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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Hermundurenzeit

Es ist nun einigermaßen betrüblich, melden zu müssen, daß auf der Alma mater weder des Königs noch auch des Prinzen Arbogast Erwartungen sich erfüllten. Jene Erziehung rächte sich, die den Knaben wirtschaftlich aufs alleräußerste beschränkt und ihn, weltabgeschlossen, den Wert des Geldes nicht hatte erkennen lassen. Im Besitz eines bescheidenen, wenn auch gegen die Außenseer Ärmlichkeit fürstlichen Wechsels wähnte der Prinz seine Einkünfte unerschöpflich. Auch überfiel ihn förmlich ein Rausch junger Freiheit, eine so derbe Lebenslust, daß er nicht immer den Lockungen widerstand, die von Großstadt wie leichtsinnigen Brüdern ausgingen.

Prinz Arbogast kam fast augenblicklich in die Kreise der »Hermunduren«. Sie nahmen ihre Leute in jene strenge Zucht der C.C.-Konstitutionen, wie sie in den Korps des alten Reiches herrschte. Ein Segen für richtungslose Flapse, trieb diese Korpserziehung mit offiziellem Bummel, Vorschriften über Verkehr und Anschauung, selbständige Geister zu Auflehnung gegen Satzungen, die ihnen unerträgliche Fesseln dünkten, während sie Heerdenmenschen und Zeitgenossen dagegen nur heilsam sein konnten. Auch wurde im Korps jeder, der von Natur ein zaghaftes Herz besaß, zur Männlichkeit erzogen.

Prinz Arbogast, für das Kommentmäßige nicht eben eingenommen, geriet bald in einigen Zwiespalt. Dazu kam, daß er eines Morgens aufwachte und sich einer für seine Verhältnisse geradezu erstaunlichen Schuldenlast gegenübersah. Es gab eine schlimme Auseinandersetzung mit Exzellenz von Böswetter, der, statt des Prinzen Eröffnungen vertraulich zu behandeln, sie dem Könige vortrug. Ernst der Zweite befahl den Prinzen zu sich, und das Ende war ein Verweis, den der Rektor den Hermunduren erteilte. Diese aber konnten nur in Prinz Arbogast den Angeber erblicken und ›dimittierten‹ ihn, wegen eigenbrötlerischen Wesens überhaupt keineswegs beliebt, dem Antrage des ersten Chargierten stud. jur. et rer. pol. von Abfuhr gemäß, auf die Zeit von vier Wochen. Die Antwort des Gemaßregelten war sofortiger Austritt aus dem Korps.

Hieran knüpft sich nun eine unliebsame Geschichte, um so weniger je geklärt, als weder die Hermunduren darüber sprachen, noch der Prinz. Aber jedesmal, wenn ihn später etwas daran erinnerte, ward er rot, daß eine scharfe Terz auf seiner rechten Gesichtshälfte glühte. Es war einer jener törichten Vorfälle, wie ihn das unnatürlich gesteigerte Ehrgefühl junger Leute, die ungenügend beschäftigt sind, zu erzeugen pflegt. Hart arbeitenden Menschen hätte zu derartigen Spitzfindigkeiten einfach die Zeit gefehlt. Immerhin schien solches das Ventil, den Überdruck an jugendlicher Talkraft zu entlassen. In der Hohen Munde wäre unter dem Jungvolk eine Wirtshausschlägerei daraus geworden; in der Salzmunde hätten sie einander aufgelauert beim Heimweg; in der Erzmunde würde es einen Kampf dreihundert Meter unter der Erde gegeben haben; in Tillenaus Vorstadt Weyher wie im Stangenberger Industriegebiet wäre mit Messern gestochen worden.

