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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Der Kronprinz

Bei dem Kronprinzen Ernst, doppelt zart, weil in Ängstlichkeit und Vorsicht erzogen, mußte man ständig gewärtig sein, daß irgendeine kleine Verletzung, auf die ein Gesunder kaum achtet, sich zu unstillbarer Blutung auswachse. Da erforderte jedes Schnauben Vorsicht, ein Schnitt wurde Ereignis, der Verlust eines Milchzahnes Bedrohung. Ein Schwär brachte einmal nicht allein den Leibarzt Seiner Majestät, Generalarzt Doktor Vagus, in Sorge, nein, es wurde sogar ein Mann von Weltruf hinzugezogen, Geheimrat Professor Doktor Fibrill, der berühmte Chirurg der Universität Tillenau, den sein erster Assistent Doktor Herpes begleitete.

Es ist zu begreifen, daß solcher Zustand den König bedrückte. Wenn er auch mit zärtlicher Liebe an dem Sohne hing, so kränkte es doch sein starkes Osterburger Gefühl, daß einmal ein Siecher als Ernst der Dritte den Thron besteigen sollte. Da er nun, selbst nie auch nur einen Tag krank, kein Verständnis für Schonungsbedürftige besaß, so wuchs daraus, wie der Knabe heranreifte, der Verdacht, sein Sohn stelle sich nur an. Und der Jüngling durfte doch nicht vergessen, er war kein gewöhnlicher Mensch, er war ein Osterburger, ja der Thronerbe!

So wurden denn von Anbeginn die Kräfte des Kronprinzen überspannt. Das Gymnasium schien selbstverständlich, aber darüber hinaus plagte man den Jüngling noch mit technischen Dingen, zu denen ihm jede Anlage fehlte. Außerdem sollte er täglich mit der einundsechzigjährigen Mistreß Cant flirten, dem jungen Monsieur Gaulois den Racine erklären und den Professore Bell'ingegno durch Dantes Purgatorio begleiten.

Alles das leitete Herr lic. theol. Dr. plil. U. N. R. Bittlich. Zur Laufbahn eines Lehrers an höherer Schule schon zu alt, zum Geistlichen aber zu sehr philosophischer Kampfhahn, bekam er, nach endgültigem Siege über des Kronprinzen Nerven, den Titel Oberstudienrat als Pflaster und die lebenslängliche Ordnung der Privatbücherei des Königs als Versorgung. Kein Ruheamt, denn Ernst der Zweite verlangte täglich Quellennachweise zu allem, was ihn beschäftigte.

Übrigens hatte der Herr Oberstudienrat den Sieg um so leichter errungen, als eine körperliche Ausbildung kaum Zeit nahm. Fechten und Turnen waren verpönt. Nur ein wenig reiten durfte der Kronprinz aus Berufsrücksichten.

Bald wurde aus dem einzigen Kinde, das der einsame König besaß, ein kaum mittelgroßer, zarter Mensch mit auffallend gefüllten Hautvenen, der neben der eindrucksvollen Erscheinung Ernst des Zweiten aussah, als gehöre er gar nicht zu ihm. Zusammengewachsene Brauen bildeten zwischen den Augen ein dunkles Kissen, Augenbläue und rotblondes Haar der Osterburger war Mingrelischer Nacht gewichen. Ja, dem Kronprinzen fehlte sogar eine Eigenart aller Manner der Familie, nämlich die tiefe Baßlage der Stimme. Der König konnte in diesem gebrechlichen Südländer unmöglich sein Ebenbild erblicken. Es war kein Mann für eine, wer mochte es wissen, vielleicht einmal bewegte Zeit, es war ein Müder mit der Erscheinung des Todgezeichneten.

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