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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Ernst der Dritte und die Scheuerfrauen

Das Feuer hatte in Ernst dem Dritten ein anderes Feuer entzündet: jenes der Kunst. Während er bisher noch keine Zeit gefunden, die Königlichen Sammlungen zu besichtigen, wollte er plötzlich die Gemälde in den alten Wunderkammern an der Stechbahn in Augenschein nehmen.

Nun wäre dieses für gewöhnliche Mitlebende eine einfache Angelegenheit gewesen; aber wie bei dem in Gott ruhenden König Midas alles, was er berührte, zu Gold wurde, so schien es, als ob jeder Wunsch Seiner Majestät nur auf verworrensten Pfaden verwirklicht werden könnte. Da Höchster nämlich so unvorsichtig gewesen, seine Absicht zu äußern, war sie auch zu Ohren des Kultusministers Doktor Bloede gekommen, jenes Greises, dessen Geist vor Bravheit dem Fliegen entwöhnt, wobei nur zweifelhaft bleibt, ob man etwas nie Geübtes verlernen kann.

Der Kultusminister, ein nüchterner Beamter, ließ den Dezernenten für Kunstangelegenheiten, Geheimrat Doktor Zwischenspiel, kommen und übertrug ihm alles, nur wollte er rechtzeitig von einem Besuche Seiner Majestät in Kenntnis gesetzt sein. Der Geheimrat, gerade überaus in Anspruch genommen durch sein neues Werk über »Die Blaukrankheit bei holländischen Bildern des siebzehnten Jahrhunderts«, ließ sofort den Direktor der Königlichen Gemäldesammlung, Professor Doktor Besser-Weiß, kommen und übertrug ihm alles, nur wollte er rechtzeitig von einem Besuche Seiner Majestät in Kenntnis gesetzt sein. Professor Doktor Besser-Weiß, eben im Begriff, zur Kupferstichversteigerung nach Stuttgart zu fahren, ließ seinen ersten Direktorialassistenten, Doktor Umhänger, kommen und übertrug ihm alles, nur wollte er rechtzeitig von einem Besuche Seiner Majestät in Kenntnis gesetzt sein, übrigens hoffte er, bald zurückkehren zu können, denn ihm lag daran, die »Radierung vor der Schrift«, genannt Ernst der Dritte, auf seine allein maßgeblichen Kunstansichten einzustellen. Doktor Umhänger nun besprach sich mit seinem Amtsbruder, dem zweiten Direktorialassistenten Doktor Neuordner, einem sorglosen jungen Kunstgelehrten voll absonderlicher Zukunftsgedanken.

Professor Besser-Weiß beabsichtigte, Ernst den Dritten für die alte Kunst zu gewinnen, Doktor Umhänger ihn für zarte Meister des neunzehnten Jahrhunderts einzufangen; die Absichten des Umstoßers alles Gegebenen, des Doktors Neuordner, sind zu erraten, galt doch für ihn, wie der brave Bürger jener geschichtlich gewordenen Zeit kopfschüttelnd zu sagen pflegte: »Je verrückter, desto besser!«

Man sieht, es scheint nicht ohne Bedeutung, wer nun Seine Majestät auf dem beabsichtigten Gange durch die Sammlung begleiten wird. Zwar bedrückte der Vermerkkalender den armen Rex nach wie vor, doch eines Montags mußte der Besuch des Sigismund-Gymnasiums, zu dessen hundertjährigem Stiftungstage, verschoben werden, weil im Schülerheim der Anstalt die Masern festgestellt worden. So hatte Ernst der Dritte unerwartet drei Stunden frei. Glücklich wie ein Schuljunge, wenn das Griechische ausfällt, beschloß er sofort, die Gemäldesammlung zu besuchen. Punkt zehn Uhr fuhr er an den einstigen Wunderkammern vor, fand jedoch das Tor verrammelt. Der Rauhreiter, der in seiner langen Dienstzeit wohl manchen Stall, aber noch nie eine Kunstsammlung gesehen, hatte keine Ahnung gehabt, daß Montags Scheuertag sei. (In Tillen scheuerte alles – wir kennen die Hofscheuerfrauen.) Doch Ernst dem Dritten, nicht gewillt, sich abweisen zu lassen, gelang es mit Hilfe des federbuschwehenden, gewaltigen Leibjägers Vollbart, durch ruhestörendes Donnern am Tor ein Scheuerweib aufzuschrecken. Frau Placenta Schlampe, dem kanonischen Alter nahe, ausgestattet mit aller Unliebenswürdigkeit eines Menschen, der in seinem Broterwerbe gestört wird, bedrohte mit triefendem Lappen so Leibjäger wie König:

