Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
Schließen

Navigation:

Tischlertag

Sollen wir nun mit Ernst dem Dritten im großen Heinrichsaale sitzen (nicht mehr allein, denn der Dienst speiste jetzt immer mit ihm, nämlich der diensttuende Herr vom Hofe, einer der Flügeladjutanten und der Leibarzt), sollen wir den ganzen Nachmittag verlieren mit X-Beinen, Bästen, Trauermänteln und Aktenwälzern? Kennen wir nicht genugsam Sturzens, des Bockbeins, des Malthusianers wie des Kriegsgottes Art?

Gleite weiter, Erzähler einer längst verschollenen Zeit, gleite weiter!

Daran wird uns auch der kleine, stachlichte Kaktus nicht hindern, der so langatmig und widerborstig gegen jede Unterbrechung von den Nadelhölzern Südchinas vortrug, daß Seine Majestät fast den Eintritt ins Paradies versäumt hätte, jedenfalls aber in Zeitnot geriet, etwa wie ein unentschlossener Spieler im Schachklub »Matt«, denn die »Springer« kämpften wie die Löwen Judas.

Oder sollten wir uns vom Herrn Oberbürgermeister Tusch aufhalten lassen, schon nachmittags halb drei im Frack, um auf Seine Majestät ein Hoch auszubringen, dem die Städtische Kapelle unter Leitung ihres Musikdirektors Verschlepper einen Tusch folgen ließ?

Könnte uns etwa die Familientafel im Nordischen Palais stören, bei der die alte Prinzessin Aurora den jungen Rex wieder einmal »himmlisch« fand und der schöne Theodor zu seiner Gemahlin Entsetzen aus seinen dunklen Jahren über der großen Pfütze etliches zum besten gab?

Nein, ferne von uns sei alles dieses! Wir begeben uns lieber in das Königliche Schauspielhaus. In dem Schmuckkästchen aus der Rokokozeit sah man statt Bürgern, Beamten, Adel und Offizieren heute fast nur ehrliche Tischler, festlich in biederen schwarzen Röcken, gar mancher ein Kriegs- und Friedensehrenzeichen im Knopfloch. Rotbraune Spuren von Politur an den Nägeln verrieten den Beruf: genau so wie gelbe Fingerspitzen den Zigarettenraucher.

Beim Eintritt des Königs, der Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Ingeborg bis an die Brüstung der großen Hofmittelloge führte, erhob sich Oberbürgermeister Tusch, die goldene Amtskette um den Hals, und ließ jenes Hoch auf den König fahren, das nun einmal mit des Stadthauptes Gegenwart unvermeidlich schien. Ernst der Dritte verneigte sich. Eine Sehenswürdigkeit war das Gesicht des schönen Theodor, als er notgedrungen mitrief.

Generalintendant Freiherr von Malthus, im dunkelgrünen Frack mit rotem Kragen, auf dessen goldenen Knöpfen das »E« unter der Königskrone prangte, pendelte geschäftig zwischen Bühne und Hofloge hin und her. Im Hintergrunde erblickte man rechts die hohe, aber merklich stärker gebeugte Gestalt des alten Oberhofmarschalls von Flimmer, neben ihm den immer töricht lächelnden Hausmarschall Grafen Schellenlaut mit seiner Hakennase. Als das Spiel längst begonnen, quatschte noch der Oberstabelmeister Freiherr von Quatsch, die Hand am Ohr, mit dem Mirabellchen und Fräulein von Nothdurft, so daß der König ein paarmal sich umdrehte. Der Rauhreiter hielt sich links, ebenso Rittmeister Graf Schlußeisen, noch immer verlobt, und der diensttuende Flügeladjutant. Sturz saß allein in der Mitte, rot, rund und zufrieden, auf einem Sessel, dem er zur Verbreiterung der Sitzfläche einen zweiten beigeschoben.

