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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Des Prinzen Arbogast schwere Jugend

Zweierlei drückte der Landschaft bei Außensee den Stempel auf: einmal die meergleiche Erscheinung des Tillensees, dann die den Himmel durchschneidende Kette der Hohen Munde. Ursprünglich hatten die Anwohner des Sees allein vom Fischfang gelebt. Die berühmte Tille aus der Familie der Lachse ( Salmo salvelinus Tillensis L.), blaugrau mit orangeleuchtendem Bauch, bis zu fünfzehn Kilo Lebendgewicht, wurde, dem Rheinlachs gleich gewertet, weit versandt. In den Gründerjahren aber war am Westufer des Tillensees eine Sommerfrische an der anderen entstanden. So das anspruchsvolle » Grand Hotel Seeblick« in dem schon genannten Bankert, dann das ebenso scherzhafte Küßchen, den glücklichen Inseln gegenüber.

Es waren ihrer drei. Zwei unbewohnt, doch viel besucht, mit üppigem Wiesengrün unter weitschattenden alten Linden, im Volksmunde das Große und das Kleine Glück geheißen. Auf der dritten aber, der Liebesinsel, träumte in halbverwilderten Parkanlagen ein zerfallenes Schlößchen: Verzückung allen verstiegenen Seelen. Die Sage hatte sich nämlich seiner einstigen Bewohner bemächtigt, etwa wie des Fräulein Hero und des Herrn Leander. Die Geschichte dagegen sagte nüchtern: Hier hatte Kurfürst Sigismund der Erbauer seinen berühmten Hofarchitekten Pius Glockenstrang, den großen Meister deutscher Spätrenaissance (Hauptwerke: Ballhaus – später Hofoper, Wunderkammern – heute Museum, sämtlich in Tillenau) bei der Frau Kurfürstin Immaculata im Bett erwischt und kurzerhand in den See geworfen. Um so länger war dann die Kurfürstin in dem Schlößchen auf der Liebesinsel eingesperrt gewesen, nämlich noch dreiundvierzig Jahre, bis zu ihrem natürlichen Verfall. Der Volksmund redete wieder einmal von »Jift« und machte aus ihr ein unschuldig junges Blut, das nur in sinnbetörter Leidenschaft gefehlt, während die gute Immaculata in Wirklichkeit kein Lämmchen gewesen war, sondern eine stark verliebte Dame, die zur Zeit jenes grausigen Ereignisses bereits fünfundvierzig Lenze zählte.

Von der »Tillener Riviera«, wie die Wirte gern sagten, allem Ausländischen hold, erblickte man, dem Ostufer nahe, die bei weitem größte Insel des Sees, die Schloßinsel (7,4 Quadratkilometer), königlicher Privatbesitz. Sie trug ein wohlerhaltenes Barockschloß, wo Ernst der Zweite den Sommer zu verbringen pflegte.

Im Winter war es um so einsamer, als der See keine Schlittschuhläufer anzog, denn er war seit Menschengedenken nicht zugefroren. Man erklärte es durch den hohen Salzgehalt des Wassers, das unterirdisch mit den Bergwerken der Salzmunde in Verbindung stünde. Auch von warmen Quellen wurde geredet; jedenfalls stiegen bisweilen zwischen Liebesinsel und Kleinem Glück seltsame Blasen auf. Die einen meinten von den Tränen der Kurfürstin Immaculata, die anderen aber vom Gasleib des Herrn Hofarchitekten Pius Glockenstrang, der dort auf dem Seegrunde liegen sollte. Erblickt hat ihn keiner, obwohl eine bekannte Wetterregel der Gegend lautete: »Siehst du den Tillengrund, stürmt's in 'ner halben Stund'.«

Auch die Hohe Munde war für die Anwohner des Tillensees von Bedeutung. Ihr Besuch nahm ständig zu. Schon blühte ein Munde-Verein mit vier Sektionen, die bereits neun alpine Unglücksfälle zu verzeichnen hatten. In Außensee entstand eine Rettungsstation, und es ist klar, daß Prinz Arbogast dazu gehörte.

