Decke zu fahren: wer stört den Unterricht? Es ist sowieso bald voll, und man kommt zu nichts. Primus, sehen Sie nach.»

Der Primus öffnete die Tür und ließ den Schuldiener ein, welcher Runkel ein Heft und einen Bleistift überreichte.

«Es ist von wegen Hitzeferien», sagte er und plinkte zu den Jungens herüber.

Mit einem Schlage spielte um alle verdrossenen, müden Gesichter ein seliges Lächeln.

«Gott sei Dank.» Bubenreuther atmete es leise vor sich hin.

«Mein lieber Bubenreuther», Runkel war heute gnädiger Laune, «mäßigen Sie sich. Hitzeferien? Es ist zum Wahnsinnigwerden, Hitzeferien bei dieser Kälte. Ich friere immer – immer. Sehen Sie meine beiden Paletots. Einen Pelz könnte ich vertragen.»

Der Schuldiener klingelte. Es war also heute die letzte Stunde.

«Präparieren vierundsechzig und fünfundsechzig. Unsern Ausgang segne Gott. Penschke wird die Aufgaben erst ins Klassenbuch schreiben. Amen …»

Runkel tobte durch die Straßen, den Schlapphut in die Stirn gedrückt.

«Wieder einmal erlöst von den verdammten Bengels – sie wissen es nicht, was für eine Mühe es mir macht, der zu sein, der ich bin… Du lieber Gott, du lieber Gott… wenn ich sie nicht piesacke, piesacken sie mich – wie kann ich sie sonst meiner Überlegenheit versichern, ich muß sie unter die Knute nehmen, sonst glauben sie's nicht. Und ich bin ihnen überlegen … wenn ich's diesem Bubenreuther nur geben könnte. Er hat ein impertinentes Gesicht.»

Bubenreuther ging mit zwei kleineren Schülern an ihm vorbei. Runkel schwenkte ironisch lächelnd zuerst seinen Hut: «Morgen, Morgen – sind das Ihre Brüder, lieber Freund?»

Bubenreuther beantwortete die Frage, während er sich ein wenig rückwärts wandte: «Nein, Herr Gelehrter.» Dann lüftete er seine Mütze.

«Pardon», schnarrte Runkel, «Pardon.»

Wenn ich ihn nur erwischen könnte, dachte Runkel.-

Nach knappen zehn Minuten hielt er vor einem Eckhaus. Er rückte den Hut zurecht und putzte sich den Kneifer. Es schien, als ob er die eine Straße heruntersehe, nach dem Fabrikschornstein oder der Kirchturmspitze, oder in die andere Straße hinein, die schon auf freies Feld führte: im Hintergrund verlief sich ein bläulich-blasser Hügelzug in dunstige Wolken. Es schien nur so. In Wahrheit schielte er nach dem zweiten Stockwerk des Eckhauses hinauf.

Würde sie wissen, daß er heute um elf Uhr frei wäre? Würde sie überhaupt da sein? Wenn sie den Thermometer nachgesehen hätte, hätte sie sehen müssen, daß es Hitzeferien geben würde.

In einem Fenster des zweiten Stockes verschob sich eine gelbe Tüllgardine. Wenig später – und aus dem Haustor trat ein schwarzseidnes, ältliches Fräulein, das einen Pompadour überm Arm trug und sich eben die Handschuhe zuknöpfte.

Runkel grüßte sehr galant, seine Bewegungen verloren auf einmal das Eckige, Groteske.

«Sehen Sie, Herr Professor», lächelte sie, «das hab ich mir gedacht. Da werden Sie und Ihre Jungen froh sein. – Es liegt aber auch ein Gewitter in der Luft», fügte sie hinzu und zeigte mit dem Sonnenschirm auf den trüben Horizont.

«Wohin geht es nun – in den Stadtpark oder übers Feld nach Gerbersau?»

«Nach Gerbersau, sobald es Ihnen genehm ist», sagte Runkel mit vollendeter Höflichkeit. Jeder Gedanke an Stadt und Gymnasium berührte ihn heute unangenehm. Er könnte allen möglichen Schülern begegnen …

«Der Weg unter den Pappeln ist schattig, und der Wald nachher bei der Hitze kühl und wohlig», suchte er sie zu bestechen.

«Nanu, wo bleibt Ihr frostiges Gemüt, lieber Professor, frieren Sie ausnahmsweise nicht? – Aber gut, Gerbersau sei die Parole», pflichtete sie bei.

Sie setzten sich langsam in Bewegung.

Runkel war sehr einsilbig.

Ich hätte sie früher heiraten können. Verflucht, warum habe ich es nicht getan?

Das Fräulein plauderte viel und lustig: von der Verlobung Ella Munkers mit Leutnant Beckey und daß sie beide kein Geld hätten und er wahrscheinlich Polizeioffizier werden müßte, wenn sie sich überhaupt

einmal heiraten wollten … von der Fleischteuerung, dem «Barbier von Sevilla» und den letzten Reichstagswahlen – sie trieb Politik mit Leidenschaft. Runkel hörte mit halbem Ohre zu. Er sah von ferne sich eine Gestalt nähern, die ihm bekannt vorkam.

Er wurde unruhig und wollte durchaus umkehren.

«Aber weshalb, lieber Professor», lachte das Fräulein, «wir werden doch nichts Halbes tun.»

Der Professor stand eine quälende Angst aus. Der Schweiß tropfte ihm von der Stirn. –

Arnold Bubenreuther grüßte höflich, als er dem Paare begegnete. Runkel vergaß ganz wiederzugrüßen – in seinem Erstaunen. Diesmal vergaß er es wirklich ohne Absicht.

«War das nicht der junge Bubenreuther?» fragte das Fräulein.

Runkel überhörte die leise Frage.

Wo hat dieser Bubenreuther nur sein ironisches Gesicht gelassen? dachte er erregt, er steckt es doch sonst alle Augenblicke auf? Und seltsam, ich weiß genau, er wird von dieser Begegnung der Klasse nichts erzählen. Warum? Hat er – Mitleid mit mir?

Runkel schnitt ein böses Gesicht, daß das Fräulein erschreckt stehenblieb.

«Was haben Sie denn, Professor?»

«Nichts, liebes Fräulein», Runkel lächelte grimmig, «ich glaube, die Schüler halten hier draußen in Gerbersau ihre verbotenen Kneipereien ab. Man müßte ihnen das Handwerk legen.»

Insgeheim dachte er: Der Bubenreuther, dieser – Hund hat Mitleid mit mir. Er erfrecht sich, Mitleid mit mir zu haben. Wenn ich ihn nur fassen könnte…

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