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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Der Rex im Frack

Wie es nun Sommer wurde, hatte Ernst der Dritte die Schöne aus dem Paradiese noch immer nicht wiedererblickt, aber ganz leise begann ihr Bild unter Einwirkung von Zeit und Arbeit zu verblassen. Immerhin hatte sie, ohne es zu ahnen, des jungen Königs Leben einigermaßen umgeworfen, denn daß der Major ihn klein gesehen, brannte auf seiner stolzen Seele.

Am Hofe freilich wäre man erstaunt gewesen über solche Bedrängnis, galt doch gerade der neue Flügeladjutant als bei Seiner Majestät in so hohen Gnaden, daß der Leibarzt glatt abgesetzt schien.

Dem Freiherrn von und zu Auffrecht wagte keiner mit Bevorzugungswünschen zu kommen. Es war nämlich gewissermaßen Überlieferung, offenbar noch aus der Zeit Ernsts des Zweiten, daß, wer zum Vortrage kam, den diensttuenden Flügeladjutanten befragte, in welcher Stimmung Seine Majestät sei. Um so überflüssiger erschien solche Frage, als man höchstens von einer gewissen Befangenheit reden konnte, die Ernst dem Dritten bisweilen aus dem Bewußtsein erwuchs, einen Gegenstand noch nicht genügend zu beherrschen.

Als nun einmal der lahme Finanzminister Doktor Hund den Major von Auffrecht nach Seiner Majestät Stimmung befragt, hatte jener sehr abweisend geantwortet:

»Exzellenz, es würde pflichtwidrig sein, über Dinge, die mir dienstlich bekannt werden, mich zu äußern!«

So war es gekommen, daß man dem unzugänglichen Manne eine Macht zuschrieb, die er gar nicht besaß. Und doch: Mußte es nicht bemerkt werden, wieviel Liebenswürdigkeit Ernst der Dritte gerade an diesen Flügeladjutanten verschwendete? War es nicht auffällig, daß er ihm sogar die Hochzeit ausrichtete?

Der Major hatte sich nämlich verlobt, und zwar mit Exzellenz von Böswetters einziger Tochter, dem »Nüßchen«. Bei bräunlichem Rundkopfgesicht, flaumig Heller am Kinn, glich es der »Nuß« seiner Mutter (einer geborenen Nuß aus Saßhausen) wie eben eine kleine Haselnuß einer dicken gleicht. Da Ernst der Dritte erkannt, daß jenes alte bescheidene Männlein mit den seltsam verschobenen Nasenmuscheln, das einst dem Prinzen Arbo soviel böses Wetter gemacht, eigentlich sein nützlichster Diener war, besuchte der junge Herrscher bisweilen abends nach den Lasten des Tages seinen Schatulleverwalter. Dazu pflegte er den Major Freiherrn von und zu Auffrecht mitzubringen.

Während nun Ernst der Dritte mit Seiner Exzellenz die Anlage des Privatvermögens besprach, das ihm Ernst der Zweite hinterlassen, freilich mit vielen Gnadengehältern und lebenslänglichen Zuwendungen beschwert, blieb der Flügeladjutant in der dann »abgedeckten« »guten Stube«, wo das Paneelsofa als Haupt« und ein Glasschränkchen mit Heymer Porzellanfiguren als Erbstück prunkten, soweit hier von Prunk zu reden war. So mit den beiden wenig ergiebigen, vielleicht gar tauben Nüssen zwangsweise lange allein, war der Major auf den letzten Endes durchaus verzweifelten Gedanken verfallen, die Nuß, wie es nun einmal der Nüsse Sendung ist, aufzuknacken, das heißt das Nüßchen, und natürlich nach erfolgtem Ehebunde.

Ernst der Dritte nun wußte seinen Vermögensverwalter in bescheidenen Verhältnissen. So war es gekommen, daß er, dem Flügeladjutanten seine innere Ablehnung ja nicht zu verraten, nun zuviel tat und dem jungen Paare im Sigismundflügel die Hochzeit ausrichtete.

Der alte Oberhofmarschall von Flimmer, den zu ersetzen der König noch immer keine Anstalten getroffen, machte den Rex auf das Übertriebene solcher Liebenswürdigkeit aufmerksam:

»Gestatten Euer Majestät, ein paar Worte Seiner Hochseligen Majestät zu wiederholen? Er sagte: Jeder, der Gnaden zu verteilen hat, sollte damit sparsam sein, um für besondere Fälle etwas zu behalten. Zeus darf nicht immer gleich blitzen!«

Aber Ernst der Dritte sah, gerade in diesen Tagen durch dauernde staatliche Bevormundung besonders gereizt, den wohlgemeinten Rat nicht ein, denn schon begann im Untergründe seines Bewußtseins die ständige Erwähnung des großen Vorgängers ihm lästig zu werden. Auch der neue Wirt des Hauptbahnhofes, Herr Haase, wollte nicht immer hören, man habe bei seinem Vorgänger, dem Königlichen Hoftraiteur Reh, besser gespeist.

