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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Der Señor

Schnaubt im Hirschgarten noch eisiger Wind um entlaubte Bäume, daß der Leibjäger Vollbart seinen Federhut halten muß?

Du lieber Gott, wo ist Tillen? Ein südlich blauer Hiwmel lacht über uns!

Liegt noch bleiern und kalt der meergleiche Tillensee? Gefehlt, gefehlt, hier brandet und schäumt das wirkliche, das gewaltige Meer!

Klatscht noch der Jungfernbund über das Bastschloß in der hohen Munde? Wer möchte es sagen: die Bergwand hinter uns, die alle Winde bricht, ist ja nicht die Munde, ist Kap Salinas auf den Lusitanischen Inseln!

Wer ruht dort im Liegestuhl, den Strohhut auf dem Kopf, den ersten seines Lebens? Ist dieser Braungebrannte nicht der blasse König? Wie kommt er nur in das fremde Schloß, das über brennende Blumenbeete hinweg hinausblickt auf die Flut, wo am Himmelsrande die Rauchfahnen ferner Dampfer ziehen und gelbe Segel bauschen?

Nein, dieser Braungebrannte ist doch ein Verwandter des Schloßherrn, des Mister Theodore S. White. So wird er selbst auch nicht viel anders heißen.

Nun, wie denn wohl? Und mit solcher Frage kehren die Gedanken weit, weit nach Tillen zurück.

Im Jammer um ein blühendes junges Menschenleben hatte Ernst der Dritte dem Ministerpräsidenten von Sturzacker einen Brief vorgelegt, der die Bastfrage mit einem Schlage löste. Dieser Brief, halb Neuyork, halb Osterburg, lautete aber also:

Euer Majestät!

Du bist, lieber Vetter, wie ich höre, leider erkrankt. Da nun die Rippenfellentzündung, die auch ich kenne, von Wärme, Windstille, Luftveränderung günstig beeinflußt wird, so komme ich mit einem Vorschlage. Zufällig besitze ich auf einer der Lusitanischen Inseln eine Farm, die ich bisweilen aufsuche, wenn mir unser abscheuliches Tillener Klima nicht mehr zusagt. Ich gestatte mir nun, sie Dir zur Verfügung zu stellen. Sie ist ganz anständig eingerichtet, windgeschützt, mit sehenswertem Pflanzenwuchs, leidlich gehalten. Meine Jacht ›El Romance‹ ist zwar veraltet, aber durchaus seetüchtig. Unterhaltung im Sinne eines Badepublikums gibt es dort freilich nicht, doch Kap Salinas ist einer der schönsten Erdenflecken, die ich kenne, und ich bin in meinen Wanderjahren ziemlich herumgekommen.

Señor Gomez Lafuénte ist beauftragt, nähere Angaben an Flimmer zu senden.

Ich bemerke, daß ich in Kap Salinas lediglich unter dem Namen eines Mister Theodore S. White bekannt bin, und erlaube mir den Rat, dort gleichfalls inkognito, etwa als Verwandter des Mister Theodore S. White aufzutreten.

Ingeborg weilt in ihrer nordischen Heimat. Ich befinde mich auf einer Geschäftsreise in Südamerika.

Indem ich hoffe, daß meine Farm Kap Salinas die letzten Reste Deiner Erkrankung verscheuchen möge, benutze ich gern die Gelegenheit, mich zu nennen

Euer Majestät

anhänglichen und treu ergebenen

Vetter Theodor alias White.

Und nun entwickelte sich folgendes mehrfach belegte Gespräch:

Ernst der Dritte: »Was meinen Sie zu der Farm Kap Salinas?«

(Der fremde Name allein schon schien dem Rex, als echtem Deutschen, Eindruck zu machen.)

Sturz: »Glänzend! Annehmen, Machestät!«

Ernst der Dritte (listig): »Ich weiß auch schon, wie ich heißen soll.«

Sturz: »Ich bin gespannt!«

Ernst der Dritte: »Herr Haasenhaar.«

Sturz: »Etwas ungewöhnlich. Ich würde lieber einen Namen vorschlagen, der irgendwie mit der Geschichte des Landes und Hauses verknüpft ist. Zum Beispiel ... Graf Osterburg.«

Ernst der Dritte: »Aber ich muß doch ein Verwandter von Mister White sein? So wäre ein bürgerlicher Name wohl besser! Da Ihnen Haasenhaar nicht gefällt, vielleicht Herr Arbo?«

