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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Das Bockbein

Wer möchte leugnen, daß Ernst der Dritte immer sicherer in seinen Dienst hineinwuchs, so daß der Vormerkkalender kaum mehr in Verfall geriet? Es ging ihm nicht anders als etwa einem Lehrling, der anfangs meint, nie hinter den Bau eines Motors kommen zu können, wenn er ihn aber erst ein paarmal auseinandergenommen hat, ihn sogar verbessern möchte, bis er allmählich sich bescheidet, nur ehrlich seiner Maschine zu dienen.

So war der König bei jener Entwicklungsstufe angelangt, wo der erste Eifer ein wenig nachzulassen pflegt. Wir kennen jene Stunden der Hoffnungslosigkeit, in denen er seinem Freunde gesagt: »Ob ich ein Schriftstück unterhaue oder nicht, ist ja doch ganz wurscht!«; wissen auch, wie unsicher Seine Majestät sich einst gefühlt, so daß der Gedanke ihn bedrängt: »Wenn ich doch nur beim alten König besser aufgepaßt hätte!« Aber während bisher jede Mahnung an seinen Vorgänger ihn gequält, schien der gewaltige Schatten des Basileus fast versöhnt, durch die Totenopfer, die der Rex ihm dargebracht mit strenger Übung seines Dienstes.

Denn nur Mißgunst möchte behaupten, der junge König habe nicht erhebliche Dienstgewandtheit erworben. Verstand er nicht jetzt bei den Audienzen im Grünen Saal aus dem Stuhle mit reicherer Schnitzarbeit und Vergoldung rechtzeitig aufzustehen, damit die Unterhaltung sich nicht ins Bodenlose verlöre? Gelang es ihm nicht, bei den Donnerstagsmeldungen bisweilen in kürzerer Zeit fertig zu werden, als vorgesehen, gleich einem katholischen Priester, der bei der Primiz die Messe voller Inbrunst noch überlang liest, während er bald förmlich eine Rekordzeit aufstellt? Ernst der Dritte war so stolz auf sein abgekürztes Verfahren, daß er einmal zum Rauhreiter gesagt hat: »Heute habe ich neun Minuten gespart!« Keine Vernachlässigung seines Dienstes, denn er konnte mit gutem Gewissen behaupten, er habe dafür doppelt eindringlich den Städtischen Zollinspektor Pascher gefragt, wieviel Butter wohl schätzungsweise im verflossenen März über Till und Beetebrücken nach Tillenau eingeschmuggelt worden, und Herrn Rentier Liebesgabe, der vierzig Jahre dem Findlingheim als Hausvater vorgestanden, doppelt teilnehmend gesagt, die Grundlage zu seinem ganzen Dasein sei doch eigentlich unmoralisch.

Ernst der Dritte, der bisher oft die Nächte geopfert, weil er alle Eingaben zu genau las, hatte nun auch gelernt, Akten zu überfliegen. Das Bockbein wurde sein Lehrmeister. Der Herr vortragende Rat, wie er jetzt hieß, war durch seine grundsätzlichen sechs Seiten dem Könige immer lieber, es sei zugestanden, auch immer bequemer geworden. Wenn er erschien, weil Seine Majestät über irgend etwas aufgeklärt sein wollte, und sein Zettelchen mit bekanntem Lächeln zückte, freute sich Ernst der Dritte bereits, weil er keine Akten sah, und lächelte zwangsläufig wider.

Das Bockbein begann nun meckernd vorzutragen, wobei in seinem überlegenen Verstand die verwickeltsten Dinge knappe Klarheit gewannen. Alles erschien so einfach, daß es im Grunde einen Widerspruch nicht gab. Dennoch verlangte der König, der sich, wie er öfters geäußert hat, höllisch zusammenreißen mußte, um den sinngedrängten Sätzen auf den ersten Anhieb folgen zu können, bisweilen mehr Nachweise als das Zettelchen, auf das übrigens das Bockbein, wenn besonders glänzend gestimmt, auch verzichtete.

Dann kam er zum nächsten Vortrage mit solchen Stößen von Akten, daß Seine Majestät allein schon bei deren Anblick erblaßte. Zwei starke Männer mußten sie herbeitragen. Die beiden verdienen es, der Nachwelt bekannt zu werden. Es waren: Registrator Stahl, mit Stahlbrille, Stahlblick, Stahluhr, Stahlkette, Stahlwillen und Stahlstimme, wenigstens brüllte er, als Seine Majestät ihm Guten Morgen wünschte, derart »Guten Morgen, Euer Majestät«, daß der König ihn erheblich leiser fragte, ob er Soldat gewesen sei? »Wachtmeister beim Leib-Artillerieregiment, Euer Majestät.« Natürlich war auch der andere starke Mann, Kanzleidiener Schleppegern ein alter Unteroffizier. Als des Bockbeins rechte Hand, hatte er sich ein Spiegellachen seines Vorgesetzten angewöhnt, nur etliche Jahrhunderte neuzeitlicher.

Nun gab es zwei Möglichkeiten: entweder wußte das Bockbein Bescheid, dann griff er schlafwandelnd ein Aktenbündel heraus, leckte sich zum Umschlagen der Seiten unerzogen und ungesund die Fingerspitzen und schlug mit archaischem Lächeln auf, etwa Seite: 1736, Absatz: 5. Oder das Bockbein besaß doch nicht genügende Aktenkenntnis, dann warf er mit ehrerbietiger Verbeugung Seiner Majestät zwei Wälzer auf den Tisch:

»Da der Stoff über zweitausend Seiten verstreut ist, so bin ich so frei (Bockbein war mit den Geheimnissen der Hofsprache nicht ganz vertraut) Euer Machestät zu bitten, die Faszikel 194 B f β 4 und 7824 H 1 β 9 jefälligst (siehe oben) nachprüfen zu wollen.«

Dabei lachte er wieder den König dermaßen archaisch an, daß Ernst der Dritte zum Dragonerton griff:

»Ich glaube, Bockbein, Sie sind ein ganz durchtriebener Hund!«

Wie der König später heiter erzählt, hat jener geantwortet, nicht ohne leises Einschnappen, denn der Formlose verlangte für sich Form:

»Alleruntertänigster Hund, Euer Majestät, Salamander der jeriebene, Wallach der jerissene, durch alle Siebe jefallen, mit allen Ölen jesalbt, durch alle Wehre jespült, ausjekochter, alleruntertänigster Diener Euerer Majestät! Hä! Hä! Hä!«

Seitdem hat man oft im Munde Ernsts des Dritten jene Wendung von »ausgekocht« gehört, denn es ist bekannt, daß der König sich für gewisse Zeit immer in bestimmte Schlagwörter verliebte.

Nun wäre es gewagt zu behaupten, das Bockbein hätte sich allgemeiner Beliebtheit erfreut. Zwar lächelte man zurück, wenn es lächelte, aber man müßte Höfe nicht kennen, um nicht zu wissen, daß der doch recht gewöhnlich aussehende Vortragende Rat die Frage heraufbeschwören mußte, was Seine Majestät denn nur eigentlich an ihm gefressen habe? Wenn nun auch Leute, wie der alte Oberhofmarschall von Flimmer, der täglich auf seinen wohlverdienten Ruhestand wartete, ohne ihn zu bekommen, oder der Rauhreiter, als Soldat, sich um ihn nicht kümmerten, so beunruhigte doch sein Erscheinen jedesmal das ganze Heer der Götter zweiten Grades, vor allem den Kabinettssekretär, der in ihm eine höchst fragwürdige Nebenregierung erblickte. Sturz freilich, rot, rund und zufrieden, war froh, einen zu haben, der ihm die Knifflichkeiten abnahm. Einen Nebenbuhler in ihm zu wittern, hätte des Herrn von Sturzacker auf Sturzacker landjunkerlicher Überlieferung nicht entsprochen, denn bei etwaigem Abschiede wäre er lächelnd gegangen, um seinen Kohl zu bauen. Auch muß gesagt sein, daß der Minister, der selbst wenig auf Äußeres hielt, vielleicht mancherlei an dem Bockbein gar nicht sah, was seinen Hunden am Hofe in die Nase fuhr.

