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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Das Lachkabinett

Nun lasset uns aber die Tischlerrede endlich beisetzen.

Doktor Neuordner hatte inzwischen Raffael Kreis als Unsterblichkeitsmaler entdeckt. Er traf jedoch bei ihm auf eine überraschende Gleichgültigkeit gegen den Erfolg. Wunderlicherweise zeigte sich auch die Kreisin, geborene Pose, einst unbesorgtes Berufsmodell, heute allein mit der Frage beschäftigt, wie ihre vielen Kinder durchbringen, jeder Entdeckung ihres großen Gemahles abhold. Sie fürchtete, ihr Raffael möchte sich dann allein noch seiner Ausstellung widmen und so – ohnedies schon bei der Vaujuwa als faul verschrien – am Ende noch seine Stellung verlieren. Wurde aber etwa nichts verkauft, so wäre der arme Narr wieder brotlos gewesen. Die Alternde fühlte jedoch nicht mehr die Kraft in sich, noch einmal von vorn zu beginnen.

So kam also das Erstaunliche zuwege, daß weder Kreis noch Kreisin vom Ruhme etwas wissen wollten. Doktor Neuordner war jedoch nicht der Mann, sich das bieten zu lassen. Immer von verblüffender Rücksichtslosigkeit zugunsten seiner Entdeckten, nahm er einfach das »Großfeuer« sowie etliche Handzeichnungen unter den Arm und verschwand damit gen Tillenau. Sein Amtsgenosse Doktor Umhänger, mit Schwindsuchtsverdacht, still, zart, bei großen, müde glänzenden Augen, schmalen gotisierenden Ästhetenhänden, Freund der Botticelli, Khnopff, Rosetti und Burne-Jones, konnte sich in Franz Hals-Kreissche Pinselhiebe nicht hineinsehen. Immerhin fand er die zentimeterhohen Kadmium-, Zinnober- und Orangeberge derart beunruhigend, daß er förmlich selbst unter der Glut litt, die übrigens bei Großfeuer Nummer sechs den Blendrahmen verkohlt und bei Nummer vier die Leinwand angesengt hatte. Nur wußte merkwürdigerweise sein ruhig eingestelltes Auge nicht gleich zu sagen, was die Studien eigentlich darstellen sollten.

Professor Doktor Besser-Weiß aber, ein edler Kahlkopf mit grauem van-Dyck-Barte, behauptete verächtlich, der Jüngling, wie er alle lebenden Maler, sogar Siebziger, geringschätzig zu nennen pflegte, könne nicht zeichnen.

Da legte Doktor Neuordner Kreissche Handzeichnungen vor und wies auf den herrlichen Akt eines Jünglings, der, dem Seebade entsteigend, die vorgestreckten Arme wie den emporgezogenen rechten Oberschenkel in einer geradezu meisterlichen Verkürzung zeigte. Angesichte dieser Rötelzeichnung brummte der Direktor nur noch, als aber Doktor Neuordner meinte, das Großfeuer sei etwas für die Königliche Sammlung, geriet der alte Herr in eine seines edlen Kahl- und van-Dyck-Kopfes höchst unwürdige Erregung, sowohl wegen vermeintlichen Eingriffes in sein Verfügungsrecht, wie vor allem angesichts der Zumutung, die Königliche Gemäldesammlung durch Schmierereien eines zweifellos Geisteskranken zu schänden.

Doktor Neuordner, der, seit die Ausflüge mit der wilden Eindrucksmalerin Rosalba Angelika Klecks ein Ende genommen, etwas Geld flüssig hatte, beschloß (und wäre es auf seine Kosten) eine Raffael-Kreis-Ausstellung, seinem Direktor zum Ärgernis, seinem Könige zur Freude, dem armen Narren zur Unsterblichkeit. Hierzu verband er sich mit den Kunsthändlern Aufschläger & Farbenblind vom Tillkai, die sich freilich zuerst völlig ablehnend zeigten. Ersterer, in dunkler Jugend Stadtreisender für die Großpreßwurstfabrik Ersatz & Abfall G. m. b. H., hatte sich im Verkehr mit Malern eine Reihe von brauchbaren Schlagworten angeeignet und im Umgang mit den Käufern eine hohe Gerissenheit. Letzterer, offenbar wegen Rotgrünblindheit in den Beruf eines Kunsthändlers verschlagen, ein ehemaliger Bücherrevisor, zeigte sich seltsamerweise bei Vorschüssen an Künstler nicht ohne Herzensgüte.