Eines steht fest: Prinz Arbogast ging in das Café Glockenstrang an der Stechbahn, wo die Hermunduren nach dem Essen Bestimmungsmensuren entgegennahmen, grüßte förmlich die einstigen Korpsbrüder, die, den Stürmer auf dem Kopf, an den kleinen Marmortischen saßen, schritt geradenwegs auf den ersten Chargierten, den stud. jur. et rer. pol. von Abfuhr zu und wischte ihm seine Handschuhe um die Ohren. Wie sich das zugetragen wird so verschieden geschildert, daß es am richtigsten scheint, einige Urteile wiederzugeben, so sehr sie auch voneinander abweichen mögen.

Der Oberkellner des Cafés Glockenstrang, Herr Joseph Pils aus Wien, VII. Bezirk:

»I hab' grad' den Kaffee serviert, als unser ehemaliger Prinz Arbogast, dem Herrn von Abfuhr a Watschen langt. Der Herr von Abfuhr hat sich wollen auf Seine Durchlaucht stürzen, doch i hab' gesagt: »Meine Herren, vergessen's net, wo's sein!« Hat's da a Hetz geben! Jessas! G'schriegn haben's, und kaner hat ka Wort net verstanden. Und wenn die Frau Abbort von die Garderob' es wissen will, soll's die Pappen halten, nachdem sie sich im Kaffeezimmer net auskennen tut, denn i laß kanen net eini, von z'wegen die Konterhagen von die Kavalier. Also die Abbort mag nur auf ihre Nummern schaun, daß keiner an falschen Huat derwischen tut, und net tratschen.«

Frau Abbort von der Kleiderablage im Cafe Glockenstrang:

»Ich habe jrade dem Herrn Geheimrat von Schacht aus Rafft den Überzieher jebracht, wo nämlich unsern Herrn Schacht chunior besucht hat, was sei Sohn ist, da sehe ich unsere Durchlaucht, die nich mehr kommt, man munkelt so was, springt auf den Herrn von Abfuhr los, und der Joseph, was der Ober is, der läßt sei' Platoo fallen, und raus is er, denn der Joseph is nich fürs Raufen, wie er spricht; da bin ich auch fortjemacht, man muß nich bei allem dabei sein!«

Geheimer Rat Doktor Schacht, Bergwerksbesitzer aus Rafft, Reichs- und Landtagsabgeordneter:

»Ich bin alter Herr des Korps Hermunduria und besuchte meinen Sohn, gleichfalls Hermundure. Eben wollte ich mich verabschieden, als ein junger Herr, den ich von früher her als Prinz Arbogast von Osterburg-Hilligenstadt kannte, eintrat und Herrn von Abfuhr bedrohte. Es wäre vielleicht zu bedauerlichen Auftritten gekommen, wenn nicht ein paar Besonnene die Streitenden getrennt hätten. Übrigens hat der damalige Prinz sich dann gut herausgepaukt. Wie die Einzelheiten gewesen find, kann ich freilich nicht mehr sagen.«

In der Tat wurde nun auf Beschluß des S.C.-Ehrengerichts aus einem Pistolenduell, auf dem der Prinz Arbogast zuerst bestanden, eine Mensur auf krumme Säbel. Hierbei schlug im dritten Gange der Prinz seinem Gegner eine Quart über den Schädel, wie der Paukarzt solche noch nie gesehen. (Spaltung der Schwarte von Stirnbein bis Hinterhauptsbein. Knochensplitter. Vehemente Blutung der Hinterhauptspulsader. Sensorium getrübt. Tiefe Ohnmacht. Pulslosigkeit. 36 Nadeln.) Auch der Prinz erhielt eine gleichzeitig geführte und heruntergefallene schwere Terz. (Durchschlagung des rechten Kaumuskels.) Wenn Prinz Arbogasts Blut auch den Boden rötete, so ging er doch aufrecht davon, um sich draußen verbinden zu lassen.

