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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Heil der Königin!

Man kennt jene Preisaufgaben, die auf einem Irrgartenplane die Erreichung eines bestimmten Punktes von einem anderen aus verlangen, ohne daß eine Stelle zweimal berührt wird. Vor solcher Aufgabe stand nun der Herr Oberbürgermeister Doktor Tusch. Erhöht wurden die Schwierigkeiten dadurch, daß Seine Majestät den Wunsch geäußert hatte, auch die rote Vorstadt Weyher zu besuchen, die nur durch eine einzige Brücke über die Till mit Tillenau verbunden war. Hieran mußte ohne Zweifel die ganze Aufgabe scheitern. Angesichts solcher Hemmungen schwand nun der Herr Oberbürgermeister sichtlich dahin. Freilich trugen auch andere Vorgänge bei, ihm das Dasein zu verbittern.

Einmal hatte der Stadtvater Dutzenden von Bürgern, nur um sie aus seinem Arbeitszimmer loszuwerden, leichtfertig sein Wort verpfändet, der Zug würde bestimmt bei ihnen vorüberlommen, dann aber dem größten Steuerzahler, der Effau (Fäkalien-Veredlungs-Gesellschaft m.b.H.), in Gestalt des Herrn Doktor Siegmund Erfasser versprochen, daß die Majestäten bei ihr halten würden. Welchen Eindruck das, angesichts der in jener Stadtgegend eingenisteten Düfte, auf die arme junge Königin machen mußte, ist nicht abzusehen. Aber hätte die Stadt nein sagen sollen, wo die Effau versprochen, dafür die Ausschmückung der ganzen Ringstraße auf ihre Kosten zu übernehmen?

Die Folgen waren verheerend. Von dem Augenblick ab schien es um den Herrn Oberbürgermeister geschehen. Herr Jeremias Drehglück, Leiter des großen Rummelplatzes am »Ochsentod«, wo ehemals das städtische Schlachthaus gestanden, ehe der große Zentralschlachtviehhof unter Ernst dem Dritten erbaut worden, pochte im Namen der Vereinigung Tillener Schaubudenbesitzer auf des Königs landbekannte Vorliebe für Karussellfahren und verlangte, Ihre Majestäten müßten den Weg über den Ochsentod nehmen. Mitwirkung sämtlicher Orgeln, Orchestrions, Glocken, sogar der Dampfpfeife des Riesenschiffskarussells »Seenot« wurde gütigst zugesagt.

Ja die Bewohner der Straße am Abweg, denen seit Errichtung der städtischen höheren Töchterschule dortselbst offensichtlich der Kamm geschwollen war, entblödeten sich nicht, den Besuch ihrer durchaus anrüchigen Gegend zu begehren. Kurz, es gab Auftritte im Rathaus, denen auch bessere Nerven als jene des überarbeiteten, zusagenden und wieder umfallenden Herrn Oberbürgermeisters nicht gewachsen gewesen wären. Als nun Herr Abschaum, ein wegen Nötigung mehrfach vorbestrafter Mensch, drohte, falls der König nicht in seiner Stehbierhalle einen Ehrentrunk einnähme, solchen dem Stadthaupte gewaltsam einzuflößen, verfiel in seiner maßlosen Bedrängnis der Herr Oberbürgermeister Doktor Tusch auf einen Ausweg, der ihn allein noch retten konnte: er wurde für Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag krank. Dieses geschah aber am Montage, und am Sonnabend sollte der Einzug Ihrer Majestäten stattfinden. So war denn am nächsten Morgen der Stadtvater in Begleitung seiner Tochter, der Dichterin Tibia Tusch, in das berühmte Sanatorium »Illusion« des Herrn Doktors Markhäuser in Küßchen am Tillensee entwichen. Nun konnte der erste Bürgermeister nach eigenem Kopfe walten.

Wer war nun dieser Mann, dem solch große Verantwortung zufiel? Ein Meckern tönt, einer lächelt archaisch: das Bockbein ist wieder da. Nicht für die Provinz geboren, hatte es kurzerhand den Staatsdienst mit dem Stadtdienste vertauscht. Ganz einfach war es geschehen. Bei Rest & Neige war es geschehen, wo auch das Stadthaupt bisweilen erschien, um sich die Kehle auszuputzen, wenn es heiser war von dauerndem Hurrarufen. Tusch kannte des Bockbeins Kunst, die Menschen umzulächeln. Das Bockbein ward somit erster Bürgermeister. Damit schienen alle glatt erledigt, die sich noch auf des Herrn Oberbürgermeisters leichtsinnige Versprechungen beriefen, denn sein Stellvertreter lächelte sie einfach hinaus.

Nun geschah aber etwas höchst Bedauerliches: Oberbürgermeister Doktor Tusch, der alle Schwierigkeiten seinem Vertreter freundlichst überlassen, sank an der Mittagstafel im Sanatorium »Illusion«, wo doch grundsätzlich niemals einer starb, entseelt seiner Tochter in die Arme. Leider konnte Dr. med. Markhäuser keinen Toten sehen, so überließ er, allein auf wirtschaftliche Tüchtigkeit eingestellt, die ärztliche Fürsorge seinem Assistenten Doktor Strychno.