Ernst dem Dritten bedeutete das Hochzeitsessen seine Sonderangelegenheit, denn Hoffeste waren ja doch nur Dienst der Krone. Hier aber fühlte sich der junge König etwa wie ein reicher Standesherr, der eingeladen hat. So kümmerte er sich denn auch um alle Einzelheiten selbst.

Er bestimmte die Weine, wobei er zum erstenmal die Hofkellerei besuchte, von dem, einem guten Tropfen äußerst geneigten und daher dauernd an der Niere leidenden Hofkellermeister Spund, der dazu eine funkelnagelneue Lederschürze angelegt, feierlich empfangen; er machte die Bekanntschaft des dicken und vom vielen Stehen am Herd krampfadergeplagten Hofmundkoches Mehlschwitzer; er sah dem Werk der Hoftafeldecker Augenmaaß und Leintuch I, wie der Lakaien Lauter, Redlich, Demuth II und Ohnefalsch zu; er ließ sich vom grauhaarigen Hoffourier Ehrenfest die Sitzordnung vorlegen und bewunderte den Orchideenschmuck, den der sonnengebräunte Oberhofgärtner Pistill selbst geordnet.

Für alle hatte der junge König ein freundliches Wort; jedem der alten treuen Diener seines Hauses reichte er die Hand. In der Hofkellerei fand er einen Windwein, den der Hochselige König besonders geschätzt haben sollte, erstaunlich, ja für das heimische Gewächs fast zu gut, und erfuhr gleichsam als Hausgeheimnis, er sei mit Mosel verschnitten worden.

»Hat das Seine Majestät gewußt?« fragte der König.

Der Hofkellermeister meinte, indem er die Augen zusammenkniff:

»Er hat Seiner Majestät immer gut geschmeckt!«

Und Ernst dem Dritten fielen plötzlich jene bitteren Worte ein, die er auf dem Vormerkkalender Ernsts des Zweiten gefunden: »Heute bin ich siebenmal belogen worden!«

Wir aber erinnern uns an das, was auch ein so ehrlicher Mann wie Sturz zum Polizeipräsidenten Wichtig gesagt: »Man braucht den hohen Herren nicht alles mitzuteilen.«

Doch Fürstlichkeiten bewegen sich bisweilen in absonderlichen Gedankengängen. Ihr Dienst bringt offenbar besondere Vorstellungen mit sich. Aber ergingen sich etwa die biederen Handwerksmeister des Tillener Kegelklubs »Sandhase«, wenn sie ihrer Kugel nachblickten, nicht auch in den seltsamsten Beinverschränkungen? Klapperten nicht beim Haarschneiden Herr Hoffriseur Schuppenfall wie Herr Kahlschnitt völlig unbegründet mit ihrer Schere in der Luft herum? Jeder Beruf hatte seine Mätzchen. So mußte auch Ernst der Dritte auf einen Einfall gekommen sein, der nicht ohne weiteres einem Nichtkönig einging.

Als nämlich die Hochzeitsgesellschaft versammelt war, öffneten sich plötzlich die Flügeltüren, und unter den vielen Uniformen erschien einsam ein schlanker, ungewöhnlich gut gebauter Frack. Dieser Frack war aber niemand anderes als Seine Majestät König Ernst der Dritte von Tillen. Und jetzt sah man nur noch Glatzen, weibliche Schulterblätter und männliche Achselstücke.

Wie mochte nun, fragt sich der militärische wie der bürgerliche Untertanenverstand, der junge König zu solch ungewöhnlichem Anzuge gekommen sein? Ungewöhnlich, denn nie hatte man früher Ernst den Dritten, außer im Paradiese und bei seiner beschämenden Rückfahrt vom Tillensee, anders als in Uniform erblickt. Sollte er haben betonen wollen, es sei heute das Fest des vornehmen jungen Herrn und nicht das des Königs? Erwiesen ist, daß er zu seinem gleichfalls geladenen Jugendfreunde gesagt hat: »Heute will ich einmal Mensch sein!«

Der Trauung hatte Ernst der Dritte nicht beiwohnen können. Wie ein Arzt, der zu einem Schwerkranken abgerufen wird, mußte er just in diesem Augenblick die Vierundzwanzigste Tillener Gewerbeausstellung eröffnen. Ein durchaus treffendes Bild, denn die Gewerbeausstellungen kränkelten geschäftlich schon lange.

