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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Der König und die Maid

Erzähler halt ein, die Wahrheit muß ans Licht: die »Maid« war mitnichten Frau Lyssa Süßmilch-Hahn, sondern die Maid war – verhüllet Euer Haupt – Fräulein Käte Brüstlein aus schmählicher Vergangenheit.

Kurz nach der Probe hatte nämlich die Königliche Generalintendanz ein ärztliches Zeugnis erhalten, das von »hysterischen Krampfanfällen mit theatralischen Stellungen und Gebärden« bei Frau Lyssa Hahn, geborenen Süßmilch, sprach, so daß die Hofschauspielerin am Auftreten abends verhindert sei. Nicht soll entschieden sein, wie weit hier der Wunsch beteiligt sein mochte, ihrem Gatten, der, wenn auch den Arm in der Binde (warum sollte der tapfere Rotermund nicht verwundet sein?), bald wiederauftreten konnte, durch ihre Absage seine Rolle zurückzugewinnen.

Nun wollte jedoch der Freiherr von Malthus auf keinen Fall, schon um des Königs willen, die Vorstellung abermals ausfallen lassen. Auch mußte der hysterischen Dame gezeigt werden, daß sie nicht unentbehrlich sei. Da nun das Stadttheater in Stangenberg das Stück gleichfalls vorbereitete, so fragte er an, ob die dortige »Maid« in Tillenau auftreten könne. Die Anteilnahme seiner Majestät an dem Stücke zeigte er dabei als Lockspeise. Die Antwort des Stangenberger Direktors, des Herrn Egmont Spielwut, der seine Schwäche für bunte Bändchen in keiner Weise verbarg, lautete: Fräulein Brüstlein beherrsche bereits die Rolle. Allerdings müsse sie heute abend als Gretchen auftreten. Um aber Seiner Majestät gefällig zu sein, würde er »Charleys Tante« einschieben, so daß Fräulein Brüstlein fünf Uhr sechsunddreißig mit dem Schnellzuge Köln – Stangenberg in Tillenau eintreffen könne.

Nun wäre es jedoch durchaus verfehlt gewesen, zu verlangen, der Generalintendant solle das peinliche Auftreten der Dame hindern. Vom Prinzen Arbo wußte er so gut wie nichts, noch weniger also von dem unrühmlichen Liebesrausch des kleinen Hilligenstädter Nebensprossen. So hielt es der Freiherr nicht für erforderlich, dem Könige vorher von dem Gaste etwas zu sagen.

Ernst der Dritte hatte auch, mit Stück und Darstellern vertraut, beim Betreten der Königsloge den Theaterzettel gar nicht gelesen. Erst mitten im Spiel sah er überraschend die Gefährtin seiner kurzen leichtsinnigen Zeit unter sich.

Durch einen gewiß nicht alltäglichen Lebensgang von der – übrigens künstlerisch wie körperlich gereiften – Darstellerin entfernt, blieb er dennoch völlig in Haltung, während das volle Haus darauf wartete, die Terz auf der Wange des Königs erglühen zu sehen wie den heiligen Gral. Denn war es nicht, von irgendwelchen Wissenden verbreitet, von Mund zu Munde gegangen, diese »Maid« sei nicht allein König Rotermunds, nein auch Ernst des Dritten abgedankte Liebe? Und nun verstehen wir auch jene heiße Anteilnahme der Zuschauer an der Königsloge.

Wie nun aber Menschen an die gräßlichsten Geschehnisse sich gewöhnen, so ließen bald, angesichts der Fassung Seiner Majestät, Neugierde wie Empörung nach. Ja, als im zweiten Aufzuge König Rotermund die »Maid«, Gefährtin seiner dumpfen Tage, die seinem königlichen Sonnenfluge nicht zu folgen vermochte, verstieß, brach das Publikum, das doch sonst im Theater immer zu der Verlassenen steht, in brausenden Beifall aus. Diesen Aktschluß hatte man am Theater für die Klippe gehalten, an der Herr Theodor Schlampe scheitern könnte. Nun sie, dank der festen Handschuhe Seiner Majestät, glücklich umschifft war, strahlte der Freiherr von Malthus, als habe eigentlich er das Stück geschrieben. Noch mehr aber waren die Darsteller beglückt: Herr Raymundus Femina, der sich süß lächelnd, unköniglich tief vor seinem Kollegen in der Königsloge verneigte, nicht minder freilich Fräulein Käte Brüstlein. Die Augen fast geschlossen, sank sie vor der Königsloge in sich zusammen. Und alle Operngläser rutschten zwischen ihr und Ernst dem Dritten hin und her. Doch der Rex hatte bereits seinen Platz verlassen.