Nicht umsonst wurde »Der Verschwender« als Festvorstellung zum siebenundvierzigsten Tischlertage gegeben, war doch die Hauptgestalt des Stückes ein Tischler. Hofschauspieler Schwimmer hatte im letzten Akt als Valentin die Maske des Vorsitzenden gemacht, nämlich des allbekannten Innungsmeisters Hofschreiners Nut mit seinem merkwürdigen weißblonden und endlos gewundenen Hobelspan inmitten einer glänzenden Platte.

Die Freude unter den Meistern vom Leim stieg zu brausendem Jubel, als Schwimmer, der einst der Oper angehört und sich aus diesen Zeiten eine noch immer warme Stimme bewahrt, zu Valentins Hobellied eine Strophe anfügte, von der das tiefe, jedoch allgemeine Geheimnis umging, sie sei Malthusianischen Ursprungs. Zwar war die Lage zuerst einen Augenblick beängstigend, suchte doch der nie textsichere Schwimmer mit Frau Glottis Heiser (im Kasten des Einhelfers) durch merkwürdige Fußzeichen Fühlung, aber die Tischler, begeistert und wenig theatergewohnt, merkten nichts, während freilich der schöne Theodor die beseligte alte Aurora tief erschreckte mit den Worten:

»Jetzt gibt's ein nationales Unglück!«

Generalmusikdirektor Wilhelm Marder, Wiener und deutschfreiheitlich, aber hofsüchtig, hatte es sich nicht versagen können, selbst den Takt zu schlagen. Nun ließ er mit überlegener Sicherheit den ersten Ton aushalten, bis Herr Schwimmer glücklich Frau Glottis Heiser verstanden hatte, und man vernahm die Malthusianische Strophe:

»In meiner Jugend hobelt' man
Mit Lust und Gottvertraun,
Heut' sieht die Welt uns anders an,
Seit wir Fabriken baun!

Maschinen hobeln schnell, doch kalt,
Warm ist des Tischlers Hand:
Darum, wo unser Hobel schallt,
Ist Gott und Glück im Land!«

Die Versammlung wartete am Schluß, denn eine Abordnung war in die große Hofloge, in der Mitte des ersten Ranges, befohlen worden. Als nun Hofschreiner Nut, den man doch eben noch auf der Bühne erblickt, mit echter Platte und weißblonder Haarlocke erschien, zog ein Schmunzeln über das ganze Haus. Als aber Ernst der Dritte dazu auch die Hauptdarsteller in die Loge befahl und die Doppelgänger einander gegenüberstanden, gleichsam sich im Spiegel sehend, wuchs die Bewegung im Theater zu unbefangener Heiterkeit. Der Herr Hofschreiner brachte jedoch den Humor nicht auf, zu lachen, sondern wendete sich gekränkt ab. Aber der König rettete die Lage, und da das Schauspielhaus eine berühmte Schallleitung besaß, Ernst der Dritte auch so laut sprach, als rede er vor seiner Schwadron, so konnte man jedes Wort verstehen:

»Meine Herren! Manchen König habe ich auf den Brettern gesehen, so Richard den Dritten, und nicht immer war es ein schmeichelhaftes Spiegelbild, aber ich habe mir gesagt: du kannst daraus allerlei lernen für deinen Dienst. Nun haben wir heute am siebenundzwanzigsten Tischlertage... (es war, als ob der peinliche alte Nut etwas einwenden wollte; Ernst der Dritte wurde aufmerksam und verbesserte sich)... ich meine am siebenundvierzigsten Tischlertage... auf den Brettern, die doch die Welt bedeuten sollen, einen von Ihnen gesehen. Einen, den alles kennt in unserer Stadt. Aber der Innungsmeister, den Sie, meine Herren, zum Vorsitzenden Ihres Tages gewählt haben, kann stolz sein, zum Vorbild gedient zu haben eines Tischlers, in dem der Dichter die handwerkerliche Treue, Redlichkeit und Tüchtigkeit versinnbildlich, hat. Handwerk hat goldenen Boden. Ich lese aus dem Sprichworte nicht das Gold, sondern die Seele. Und die ist bei unseren Handwerksmeistern Gold. Solche Leute aber braucht der Staat. Sie sind die Säulen, auf denen er ruht. Meine Herren Tischler! Ich wünsche Ihnen und uns, daß Ihnen Ihre Gesinnung, Ihr Fleiß, Ihr handwerkerliches Können immer erhalten bleiben möge. Ich drücke Ihnen daraufhin die Hand, Herr Innungsmeister, und in Ihnen die aller Tillener Tischler, die Sie die Gesundheit, die Ehrlichkeit, die Kraft unseres Volkes darstellen.

