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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Prinzessinnen und der schöne Theodor

Der Lehnvettern des Hauses Osterburg gab es nur wenige. Dem Blute nach stand dem Könige Prinzessin Aurora am nächsten. Gleichaltrig mit ihm, war sie die Tochter seines Vorgängers und Oheims, des Königs Sigismund des Neunten, der 1861 hochbetagt an Nierenbeckenentzündung gestorben war. Die alte Dame machte in der gütigen Bescheidenheit ihrer Natur so wenig aus sich, daß es Tillen genug gab, die nichts von ihr wußten. Dazu trug der König bei, indem er sich kaum um sie kümmerte. Der Hofklatsch behauptete, der Lieblingsplan Königs Sigismund des Neunten, seine einzige Tochter mit seinem Neffen und Nachfolger zu vermählen, sei am Widerstand der Prinzessin gescheitert wegen der Beziehungen des damaligen Prinzen Ernst zur Primaballerina der Hofoper, Fräulein Amaranda Sprung (eigentlich Sprüngli aus Winterthur). Darüber konnten wahrhaft Unterrichtete freilich nur lächeln, denn beim sogenannten Volke stand es fest: die arme Aurora unterhielt Beziehungen zum Leibdragoner Rittmeister von der Brunfft. Der wurde ja auch richtig dann Oberjägermeister.

In Wirklichkeit war Ernst dem Zweiten die arme alte Base zu ledern. In Gegenwart des spöttisch überlegenen Basileus, wie man am Hofe den König nannte, wagte sie nämlich nicht, den Mund aufzutun. Seit langen Jahren verbrachte sie ihr Altjungferndasein in der Abgeschiedenheit des dritten Stockwerkes im Hirschgartenflügel des Residenzschlosses. Dort malte sie leidlich abscheuliche Blumenstücke, die sie den Damen ihres kleinen Kreises schenkte; dort spielte sie Klavier, doch wenn jemand sie dabei überraschte, klappte sie errötend den Flügel zu. Ihre größte Seligkeit war die Oper, in der sie mit ihrer alten Hofdame Fräulein Mirabella von Wunderlich in der »dunklen Loge« an der Bühne ungesehen zu sitzen pflegte. Davon konnte sie aber unmöglich mit dem kunstfremden Könige sprechen, der das Theater, das ihn viel Geld kostete, selbst fast niemals besuchte. Auch ihre Wohltätigkeit, wobei die »Apanage« und ein großer Teil der Zinsen ihres bescheidenen Vermögens daraufgingen, mußte sie im stillen üben, denn einmal hatte sie, um Notleidenden beizuspringen, die Grenze ihres Einkommens überschritten und den Basileus um Hilfe bitten müssen. Zwar zahlte der König, doch bei jeder Begegnung bekam sie es seitdem zu hören: »Nun, liebe Base, wer hat dich denn schon wieder mal reinjelegt?«

Seitdem war die alte Prinzessin so verschüchtert, daß sie dem Basileus, der die Königsgabe des Vergessenkönnens nicht besaß, aus dem Wege ging. Dazu nahm bei Ernst dem Zweiten jene Alterserscheinung, Geiz geheißen, überhand, fehlte doch den Osterburgern ein Hausvermögen. Wenn Unterrichtete den Behauptungen umstürzlerischer Kreise, der König habe Riesengelder gehäuft, entgegentraten, so hatten sie durchaus recht, denn das Königshaus war im Grunde arm.

Dieses traf freilich nicht zu bei dem Prinzen Theodor, entfernter mit dem regierenden Herrn verwandt, indem die Großväter Brüder gewesen waren. Im Gegenteil, der »schöne Theodor« – so hieß er von jüngeren Zeiten her – war so reich, wie man es im Lande wohl kaum ahnte. Von den guten Tillen sprach er immer nur mit einem seltsamen Schmunzeln, das dem alten, weißköpfigen Herrn mit dem Fuchsgesicht und dem gefärbten Schnurrbart nicht übel stand. Und doch hatte er als junger Prinz nichts als seine kleine »Apanage« besessen, ja er war sogar mal »um die Ecke gewesen«, wie man zu wissen glaubte. Als er dann wieder auftauchte, schwamm er in Gold. Gab es nur nicht aus. Wenigstens nicht in Tillen. Er hatte auch einen ganz eigenen Verkehr: Fremde, Forschungsreisende, Händler, Bankleute, Industriekapitäne. Mit Hof- und Staatswürdenträgern, mit Offizieren und Beamten ging er nicht gerne um. Er behauptete nämlich erstaunlicherweise, er wisse nicht, was er mit ihnen reden solle.

Der schöne Theodor lebte in kinderloser Ehe mit Prinzessin Ingeborg. Sie kam aus einem nordischen Reich und war ein Engel, sogar ein bemittelter (was noch seltener ist), denn der schöne Theodor gab ihr für ihre Suppenanstalten, Krippen, Armen- und Waisenhäuser soviel sie nur wollte. Aber die Tillen mochten sie nicht. Engel auf Erden pflegen unbeliebt zu sein. Und dann sprach sie das G nicht als J. Das prinzliche Paar wohnte eine Stunde von Tillenau den Windbergen zu, im sogenannten »Nordischen Palais«. Freilich waren sie meist abwesend. Man erfuhr es nur schwer, denn in dem Einschreibebuche, das im Schlosse auflag, fand sich der Vermerk, ein für allemal: »Ihre Königlichen Hoheiten der Prinz und die Frau Prinzessin Theodor lassen für Meldungen bestens danken.«

Ernst der Zweite küßte der Prinzessin Ingeborg, die auch aus königlichem Hause und von ruhiger, frauenhafter Würde war, immer ritterlich die Hand, obwohl sie das G nicht als J sprach. Der schöne Theodor gab dem Könige, was des Könige ist. Sie störten einander nicht.

Ausländer, wie der Earl of Churl oder Mister Woodrow M. Cunning, die auf Veranlassung des schönen Theodor zur königlichen Tafel gezogen worden, meinten übrigens, der König sei von größerem Wissen, der schöne Theodor dagegen der bei weitem »smartere«. In zwei Dingen schien er Ernst dem Zweiten gewiß über, nämlich in fremden Wechselkursen und in Altertümern aller Art.

Dieses war das eigentliche Haus Osterburg.

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