Er blieb aber nicht, wie Ernst der Zweite die wenigen Male, die er ein Theater besucht, im Hintergrund der Loge, sondern schritt mit dem Flügeladjutanten und dem Leibarzt durch den Wandelgang hinter dem ersten Rang zum großen »Foyer«, wo es kalte Küche und Süßigkeiten gab. Ganz unköniglich trank er dort ein Glas Bier: er habe »wahnsinnigen Durst«, sagte er zu Doktor Medicus. Dieser zeigte sich besorgt als Arzt, doch Ernst der Dritte war so aufgeräumt, wie man ihn seit langer Zeit nicht gesehen, wenngleich eine ungewöhnliche Blässe seine Wangen deckte.

Inzwischen hatte sich das Gerücht von der Anwesenheit des Königs verbreitet, und die Menschen drängten sich in wenig zartfühlender Weise heran, den Hohen Herrn belästigend durch ihr rücksichtsloses Gebaren. Es half auch wenig, daß der Flügeladjutant, wie ein Schutzmann an der Menge vorbeistreichend, die Gaffer zurückwies.

Doch Ernst der Dritte war über alledem plötzlich verschwunden. Und damit bricht ein neuer Abschnitt jenes denkwürdigen Abends an. Der König stand abseits mit zwei jungen, gleichgekleideten Damen, die blutübergossen sich aneinander drängten. Wer sollten sie wohl anders sein als Maria und Martha Schwelle, Schwestern aus dem Paradiese? Flügeladjutant wie Leibarzt blieben ein paar Schritte zurück, und im Hintergrund ward der alte Oberhofmarschall von Flimmer sichtbar, der nun endlich seine Frage anbringen wollte. Ernst der Dritte aber ließ die beiden Mädchen nicht los, so daß sowohl wegen Dauer der Ansprache, wie Vertiefung seiner Unterhaltung alle bösen Zungen züngelten. Dieses mag gegenständlich gemacht sein durch das Zwiegespräch zweier Schwägerinnen, die mit verächtlich angespanntem Unterlippenabzieher das Schwesternpaar vor dem Könige musterten.

Die überreife Frau Rentner Ekzema Ehrschneider, übrigens wie Puppchens Mutter aus der Ludergasse, aber Hausbesitzerin und vom ersten Stock:

»Jewiß 'ne neie Flamme!«

Die den leider etwas verdickten Hals in einer Spitze bergende Witwe Struma Unheil, Osterburger Ring neunzehn:

»Was wird nu die Bristlein sachen?« (In der Tat hatte das Gerücht sich verbreitet, die »Maid« sei auf zehn Jahre für das Königliche Schauspielhaus verpflichtet worden.)

Frau Ekzema Ehrschneider:

»Es ist höchste Zeit, daß der Kenich heiratet!«

Frau Struma Unheil, seit ihrer Witwenschaft Inhaberin eines Modesalons:

»Cha 'ne Kenichin brauchen wir! Sonst ist's jar kee richticher Hof nich. De Injeborchen is nie da und de Auroran jiebt den Jeschäftsleuten nischt zu verdienen! Von unserm Kenich ham mer aber so nischt. Daß der mal 'n Ball jäbe! Nee! Das würde de Bristlein jar nich erlauben, denn er kann se ja nich mitnehmen!«

Ist nun der Gedanke völlig abzuweisen, daß Ernst der Dritte durch sein Verweilen an der Schwelle zum Paradiese der Menschheit beweisen wollte, wie ihn nichts zu Fräulein Käte Brüstlein zog? Tatsache bleibt, daß erst als längst das Glockenzeichen zum nächsten Akt gerufen hatte, der Rex endlich die Schwestern verabschiedete. Als Maria und Martha dem entschwindenden Könige wie einer Traumgestalt nachblickten, näherte sich ihnen ein junger Mann, der bisher, für sich und uns, im Dunkeln geblieben ist. Er hatte einen roten Kopf bekommen, fast wie die Dienstmütze, die er als Stationsassistent am Hauptbahnhofe zu tragen pflegte. Nun erfuhr er, was Seine Majestät gesprochen, denn Martha hatte sich jedes Wort gemerkt, während Maria, an die Ernst der Dritte sich fast allein gewendet, nur immer wiederholte:

»Und er hieß doch Gast?«

Martha jedoch teilte Marias Verlobten, Herrn Stationsassistent Ernst Abfahrt mit, was zusammengedrängt lautet:

»Seine Machestät hat sich nicht vorjestellt, aber ich hab's jleich jewußt, es ist der Rittmeister aus'm Paradiese! Das Couplet ›In der Munda‹ hat er noch auswendig jekonnt. Es ist auch nett. Und den frechen Kerl, der Maria hat belästigt, hat er 'nen ausjekochten Jungen jenannt. Und dann hat er was janz Närr'sches erzählt: was die beiden Herren sind, die noch mit am Tische saßen, davon ist eener verhaftet worden. Aber er kann auch nicht in ein schwebendes Verfahren einjreifen, denn er hat jar keene Macht, hat er jesacht. Aber wenn wir mal 'nen Wunsch haben, sollen wir ihn nur besuchen. Wir kennen doch Seine Machestät nich pemperlempem besuchen? Was so'n Kenich nur manchmal denkt! Im Paradiese war er doch noch janz verninftich?«

Da hat Maria mit verliebtem Blick zu Herrn Ernst Abfahrt erklärt:

»Martha, wenn du mitjehst, jehe ich hin! Er wird jewiß meinen Ernst befördern, daß wir früher heiraten können!«

Doch ihr Ernst schnitt alles mit der bestimmten Äußerung ab:

»Dienstlich ganz ausgeschlossen, Maria, übrigens, wie kommt eigentlich Machestät dazu, so riesig nett mit dir zu sein? Ich muß mich doch sehr wundern! Er kennt euch doch gar nicht? Oder solltest du mir etwa was verborgen haben? Ich will es nicht hoffen!«

Und er machte ein wenig angenehmes Dienstgesicht.

Inzwischen kehrte Ernst der Dritte zu seiner Loge zurück, durch den wieder völlig menschenleeren Gang, in dem nur der Logendiener Salwart, tagsüber Aufseher in der Königlichen Gemälde-Sammlung, tief sich verbeugte und in der Kleiderablage Frau Abbort schnell das Augenglas aufsetzte, um den König besser zu sehen. Der Rex aber hatte sie bereits erkannt und trat heran. Nun sattsam an absonderliche Worte Seiner Majestät gewöhnt, kann es niemand wundernehmen, wenn er sagte: »Sieh da, Abbortchen, wir kennen uns doch aus dem Café Glockenstrang! Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner noch entsinnen!«

Frau Abbort nahm das Augenglas nicht ab, denn sie wollte den König unter allen Umständen genau sehen:

»Nu, das wär' doch noch scheener, Machestät! Ich habe doch unserm Prinzen immer missen die Knöppe annähen, weil Sie sie immer abjedreht haben!«

Ernst der Dritte lachte laut auf:

»Ja, eine schlechte Angewohnheit! Leider tu ich's noch. Das sollte man nicht, Abbortchen, was?«

Die dicke Frau grinste geschmeichelt, der alte Logendiener schmunzelte untertänigst, Doktor Medicus lachte fröhlich, Major von Auffrecht lächelte, aber am glücklichsten war der König, dem die Zeit nun auch die Hermundurentage zu vergolden schien. Als nun aber Frau Abbort, immer noch den Kneifer auf der Nase, sich erbot, wieder wie in alter Zeit Seiner Majestät »die Knöppe« anzunähen, meinte der Rex ganz unbefangen:

»Danke, Abbortchen, ich bin jetzt gut versorgt. Die Knöppe näht Lore-Lene an.«

Der Flügeladjutant machte ein so strenges Gesicht wie einst, als er um seine Entlassung gebeten. Der Rex jedoch fühlte, daß er einen Menschen glücklich gemacht, was er, nach im »Weltschmerz« zum Leibarzt gesprochenem Worte, für einen der wenigen Punkte hielt, die seine Stellung rechtfertigten.

