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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Schach dem König!

Gefehlt wäre es, zu glauben, Ernst der Dritte hätte nun die Nachtruhe, um die er gekommen, nachholen können. Dies hieße denn doch den Dienst Seiner Majestät zu gering einschätzen. Nach einem hastigen Frühstück wartete bereits im Schloßhofe der Wagen, auf dem Bock steinern der Leibkutscher Leitseil, glatt rasiert, unnahbar und mit jenem breiten silbernen Hutband, das dem staunenden Volke das Nahen eines Mitgliedes des Königlichen Hauses anzeigte. Sobald dagegen Hofchargen, die Anspruch darauf hatten, befahren gemacht zu werden, darin saßen, trugen die Kutscher nur das einfache schmale Band. Und solcher Anspruchsvollen belasteten nicht wenige die königliche Schatulle. Ihre Zahl zu verringern, war der Rauhreiter der geeignete Mann, von Rücksichten der Überlieferung durchaus frei. In der kurzen Zeit, seit er seinem Könige dienstlich nahegetreten, hatte er Ernst den Dritten nicht allein ehrerbietig schätzen gelernt, nein, in dem, sonst gewiß weichen Regungen wenig zugänglichen, Manne war sogar eine fast zärtliche Schwärmerei für den jungen Herrscher erwacht. Dieses ermöglichte des Generaladjutanten Dasein am Hofe ohne zu große Reibungen, wollte er doch seinem hohen Herrn keine Schwierigkeiten bereiten.

Immerhin konnte es unmöglich ohne Bitterkeit abgehen, daß die alte Prinzessin Aurora mit ihrem Mirabellchen auf nur ein Paar Pferde zum Ausfahren herabgesetzt wurde, während sie doch bisher zwei Paar zur Verfügung gehabt. Am empörtesten waren aber die Damen weiland Ihrer Majestät der Königin Helene, nämlich deren Oberhofmeisterin Gräfin Therese Bohnenstroh, deren Palastdame Freifrau Rosa von Nimmersatt und deren Hofdame Röschen von Knix, die durch die Gnade Ernsts des Zweiten – in Erinnerung an Allerhöchstseine Gemahlin – noch immer, neben einer Wohnung im Schloß, Pferde und Wagen gestellt bekamen.

Grade als Ernst der Dritte fortfahren wollte, überfielen ihn die drei »Klatschrosen«, wie sie allgemein hießen, bildeten sie doch einen wichtigen Bestandteil jener Teegesellschaft, die unter dem Namen »Der Jungfernkranz« bei Prinzessin Aurora jeden Donnerstag zusammenzukommen pflegte. Ernst der Dritte sah sich, als er die Treppe hinabstieg, von den Damen umringt, die wohl in tiefem Knicks erstarben, jedoch, auf des Rex Ritterlichkeit pochend, ihn einkreisten. Sie verlangten ihren Wagen zurück. Der arme König wußte, verstört, nicht was antworten, da ihm seines Generaladjutanten Sparsamkeitsabsichten noch gar nicht bekannt geworden. Fast hätte er schon die Damen ihres Wagengenusses versichert, als der Rauhreiter, seinen Herrn in Bedrängnis sehend, ein anderer Winkelried, zwischen die Angreiferinnen sich warf, ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkte und so Seiner Majestät Gelegenheit gab, zu entwischen.

Der Hofleibwagen rollte aus dem Tore, wo die Schloßwache ins Gewehr getreten war. Dem Angriff der »Klatschrosen« glücklich entronnen, galt es nämlich, dem ersten Tillenauer Schachklub »Matt« die landesväterliche Aufmerksamkeit zu widmen. Einmal feierte er sein fünfzigstes Stiftungsfest, und dann versammelte er in seinen Räumen die angesehensten und dem Königshause altergebenen Bürger von Tillenau. So hatten sie einst Ernst dem Zweiten zum fünfundzwanzigjährigen Regierungsjubiläum ein kostbar eingelegtes Schachbrett geschenkt mit, vom Hofdrechsler Geisfuß, zierlich aus Elfenbein und Ebenholz gedrehten Figuren. Es steht noch heute im Kunstgewerbemuseum Tillenau.