›Warm ist des Tischlers Hand,
Und darum, wo sein Hobel schallt,
Ist Gott und Glück im Land!‹

Die Tischlerei möge blühen und gedeihen, uns allen zum Segen!«

Damit reichte Ernst der Dritte der Abordnung die Hand, nämlich: dem Hofschreiner und Innungsmeister Nut, seinem Schwiegersohne Falz, Kunsttischler und Erfinder der Holzpaste »Na endlich«, sowie dem alten Tischlermeister Zarge mit den gewaltigen Hobelarmen, an denen beruflich die Unterarmmuskulatur hervortrat.

Und dieses Mal durchhallte das Haus ein ehrliches Hochrufen, daß des Oberbürgermeisters Tusch gewohnheitsmäßiges Hurragebrüll als jene Schädigung des Königsgedankens enthüllt schien, wofür sie aufrechte Monarchisten, an der Spitze Ernst der Dritte selbst, hielten.

Die alte Prinzessin Aurora knickte ein Tränchen gerührter Begeisterung. Der schöne Theodor schmunzelte, als wollte er sagen: »Na, der Rex macht sich!« Sturz nickte Beifall. Quatsch, der die Rede nur halb, und Schellenlaut, der sie gar nicht erfaßt, lächelten trotzdem berufsmäßig. So schien alles befriedigt. Es darf aber nicht verheimlicht werden, daß es auch Leute gab, die allerlei auszusetzen hatten. Wohl war der alte Nut durch die gnädigen Worte seines Königs wieder beruhigt, doch die Frau Hofschreiner konnte es nicht verwinden, daß der Herr Innungsmeister auf die Bühne gezerrt worden. Auch ihre Tochter, Frau Röschen Falz, geborene Nut, die es nach neun Kindern glücklich auf den dreifachen Umfang ihrer Mädchengestalt gebracht, meinte:

»Se ham den Pappa verhonepipelt, und der Kenich hat's chewußt. Da hält 'ch mir nu 'n anderes Borträ von ihm chemacht!«

Einfach empört zeigte sich Herr Sägeblatt, erste Tillener Dampf-Möbeltischlerei, der in den »albernen Versen« nichts erblickte als einen brotneidischen Angriff auf seine Maschinen. Frau Axilla Sägeblatt, geborene Schupfer, zuckte gewohnheitsmäßig die Achseln:

»Als ob wir ieberhaupt Tischler wären! Fabrikbesitzer sein mir!«

Die Tischlerrede Ernsts des Dritten war aus dem Stegreif gehalten, doch man glaubte, sie sei vorbereitet. Ja, ganz Gerissene ließen es sich nicht ausreden, der König habe sie abgelesen.

In streng konservativen Kreisen gab es manche, die jene Eingangsworte Ernsts des Dritten, er habe bösartige Kollegen auf der Bühne gesehen, für durchaus unpassend hielten, indem sie meinten, es könne unmöglich Sache des Königs fein, in öffentlicher Rede die Monarchie gewissermaßen an den Pranger zu stellen. Am empörtesten zeigte sich Ihre Exzellenz Frau von Zaum, die von Tee zu Tee verbreitete, des Rex Liebäugeln mit freien Ansichten würde ihn noch völlig nach links abrutschen lassen. Sie hatte überall erklärt, da der Rauhreiter den Stall noch immer führe, fände man augenscheinlich keinen Oberstallmeister und würde ihren unersetzlichen Gatten also bald zurückrufen müssen. Aber gerade am Tage nach der Tischlerrede erlebte sie es, daß die Ernennung des Rittmeisters von dem Grimme von den zweiten Dragonern in Illzenau zum Leiter des Königlichen Stalles bekannt wurde.

