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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Im Schwitzkasten

Hochzeit – hohe Zeit! Ja, ganz Tillenau stand auf dem Kopf: nun würde es was zu sehen und zu verdienen geben! Man rechnete mit einem nicht gewöhnlichen Zustrom vom Lande, vielleicht sogar der angrenzenden Saxonen, Bajuvaren und Borussen. Zum Einzuge der Braut würden Zuschauerbühnen errichtet werden, auch konnten die Anwohner der Hauptstraßen, etwa des Osterburger Ringes, wie der Stechbahn, Fenster vermieten. Die Wirte rieben sich angesichts zu erwartenden Massenbesuches und damit Massendurstes die Hände. Die Lohnkutscher, die Autovermieter sahen goldene Zeiten. Die Straßenhändler versprachen sich den größten Umsatz seit Jahren. Die Schaubudenbesitzer zählten auf ein paar starke Tage, zeitlich wie örtlich besonders günstig zwischen Dresdener Vogelwiese und Münchener Oktoberfest.

In Fahnentuch stand Hochbetrieb bevor. Man erkundigte sich nach den öländischen Farben: rot und grün wie Tillen, nur das Grün oben, so daß Zersteute, die ihre Fahnen verkehrt herum hingen, in den Geruch besonderer Aufmerksamkeit gegen die hohe Braut geraten mußten.

Nun gab es auch für die Zeitungen schier unerschöpflichen Stoff, denn was man über Öland von der Schule her wußte, war doch längst verschwitzt. So brachte der »Staatsanzeiger« einen Aufsatz über das uralte nordische Königshaus, dessen Ahn, Björn der Erste, ein Bauer gewesen. Sogar der »Prolet« trug der Neugier auch seiner Leser Rechnung und wußte nun Erstaunliches zu erzählen von Sitten und Bräuchen dieses einfachen Volkes, unter dem es keinen aufreizenden Reichtum gäbe. Dieses immer geschickt hetzenden Blattes literarischer Teil – nach Ernsts des Dritten – (Bezugsnummer 17 834) – Ansicht der am besten zurechtgemachte von allen Tillener Blättern – schloß seine Ausführungen mit dem für den »Proleten« doch höchst merkwürdigen Satze: »Patriarchalisch leben sie, ohne Klassenhaß und Neid.« Wie es denn diesem Blatte nicht selten widerfuhr, daß Leitartikel und Beiblatt etwas gegeneinander regierten.

Die Monatsschrift »Der Tillenspiegel« brachte sogar farbige Abbildungen von Land und Leuten und von wem? Von keinem anderen als von Raffael Kreis. Zwar hatten sich bei der Eile der Herstellung die Druckplatten ein wenig verschoben, doch merkte es, angesichts der Malweise des armen Narren, niemand, ja Doktor Neuordner erklärte es für einen neuen Abschnitt im Schaffen des Meisters. Kommerzienrat Bast, der seinem Musterzeichner acht Tage Urlaub nach Öland bewilligt, von denen der große Farbenvergeuder allerdings erst nach vierzehn zurückkehrte, da ihm bedauerlicherweise der Sinn für Zeit mangelte, zog auch daraus seinen Vorteil. Er veranlaßte nämlich, daß in den »Allerallerneuesten Tillenauer Neuesten Nachrichten«, deren Hauptgesellschafter er war, ein vielbeachteter Aufsatz erschien des Direktors des Tillener Kunstgewerbemuseums, Professor Doktor Stilmenger, über die Hauswebereien der Öländer, übrigens mit der keuschen Angabe, sie seien am besten kennenzulernen in den neuen Jutedecken der Baujuwa.

Kurz und mit einem Wort, in Tillen schien Öland Trumpf. Dieses Ölfieber (man schrieb das Land Øl, was in dem sprachlich verwandten dänisch Bier bedeutete) trieb die erstaunlichsten Blüten. Nicht allein, daß in der Goldenen Gabel, wie bei Rest & Neige plötzlich auch Øl verschenkt wurde aus der Königlichen Hofbrauerei Ølstad, sondern der Freiherr von Malthus brachte im Opernhause, gewissermaßen als Beweis seines erstaunlichen Mit-der-Zeit-gehens, eine Oper heraus, die bereits vor zwölf Jahren angenommen, aber niemals aufgeführt worden war. Von wem anders sollte sie sein als von unserem heimischen Tondichter Wolfgang Amadeus Wimmermann? Zufällig spielte sie in Öland, wenigstens behauptete es der Zettel. Die Öländer gebärdeten sich darin wie rasend, und das Publikum auch.