In seinem Frack gab sich nun der junge König einer solch kindlichen Freude hin, daß jetzt eine neue Deutung aufsteigt, weshalb Seine Majestät nicht in Uniform erschienen. Ernst der Dritte, dem als Offizier ein Frack entbehrlich gewesen, hatte just nach seiner Rückkehr von der Ausstellung vom Hofschneider Sartorius seinen ersten wohlgebauten, besonders geglückten, ja einfach herrlichen Frack erhalten. Das ungewohnte, in seinem Seidenfutter auf des jungen Königs schlankem Reiterleibe leicht wie ein Daunenbett ruhende Kleidungsstück machte ihm solchen Spaß, daß bei der Anprobe nicht allein Piephacke, sondern auch die zufällig das warme Wasser bringende Lore-Lene das feine Ding hatten bewundern müssen. Die Leibscheuerfrau rief denn auch:

»Sich mal ha, 's hat ja keiner kennen wissen, wie scheen Seine Machestät is!«

Aber die Zeit drängte zum Hochzeitsmahle. Sollte der König sich nun nochmals umkleiden, er, dem das ewige berufsmäßige Umziehen ein Greuel war? Und er behielt den Frack an.

Allgemein fiel die glückliche Laune des jungen Herrschers auf. Er redete mit den ihm Vorgestellten wie sie selbst untereinander. Nun gab es eine Anzahl Verwandter, die, trotz dem Aufziehen bösen Wetters am Tillener Hof- und Adelshimmel im Dunkel ihrer ehrenwerten Bürgerlichkeit zurückgeblieben, heute zum erstenmal vor Seiner Majestät standen. Die Frau Oberlehrer Böswetter aus Ranft wiederholte immerfort: »'s is 'n Ereichniß! 'n Ereichniß!« Ja, Pastor Nuß aus Saßhausen, dem Seine Majestät Seinen Besuch im Einsprengel in Aussicht gestellt, hob mit bei jeder Rührung berufsmäßig feuchten Augen die Hände: »Gottes reichster Segen auf Allerhöchstsein Haupt!«

Dem Könige, dem sonst oft das Anreden von Wildfremden schwer geworden war, gelangen sogar ein paar harmlose Scherze. Hätte ein anderer sie unternommen, wer weiß, ob gelacht worden wäre. Aber die jungen Mädchen, die, platzend vor Neugierde auf den jungen König, dem Tage mit süßem Bangen entgegengesehen, gesonnen, unter allen Umständen sich »diebisch« zu unterhalten, pufften einander rot vor Vergnügen. Das kleine Fräulein Akne Eigenglück, Tochter des Bürgermeisters von Langenerla im Kreise Stangenberg, sonst mit scheuem Blick aus blau umränderten Augen, war ganz aufgeregt.

Ernst der Dritte bemerkte die Wirkung wohl, die er erzielt. Das steigerte seine Sicherheit, so daß der Rauhreiter zum Leibarzt sagte:

»Der König wächst immer mehr in sein Amt hinein!«

Seine Majestät unterhielt sich mit Exzellenz von Böswetter, der bescheiden im Schatten blieb, während die »Nuß« in ihrer heutigen Stellung als vornehmste Dame sich sonnte, war doch vom Hofe nur das Mirabellchen geladen. Es entsprach ganz des Königs Wesen, daß er gewünscht, die bescheidene Nuß-und-Wetter-Verwandtschaft solle bevorzugt werden, denn (eigene Worte Seiner Majestät, Dragonerton) »die Hofschranzen kriegen Diners genug zu fressen«. In ihrem Glück nun wagte Frau von Böswetter zu flöten:

»Nee, was aber der Frack Eier Machestät chut steht!«

Ernst der Dritte antwortete, stolz wie ein Junge, der zur Einsegnung seine ersten langen Hosen trägt:

»Sartorius hat ihn mir auch kaum vor einer halben Stunde gebracht. Er sitzt doch gut? Finden Sie nicht auch?«

Es war aber just an der Stelle, wo einst der arme Kronprinz sich verblutet hatte.