Hierzu sind Röllchen zu rechnen, die gewiß nicht gegen den inneren Wert eines Mannes sprechen; aber wäre nicht beim Bürger auch einer mißliebig geworden, der zum Begräbnis in Sportmütze erschien? Hätte unter den Erdarbeitern der neuen Bahnstrecke Tillenau – Ganzig – Außensee, beim Stiftungsfest ihres Vereines »Freiheit« einer wohl einen Smoking tragen dürfen, auch wenn er ihn geschenkt bekommen?

Freilich, gegen den Herrn Vortragenden Rat gab es noch anderes einzuwenden: Ihm fehlte leider die Kinderstube.

Als nun eines Tages – es war schon wieder Sommer und die Übersiedlung auf die Schloßinsel vollzogen – das Bockbein zum Vortrage erschienen (eigentlich überflüssig, kam doch Seine Majestät fast täglich nach Tillenau, aber die Fahrt über den schönen Tillensee war eine Abwechslung, und der Herr vortragende Rat fiel gern in die königliche Suppe – billig und gut), also an solchem Tage wollte es der Zufall, daß auch der Kriegsminister, Generalleutnant Kotz von Gerben, anwesend war, weil Oberst Spyon, Militärattaché einer fremden Macht, bei Seiner Majestät sich gemeldet hatte.

Nun muß ohne weiteres zugegeben werden, daß der Kriegsgott für das Bockbein keinerlei Zuneigung empfand. Er glaubte nämlich, daß jener dem Militärfiskus beim Ministerium des Inneren grundsätzlich ein Bockbein stelle. Gewiß war diese Vermutung nichts als eine der Empfindlichkeiten, wie sie in Tillen unter allen Berufen und Kasten nun einmal üblich schienen, denn das Bockbein war schon seiner Augen wegen niemals Soldat gewesen. Zu seinem Glück! Man stelle ihn sich nur als Einjährigen vor, Kotz von Gerben aber als seinen Kompagniechef, den er grundsätzlich bei Stillgestanden aus der Front anlacht.

Der Vortragende Rat, der nun einmal lieber mit dem Messer als mit der Gabel aß, zog sich beim Frühstück die Klinge in rücksichtsloser Weise durch den Mund. Da rief der Kriegsminister in gespielter Besorgnis um des Unerzogenen Leben:

»Um Gottes willen, schneiden Sie sich nicht!«

Solch väterliche Sorge weckte ein Schmunzeln, das sich jedoch zu bassem Staunen wandelte, als der Vortragende Rat, der, wie man hörte, zuerst Medizin studiert, dann aber wegen mangelnder Sehschärfe zur Juristerei umgesattelt war, überlegen listig antwortete:

»Keene Bange, Exzellenz, ich bin beinahe mal Chirurg jewesen.«

Nach der Tafel machte Ernst der Dritte mit dem Kriegsgott und dem Militärattache einer ziemlich fremden Macht, Oberst Spyon, einen Spaziergang durch die Schloßinsel, seinen Gästen den zerfallenen Hafendamm und den Leuchtturm Kurfürst Sigismund des Siebenten spielerischen Angedenkens, als einzige Sehenswürdigkeit der Insel, zu zeigen. Währenddessen saßen die anderen qualmend im Billardzimmer, das der König, der sich als Leutnant das Rauchen sparsamkeitshalber abgewöhnt und nun eine ausgesprochene Abneigung gegen Zigarrendunst besaß, den Rauchern freigegeben. Es war aber grade das abgelegene Billardzimmer aus der Zeit König Sigismund des Neunten, weil Seine Majestät, bei dessen Erziehung einst König Ernst der Zweite kein Spiel irgendwelcher Art geduldet, sich hier nie aufhielt.

Da geschah es, daß der Herr vortragende Rat zum Stoß genau wie weiland Prinz Peter bei J. Schwanzer seinen Rock auszog. Zugleich aber seine Röllchen, die er vorsorglich auf das Fensterbrett stellte. Nun waren für den Kabinettssekretär Geheimrat Doktor Kleber Röllchen die Verkörperung des Gewöhnlichen, Röllchen Bockbeins jedoch, dessen Dasein er als unlauteren Wettbewerb empfand, wirkten aufreizend auf ihn. Als er am Fenster vorüberschritt, blickte er auf die beiden einsamen Leinwandstulpen, zog schwer Atem, daß der Schulterring sich hob, und sagte, etwa als habe der zu dem Hemdenrest gehörige Besitzer unten im See wie Pius Glockenstrang ein verdientes Ende gefunden:

»Die Überreste eines Gentleman.«

Das Bockbein, dem die Röllchen einen wesentlichen Bestandteil seines Selbst bedeuteten, fühlte das Wegwerfende solcher Äußerung. Er hielt es demnach für angebracht, mit seinem berühmten archaischen Lächeln eine Erklärung zu verlangen. Wenn nun auch das Lächeln dem Ernste solch schwerer Ehrensache einiges an Bedeutung nahm, so war doch der Kabinettssekretär, an seiner Stellung lächerlich klebend, nicht der Mann, blutige Folgen zu tragen. Er antwortete also sofort: »Ich stehe nicht an zu erklären, daß es mir fern liegt, Sie zu beleidigen. Ich darf also sagen: die Röllchen sind nicht die Überreste eines Gentleman

Und nun geschah das Erstaunliche: Der sonst überkluge Mann schien die neue schwerere Spitze nicht zu verstehen. Sonst wäre es unmöglich gewesen, daß er, nachdem das Billardspiel als offenbar streiterregend aufgegeben worden, in bezug auf seinen glänzenden Trick, Ernst den Dritten vom Aktenstöbern abzuhalten, gesagt hätte:

»Das Rumstänkern habe ich Seiner Majestät schon abjewöhnt.«

Der Flügeladjutant, Major Freiherr von und zu Auffrecht, der einst seinem hohen Herrn gegenüber scharf seine Offiziersehre gewahrt, verteidigte nun ebenso seinen König:

»Den Ausdruck »rumstänkern« bei Seiner Majestät muß ich mir, der ich die Ehre habe, Flügeladjutant zu sein, in meiner Gegenwart verbitten!«

Und das Bockbein, mehr Hirn als Kerl, hat nur archaisch gelächelt. Der Major aber lächelte nicht zurück, weder archaisch noch überhaupt.

Die Stunde nahte, wo die Gäste die Schloßinsel verließen. Dieses geschah mit dem fahrplanmäßigen Dampfer, der den See kreuzte, an der Schloßinsel jedoch nur auf Flaggensignal anzulegen pflegte; der stolzeste Augenblick, den der alte Leuchtturm noch hatte. Jedesmal gab es dann an Bord große Aufregung, die sonst unzugängliche Schloßinsel einmal in der Nähe zu sehen, denn man erzählte sich Märchenhaftes davon.