Als nun Doktor Neuordner glaubte, versichern zu können, daß Seine Majestät die Ausstellung besuchen werde, schlug die einstige Preßwurst mit der Begründung ein:

»Wenn einer auch noch so glänzend malt, aber keenen Namen hat... unverkäuflich. Kann einer nicht malen, muß er wenigstens süß malen oder verrückt. Das Süße kauft der Bürjer, das Verrückte der Spekulant. Raffael der Dritte malt verrückt, drum: Je mehr die Kritik schimpft, desto schöner!«

Es gelang dem Schmeicheln des Herrn Aufschläger wie der begeisterten Rücksichtslosigkeit des Doktors Neuordner, dem armen Narren über sechzig Bilder zu entlocken, dazu fast ebensoviel Handzeichnungen. Die Veranstalter hatten auch das unerhörte Glück, daß sowohl die ›Allerallerneuesten Tillenauer Neuesten Nachrichten‹ wie der ›Staatsanzeiger‹ die Bilder in der fürchterlichsten Weise verrissen. Das Staatsblatt brachte einen Aufsatz: »Kunst oder Narrenhaus?« Die Allerallerneuesten überschrieben ihre Kritik einfach: »Das Lachkabinett«.

Damit schien der Erfolg gesichert, denn die Tillenauer lachten ums Leben gern. Die Herren Aufschläger & Farbenblind rieben sich die Hände. Raffael Kreis aber freute sich am meisten, behielt er doch nun mit seinem anfänglichen Widerstreben recht, und recht haben, auch gegen seinen Vorteil, beseligte ihn immer.

Da wurde für die Mittagsstunde der Besuch Seiner Majestät des Königs angesagt. Den Direktorialassistenten hielt sein Dienst in der Gemäldesammlung fest. Die Geschäftsinhaber zogen jedoch sofort den Gehrock an und schickten nach Raffael Kreis. Er kam auch wirklich in seinem braunen Sammetjäckchen; freilich hielt es ihn nicht lange, und bald war der Meister des »Lachkabinetts« heimlich verschwunden. Just in diesem Augenblick natürlich erschien Ernst der Dritte in Begleitung des Flügeladjutanten Major Freiherrn von und zu Auffrecht. Des Königs erste Frage war nach dem großen Meister.

Als Herr Aufschläger, prall in seiner Haut, nur mit einigen schwachen Einschnürungen wie eine länger gelagerte Preßwurst, erklärte, der Maler würde gleich erscheinen, lächelte Seine Majestät:

»Hören Sie mal, das weiß ich denn doch nicht. Wir haben in Außensee beim Zeichenunterricht oft genug vergeblich auf ihn gewartet. Gut, daß er nicht Soldat geworden ist, er käme sonst aus dem Loche nicht heraus. Dafür hätte wiederum sein Oberst nicht so schön malen können. Jeder nach seinen Gaben!«

Und die Geschäftsinhaber, beide einst verzweifelte Krieger, bekamen mit einemmal eine hohe Achtung vor dem ihnen bis dahin persönlich unbekannten Herrscher. Diese stieg noch, als Ernst der Dritte, vor der Rötelzeichnung des Jünglingsaktes sich verweilend, sagte, etwa wie einer, der in einem Album sein Jugendbildnis wiederfindet: »Sich mal ha, das war auf der Treppe des Seebades in Außensee. Das bin nämlich... ich!«

Herr Aufschläger, der hier sofort allerlei Geschäftsmöglichkeiten witterte, fragte Seine Majestät, ob von solch Allerhöchsten Mitteilung Gebrauch gemacht werden dürfe? Der natürliche Mensch im König fand wieder eines jener Worte, die dann in Tillen umzugehen pflegten:

»Ja, meinen Sie denn, ich müßte mich meines Aktes schämen? Ein König ist auch nicht anders gebaut als...«

Fast hätte Seine Majestät gesagt: »Sie.« Aber er sah Herrn Aufschlägers Preßwurstgestalt und fuhr doch lieber fort:

»... als andere Menschen!«

Der Besuch Ernsts des Dritten endete nun damit, daß er sich für eine Reihe von Bildern und den Badeakt das Vorkaufsrecht sicherte. Statt ins Schloß zurückzukehren, fuhr er bei der Königlichen Gemäldesammlung vor, wo keine Scheuerfrauen den Eingang verteidigten, aber eine Besprechung mit dem Direktor stattgefunden hat.