Sturz: »Es weicht ja zwar von fürstlichen Gepflogenheiten etwas ab, doch im Hausgesetz steht darüber nichts, und es mag im Klange zu Salinas besser passen. (Schmunzelnd.) Dann aber wohl Señor Arbo. Na, Machestät, dieses ganze Versteckenspiel mit dem Inkognito ist ja überhaupt recht durchsichtig. Es weiß doch jeder, wer Euer Machestät sind!«

Der Rex zeigte sich sichtlich enttäuscht, daß er nicht als König so mir nichts dir nichts ausgelöscht werden konnte, und gleichsam ein neues Leben als Señor Arbo beginnen, denn jene den Fürsten innewohnende kindliche Freude an Verkleidung, Mummenschanz, Versteckenspiel und Nichterkanntwerden lag auch ihm im Blut. In der Sehnsucht des Kranken nach dem Süden schien er jedoch mit allem einverstanden, wenn er nur schnell fortkäme, denn der Klatsch war am Werk gewesen. Piephacke trug leider, obwohl unbewußt, daran Schuld. Das »Nonnensausen«, das er vom Leibarzte aufgeschnappt, hatte es ihm nämlich angetan. War Nonnensausen nicht ein Wort voller Geheimnis und Doppelsinn? Ein Wort, das ebenso von der Abgeschlossenheit der Klosterzelle träumen ließ wie von dunkler Sehnsucht zur Welt? Als er nun in der Hofküche ausgefragt worden über Lore-Lenes Leiden, war er sich so wichtig erschienen wie Oberstabelmeister und Hausmarschall, als die Hofgesellschaft anläßlich der Erkrankung Seiner Majestät zum Einschreiben gekommen. Unter dem Drucke der Eitelkeit, die immer Unheil gebiert, hatte Piephacke den Hofscheuerfrauen Tratsch (dem Jungfernbunde nahestehend) und Forscher-Trieb (Lore-Lenes abgelöste Vorgängerin), also ausgesucht den tätigsten Speichern, jenes deutungsvolle Wort zugeflüstert:

»Sie hat Nonnensausen!«

Nonnensausen und Leibscheuerfrau? Unter betriebsamen, meist rein als Schaustücke wirkenden Müßiggängern genügte es, um durch Bastose Getrennte in neuem Brennpunkte wieder zu einen.

Nun muß Ernst dem Dritten irgendwie zu Ohren gekommen sein, daß der Kabinettssekretär, stiller Teilhaber des Jungfernbundes, durch Lore-Lenes Nonnensausen das Mirabellchen und ihren Kreis hatte neugierig-beglückt erröten machen. Bei der letzten Besprechung mit Ministerpräsident und Oberhofmarschall, wobei das Gefolge Seiner Majestät für die Kap-Salinas-Fahrt festgestellt werden sollte, erklärte nämlich der König gereizt, im alten Dragonerton:

»Ehe Sie mir Kleber ans Bein kleben, lasse ich mir lieber das Bein abschneiden!«

Sturz antwortete schlagfertig:

»Das wäre höchst bedauerlich, Euer Machestät... wegen des Reitens!«

»Um Gottes willen! Daran habe ich gar nicht gedacht!« entgegnete, zum erstenmal seit Lore-Jenes Heimgang wieder lachend, der König. Der alte Flimmer, auf solche Scherze nicht eingestellt, schüttelte jedoch den Kopf in einer Weise, daß man nicht wußte, war es Mißbilligung oder Alterszittern. Sturz erblickte nun in einer Zusammenarbeit zwischen dem Herrscher und einem ihm durchaus Mißliebigen keinerlei Segen. So erklärte er, das Bockbein könne ja um so eher die Vertretung übernehmen, als der Kabinettsekretär wegen seiner Atemnot für Reisen kaum geeignet erscheine. Ernst der Dritte griff sofort lebhaft zu. Es gab jedoch manches gegen den Herrn Vortragenden Rat einzuwenden. Abgesehen davon, daß er, mit Röllchen und chirurgischen Geschicklichkeiten beim Essen, im Ausland nicht gerade Tillen würdig vertreten würde, schien weit schlimmer noch seine Taktlosigkeit, die auch ein archaisches Lächeln kaum auszugleichen vermochte.