Hafen und Leuchtturm waren bekannt, doch wußte man nicht von heimlichen Strandbatterien (drei lafettenlose Kanonenrohre aus der Zeit Sigismunds des Siebenten) und der Dampfjacht Seiner Majestät (Motorboot Ernsts des Zweiten: augenblicklich leck) mit herabklappbarer Bordwand, hinter der schwere Geschütze lauerten? Und daß ein Minenfeld der Insel vorläge (Schilf), weshalb jedesmal ein Lootse an Bord kommen mußte, um den Dampfer ungefährdet hindurchzuführen? Gab es nicht Seebäder voll schamloser Pracht (Holzkabinen), gegen die der Gedanke an Thermen römischer Cäsaren verblich? Strotzte das Schloß nicht von Geheimnissen? Wie stand es denn mit dem Tischleindeckedich (Speiseaufzug)? Oder gar mit der unterirdischen Reitbahn (Zirkel unter den Linden), wo der Rex auf ungesatteltem Pferde bei abgedrehter Beleuchtung durch von Kammerherren gehaltene Feuerreifen sprang? (Wozu taten denn die Kerle sonst Dienst?) Gab es nicht einen schwer goldenen Saal mit der größten Orgel der Welt (Harmonium im sogenannten Kirchensaal), an der immer sechzehn Lakaien die Bälge treten mußten, wenn Seine Majestät nachts phantasierte? (Ernst der Dritte, wenig musikalisch.) Seidenschlummerlager mit Rosenblätterfall waren noch das wenigste, aber daß der König täglich in Milch badete (im See) oder Schaumwein, den er ja unmäßig trank (Ernst der Dritte, fast trinkfeindlich), schien doch eigentlich sträfliche Verschwendung. Eben deshalb zeigte man in Anbetracht der Armut weiter Volkskreise nicht das verbrecherische Schloß!

Das Erstaunlichste sollten die hängenden Gärten sein. Wenn nun auch niemand sagen konnte, warum sie grade hängen mußten, wie bei jener in Gott ruhenden Königin der alten Welt, so stand doch fest, daß die Orchideen nur so baumelten (Abneigung des Königs gegen Treibhausblumen), klassenaufreizende Pflanzen, weil, wie allgemein bekannt, jede einzelne mehrere Vermögen kostete.

Und dort vertrödelte Seine Majestät tatenlos seine Tage. Ja, gewiß, vertrödelte, denn was tat er denn? Hier könnte man nun einwerfen, wie er trotz dem Bockbein Akten durchstöberte, Donnerstags Meldungen entgegennahm, dreimal wöchentlich Audienzen erteilte, täglich Vorträge bekam von Kotz von Gerben, Bockbein, Oberhofmarschall und Kabinettssekretär. Besuchte er nicht Ausstellungen, Schachklubs, Museen, botanische Gärten, Kliniken, Hochzeiten und Krankenhäuser? War er nicht beim Großfeuer, wie die Byzantiner sagten, um die Löscharbeiten persönlich zu leiten, in Wirklichkeit aus landesväterlicher Fürsorge? Übte er beim Manöver nicht sogar schmählichen Verrat? Ging er nicht bisweilen ins Theater, um durch sein Beispiel Interesse zu wecken für Kunst und Dichtung, Dinge höher denn Bierbank und Klatsch? Besuchte er nicht sogar heimlich das Paradies, und fuhr er nicht öffentlich Karussell?

Nun waren Herr Schreyer, Herr S. Gold, Herr Umsturz, Herr Wühlheimer und wie sie heißen mochten, viel zu klug, um solchen Unsinn zu glauben, immerhin traten sie dem Tischler Joseph Schellack, ihres »Süstemes« halber, nicht entgegen, wenn er verleumderischen Unsinn unter die Massen warf. Das Traurige nur war, daß derartige Albernheiten unbeschäftigter Einbildungskraft vornehmlich aus bürgerlichen Kreisen stammten und auch dort begierig weitergetragen wurden. –

Also die Leute standen auf dem Dampfer »Ernst der Zweite« auf der Steuerbordseite so gedrängt, daß das Backbordrad sich hoch aus dem Wasser hob. Man sah aber weder Strandbatterien, noch Cäsarenbäder, auch kein Lootse war an Bord gekommen. Erstaunlicher Leichtsinn! Immerhin fuhr ein königlicher Wagen vor, der einen kleinen Dicken mit grundsätzlich rutschenden Röllchen, einen Stabsarzt, einen Flügeladjutanten entband. Und nun bog auch ein zweiter Wagen aus dem hohen Grün der alten Bäume, vom Leibkutscher Leitseil gelenkt, der Leibjäger Vollbart neben ihm auf dem Bock.

Die Spannung auf dem Dampfer stieg derart, daß die Schiffsluken auf der Steuerbordseite drohten Wasser zu schöpfen: Da saß ein Offizier in höchst fremder Uniform, ein gallengelber General und ein Jüngerer im Helm: unzweifelhaft Ernst der Dritte. Alle finsteren Gedanken über den verbrecherischen Unfug der Schloßinsel schienen vergessen. Ja irgendeiner auf dem Schiffe rief: Hurra! Jubelnd wurde es aufgenommen. Tücher wehten. Ernst der Dritte stieg aus. Zu seinem Freunde Medicus mit dem breiten Plebejergesicht hat er sein langes, schmales Osterburgerantlitz gebogen und mit tiefer Osterburger Stimme gefragt:

»Um Gottes willen, ist denn Tusch da?«

Ob nun Oberst Spyon, Militärattaché einer wirklich fremden Macht, mit der seinem Volk eigenen hohen Meinung von sich selbst, geglaubt hat, Winken und Hurra gelte ihm, wird wohl leider niemals festzustellen sein. Tatsache ist: Er legte die Hand dankend an die Kopfbedeckung. Ernst der Dritte sagte zum Leibarzt:

»Na, da brauche ich's ja nicht zu tun!«

Allmählich verteilte sich die Menge vernunftmäßig über das Schiff, denn Ernst der Dritte hatte das Deck betreten, und »Ernst der Zweite« richtete sich nun wieder grade. Es war jenes herrliche Wetter, wie es im Sommer den südlichen Landesteil Tillens auszeichnete. Blau wölbte sich der Himmel über der weiten Flut, die seine Farbe widerspiegelte, nur tiefer und mit weißen Wellenköpfen gekrönt. Die Räder rauschten, ein Beben durchlief den Schiffskörper, und immer mächtiger arbeitete die Maschine: Mit Seiner Majestät an Bord ging es Volldampf voraus.

Man wollte die Damenkajüte für den König räumen, doch Ernst der Dritte bat durch den Kapitän Priemflutsch, die Damen, die dort, statt die Schönheit des Sees zu bewundern, geschlafen hatten, sich ja nicht stören zu lassen. Darüber rief Frau Jette Groß-Koddrig aus Friedenau: »Det vasteht sich von selbst!«

Der alte Kapitän Priemflutsch aber, der vom Schiffsjungen sich heraufgearbeitet und nun schon siebenundvierzig Jahre im Dienst der Tillensee-Dampfschiffahrts-Aktien-Gesellschaft stand, ließ sein Priemchen aus dem Mundwinkel fahren und sagte nur, echter Mundesohn:

»Pfui du, halt'n Speicher!«

Dann humpelte der Alte, vom Reißen dauernd Geplagte, wieder an Deck, breitbeinig wie ein echter Seemann, denn »Ernst der Zweite« schwankte, trotz seiner Größe, immer leise auf dem meergleichen See, um Ernst dem Dritten das Schiff zu zeigen. Im Maschinenraum, aus dem heißer Brodem ihnen entgegenschlug, fragte Seine Majestät den bärtigen Maschinisten Ernst Öler, der in blauen Leinenhosen, das Hemd offen, wie der König, wenn er aus dem Seebade kam, die ölglänzende Hand mit einem Putzwolleballen militärisch grüßend an die ölglänzende Glatze hielt, wie lange er schon hier im Dienste stünde? Der antwortete erstaunt in der Weise des Volkes:

»Sich mal ha, das kann man doch char nich verlangen, daß Seine Machestät weeß, daß wir grad heit unsa Chubuläum ham!«