Als Professor Besser-Weiß Seine Majestät zum Wagen geleitete, war er farblos wie ein Nazarenerbild, denn der Direktor hatte eben den Allerhöchsten Wunsch abgelehnt, Arbeiten des Unsterblichkeitsmalers der Königlichen Sammlung einzureihen.

Fortan überstürzten sich die Ereignisse. Um ein nur einigermaßen klares Bild zu gewinnen, scheint es am besten, Tatsachen festzulegen:

Erstens. Auf die Zeitungsbesprechungen hin reger Besuch des Lachkabinetts.

Zweitens. Professor Besser-Weiß glaubt durch seine Weigerung seine Stellung erschüttert. Statt dieses nun dem Dezernenten für Kunstangelegenheiten Geheimrat Doktor Zwischenspiel darzulegen, erzählt er es am Stammtisch im »Muskateller« seinem Vetter Professor Schwarz-Weiß vom Kupferstichkabinett, dem Historienmaler Professor Schummerer, dem Justizrat Doktor Schriftsatz sowie dem Maler-Radierer Professor Stichel.

Drittens. Ernst der Dritte dagegen erklärt Sturz, er würde nie Besser-Weiß seine Ablehnung entgelten lassen, denn auch er sei meist anderer Ansicht gewesen als seine Vorgesetzten.

Viertens. Ernst der Dritte fragt Böswetter, ob seine Mittel ihm wohl erlauben würden, die Bilder zu kaufen? Dieser schimpft zwar, macht jedoch das Geld flüssig. Ernst der Dritte erwirbt den Zyklus »Großfeuer« sowie den Badeakt.

Fünftens. Herr Aufschläger bringt an den Bildern den Vermerk an (nicht zu klein): »Angekauft von S. M. dem Könige.«

Sechstens. Der Besuch des Lachkabinetts steigt erheblich. Mit ihm die Heiterkeit der Tillenauer, die nun ihrer größten Leidenschaft frönen können, nämlich auf Kosten ihres kunsttollen Landesvaters zu lachen.

Siebentens. Im ›Proleten‹ verhöhnt Doktor Niederriß die rücksichtslose bürgerliche Kritik, verherrlicht Raffael Kreis und damit ungewollt Ernst den Dritten, hält sich aber schadlos, indem er sagt, es sei lehrreich, eine hohe Person gänzlich ohne Bismarcks »ministerielle Bekleidungsstücke« zu erblicken.

Achtens. »Interpellation« des konservativen Abgeordneten Braveng im Tillener Landtage: »Was gedenkt die Regierung zu tun, um künftighin das Hineinziehen der Allerhöchsten Person in Kunstkritiken unmöglich zu machen?«

Neuntens. Der nationalliberale Abgeordnete Professor Doktor Kleinklauber, Pandektist der Tillener Universität, erklärt in siebenstündiger Rede das Recht am eigenen Bild als beim Stande unserer heutigen Gesetzgebung für noch durchaus zweifelhaft.

Zehntens. Während der Rede verlassen nacheinander sämtliche Abgeordneten, auch die der Linken, das Landhaus, um bei Aufschläger & Farbenblind Seine Majestät ohne ministerielle Bekleidungsstücke zu sehen.

Elftens. Durch die Interpellation wird erreicht: a) Der Besuch des Lachkabinetts nimmt derart beängstigend zu, daß der Eintritt zeitweilig polizeilich gesperrt werden muß; b) Kommerzienrat Bast kauft, seinem Herrn und Könige folgend, gleichfalls sechs Bilder und eine Handzeichnung; c) sämtliche Tagesblätter und Wochenschriften bringen lange Aufsätze über den Unsterblichkeitsmaler.

Zwölftens. Die Welt gewinnt den Eindruck, als sei Raffael Kreis der größte Tille, der je gelebt.