Die Tafelrunde erfuhr, dem Herrn Oberbürgermeister ginge es, dank der Heilwirkungen des Sanatoriums »Illusion« bereits soviel besser, daß er habe abreisen können. Die reine Wahrheit: er war ja wirklich abgereist. Ganz abgereist. Nie wieder würde der Herr Oberbürgermeister Doktor Tusch Hurra rufen oder unerfüllbare Zusagen machen.

Das Bockbein, jetzt Herr der Stadt, hatte inzwischen alle verwirrten Knoten spielend gelöst. Sogar die schwierigste Frage, wie man über eine Brücke kommen sollte und wieder zurück, ohne sie ein zweites Mal zu berühren. Ganz einfach: die Majestäten stiegen nicht am Hauptbahnhofe Tillenau aus, sondern schon in Weyher, am andern Ufer der Till. So betraten sie die Brücke nur einmal. Das Ei des Bockbeins.

Hierzu galt es freilich, die unansehnliche Haltestelle ein wenig aufzuputzen. Aber lag nicht in Weyher jene Zweiganstalt der Vaujuwa, bei der Fräulein Schreyer tätig war? Die Effau durfte die Ringstraße schmücken, so konnte man es gewiß nur einen gerechten Ausgleich nennen, wenn man das dem ungekrönten König von Weyher, Herrn Kommerzienrat Bast, überließ. Nicht ohne Absicht hatte er sich dazu bereit erklärt, der noch nie bei seinem zähen Aufstiege etwas ohne Hintergedanken getan oder ohne Grund unterlassen.

Als Sturz von dem Anerbieten erfuhr, fragte er den Herrn Kommerzienrat, ob die Krone sich nicht irgendwie erkenntlich zeigen könne, angesichts solch opferwilligen Aufwandes, da außerdem die Vaujuwa ungezählten Tillen Arbeitsgelegenheit biete, den Volkswohlstand mehre, und doch neben der Effau das größte Industrieunternehmen sei des Landes. (Kommerzienrat Bast verzog den Nasenflügelheber, als umschwebe ihn ein peinlicher Duft von Ammoniak, Obst oder von beidem.)

Sturz: »Sie sind ein vielbeschäftichter Mann und ich auch. Also gleich los. Was ist Ihnen lieber: der Geheime Kommerzienrat oder ein Piepmatz?«

Bast (zögert keinen Augenblick): »Der erbliche Adel!«

Sturz (lacht rot, rund und zufrieden): »Ich falle um. Nu verstehe ich auch Ihre geschäftlichen Erfolge!«

Bast: »Ich habe Kinder!«

Sturz: »Ich ooch!« (denkt aber: ich habe noch nie was für die Kinder verlangt. Sie sollen sich nur selbst helfen, sonst wird nichts draus).

Nach solchem Baujuwagespräch glaubte der dicke Sturz, auch für die Effau etwas tun zu müssen. Er ließ also den Herrn Generaldirektor Doktor Siegmund Erfasser bitten, ihn doch einmal gelegentlich auf dem Ministerium zu besuchen. Zwei Stunden darauf war er da.

Sturz: »Sie sind ein vielbeschäftichter Mann und ich auch. Also gleich los. Sie sind im Begriff, die ganze Ringstraße auszuschmücken. Sie sind auch neben der Baujuwa (Erfasser verzieht keine Miene) das größte Induftrieunternehmen des Landes. Sie bieten ungezählten Tillen Arbeitsgelegenheit und mehren den Volkswohlstand. Da muß sich der Staat erkenntlich zeigen. Sie sind Generaldirektor. Titel ist heute nicht nur Eitelkeitssache, sondern vielleicht auch geschäftlich wichtich. Was meinen Sie zum Kommerzienrat?«

Erfasser: »Exzellenz – nein – ich verehre Seine Machestät zu sehr... als daß ich...« Sturz: »Also sagen wir eine hohe Auszeichnung?«

Erfasser: »Exzellenz, zu Diners, wo man 'nen Frack trägt, jehe ich nicht, sonst habe ich am nächsten Tage jleich zehn Prozent Zucker! Und überhaupt Dekoration? Wissen Sie, daß ich den siebziger Krieg mitjemacht habe? 's Eiserne Kreuz habe ich bekommen! Und ich habe mir's nicht leicht verdient! Denn Angst habe ich jehabt, verstehen Sie mich, Angst, daß mir 'S Hemd is naß jeworden!«

Sturz (reicht ihm die Hand): »Ich freue mich, denn wenn Sie den inneren Schweinehund überwunden haben, haben Sie gar keene Angst gehabt, Angst hat nur einer, der sie nicht bekämpft. Es wird Seiner Majestät leid tun, daß Sie ablehnen, denn er hat mir eigens befohlen, an seinem Hochzeitstache für Sie was zu tun. Er sacht, Sie haben sich mal zusammen die Haare schneiden lassen, und nun muß ich ihm sagen, Sie wollen nicht!«