Strahlend deutete er auf einen Tannenzweigkranz mit grünroten Tillener Schleifchen, in dem eine Fünfundzwanzig prangte. Zugleich trat der Heizer Johannes Gluth vor, schwärzer, berußter, aber weniger verölt. Sie waren vor genau fünfundzwanzig Jahren zusammen bei der Tillensee-Dampfschiffahrts-Aktien-Gesellschaft eingetreten. Der König streckte ihnen die Hand entgegen:

»Herzlichsten Glückwunsch!«

Sie wollten die Königshand nicht nehmen: Seine Majestät würde sich beschmutzen. Doch Ernst der Dritte, an dessen dunkle Worte wir längst gewöhnt sind, sprach wie ein Mundebauer:

»Gibst nua die Tatze ha. Bin nich von Pamms. Hab mal Roßäppel müssen aus'm Stroh lesen!«

Der Maschinist wollte die Hand nicht loslassen und wies die gesunden Mundezähne:

»A Kenichstatze mußt au halten! Kriechst nich alle Jahr!«

Dann wischte er Seiner Majestät mit ganz frischer Putzwolle, besorgt wie eine Kinderfrau, die Finger. Als der König die Unterwelt verließ, sagte er, fast als spräche Ernst der Zweite, zum Flügeladjutanten, der schon sein Merkbuch bereit hielt:

»Maschinist, Heizer, fünfundzwanzig Jahre Dienstzeit, tadellose Kerle. Auszeichnung vorschlagen.«

Und der Major zog Kapitän Priemflutsch beiseite, um die Namen zu erfahren. Draußen aber war es nach der Hitze im Maschinenraum empfindlich kühl, denn so herrlich auch die Sonne schien, der frische Mundewind, der, regelmäßig umspringend, jeden Nachmittag zu bestimmter Stunde den Seewind ablöste, hatte scharf eingesetzt.

Ernst der Dritte ging vor auf den zweiten Platz. Dort und nicht auf dem teuereren hinten, hatte einst der Schüler Arbo gesessen, wenn er einmal nach mancher Überlegung, ob sein Geld auch lange, eine Fahrt sich geleistet: auf seine Schülerkarte, die nur die Hälfte kostete. So kam es von selbst, daß er sich vorn an die Schiffsglocke stellte, deren Lederriemen im Luftzuge pendelte, dort wo die großen Schiffshaken lagen und die gewaltigen Schlangen der dicken Taue. Da nun der König die letzten Tage ein wenig erkältet gewesen, vom Seebade, in das er erhitzt gestiegen, gab der Leibarzt Piephacke einen Wink, Seiner Majestät den Mantel zu reichen. Doch Ernst der Dritte, der die Leute auf dem zweiten Platz, Arbeiter, Mundebauern, Holzflößer ohne Schutz stehen sah, wollte es ihnen gleich tun und lehnte in einer gewissen eitlen Schneidigkeit den Mantel ab. Wie er nun gar den Mann, der Glocke, Haken und Taue bediente, die dunkelblaue gestrickte Wolljacke offen, gewahrte, dem der scharfe Wind die blauen Matrosenhosen straffte, daß die Beinformen sich abzeichneten, wurde er sogar recht ungeduldig, als der Leibarzt nun selbst ihn bat, den Mantel anzuziehen.

War das nicht der alte Weitspuck, der einzige, der den Hofarchitekten Pius Glockenstrang wirklich einmal hatte auf dem Seegrunde liegen sehen? Dem der Schüler Arbo nicht selten das Tau gewickelt, ja mit dem er bisweilen hatte hinausfahren dürfen, um Tillen zu angeln? Und der König fragte lächelnd:

»Nun, Weitspuck, steigen denn die Blasen noch?« Der Alte, schwarzgebrannt von Seeluft und Sonne, erkannte ihn nicht. Erst als der Leibarzt ihm zuflüsterte, wer der junge General sei, nahm er gar nicht matrosenmäßig die Mütze ab, daran die Bänder flatterten. Der König aber stand lange allein mit ihm am Vordersteven, während »Ernst der Zweite« in die blaue Flut hineinschnitt. Sie blickten hinaus auf den See, hinauf zur Munde, deren Gipfel über dünnen, langgestreckten Wolken standen, weiß, denn Neuschnee war gefallen. Was mögen sie wohl gesprochen haben, die beiden? Von Fräulein Undine Wasserscheu? Von der Kurfürstin Immaculata? Von der Liebesinsel? Oder gar, daß Jeremias Weitspuck die uralte Tille gesehen, die noch keiner je erschaut, jene, die ein schimmerndes Krönlein trug, war sie doch die unerlöste Seele der Kurfürstin, die über dem Gasleibe des Hofarchitekten weinte, denn jene rätselhaften Blasen bedeuteten nichts anderes als Immaculatas Tränen? Und während sie sprachen, spritzte der alte Weitspuck immer den braungelben Kautabaksaft dicht am Gesicht Seiner Majestät vorbei in den blauen See. Ohne Bedrohung: er war ein sicherer Schütze.

Sollte nun Doktor Medicus dem König, der erkältet und just aus dem heißen Maschinenraum gestiegen war, abermals den Mantel aufzwingen, da er doch wußte, wie solche Stunde der Erinnerung dem ernsten Herrscher mehr bedeutete als gemeines Erdenglück, nämlich die träumerische Wiederkehr der schönsten Tage einer sonst freudlosen und strengen Jugend?

Da sah man, wie Ernst der Dritte dem alten Matrosen, der eben wieder mit nur durch lange Übung zu erreichender Geschicklichkeit ihm dicht an der Nase vorbeigeschossen, die Hand gab. Dann wandte er sich ab, den Militärattaché einer vollkommen fremden Macht, Herrn Oberst Spyon zu verabschieden, denn schon kam die Küste in Sicht mit Außensee und Holüber, mit Küßchen und Bankert. Als er zum ersten Platze zurückschritt, sah er ein Gesicht, das ihm bekannt vorkam. Da stand Herr Joseph Schellack am Radkasten. Der König fragte ihn lächelnd:

»Sie haben mir so schön erzählt: Warum sind Sie denn nicht wiedergekommen?«

Herr Schellack wußte nicht wohin blicken, man ahnte aber bei seiner Augenstellung auch nicht, wohin er sah. Er zog den Hut und verbeugte sich höchst unwürdig tief: »Machestät, ich habe keene Bolitur nich nirjends konnte kriechen!«

Ernst der Dritte, der des Herrn Schellack sich windende Erbärmlichkeit sah, meinte lächelnd:

»Übrigens Sie erinnern sich, was ich versprochen habe!«

Der Tischler wußte wohl selbst nicht, was ihm entfuhr, als er sagte:

»Man kann nie nich wissen...«

Der König, als Offizier erzogen, litt nicht, daß man an seinem Worte zweifelte:

»Doch! Bei unsereinem kann man wissen!«

Und über ihnen flatterte die Königsstandarte rot und grün, die der Kapitän Priemflutsch hatte setzen lassen. Ernst der Dritte wandte sich an den Flügeladjutanten:

»Jeder mag denken, was er will. Ich habe ja auch meine Ansicht. Aber der Kerl hat die Hosen voll. Das kann ich nicht vertragen!«

Dann nannte Ernst der Dritte dem Herrn Oberst Spyon strahlenden Auges die Berge. Doch des Fremden Seele schwang nicht mit; vielleicht war es die Rasse, die nur das Land des Militärbevollmächtigten dieser allerdings ganz fremden Macht gelten ließ. Oder verstand er nicht? Er beherrschte das Deutsche nämlich nur unvollkommen, vielleicht weil er erwartete, man solle seine Sprache mit ihm reden. Das aber tat der König nicht.