Es half nichts, daß Herr Doktor Johann Sebastian Gaumig, Musikberichterstatter der »Nasenresonanz«, der zufällig das Jahr zuvor eine Nordlandreise unternommen, behauptete, die Öländer hätten ihm einen wesentlich ruhigeren Eindruck gemacht. Der Erfolg aber warf Herrn Wolfgang Amadeus Wimmermann in einen fürchterlichen Zwiespalt. In seiner im Grunde fugengeneigten Seele fand er die Bühne roh, und nun stachelten ihn Erfolg und Einnahmen, wider sein Gewissen zu arbeiten. Aber unser heimischer Tondichter Wolfgang Amadeus Wimmermann hatte genau wie Seine Exzellenz der Oberjägermeister Graf Bärenfeist acht Kinder und kein Hausvermögen, das übrigens Ernst der Dritte ja eigentlich auch nicht besaß. Man sieht die Gleichheit der Menschen, ob sie nun Noten schreiben, keine Hirsche schießen oder keine Krone tragen, denn niemand noch hatte den Rex mit einer solchen erblickt.

So hohe Taten des Herrn Generalintendanten der Königlichen Schauspiele und Generaldirektor der Königlichen Kapelle brachten nun aber in das Paradies eine Unruhe wie nach dem Sündenfall, denn der, übrigens längst wieder nüchtern gewordene Herr August Sammelpferch, erste Tillener Artisten-Agentur, empfahl dem Direktor des Paradieses, Herrn Lobgott Michaël, eine Truppe von zwölf »Ölandmöven«. In Wirklichkeit waren es Schwedinnen, traten in schwedischer Volkskleidung auf und sangen schwedisch, was aber in Tillen niemand merkte. So brach denn allabendlich ein Beifall los, der jedesmal in Tosen überging, wenn das Öländer Nationallied »Gamle Björn« erklang, das weder öländisch noch ein Nationallied war.

Die Möven glichen übrigens der hohen Braut: groß, blond und blauäugig; wenigstens fanden es die Tillenauer; oder hatte man etwa kein Urteil? Fuhren nicht alltäglich Prinzessin Ingeborg und Prinzessin Ebba durch die Straßen der Stadt, und, wie der »Staatsanzeiger« in seinem ergötzlichen und nur das Königtum schädigenden Stile sich auszudrücken pflegte, »bewirkten namhafte Einkäufe«, auch wenn es nichts gewesen wäre als ein Gummifrosch? Ihn bekam nämlich im Krüppelheim Bethesda der arme kleine Hyeronymus Sündenfrucht, der vor seinem Scheiden vom schönen Tillen nur noch einen Wunsch hatte, einen Gummifrosch zu besitzen, wie der Sohn des Kommerzienrates Geldschneider im ersten Stock.

Kannte man nicht auch Prinzessin Ebba schon allgemein im Bilde? Hatte die Nimrodfamilie in Walden bei Fest & Condition gehangen, so hing jetzt sie in Tillenau beim Hofbuchhändler Ansicht, Osterburger Platz 19; aufgenommen von Herrn Hofphotographen Freundlich Nachfolger, nämlich Herrn Emil Daguerro Scharfschnitt. Wenn nun auch die Dargestellte in jener liebenswürdigen Weise die Zähne wies, wie kein Mann der Öffentlichkeit oder keine Berufsschönheit sie mehr für entbehrlich hielt, so fehlte doch dem Lichtbilde der Hauptreiz dieses schönen Geschöpfes: die zarte Hautfarbe, die Bläue der Augen, das goldene Haar. Die Gestalt war freilich nicht zu verbergen. Man hörte denn auch überschwengliche Urteile vor den Scheiben, hinter denen die Bilder baumelten.

Sagte nicht der Eisendreher Stramm bewundernd zu seiner Frau:

»Das gloob ich! Unser Kenich hat aber Dusel entwickelt!«?

Oder die schwindsüchtige Mantelnäherin Pleura Nachtschweiß zu ihrer Freundin Mangel, Wäscherin in Weyher, Neue Straße 14:

»... cha, wer sich so nähren kann! Und wie die Spitze scheen geplättet is!«?