»Das is doch keene Manier nich, so an die Tier zu bumpern! Schämt eich was! Kennt ihr nich lesen, daß heite Scheiertag is?«

Da sie Verstärkung erhielt von drei anderen Scheuerweibern, so schien einen Augenblick die Lage bedenklich, wenn nicht verzweifelt. Es half auch nichts, daß bedeutet wurde, wer hier einzutreten wünsche: im Gegenteil, die langjährigen treuen Stützen der Königlichen Gemäldesammlung benahmen sich derart abweisend, daß jedes Eindringen hätte ausgeschlossen genannt werden können, wäre nicht ein dienstmützenbekleideter Mann auf der Bildfläche erschienen, der, den König erkennend, mit gezücktem Hauptschlüssel die Scheuerweiber verscheucht hätte.

Frau Schlampe ließ bei ihrer Flucht einen Schuh auf dem spiegelnden Marmorboden der Vorhalle einsam stehen, und Ernst der Dritte begann herzlich zu lachen.

Nun erklärte Pförtner Schlüsselbund, der Herr Professor sei verreist, für Herrn Doktor Umhänger ein Montag grundsätzlich nicht vorhanden, Herr Doktor Neuordner aber pflege immer schon Samstagabends fortzufahren. Ernst der Dritte nahm einen Führer durch die Königliche Gemäldesammlung entgegen, und die Wanderung begann. Der Rauhreiter, gleichfalls damit bewaffnet, sah hinten die Abbildungen an, während der König die Gemälde aufsuchte. Freilich meist vergeblich, denn die Sammlung, einst nach Tapeziererart stumpfsinnig zum Pflastern der Wände ausgenutzt, war neuerdings entwicklungsgeschichtlich gehängt worden.

Die alte Ordnung hatte sich trotzdem manches Späßchen erlaubt, so indem sie einst in Kabinett 24 sämtliche »Susannen im Bade« vereinigt. Dem nicht unwitzigen König Sigismund dem Neunten war es nämlich gelungen, deren dreizehn zusammenzubringen. Schien es nun auch ganz ergötzlich, den Vorwurf abgewandelt zu sehen von Holbein über Tintoretto und Rembrandt zu Boucher, so wirkten doch sechsundzwanzig lüsterne alte Juden etwas ermüdend. Somit war heute Tintoretto zu seinen Landsleuten, Holbein zu den altdeutschen Meistern abgewandert, Boucher zu den Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts; Rembrandts Susanne, in der man unschwer Hendrikje Stoffels erkannte, hing aber jetzt im Rembrandt-Saale, dem größten Stolz des Museums.

Als nun Ernst der Dritte an Stelle der Susannen, die den Rauhreiter, wir wollen es nur ruhig eingestehen, weitaus am meisten beschäftigten, die Schule von Barbizon fand und dort, wo ein Zurbaran hängen sollte, Felicien Rops entdeckte, gab er den »Führer« dem im Hintergrunde gewohnheitsmäßig mit den Schlüsseln klappernden Pförtner zurück mit den Worten:

»Wenn ich in meinem Schwadronsstalle in Illzenau über jedem Stand einen falschen Namen gehabt hätte, so würde der Oberst eklig geworden sein!«