Die Vereinsräume befanden sich an der Stechbahn 71 im zweiten Stock. Vor der Haustür erwarteten die Herren des Vorstandes Seine Majestät. Wer freilich behauptet hätte, sie trügen jene gesammelten Züge, die man sich nun einmal bei Schachspielern denkt, würde der Wahrheit ins Gesicht geschlagen haben. Der Vorsitzende des Schachklubs »Matt«, Herr Landesgerichtspräsident a.D. von Rochade, groß und schmal, rechts von ihm Herr Oberlehrer Professor Doktor Patt und links Herr Rentner Doppelbauer, beide klein und breit, begrüßten Seine Majestät mit tiefer Verbeugung.

Eine ansehnliche Menge Neugieriger, die ständig wuchs, wurde durch Polizeiwachtmeister Marschfort und Wachmann Bissig I, um im Bilde der Stunde zu bleiben, im Schach gehalten. Ernst der Dritte reichte den Herren die Hand und fragte nach der Bedeutung einer Schmelzarbeit mit schwarzweißen Feldern, die alle drei Herren trugen. Sie wurde ihm als Vereinsabzeichen entlarvt. Seine Majestät fand es sehr schön und passend.

Im ersten Stock, an dem man vorbeikam, stand eine Tür offen, und einige kleine schwärzliche Herren verbeugten sich tief. Schon wollte der König, in der Meinung, sie seien am Ziel, eintreten, als der Vorsitzende Landesgerichtspräsident a.D. von Rochade ihn erschrocken aufklärte, die Vereinsräume befänden sich im zweiten Stock.

Beim Eintreten erblickte Ernst der Dritte nur Scheitel und Glatzen, denn die Anwesenden verbeugten sich tief. Er schloß klirrend die Absätze. Von den Damen fragte er Frau von Rochade (lang und schmal), ob sie auch Schach spiele, Frau Professor Patt (kurz und dick), wie lange sie verheiratet sei, die mütterlich runde Frau Rentner Doppelbauer aber, wieviel Kinder sie habe. Auf die belittene Antwort der fetten Frau: »Nee, aber, Eier Machestät, wir sind doch erscht seit'n halbe Chare verheiratet!« erwiderte Ernst der Dritte, wie eben ein natürlicher Mensch spricht: »Na, was nicht ist, kann ja noch werden!«

Der Klatsch jedoch, der nimmermüde, in Gestalt von Frau verwitwete Molkereibesitzer Magermilch, geborene Rahm, wußte daraus zu machen, der junge König sage den Damen Zweideutigkeiten.

Nun kam der große Augenblick: der Vorsitzende Landesgerichtspräsident a.D. von Rochade räusperte sich, um Seiner Majestät dem Könige zu danken für die hohe Auszeichnung Allerhöchstseines Besuches. Einst ganz Mann des Rechtes, Schachspieler allein an verlorenen Abenden, seit seiner, wie er behauptete, das Staatsinteresse bedrohenden Verabschiedung aber nur noch Schach, schloß er zerstreut mit den für einen alten Königsdiener im Grunde unerhörten Worten:

»Und so fordere ich Sie denn auf, verährte Vereinsbrieder, mit mir einzustimmen in den Ruf: »Schach dem Kenich!«

Dabei reichte er Ernst dem Dritten den Willkomm, einen Zinnhumpen, den die Damen des Vereins zur Jubelfeier gestiftet und mit edlem Rheinweine gefüllt hatten. Es muß übrigens anerkannt werden, daß die Vereinsbrüder einigermaßen erschrocken waren über ihren arterienverkalkten Vorsitzenden. Ernst der Dritte nahm das schwere Gerät, und ehe er zum Trinken ansetzte, sagte er, den der Rauhreiter während der Fahrt ein wenig schachlich aufgeklärt:

»Der Herr Landesgerichtsprästdent von Rochade hat die Liebenswürdigkeit gehabt, zu rufen: ›Schach dem König!‹ Ich darf aber wohl wenigstens auf ein Remis hoffen. In dieser Annahme trinke ich auf das Blühen und Gedeihen des Schachklubs ›Matt‹!«

Der junge Herrscher setzte an, aber bald wieder ab und stöhnte, unzweifelhaft wieder in den Dragonerton verfallend:

»Ich werde sonst noch ganz betrunken!«

Wieder blickte Ernst der Dritte auf Scheitel und Glatzen, schloß klirrend die Absätze und stieg die Treppe hinab. Als er am ersten Stock vorüberkam, stand abermals die Tür offen, und einige kleine schwärzliche Herren verbeugten sich tief. Am auffälligsten wimmelte einer herum, abgemagert, mit still grämlichem Ausdruck und affenartig behaarten und beweglichen Händen. Der König, in der Meinung, es müsse sich um ein Mitglied des Schachklubs »Matt« handeln, redete ihn an und sah sich plötzlich im Gespräch mit Herren, die, sobald sie des jungen Königs harmlos einfache Art erkannt, aus Kriecherei zu plumper Vertraulichkeit umschlagend, Lärm machten, etwa wie im Empfangssaal des Schlosses, nur daß kein Oberstabelmeister den Stab aufstieß.

Der Rauhreiter war mit dem Landesgerichtspräsidenten von Rochade zurückgeblieben, der den Generaladjutanten aufklärte, Seine Majestät sei in den Freisinnigen Schachklub »Springer«, ärgsten Feind des streng konservativen »Matt«, geraten. Jener aber, der den König hineingelockt, entpuppte sich als der Generaldirektor der Effau (Fäkalien-Veredlungs-Gesellschaft m. b. H.) Doktor Siegmund Erfasser. Dieser stellte Seiner Majestät seine Schachfreunde vor, unter anderen den kurzsichtigen Doktor Samosch Herzgift, den asthmatischen Direktor Meyer Schachgebot, den bei dauernder Kehlkopfentzündung immer hüstelnden Kommerzienrat Nathaniel Lungenfall, wie den gleichfalls zuckerkranken Besitzer des Herrenramschladens »Feiner Hund« an der Stechbahn, Ephraim Hosenbund. Dazwischen zeigte er Seiner Majestät an den Wänden die Bilder der Schachmeister Zuckertort und Lasker, die einmal hier gespielt; hier und nicht oben, denn hier spielte man besser. Auch war man reicher im ersten Stock. Das erwies sich, als, scheinbar gezaubert, kalte Küche erschien und der Klubdiener Getränke herumreichte, aber nicht deutschen Rheinwein, sondern internationalen Champagner.

Seine Majestät mußte Bescheid tun, denn Doktor Siegmund Erfasser sprach, das Glas in der Hand, wobei ihm jener merkwürdige Obstgeruch mancher Zuckerkranken entströmte:

»Unser allverehrter und gerechter König, Seine Majestät Ernst der Dritte lebe hoch!«

Und die Springer stimmten begeisterter fast ein als die Matten. Ernst der Dritte leerte sein Glas. Der Rauhreiter stand mit spielender Unterkiefermuskulatur finster blickend hinter ihm, das kleine schwärzliche Volk um doppelte Haupteslänge überragend. Danken wir im Interesse dieses zweiten Königs David, genannt Ernst der Dritte, Jahve, der da ist, war und sein wird, auf den Knien, daß Kotz von Gerben nicht anwesend war. Da fragte völlig unerwartet der König den Doktor Siegmund Erfasser:

»Sagen Sie mal, lassen Sie sich nicht bei Kahlschnitt behandeln?«

Der Generaldirektor der Fäkalien-Veredlungs-Gesellschaft bejahte mit so erstauntem Gesicht, daß Ernst der Dritte hinzufügte in seiner seltsam fernen Weise, gleichsam zu sich selbst:

»Herr Haasenhaar war auch dort!«

Der junge König blickte mit seinen guten, immer ein wenig traurigen blauen Augen den Herrn Generaldirektor lächelnd an. Dann klirrten wieder die Sporen. Scheitel wurden sichtbar und Glatzen.