Da ist es vielleicht lehrreich zu hören, was Minister wie oberste Hofcharge miteinander redeten, als sie die Treppe hinabstiegen:

Flimmer: »Muß denn nur durchaus der Ministerstürzler mit?«

Sturz: »Ich frage warum?«

Flimmer: »Nun, Forsicht ist doch über Bockbein jefallen!«

Sturz (fröhlich): »Keene Bange! Sturz stürzt gern nach. Exzellenz, Tränen werden in Sturzacker nicht angebaut.«

Flimmer: »Es ist ein Glück für jeden, ein unabhängiger Mann zu sein. Das ist man bei Hofe nicht. Ich hatte eine Generalstabslaufbahn vor mir und bin nur meinem Hochseligen Herrn zuliebe in Hofdienst jegangen, obwohl mir, dem Soldaten, eigentlich die Höflinge wenig zusagten. Heute bin ich längst selber einer, und was mir an ihnen unanjenehm war, fällt mir kaum mehr auf. Alles ist nur relativ. Fürstlichkeiten haben ja auch ihre Manierchen. Sogar unser lieber junger Rex ist schon manchem anheimjefallen.«

Sturz: »Ich staune.«

Flimmer (gleichsam in Selbstbetrachtung): »Während der Berufsmensch leicht einseitig wird, werden die Fürsten zu vielseitig. Statt Versenkung – Äußerlichkeit. Mein Hochselicher Herr pflegte zu sagen: ›Wer Königen jefallen will, muß in nuce sprechen können.‹ Nur ist die Nuß bei den meisten taub. Ihr Inhalt muß aber so komprimiert sein, daß, wenn man sie öffnet, die ausströmenden Jedankengänge einen Ballon füllen können!«

Sturz: »Darum ist auch der Rex mit Bockbein so zufrieden. Kurz... kurz.«

Flimmer (stehen bleibend, fährt in seinem Vortrage fort): »Fürsten sind nie janz natürlich, weil immer im Dienst. Auch ihre engste Umgebung hat ja immer Dienst. In Gesellschaft reden meist sie, und die anderen hören zu. Und wenn die anderen reden, vorsichtig. Wer aber nicht alles sacht, lügt. So erfahren die Fürsten selten anderer wirkliche Ansichten, um die eigenen danach zu überprüfen. Darum auch jeben sie nur sich selbst wieder und glauben hinterdrein in allem Ernste, sie hätten sich unterhalten. Lernen kann man nur von der Opposition.« Sturz: »Es stimmt. Ich habe von der Opposition im Landtage riesich viel gelernt. Nämlich wie ich's keinesfalls machen darf.«

Flimmer (im Selbstgespräch fortfahrend): »Darum fehlt den Fürsten so oft die Menschenkenntnis: sie halten jeden, der nur jeschickt zuhört, für einen fabelhaften Kerl. So sind mir auch Seiner Machestät Freunde immer verdächtich!«

Sturz: »Ich hoffe ja, das Bockbein verübt da unten noch irgendeine große Schweinerei, damit unser lieber Rex mal wechkriecht, was an seinem Freunde ist. Der Kerl hat: Grips Ia, aber Charakter 3b und Erziehung 4.«

Flimmer (gleichsam für sich): »Ich wundere mich immer, daß die Fürsten nicht merken, wie sie hintergangen werden.«

Sturz: »Nun, ich wünschte, der Rex merkte es nicht gar zu viel, sonst wird er mißtrauisch und verbittert. Er ist jetzt nach der Krankheit recht verändert.«

Flimmer (immer für sich weiter redend): »Ich wollte beim Hinschied meines Hochseligen Herren den Abschied nehmen, aber das darf ich dem Rex nicht antun.«

Sturz: »Exzellenz, bleiben Sie. Dann können wir uns auch mal so 'n Experiment wie mit dem Bockbein leisten, denn wir behalten dann wenigstens immer einen ruhenden Punkt.«

Flimmer (nachdenklich): »In den Sielen sterben, wie Bismarck jesagt hat! Ich habe kein wesentliches Vermögen, aber meine drei Töchter habe ich was lernen lassen. Die älteste hat ihr Lehrerinnenexamen jemacht, die zweite den Doktor, die dritte ist Laborantin. Ich bin gar nicht so altmodisch!«

Sturz: »Meine Mädel können ooch alle was, mindestens melken.«

Flimmer: »Schade, daß er nicht Rittmeister geblieben ist. Aber wenn schon: eins muß er noch, eins tun...«

Sturz: »Ich bin gespannt.«

Flimmer: »Heiraten!«

Sturz: »Das sage ich auch. Es ist kein Osterburger da. Machestät geht ins Ausland. Der schöne Theodor ist in Amerika. Da muß ich Reichsverweser spielen.«

Flimmer: »Dann würde auch der Klatsch aufhören. Damals im Theater mit der Schauspielerin, das war zum Dreinschlagen. Und der perverse Kerl, der mit des Rex geschenkter Uhr nun behauptet, sein ›Freund‹ zu sein! Warum wirft ihn Malthus nicht raus?«