Oder endlich bei Betrachtung der Prinzessin Ebba im Ballkleide der stud. chem. Justus Lackmus:

»Sieh nur, Venchen, hat die 'ne schöne Büste!«

Worauf die Ladnerin Fräulein Vena Sitzgern, die ihn mittags an der Universität abzuholen pflegte, gekränkt erwiderte:

»Ich bin aber auch schön chebaut!«?

Als Prinzessin Ebba und ihre Schwester, die Königin Ingrid, nach Öland zurückkehrten, denn es gab dort noch allerlei zu ordnen, trat der Vormerkkalender wieder in sein Recht. Und mehr als das, galt es doch jetzt, wie die alte Prinzessin Aurora sich in ihrer himmlischen Weise ausgedrückt, »das Nest polstern!«. Piephacke hatte es anders gewendet:

»Seiner Machestät, jetzt missen mia bald füa Ihre Kenigliche Ebba die Streu machen!«

Eines leuchtete jedem ein: in den zwei recht geschmacklosen Zimmern, mit denen der König im dritten Stock des Wassertraktes sich begnügte, konnte das junge Paar nicht wohnen, auch wenn man von dort die Pferde sah. Wo sollte außerdem das Heiratsgut der Prinzessin Ebba untergebracht werden, das jeden Tag eintreffen mußte? Um die Wahrheit zu gestehen: man erwartete in Tillen nicht viel davon. Der Hausmarschall Graf Schellenlaut, den diese Dinge vornehmlich angingen, sollte geäußert haben, es würden wohl so ähnliche Möbel sein, wie in der Bauernstube im zweiten Akt der »Nordlandsrache« des Herrn Wolfgang Amadeus Wimmermann. Welches Staunen aber, als jene Einrichtung ankam aus der Hinterlassenschaft Björns des Einundvierzigsten mit dem Beinamen »des Verschwenders«, die Königin Sigrid großmütig ihrer Schwester abgetreten hatte, und sie sich als vom reinsten und schönsten Empire erwies. Damit schien der Sigismundflügel gegeben, nämlich die Gemächer weiland Seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen. Zwar hatte Ernst der Dritte dort nicht den Blick auf die Pferde, aber doch wenigstens auf Seine hohe Gemahlin.

Ein neues Bild tut sich nun auf: der König, sobald er nur einen freien Augenblick hat, bei den Handwerkern. Mit jenem persönlichen Zugreifen, ihm aus der Rittmeisterzeit eigen, reicht er dem Stukkateur Ernst Gipstrüger den Eimer auf die Leiter hinauf, wobei er weiß bestäubt wird wie einst, wo er im Nordischen Palais nach jenem unterhaltsamen Mehlschneiden als Hanswurst vor dem betretenen Puppchen gestanden; mit seiner guten Zeichengabe entwirft er aus freier Hand eine Empireverzierung vor den erstaunten Augen des Herrn Hofdekorationsmalers Peter Paul Tüncher, der dazu grundsätzlich die Schablone nimmt. Und derart ist Seine Majestät dabei, die Streu zu machen, daß er mit dem Herrn Hoftapezier und Kammerdekorateur Roßhaar die Nägel einschlägt, um Stoffe an die Wand zu spannen.

Nun fehlten im Königlichen Residenzschlosse, höchst verwunderlich in dieser doch schon vorgeschrittenen Zeit, sowohl elektrisches Licht wie Zentralheizung, während solche im Landtage selbstverständlich wären und durch Fürsorge des Herrn Schreyer, Fachmann für Überheizungen, so hervorragend arbeiteten. Um die Wände später nicht nochmals aufreißen zu müssen, hatte man schon jetzt die Schächte für die Heizung durch die Mauern getrieben und die Leitungen für das elektrische Licht gelegt.

Wer zahlte das nun? Die Lösung schien ebenso schwierig wie einfach und hat des Ergötzlichen manches gebracht. Es bleibt nämlich nichts anderes übrig: wir müssen dazu einen Blick in den Schwitzkasten werfen.

