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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Die großen Luftröhren

Wir erblicken nun, oder vielmehr wir erblicken nicht, denn es war zu finster, Ernst den Dritten in der dunklen Loge der Hofoper. Hinter ihm den wie immer im Dämmer verschwindenden Flügeladjutanten von der Artillerie, vor ihm die beschattete Bühne, denn schon war man im dritten Akt mit den schlafenden Paschern, die offenbar sehr müde sein mußten, da weder die laute Musik noch Micaëlas (die dicke Frau Westenvoll) rücksichtsloser Gesang sie zu stören vermochte.

Auch dem König wurde es nach zwei bewegten Tagen und einer schlaflosen Nacht, dazu in der trägen Dunkelheit der überheizten kleinen Loge, von der Musik eingelullt, schwer, die Augen offenzuhalten. Er blinzelte bisweilen zum Orchester hinüber, doch bei der Blendung von Rampe wie Pulten erblickte er nicht viel mehr als ein Heer von Leuten, die aus irgendwelchem Anlaß eifrig ihre Hände in Bewegung setzten. Darüber aber blitzten in einem schwerbemähnten Kopfe ein Paar Brillengläser, und die dazugehörigen Arme fuhren wild umher, aufstachelnd, besänftigend, einladend, ablehnend, die Finger gespreizt oder geballt: eine, sofern man den Beweggrund nicht kannte, fast krankhafte Angelegenheit. Da nun Hofkapellmeister Wilhelm Marder (vulgo Israel Teitelbaum) auch bei den Einsätzen derer auf der Bühne den Mund aufriß, so gewann man das Bild nervenzerrüttender Tätigkeit, die das Begehren einer beruhigenden Ozeanfahrt durchaus begreiflich erscheinen ließ. Ob Seine Majestät solchen Gedanken nachgehangen, mag offenbleiben, immerhin wandte er mit klappenden Augenlidern seine Aufmerksamkeit dem Spiele zu. Wie lange freilich, wer möchte es sagen? Sonst wußte man in der dunklen Loge die alte Prinzessin Aurora. Alle vom Bau kannten ihren weißen Scheitel wie das flüsternd fahrige Mirabellchen hinter ihr. Hatte man nun die Uniform gesehen? Kurz, die Sänger begannen mehr und mehr für die dunkle Loge zu spielen, doch von dort beugte sich kein Kopf zum vergoldeten Gitter. Carmen, mit beunruhigend scharf geschnittener Nase und dafür desto samtweicherer Altstimme von ungewöhnlichem Umfange, mühte sich umsonst ab. Auch der kleine Kammersänger Rosenmund, der für diesen Abend die Gestalt des Don José freundlichst angenommen hatte, lockte niemanden aus dem Dunkel. Ja sogar sein doch nicht ungefährlicher Kampf mit dem Bariton Ercole Fermate schien keinen Widerhall zu finden. Erstaunlicherweise gelang es übrigens dem Tenor (trotz seiner hohen Stöckelschuhe dem Escamillo nur bis an die Herzgrube reichend), den Stierfechter niederzuzwingen. Aber pflegte Kammersänger Rosenmund nicht als Siegfried bisweilen sogar einen Drachen zu töten? Immerhin wurde man des Gedankens nicht ledig, der Escamillo hätte, wenn es ihm nur seine Rolle erlaubt, den verhärmten fahnenflüchtigen Sergeanten sofort mit einem Kinnhaken rechts ins Orchester befördern können. Auch dieser in seinem Ausgang verblüffende Kampf rührte die dunkle Loge nicht.

Kaum war der Zwischenvorhang niedergerauscht, als der Generalintendant erschien. Der Artillerieflügeladjutant legte den Finger auf den Mund wie der Generalmusikdirektor, wenn er unbescheidene Bläser beschwichtigen wollte: Seine Majestät lag unbeweglich im roten Plüschsessel versunken. Der Freiherr, tief erschüttert von solcher Wirkung seiner unvergleichlichen Künstler, wollte sich zurückziehen, doch Ernst der Dritte stand plötzlich auf, strich den Überrock zurecht und trat in das helle Vorzimmer der Loge.