Sturz (lächelnd): »Na, und Lore-Lene?«

Flimmer (in Greisenrührung): »Ach, lieber Herr von Sturzacker, wissen Sie, was der Könich ihr als Grabschrift setzen will? Nur die Worte: ›Hier ruht Lore-Lene‹.«

Sturz (plötzlich die Augen naß): »Exzellenz, wir wollen über unsern jungen Allerhöchsten Herrn alle Hände halten und ihn in unser Gebet einschließen. Ein Hundsfott, wer ein Wort über ihn sacht! Ich muß ins Ministerium. Gott befohlen.«

Fürchterlich schneuzte sich Sturz, als er davonstürmte. Der alte Oberhofmarschall von Flimmer, fast drei Jahrzehnte älter als der Minister, ging die Treppe wieder hinauf, sehr langsam, denn in letzter Zeit wurde ihm das Steigen sauer.

Die Winde schweigen in Kap Salinas, der Himmel blaut; die Sonne glitzert auf den Wellen zu des Señor Arbo Füßen. Mädchen bringen Blumen, Mädchen mit braunen Gesichtern, mit brennenden Augen, mit kohlschwarzem Haar. Und der Señor dankt in schnell erlerntem Lusitanisch. Da wartet im kleinen Hafen die veraltete, aber durchaus seetüchtige Jacht ›El Romance‹ des Mister Theodore S.White. Sie gehen an Bord, voran der Señor. Tatenlose, im Süden allerorten, schauen ihnen nach. Jedes Kind kennt den Senor. Doch die stolze Art der Lusitanier drängt sich nicht auf.

Nun gleitet die Jacht ›El Romance‹ träge dahin; wie sie aber den Windschatten verläßt, straffen sich die Segel gleich gefüllten Säcken. Die Jacht ›El Romance‹ schießt fort. Der Señor, langhingestreckt, blickt über Bord auf die unter ihm strömende, quirlende, schäumende Flut. Die Sonne brennt. Die Wellen spritzen hoch auf und klatschen zerstäubend nieder. Der Señor rührt sich nicht. Der Señor träumt. Denkt er an das ferne Tillen? An den meergleichen See? An die Munde? Fällt es nicht auf, wie still der Señor geworden ist?

Ja, still und hat sich doch seinen einstigen Leutnant, jetzt Rittmeister von Immerfroh, als Gast verschrieben? Und hat nicht Oberhofmarschall von Flimmer gesagt: »Die Fürsten reden, die anderen hören nur zu?« Haben sie sich voneinander entwickelt, der kleine Rennreiter, der nicht viel anderes kennt als Pferde und etwa die Anschrift: »Am Abweg 76 parterre links«, und der Rex, dem durch seinen Dienst die geistige Weite eines Landes sich eröffnet? Genug, sie sprechen nicht. Nur auf dem Spaziergang, wenn sie Mulis sehen, reden sie über deren sehnenreine Beine wie in alten Zeiten, und der Señor lächelt.

Nun, dem Frühling entgegen, wo – Kap Salinas sei gesegnet – die Körperwärme schon seit Wochen gesunken ist, sieht man Señor und Doktor, wie einst in Außensee, schwimmen in der warmen Bucht. Zu Roß durchstreifen sie die Insel. Sie steigen empor zum Puig mayor (ein Drittel höher als der Große Stoißer), und der Señor sagt vor sich hin:

»Darüber sollte ich im Mundeverein einen Lichtbildervortrag halten.«

Abends nach dem Essen (Piephacke leitet es, die Nase erhoben, während lusitanische Diener des Mister Theodore S. White aufwarten) erzählen sie sich von wilder Segelfahrt, und wie sie in die Bucht weit hinausgeschwommen sind und schwärmen vom Puig mayor mit dem Blick endlos über das blaue Meer.

