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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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»Ich pflanze«

Wenn Ernst der Dritte gehofft, er könne so ganz im stillen den Señor ausziehen und wieder Rex sein, so hatte er nicht mit dem Oberbürgermeister der Haupt- und Residenzstadt Tillenau, Doktor Tusch, gerechnet: Seine Majestät konnte ihm nun einmal nicht entgehen. (Eigene Worte des Königs.) Einem Redner, der um zehn Uhr das Holzpflaster, das eine gälische Gesellschaft der Stadt angeschmiert, vorbildlich nannte, um elf Uhr aber dem auf Berücksichtigung deutscher Arbeit dringenden Stadtverordneten Spielwarenhändler E.G. Hampelmann zugab, »es faule nur grade so weg«, war es ein kleines, in der Stadtratsitzung um zwölf Uhr glaubhaft zu machen, daß es für die Städtische Höhere Töchterschule keinen anderen Bauplatz gäbe als die etwas anrüchige Straße »Am Abweg«, weil die Stadt gerade dort einige Grundstücke besaß. Bei der Beisetzung des Stadtverordneten Adolf Speichelfluß, Steingutwarenhändler, Erzeuger tödlicher Nachtgeschirre und Tillenauer Ehrenbürger, für eine Schenkung jener Grundstücke »Am Abweg«, die zu verkaufen ihm jahrelang nicht gelungen war, eines Mannes, der alljährlich den städtischen Waisenkindern einen Ball gab, weil seine alternde Gattin das Tanzen nicht lassen konnte, weinte er rednerische Tränen so schwerer Art, daß er gebrochen schien und man um seinen Verstand fürchten mußte. Abends aber bei dem Festessen des bürgerlichen Skatklubs »Schneider« hielt er, beschwingt von leichtem Rausche, der zu jener Zeit alle Festlichkeiten wahrhaft vergnüglicher Art abschloß, derart spaßige, ja verwegene Reden, daß des Vorsitzenden Daus Vorhemdchen von Freudentränen zerweicht sich löste, aufrollte wie der Vorhang im Paradies und die graubehaarte Brust des alten Herren enthüllte.

Kurz, der Herr Oberbürgermeister, Ehrendoktor der medizinischen Fakultät, weil er es nach langen Kämpfen durchgesetzt, daß die Stadt für die Tuberkulosenabteilung des Städtischen Krankenhauses Sputumschalen angeschafft, hatte die Rückkehr Seiner Majestät ins Vaterland zum Anlaß genommen, dem Hauptbahnhofe gegenüber am Eingang zur Bahnhofstraße eine Ehrenpforte errichten zu lassen. Dort erwartete eine Anzahl weißgekleideter Ratstöchter den Herrscher, während die Städtische Musikkapelle unter Leitung des sattsam bekannten Musikdirektors Verschlepper einen ansehnlichen Lärm vollführte.

Daß unter den weißgekleideten Jungfrauen sich auch die Tochter des Herrn Oberbürgermeisters befand, schien nur gerecht, denn wer hätte wohl die Verse besser vorgetragen als die Dichterin selbst, Fräulein Tibia Tusch?

Der Hofzug lief ein. Bahnhofsvorstand Gleis, der die Nacht zuvor mit der Bartbinde geschlafen, blickte nun über keilerartigen Gewehren drohend drein. Neben ihm stand zum erstenmal der Stationsassistent Ernst Abfahrt in finsterer Strammheit. Sein Schwiegervater, ein alter Herr mit gemütvollem weißem Hängebart, der Betriebsinspektor Schwelle, entstieg zuerst dem Zuge, den er begleitet.

Ernst der Dritte, durch seine tiefgebräunte Gesichtsfarbe den einstigen Señor verratend, trug nicht mehr die Dragoner-, sondern die Generalsuniform. Er dankte dem alten Schwelle, den er nun endlich kennengelernt, für die Führung des Zuges, begrüßte den Bahnhofsvorstand Gleis und sagte dem Stationsassistenten Ernst Abfahrt, er habe schon durch Herrn Schwelle von ihm gehört.

Nicht mehr sprach Seine Majestät und nicht weniger; aber als Beweis, wie leicht es für Hochgestellte ist, sich beliebt zu machen, sei bemerkt, daß der Herr Stationsassistent, bisher in finsterer Strammheit, plötzlich zerfloß wie Butter am Herd und von Stund an seine junge Frau doppelt zuvorkommend behandelt hat, da doch gewiß nur ihretwegen das Auge Seiner Majestät huldvoll auf ihn gefallen.