Geblendet vom grellen Licht, auch offenbar noch nicht völlig wieder zur rauhen Wirklichkeit zurückgekehrt, hatte er nun jene denkwürdige Unterredung, die mit einem Schlage der Alten Welt (wenigstens auf einige Jahre) zwei der schönsten Stimmen und einen der erregtesten Taktstöcke jener versunkenen Zeit erhielt.

Es zeigte sich, wie leicht mit dem jungen Könige umzugehen war, wenn man nur den richtigen Ton traf. Der Generalintendant erzählte, die Oper Carmen habe, wegen ihrer Dirnenverherrlichung, das ja bekannt sittenstrenge Paris verletzend, zuerst keinen rechten Erfolg gehabt, und daß der dem armen Bizet erst geworden, als er schon Habaneras und Torerolieder für die unter Wolkenschicht des Himmels vertonen mußte. So nämlich etwa drückte der Freiherr sich aus.

Darüber ward der König munter und erklärte sich einverstanden, daß diese, wie er sich selbst überzeugt, einzigen Kräfte der Hofbühne erhalten blieben. In einer neuen Belastung der königlichen Schatulle schien er keine Schwierigkeit zu erblicken. Das mußte eben Böswetter machen; er selbst hatte ja kein Geld. Wie aus einer Bemerkung Seiner Majestät hervorging, freute er sich sogar, hat er doch zu seinem Theaterkammerherrn gesagt:

»Das Gesicht von Böswetter möcht' ich mal sehen, wenn er blechen muß. Geschieht ihm ganz recht. Mich hat er immer kurz gehalten.«

Da nun ein Durchgehen der Drei nach Amerika unmittelbar drohte, war Ernst der Dritte einverstanden, daß sofort nach Schluß der Vorstellung die Europamüden in die Loge befohlen würden. Um aber überreichen zu können, was die Sängerin zur Linderung ihrer Schmerzen erhalten sollte, wurde der Flügeladjutant eiligst ins Schloß entsandt. So war Ernst der Dritte während des Schlußaktes allein und damit des Dienstes enthoben, äußerlich schon dadurch gekennzeichnet, daß sonst immer sozusagen eine Leibwache an ihm hing.

Der Einzug der Stierfechter, dann jener rührselige Abschied des Escamillo, bei dem der junge Ercole Fermate (Sohn des aus Vinci bei Empoli vor achtundzwanzig Jahren nach Tillenau eingewanderten Dekorationsmalers Lionardo Fermate) glücklich den Schmachtlappenstil zu vermeiden wußte, endlich aber der aufregende Schlußkampf (Wilhelm Marder sang nun krampfartig verzerrt mit und erweckte am Pulte den Eindruck eines schwer am Veitstanze Erkrankten) der Carmen um ihr Leben, hat ohne Zweifel Ernst den Dritten wach erhalten. Die kleinen Ballettratten und Chormäuschen, die scheue Blicke zum Herrn der Erde warfen, haben es bezeugt. Auch aus der Unterredung Seiner Majestät mit den Künstlern nach Schluß der Vorstellung ging dieses unzweifelhaft hervor. Wir wissen es von den Sängern selbst, wenn auch vielleicht ausgeschmückt, wie leicht beim Theater, wo die eigene Person herauszustellen zu einer Notwendigkeit wächst, der nur geborene Große entraten können.

Kammersänger Rosenmund hat die erste Begegnung mit dem Könige etwa so wiedergegeben:

»Seine Majestät bestätigte mir, daß ich der beste José der deutschen Bühne sei. Er meinte, das Lied im zweiten Akt hinter der Szene: ›He, holla! Halt, wer da?‹ habe er noch nie so herrlich gehört. Ich muß sagen, daß der König mehr von Musik versteht als die ganzen Schmierfinken im Parkett, die in ihrem Käseblättchen dann ihren Kohl aufwärmen. Übrigens ist Seine Majestät auch einsichtsvoll und generös. Er hat mir sofort eine bedeutende Erhöhung meiner Gage angetragen, die ich angenommen habe, so daß ich, wenigstens vorderhand, in Europa zu bleiben gedenke.«