Das Bockbein aber, zwar glänzend in gedrängten Denkschriften, das nur leider bei seinem einzigen Ritte Röllchen wie Mut verlor, und bei Plattfuß und Herzverfettung dem Steigen grundsätzlich abgeneigt ist, auch nicht mehr baden mag, seit es Seetang für einen Menschenhai gehalten, das siegesbewußt die schwankende Jacht ›El Romance‹ betreten, aber bald sein berühmtes Lächeln verloren, besagtes Bockbein sitzt mit Señor, Rauhreiter, Leibarzt und Rennreiter, übler Laune voll, eng trotz Grips Ia, paßt es doch im Grunde nur zu Aktenstaub oder Rest & Neige. Nun ist es gewiß herrlich im duftenden Park, wo jeder Strauch in Blüten steht, Palmen in das tiefe Himmelsblau stechen, fleischige Agaven, grün und gelb wie das Bockbein, wenn es seefahren soll, die Felsen bevölkern. Nun ist es sicher ein Traum, wenn es über der ganzen Insel silbrig glänzt, vom Laub der Ölbäume, die gleichsam bis an den Tod betrübt schmerzlich die zerfressenen Stämme winden. Wer möchte auch nicht staunen, daß hoch die Berge hinan Zwergpalmen herumstehen wie in Tillen die Erlen? Kann einer unbewegt bleiben angesichts der Pinien auf dem Kap, die ihre Kronen breitausladend in den brennenden Abendhimmel wehen lassen, von Zedern umdüstert, von den Riesenkegeln der Wellingtonien, den steilen Zypressen durchschnitten? Wer wird jemals die Macchien vergessen, die Berge bekleidend, märchenhaft aus Terpentinbäumen und Zistrosen gewoben, daraus uralte Buchse ragen? Oder ist es nicht ein Märchen für verschwimmende Seelen, wie hier die blühende Myrthe ewige Hochzeit kündet?

Wie stimmt es dazu, saget es doch, daß der Señor an einem warmen Abend, als der Himmel brennt und das Meer leuchtet, zum Freunde Medicus diese fast wehen Worte spricht, einer Nachwelt hier erhalten:

»Ich bin beschämt über meine Undankbarkeit. Da habe ich nun mit Sturz um das Bockbein gerungen wie der Erzvater mit Gott dem Herrn! Und ist dieser Mann nicht nur ein sachlicher Gedächtnisprotz ohne Weite, der zwar aus öden Akten einen Auszug von sechs Seiten machen kann, aber kotzt, wenn er ein Schiff, zittert, wenn er einen Gaul sieht, und Menschenhaie wittert, wo die Flut nur Seetang heranspült? Die Menschenhaie sind nicht hier, die sind an Land! Ein Mitglied des Mundevereins, das seinem elenden Leichnam nie die Höhen abgerungen hat, wo die Reiche dieser Erde uns zu Füßen liegen. Einer, dem die Kunst nie einen freundlichen Schimmer auf seinen spießigen Weg warf. Malthus würde Faust, Auerbachs Keller heranziehen: ein ›platter Bursche‹, im besten Falle eine sich eifrig nährende städtische Dampfwalze ohne eigene Triebkraft. Ist so das Ebenbild Gottes?

Ja, ich bin traurig heute abend, du so Lieber! Ich bin undankbar! Da habe ich mir nun, in Erinnerung an alte Zeiten, den kleinen Immerfroh eingeladen, und wir verstehen uns nicht mehr, weil er geblieben ist, wo wir mit zwanzig Jahren standen, mich aber mein Dienst weit fortgeführt hat von meiner Jugend.

Und dann, trotz dem milden Klima in dem gesegneten Land, sehne ich mich nach der harten Luft der Heimat. Den Tillensee möchte ich sehen und die Schloßinsel mit meinem Schreibtisch, wenn auch dort des Hochseligen Königs bittere Worte eingerahmt stehen: ›Heute bin ich siebenmal belogen worden!‹ Und wenn auch dort der Vormerkkalender auf mich wartet, das Niederziehendste, das je für einen armen Menschen erfunden worden ist. Immerhin bedeutet er Arbeit, und ich muß wieder arbeiten, sonst bin ich, wie Piephacke sagt, meinen Hafer nicht wert. Ich ertrage es nicht länger, von der Heimat immer nur durch den Kurier etwas zu wissen. Wenn hier die Palmen fächeln, dann ist es mir, als hörte ich im Traume Tillener Wälder rauschen.

Ach, mein so Lieber, wenn ich die stolzen Männer hier sehe, die Capa malerisch umgeschlagen, denke ich doch immer an ein gutes altes deutsches Tillengesicht, etwa meinen Freund Raffael Kreis! Und wenn die schönen Mädchen hier Sonntags in der Mantilla zur Messe gehen, rote Blumen im schwarzen Haar, dann überkommt mich eine brennende Sehnsucht nach blondem Haar... Sobald wir zurück sind, fahren wir in die Munde, ob der Grabstein auch so ist, wie ich ihn bestellt habe. Nun sage mir, bin ich nicht undankbar gegen dieses herrliche Land, undankbar gegen diese guten stolzen Menschen, undankbar gegen meine Freunde Bockbein und Immerfroh?«

Und der Leibarzt Doktor Hanns Medicus spricht:

»Undankbar nicht – – – nur gesund geworden!«

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