Ernst der Dritte war, so stand im ›Staatsanzeiger‹, »leichtfüßig die Stufen herabgesprungen«, nun ging er, »lebfrisch und mit verjüngten Schritten« (›Allerallerneueste Tillenauer Neueste Nachrichten‹) über den ausgelegten Läufer auf die Gruppe der Allerhöchst ihn ehrfurchtsvoll Begrüßenden zu, unter der sich die Minister befanden, die obersten Hofchargen, die Generalität, an deren Spitze noch immer Kommandierender General von Kratzig, der einst Seine Majestät in so liebenswürdiger Weise des Verrates geziehen. Seine Exzellenz der Kriegsminister General d. J. Kotz von Gerben bildete gewissermaßen das Bindeglied zwischen Zivil und Militär.

Der König reichte Sturz die Hand mit den Worten:

»Gott sei Dank wieder im Vaterlande!«

Dann gleichsam schnuppernd und lächelnd: »Die Luft ist doch gleich ganz anders hier!«

Eine Allerhöchste Äußerung, die, während Seine Majestät diesen und jenen ansprach, als Schulbeispiel dienen mag dafür, wie in Tillen jedes Wort Mißdeutungen ausgesetzt war. Die Eisenbahner erblickten darin nämlich eine Absage an ihre beruflich kohlendunstgeschwängerte Eisenbahnluft in der veralteten Bahnhofshalle, und reingezüchtete Nurtillenauer fanden solche Äußerung nicht eben artig gegen die Haupt- und Residenzstadt, weil sie ob ihrer Katarrh fördernden Ostwinde bekannt war.

Im ganzen hätte man dennoch den Empfang geglückt nennen dürfen, wäre nicht noch im letzten Augenblick, als der König schon den Wagen besteigen wollte (der gewählt worden, damit die Fahrt durch die Straßen nicht zu eilig vonstatten ginge), ein alter Herr im hohen Hute erschienen, dessen Fuchsgesicht eine ins Auge fallende Ähnlichkeit mit dem Dichter Theodor Schlampe aufwies. Der schöne Theodor, der grundsätzlich, sogar zu Aufsichtsratssitzungen, zu spät zu kommen pflegte, begrüßte würdevoll Seine Majestät. Da nun der Señor, wie wir ihn bei Erscheinen des Mister Theodore S. White wohl wieder nennen dürfen, lebhaft von Kap Salinas erzählte, so spitzten sich manche Ohrmuscheln, um von dem etwas zu erhaschen, das in Tillen nur so als Gerücht umging. Dem Prinzen aber schien keineswegs daran gelegen, vor allem Volk seine überseeischen Besitze erörtert zu sehen. Er schnitt Seiner Majestät in einer wohl nur seinem Alter zustehenden Weise das Wort ab, indem er mitteilte, Prinzessin Ingeborg sei unpäßlich, sonst würde sie natürlich erschienen sein.

Dann stieg Ernst der Dritte mit dem Ministerpräsidenten von Sturzacker in den Wagen, vom Leibkutscher Leitseil gelenkt, den gewaltigen Leibjäger Vollbart auf dem Bock. Beiden hatte er, wie stark bemerkt worden, die Hand gereicht.

Während er nun davonrollte, bot sich ein ebenso merkwürdiger wie nach Ansicht Besonnener doch etwas unwürdiger Anblick. Der schöne Theodor zog vor allem Volk seinen Gehrock aus und eine Lederjacke an, vertauschte den hohen Hut mit einer Mütze, setzte eine Riesenbrille auf, unter der man nichts sah als den gefärbten Schnurrbart. So, offensichtlich Mister Theodor S. White, und gänzlich unkenntlich, denn nur der freie Schweizer, Privatsekretär Doktor Vögeli aus Zürich-Außersihl, hatte ihn begleitet, sein Fahrer aber trug keine Abzeichen, ließ er einen anderen Weg einschlagen als Seine Majestät, denn Prinz Theodor von Tillen war ein abgesagter Feind aller Triumphpforten.

Sollte man nun die Umkleidung angesichts des gesamten Tillener Volkes mit jener steigenden Gleichgültigkeit des Alters gegen das Was-wird-man-sagen erklären? Oder handelte es sich hier um ein Überbleibsel aus der Neuyorker Zeit? Wer kann alles ergründen!