Erfasser (plötzlich ausbrechend): »Nu, Exzellenz, wenn's denn sein muß, will ich Ihnen was sagen. (Sturz denkt: aha, also doch!) Wie unser junger Könich kaum ist zur Regierung jekommen, hat er uns besucht im Schachklub Springer. Man muß ihn ja gern haben! Alle meine Freunde haben's jesacht. So 'ne Herzensreinheit hat er und so 'ne Vornehmheit. Da hätte ich wohl 'n Wunsch, einen jroßen Wunsch...«

Sturz: »Ich bin gespannt!«

Erfasser: »Er soll mich mal einladen zum Essen!«

Sturz: »Ich lache. Gleich zur nächsten Hoftafel!«

Erfasser: »Nein, Exzellenz, nicht mit dem Herrn von Bast.«

Sturz (erstaunt): »Sie wissen?«

Erfasser: »Na ja, man hört so was.Wenn Seine Machestät mir will 'ne Freude machen, soll er mich einladen allein.«

Sturz: »Ich staune. Aber darf denn wenigstens Ihre Machestät die Könichin dabei sein?«

Erfasser: »Na meinetwegen, aber nicht andere Leute.«

Sturz: »Aber Sie sind doch krank? Was dürfen Sie denn dann essen?«

Erfasser: »Nur die Ehre will ich essen, sonst kriege ich wieder zehn Prozent!«

Sturz schüttelt dem Herrn Generaldirektor so herzlich die Hand wie niemandem seit langen Tagen, doch der flüstert dem Minister etwas zu, etwa wie in der Aufsichtsratssitzung, wenn er noch ein Letztes herausdrücken will:

»Aber, wenn Sie erlauben, werd ich's jeben dürfen in die Presse!«

Wurde auf der Ringstraße schon längst gearbeitet, so sehen wir nun auch den betriebsamsten Geist Tillens drüben jenseits der Till am Werk. Binnen wenigen Tagen verwandelte die Vaujuwa die etwas dürftige Umgebung des Bahnhofes Weyher in einen Waldpark, wo der Flieder blühte, Bänke den müden Wanderer zur Rast luden, ja sogar Brunnen sprangen. Und Kommerzienrat Bast war für eine Woche der volkstümlichste Mann von Weyher. Hatten nicht alle seine Arbeiter frei? Zahlte er nicht glänzend jeden, der zugriff in seinem Zaubergarten? Und ganz Weyher griff zu, griff zu, den König zu ehren.

Standen sie nicht auch, nun der Zug über Hilligenstadt und Eula jeden Augenblick einlaufen mußte, dicht gedrängt, obwohl die roten Führer die Losung der Zurückhaltung ausgegeben hatten? Hoho! Wollten die Kerle, die man mit seinen sauer abgesparten Groschen bezahlte, einem auch noch das bißchen Freude rauben? Ansehen konnte man doch die Braut! Man brauchte ja nicht zu grüßen! Mit der Pünktlichkeit des alten Tillens lief denn auch der Hofzug ein. Kugellorbeerbäume standen an der Haltestelle, Juteteppiche lagen gebreitet, kleine Mädchen streuten Blumen, flachshaarig, blaß, in weißen Kleidchen, sowie Schärpen, halb in Tillener, halb in Öländischen Farben. Man brauchte nur ein wenig zerstreut zu sein und war im anderen Land. Eine Anzahl Herren stand da, in Zivil, den hohen Hut abgezogen, in Uniform, die Hand am Helm.

Blond und strahlend erschien die junge Königin. Der König, heute wieder Illzenauer Dragoner, sprang ihr voraus (»leichtfüßig« hätte der »Staatsanzeiger« gesagt) und wollte ihr die Hand reichen, aber schon war Königin Ebba mit einem Satze unten. Die kleine Lene Ehrlich, Töchterchen des Werkmeisters Ernst Ehrlich von der Vaujuwa, ausgewählt, weil es nicht allein das schönste Kind war in Weyher, sondern auch von erfreulicher Dreistigkeit, überreichte der jungen Königin einen Blumenstrauß. Aus der Hofgärtnerei? O nein, selbst gerupft, denn die Wurzeln hingen noch daran. Gleich war denn auch Ihrer Majestät duftiges helles Frühlingskleid mit Erde von den eingetrockneten Ballen berieselt.

Doch die kleine Lene klopfte sofort den Staub ab. Als die Königin sie lobte ob ihrer Sorgsamkeit, hob sie altklug den Finger:

»Die Mama hat chesagt, Lene, hat se chesacht, daß de nur die Kenichin nich vollschmieren tust!«

Und die feierlichen Gesichter rundum verzogen sich. Aller Würdeernst war dahin, das Eis gebrochen. Als nun gar die Königin das Kind auf den Arm nahm, obwohl es schon ansehnlich groß und schwer war, sagte Frau Eisengießer Abscheider ganz laut:

»Guttvertimmich, die is aba stark!« Nun lachte man erst recht. Die Absperrung ward durchbrochen, alles drängte durch die Kette der Festordner auf die schönen Juteteppiche der Vaujuwa. Da sah die Königin an der Schärpe der kleinen Lene Ehrlich das Grünrot Ölands. Schnell wendete sie den Stoff um, daß jetzt das Rot oben stand und das Grün unten: die Farben Tillens:

»Ich bin doch Tillin!«

Die Kinder blickten verlegen auf ihre Schärpen und wandten sie auch um. Damit wurden die Öländer zwar Tillen, aber die Tillen Öländer, so daß völkisch nichts gewonnen schien. Und abermals lachte alles wie eine glückliche Familie. Hat Ernst der Dritte nicht solches von seiner Schwadron zu Sturz gesagt?