Nicht ganz der gleichen Ansicht kann die Kammersängerin Trachea Pastos gwesen sein, wenn sie gesagt hat:

»Unser junger Könich weiß, was sich jejen Damen schickt. Da könnte der Marder was lernen! Wie der unjezogen ist bei den Proben! Als ob man nich Königliche Kammersängerin wäre. So manierenlos kann wirklich nur 'n Jude sein. Dajejen bei unserm Könich sieht man jleich, daß der woanders her ist. Und er hat mir die jroße joldene Medaille für Kunst und Wissenschaft am roten Bande... und rot steht mir doch immer so jut... überreicht. Und er versteht auch was! Er hat jesacht, die Schlußszene, wo Rosemnund mich ersticht, müßte janz anders sein. Ich hab's Rosenmund immer jesacht, er darf sich nicht so vordrängen. Heißt die Oper nu José oder heißt sie Carmen? Der Könich hat mal im Manöver als Serschant, oder was er jewesen ist, Sie wissen, ich verstehe nichts von Militär, im Wirtshaus so was erlebt. Das hat er uns vorjemacht. Der könnte jleich zur Bühne jehn. Also er hat das Falzbein vom Schreibtisch, der in der kleenen Loge steht, jenommen und ist auf mich los. Ich habe mich ordentlich fürchten müssen. Ja, so soll es sein. Das Publikum will mich nun mal sehen. Aber wenn Rosenmund sich immer davorstellt! Grausig schön war's, wie mir der Könich das Falzbein – ich meine den Dolch – hineinstieß. Das wirkt. Aber bei Rosenmund merkt man, er hat nie ein Falzbein – ich meine einen Dolch – in der Hand jehabt. Der Könich sollte nur mal mit mir auftreten, da hätt' ich 'nen Applaus! Und mein Profil hat er klassisch jenannt, jawohl! Kurzum, süß ist er, unser Ernst!« Solcher Darstellung steht nun freilich gegenüber, was wir durch den Generalintendanten Freiherrn von Malthus wissen. Er stellte fest, daß Seine Majestät den Gesang des Herrn Rosenmund im zweiten Akt um so weniger habe loben können, als er erst im dritten gekommen, und führte die große Falzbeinszene auf das rechte Maß zurück, von pastoser Einbildungskraft zweifellos überschritten. Wohl hatte nämlich Ernst der Dritte von einer Messerstecherei im Manöver erzählt, doch dabei nur mit dem Falzbein gespielt. Ein Mordversuch an Trachea Pastos schien ebenso ausgeschlössen, wie jene Behauptung der Sängerin, er habe ihr Profil klassisch genannt:

»Seine Majestät sagte, die Nase unserer phänomenalen Luftröhre betrachtend, sie habe da eine großartige Maske gemacht. Nun denken Sie sich des Rex verdutztes Gesicht, als besagte Trachea stolz antwortet: ›Majestät, mein Profil ist Natur!‹ Und nun nennt das pastose Aas ihren Landesvater noch unsern süßen Ernst! Sehen Sie, das ist das Theatervolk! Aber es gibt trotzdem nichts Interessanteres auf der Welt als das Theater!«

Und der Kammerherr machte jenes Gesicht, das ihn in Verruf gebracht und doch wieder jeden bösen Leumund verstummen ließ.

Ernst der Dritte kehrte aus Carmen, durch die dunkle Loge leicht angeschlafen, ins Schloß zurück mit der Absicht, seine Tätigkeit im Sessel des Theaters zu Haus fortzusetzen. Doch das Schicksal, augenscheinlich gesonnen, ihn zu zermürben, zeigte ihm von ferne einen kleinen dicken Herrn mit jenem freundlichen Lächeln, das jeden Menschen in einer Art Zwangsvorstellung nötigte, gleichfalls zu lächeln. Der König, tief erschrocken, hatte er doch das Bockbein völlig vergessen, fragte erstaunt, was der Regierungsrat hier noch treibe, und jener lächelte: Er habe, dem Befehle Seiner Majestät folgend, sich für später zur Verfügung zu halten, den ganzen Tag im Schlosse gewartet. Ernst der Dritte erkundigte sich besorgt, ob er denn zu essen gehabt? Das Bockbein lächelte verhungert: Er werde nachher im Bürgerbräu essen.