Ernst der Dritte erhielt nur Ausschnitte aus den Tagesblättern, wobei die Gefahr nahelag, der König möchte einseitig unterrichtet werden. Als er nun seine Tischlerrede in einem solchen Ausschnitte aus dem ›Staatsanzeiger‹ wiederfand ohne jenen Irrtum, der ihm mit dem siebenundzwanzigsten Tischlertage unterlaufen, ließ er den Kabinettssekretär Geheimrat Doktor Kleber kommen. Der nannte die Weglassung der Worte: »ich meine am siebenundvierzigsten«, »irrelevant«. Ernst der Dritte machte, seit er einem Vortrage des großen Sprachreinigers Professor Doktor Stilputzer beigewohnt, Jagd auf Fremdwörter. So antwortete er:

»Sie meinen: ›unerheblich‹... ›nebensächlich‹... Ich habe es aber immer verurteilt, wenn Abgeordnete ihre Reden nachträglich verbessern, nicht an ›unwesentlichen‹... ›unbeträchtlichen‹... ›belanglosen‹... Stellen, sondern weil sie, was sie in ehrlicher Wallung gesagt haben, später nicht vertreten wollen. Meine Dummheiten, so... ›gleichgültig‹ sie sein mögen, vertrete ich aber.«

Der Kabinettsekretär glaubte zu entschlüpfen, indem er jenes Lieblingswort des Königs: »Kompromiß« gebrauchte. Ernst der Dritte suchte in seinem neuen Sprachreinigungsdrange nach einer Übersetzung, die er, der eben von Abgeordneten gesprochen, in »Kuhhandel« fand. Darüber mit sich selbst recht zufrieden, war er zwar wieder liebenswürdig, verlangte nun aber jeden Morgen die wichtigsten Zeitungen vorgelegt.

Als am nächsten Tage der ganze Tisch voll lag, vermißte er den ›Proleten‹. Der Kabinettssekretär setzte sich (Höchsteigene Worte Seiner Majestät, der den Auftritt später lachend erzählt) auf die Hinterbeine, wie ein Gaul, der nicht springen will. Da schickte der König kurzerhand Piephacke zur Geschäftsstelle.

So ist es geschichtlich belegt, daß Seine Majestät König Ernst der Dritte von Tillen Bezieher des ›Proleten‹ geworden ist (Bezugsnummer 17834) und ihn täglich zugeschickt erhielt. Auf dem Kreuzband stand durchaus richtig: »S.M. dem König, Kgl. Residenzschloß Tillenau.«

Freilich erlebte Ernst der Dritte zuerst keine rechte Freude an seinem neuen Leibblatte, denn die nun schon fast berühmte Tiscklerrede wurde, wenn auch in vorsichtiger Weise (Preßgesetz) madig gemacht und als Parleirede festgenagelt. Als ob Herr Schreyer, Herr S.Gold, Herr Umsturz und wie sie alle hießen, Werber für das andere »System«, nicht täglich Parteireden gehalten hätten. Dabei hütete er sich wohl, den Wortlaut zu bringen, so daß der Leser sich nicht selbst ein Bild machen konnte.

Ernst der Dritte, als Offizier gewohnt, nichts auf sich sitzen zu lassen, auch ahnungslos in bezug auf Parteigepflogenheiten, nahm alles für bare Münze und schien geneigt, den Hauptschrlftleiter, Zarenverherrlicher z.D. Herrn S.Gold, persönlich zu stellen. Der Kabinettsekretär, der immer verstanden, alle Schwierigkeiten auf andere abzulenken, setzte den Ministerpräsidenten in Kenntnis. Sturz sah die tiefe Enttäuschung des Königs, doch es gelang ihm, durch seine unerschütterliche Laune die geknickten Lebensgeister wieder aufzurichten. Freiherr von Malthus hat den Auftritt festgehalten. In seinem Nachlaß fand sich, viele Jahre später, folgende Aufzeichnung, die, dem Berufe des Generalintendanten entsprechend, in Bühnenform gekleidet ist:

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.