Da meldete sich unversehens Doktor Neuordner, wegen eines Streites mit seiner Freundin, der wilden Eindrucksmalerin Rosalba Angelika Klecks, über Freilichtakte von Leo Putz aneinandergeraten und daher doch nicht verreist. Bei bartlosem Gesicht mit scharf vorgeschobenem Kinn, pomadenangeklebtem Haar und sorgfältig durchgezogenem Scheitel, eng und modisch gekleidet, war von irgendwelcher Abfärbung der Kunst, sei es durch Spitzbart, wehende Schlipsenden oder Lockenmähne, schlechterdings keine Rede. »Patent« hätte ihn seine Zeit genannt. Nun bekam der Gang durch die Sammlung sofort Schmiß. Wenn der König nach einem Bilde fragte, das er aus Leutnantszeiten kannte, wußte Doktor Neuordner nicht allein den Saal, nein auch die Wand zu bezeichnen, wo es jetzt hing. Trotzdem hatte der junge Kunstgelehrte eine fast mitleidige Art, über die alten Schätze der Sammlung zu reden. Als nun Ernst der Dritte sich erkundigte, wo denn die neueren Bilder hingen, schlug der Direktorialassistent, während er sie im zweiten Stockwerke zeigte, einen ganz anderen Ton an. Ja, bei Uhde gingen ihm förmlich die Augen über, als er sprach: »Jede Zeit hat ihre Kunst. Man kann doch nicht immer vorgehalten bekommen: weil der vor dreihundert Jahren so gemalt, muß man heute auch so malen.«

Hier ist Ernst der Dritte, wie der Rauhreiter kurz darauf erzählt hat, förmlich aufgefahren mit den Worten:

»Sehr richtig! Wer seinen strengen Dienst nach bestem Können tut, will auch nicht immer hören: unter dem Vorgänger war es aber anders!«

Dann hat der König den Assistenten unvermittelt gefragt, ob er Sachen von Raffael Kreis gesehen habe. Nun ist es die Art der Kunstgelehrten, daß sie nur Trichter gelten lassen, auf die sie selbst gekommen sind. Wohl kenne er, so antwortete Doktor Neuordner, der vor kurzem erst die kleine Schrift herausgegeben hatte: »Raffael überschätzt«, einen gewissen Raffael Santi, der sich viel von anderen zu eigen gemacht, auch einen sicheren Raffael Mengs, mehr Mengs denn Raffael, aber Raffael den Dritten, Herrn Raffael Kreis, nein, den kenne er nicht. Durchaus nicht! Unter keinen Umständen kenne er ihn!

Der Generaladjutant, ohne Susannen völlig entwurzelt, blickte immerfort verstohlen nach der Uhr. Endlich trat er an den jungen König heran und meldete, wie er es sich allmählich angewöhnt hatte, Seine Majestät habe um ein Uhr das Frühstück befohlen. Es war Hofstil, in den der Rauhreiter schon sachte hineinglitt, denn nicht Seine Majestät hatte das Frühstück befohlen, sondern man darf wohl sagen, das Frühstück samt der ganzen Tagesordnung Seine Majestät.

Ernst der Dritte sagte, das Essen könne warten. Einen bekannten Einwand seiner Umgebung lächelnd vorwegnehmend, meinte er, und wenn es kalt würde, schade es auch nichts, denn zum Aufwärmen gäbe es in der Hofhaltung unnütze Köche genug! (Steigt hier nicht dunkel die Erinnerung auf an Ernst den Zweiten, dessen Riesenschatten Ernst den Dritten doch neuerdings beunruhigte?)

Bald jedoch begann der Generaladjutant wiederum auffallend mit der Uhr zu spielen, und als der Rex nun zwangsweise gleichfalls nach seiner überall Staunen erregenden Tombakuhr sah, erklärte der Rauhreiter:

Um 2 Uhr müsse Seine Majestät den xbeinigen Regierungsassessor Doktor Valgus empfangen, der die Orden seines an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstorbenen Großvaters Wirklichen Geheimrats Stickluft zurückgeben wolle,

um 2 Uhr 10 die Herren Bezirksdirektor Doktor Trauermantel und Kommerzienrat Bast in Sachen Fabrikbrand,

um 2 Uhr 20 den Kreisdirektor a.D. Aktenwälzer, der wegen Hornhautentzündung den Abschied genommen,

um 2 Uhr 30 sei das Auto bestellt, um Gipsmodell und Pläne für das neue Rathaus unter Führung des Oberbürgermeisters Tusch zu besichtigen,

um 3 Uhr 30 habe Seine Majestät den Ministerpräsidenten von Sturzacker befohlen,

um 4 Uhr 10 habe Regierungsrat Bockbein Vortrag, um 4 Uhr 30 habe Seine Majestät zugesagt, den Botanischen Garten zu besuchen, um sich vom Königlichen Gartenbaudirektor Kaktus die neu angelegte Sammlung von Nadelholzsamen aus Südchina erklären zu lassen,

um 5 Uhr aber müsse Seine Majestät im »Paradies« sein zur Eröffnung des Sechsten Tillener Landwirtschaftstages,

um 6 Uhr 10 sei der Generalintendant Freiherr von Malthus befohlen,

um 6 Uhr 20 käme der Kriegsminister Kotz von Gerben mit Unterschriften,

um 7 Uhr sei Familientafel im Nordischen Palais,

um 8 Uhr habe Seine Majestät zugesagt, die Festvorstellung von Raimunds »Verschwender« zu besuchen, die zum 47. Tischlertage angesetzt worden.

Doktor Neuordner, der, wie verraten ist, Sonntags und Montags blauzumachen pflegte, schien derart erschüttert über solche Arbeitslast, daß sein kluges, ja, wenn er hingenommen schien, eindrucksvolles Gesicht jede Spannung verlor.

Unterbrechen wir hier rücksichtslos den Fluß der Erzählung. Schon öfters wurden uns Schwächen Ernsts des Dritten offenbar; aber bringen sie ihn nicht uns nur menschlich näher? Es steht zu vermuten, daß der junge König sich ärgerte, wie einer faul sein durfte, während er so angespannt war. Vielleicht reizte es ihn auch, zu zeigen, wie weit sein Arm reiche? Oder finden wir hier gar einmal jenen häßlichen und unköniglichen Zug der Genugtuung, einem eins zu versetzen? Gewiß ist nur, daß der Hohe Herr sagte:

»Ja, mein Lieber, ich habe von früh bis abends Dienst. Da sind dann solche Gespräche eine Erholung. Leider kann ich sie mir nicht von Samstag bis zum Dienstag leisten, wie Sie!«

Der junge Bilderstürmer blickte verdutzt auf: Wußte Seine Majestät um seine Ausflüge mit Rosalba Angelika Klecks? Und im stillen beschloß er, sofort Raffael Kreis nahezutreten, um solch gefährlich Allwissendem lieber einen Gefallen zu tun.

Ernst der Dritte schied mit einem schmerzlichen Blick auf die schönen Bilder. Im Eingang stand noch immer der einsame Schuh auf dem spiegelnden Marmorfußboden. Der König betrachtete sinnend diesen bescheidenen Überrest eines Menschen und fragte, ob die Inhaberin eine brave Frau sei, offenbar in der dunklen Absicht, irgendeine königliche gute Handlung zu begehen. Doch der Direktorialassistent, der mit Bewußtsein Frau Placenta Schlampe noch nie erblickt, antwortete voll erfrischender Offenheit:

»Keene Ahnung, Machestät!«

Ernst der Dritte erwiderte liebenswürdig, wenn auch gleichsam eine Lehre:

»Ich finde, die Herren sollten sich nicht allein um die hohen Bilder, sondern auch um die niedrigen Angestellten kümmern. Wenn das allgemein geschähe, würde das Verhältnis der Klassen im Staate zueinander besser sein. Ich habe das nicht von meinem Vorgänger, sondern von mir selbst. Ich habe von jedem meiner Kerle bei der Schwadron gewußt, woher er ist, wer die Eltern sind; so kümmere ich mich auch, soweit mein Dienst mir die Zeit läßt, um die Hofdienerschaft, und da es sich hier um Scheuerfrauen handelt, um die Hofscheuerfrauen!«

