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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Der arme Rittmeister

Illzenau, Hauptort des Illzkreises, hatte 32690 Einwohner. Ein baukünstlerisch wenig bedeutendes, einst Osterburgisches Schloß war Sitz der Kreisdirektion. Die beachtenswerte frühgotische Hauptkirche besaß ein Altarblatt von Hans Baldung Grien. (Einfluß Dürers. Stark übermalt. Von Professor Doktor Vesser-Weiß von der Königlichen Gemäldesammlung in Tillenau aber angezweifelt.) Weit bedeutender dagegen darf ein Erzbild der Kurfürstin Immaculata genannt werden, in der Stiftskirche am Obstmarkt, von Kurfürst Sigismund dem Illzer seiner Großmutter errichtet. Sie erscheint hier als junge schöne Frau, die kniend die Hände ringt. Eines der wenigen sicheren Werke von Peter Backenstreich, mit kaum dreißig Jahren im Tillensee ertrunken. Großer Markt und Stiftskirche, Rathaus und Schloß, sowie manche alten Straßenzüge lagen malerisch auf einer Insel der breit ziehenden, stellenweise versumpften Illz, während die neueren Stadtteile jenen protzig überladenen Baustil aufwiesen mit Stuck und falschem Prunk, wie er leider jener Zeit des alten Reiches eignet. Hier blickte am Ende einer langen Reihe von Roßkastanien die Kaserne des 2. Tillener Dragonerregiments Nr. 36 von einem Hügel auf das Städtchen.

Prinz Arbogast wurde im Regiment freundlich aufgenommen. Die Zweiten Dragoner empfanden Genugtuung, einmal einen Prinzen zu erhalten, pflegten diese doch sonst bei den ersten (Leib-) Dragonern in Tillenau einzutreten. Immerhin hatten die Offiziere unabhängigen Sinn genug, Prinz Arbogast erst auf Herz und Nieren zu prüfen, ob er auch zu ihnen passe. Und der Kommandeur Major Graf Druff, dessen Vater jenen Aufsatz im ›Landwirt‹ verfaßt, schenkte ihm ebensowenig etwas wie sein Schwadronschef Rittmeister von Hengst. Prinz Arbogast besaß vom Vater eine natürliche Eignung zum Reiten. So wurde er bald ein brauchbarer, ja in nicht ferner Zeit ein tüchtiger Soldat. Die Studentenjahre waren längst abgetan. Dies um so leichter, als die Offiziere sich mehr dünkten als jene jungen Herren auf den Schulbänken der Hörsäle, indem Studenten, weil noch nicht selbständig, nicht Reserveoffiziere werden konnten. Dieses aber erachteten die Herren erst als Vollgültigkeit eines Menschen ihrer Kreise. Wenn einer Anschauungen huldigte, die ihrer Auffassung von Ehrenpunkt und Pflicht zuwiderliefen, so war es gewiß nur ihr Recht, solchen nicht zuzulassen. Wer bei den Roten andere Ansichten äußerte als die Parteileitung, wußte ja auch, daß er flog.

Es entsprach aber leider dem Kastenwesen der Tillen jener Zeit, jeden nicht für voll anzusehen, der einen anderen Weg ging. Gegenseitige Überhebung weitete Klassenabstände, ja trieb zum Klassenhaß. Von solchem war freilich in Illzenau noch nichts zu bemerken, fehlte doch der Industriearbeiter in diesem landwirtschaftlichen Mittelpunkt des Illzkreises. Zwischen den Bürgern und dem Regiment herrschte ein angestammtes gutes Einvernehmen, nur selten getrübt durch ein Aufflammen jugendlichen Übermutes. So hatte eines Sonntagabends der Gefreite Forsch von der dritten Schwadron im Tanzlokal von Stemmort am Obstmarkt das Fräulein Riekchen Schämig belästigt. Als die würdige Mutter auf dem Regimentsbüro erschien, um sich zu beschweren, gab Oberleutnant Prinz Arbogast (der eben Regimentsadjutant geworden war) die Versicherung ab, solchen Übergriffen würde gesteuert werden. Obwohl es nun der Kommandeur war, der sofort eingriff, so rechneten doch die Bürger den Erfolg dem Prinzen an, und bald genoß er das allgemeine Vertrauen. Als Adjutant hatte er es mit allen Bevölkerungsschichten zu tun. Dem reichen Pfeffersack sah er genau so in den überfüllten, wie der armen Witwe in den leeren Magen. Als Untersuchungführender gewann er Einblick in Vorstrafen bösartig-glatter Burschen wie armer Tölpel, die aus Dummheit oder Not gefehlt. Bei allem leitete ihn das hohe Gerechtigkeitsgefühl, das eine schwere Jugend in ihm entwickelt.