Wie nun das Königspaar hinaustrat auf den Platz vor dem Bahnhof, sahen sie des Herrn Kommerzienrates seit heute morgen »von« Bast Zaubergarten: der Flieder duftete, aber der Herr Kommerzienrat war verduftet, und die Brunnen sprangen, doch der Herr Kommerzienrat selbst war entsprungen. Staunen und Stille empfing sie. Tusch war ausgetuscht. Wer sollte nun Hurra brüllen? Man sah, wie Ernst der Dritte erleichtert aufatmete.

Was geschah da aber in dem Schweigen, als die Majestäten vor dem offenen Vierspänner, aus dem Sattel gefahren, standen? Die Hüte sanken einer nach dem anderen von den Köpfen der Arbeiter in ihren sauberen Sonntagsröcken, nur einzelne, gleichsam ihre klasseneingestellte Gleichgültigkeit zu betonen, in ölbeschmutzten Werktagskitteln. Und, neues Wunder, aus der Menge kam ein Ruf, kein amtlicher, kein Schusterruf, nicht vom Herrn Oberbürgermeister, Gott habe ihn selig, nicht vom Herrn Stadtverordneten Speichelfluß, Gott habe ihn noch seliger, nein frisch und hell, vielleicht aus einstiger Soldatenkehle, der Ruf:

»Unsa Kenich und seine Kenichin leben hoch!«

Verdutzt mögen etliche sich umgeblickt haben, doch die Menge brüllte. Mochten einige auch die Faust in der Tasche ballen: das rote Weyher brüllte, brüllte irgend etwas, ganz gleich was.

Die Terz auf des Königs Wange lief an, rot wie das rote Weyher. Königin Ebba neigte sich nach allen Seiten. Ernst der Dritte grüßte, die Hand am Helm. Als nun das Rufen immer weiter klang, tat Ernst der Dritte etwas, das ihm später verschieden ausgelegt worden ist: in innerer Bewegung nahm er den Helm ab, als entblöße der Herrscher sein Haupt vor dem Volke, dem er durch Blut wie durch eine arme und harte Jugend angehörte, und führte die junge Königin vor, daß sie nur auch jeder recht sähe.

Da nun aber die hohe Frau noch immer die Hand der kleinen Lene hielt, die dankend nickte in der Meinung, nicht anders als der Oberst Spyon einer ganz, ganz fremden Macht, der Jubel gälte ihr, weil sie doch ihre Sache so gut gemacht, so sagte Gumma Stänker, heute ein Weib in grauem Haar:

»'s war ooch Zeit, daß Se jeheiratet ham, 's Kind is nu schon recht hiebsch jroß!«

König und Königin stiegen ein. Lene Ehrlich blieb etwas betreten zurück und fing an zu weinen. War der Prinzessinnentraum denn ausgeträumt?

Inzwischen fuhren die Herrschaften im Schritt davon, und immer verneigte sich die Königin lächelnd nach allen Seiten. Die Hüte sanken von den Köpfen. Ein Hoch löste das andere ab. Schwarz standen die Straßen von Menschen; und die Taschentücher wehten, denn mit den Weibern ging trotz finsterem Verbote ihr ewiger Trieb durch, zu feiern und zu festen. Doch wer sagt, die Männer seien gar so finster gewesen im roten Weyher? Zeigte sich nicht sogar das Haus des Herrn Friedewart Schreyer im stolzesten Schmuck der Teppiche, Bettvorleger und Decken der Vaujuwa, obwohl, ausgerechnet an diesem Tage, der alte Schreyer notwendig in seinen Wahlkreis Stangenberg verreist war? Hatte der Herr Wachtmeister geholfen, oder gar das geschäftstüchtige Tippfräulein der Vaujuwa?

Durch die Buntenstraße näherte sich der Vierspänner der Brücke. Hier hing mitten in dem Flaggenwalde von Rot und Grün ein blutroter Lappen. Ernst der Dritte hatte ihn mit sicherem Soldatenauge, geschult, jede Unregelmäßigkeit in der Front zu erkennen, wohl bemerkt, lief doch später eines jener einprägsamen Worte des Königs um, die zu seinem Bilde zu gehören scheinen:«

»Sie haben das Grün vergessen! Nur ihr Vaterland.«

Nun rauschte der Fluß unter ihnen, von der Schneeschmelze in der hohen Munde geschwellt. Und das schöne Bild der alten Stadt, das die Reisehandbücher mit zwei Sternen werteten, tat sich auf: die braunroten Dächer der Häuserzeilen, darin am Tillkai die großen Hotels mit ihren blaugrauen Schieferdeckungen; die blitzende Glaskuppel des Paradieses; die figurenreichen Krönungen von Oper wie Museum und, kupfergedeckt, grünschillernd die zwölf Türme Tillenaus. Zwölf, weil es besser klang; es waren aber beim besten Willen nur elf herauszuzählen. Ernst der Dritte nannte sie der jungen Königin: Dom, Heiligegeist-, Marien-, Sigismund-, Pfarr-, Stadtkirche, dazu Schloß, Rathaus und die drei gewaltigen Berchfrite der alten Stadtumwallung, rätselhaft die drei Jungfern geheißen, vielleicht weil sie leider öfters eingenommen worden.