Der Landtagssitzungssaal ist zu denken als einem Theater nicht unähnlich, wie denn hier viel Theater gemacht wird. Er stammt aus der nüchternsten Zeit, nämlich der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, und gähnt daher vor Langerweile, genau wie die Reden der Landboten. Man darf ihn also unbesorgt stilvoll nennen, indem Äußeres und Inneres einander entsprechen. Der Präsidentensitz thront so hoch über dem Treiben der Herren Abgeordneten, daß man wohl versteht, wie dem Herrn Präsidenten Doeser dort oben die schwer beleidigenden Artigkeiten entgehen, mit denen tief unter ihm die Herren einander bedenken, noch dazu, weil ihm der Herr Saaldiener grundsätzlich immer während der wichtigsten Vorgänge allerlei zur Unterschrift hinaufreicht. Hier ergibt sich nun die Zwangslage: entweder er folgt nicht den Verhandlungen, oder er unterschreibt Dinge, die er nicht gelesen hat. Es ist nur anzuerkennen, daß er bei seinem hohen Verantwortungsgefühl lieber auf die ohnedies lähmend ledernen Reden verzichtet, wobei freilich die Frage droht, wozu eigentlich der Herr Landtagspräsident Ehregott Doeser da oben sitzt? So muß er denn fast alltäglich, wenn der alternde Herr Schreyer gesprochen, oder der Zarenverherrlicher z.D. Herr S.Gold, oder der junge Stern am morgenrötlichen Himmel, Herr Doktor Maulwurf, oder der hahnebüchen, jedoch fehlerhaft redende, neugewählte Herr August Knüppeldick, erklären: Wenn er die Äußerung des Herrn Abgeordneten gehört hätte, was leider nicht der Fall gewesen, daß dieses Hohe Haus seines Präsidenten würdig sei, er ihn unfehlbar zur Ordnung gerufen haben würde, was hiermit nun nachträglich geschehe. Um der Gerechtigkeit willen sei hierzu zweierlei festgestellt. Einmal, daß niemand weiß, ob nun das Hohe Haus sich beleidigt fühlen muß oder sein Präsident. Dann aber, daß der zur Ordnung Gerufene es nicht vernimmt, da er entweder an einem Brandaufsatz für den »Proleten« schreibt, oder bereits im Frühstückszimmer verschwunden ist. In diesem ernster Arbeit für das Staatswohl bestimmten Hause spielt nämlich gerade dieser Raum die ausschlaggebende Rolle. Meist ist er überfüllt. Was etwa noch im Sitzungssaale zurückbleibt, macht mehr den Eindruck, falls solcher Vergleich erlaubt ist, von Schmierestehern bei einem Einbruche, indem sie nur da zu sein scheinen, um, sobald eine Abstimmung droht, die futternden Parteifreunde hereinzurufen.

Seine sichersten Einnahmen hat der Wirt, der Königliche Hoftraiteur Reh, ehemals Hauptbahnhof Tillenau, wenn der Abgeordnete für Stangenberg, Herr Friedewart Schleyer, das Wort ergreift, denn dann weiß man, daß der Abend einbrechen wird, ehe er seine Rede beendet. Übrigens muß zu seiner Ehre gesagt werden, daß er immer mit dem gleichen Eifer spricht, auch wenn nur seine Parteifreunde anwesend sind, deren Zuhören um so anerkennenswerter ist, als sie doch genau wissen, was er sagen wird, nämlich was in seinen siebenhundertachtundsechzig Wahlreden vor dem Fenster und seinen vierhundertdreiundvierzig Reden aus dem Fenster längst festgelegt ist. Wir haben jetzt das nicht alltägliche Glück, einem großen Tage dieser wunderlichen Versammlung beizuwohnen. Oder ist es etwa nicht verwunderlich, wie so viele anderwärts nützlich zu beschäftigende Männer viele Monate im Jahr, somit einen wesentlichen Teil ihres Lebens, damit vergeuden können, anzuhören oder wiederzugeben, was längst in ihren Parteiblättern steht? Sind dies die Drohnen im Staatsstock, oder erblicken wir hier gar jenes dem Irrenarzte geläufige Krankheitsbild von Rededrang und Selbstüberschätzung?

Auf der Ministerbank sitzt Sturz, rot, rund und zufrieden. Neben ihm der lahme Finanzminister Doktor Hund. Der Landtag ist voll, da bei der Vorlage: »Bewilligung der Kosten des Einbaus einer Zentralheizung wie elektrischen Lichtes im Königlichen Residenzschloß« vielleicht eine Rauferei zu erwarten steht, der einzige Vorgang, der es lohnend erscheinen läßt, das »Hohe Haus« zu besuchen. In der Diplomatenloge erblickt man außer in Tillen altbekannten Gesichtern, wie dem bewährten Bajuvaren Doktor Maaß Ritter von Vollbier, dessen rötlichem Schlage die Jahre nichts anhaben können, oder dem allzu höflichen Lausitzer, Exzellenz von Gaffe, der neben dem ekligen Besserwisser, Exzellenz von Klops, nicht aufkommen kann, ein paar neue Erscheinungen, so den K. und K. Geschäftsträger Grafen Slivovitz, der sich nach Tillen zurückgefunden hat, offenbar weil er anderwärts nicht zu brauchen war.