Als Ernst der Dritte verschwunden war, setzte Doktor Siegmund Erfasser sein in der Aufregung mehrfach geleertes Glas beiseite und sprach:

»Sekt ist mir streng verboten. Nu habe ich jewiß wieder zehn Prozent Zucker!«

Dann übergab er das Glas, aus dem Seine Majestät getrunken, dem Diener mit der Mahnung, es wohl aufzuheben. Es sollte, etwa wie eine Feder, mit der ein Friedensschluß unterzeichnet worden, zu ewigem Gedenken zwischen den Bildern von Zuckertort und Lasker stehen, unter einem Glassturz und mit der Inschrift:

»Diesen Kelch leerte
Seine Majestät König Ernst der Dritte von Tillen
auf das Wohl des Schachklubs ›Springer‹«

Hieran schließen sich nun derart merkwürdige Begebenheiten, daß es angemessen erscheint, die Geschichte dieses Glases hier vorweg einzuschieben.

Es trug sich nämlich zu, daß der Diener, August Verlaß ist sein Name, wie alles, so auch die Weisung vergaß und das Glas mit den anderen Gläsern zum Aufwaschen gab. So seiner geschichtlichen Sendung entzogen, tauchte es unter im Schwarm ungeehrter Genossen. Doktor Erfasser stellte dafür sein eigenes Glas, das auf einem entlegenen Schachbrett unbeachtet stehengeblieben, unter den Glassturz. Man sieht also wieder einmal die Unsicherheit aller Dinge.

Ob übrigens besagter Gegenstand falscher Verehrung noch dort steht, ist fraglich. Möglich scheint, daß heute das Königsglas angesichts der achselträgerischen Nützlichkeitsgesinnung der meisten »Springer« als unzeitgemäß verschwunden ist. Vielleicht spiegelt dort gar ein Glas, aus dem irgendein Herr Schreyer oder Wühlheimer getrunken hat oder, wie die Geschichte des Königsglases lehrt, unzweifelhaft nicht getrunken haben wird.

Kehren wir lieber nach solchem Seitensprung zu Ernst dem Dritten zurück. Auf der Weiterfahrt erinnerte der Rauhreiter an sein Versprechen, dem jungen Könige die Wahrheit zu sagen. Dann klärte er ihn über das wahre Gesicht der »Springer« auf und daß sie weder im Vormerkkalender vorgesehen, noch ein Stiftungsfest gefeiert, sondern einfach Seine Majestät eingefangen hätten. Ernst der Dritte gab ruhig zurück:

»Sind die ›Springer‹ nicht genau so Landeskinder wie die ›Matt‹? Nur hat der Herr von Rochade mir Schach geboten, Herr Erfasser aber mich einen ›gerechten König‹ genannt. Das mag Schusterei sein, aber das andere war Dummheit. Gegen Schusterei kann man sich wehren, gegen Dummheit kämpfen Götter... Herr von Malthus, der heute früh immerfort Schiller zitierte, wird fortfahren...«

Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß der Rex von Ernst dem Zweiten schon einiges gelernt hatte, obwohl er früher nicht genügend auf ihn aufgepaßt.

Die Antwort des Rauhreiters, der alles dieses später erzählte, wird nicht überliefert. Als er aber die Schacherei wiedergab, suchte er möglichst bald zu dem daranschließenden Besuch in der neuen Königlichen Landesgebäranstalt zu kommen, denn dort wurde alles kurz erledigt.

Bei seinem Rundgange zeigte man dem Könige den Stolz von Ärzten wie Schwestern, nämlich einen Brutkasten, darin einem zu früh geborenen Knäblein zum Dauerleben verhelfen werden sollte. Ernst der Dritte besah das winzige Geschöpf, rot, mit verkrümmten Händchen, gleichsam altersvergrämten Zügen und sprach vor sich hin die rätselhaften Worte: »Der Rechenembryo!« Dann aber wandte er sich zum Rauhreiter:

»So warm hat es der arme Kronprinz nicht gehabt. Wenn ich denke, wie ich den letzten Abend bei ihm gefroren habe! Ich hätte gleich mit dem kleinen Wurm getauscht!«

Nun denke man sich Ernst den Dritten, wenn er auch heute ein ebenso rotes Gesicht hatte wie der Neugeborene, altersvergrämt und mit verkrümmten Händchen im Glaskasten!