Darüber waren sie in Tillenau. Der König spähte ängstlich: jetzt mußte Tusch erscheinen: Hurra! Doch alles blieb still. Wußte Seine Majestät denn nicht, daß der Herr Oberbürgermeister im Sanatorium »Illusion« auf ewig gesundet war?

Endlos ging es durch den Irrgarten der Stadt, endlos, Straßen hin, Straßen zurück, im Schmuck der Fahnen und Tannenreiser. Blumen wurden in den Wagen geworfen, so daß Füße und Kniee bald einem Beete glichen. Und immer klang das Hoch, und immer grüßte Ernst der Dritte, und immer neigte die schöne junge Königin das holde Haupt.

Während sie nun so Straßen kreuzen, Plätze schneiden, um Ecken biegen, und die Sonne langsam niedersteigt, sehen wir, bisher allein beschäftigt mit dem Glück des Königs, verwirrt auch wohl vom Liebreize der jungen Königin, daß vor dem Vierspänner einer vorausfährt in blinkendem Polizeihelm. Ist es etwa jener mit Blausucht, Trommelschlägelfingern und knarrenden Stiefeln, der einst Seine Majestät vigilieren ließ? Nein, es ist augenscheinlich eine schlechte Zeit für Stadtgewaltige: auch Polizeipräsident Wichtig mußte dahin. Einzugssorgen sind nicht gut für Verantwortliche, deren Herz den Dienst versagt.

Der kleine Oberst z.D., eng in die Uniform gepreßt, den Schnurrbart zeitgemäß emporgebrannt, der, ferne der großen Stadt, dahingewelkt wie das Bockbein, hat sich zurückgeschlängelt in die Nähe höfischer Gnaden. Wer möchte Puppchens je vergessen?

Hinter dem Viererzuge, neben dem links der Oberstallmeister von dem Grimme reitet, gelb und immer ein Auge auf den ruhigen Gang der vier Füchse vor dem Wagen, rechts der Stadtkommandant von Tillenau, Generalleutnant Leichengeher, der seine stolze Generalstabslaufbahn wegen gar zu viel verlorener Schlachten mit jener hat vertauschen müssen, wo er zwar keine Schlacht verlieren, aber auch keine gewinnen kann, also hinter dem offenen und vergoldeten Viererzug der Majestäten kommen alle unsere Freunde: Voran im Zweispänner der schöne Theodor, den Helm schief aufgesetzt etwa wie einen weichen Zivilhut. Neben ihm Prinzessin Ingeborg, strahlend ob des Tages: ihr Werk! Da fährt die alte Prinzessin Aurora, etwas gebeugt von den Jahren und mit einem der Zeit spottenden Hut, gewiß noch aus ihrer Jugend, aber es ist, als hörte man sie »himmlisch« zu ihrem Mirabellchen sagen.

Da lächelt Sturz, rot, rund und zufrieden. Da erblicken wir den neuen Kommandierenden des XXXX. Armeekorps, General d.K. von Martingal, den man in Tillen kaum gekannt, weil er im großen Generalstabe die letzten Jahre verbracht. General von Kratzig trägt längst den Zylinder (im Sommer Strohhut), der ihm seit Seiner Majestät schmählichem Verrat gedroht. Da dunkelt des Kriegsgottes Kotz von Gerben scharfes Gesicht, gelber noch als das des Oberstallmeisters.

Dem Rauhreiter glänzt das Großkreuz des Ordens Björn des Zwölften über dem linken Rippenraum. Dem Flügeladjutanten Oberstleutnant Freiherrn von und zu Auffrecht, in seiner blonden Größe fast ein Öländer, hängt er einfach zum Halse heraus, genau wie dem Leibarzte Doktor Medicus. Werden sie da Gesichter machen, die zu Hause geblieben sind!

Und nun kommt der neue Hofstaat Ihrer Majestät der Königin: Ihre Exzellenz die ewig fröhliche Frau Oberhofmeisterin Freifrau von Gängelband, geborene von Lachhafft, neben ihr Gräfin Lamm, die sich die Königin als Hofdame ausgebeten, da sie im Nordischen Palais mit dem Lämmchen sich so eng befreundet hatte. Auf dem Rücksitz aber erblicken wir den eben ernannten Oberhofmeister Generalmajor z.D. von Hengst, einst Regimentskommandeur des Prinzen Arbogast, als er seine Schwadron so schlecht vorgestellt.