Da begab sich wieder einer jener Vorgänge, die nun einmal zum Bilde Ernsts des Dritten zu gehören scheinen: Der junge König, immer von einer Rücksichtnahme, die den Vormerkkalender gefährdete, befahl ein Nachtmahl für den Herrn Regierungsrat. Dann saß er mit dem Bockbein im großen Heinrichssaale und nahm ihn ins Gebet ob jener berüchtigten Verordnung von zweiundachtzig Seiten, die den Ministerpräsidenten zum Freiherrn mit Brillanten gemacht. Sofort überreichte der Regierungsrat Seiner Majestät die erste Fassung. Und sie hatte, o Wunder, statt zweiundachtzig nur sechs Seiten.

Während Demuth I dem Gaste Gänseleberpastete mit Endiviensalat (Reste vom Forsichtmahle) auftrug, rief der König:

»So eine Sauerei! Und ich muß zweiundachtzig Seiten durchackern!«

Dann aß Ernst der Dritte ein Butterbrot mit Käse und trank ein Glas Bier dazu wie als Offizier, nur daß er sich jetzt Pilsener leistete. Das Bockbein aber erhielt Sekt aus einer angebrochenen Flasche und verschlang beängstigend viel Pastete, während der König las. Er rief:

»Ausgezeichnet! Das kapiere ich! Knapp und klar!«

Der Regierungsrat sprach mit vollem Munde:

»Seine Exzellenz nannte es lückenhaft, oberflächlich, ja dürftig!«

Der König: »Und ich leichtfaßlich, wie wir es brauchen, denn die Verordnung ist nicht für die Herren Juristen, sondern für das Volk! Warum haben Sie's nicht so gelassen?«

Das Stück Gänseleberpastete, vom Bockbein, um antworten zu können, jäh verschluckt, überschritt den Durchmesser des Schlundes, so daß der Gierige zu husten begann, es ihn grauenhaft abwürgte, und er mit herausquellenden Augen verzweifelte Blicke warf. Ernst der Dritte, von seinem Schicksal offenbar bestimmt, anderen beizuspringen, schlug dem Erstickenden dermaßen auf den Rücken, daß Demuth I, brav, jedoch von minderer Fassungskraft, in der Meinung, sein Allerhöchster Herr sei tätlich angegriffen worden und wehre sich nun, ihm erschüttert beisprang und das Bockbein bedrohte.

Der König verlangte einen Arzt. Doktor Medicus, so hieß es, sei abgereist. Da ging Ernst der Dritte selbst auf die Suche und fand Doktor Vagus in seinem bisherigen Dienstzimmer, wo er wütend seine Sachen packte. Doch er weigerte sich, Hilfe zu leisten, unter dem fadenscheinigen Vorwande, er sei nicht mehr Leibarzt und dürfe also nicht zu Unrecht praktizieren wie der Assistenzarzt.

Der König kehrte verzweifelt in den großen Heinrichssaal zurück, erwartete er doch das Bockbein inzwischen entseelt vorzufinden. Doch der Herr Regierungsrat, durch die Prügel wiederhergestellt, lächelte Seine Majestät still beglückt an: Die ganze Gänseleberpastete war verschwunden, die Sektflasche leer. Und der dem leckeren Leben, seinem aufreibenden Berufe wie seinem wohlgeneigten Könige Zurückgegebene verabschiedete sich alleruntertänigst.

Ernst der Dritte schrieb auf die Verordnung: »Verfasser im Auge behalten!« und steckte sie in einen Umschlag mit dem Namen des Ministerpräsidenten von Sturzacker. Herr Regierungsrat Bockbein aber hatte mit lumpigen sechs Seiten erreicht: a) einen Urlaub nach der falschen Schweiz, b) einen dienstfreien Tag mit glänzender und völlig freier Verpflegung, sowie c) die Allerhöchste Gnade Seiner Majestät des Königs.

Es kann bestimmt angenommen werden, daß der Regierungsrat beschloß, fortan Aktenstücke nie über sechs Seiten auszudehnen.

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