Vom Hofe ist der alte Oberhofmarschall von Flimmer anwesend. Zum erstenmal sieht man ihn mit einem Augenglase. Hausmarschall Graf Schellenlaut lächelt auch hier. (Warum?) Die verschobenen Nasenmuscheln bösen Wetters streben auseinander. Ein Künstlerkopf mit Spitzbart, wilder Mähne wie wehendem Schlips, der Herr Hofbaurat Einsturz versöhnt das Bild. Soll nun etwa hier ein Sitzungsbericht gegeben werden? Er möchte kein Ende nehmen. Nein, herausgegriffen sei nur: Als Herr Friedewart Schleyer, der schon seit drei Stunden auf der Rednerbühne steht, den abgekauten Bleistift schwingend, wie der schweren Veitstanzes verdächtige Herr Generalmusikdirektor Marder, sich zu Worten versteigt, die auf den Endsturm seiner Rede deuten, stürzen die Schmierensteher und Streikposten davon. Der Abgeordnete Schreyer sagt nämlich:

»Meine Herren, das Schloß ist strahlend erhellt, die arme Näherin aber, die bis in die sinkende Nacht hinein arbeiten muß, um nur ihren dinnen Gaffee zu verdienen, sitzt bei eener Ölfunzel und verdirbt sich die Augen, das eenziche Gapital, das sie pesitzt. Sie haucht in ihre erstarrten, zerstochenen Finger, während in Schlössern die Fenster anloofen von der Glut. Sollen mir da die Hand pieten, daß es noch heißer wird? ...«

(Zwischenruf rechts: »Im Schwitzkasten?«)

Abgeordneter Schreyer (fortfahrend): »Es ist hier hechstens anchenehm warm...«

(Zwischenruf rechts: »Plus achtzehn Réaumur!«)

Abgeordneter Schreyer: »Nur die Rechte rechnet in ihrer Rickständichkeit noch nach Réaumur... die Wissenschaft aber...«

(Zwischenruf aus der Mitte: »Professor Schreyer...«)

Abgeordneter Schreyer (der Mann der Zwischenrufe, der aber bei sich selbst keine vertragen kann, schlägt auf das Pult): »Wenn Sie mich unterprechen, kann ich nich reden.«

(Abgeordneter Professor Doktor Kleinklauber, nationalliberal: »Schade!«)

Abgeordneter Schreyer (entnervt): »Solche Unchezogenheiten werde ich nich länger mit anheeren...« (Begeisterte Rufe: »Einverstanden. Schluß! Schluß!«)

Abgeordneter Schreyer:»Meine Herren... meine Freinde denken an die Armen... wir aber...«

(Zwischenrufe: »Wühlen!«)

Abgeordneter Schreyer: »Wir wiehlen fier die Armen, Sie fier die Reichen, was edler ist, ieberlasse ich Ihrem Urteil... Meine Freinde werden nich die Hand pieten, um, während das Volk darbt, Schlösser zu ieberheizen und zu erleichten. Wir lehnen die Vorlache ab.«

(Setzt sich. Händeklatschen bei den Genossen. Zischen in der Mitte und rechts.)

Präsident Doeser (erwacht, klingelt):

»Herr Abgeordneter, ich bitte, den Redner nicht zu unterbrechen.«

Abgeordneter Professor Kleinklauber: »Er ist ja schon fertich.«

Präsident Doeser: »Ich habe eben jebeten, den Redner nicht zu unterbrechen, und Sie unterbrechen ihn schon wieder. Ich rufe Sie zur Ordnung.«

Abgeordneter Professor Kleinklauber: »Er spricht ja jar nich mehr!«

Präsident Doeser: »Herr Abgeordneter Braveng, ich rufe Sie zum zweiten Male zur Ordnung, und mache Sie auf die Folchen aufmerksam, die in der Jeschäftsordnung vorjesehen sind!«