Als Ernst der Dritte den Triumphbogen sah, wollte er, dergleichen genau so abgeneigt wie der schöne Theodor, die Bahnhofstraße meiden. Er fragte nicht ohne Angstgefühl:

»Ist Tusch da?«

Aber der Ministerpräsident, der dieses später erzählt, hat darauf gedrungen, daß der König seinem Verhängnis wie ein Mann ins Auge blicken müsse. Auf des einstigen Señor niedergeschlagenen Ausruf: »Der Vormerkkalender!« hat Sturz mit all seiner lächelnden Offenheit erwidert:

»Pflicht, Machestät, Pflicht! Jeder muß Widerliches über sich ergehen lassen. Euer Machestät mögen nicht glauben, daß es sehr witzig ist, im Landtage dreistündige Reden anzuhören, die »in nuce« (auch Sturz eignete sich fremde Redewendungen an) in zehn Minuten erledigt werden könnten. Dafür sind Euer Machestät eben so hoch gestellt. Nichts als Ausgleich!«

Ernst der Dritte hat, ergeben in sein Schicksal, nur geantwortet: »Ich habe in Kap Salinas ein Wort Friedrichs des Großen gelesen, das mir Eindruck gemacht hat und etwa lautet: ›Geist und Leib beugen sich unter ihrer Pflicht, daß ich lebe, ist nicht notwendig, wohl aber, daß ich tätig bin.‹ Sobald etwas im Interesse des Staates liegt, will ich tun, was Sie wollen, wo, wie, wann, womit, wozu Sie es wollen!«

»Das ist mir äußerst wertvoll, Euer Machestät,« hat Sturz geantwortet, »denn ich werde nächstens Euer Machestät etwas vortragen, das aus Staatsinteresse geschehen muß.«

Obwohl der König plötzlich gespannt aufhorchte, konnte eine Antwort doch nicht erfolgen: schon kamen nämlich die weißgewaschenen Jungfrauen in Sicht unter Führung des unvermeidlichen Tusch, der denn auch sofort das Tillener Volk aufforderte, in ein »Hurra« (wie er seit kurzem nach borussischem Muster rief) auf Seine Majestät den König auszubrechen. Es sei zugestanden, daß die Menge, unter der sich gerade viele kleine Leute befanden, so herzlich mitrief wie bisher noch nie.

Nun aber schien es an der Zeit, die Ehrenjungfrauen in Gestalt von Winzerinnen auf Seine Majestät loszulassen. Gleich einer Wolke aufgescheuchter Tauben brachen sie gegen den Wagen vor, Spaten schwingend, was eigentlich recht bedrohlich aussah. Es war der glänzende Einfall des Königlichen Hofballettmeisters Schwerspath, der den jungen Damen den Empfang eingeübt und die Dichterin auf den tiefneckischen Einfall gebracht, zu tun, als ob die Jungfrauen bei Arbeiten im Weinberge von der Ankunft des Königs jäh überrascht worden wären. Wie solches mit dem Pflaster der Bahnhofstraße vereinbar war, ist immer schleierhaft geblieben. Jedenfalls rief Fräulein Tibia Tusch, wild das mit künstlichem Weinlaub geschmückte Haupt wie den Spaten schüttelnd, in jener schönen Erregung, von der Königlichen Hofschauspielerin Frau Lyssa Hahn, geborenen Süßmilch, ihrem Vortrage beigebracht:

»Wir lebten harmlos an den Weinberg ganz verloren,
Da klang mit einem Mal der Schrei der Eisenbahn!
Ach, unser König kehrt zurück! Wie neugeboren
Steht er vor uns, ein kerngesunder schöner Mann!
Gespielinnen, wir wollen nicht mehr weiter graben,
Wir werfen unsre Spaten voller Freude hin...

(Hier klirrten die weggeworfenen Spaten mit solchem Getöse durcheinander, daß Pferde wie Menschen scheu wurden.)

Laßt uns nach langer Reise unsern König laben,
Denn nur nach Windwein steht allein sein hoher Sinn!«

Nach solchen, der Vortragsweise jener längst verrauschten Zeit entsprechend, fast geschluchzten Versen zückte Fräulein Tibia Tusch, den Fuß vorsetzend und dabei das in der zweiten Streckung dünne Bein unter dem kurzgeschürzten Rocke allgemeinem Schrecken preisgebend, einen silbernen Kelch, den sie, weiß der liebe Himmel woher, bei ihrer Weinbergsarbeit zur Hand gehabt, und hielt ihn dem sichtlich betroffenen Könige entgegen. Früh zehn Uhr in den nüchternen Magen einen Liter Windwein? Aber Seine Majestät war ein Anderer geworden. Statt der Bemerkung wie einst, er würde betrunken werden, setzte er kühn den Kelch an, schnell wieder ab und schüttete zu grenzenloser Verdutztheit des ganzen Volkes den Wein, gewissermaßen den Göttern opfernd, zu Boden, mit den zu eigenem Staunen (wir wissen, Ernst der Dritte war nicht schlagfertig) gefundenen Worten:

»Zurückgekehrt in das Vaterland, tränke ich die Tillener Erde, wie einst die Alten, mit dem Segen unseres Heimatbodens, unserem lieben Tillen zu Glück und Gedeihen!«

Seine Majestät fuhr in der Gewißheit, solchen Eindruck nicht überbieten zu können, schnell davon, während die Winzerinnen auf ein Zeichen des im Hintergrunde lauernden und leitenden Herrn Hofballettmeisters Schwerspath mit nachgemachten Trauben wedelten, die trotz der frühen Jahreszeit offenbar auf der Bahnhofstraße bereits gewachsen waren.

Bei der Hoftafel sagte der König zum neuernannten Oberstallmeister von dem Grimme:

»Sie haben sich glänzend bewährt, denn als die Winzerinnen ihre Spaten wegschmissen, sind die Pferde nicht durchgegangen. Beim Kutscher wäre ich wahrscheinlich in das nächste Schaufenster geflogen!«

Rittmeister Arbos ehemaliger Oberleutnant lächelte erfreut über sein gelbes Gesicht:

»Majestät, Pferdeerziehung haben wir bei der Schwadron gekonnt!«

Der König blickte ihn mit seinen guten Augen schmunzelnd an:

»Na hören Sie mal, Dachs (so hatte der Herr von dem Grimme abgeleitet aus »Grimm-bart der Dachs« beim Regiment geheißen), hören Sie mal, der Rauhreiter war aber ganz anderer Ansicht!«

Ob nun der Generaladjutant seinen Spitznamen gehört, kurz, er beugte sich vor. Es trat jene Stille ein, als ob nicht ein Engel, sondern hier etwa ein Dragoner durchs Zimmer flöge, und der Rauhreiter wiederholte, wo doch jeder andere mindestens ein abschwächendes Wort gefunden hätte, was er damals dem Prinzen Arbo gegenüber gesagt:

»Gewiß, Euer Majestät, die Schwadron war schlecht!« Da erbleichte manches Gesicht, und es war fast, als flögen sogar zwei Dragoner über die Tafel, daß vom Luftzug ihrer Füße die Blumen in den Tafelaufsätzen wehten. Hier nun müßten Fromme beten, Ängstliche den Atem anhalten, was geschähe. Der Rex aber streckte dem General hinter dem Nachbar hinweg die Hand hin:

»Möge Gott mir immer ehrliche Leute schicken!«

Da wird denn mancher in seinem Herzen einen heiligen Eid abgelegt haben, desgleichen zu tun. Man hat aber nichts Ähnliches wieder vernommen, denn die Erhebung des Augenblickes verblaßte vor den großen Fragen des Lebens: Sorge für die Familie, Ehrgeiz oder Mangel an jener Entschlossenheit, die einem abträglichen Schicksal ins Gesicht blickt.

Ernst der Dritte zeigte sich aufgeräumt im Vollgefühl seiner wieder erlangten Gesundheit. Nach allem erkundigte er sich mit einer Anteilnahme, die man kaum mehr gewohnt war, denn in letzter Zeit war er bisweilen recht gleichgültig gewesen. Die Tafel wurde bald aufgehoben, hatte doch der Vormerkkalender durch die lange Abwesenheit einen abenteuerlichen Umfang angenommen.

Sturz hielt auch sofort über zwei Stunden Vortrag. Endlich verabschiedete er sich, weil Leibschofför Panne schon wartete zu einer Fahrt nach dem Nordischen Palais. Der Rex wollte sich nach dem Befinden der unpäßlichen Prinzessin Ingeborg erkundigen und zugleich dem Prinzen Theodor noch einmal für seine Gastfreundschaft in Kap Salinas danken. Da fragte der König im letzten Augenblick, was der Minister habe sagen wollen, als er kurz vor dem Überfall der Winzerinnen erklärt, er werde demnächst einmal etwas aus Staatsinteresse vortragen. Die Antwort lautete, die Zeit sei wohl zu kurz; doch, neugierig gemacht, bat Ernst der Dritte, indem auch er des Oberhofmarschalls Wendung übernahm: »Fassen Sie es in nuce zusammen.«

»Aber Euer Machestät dürfen nicht böse sein!«

Der Rex wiederholte, was er in neuester Zeit sich angewöhnt, seit »Kompromiß« und »ausgekocht« abgetan:

»Für den Staat tue ich, was Sie wollen, wo, wie, wann, womit, wozu Sie es wollen!«

»Gut, Machestät! Also: der König sollte tadellos dastehen. Die Leute haben aber geredet über Fräulein Brüstlein...«

»Blech!«

»... Ich fahre unbeirrt fort... über Herrn Femina, der mit der Uhr renommiert und Euer Majestät seinen Freund nennt...«

»Meine Freunde heißen ganz anders... Mückenstich, Kreis, Hefe, Schofel...«

»Bitte, Majestät: Brüstlein, Femina... dann Lore-Lene...«

(Der König will auffahren, doch Sturz spricht immer schneller.)