Jeder andere Fürst hätte die Diplomaten- oder die Welthandelssprache beherrscht, doch Ernst der Dritte, nicht für den Thron erzogen, wußte davon nicht mehr als was ihm in Außensee weltfremde Lehrer beigebracht, und die plagten ihre Schüler so lange mit unregelmäßigen Zeitwörtern, bis keine Zeit blieb, auch nur fragen zu lernen, wieviel Uhr es sei. So wird wohl der Herr Oberst Spyon nicht verstanden haben, welches Königsleid darin lag, daß Ernst der Dritte sagte, als sie unweit der glücklichen Inseln vorüberfuhren:

»Das ist das große Glück und dort das kleine Glück. Ich begehrte einst als Junge in Außensee das große. Bei meinem Dienste aber muß man sogar das kleine fahren lassen.«

Vielleicht war es ganz gut, daß der Militärbevollmächtigte einer durchaus fremden Macht es nicht begriff.

Probe im Königlichen Schauspielhause

Dieses nun ist der Grund, weshalb Ernst der Dritte noch am Nachmittage nach Tillenau fuhr: er hatte seinem Generalintendanten versprochen, einer Uraufführung im Königlichen Schauspielhause beizuwohnen. Es handelte sich nämlich um nichts Geringeres als das Erstlingsdrama des jungen Tillenauer Dichters Theodor Schlampe. Da die Hoftheater, durch den hohen königlichen Zuschuß jenseits von Erwerbsnotwendigkeiten gestellt, ideellen Zwecken dienen sollten, schien die Aufführung gegeben, und diese um so mehr, als es ein Landeskind war, dem vielleicht zum Aufstieg verhelfen wurde.

Nun hatte es freilich mit dem Stücke des Herrn Theodor Schlampe seinen Haken, und Freiherr von Malthus war klug genug gewesen, Seine Majestät als Rückendeckung zu benutzen, indem er vor einigen Wochen dem Könige das Drama zum Lesen unterbreitet. Ernst der Dritte hatte es ihm zurückgegeben mit den Worten:

»Der junge König, der da auftritt, hat, wenn ich recht sehe, eine gewisse Ähnlichkeit mit mir, Sie fürchteten wohl, ich könne Anstoß daran nehmen?« Der Generalintendant verbeugte sich in der ihm eigenen Marquis-Posa-Art, so daß der Brustbuckel verschwand und dafür der Rückenbuckel sichtbar ward:

»Erkannt! Euer Majestät. Ha, erkannt! Wie es im Schauerdrama heißt.«

Ernst der Dritte, den solches Theaterspiel immer höchlichst belustigte, hat lächelnd geantwortet:

»Nun, ich nehme keinen Anstoß. Immerhin habe ich Sturzacker das Ding lesen lassen, denn wenn meine lieben Tillenauer schimpfen, will ich wenigstens nicht, wie der ›Prolet‹ gesagt hat, ohne Bismarcks ministerielle Bekleidungsstücke dastehen. Sturz ist ganz meiner Meinung. Gut, daß ich nicht Dramatiker geworden bin, denn meine Stücke würden Sie gewiß nicht aufführen können. Aber Gott sei Dank habe ich weder Talent noch Zeit.«

Dabei hat der junge König seinen Theatergeneral angeblickt mit seinen schönen blauen Augen, die seltsamerweise um so trauriger wurden, wenn er lächelte, und gefragt, wer denn eigentlich der Dichter sei? Der Freiherr hat geantwortet:

»Faust erster Teil. Vor dem Tore... ›sein Vater war ein dunkler Ehrenmann‹. Und seine Mutter, wie es in dem herrlichen Gedicht ›Am Himmelstor‹ von Conrad Ferdinand Meyer heißt: ›Du wuschest, wuschest ohne Rast‹. Mit einem Worte, Euer Majestät, Vater unbekannt, Mutter die Scheuerfrau Placenta Schlampe.«

»Ach, die, die mich belogen hat!«

Dieses vor Wochen; nun sollte die Aufführung heute stattfinden. Das Theater war bei der Sommerwärme jetzt meist schlecht besucht, doch der Generalintendant rechnete so: Geht's schief, so habe ich, Alwin Malthus, gezeigt, daß ich junge Talente unterstütze, außerdem, einmal wenigstens, ein volles Haus. Hat das Stück aber Erfolg, so habe ich, Alwin Malthus, einen neuen Dramatiker entdeckt und habe jetzt vor den Theaterferien noch mehrere volle Häuser. Also: So oder so, Seine Majestät muß ‹rin›, dann kommen die Leute.

Wie nun grade der alte Böswetter zum Vortrag beim König war, meldete, kaum eine Stunde vor Theaterbeginn, der Generalintendant: Leider müsse die Vorstellung heute ausfallen – die grünen Absagezettel klebten schon an den Anschlagsäulen –, weil Seine Majestät der Sieben- bis Zehn-Uhr-König, nämlich Hofschauspieler Roderich Hahn, beim Radfahren eine Armverrenkung sich zugezogen.

Zu des Freiherrn von Malthus Schreck schien jedoch Seine Majestät die ungeheuerliche Tragweite solcher Meldung nicht recht zu fassen, wenigstens erklärte er freudig bewegt, es täte ihm zwar leid für den Hahn, aber nun würde er sofort auf die Schloßinsel zurückkehren. Doch der Generalintendant machte eine noch weit erschütterndere Meldung: Der jugendliche Liebhaber, Herr Raymundus Femina, der bisher eine leicht umzubesetzende Nebengestalt verkörpert, habe sich dankenswerterweise bereit erklärt, die umfangreiche Rolle des Königs über Nacht zu lernen. Damit könne morgen abend die Uraufführung stattfinden.

Ernst der Dritte sagte, wie später der Freiherr erzählt hat, nur vor sich hin:

»Ich mußte in zehn Minuten den König übernehmen.«

Um nun den hohen Herrn unbedingt bis zum nächsten Abend festzuhalten, blies der Generalintendant dem echten Könige den Gedanken ein, sich am nächsten Morgen auf der Probe einmal seinen falschen Kollegen anzusehen. Und Ernst der Dritte, immer leicht entflammt, sagte sofort zu. Es galt also nur die Rückfahrt um einen Tag zu verschieben. Dieses war dem Leibarzt um so lieber, als des Rex Erkältung sich keineswegs gebessert hatte.

Nun sehen wir Ernst den Dritten zum erstenmal auf einer Theaterprobe, von der er vor Jahren durch Fräulein Kate Brüstlein einiges gehört. Ja, wie einst der Herr Innungsmeister, Hofschreiner Nut, seinem verruchten Spiegelbilde, dem Hofschauspieler Schwimmer, so stand Allerhöchst-Er dem falschen Könige, Hofschauspieler Raymundus Femina, gegenüber. Aber das merkwürdige geschah, daß die Majestäten sich keineswegs ebenbürtig begrüßten, sondern Seine Brettermajestät mit tiefer Verbeugung versank und in einem Lächeln erstarb, einfach mädchenhaft zu nennen, hätte nicht der junge Schauspieler unzweifelhaft Beinkleider getragen. Die Probe fand nicht im Kostüm statt. Darüber staunte Seine Majestät, der immer nur das Bühnenbild wie am Abend vor Augen gehabt. Da ihm nun der Freiherr von Malthus alleruntertänigst ans Herz gelegt, doch ja den opferbereiten Hofschauspieler ausgiebig zu begnaden, sagte Ernst der Dritte zu dem hübschen, nur ein wenig weichlichen Menschen:

»Ich habe mit Vergnügen gehört, daß Sie den Abend retten wollen. Da ich weiß, wie lang Ihre Rolle ist, bewundere ich Ihr Gedächtnis.«

Der falsche König sang, ja sang, die Antwort mit den reichen Tönen einer Schauspielerstimme:

»Oooh, Majestät, es ist wohl Sache der Übung; und habe ich nicht die ganze Nacht Zeit gehabt?«

Doch der echte König antwortete bescheiden:

»Ich sollte mal als Schüler in Außensee den ‹›Taucher‹ vortragen, aber, obwohl mir der Beruf damals ganz gut lag, brauchte ich eine Woche zum Lernen und blieb dann auch noch stecken.«

Eine nicht unbeleibte Dame, die sich als die komische Alte, Frau Speye-Fix, erwies, wandte lächelnd ein, mit einem gewiß nur noch auf dem Theater üblichen Hofknicks, zwar ernst gemeint, doch wie alles an ihr zum Lachen reizend:

»Euer Majestät haben jedenfalls keine Sufflöse gehabt!«

Unwillkürlich blickte Ernst der Dritte zum Kasten des Einhelfers, wo sofort die Sufflöse, Frau verwitwete Schreyer (mit dem roten Abgeordneten nicht verwandt, denn es schrien viele in Tillen), in so ehrfürchtiger Verbeugung bis unter die Höhe des Bühnenbodens versank, daß nichts mehr von ihr blieb, da das abgerutschte Sufflierbuch sie völlig zudeckte. Der König lachte, lachte um so mehr als auch der schon am Bühneneingang vom Generalintendanten vorgestellte Oberspielleiter Endlos, gefürchtet wegen der Dauer seiner Proben, mitlachte, und Frau Speye-Fix nach Atem rang in jener Art, die abends die Galerie rasend zu machen pflegte. Sogar der erschütternde Komiker Max Heiter, der schon zweimal aus Lebensüberdruß einen Selbstmordversuch geplant, verzog das Gesicht. Hofschauspieler Schwimmer, auch ohne Hobelspan auf der Platte vom Könige sofort wiedererkannt, grinste. Der Naturbursche Hanns Unverzagt wand sich und im Hintergrund sah man den griesgrämigen Inspizienten Umlauf trübselig den Mund verziehen.

Da stand mit einem Male, wie aus der Versenkung emporgeschoben in dem halben Schein der Probenbeleuchtung, totenblaß und tief belitten, der Dichter Theodor Schlampe, der nicht anders meinte, als solch ungezügelte Heiterkeit gelte seinem Stück.

Seiner Majestät vorgestellt, fand er sich bald zur Dichterhöhe zurück, denn Ernst der Dritte sagte ihm nachdenkliche Worte über seine Arbeit, Worte eines Königs, nicht eines Schauspielers, der nach guten Rollen fischt. Und so einfach sprach der zum Thron Geborene, daß der Dichter, wäre er schon reif gewesen sich loszureißen von seinem Gesicht, hätte fühlen müssen, wie seine Gestalt daneben nichts bedeutete als einen mit der Messingkrone für die Gründlinge im Parterre.

Sie drängten sich heran die Schauspieler, denen die großen Luftröhren einiges vorgeschwärmt von Liebenswürdigkeit und Natürlichkeit des jungen Herrschers. Schon waren sie entzückt, schon gewonnen und in geschmeichelter Eitelkeit bereit, heute abend diesem einfachen Menschen und König zu Ehren zu spielen, wie in ihrem Leben noch nicht. Die Probe begann denn auch sofort, und Seine Majestät begab sich mit dem Generalintendanten Freiherrn von Malthus und dem Oberspielleiter Endlos in den Zuschauerraum. Als er auf einer der ersten Reihen Platz nahm, sagte er zu seinem Theatergeneral bedeutungsvolle Worte:

»Hier habe ich als Leutnant gesessen, wenn auch selten, denn es war mir zu teuer. Hier sieht man auch viel besser; aus der Königsloge sieht man alles schief!«

Nicht das ganze Stück, das ja stand, sollte wiederholt werden, sondern nur die Auftritte mit dem neuen König, der übrigens nur selten hilfeflehende Blicke zu Frau Schreyer warf, dagegen im dunkeln Zuschauerraum die Stelle suchte, wo Ernst der Dritte saß, um dabei sein gewinnendstes Gesicht zu machen.

Der Dichter war bisweilen still verzückt, dann wieder so erregt, daß er einmal zwischen zwei Akten seiner Verzweiflung Ausdruck gab: Der König sei ganz anders, zwar ein Träumer, aber doch männlicher! Der Oberspielleiter rollte das Textbuch wütend zusammen:

»Kommt alles heute abend. Bitte stören Sie nicht. Herr Femina hat die Rolle erst gestern übernommen, und Sie wollen nun plötzlich fünf Minuten vorm Klingeln noch Ihre Auffassung hineinbringen! Beim Theater ist das ausgeschlössen, Herr Lampe! Ausgeschlossen!«

Der Dichter erbleichte. Er wollte erklären, er heiße nicht Lampe, wie Herr Endlos grundsätzlich sagte, doch er beschied sich, um in aller Ergebenheit festzustellen, er als Verfasser müsse doch eigentlich wissen, wie er sich seinen König gedacht! Da meinte auch Herr Femina, augenscheinlich gereizt durch den Tadel, vor allem in Gegenwart Seiner Majestät, daß er sich die Rolle nun einmal so zurechtgelegt habe und sie unmöglich noch bis zum Abend ändern könne. Der Oberspielleiter Endlos aber, der schon Angst bekam, der, wenn auch glänzend veranlagte, doch überaus launische Schauspieler möchte alles hinwerfen, rief aufgeregt:

»Herr Lampe, Sie kennen die Bühne nicht. König Rotermund ist so und nicht anders!«

Nun hätte Herr Theodor Schlampe, ohne Gefahr für überheblich zu gelten, wenigstens seinen Namen richtigstellen können, aber angesichts der betrübenden Tatsache, daß er seine eigenen Gestalten nicht kannte, stand er geschlagen da, ja hätte erledigt genannt werden dürfen, wäre nicht in diesem Augenblick etwas geschehen, das noch lange unter dem Künstlervölkchen widerhallte. Aus der Dunkelheit des Hauses klang nämlich eine tiefe Baßstimme:

»Der König war doch im ersten Akt, ehe er König wurde, Rittmeister? Da kann er doch im zweiten Akt nicht so schlapp sein?«

Die Schauspieler auf der Bühne hoben gewohnheitsmäßig die Hände gegen die Blendung der Rampe, um zu sehen, wer da unten gesprochen, denn ihnen lag die tiefe Stimme Ernst des Dritten noch nicht genügend im Ohr. In den Kulissen erschienen neugierige Köpfe. Rittmeister? König Rotermund war doch nicht Rittmeister gewesen? König Rotermund war... Da klang wieder die tiefe Stimme von unten aus der Dunkelheit:

»Ritter habe ich gemeint!«

Nun erkannte man den König, und es war einfach schamlos, wie plötzlich der Herr Oberspielleiter umfallend erklärte: Natürlich, das habe man übersehen. Herr Raymundus Femina gar trat so dicht an die Rampe, daß sein Gesicht über die Lampen gebogen im Schatten blieb, während nur die Kleidung angestrahlt ward, und versicherte süß und singend Seiner Majestät, er hätte sich das anfangs auch gedacht, habe dann aber gemeint, er müsse der Gestalt eine mildere Note geben als sein geschätzter Kollege Hahn (sie waren Todfeinde), der dem Könige Rotermund alle seine schöne Derbheit geliehen. (Kollege Hahn galt als hahnebüchen.)