Inzwischen tut sich der wundervolle Osterburger Platz auf, von den herrlichen gotischen Gildehäusern der Kaufleute, der Lebzelter, der Schreiner umstanden. Der Zug biegt um zum Dom, aus dessen Hochtor die Geistlichkeit tritt, die Bibel geschultert. Und der ganze rechteckige Platz, den der Baedeker einen der schönsten der Welt genannt, daneben der Brüsseler kleinlich wirkt, dem Dresdener zwischen Oper, Zwinger und Katholischer Hofkirche die Geschlossenheit mangelt, der ganze einem Festsaale gleichende Platz, steht schwarz voller Menschen. Kompagnien des Leibregiments wie des zweiten Infanterieregiments »Kronprinz« sperren ab. Alles wedelt und winkt und überschreit den vom Herrn Musikdirektor Verschlepper vorgetragenen Stadtmarsch mit den unterlegten Worten:

»An der Till da liegt ein Städtchen,
Da sind reizend alle Mädchen!
Denn die häßlichen, o Graus,
Gehen nur am Abend aus!«

Die Häuserwände werfen den Schall so gellend zurück, daß der Oberstallmeister sich in den Bügeln hebt, ob nicht etwa die Pferde unruhig werden, wie es bei der Beisetzung Ernst des Zweiten dem Kutscher widerfahren. Aber die Füchse schnicken nur stolz mit den Köpfen.

Vor dem berühmten Rathaus in köstlichen, von der Gotik sich erst leise ablösenden Formen, mit Blumen und Fahnen geschmückt und aus dessen Fenstern alte Teppiche hängen (nicht von der Vaujuwa), schließen Ehrenpforten sich zu einem Blumendach, darunter jetzt der Königliche Vierspänner hält.

Nun droht unrettbar Tusch! Ernst der Dritte lehnt sich, in sein Schicksal ergeben, zurück, denn jetzt steigt das Hurra. Aber da streckt einer sein Bockbein den Majestäten entgegen und lächelt sie an. Zwangsläufig lächeln König und Königin wieder. Kein Hoch ertönt, denn das Bockbein hat sich wohl gemerkt, wie der Rex eines Abends in Kap Salinas über das Hurrarufen gespottet. Kein Ehrentrunk wird gereicht; das Bockbein weiß, daß Ernst der Dritte gesagt:

»Ich kann doch den Wein nicht noch einmal wegschütten. Und mir fällt kein neuer Trick ein!«

Das Bockbein überreicht Ihrer Majestät der Königin nur Blumen. Der König spricht so leise, daß es bei dem Summen der neugierigen Menge kein Unberufener versteht:

»Es freut mich, Sie wieder in Tillenau zu sehen, aber ich hoffe auch, Sie werden es mir danken, daß ich damals gegen Sie anständig gewesen bin!«

Und das Bockbein verneigt sich, bis die Röllchen vorrutschen und das haarige Vorderbein erscheint:

»Machestät riesich anständig. Ich bin und bleibe ewig Euer Machestät dankbarer und jehorsamer Diener.«

Dann ziehen die Pferde an. Es ist noch ein weiter Weg! Das Volk aber, gewohnt, ein Hurra zu hören, zeigt sich enttäuscht. Frau Hulda Quaßler, »Viktualienhandlung« Frühbeetstraße 71, sagt zu ihrer Nichte, Frau Handelsagent und Wohnungsvermittler Hängeboden:

»Das is char kee richt'cher Einzuch! Nich mal brillen tun se!«

Bald biegen die Wagen auf die Ringstraße ein, und nun erst sieht man, was die Effau vermag: ein Flaggenmast steht am anderen. Doch dieses dürfte nur eine Geldfrage sein, aber Herrn Doktor Siegmund Erfasser ist weit größeres gelungen! Von jenen verdächtigen Düften, die hier längst alle besseren Mieter vertrieben haben, spürt man nichts. Dagegen schwirrt etwas in der Luft. Jeder schnuppert und wendet die Nase. Der schöne Theodor fährt sogar so heftig herum, daß Gefahr droht, er möchte den Helm verlieren. Sturz, als Landwirt auf Düngerdunst und Ammoniak eingestellt, windet, von Zweifeln hin- und hergerissen. Und nun erblickt man des Rätsels Lösung: mächtige Kupferpfannen ruhen auf Altären längs der breiten Ringstraße, daraus steigt ein Opferdampf von Myrrhen und Ambra wie im Alten Testament.

Vor der Effau aber steht der Herr Generaldirektor Doktor Siegmund Erfasser auf einer Rednerbühne, deren Laubgewinde geschickt seine krummen Beine verbirgt.