(Stürmische Heiterkeit links. Die Abgeordneten Braveng, konservativ, und Kleinklauber, nationalliberal, stürzen sich auf den Präsidenten. Der Herr Saaldiener bringt Akten zur Unterschrift. Präsident Doeser nimmt unter Pfuirufen von der Galerie die Ordnungsrufe zurück, droht, die Galerie räumen zu lassen, erhält abermals Akten vorgelegt und erteilt dem Ministerpräsidenten von Sturzacker das Wort.) Sturz: »Meine Herren, der Herr Abgeordnete für Stangenberg I hat in seiner Rede, der ich wegen ihrer Dauer leider nicht ganz habe folgen können... (Zwischenruf links: ›Weil Sie friehsticken mußten!‹) Heißen Dank für die so überaus liebenswürdige Hilfe des Herrn Abgeordneten Knüppeldick. Er hat recht: weil ich frühstücken mußte. Ich hatte nämlich seit sechs Uhr früh nichts genossen...«

Präsident Doeser springt bei dem Worte »Genossen« auf, blickt bedroht um sich. Sturz fährt ruhig fort:

»Meine Herren, ich hatte seit sechs Uhr nichts im Magen, weil ich von sechs bis vor kurzem in Liesig war zur Besichtigung des Altersheims für arme alte Weiblein, Näherinnen mit erstarrten, zerstochenen Fingern und dergleichen, das Seine Machestät der König auf eigene Kosten in dem Ihm gehörigen ehemaligen Schlosse Liesig einrichten läßt. Wie mir berichtet worden ist, hat der Herr Abgeordnete Doktor Maulwurf in zwei glänzenden Wortspielen gesagt, einmal unsere Finanzen seien auf den Hund gekommen, dann die Vorlage locke keinen Hund vom Ofen, vielwenijer den Finanzminister Doktor Hund. Dieses ist blendend richtich. Unsere Finanzen sind beim Minister Doktor Hund, aber unser Etat hat dieses Jahr sogar einen Überschuß ergeben, und der Herr Finanzminister läßt sich nicht verlocken. Er ist nämlich nicht mehr da. Er ist aber nicht etwa frühstücken gegangen, sondern, da für unsereinen der Achtstundentach in keiner Weise ausreicht, hat er sich in das Ministerium zurückbegeben, wo er besorgt sein muß, eine Arbeiterfürsorge zu betreuen, wie sie kein anderes Land auch nur annähernd besitzt, nun gar jene Musterrepubliken, die den Herren auf der linken Seite dieses Hohen Hauses so fabelhaft erscheinen. Da nun der Finanzminister nicht mehr anwesend ist... (Zwischenruf links: ›Skandal!‹) Sehr richtig, ein Skandal, daß wir, die wir zu arbeiten haben, hier unsere Zeit mit derartigem verlieren müssen. Also da der Herr Finanzminister Besseres zu tun hat (Zwischenrufe links: ›Unverschämtheit!‹), womit der Herr Zwischenrufer gewiß seine eigenen Störungen kennzeichnet ... Also um nun endlich zu meinem Ziele zu kommen ... es tut mir ungemein leid, daß ich die ebenso schöne wie lange Rede des Herrn Abgeordneten Schreyer wieder erwähnen muß, aber der Herr Abgeordnete hat gesagt, im Königlichen Schlosse sei es ungewöhnlich hell und fabelhaft warm. Ich mache nun dem Herrn Abgeordneten den Vorschlag, ehe er derartiges behauptet, doch einmal selbst im Schlosse sich die Sache anzusehen. (Abwehrende Bewegung des Herrn Schreyer.) Oh, bitte, ich bin überzeucht, daß der Hohe Herr, der übungsgemäß nicht in die Debatte gezogen wird, Sie sehr liebenswürdig empfangen würde. Sagen Sie nicht nein, dieser Hohe Herr trägt ja selbst zu Ihrer Parteikasse bei! (Zwischenrufe von links: ›Unerhört!‹) Gewiß, er ist nämlich Abonnent des ››Proleten‹‹ – Bezugsnummer 17834. Herr S. Gold wird mir das bestätigen. (Schweigen links.) Dieser Hohe Herr hat mir erzählt, er habe noch nie so gefroren wie einmal, grade im Sigismundflügel, beim seligen Kronprinzen, dem er übrigens schon damals geraten hat, um die Kälte festzustellen, doch Herrn Abgeordneten Schreyer als Fachmann einzuladen. (Offensichtliche Verlegenheit des Herrn Schreyer.) Ich muß auch bemerken, daß der damalige Prinz nicht verzärtelt gewesen ist, war er doch ein armer Rittmeister ohne Zulage, der, wie mir sein damaliger Bursche bestätigt hat, aus Ersparnisrücksichten abends auf seiner Bude nicht geheizt hat. Er war also nicht so verwöhnt wie der Herr Abgeordnete, der dem Schlosse keine Heizung gönnen will ...«

(Zwischenruf des Abgeordneten Schreyer: »Ich bin nicht verwöhnt!«)

Ministerpräsident von Sturzacker: »Na, hören Sie mal, nach den Temperaturen im Schwitzkasten zu schließen?...«

Präsident Doeser: »Ich kann nicht dulden, daß der Herr Minister dieses Hohe Haus einen Schwitzkasten nennt...« (Stürmische Heiterkeit.)