Hier muß erklärt werden, daß jenes Witzwort von der Leibscheuerfrau Seiner Majestät auch bis zu Doktor Neuordner gedrungen sein dürfte. Unbeherrschter Kunstmensch, der er war, mag er wohl geschmunzelt haben, wenigstens wurde die Terz auf des Königs Wange plötzlich dunkel. Halb um abzuleiten, halb jähe Güte, verlangte er die Scheuerweiber zu sehen. Verlegen erschienen die vier, am befangensten Frau Placenta Schlampe, weil sie nur einen Schuh trug. Sie lahmte stark durch Entzündung des Schleimbeutels unter der Kniescheibe. Ernst der Dritte fragte, ob sie sich verletzt habe. Da erzählte sie, vom langen Knien am Boden täte ihr die Kniescheibe weh. Sie solle zum Doktor gehen, sagte der König. Doch sie meinte, es sei »schade ums Jeld«. Sie sei Witfrau und müsse noch eine Enkelin durchbringen. Der König fragte, ob denn die Eltern nicht für das Kind sorgten. Da entstürzten der Frau die Tränen:

»Die Kleene hat doch keenen Vater nich, Machestät! Meine Marie jing mit 'm Schlosser, der wollte nich heiraten, ehe denn sie nich dicke wäre, daß man weeß, ob sich's ooch verlohnen tut. Drieber haben ihn die Duberkeln jefressen, und 's Kind war doch schon uff der Reise. Und meine Marie is bei's Kind kaputt jegangen. Nu bin ich Mutter und Jroße Mutter in eens. Da muß 'ch froh sind, daß ich hier scheiern darf, wenn mir ooch 's Knie gar so sehre tut schmerzen.«

Ernst der Dritte wandte sich zum Rauhreiter mit jener Bewegung, die bedeutete: Namen aufschreiben! Dann sagte er, die Kranke solle sich von Doktor Medicus untersuchen lassen. Frau Placenta Schlampe wischte sich die Augen, und der Direktorialassistent betrachtete sie voll neuer Teilnahme, sollte er sich doch auf Befehl Seiner Majestät nicht allein um die hohen Bilder, sondern auch, wie der König selbst, um die niederen Scheuerfrauen kümmern.

Als aber Ernst der Dritte davongefahren war, fielen die anderen Scheuerweiber über die Schlampen her und bedeckten sie mit den unflätigsten Liebkosungen. Es kann unmöglich die Aufgabe sein, Tillener Schmäh-, Schmutz- und Schimpfworte zu sammeln, deren Feststellung dem berühmten Germanisten der Universität Tillenau, Geheimrat Professor Doktor Volksmund überlassen bleiben möge. (Hauptwerk: »Lautverschiebungen in der Tillener Volkssprache.«) Wer mag auch sagen, ob hier Neid allein im Spiele war, oder die biedere Frau Placenta Schlampe Seine Majestät belogen hatte?

Des Königs Anwesenheit im Museum hatte sich herumgesprochen, hielt doch draußen der Wagen mit dem allgemein bekannten Leibkutscher Leitseil, und eine Menge Gaffer standen umher. Als nun der junge Herrscher einstieg, drängte sich ein Fetter vor: der Stadtverordnete Adolf Speichelfluß, Inhaber jener Steingutwarenhandlung, die durch ihre tödlichen Erzeugnisse bekannt war (siehe des Kronprinzen Ende). Er zog, vielleicht um jene dunkle Tat wettzumachen, den Hut und brüllte:

»Seine Machestät der Kenich hurra!«

Die Maulaffenfeilhalter, gewiß zum Teil rot, die jedoch, wenn nicht gerade einer der Parteibonzen sie gesehen, ruhig mitgerufen hätten, schienen durch den unvermuteten Überfall derart überrascht, daß nur ein dünner, fast peinlicher Widerhall antwortete.

Ernst der Dritte aber, der bei solcher ebenso verfehlten wie verzweifelten Huldigung hatte notgedrungen grüßen müssen, wandte sich empört zu seinem Generaladjutanten:

»Dies ewige Hurrabrüllen wirkt ja nur lächerlich. Ich habe das als Leutnant so oft empfunden und habe gehört, was vernünftige Leute darüber denken.«

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