Schon von weitem hebt er die Hand. Der Wagen hält. Und wenn auch Herr Doktor Siegmund Erfasser jenen starken Obstgeruch mancher Zuckerkranken von sich gibt, so geht ihm doch die Rede süß und glatt vom Munde:

»Euere Machestäten zu begrüßen, gestatte ich mir im Namen der Effau (er sagt nicht Fäkalien-Veredlungs-Gesellschaft m.b.H.), damit aber im Namen Tillens, sogar im Namen der Menschheit. Alle müssen sich nähren. Wir nehmen und geben. Es ist nur ein Wechsel, indem nichts umkommt im Haushalte der Natur. Sozusagen das anjewandte Chesetz von der Erhaltung der Kraft. Dieses zuerst dargestellt zu haben, ist in Tillen jelungen und unter der sejensreichen Rejierung Euer Machestät. Da drängt es mich nun, wo das Könichhaus durch die Vermählung Eurer Machestät jesichert ist, dankbar Ihrer Machestät der Könichin zu gedenken und damit wieder des Hohen Herrscherhauses, unter dessen Schutze Handel und Wandel gedeihen! Vivat crescat floreat die...«

Muß hier nicht alles zittern, der kranke Mann, ohnedies ermüdet durch das lange Stehen, könne sich vergessen, und, da er schon mit der Einzahl angesetzt, die Effau hochleben lassen? Wer vor solchem bangt, kennt den glänzenden Aufsichtsratsredner,den berühmten Schachspieler nicht, nein, seine Worte münden in ein Hoch aus auf die Majestäten. Staat und Stadt haben sich beschieden, der Effau ist es vorbehalten, zu erfüllen, was Frau Hulda Quaßler, Viktualienbandlung Frühbeetstraße 71, wie Frau Handelsagent und Wohnungsvermittler Hängeboden so schmerzlich vermißten. Ja mehr noch: der Herr Generaldirektor, in jungen Jahren einst Mitglied des kaufmännischen Gesangvereins »Aphonia«, setzt plötzlich in dem Schweigen nach dem letzten Hoch ein zur Volkshymne: »Ernst dem König, Heil und Segen!«

Kaum ist der Gesang verklungen, so erwidert Ernst der Dritte dieses, gewiß wert nicht vergessen zu werden:

»Ich danke Ihnen, auch im Namen der Königin, für Ihre freundlichen Worte und wünsche Ihrem Unternehmen steigenden Erfolg. Er kann um so weniger fehlen, als Sie ja im Gegensatz zu so vielen Betrieben niemals Mangel an Rohstoff haben werden.«

Ist nun solches eine Entgleisung, indem Ernst der Dritte sich nicht völlig der Tragweite seiner Worte bewußt gezeigt, oder müssen hier Anhänger der Vererbungslehre etwas wittern, das, im Osterburger Blute liegend, sich bereits bei des Königs Sigismund des Neunten in Gott ruhender Majestät durch Blasinstrumente entpuppt hat?

Wer möchte es sagen! Fest steht nur, daß der Wagen mit den Majestäten unter brausendem Jubel weiterfährt. Der schöne Theodor, übrigens, wie man munkelte, Hauptgesellschafter der Effau, aber hat nach seiner Rückkehr ins Nordische Palais zu seinem Privatsekretär, dem freien Schweizer Doktor Vögeli, bei dem er kein Blatt vor den Mund nahm, gesagt:

»Ich hätte nie jeglaubt, daß Seine Machestät so witzich sein könnte, denn grade die Schlagfertichkeit fehlte ihm noch ein bißchen!«

Nun bleibt allein die Fahrt durch den Fahnenwald der Stechbahn, trotz der Ringstraßenanlage immer noch die Hauptverkehrsader Tillenaus. Es muß aber gesagt sein, daß, obwohl das Museum ein paar Wandteppiche, ja einige Robbiaarbeiten hinausgehängt hat, aus dem Landtage etliche seiner im ganzen doch recht wenig nützlichen Bewohner blicken und auf dem großen Ballone der Hofoper die großen wie die kleinen Luftröhren aufgeregt winken, es dennoch hier, wo Stadt und Staat am Werke gewesen, nicht so farbenfroh und lustig aussieht wie dort, wo jene Industrie gearbeitet, die, wie Seine Majestät Allerhöchstselbst so richtig bemerkt, um Rohstoff niemals verlegen sein kann.

Es hilft auch nichts, daß der »feine Hund« aus Schlipsen, Strümpfen, Hosenträgern, Hemden, Unterhosen und Hüten im Schaufenster die Namenszüge des Königspaares hergestellt hat, hilft kaum, daß der Schachklub »Springer« im ersten, der Schachklub »Matt« im zweiten Stocke wedelt, hilft wenig, daß Herr Rittmeister d.R., Alter Herr des Korps Hermunduria, Kommerzienrat von Bast am Fenster seiner schönen Stadtwohnung hinter seiner schönen Frau und den noch schöneren Töchtern bescheiden sich zurückhält, und hilft nur ganz gering, daß, nun die Dunkelheit schon niederzusinken beginnt, das alte Schloß im Glanze des neuen elektrischen Lichtes strahlt. Das dritte Infanterieregiment »Königin« hat heute die Wache gestellt. In der großen Eingangshalle stehen Oberhof- und Hofchargen zur Begrüßung. Der jungen Königin erstes Wort zum Oberhofmarschall von Flimmer lautet so, als ob der Rex selber gesprochen hätte:

»Gibt's bald was zu essen?«

Heute peifen die Herrschaften allein in ihren neuen schönen Räumen. Der alte Oberhofmarschall zeigt sie, denn der Rex hat wohl mitgeholfen, aber erst während der Reise ist aus seinen Zimmern im dritten Stock alles in den Sigismundflügel hinübergebracht worden. Alles? Du lieber Gott, ein paar Uniform- und Zivilkleidungsstücke, noch einige Bilder von des armen Narren Raffael Kreis Hand, und eine kleine Bücherei.