Sturz: »Ich freue mich, daß der Herr Abgeordnete für Stangenberg I, der dem Staatsoberhaupt weder Wärme noch Licht gönnt, während er doch selbst so helles rosa Licht verbreitet (Unruhe links) und es mollig warm zu Hause hat, keine Rücksicht auf die Kosten zu nehmen braucht wie der arme Prinz, von dem ich erzählt habe. Ich empfehle nochmals die Annahme der Vorlage.«

Die nun folgende Abstimmung ergibt, gegen die Stimmen der Roten, in der Tat die Annahme der Vorlage in erster Lesung.

Hiermit hat dieser große Tag sein Ende gefunden, denn was sonst noch zur Sache gesprochen wird, bedeutet nichts als ein Geplänkel. So etwa, wenn es der Abgeordnete Schreyer für nötig hält, erregt die Annahme zurückzuweisen, es könne bei ihm zu warm sein, und, als Sturz aufreizend lächelt, den Ministerpräsidenten auffordert, sich selbst von der Wahrheit seiner Worte zu überzeugen. Unter schallender Heiterkeit des Hauses erklärt Sturz, er würde mit größtem Vergnügen kommen, sobald ihm sein Zwölfstundentag einmal Zeit dazu ließe.

Und siehe da, noch vor der zweiten Lesung der Heizvorlage steht in Weyher, Buntenstraße 94, im ersten Stock eines stattlichen Hauses, das auch eines netten Vorgärtchens mit tönernen Heinzelmännchen, Hasen, roten Giftpilzen und dergleichen neckischen Scherzen nicht entbehrt, ein dicker Mann, rot, rund und zufrieden vor einem gutbürgerlichen Porzellanschild (gewiß aus Heym) mit der Inschrift: »Friedewart Schreyer.«

Es muß vorweg gesagt werden, daß jener Besucher in seinem nicht eben erschütternden Anzuge, auch einem keineswegs stürmischen Schlips, kaum besonders vertrauenerweckend aussieht. Man hört Schritte. Die Tür wird geöffnet, doch die Sicherheitskette bleibt eingehängt. Ein gewiß nach eigener Überzeugung modisches Fräulein, untersetzt, mit dem breiten landesüblichen Tillengesicht, führt nach kurzer Musterung den Besucher in einen Hinterraum, ungeheizt mit einfachen Holzstühlen und Jutevorhängen, denen ein Kundiger die Baujuwa ansieht. An der Wand erblickt man in einfachen Rahmen eine Art Ahnengalerie, nämlich die Herren Marx, Engels, Lassalle, Bebel und Liebknecht. Der Besucher denkt lächelnd an sein Zimmer in Sturzacker, wo ähnliche Bilder hängen, nur anderer Art, nämlich Sturze und Osterburger.

Nun tritt der alte Herr Friedewart Schreyer ein, in Hausschuhen, ohne Kragen, aber mit Demokratenbart und den ernsten Falten des Denkers. (Ist er nicht im Schwitzkasten zum Professor ernannt worden?) Zuerst prallt er zurück, als Sturz jedoch an die freundliche Einladung erinnert, reichen sie sich die Hände. Der Volksmann will offenbar zeigen, daß auch er Lebensart besitzt, und lädt den Minister ein, in die gute Stube zu treten.