Fortan grüßten zwar die Hermunduren den Prinzen wieder sehr artig, doch dessen Hochschulbesuch nahm ein jähes Ende. Der Vorfall blieb nämlich dem Könige um so weniger verborgen, als Prinz Arbogast zum ersten Hofball, zu dem er eingeladen worden, mit dem Verbande unmöglich erscheinen konnte. Natürlich ward er der Presse kund. Äußerst kriegerisch zog der ,Held', das Tillener Pazifistenblatt, damals noch als Witzblatt eingeschätzt, dagegen los. Auch der ,Prolet' beschäftigte sich damit. Zwar brachte er zufällig in der gleichen Nummer zwei Messerstechereien, die eine in Geisenberg (Industriegebiet) um eine Tippelschickse, die andere in Rademund (gleichfalls Kreis Stangenberg), weil ein Metalldreher von einem Rohrleger nicht so tief gegrüßt worden, wie er gemeint, daß es ihm zukäme. Doch unter der Spitzmarke »Prinzliche Gesetzesübertretung« wetterte er gegen das »Vorrecht privilegierter Klassen, sich den Hals abzuschneiden«. Damit nicht genug, erörterte im Zentrumsblatte ›Der heilige Sebastian‹ die nichtschlagende Verbindung »Tillia« abfällig die Angelegenheit, weil sie überhaupt gegen den Zweikampf war. Der ›Landwirt‹, landwirtschaftliche Zeitung aus dem Illzkreise, war geteilter Meinung. Der alte Oberst a. D. Graf Druff begeisterte sich daran, daß auch ein Prinz sich nicht außerhalb der Gepflogenheiten anderer Ehrenmänner stelle, wogegen der Ungenannte »vom Hofe« (Deckname für den Oberzeremonienmeister a. D. von Oehlich) es für unrichtig hielt, daß ein Mitglied des Herrscherhauses (wenn auch von der nicht regierenden Seitenlinie) einen Zweikampf ausfechte.

Kurzum, der bislang in weitesten Kreisen unbekannte Prinz Arbogast stand nun zum zweiten Male mitten im Tagesgespräch des Königreichs Tillen. Damit war jedoch Seine Majestät keineswegs einverstanden. Der Prinz sollte aus der Hauptstadt verschwinden. Da es nun aber in Tillen keine andere Hochschule gab, auch Exzellenz von Böswetter die hohen Kosten des Studierens ins Feld führte, so bestimmte Ernst der Zweite die militärische Laufbahn für den Prinzen. Ihm dieses mitzuteilen, befahl er ihn zu sich.

Prinz Arbogast erzählte später, Seine Majestät habe ihm die Hand gereicht (was er selten tat), sich den Schmiß angesehen und etwas verlauten lassen von »Tatmensch, sympathisch«. Dann aber habe er, der in seiner Jugend selbst den Speer geführt, in der leider bei ihm üblichen scharfen Weise gesagt: »Du scheinst keine Terz parieren zu können!« und nicht verfehlt, dem jungen Verwandten seine Mißbilligung auszudrücken, daß er die Öffentlichkeit beschäftigt habe. Zu der abweisenden Bemerkung von einst: »Popularitätshascher verachte ich!« paßt sehr wohl die weitere Äußerung: »Die besten Frauen und die besten Fürsten sind jene, von denen man am wenigsten spricht. Arbeiten und nicht reden.« Bestimmt eine Anspielung, denn gerade zu dieser Zeit fiel die höchste Person des alten Reiches durch einige unbedachte Äußerungen unliebsam auf, und jener Herrscher besaß nicht eben Ernst des Zweiten Vorliebe.

Das Gespräch hat nicht lange gedauert. Seine Majestät hat nur noch kurz, mit dem Blick zur Uhr auf seinem Schreibtische, gesagt: »Du kommst zu den zweiten Dragonern nach Illzenau. Gut führen. Keine Schulden wieder. Ich zahle nicht noch einmal. Danke!«

Prinz Arbogast aber war glückselig, lag doch Illzenau im Illzkreise und um Stunden näher der Hohen Munde und dem Großen wie dem Kleinen Glück.

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