Genug hiervon! Es müßte ermüden, dem Könige auf allen Dienstwegen dieses Nachmittags zu folgen. Hätte der Generaladjutant nicht gedrängt, Seine Majestät würde kaum rechtzeitig zur Hoftafel zurück gewesen sein. Und er durfte nicht warten lassen, galt es doch dem Abschiedsmahl für den bisherigen Ministerpräsidenten. Trotz dem Freiherrntitel und dem Brillantstern schien Seine Exzellenz – in der kurzen Zeit sichtlich gealtert – der Wiederbegegnung mit Sorge entgegenzusehen. Der König war aber nicht nur liebenswürdig, sondern großmütig dazu, denn er erwähnte das Bockbein mit keiner Silbe. Ja, es schien, als habe er den Regierungsrat, dem er doch am Morgen bei der Audienz noch gesagt, er solle sich bereithalten, völlig vergessen.

Die Tafel stand im großen Heinrichssaale gedeckt, und die Gelegenheit wurde wahrgenommen, gleich eine Anzahl von »Freunden« Seiner Majestät einzuladen, so den Leutnant der Reserve und Bergassessor Flöz, dazu einige zweite Dragoner, nämlich das Regiment: Oberst von Hengst mit seinem Adjutanten Oberleutnant Schufter, und die Schwadron: Rittmeister von dem Grimme wie den kleinen Immerfroh, endlich Assistenzarzt Doktor Medicus und den früheren Adjutanten des Kronprinzen, jetzt Major Hofgang, einen Flor am Unterarm: er hatte seine Mutter verloren. Der alte Oberhofmarschall, seit Jahren mit Exzellenz von Forsicht auf gespanntem Fuße, weil der Ministerpäsident den Rang über den Oberhofchargen beanspruchte, den ihm Exzellenz von Flimmer nicht zubilligen wollt«, hatte absichtlich jene an Rang Geringeren auf die Liste der Einzuladenden gesetzt, um der Abschiedstafel jede Bedeutung zu nehmen. Nur Sturz war anwesend. Daß die Herren vom Dienst, der Oberhofmarschall selbst, der diensttuende Kammerherr von Sämling-Grummet, kurz wie zweites Gras, dann der Generaladjutant, der im Dunkel bleibende Flügeladjutant von der Artillerie und der Leibarzt Generalarzt Doktor Vagus nicht fehlten, erschien selbstverständlich.

Und doch barg eben die gleichzeitige Anwesenheit der Doktoren Vagus und Medicus eine gewisse Gefahr. Es konnte dem Leibarzte unmöglich verborgen geblieben sein, daß an jener geheimnisvollen und verdächtigen Autofahrt nach Außensee statt des offenbar eigens von Gott eingesetzten Gefolges ein Außenstehender teilgenommen hatte, ein gänzlich unbekannter kleiner Assistenzarzt aus finsterster Provinz. Ein Mann, den, wie man mit gerechtem Staunen vernahm, Seine Majestät duzte! Wie kam der Rex dazu, einen völlig gleichgültigen Herrn Medicus zu duzen? Duzte überhaupt ein König einen Assistenzarzt?

Schon hatte Seine Majestät gegen seinen ehemaligen Ministerpräsidenten das Glas erhoben, wobei der alte Mann schwer aufzustehen versuchte, der König ihn aber dringend bat, sitzen zu bleiben, schon hatte Ernst der Dritte seinem neuen Ministerpräsidenten Sturz zugetrunken und Herrn Flöz (heute übrigens, dem Freilicht des Manövers entzogen, kein Naturbursche mehr, sondern ein leidlich witzloser Bergassessor vor einem Könige) über den Tisch herüber seinen Besuch des Erzlandes in Aussicht gestellt, eben hatte der junge Herrscher seinen alten Kameraden ein herzliches Wort gesagt, auch den gleichfalls befohlenen Illzenauer Freund, Amtsrichter Mückenstich (der das Mundtuch in den Kragen gesteckt, als ginge es zum Schlachtfest), an dessen berühmte Urteilsbegründungen in dubiis erinnert, ja schon neigte dieses Friedensmahl der Versöhnlichkeit gegen den Widersacher Forsicht dem Ende entgegen, und die Lakaien standen bereit, die Stühle der Aufstehenden zurückzuschieben, als plötzlich Ministerpräsident a.D. Freiherr von Forsicht ohnmächtig vom Stuhle sank.