Wie erschrickt aber Sturz, als ihm eine Hitzewelle entgegenschlägt, höchstens der im Schwitzkasten zu vergleichen. Man blickt in ein behagliches Arbeitszimmer nebenan, weiter in ein Schlafzimmer, wo gut bürgerlich die Ehebetten Seite an Seite stehen. Eine dicke Dame mit goldener Brosche schließt eilig die Tür, und der Hausherr verschwindet. Seine Exzellenz der Herr Staatsminister gewahrt, allein geblieben, ein Paneelsofa, davor ein Tisch mit Jutedecke, darum eine Anzahl bequemer Lehnsessel mit grüner Jute überzogen. Echt bürgerliche Behaglichkeit. Über dem Tisch hängt eine Messinglampe, blitzblank geputzt, und für elektrisches Licht abgeändert. In einem Glasschrank stehen allerlei Figürchen und Teller; man meint, etwa bei Böswetters zu sein. Auf einem Ledersofa prunken zwei Kissen, darauf herrlich gestickt »Ruhe sanft« und »Nur ein Schläfchen«. Darüber hängen zwei Kohlevergrößerungen: das Ehepaar Schreyer. Rundum sind Lichtbilder verteilt: das Fräulein, das die Tür geöffnet, ein anderes durch das gleiche breite Tillengesicht im Verdacht, die Schwester zu sein, ein Brautbild, worauf ein junger Mann mit Blumenstrauß und eine Kranzgeschmückte einander bei den dicken Arbeitshänden halten. Übrigens geben sie denen des Herrn Ministerpräsidenten nicht viel nach, denn auch die Sturze haben immer in Feld und Wald selber zugegriffen. Darunter prunkt ein Dragonerunteroffizier, stolz auf seinen Säbel gestützt, und ein Infanterist, marschfertig mit Gewehr, Helm und Tornister. Daneben die Inschrift: »Nach der Heimat!«

Da klingt hinter Sturz eine Stimme voller Stolz und Wärme: »Meine Söhne!«

Und die beiden tauschen Gedanken über die Jugend, denn auch des Ministers Hermunduren haben ihr Jahr gedient. Schleyer? War nicht bei des Ältesten Sturz Schwadron in Illzenau ein Wachtmeister Schleyer? Er sagt es, und der Herr Abgeordnete gibt zu, es ist sein Sohn. Bald sind denn auch die beiderseitigen Väter in gemütlichem Gespräch. Wenn nur der Kanarienvogel nicht so schmettern wollte! Doch der alte Volksbeglücker beruhigt das lärmende Tier, wie bisweilen seine Wähler, indem er ihm eine verdunkelnde Decke überwirft, auf der gestickt steht: »Gute Nacht, Mätzchen!« Sturz schildert den König, und daß er es wohl wert sei, nicht zu frieren. Herr Friedewart Schreyer erklärt, er habe persönlich von Seiner Majestät nur das Allerbeste gehört, aber... wie Gumma Stänker gesagt haben würde: das Süstem!

Dabei erklärt der alte Mann, er meine es ja gar nicht so bös, nur müsse er eben im Landtage so reden, und seinerseits gibt Sturz zu, es wäre ja auch manches anfechtbar, aber er habe doch eben den Staat zu verteidigen. Kurz, die Unterhaltung der beiden Wasserkocher wird immer gemütlicher, bis Herr Schreyer verspricht, es sollten keine Reden weiter gegen die Heizvorlage gehalten werden. (Daß aber nur, um Himmels willen, Fräulein Gumma Stänker nichts davon erfährt!)

Dafür versichert schmunzelnd der dicke Sturz, dem Sekretär der Ortskrankenkasse Tillenau, Herrn Mitesser, würde er keine Schwierigkeiten mehr bereiten, obwohl ein Verfahren wegen Majestätsbeleidigung schwebt. (Innig ist zu wünschen, dem Herrn Abgeordneten Braveng möchte solches ewig verborgen bleiben!)

Herr Schreyer blickt den Minister ungläubig an:

»Seine Machestät (so sagt er) hat doch das Verfahren selbst befohlen!«

»Ich staune! Ist ihm sogar speifatal!«

»Warum cheschieht es dann?«

»Das Ansehn des Staates zu wahren.«

Lächelnd meint der alte Volksvertreter:

»Also zum Schutze der Monarchie!«

Sturz lächelt noch mehr:

»Blech! Nur was nicht lebensfähich ist, muß geschützt werden!«

Dann bewundert Sturz die Einrichtung und fragt, ob die vielen Jutesachen nicht von der Baujuwa stammen? Der Abgeordnete für Stangenberg I huscht darüber hinweg. Seine älteste Tochter, die der Minister an der Tür gesehen, ist Tippfräulein bei der Zweiganstalt der Vaujuwa in Weyher und hat es zu Fabrikpreisen bekommen. Sturz macht ein verdammtes Gesicht. Er hat noch nie etwas zu Fabrikpreisen bekommen.

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