Ernst der Dritte überblickt seine wenigen Habseligkeiten:

»Ich habe mir nie was gekauft. Früher hatte ich kein Geld und dann... sollte ich allein in die Läden laufen?«

»Arm's Hascherl« hat Ihre Majestät die Königin Seine Majestät den König genannt. Der alte Flimmer kann es bezeugen, denn er stand daneben.

»Arm's Hascherl?« Das Wort, das die junge Königin irgendwo aufgeschnappt haben muß, klingt ein wenig fremd in nordischem Munde. Ernst den Dritten beglückt es. Vielleicht eine dunkle Erinnerung aus der Kinderzeit? Von der österreichischen Mutter, deren er sich kaum entsinnt, wie denn fast die ganze Verwandtschaft dahingestorben ist. Oder stammt das rührende Wort von jenem armen Hascherl, dem in Gott ruhenden Peter? Steigt nicht, längst vermodert in der Schloßkirchengruft unweit König Ernst dem Zweiten, die Gestalt des k.u.k. Rittmeisters wieder auf, das Haar in die Schläfen gebürstet, den Mariatheresienorden auf der Brust, dessenungeachtet er eines höchst unwürdigen Todes verblichen?

Ernst der Dritte dankt dem Oberhofmarschall für all seine Mühe und nennt ihn »meine liebe, gute, alte Exzellenz«. Wie ein Vater erscheint ihm der grade Mann, so gebeugt er auch steht bei der Last seiner hohen Jahre. Da sagt der Rex:

»Sie haben uns so schön das Nest bereitet, nun sollen Sie auch der erste sein, der bei uns sitzt!«

Aber wo ist die Königin? Sie tritt ein und greift, noch in der Tür, in das Nebenzimmer an die Wand. Jäh wird es nebenan dunkel. Sie hat das elektrische Licht ausgeschaltet, in Öland sparsam erzogen. Ernst der Dritte nimmt seine junge Frau beim Kopf, gibt ihr einen Kuß und spricht lächelnd zum alten Flimmer:

»Das steht nicht im Vormerkkalender. Oder darf ich das auch nicht?«

»Seine Majestät, der hochselige König pflegte zu sagen: ›Ein König darf, wie jeder Mensch, alles, was sein Gewissen ihm erlaubt‹.«

Es geht zur Tafel. Die junge Königin hat Hunger.

Währenddessen erzählen an der Marschallstafel die Glücklichen, die mit in Öland gewesen, von dem stillen und schönen nordischen Land. Am liebenswürdigsten Seine Exzellenz General d.K. von Rauh, der mit solcher Standeserhöhung sich gleichsam gehäutet und den Hofschranzen gegenüber den Säbel eingesteckt hat, etwa wie ein Wilderer, zum Jäger ernannt, nun plötzlich fühlt mit der grünen Gilde, die er doch eben noch blutig bekämpft.

Als nun der Ministerpräsident nochmals nach Seiner Majestät Befehlen fragt, sagt Ernst der Dritte, der ihn zerstreut in seinem Glücke wieder »Sturz« genannt:

»Verzeihen Sie, Herr von Sturzacker, ich rutsche immer in die Abkürzung hinein. Am Ende hat jeder seinen Spitznamen. Ich gewiß auch. Ich wollte Sie schon immer mal fragen, wie ich heiße.«

Der fröhliche Mann zögert keinen Augenblick:

»Der Rex, Euer Machestät!«

Der König blickt Sturz an aus seinen jetzt so glücklichen und doch immer leise traurigen blauen Augen:

»Ich war beim Regiment der Arbo, dann mal Herr Haasenhaar, dann der Señor, und nun... der Rex. Ich hatte ganz anderes erwartet, etwa... Ernst im Glück, denn ich kann Ihnen sagen, in meiner Frau habe ich alles gefunden, was ich mir nur je geträumt hatte...«

Und dann bleiben zwei glückliche Menschen allein. Wir wissen nichts mehr von ihnen, denn das allerhöchste Glück schweigt.

Dieses scheint das Ende, wie alles einmal enden muß. Aber soll man kurzsichtig meinen, nun sie einander angehören, sei alles gut und alles aus? Beginnt nicht jetzt erst das Leben? Ist, was den beiden noch beschieden sein mag, etwa eitel Glück? Hat nicht der Großherzog vom Westerwald geschrieben von dem, was dem alten Reiche droht? Hing nicht an der Tillenbrücke, Mahnung kommender Zeiten, ein blutroter Fetzen?

Was wird wohl aus dem ernsten König, der lieber Rittmeister bleiben wollte? Was wird wohl aus der holden Königin, nach Tillen verschlagen, ahnungslos, nur weil sie einen liebte? Wer mag in die Zukunft blicken?

Heute aber noch: »Viktoria geschossen! Die Königin ist da!«

ENDE

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