Hier nun muß der Faden wieder aufgenommen werden, ist es doch überaus kennzeichnend für die Tillen jener Zeit, daß damals nichts im Lande die Menschen so beschäftigte, wie Ernst den Dritten ohne ministerielle Bekleidungsstücke zu erblicken. Leute, die nie eine Kunstausstellung besucht hatten, fanden sich ein. Am erregtesten schien das Mirabellchen, gestand sie doch ihrer hohen Herrin, sie sei schon zweimal dort gewesen, so daß sich nun auch die alte Prinzessin Aurora zum Besuche des Lachkabinetts entschloß. Aber sie ließ den Hofwagen eine Straße vorher halten. Erwiesene Jungfrauen standen vor den Nachbarbildern und schielten dabei zum Badeakt Seiner Majestät. Ältere Damen besahen die prachtvolle Rötelzeichnung voll tiefer innerer Entrüstung, jedoch innig und lange. Es regte sich auch der Tillener Verein gegen Sittlichkeit (Vorsitzender Herr Rentner Adam Schnüffler, stellvertretende Vorsitzende Fräulein Eva Schämchen), der einst jene bekannte Eingabe an Ernst den Zweiten gemacht: »das Aktzeichnen in der Königlichen Akademie der bildenden Künste zu verbieten«. Der Verein schien des Hochseligen Königs – weit über Tillens Grenzen belachte – Randbemerkung vergessen zu haben: »Wenn der ›Unsittlichkeitsverein‹ am Ebenbilde Gottes Anstoß nimmt, mögen seine Mitglieder doch vor allem erst einmal Masken tragen!«

Kurz, die Ausstellung drohte zum öffentlichen Ärgernis sich auszuwachsen. Da es nun auch vorkam, daß Bedürftige das Abendessen überschlugen, nur um das Eintrittsgeld zu erübrigen, so schädigte das Lachkabinett mit der Volksernährung zweifellos auch die Volksgesundheit.

Ob wegen solcher Gefahr, stehe dahin, jedenfalls hielt es die Staatsregierung für nötig, einzuschreiten. Das einfachste wäre gewesen, den Badeakt entfernen zu lassen, aber damit hätte man den hohen Käufer bloßgestellt, so wurde das Lachkabinett kurzerhand behördlich geschlossen.

Jene gewaltsame Beendigung dieser Tillener Volksbelustigung fand ihr Nachspiel im Landtage. Dort erblickte nämlich der Abgeordnete Umsturz (Sozialist) in der Schließung der Raffael-Kreis-Ausstellung eine kunstfeindliche Handlung. Sturz lachte dazu. Nun hätte man solches Lachen, wäre links gelacht worden, »gemütlich«, höchstens »burschikos« genannt. Da aber Sturz lachte, hielt man es für »junkerlich«. Der Abgeordnete Umsturz, rücksichtslos bis zur Lümmelei gegen politische Gegner, war jedoch selbst empfindlich wie ein Weinhändler, dem man vom Wasser spricht. Einst Eisendreher, aber mit bewundernswertem Fleiße bemüht, die Lücken seiner Bildung zu schließen, und nun gern mit seiner Kenntnis fremder Klassiker protzend, ließ er sich hinreißen, den Ministerpräsidenten in seinem Privatleben zu beschimpfen, indem er ihn einen »Tartuffe« nannte.

Sturz erhob sich sofort: »Wenn ich recht gehört habe, hat der Herr Abgeordnete für Stangenberg II auf mich das Wort ›Tartuffe‹ angewandt, mich also einen sittlichen Heuchler genannt?«

»Allerdings!« erklärte Herr Umsturz vom Platze aus.

In diesem Augenblick erwachte der Präsident des Landtages, Herr Geheimrat Doeser aus einer Art Hasenschlaf mit offenen Augen:

»Ich wollte nämlich eben den Herrn Abgeordneten Umsturz zur Ordnung rufen!«

Doch Sturz erklärte:

»Wenn ich draußen auf freier Wildbahn Herrn Umsturz träfe, so würde ich ihm sagen: Wer unter dem Schmutze... ich meine Schutze der Immunität mein Privatleben beschimpft, dem rate ich, nicht Molière zu lesen, sondern Goethe, und zwar ›Götz von Berlichingen‹!... In diesem Hohen Hause jedoch antworte ich nur: Herr Abgeordneter, wirklich Sie irren sich!«

Im Sitzungsberichte steht hier – es ist noch heute nachzulesen – »anhaltende stürmische Heiterkeit«. Eines der Rätsel des Tillener parlamentarischen Lebens, jener uns so weit entrückten Zeit, ist nämlich die erstaunliche Neigung der braven Landboten zu »Heiterkeit«, »stürmischer Heiterkeit«, »anhaltender«, ja »minutenlanger stürmischer Heiterkeit«, so daß es keine Kränkung des Hohen Hauses bedeuten kann, wenn man es, um im Bilde zu bleiben, nicht recht ernst nimmt.

