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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Zwischenspiel

Nun konnte endlich Hochzeit sein: die Streu war gemacht. Doch ... halte inne, Erzähler ... wer spricht von Hochzeit? Allein die Tillenauer, die alles wissen, nur ist alles falsch. Haben du und ich es je anders gehört, als daß die Hochzeit im Lande der Braut ausgerichtet wird? Als diese Alltäglichkeit bekannt wurde, ergriff die guten Tillen so schwere Mißstimmung, daß man am Hofe einsah: was dem Volke an Hochzeitsrummel entging, mußte ausgeglichen werden durch einen Einzug der Jungvermählten, wie ihn Tillen noch nicht gesehen. Dazu blieb aber mancher zum Empfange in Tillenau zurück, der gehofft, im Gefolge des Königs zu sein. Es ist nun beschämend, den Gründen nachzugehen, die viele trieben, die Hochzeitsfahrt mitmachen zu wollen. War es etwa Wissensdurst, weshalb der Hausmarschall Graf Schellenlaut auch im Norden sein ewiges Lächeln zeigen wollte? Oder wünschte der Freiherr von Malthus das Land der »Nordlandsrache« zu besuchen, nur um festzustellen, ob die Ausstattung seines zweiten Aktes stilgerecht sei? Was mochte wohl den alten Oberstabelmeister Freiherrn von Quatsch, taub und vertrottelt, bewegen, nach dem Schaukeln der Ostsee sich zu sehnen, er, den doch schon auf der Überfahrt zur Schloßinsel höchst peinliche Gefühle zu überkommen pflegten? Was trieb Seine Exzellenz den Herrn Kriegsminister, jetzt General d. I. Kotz von Gerben zur Wikingerfahrt? Doch nicht die Ergründung Öländer Heereseinrichtungen?

In welcher Eigenschaft wollte gar der Herr Kommerzienrat Bast im Gefolge Seiner Hochzeitlichen Majestät sein? Etwa als Handelsattaché? Der Ministerpräsident schlug es ihm ab mit den Worten:

»Linderung der Armut! Da ist ein weites Feld, das auch der Staat anerkennen wird. Wir brauchen nicht alles Herrn Schreyer zu überlassen, obgleich er, bei elektrischem Lichte besehen und bei +18 Grad Réaumur – was es alles bei ihm gibt, ein Mann ist, mit dem sich reden läßt. Sie werden cha durch die Tochter unterrichtet sein!«

Und Sturz zwinkerte listig mit seinen kleinen Schweinsäuglein, die tief in den fetten Wangen saßen. Steigt bei alledem nicht ein beschämender Verdacht auf? Hing nicht der Orden Björns des Zwölften an einem wunderschönen grünroten Band?

Als nun das Gefolge feststand (um dem einfachen Ölander Königshofe keine allzu großen Kosten zu überbürden, nur Rauhreiter, Auffrecht, Leibarzt, sowie jene Damen und Herren, die fortan den Hofstaat der jungen Königin bilden sollten), da begann Sturz dem Rex vom Einzuge zu reden.

Ernst der Dritte erschrak:

»Muß denn immer Klimbim sein?«

Sturz: »Das Volk verlangt es.«

Ernst der Dritte: »Was haben denn die Leute davon?«

Sturz: »Sie verdienen, Machestät, und kriegen was zu sehen.«

Ernst der Dritte: »Mich kennen sie doch!« Sturz: »Aber nicht die junge Königin.«

Ernst der Dritte (fast eifersüchtig): »Hören Sie mal, Sturz, die gehört mir!«

Sturz: »Ich bezweifle es, Machestät, sie gehört auch dem Volke. Dafür ist sie Königin.«

Ernst der Dritte (niedergeschlagen): »Aber wir fahren den kürzesten Weg vom Bahnhofe zum Schloß!«

Sturz: »Ich widerspreche. Alle wollen was sehen, nicht bloß die an den nächsten Straßen. Panem et circenses. Es stärkt auch den monarchischen Gedanken, und...«

Ernst der Dritte (merkt auf): »Und?...«

Sturz: »Und der kann's brauchen. Ich fürchte, er ist ein bißchen wacklich. Euer Machestät haben mir neulich erzählt, was der Großherzog vom Westerwald von der Einkreisung geschrieben hat, die er für Tatsache hält, und er weiß doch gewiß durch seine ausländischen Famillenbeziehungen manches besser als wir. Na, dann meine ich: das Allerwichtigste ist, daß wir Deutschen geschlossen sind, und da brauchen wir alle Volksteile. Es wird aber manches gesündigt, nicht nur von unten!«

Ernst der Dritte (sehr ernst): »Glauben Sie, daß ich nicht oft empört bin über vieler Benehmen so von oben herab? Ordnung muß sein in jedem Gemeinwesen, das sich nicht selbst aufgibt, und wer bei Schleyer nicht pariert, fliegt eher als bei uns, aber man kann doch anständig mit den Leuten reden und braucht nicht jeden gleich anzubrüllen. Meine Schwadron ging durchs Feuer für mich, dafür habe ich auch nie getan, als ob ich was Besseres wäre, ohne daß ich etwa die Zügel hätte schleifen lassen. Wie eine große Familie muß es sein. Als König kann man das nicht so, die Menschen haben nicht genug Vertrauen und sind zu dienstbeschissen. Gräßlich! Aber beiße ich je den König 'raus?« Sturz (ganz bewegt): »Ich sache nichts als: Schreyer hat neulich erklärt, gegen Euer Machestät persönlich hätte keiner was. Er hat ja auch einen Sohn in Illzenau, der Wachtmeister ist.«

Ernst der Dritte: »Ja, der war bei meiner Schwadron. Ich habe ihn damals zum Unteroffizier gemacht. Ein ausgezeichneter Reiter und ein treuer Mann. Aber Sie wollen fort. Also wenn der Einzug Dienst ist, will ich in den sauren Apfel beißen. Ich denke freilich dabei immer an – komisch! nicht? – Carmen. Vierter Akt. Einzug der Stierkämpfer. Schrecklich! Mir fällt eben was ein. In Illzenau war mal ein Wanderzirkus. Er zog vor der Vorstellung auf der Promenade um die ganze Stadt. Alles war wie verrückt, alles war an den Fenstern, alles auf der Straße.«

Sturz: »Und Prinz Arbogast hat auch zugesehen?»

Ernst der Dritte: »Natürlich!«

Sturz (lacht so, daß die Auglein ganz verschwinden): »Nu also, Machestät!«

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