Bald kannte den »Arbo« – die Abkürzung hatten sie seinen Kameraden abgelauscht – jedes Kind. Er blieb aber auch auf der Straße stehen mit dem alten Bäcker Dietrich Hefe, der am Tillensee Sonntags zu angeln pflegte. Er fragte die dicke Frau Siebenwurff nach ihren vielen Kindern, von denen immer eines gestorben war, nur nahmen sie wunderlicherweise niemals ab. Der Herr Rentner Heinel durfte ihm über seine flatterhafte junge Frau klagen. Ja, Arbo redete sogar mit dem Inhaber des Zehnpfennigbasars, Herrn Moritz Schofel, der ihn gar nicht wieder losließ. Bald war es auch allgemein bekannt, daß er sich im Dienste nicht »Durchlaucht« nennen ließ, sondern bei der Charge. So fühlten Große wie Kleine nie bei ihm jenen Abstand, der sonst Menschen voneinander lähmend trennt.

Wenn nun Prinz Arbogast sonst seines Vaters Art wenig glich, hier regte sich doch sein Blut. Und wie jenem ging es auch ihm mit dem Gelde. Der Zuschuß, den er vom Könige bekam, war so gering, daß er von allen Kameraden des Regiments wirtschaftlich am schlechtesten stand. Er blieb daher ihren Vergnügungen fern; damit freilich auch mancher Oberflächlichkeit. Über Sonntag fuhren die Herren meist nach Tillenau zu Theater, Brettl, Ball, Einladung. In der »Goldenen Gabel« oder im » Grand Hôtel Bristol« am Tillkai pflegten sie zu speisen.

Des Prinzen karger Zuschuß hätte solches verboten. Nur den Hofbällen konnte er, des Königs halber, nicht ausweichen. Sonst beschränkte er sich auf die bescheidenen Vergnügungen von Illzenau: ein Tanzfest mit dünner Bowle, die keinen umwarf, beim Kreisdirektor Geheimrat Quasselbarth; dann etwa eine »Venezianische Nacht« in der »Verträglichkeit«, wie die Illzenauer Gesellschaft besserer Leute hieß – übrigens durchaus ungerechtfertigt, denn ein echt Tillener Geist des Besserdünkens machte sich dort breit. Die Herren von der Verwaltung meinten, auf die vom Gericht herabsehen zu sollen. Beide aber waren gemeinsam neidisch auf das Offizierkorps, wenn sie auch, humanistischer Bildung voll, zwischen sich und den »Notgewächsen aus Presse und Kadettenkorps« einen geistigen Abstand wähnten, etwa wie zwischen dem alten Blücher und Immanuel Kant. Die Reserveoffiziere unter ihnen schienen freilich wiederum geneigt, auf jene ihrer Amtsbrüder, die es nur bis zum Vizefeldwebel d. R. gebracht, herabzusehen, durften sie doch jedes Jahr zu Kaisers oder Königs Geburtstag ihre Uniform zeigen. Trotzdem wurden sie wieder von den Aktiven, im heimlichen Herzen wenigstens, als Sommerleutnants gewertet.

Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß Überhebung und Empfindlichkeit bei den Damen im Quadrat, ja durch Hinzutreten von Kleider- und Schönheitsfragen im Kubus wuchs. Da war zum Beispiel die Frau Doktor Kolon der Frau Apotheker Pillendreher überlegen, weil der Gatte Verordnungen schrieb, die der andere nur ausführte; beide aber bildeten die Einheitslinie der gelehrten Berufe gegen die Kaufmannsgattinnen. Daß hierbei Frau Losung (Geflügel- und Wildbrethandlung) den kürzeren zog gegen Frau Babette Barchent geborene Plundl aus München, schien selbstverständlich, weil Herr Barchent (Tuch- und Weißwaren) nur im Kontor saß und nicht selbst im offenen Laden verkaufte, wie Herr Losung.