Bei Tisch ging es zuerst wegen der, Zurückhaltung erheischenden, Anwesenheit des Königs ein wenig steif zu, da aber an Weinen nicht gespart wurde (Pommery goût Américain), stieg bald die Stimmung. Nun gar, als, nachdem Exzellenz von Böswetter Seiner Majestät in einem Trinkspruche gedankt, der König selbst sich erhob. Augenscheinlich machte es ihm Freude, einmal zu sprechen, ohne daß man ihm die Rede vorher festgelegt. Dem Pastor Nuß wurden schon jetzt die Augen feucht. Fräulein Akne Eigenglück, unter Wirkung des Weingeistes gänzlich ihrer scheuen Art entbunden, begann gleichsam in Selbstentzündung derart krampfhaft zu lachen, daß sie auf die verweisenden Blicke des alten Hoffouriers Ehrenfest ihr Gesicht im Mundtuch versteckte.

Und Ernst der Dritte sprach:

»Meine Damen und Herren! Sie als meine Gäste zu begrüßen, ist mir eine besondere Freude, weil es nicht als Träger der Krone geschieht, sondern sozusagen als Privatmann. Wir Bergsteiger wissen, daß, je höher wir steigen, desto kälter es um uns wird. Wohl versinkt beim Blick von großen Höhen (wie etwa vom Großen Stoißer) das Kleine der Tiefe unter uns, aber in unserer Schwäche – ich rede immer als Bergsteiger – wandelt uns doch der Wunsch an, aus einsamer Höhe in die Bezirke der Menschen zurückzukehren. So möchte ich hier unter Ihnen Mensch unter Menschen sein. Wenn ich Ihnen solches sage, so geschieht es nicht in einer sentimentalen Anwandlung. Ich bin Soldat. Nein, Sie sollen Kenntnis erhalten von Gedanken, die mir bisweilen an einsamen Abenden kommen, um Sie zu bitten, diese gewiß keineswegs neuen, mich aber bedrängenden Gedanken hinauszutragen unter unser Volk. Sehen Sie immer in jedem Nebenmenschen den Bruder, der es, vielleicht ohne seine Schuld, durch Mittellosigkeit und ungenügende Erziehung nicht so weit gebracht hat wie Sie, Hirn und Herz aber hat genau wie Sie. Meine sehnlichsten Wünsche einst als Leutnant waren: zu meinem dienstlichen Fortkommen gut beritten zu sein, dann die Vorschule des Generalstabs, die Kriegsakademie besuchen zu dürfen. Beides blieb mir versagt, weil mir die Mittel fehlten.«

(Exzellenz von Böswetter blickt auf seinen Teller.)

»Wir wollen also nie vergessen, daß, was wir sind, wir nur durch Zufall sind. Denken Sie bei einem, der etwa im Gefängnis sitzt, daß wenn Sie, wie der Arme, kein Elternbeispiel gehabt hätten, am Ende Sie dort säßen. Ich will das Bild nicht weiter ausführen, obwohl ich solche Verhältnisse kenne, denn ich bin ohne Elternsorge aufgewachsen, bin jahrelang untersuchungsführender Offizier gewesen und habe bei meinem Freunde Amtsrichter Mückenstich manches gelernt. Ich habe von meiner Einsamkeit gesprochen. Es muß schön sein, den Lebensweg zu teilen mit einem Wesen, das einen versteht. Ich wünsche Ihnen, dem jungen Paar, um das wir hier versammelt sind, nicht ein langes Leben...«

(Ernst der Dritte lächelt)

»sondern ein Leben so lang, als Sie sich glücklich fühlen. Glücklich muß aber, so meine ich, jeder sein, der eine so hohe Auffassung von Ehre und Pflicht hat wie der junge Ehemann.«

(Major Freiherr von und zu Auffrecht sieht an Seiner Majestät vorbei.)

»Major von Auffrecht dient als Offizier dem Vaterlande. Sein und seiner Gattin, der jungen Offiziersfrau, Weg gehört dem Vaterlande. So gedenken wir der beiden, wenn wir unseres Landes gedenken. Ich fordere Sie auf, Ihr Glas zu leeren auf die beiden jungen Tillen, die beiden jungen Deutschen und unser Land. Gott segne, Gott schütze unser Vaterland. Das junge Paar lebe hoch!«

Die Trompeter der Zweiten Dragoner, die der König eigens hatte kommen lassen, spielten im Nebensaal die Volkshymne. Alles verneigte sich vor dem hochgemuten jungen Herrscher. »Fürchtet Gott, habet die Brüder lieb, ehret den König!« sagte der Pastor. Und Frau Oberlehrer Böswetter rief, erregt vor Angst ob ihrer Gedächtnisschwäche:

»Das wer'n mer aber erzählen! Daß man's nur nich verjißt! Ich wees schon die Hälfte nich mehr! Es is 'n Ereichniß!«