Exzellenz von Flimmer, der mit seinen alten Beinen dem schnell voranschreitenden Rex nicht folgen gekonnt, holte ihn jetzt ein und stellte endlich seine Frage, nämlich, ob Seine Majestät das Künstlerdiner zur Eröffnung der großen Internationalen Kunstausstellung im Königlichen Residenzschloß beföhle oder auf der Schloßinsel? Ernst der Dritte, dessen Blässe auffiel, antwortete wie immer herzlich gegen seinen Oberhofmarschall:

»Was ist für Sie bequemer?«

Der alte Mann sah seinen hohen Herrn fast verliebt an:

»Euer Machestät, bequemer natürlich im Schlosse, aber unter den Herren sind viele fremde Künstler, und der See pflegt Malern immer Eindruck zu machen. Wenn nun auch das Schloß verwöhnten Augen nichts bietet, so läßt sich doch der große Saal mit Blumen schön ausschmücken, und den Seeblick gibt's nicht überall.«

»Gut, also auf der Schloßinsel!« befahl der Rex. Dann flüsterte er dem Leibarzt noch zu:

»Das war nämlich Maria Schwelle. Aber hat die eingepackt! Sie sah doch recht spießig aus!«

Als Ernst der Dritte seine Loge betrat, spielte schon längst der letzte Akt, der sich von jeder Möglichkeit, einen Vergleich zur Gegenwart zu ziehen, mehr und mehr entfernte, indem König Rotermund, um seine Herrschaft zu festigen, zum Gewaltmenschen sich auswuchs. Shakespeares Einfluß auf Schlampe schien unverkennbar: die Leichen häuften sich. Obwohl nun dabei die verschiedensten königlichen Hofschauspieler bedauerlicherweise ums Leben kamen, so setzten sich die Zuschauer, die sonst gewiß jeden Mord verabscheut haben würden, leichtsinnig darüber hinweg. Freilich beseitigte Herr Femina seine Mitspieler in ganz bestrickender Weise.

Kurz vor der letzten Szene befahl der König den Dichter und den Träger der Hauptrolle in seine Loge. Als nun der Freiherr von Malthus auch Fräulein Brüstlein vorschlug, weigerte sich der Rex, sie zu empfangen. In merkwürdiger Verkennung seines Einflusses sagte da der Theatergeneral:

»Wollen Euer Majestät allergnädigst bedenken: Die Dame hat uns durch ihr Einspringen gerettet, wie einst die Gänse das Kapitol!«

Zum ersten Male wurde Ernst der Dritte unangenehm, und zwar in der erstaunlichen Fassung:

»Gänse empfange ich nicht!«

Als der Vorhang über den Schlußworten sich gesenkt, gab wieder der König das Zeichen zum Beifall. Der Königliche Hofschauspieler Femina und Fräulein Brüstlein zerrten den Verfasser an die Rampe, der ungeschminkt-blaß, jenen hilflosen Eindruck hervorrief, wie das Publikum gern den Dichter sah, hätte es ihm doch ein Zurschautragen seines Wertes nie verziehen.

Da nun der König die Loge nicht verließ, so erwartete man besonderes, und nur jene brachen auf, die grundsätzlich gegen Gewinn einer Minute, die sie früher zum Nachtessen kamen, Ellenbogenstöße eintauschten, oder den Verlust von Knöpfen, wie sie – wir wissen es nun – auch Seine Majestät verlor.

In der Tat sah man den Generalintendanten in die Königsloge treten, gefolgt vom Dichter und Herrn Femina; sah, wie Ernst des Dritten blasses Gesicht etwa den Ton aufwies des käsigen von Herrn Theodor Schlampe; sah, daß der geschminkte König eine Krone trug, während der echte, so versicherte Kommerzienrat Bast seinen schönen blonden Töchtern, nie eine aufgehabt; sah, daß Ernst der Dritte abwechselnd in die linke und in die rechte Hosentasche fuhr und goldene Uhren verteilte, die er den Juchtenbehältern des Herrn Hofturm- und Kunstuhrenmachers Pendel entnommen.

Herr Femina verneigte sich, die Hand mit der Uhr aufs Herz gepreßt, so tief, daß am siebenten Halswirbel unter dem Panzer ein buntes Herrenhemd sichtbar ward, wie König Rotermund nie eines getragen hätte, falls er überhaupt ein Hemd besessen. Der Dichter aber, seelisch berauscht vom ersten Theatererfolg seines Leben, schien derart entrückt, daß man irgendeine übertriebene und nicht mehr übliche Handlung befürchten mußte, etwa einen Handkuß oder gar einen Kniefall. Was geschah jedoch: Herr Theodor Schlampe, der eben dem Generalintendanten die Einreichung eines Griechendramas angedroht, das er noch als Primaner verfaßt, hob im Gedanken daran gleich einem Adoranten beglückte Arme, wobei er, die Hände öffnend, die goldene Savonnette-Herrenuhr mit sechzehn Karat Goldgehäuse hinklatschen ließ.