Neben dem gewaltigen Tillensee gab es noch den langgestreckten stillen Gattersee. Hier hatte sich eine Anzahl geistiger Arbeiter bescheidene Holzhäuslein gebaut und führte dort über Sonntag oder in den Ferien ein einfaches Leben ohne Klassenkampf, friedevoll wie die Guten im alten Reich. Am schönsten aber war der kleine Ostersee. Ein blaues Auge im Tal der Oster zwischen Hoher und Niederer Munde. Weiße Wolken, graue Kalkzinnen, grüner Hochwald spiegelten sich darin.

Dort hat Prinz Arbogast, der eltern- und liebelose, die wenigen glücklichen Stunden einer harten Jugend verlebt. Nicht im Arm der Liebe, diesem reinen Jüngling fern, sondern mit einem Freunde, mittellos und einsam wie er. Inhaber der einzigen Freistelle Außensees, deren Genuß ihm vorgeworfen wurde, genau wie dem Prinzen sein Dasein auf dieser Welt, nur weil es Geld kostete, war er der Sohn des verstorbenen Landpfarrers von Gattersee. Untersetzt neben dem schlanken Arbogast, mit breitem Tillengesicht im Vergleich zu dem langen, schmalen Osterburger Kopf. Hanns Medicus, der arme Pfarrersohn, war dem armen Prinzen treu ergeben.

Sie träumten mitsammen. Sie ruderten zur Liebesinsel, sie sahen die Blasen steigen. Über den gewaltigen See fuhren sie und umkreisten scheu die Schloßinsel. Wenn sie dann glaubten, einen Schatten am Fenster zu sehen, wendete der Prinz das Gesicht, daß man ihn nicht erkenne, und sprach, als rede er von einer strengen Gottheit: »Der König!«

Oft aber schwammen sie vom Großen Glück zum Kleinen Glück, lagen auf dem Rasen und glitten, wenn ein Boot kam, schnell ins Wasser wie Krokodile, die sich gesonnt.

In der Hohen Munde wanderten die beiden während der Ferien und verbrachten, das Nachtlager zu sparen, und weil es herrlich-schauerlich war, manche Sommernacht in den Felsen. Alle Anstiege wurden ihnen vertraut, die schwersten der Kalktürme haben sie erklettert. Bei den Bergbauern nährten sie sich um ein paar Groschen von »Pamms«, jenem dicken Bauernessen aus Milch, Brot, Majoran und Wurst. Ja, der Osterbauer hat den beiden armen Burschen oftmals die Zeche geschenkt. Vom Oftersee blickten sie auf zur Ruine der Ofterburg. Der Prinz spann den Traum, daß mit seinen Ahnen einst auch einer der Väter seines Freundes dort oben gehaust hätte. »Als Pförtner«, meinte jener. Doch der Prinz sagte lächelnd: »Leibarzt vielleicht«.

So gingen die Jahre hin. Es gelang Prinz Arbogast, sich ohne schwerere Unfälle durch die Schule zu schlängeln. Ja, er würde eine glänzende Abgangsprüfung gemacht haben, hätte ihn nicht die Mathematik in der Gesamtleistung herabgedrückt. Der König sagte dem Jüngling, als er sich bei ihm meldete: »Ich hatte erwartet, du würdest das beste Examen machen. Du hast mich enttäuscht. Du wirst nun die Universität beziehen. Hier. Cave, adsum. Danke.«

Prinz Arbogast aber nahm ins Leben mit: ein gutes Gedenken einem armen Narren, dem Zeichenlehrer Raffael Kreis, der ihm, neben der Liebe zu den bildenden Künsten, eine erhebliche Fertigkeit beigebracht, seinen Gedanken durch ein paar schnelle Striche höchste Anschaulichkeit zu verleihen; ein hochgemutes Vergessen den gesamten anderen Sündern an seiner Jugend; Milde des Urteils über alle irrenden Seelen, zu denen der größte Teil seiner Mitschüler gezählt; Dankbarkeit gegen den Freund; die Liebe zu jener weiten Landschaft des Tillensees, wo er in trüben Stunden auf die bläuliche Kette der Hohen Munde geblickt und in dem er einst den Tod gesucht, um durch Fräulein Undine Wasserscheu das Leben wiederzufinden.

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