Major Freiherr von und zu Auffrecht hatte nur einen ganz kurzen Hochzeitsurlaub eingereicht, denn sie mußten sparsam sein. Nun war er erstaunt, als ihm der König sechs Wochen anbot. Etwas Geflissentliches lag unverkennbar auch darin, daß Ernst der Dritte, die Gnaden häufend, durch den Schatulleverwalter eine Summe anwies, die verlängerte Hochzeitsreise zu bestreiten. Der alte Böswetter aber trieb seinen Dienstgeiz auf die Spitze, indem er, besorgt um des Königs Kasse, das Geld für seine Kinder nicht herausrücken wollte, bis Ernst der Dritte – mit einem Male wieder König – sagte:

»Ich befehle es, Exzellenz! Wenn ich bankrott mache, so ist es meine Sache!«

Doch der alte Hofbeamte, damit in der Berechtigung zu seinem ganzen Dasein erschüttert, fuhr auf:

»Verzeihung, Majestät! Vor dem Lande haben nicht Euer Majestät die Verantwortung zu tragen, sondern Euer Majestät Ratgeber, also ich!«

»Ich kann doch mit meinem eigenen Gelde machen, was ich will!«

Der Alte schüttelte den Kopf, daß seine Halsorden klapperten:

»Seine Hochselige Majestät König Ernst der Zweite pflegte zu sagen: Fürsten müssen ihren ererbten, also nicht selbst erworbenen Rang mit der Freiheit ihres Handelns bezahlen. Die Natur schenkt nie doppelt. Wo sie viel gibt, nimmt sie auch viel.«

Dabei hatte der Greis die Augen feucht wie Pastor Nuß.

Wer möchte sagen, was in Ernsts des Dritten Seele vorging? Gewiß ist sein unwilliger Ausdruck, als abermals der Schatten des großen Vorgängers aufstieg. Gewiß aber auch, daß er sich selbst besiegte und dem alten Diener seines Hauses die Hand reichte:

»Exzellenz, lassen wir die Toten ruhen. Aber diesmal zahlen Sie!«

Dann ging der junge König leichten Schrittes zum Stabstrompeter Ansatz, der immer schwankte zwischen Unteroffiziersstrammheit und Offiziersverbeugung, klatschte in die Hände, als wollte er nun seinen Tag als Privatmann so recht genießen und befahl, zum Tanze aufzuspielen, damit auch die jungen Mädchen etwas hätten. Und der Rex, auf den die Hoftrauer lange genug gedrückt, schleifte die »Nuß« schwer im Kreise herum. Nachdem er die Dicke abgesetzt, sagte er zum Leibarzt, scherzend wie in alten Leutnantszeiten:

»Neunzig H.P. und kein Schmieröl!«

Die heruntergefallene Terz glühte feurig auf seiner Wange. Dann drehte er sich mit Fräulein Akne Eigenglück, die ihr blutarmes Köpfchen neigte gleich einer unbegossenen Topfpflanze.

Plötzlich trat der Rauhreiter an Seine Majestät heran. Aus den dienstlich geschlossenen Absätzen war ersichtlich, daß etwas drohte. Der junge König sah seinen Generaladjutanten aus den blauen, immer wie traurigen Augen an, als bäte er, ihm sein bißchen Freude doch zu lassen. Aber General Rauh flüsterte unbarmherzig:

»Ich melde Euer Majestät alleruntertänigst, daß die Vereinigten Jutespinnereien in Zilla seit einer Stunde in Flammen stehen. Enormer Schaden. Viele Existenzen bedroht. Menschenleben vernichtet. Haben Euer Majestät Befehle?«

»Ich will hinfahren. Sofort. Aber die Jugend soll nicht um ihre Freude kommen. Wir werden ganz still verschwinden. Sagen Sie nichts.«

Piephacke wartete schon zum Umkleiden, denn trotz aller Bildschönheit des Frackes konnte Seine Majestät doch nicht damit an der Brandstätte erscheinen. Leibschofför Panne grüßte, dann ging es davon, die bekannten langen Kastanienbaumgänge an der Till dahin. Mit dem Rauhreiter war auch der Leibarzt eingestiegen: Ärzte würden leider zu brauchen sein.

Unterwegs sprach man nur vom Brande. Aber dazwischen sagte einmal Ernst der Dritte:

»War das nicht nett heute? Hoffentlich haben sich die Leute nicht zu sehr gemopst. Wenn ich nur auch erst so weit wäre! Denn ich muß ja doch einmal heiraten, meint Sturz. ›Dynastische Pflicht!‹ Ist das nicht schön gesagt, Hanns?«

Dann scheinbar rätselhaft:

»Auffrecht soll nur recht lange fortbleiben!«

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