Übrigens scheint auch Sturz einer ähnlichen Auffassung gewesen zu sein, denn wir erblicken ihn kurz darauf rot, rund und zufrieden im Frühstückszimmer des Landhauses, wie er kauend zum Nebentische blinzelt, an dem Herr Umsturz ißt; der eine vom Ertrage seines Gutes, an dessen Gedeihen er und seine Väter ein Leben lang gearbeitet, der andere »von die Arbeiterjroschen«.

Ernst der Dritte dagegen war wieder einmal in Weltschmerz geworfen. Er hatte den zweiten Direktorialassistenten gebeten, ihn auf dem laufenden zu halten über moderne Malerei, denn Seine Majestät wollte sich eine kleine Privatbildersammlung zulegen als Gegengewicht gegen die Königliche Gemäldesammlung des Herrn Besser-Weiß, auf die er ja doch ohne Einfluß blieb.

Bei dieser Gelegenheit nun hielt es Doktor Neuordner für angemessen, zu zeigen, daß er den Befehlen des Königs nachkam. Er hatte sich nämlich auch um die Scheuerweiber gekümmert, leider aber dabei feststellen müssen, daß Seine Majestät bei Placenta Schlampe an eine durchaus Unwürdige geraten war, die ohne jede Not ihren König schändlich belogen. Die vermeintliche Enkelin, um die sie Ernst des Dritten Mitleid angerufen, war nämlich von der ledigen, auch heute noch auf solchem Gebiete großzügig Tätigen Allerhöchstselbst zur Welt gebracht worden.

Nun könnte man sagen, Ernst der Dritte hätte doch das verlogene Scheuerweib mit einem Lachen abtun sollen, aber würde der junge Herrscher ohne ein zartes Gemüt der sein, als welcher er uns liebenswert erscheint? In Ernsts des Dritten schwerer Seele verfiel plötzlich alle Begeisterung mit den Plänen von Volksbeglückung und hoher Auffassung seines Dienstes. In solch gebeugter Stimmung sprach er zu einem, der es hier bezeugen kann:

»Das habe ich in der Zeit, die ich nun schon gewissermaßen regiere, erkannt: Zu sagen hat der König von Tillen nichts! Ob ich ins Manöver darf, bestimmt Kotz von Gerben. Politik und Gesetze werden vom Reiche gemacht. Wenn ich aus gutem Herzen eine Rede halte, wird sie verrissen. Wenn ich einen Flügeladjutanten um etwas bitte, verlangt er seine Ablösung. Wenn ich für drei Mark etwas kaufen will, muß ich erst Böswetter um Erlaubnis fragen. Wenn ich ein paar Bilder, heute noch billig, aber in zehn Jahren vielleicht unerschwinglich, in die Königliche Sammlung bringen möchte, sagt der Direktor nein. Wenn ich mich aus diesem Fegfeuer einmal ins Paradies sehne, werde ich vigiliert. Wenn ich mich um das Fortkommen kleiner Leute bemühe, wird mir der Buckel vollgelogen. Daraus, daß ich als junger Mensch mal einem armen Narren, aber großen Maler umsonst Modell gestanden habe, wird mir ein Strick gedreht. Eigentlich bin ich nur dazu da, um den Leuten von Staats wegen Artigkeiten zu sagen. Ein Popanz. Der verstorbene König hatte recht: ›Es ist kein Vergnügen...‹«

Jener, der dem Könige nahestand, hat geantwortet:

»Aber wir Menschen sind auch nicht zum Vergnügen auf der Welt, sondern um unseren Dienst zu tun!«

Ernsts des Dritten Antwort ist erschreckend:

»Aber es ist ein sinnloser Dienst!«

»Andere zu stützen, kann niemals sinnlos sein!«

»Wen stütze ich denn?«

»Den Staat.«

»Wodurch?«

»Durch das Beispiel.«

Ernst der Dritte sah den Freund erstaunt an:

»Daran habe ich nicht gedacht. Gut, ich werde mich zusammenreißen!«

Und plötzlich gewann er seinen Humor zurück: »Ich will auch nie wieder Akt stehen! Ich habe ja auch wirklich keine Zeit mehr dazu!«

Es war, als müßten die Englein im Himmel zufrieden sein mit dem jungen König und Schalmei blasen.

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