»... auch gibt's keine Hoffeste, und an denen will alles verdienen... Hotels, Kutscher, Restaurangs, Lohndiener, Schneider, Kaufleute, ja Arbeiter, Arbeiterinnen, Stadt, Land, Gärtner, Dienstmänner... Je mehr Klimbim...«

»Da haben Sie recht, ein Hofball ist Klimbim...«

»Alle Feste sind Klimbim, Machestät. Aber nun die Hauptsache. Die Dynastie. Prinz Theodor, wenn er auch noch nach Südamerika fährt, ist doch kein Jüngling mehr. Dann steht mal das Haue Osterburg auf zwei Augen... Besser wären 4..8..16..32..64... Kurz... Machestät... eine Könichin fehlt!«

»Verflucht!«

Ernst der Dritte hat wirklich verflucht, nichts als verflucht gesagt. Nun geht er nachdenklich hin und her. Sturz wartet rot, rund und sehr zufrieden, hat er doch auf ein Nein gerechnet. Plötzlich dreht sich der König um und nimmt herzlich des Ministers beide Hände:

»Ich hatte mich so gefreut, nach Haus zu kommen... und... und nun ist alles leer... Sehen Sie mal hier, ist das nun gemütlich? (Es war übrigens genau wie früher, als er doch noch ganz zufrieden gewesen.) Da war mir meine Kasernenbude lieber... Ja, das ist alles ganz schön, aber ich kenne ja fast keine Prinzessin... Ja, wenn man was Vernünftiges fände!«

Sturz lacht:

»Na, Machestät, es braucht doch keene alte Zicke zu sein, wie man in der Illz sagt... Wir werden schon was Nettes auftreiben...«

»Wenn sie mir aber nun nicht gefällt?«

»Na denn 'ne andere. Von Staats wegen unglücklich machen werden wir unsern Könich nicht, den haben wir viel zu gern dazu... Aber 'ran müssen wir. Machestät müssen die Dynastie fortpflanzen!«

»Gut, ich pflanze, ich pflanze!«

Sturz verbeugt sich. Ernst der Dritte fährt davon zum Nordischen Palais.

Über seinen Erfolg war der Ministerpräsident ganz aufgekratzt. Als er den alten Oberhofmarschall von Flimmer auf dem Gange traf, im Gespräch mit dem Hoffurier Ehrenfest, wartete er, bis jener mit seinen dienstlichen Weisungen fertig geworden. Dann zog er ihn in eine der Fensternischen, die bei der Stärke der alten Mauern des untersten ältesten Schloßbaues fast kleinen Zimmern glichen. Dort teilte er ihm das Gespräch mit, das er eben mit Seiner Majestät gehabt. Und der Minister, der immer seine Geschichten etwas auszuschmücken pflegte, auch einiges von der Derbheit seiner alten Mutter besaß, gab die Zustimmung Seiner Majestät so wieder:

»Der Rex war einverstanden mit den Worten: »Gut, ich pflanze was, wo, wie, womit Sie wollen!«

Flimmer meinte, man solle nur ruhig die Prinzessin Ingeborg, wie er sich jägerisch ausdrückte, »auf die Fährte setzen«, denn Ehestiften sei doch ihr höchstes Erdenglück:

»Sie ist längst im Bilde, und ich glaube, sie weiß wohl auch diese oder jene. Das wäre der schönste Abschluß meiner Laufbahn. Den Einzuch der jungen Könichin mache ich noch mit, dann jehe ich aber bestimmt!«

Und der müde Mann schlürfte davon, den Rücken krumm von langen Jahren treuer Pflichterfüllung. Sturz aber dachte: den Kronprinzen wartest du doch noch ab, und dann am Ende auch noch die erste Prinzessin. In dem Gedanken schüttelte er sein rotes rundes Haupt, denn dem freien Illzer war ein Höflingsdasein von jeher ein vollkommenes Rätsel gewesen.

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