Leibarzt Generalarzt Doktor Vagus bemerkte den Vorgang nicht sofort, auch saß er auf der anderen Tischseite, kurz, es ergab sich örtlich, menschlich wie ärztlich von selbst, daß Doktor Medicus zusprang. Ernst der Dritte nun half, seiner Gewohnheit folgend, immer selbst zuzugreifen, den alten Herrn ins Leben zurückzurufen, worauf sich der glücklich erwachte Minister auf Zureden seines besorgten Königs entschloß, nach Hause zu fahren.

Im Grunde kam der Vorfall Ernst dem Dritten insofern nicht ungelegen, als er die Handhabe wurde, die Gäste schneller zu verabschieden, hatte doch der Rex für heute abend dem Generalintendanten den Besuch von »Carmen« zugesagt, und längst war bereits der Theaterbeginn überschritten. Damit würde die Henkersmahlzeit einen versöhnlichen Abschluß gefunden haben, hätte nicht Leibarzt Doktor Vagus den Augenblick für passend erachtet, den jungen Kollegen zur Rede zu stellen, wie er dazu käme, ärztliche Hilfe zu leisten hier, wo nicht allein ein älterer, nein der Leibarzt Seiner Majestät anwesend sei. Doktor Medicus ward der Antwort durch den König selbst enthoben:

»Dann werden Sie wohl auch mir nicht erlauben, zuzugreifen?«

»Halten zu Gnaden, Euer Majestät, aber ich kann nicht zugeben, daß irgendein hergelaufener Herr, von dessen Befähigung...«

Der König unterbrach ihn:

»Dieser hergelaufene Herr ist mein Gast und mein Freund.«

Doktor Vagus erstarrte in Ehrerbietung und Demut, aber mit derart niederträchtigem Ausdruck, vielleicht verstärkt durch das hängende Augenlid, daß der König ihn ansah fast so verflucht lächelnd wie das Bockbein, das Seine Majestät augenscheinlich ganz vergessen hatte. Wandte nun Ernst der Dritte bewußt jenen Trick Ernsts des Zweiten an, Mißliebige zum Abschied zu bringen? Wir wissen es nicht. Feststeht nur, daß Doktor Vagus vor verbissener Wut, gleichsam in Selbstvergiftung, alles Maß verlor und zum Entsetzen jener, die dabeistanden, rief:

»Ja, lachen Sie nur, Majestät! Es ist trotzdem ein Eingriff in meine Rechte; und wenn irgendein junger Assistenzarzt, der kaum sein Physikum gemacht hat, mir vorgezogen wird, so muß ich Euer Majestät eben alleruntertänigst um meinen Abschied bitten.«

Ernst der Dritte antwortete, und alle Gerechten mußten seine Mäßigung ebenso bewundern wie das, was er im Königsdienste schon gelernt hatte:

»Ich kann dem dringenden Wunsche eines so lange und treu bewährten Dieners meines Hauses unmöglich entgegenstehen.«

Damit verabschiedete sich der König von seinen Gästen, die er zwar verdutzt, jedoch bei Schnaps und Kaffee zurückließ.

Als alles sich empfohlen hatte, soll der Oberhofmarschall von Flimmer zum Leibarzt Generalarzt Doktor Vagus gesagt haben, wie Demuth I gehört haben will und es an seinen Sohn Demuth II weitergegeben hat, der es in der Hofküche erzählte, wo es die Hofscheuerfrau Forscher-Trieb der Hofscheuerfrau Tratsch (bei der Prinzessin Aurora) mitteilte, wodurch es das Mirabellchen erfuhr, von der es an den Kabinettsekretär Geheimrat Doktor Kleber... Hier ging die Spur verloren. Es ist auch genug!

Der alte Flimmer also soll dem Leibarzt gesagt haben, der, nun sein Zorn verraucht, voller Grauen an die Heimkehr zu seiner ehrgeizigen Gattin gedacht haben mag:

»Herr Generalarzt, ich habe die Haltung des Königs bewundert.«

Und der Leibarzt – so will es die Hofgeschichte – hätte verzweifelt erwidert:

»Aber Seine Majestät lächelte, er lächelte immerfort!« Das bedeutsame Wort des alten Hof- und Menschenkenners Flimmer wird überliefert: »Glücklich ein König, der noch lächeln kann!«

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