Hier nun geschah etwas durchaus Unerwartetes. Die Gegenspielerin des Theaterkönigs, Frau Lyssa Hahn, unter ihrem Mädchennamen Süßmilch wegen Schönheit wie Absonderlichkeiten Liebling der Tillenauer, eine durchaus ungebändigte und hysterische Darstellerin, durch Zornanfälle und launische Absagen bekannt und nur geduldet als Gattin des unersetzbaren Roderich Hahn, Frau Lyssa Süßmilch-Hahn also, der es an und für sich schon widerstand, mit dem feindlichen Hahn, der keiner war und ihr schon darum besonders verhaßt, Liebesszenen zu spielen, hielt den Ausdruck »geschätzter Kollege« für Hohn und »schöne Derbheit« für eine Beleidigung. So verließ sie trotz Anwesenheit Seiner Majestät die Bühne. Glücklicherweise war die Probe aus, um so besser, als Ernst den Dritten ein schon am Tage vorher gespürtes Stechen in der linken Seite belästigte, und er sich müde fühlte. Obwohl der Leibarzt keine Erhöhung der Körperwärme beim Könige feststellen konnte, so setzte er es dennoch durch, daß die Besichtigung der Bauarbeiten am neuen Rathause zu Oberbürgermeister Tuschs Verzweiflung abgesagt wurde, und der König nachmittags ruhte, denn das Theater mußte er abends besuchen. Hätte nicht sonst am Ende der Komiker Max Heiter den dritten Selbstmordversuch unternommen, und wäre nicht ohne Seine Majestät der Dichter abermals vergewaltigt worden?

Nun begab es sich, daß Ministerpräsident von Sturzacker, denn die Unpäßlichkeit des Rex war bereits herumgekommen, sich nach dem Befinden Seiner Majestät erkundigte. Vom jungen König, der den Treuergebenen herzlich verehrte, wurde er sofort empfangen, blieb aber nur kurz, denn der Besuch des Industriebezirkes, den er Seiner Majestät hatte vorschlagen wollen, mußte ja nun doch verschoben werden. Schon verbeugte sich Sturz, als Ernst der Dritte noch etwas Zielloses sagte. Der dicke Minister kannte seinen hohen Herrn bereits genügend, um zu wissen, daß Seine Majestät irgendeinen Wunsch hatte, der ihm selbst zweifelhaft schien.

In der Tat kam der König mit etwas, das, wenn es auch seinem hochgemuten Sinn Ehre machte, doch der Staatsvernunft keineswegs entsprach. Er wollte nämlich am heutigen Abend zwei Auszeichnungen verleihen, die, ohne ministerielle Nachhilfe rein aus sich selbst gekommen, ihn besonders erfreut hätten. Und zwar dem Schauspieler, der den Dichter gerettet und dem Dichter, der dem Schauspieler das Stück geschrieben.

Wider jedes Erwarten schob nun Sturz den Ringmuskel des Mundes vor, was bei ihm Zweifel oder Ablehnung anzuzeigen pflegte, und fragte, rot, rund und unzufrieden:

»Majestät, und wenn's nu durchfällt?«

»Mir gefällt das Stück!«

»Gut, dann würde es eine rein menschlich persönliche, aber keine Königliche Diensthandlung Eurer Majestät werden.«

»Ja, darf ich denn keine Meinung haben?«

»Gewiß, Majestät, nach der Verfassung gibt jedoch der König Orden nur als höchster Vertreter des Staates und für dessen Interessen!«

»Dann kann Lampe (der König sagte auch Lampe) ja den Hausorden bekommen?«

»Der hat nur eine Klasse, Euer Majestät, das Großkreuz.«

Ernst den Dritten konnte nichts so erregen, als wenn er bei von ihm drohendem Edelmut Widerstand begegnete, so begann denn schon die Terz auf seiner Wange zu glühen, bald aber brannte sogar sein ganzer Kopf, und er sagte trotzig:

»Dann muß er eben das Großkreuz bekommen!«

Sturz jedoch wurde, wie seine Söhne, die Hermunduren, zur allergetreuesten Fronde Seiner Majestät und rief mindestens ebenso rot wie der König:

»Nun, noch bin ich Ordenskanzler! Übrigens ist der Dichter (das Wort klang komisch in Sturzens Munde, der mit breiter Sitzfläche auf der Illzer Erde saß) erst einundzwanzig Jahre alt, hat auch absolut noch nichts geleistet!«

Ernst der Dritte gab eines seiner erstaunlichsten und bescheidensten Worte zum besten:

»Als ich den Stern des Hausordens bekam, war ich noch viel jünger und hatte auch nichts geleistet!«

Statt daß nun Sturz erwidert hätte, nach den Statuten des Ordens erhielte ihn jeder Osterburger mit dem vierzehnten Lebensjahre, sagte der Minister etwas, das durchaus seinem ungebändigten Mundwerke entsprach:

»Gut, Majestät, aber weil einer was erhalten hat ohne Verdienst, so braucht doch nicht bei einem anderen der gleiche Unfug wiederholt zu werden!«

Der König sah seinen Hausminister groß an. Plötzlich begannen beide zu lachen, ja Ernst der Dritte, der den Bock in sich überwunden, reichte mit aller Vornehmheit seiner hochgemuten Seele dem noch Roten, immer Runden, wieder Zufriedenen die Hand. Wie nun die Schärfe des Auftrittes abgeklungen, erklärte Sturz, welch schlechten Eindruck es machen müsse, wenn der junge Mann, der doch seine Bedeutung erst noch zu erweisen habe, ja vielleicht nur eine Eintagsfliege sei, einen Orden bekäme, während alte Dichter, die auf ein Leben der Arbeit zurückblickten, übergangen würden. Was nun gar den Schauspieler beträfe, so könnte höchstens die »Sigismundsmedaille für Kunst und Wissenschaft« in Frage kommen. Freilich würde auch sie nur Neid entbinden, denn Herr Femina sei nichts als eine Versprechung, dazu durchaus nicht allgemein geschätzt, während andere durch langjährige treue Tätigkeit am Königlichen Schauspielhause und reiferes Können denn doch mehr Anrecht auf eine Auszeichnung besäßen.

Aber verlieren wir uns nicht, Tillen ist groß und der Geschehnisse kein Ende. Es genügt, daß Sturz und sein König als Freunde schieden. Ernst dem Dritten war warm geworden und er fühlte sich abgeschlagen; doch schlafen konnte er nicht. Als sich nun leise die Tür öffnete und am Boden ein spähendes Gesicht erschien, denn Piephacke hatte sich hingelegt, damit Seine Majestät, falls er etwa nicht schliefe, ihn nicht sehen solle, rief ihn der König herein. Von einer gewissen Beschäftigungsunruhe getrieben und Mann jäher Entschlüsse, gab er ihm den Auftrag, bei einem Uhrmacher zwei goldene Uhren zu erstehen, denn er war entschlossen, die Beiden doch auszuzeichnen, und zwar, da es von Staatswegen nicht ging, rein persönlich.

So erschien denn der Herr Hofuhrmacher Pendel mit dunklem Faltenring um das rechte Auge, vom ständigen Tragen der Lupe, ein bewegliches Männchen, das immer von einem Fuß auf den anderen trat, so daß man unwillkürlich auf das Ticken der Uhr lauschte, und entnahm etliche Zeitmesser einem Lederkasten, in dem sie in abhebbaren Fächern wie eine Münzsammlung ruhten.