Man gewahrte den Erschrockenen sie aufheben und ans Ohr halten; erkannte sein höchst bedenkliches Gesicht; beobachtete, wie der König teilnehmend die Uhr sich geben ließ; erspähte, daß auch er sie an Höchstsein Ohr hielt. Gute Nerven sind notwendig, solche Spannung zu ertragen. Als nun aber Seine Majestät die Uhr lächelnd absetzte, klang deutlich im Schweigen des Hauses der erleichterte Seufzer der Frau Ekzema Ehrschneider: »Gott sei Dank, sie jeht!«

Und alles strahlte, vor allem der Dichter Herr Theodor Schlampe. Wie sein Fuchsgesicht lächelte, zeigte es genau jenen Ausdruck seltsamen Schmunzelns, der dem schönen Theodor nicht übel stand. Dem Rex fiel er auf. Mußte er nicht an die Worte seines Generalintendanten denken: »Faust erster Teil. Vor dem Tore« ... »sein Vater war ein dunkler Ehrenmann«? Nun sah man Ernst den Dritten mit dem Dichter sprechen, verstand jedoch nur einzelnes. Herr Femina ist später um so mehr besorgt gewesen, die Lücke zu schließen, als er dabei Gelegenheit fand, sich in der Gnade Seiner Majestät zu sonnen, auch nebenbei nach der Uhr zu sehen. Des Königs Worte sollen gelautet haben: »Ihr Stück hat mir gefallen, vor allem der erste und zweite Akt. Zum dritten Akt muß ich freilich sagen, daß ich mir das Königsein anders denke. Die Sache ist keineswegs so schön, wie Sie sich das vorstellen; und ich bin doch vom Fach. Allerdings bin ich kein Dichter. Übrigens sind viele Königsempfindungen durchaus richtig, und ich bin erstaunt, woher Sie das haben.«

Der Dichter Theodor Schlampe, dessen vermutetes hohes Halbblut sich längst herumgesprochen hatte, sagte etwas, das gewiß der Rücksicht auf den König entbehrte, und da er fast begeistert sprach, konnte man jedes Wort verstehen:

»Majestät, es liegt vielleicht im Blut!«

Wer möchte nun sagen, was in der Seele Ernst des Dritten vorging? Ein Mensch war er, nichts als das, und vielleicht bescheidener als mancher andere. Ist da nicht der Schluß berechtigt, er habe gedacht, wie du und ich? Vergegenwärtige sich jeder, er habe dort gestanden vor den Augen des gespannt lauschenden Hauses und gebe dazu einen Schuß Kleinmut, ein Quentchen Befangenheit, ein Lot aber auch Sicherheit des Offiziers und Übung des »Dienstes«. Endlich mag jeder noch einen Wägeausgleich Königsinn hinzufügen, aber nicht mehr als das, und eine Schwebung Osterburg. Laune und Stimmung schalte man aus, denn sie zählten nicht mit bei diesem Manne, der sein Königsjoch wohl lasten fühlte, aber trug, und dann werden wir wissen, was vorging in der Seele Ernst des Dritten.

Gewiß ist, daß der König nicht ein Wort mehr sprach, doch er reichte dem Dichter Theodor Schlampe gnädig die Hand.

Bei der Fahrt ins Schloß fröstelte der Rex und sagte zum Flügeladjutanten Major Freiherrn von und zu Auffrecht an seiner Seite: »Ich fühlte mich schon im Theater so wenig gut, daß ich eigentlich nach Hause fahren wollte, aber damit hätte ich am Ende den Erfolg des Herrn Lampe (er sagte Lampe... und es klang wie Absicht) gefährdet. Krank darf man erst nach dem Dienste werden!«

Der besorgte Doktor Medicus, der schon am Nachmittage, wenn auch vergeblich, Seiner Majestät zugeredet, den Theaterbesuch aufzugeben, drang nun darauf, daß der König sofort zu Bett ginge. Die Temperatur war: 39,0. Der Puls: 115.

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