Auch das Offizierkorps war nicht immer völlig geschlossen. Nie hätten die Zweiten Dragoner in ihren Reihen eine dumme Überhebung geduldet, weil sie mehr Geld zu vertun hatten. Dennoch gab es im 5. Tillener Infanterie-Regiment Nr. 578 eine Anzahl Offiziere, die bei den Dragonern Kavalleriedünkel voraussetzten. So leider gerade der Kommandeur Oberst Knote, der bei jeder Kritik etwas anmaßend betonte, die Infanterie sei die Hauptwaffe.

Das vergalt die II. Abteilung des 3. Tillener (Feld-) Artillerie-Regiments Nr. 246, indem sie sich die »intelligente Waffe« nannte, obwohl alle Berechnungen in Schußtafeln festgelegt waren, und sie zum Generalstab nicht mehr stellten als 578er oder Dragoner. Auch Prinz Arbogast wollte die Prüfung zur Kriegsakademie ablegen. Da nun aber verlautete, Seine Majestät würde einen Besuch dieser borussischen Vorbereitungsanstalt zum Generalstabe bei Mitgliedern seines Hauses nicht gerne sehen, hatte doch Tillen 187l auf eine eigene Generalstabsschule verzichten müssen, so befragte der Prinz Exzellenz von Böswetter. Der – als echter Tille überhaupt gegen alles Borussische eingenommen – lehnte jedoch zugunsten der Schatulle die kleine Mehrausgabe ab.

Dadurch sah Prinz Arbogast jeden Aufstieg nun zum zweiten Male sich abgeschnitten. Als er nämlich vor Jahren Ordonnanzoffizier bei den Kavallerie-Divisionsübungen hätte werden können, mußte sein Kommandeur davon absehen, weil der Prinz zu schlecht beritten war. Auf des Königs Befehl bekam er nämlich seine Pferde zwar aus dem Marstall, doch Oberstallmeister von Zaum gab der kleinen Durchlaucht von der einflußlosen Nebenlinie immer nur solche Tiere, die er aus dem Königlichen Reitstalle los sein wollte.

Schon damals hatte den Prinzen die getäuschte Hoffnung, einmal einem höheren Stabe anzugehören, schwer getroffen. Jetzt aber, wo ihm jede militärische Zukunft genommen schien, überfiel ihn eine Verzweiflung wie einst in Außensee. Wenn sie sich auch nicht bis zum Martertod verdichtete, so zeigte er doch plötzlich für seinen Beruf keine Teilnahme mehr. Eine Schwäche dieses hochgemuten und begabten jungen Mannes, die gebucht werden muß, um ein richtiges Bild von ihm zu runden.

Nun, nach neun Jahren Dienstzeit, begann er seine Pflicht zu vernachlässigen, so daß er mit dem neuen Kommandeur, seinem ersten Schwadronschef, jetzt Oberst von Hengst, aneinandergeriet. Der Prinz, der aus Sparsamkeit, außer beim Regimentsdiner, niemals Wein getrunken, lud plötzlich Gäste ein und ließ dafür seine Rechnung beim Schneidermeister Bock anstehen. Ja, er fing eine Liebschaft an mit Fräulein Käthe Brüstlein, der sentimentalen Liebhaberin des Stadttheaters, und war nahe daran, dieser menschlich durchaus wertlosen Dame die Ehe zu versprechen. Er träumte davon, alles hinter sich zu werfen, um wie sein entfernter Vetter Erzherzog Johann Salvator als Johann Orth, so er als Arbo Hilligenstadt ein neues Leben zu beginnen, etwa als Reitbahnstallmeister in Chicago oder Bergbauer in der Hohen Munde.

Da fügte es der Zufall, daß sein einstiger Schulfreund in Außensee, Hanns Medicus, bisher Unterarzt am Garnisonlazarett Tillenau, als Assistenzarzt zu den zweiten Dragonern nach Illzenau versetzt wurde. Diesem gelang es, dem Prinzen sein »Idol«, wie der Verliebte Fräulein Käthe Brüstlein nannte, auf einem Blitzlichtbilde zu zeigen, das der Schauspieler Herr Ferdinand Locker, weinbetört, am Stammtisch hatte umgehen lassen. Die beiden spielten darauf das erste Menschenpaar derart natürlich, daß es keines Apfels bedurft hätte, den Vorgang zu erklären.

Tief erschreckt, von Weltschmerz geschüttelt, kehrte Prinz Arbogast in die Reihen seiner Kameraden zurück. Zugleich wurde er, nachdem er ohne Vorpatentierung wie jeder andere seine Zeit gedient, endlich zum Rittmeister befördert.

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