Um der geschichtlichen Treue willen scheint es am besten, wiederzugeben, was Herr Pendel, Hofturm- und Kunstuhrmacher, wie der alte und ehrwürdige Titel lautete, bei seiner Rückkehr ins Geschäft seiner neugierig wartenden Ehehälfte, Frau Retina Pendel, geborenen Unruhe, erzählt hat, indem er gewohnheitsmäßig hin und her pendelte:

»Seine Machestät empfing mich, nachdem der Herr Freiherr, Flügeladjutant von Auffrecht mich chemeldet, in Offiziershalsbinde und Zivilrock. Er entschuldigte seinen Anzug, er sei nicht janz wohl, aber er stand die janze Zeit, während er aussuchte. Seine Machestät ist ziemlich chenau. Er fragte immer nach dem Preis... Nein, Retinchen, ich habe nicht aufjeschlagen, denn wir sind Könichliche Hofuhrmacher. Ich schlug Seiner Machestät eine Uhr von Patek Philippe & Cie. in Genf vor, aber Seine Machestät sagte, er wolle, wie Seine Machestät der Hochseliche Könich, die heimische Industrie unterstützen. Er hat dann zwei goldene Savonnettes-Herrenuhren, sechzehn Karat Goldjehäuse, ausjewählt vom Tillenwerk. Ich habe zwei Juchtenetuis zujejeben mit dem königlichen Namenszuge, wie sie Seine Machestät der Hochseliche Könich zu beziehen pflegte ... Nein, Retinchen, zujejeben, nicht extra bezahlt, wir sind Könichliche Hofuhrmacher. Übrigens hat mir Seine Machestät Höchstseine Uhr zur Reparatur mitjejeben. Sie ginge nach, und das sei jefährlich bei seinem Dienst, hat Seine Machestät jesagt. Hier ist sie ... Ja, Retinchen, du hast recht, es ist eine janz jewöhnliche Tombakuhr. So was führen wir nicht, sehr richtig. Ich habe auch Seiner Machestät jesagt, die Reparatur lohnt sich nicht und habe ihm auch eine goldene Savonnettes-Herrenuhr mit schwerem achtzehn Karat Goldchehäuse, das beste, was jemacht wird, vorjelegt, aber Seine Machestät sachte, er sei nun mal an die Uhr jewöhnt, die er als Schüler bei dem glänzenden Uhrmacher Steigrad in Außensee jelauft habe ... Gewiß, Retinchen, Steigrad kennt kein Mensch in Tillenau. Übrigens wollte ich die Uhren erst noch mal repassieren, aber Seine Machestät hat sie sofort rechts und links in die Hosentaschen jesteckt ... Nein, Retinchen! Wer sie bekommt, das fracht man doch nicht, wir sind Könichliche Hofuhrmacher, Retinchen.«

Am Abend trug »Der König und die Maid«, wie das Drama des Dichters Theodor Schlampe hieß, nun endlich das Gesicht, das Ernst der Dritte bei der Probe zuerst vermißt, es zeigte sich nämlich als ein halbmythisches Ritterstück. Dabei hatte der Hofschauspieler Raymundus Femina, wie er angedeutet, allerdings die Gestalt des Königs Rotermund verändert, er spielte ihn nämlich, Wesen und Auftreten nach, genau wie er Ernst den Dritten auf der Probe gesehen. Nur seinen biegsamen, singenden Tenor konnte er nicht zum weichen Baß des Rex zwingen. Da nun der erste Akt den jungen Rotermund im Kreise seiner – fast wäre man versucht zu sagen Regimentskameraden – zeigte, und dieser Eingangsaufzug mit der unvermuteten Ausrufung des Ritters zum Heerkönige schloß, so kann es nicht wundernehmen, wie das ausverkaufte Haus verstohlene Blicke zur Königsloge rechts an der Bühne warf, in der Ernst der Dritte allein und unbeweglich in seiner Uniform der zweiten Dragoner saß.

Offensichtlich erwartete man beim Rex Zeichen der Unruhe, des Unwillens, ja sogar vielleicht, daß er sich angesichts seines, so fand man, taktlosen Spiegelbildes erheben und das Theater verlassen würde. Denn wie immer war die Öffentlichkeit falsch unterrichtet, indem man annahm, Seine Majestät kenne das Stück nicht und sei nun gewissermaßen überrumpelt worden. Da kann es nicht verwunderlich scheinen, daß verschiedene empört waren. So der Flügeladjutant Major Freiherr von und zu Auffrecht, der, wenn er auch als Soldat das Gesicht wahrte, doch aus seiner Dienstloge neben der Königlichen, wo er mit dem Leibarzte saß, Blicke warf. Einmal zum König, der harmlos war, wie ein Kind, das von Gefahr nichts ahnt, während die Erwachsenen zittern; dann wieder zu seinen Schwiegereltern, der alten Exzellenz von Böswetter mit den verschobenen Nasenmuscheln, der braunen Nuß und dem freundlich wie ein Zitronenauflauf aufgegangenen Nüßchen. Die erste Rangloge, in der die Böswetterei saß, war keineswegs deren Geldbeutel angemessen, sondern nichts als eine der gesellschaftlichen Torheiten jener längst entschwundenen Zeit, indem man, einer gewissen Kaste nun einmal zugehörig, einen anderen Platz nicht für möglich hielt.

Auch einige Herren vom Hofe, im Hintergrunde der großen Hofloqe, wo einst Ernst der Dritte die Tischler begrüßt, empfanden die Ähnlichkeit peinlich. So der greise Oberhofmarschall von Flimmer, nur gekommen, um im Zwischenakt Seine Majestät etwas zu fragen. Das hätte dem alten Herrn eine Fahrt auf die Schloßinsel erspart, denn es stand schon fest, daß der Rex wegen seiner Erkältung wohl die nächsten Tage ruhig draußen bleiben würde. Dagegen zeigte Hausmarschall Graf Schellenlaut sein Gebiß, lächelte er doch sogar bei Entrüstung, die er dem diensttuenden Kammerherrn von Feldrain zuflüsterte.

In der dunklen Loge fuhr, wie immer, das Mirabellchen aufgeregt hin und her. Die alte Prinzessin Aurora und sie fanden das Stück unerhört, eigentlich aber himmlisch, denn sie witterten bei jedem Worte eine Anspielung und pufften sich beglückt. Nur Seine Majestät der König saß, allen sichtbar, unbewegt. Höchstens, daß er einmal zu der gegenüberliegenden Intendantenloge blickte, wo der Freiherr von Malthus in den Zuschauerraum sah, die Stimmung festzustellen, oder sich zum Hintergrund seiner Loge umwandte, wo man den Dichter ahnte.

Als nach dem ersten Aufzuge der Vorhang niedersank, Herr Raymundus Femina nun also glücklich König geworden war, rührte sich keine Hand, als wolle man den Mangel an Zartgefühl strafen, der vermeintlich in dem Stücke lag. Wer Beziehungen zum Hofe hatte, durfte auch gar nicht wagen, Beifall zu spenden. Da warf denn Ernst der Dritte selbst manch schweren Zweifel in treue Seelen, als er kräftig seine weißen Militärhandschuhe gegeneinander schlug, so daß er in dem totenstillen Hause unzweifelhaft einigen ruhestörenden Lärm verursachte. Da man nun aber Seine Majestät unmöglich allein klatschen lassen konnte, half ihm Kommerzienrat Bast von den Vereinigten Jutespinnereien (nun längst wieder aus der Asche erstanden), der seit dem Brande dem Könige wie ein Schatten anhing, selbst wiederum gefolgt von seiner schlanken blonden Frau und den noch schlankeren ungewöhnlich hübschen Töchtern.

Doch trotz aller seiner Bemühungen war der Beifall kaum mehr als schüchtern zu nennen. So lief der Generalintendant auf die Bühne und, mit den Schallgesetzen weniger vertraut als seine Künstler, brüllte er so laut »Vorhang auf«, daß es das ganze Haus schmunzelnd vernahm. Nun konnte der eben ernannte junge König in Gestalt des Herrn Hofschauspielers Raymundus Femina erscheinen, mit ihm die Geliebte seiner noch dunklen Rittertage – fast hätte man Rittmeistertage sagen mögen – »Die Maid«, wie sie auf dem Zettel einfach hieß, verkörpert durch die sentimentale Liebhaberin der Hofbühne, königliche Hofschauspielerin Frau ...

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