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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Und Lore-Lene?

Es konnte ja nicht anders sein, als daß der Klatsch sich der Person Ernsts des Dritten bemächtigte. Oder mußte es etwa nicht auffallen – von des Königs morgenspäter Wiederkehr im Aufzuge eines bei einer Streife Aufgegriffenen gar nicht zu reden – also mußte es nicht auffallen, wie Seine Majestät bei Übernahme seines Dienstes aussah?

Jeden Donnerstag, so auch heute, erfüllte die bekannte Judenschule mit ihrem Lärm den Empfangssaal, bis der Oberstabelmeister Freiherr von Quatsch den Stab aufstieß, und Ernst der Dritte im Dragonerüberrock eintrat. Seine Hände zeigten jene selbst durch sorgsamstes Waschen nicht sogleich zu beseitigenden Spuren, die Monteurarbeit nun einmal hinterläßt. Fiel auch dieses nicht so sehr in die Augen, da alle Aufmerksamkeit der Gesamterscheinung galt, so um so mehr das Rot der Wangen. Der Vergleich mit einem gesottenen Krebs kann nur treffend, keinesfalls aber unehrerbietig genannt werden. Trotzdem zeigte das Gesicht Seiner Majestät jenen übernächtigen Ausdruck, den man bei minder Hochgestellten gemeinhin als Kater zu bezeichnen pflegt.

Somit darf wohl behauptet werden: Unter den Versammelten griff ein inneres Staunen Platz, ohne daß bei schuldiger Ehrfurcht viel davon sich hätte offenbaren dürfen. Gewiß mochte es auch solche geben, die nichts gewahrten, denn Ernst der Dritte, nicht umsonst alter Soldat, riß sich zusammen. Wie üblich am rechten Flügel beginnend, trat er an jeden einzelnen heran, um jene Meldung in Empfang zu nehmen, die das Erscheinen des Betreffenden rechtfertigte. Da war Forstmeister Kahlschlag zum Oberforstmeister ernannt, da bedankte sich Postrat Stempel für das Ritterkreuz zweiter Klasse des Sigismund-Ordens. Jedem pflegte Ernst der Dritte ein paar Worte mit auf den Weg zu geben, und jeder staunte gewöhnlich, wie der junge König sich unterrichtet zeigte.

In Wirklichkeit jedoch wurde Seiner Majestät vorher eine Liste der zu Empfangenden vorgelegt mit Stichworten über ihre Leistungen, Beziehungen und Familienverhältnisse. Auf solchem das Gespräch aufbauend, erweckte der König notwendig den Eindruck des Allwissenden, und manch einfache Seele fühlte sich geschmeichelt, indem aus den Worten des Allerhöchsten Herrn die Bedeutung hervorging, die der Träger der Krone ihr offensichtlich beimaß. Mußte es nicht in der Tat verblüffen, wenn Ernst der Dritte Herrn Innungsmeister Hofschreiner Nut fragte, ob seine Tochter Emma nicht mit dem Kunsttischler Fal, in Radegund verheiratet sei? Wirkte es nicht gar förmlich erschreckend, wenn Seine Majestät weiter fragte:

»Ist nicht Ihr Schwiegersohn der Erfinder der Holzpaste ›Na endlich‹?« Und es war doch nichts als eine jener vielen Künste, die zum Regieren nun einmal gehören. Ernst der Dritte hatte trotzdem öfters seine Umgebung in Verlegenheit gesetzt, indem er bei seinen Fragen eigene Wege ging. Der Nachteil war, abgesehen vom Verstoß wider alles Hergebrachte, daß, wenn der König einmal mit irgendeinem sich festgebissen, die sorgfältig abgewogene Zeit des Vormerkkalenders überschritten wurde, und somit die ganze Tagesordnung ins Wanken geriet. Eine nicht geringe Zahl von Menschen mußte dann warten, wurde ihrem Pflichtenkreise entzogen, und der junge König kam dadurch in den Ruf der Unpünktlichkeit, ja bald der Unzuverlässigkeit überhaupt. Und noch eines: Ernst der Dritte pflegte in der Güte seines mitfühlenden Herzens den Leuten zuviel zu versprechen. Die Menschen aber nahmen, genau wie die Zweiten Dragoner, Königswort für Königswort, so daß bei nicht wenigen, deren unbillige Wünsche nicht in Erfüllung gegangen, der junge Herrscher dann als wortbrüchig galt.

Es begab sich nun aber, daß in der Reihe der sich Meldenden auch ein kleiner dicker Herr stand mit einem freundlichen Lächeln, das jeden, der ihn sah, zwangsweise gleichfalls zum Lächeln nötigte. Als nun Ernst der Dritte zu ihm trat, lächelte er den König so heiter an, daß auch das Gesicht Seiner Majestät aus grauer Katerstimmung leise sich zu verklären begann. Besagter gemütliche Herr aber sprach entgegen jedem Hofbrauche also:

»Euer Majestät, meine Name ist nämlich Bockbein.«

Hatte nun Ernst der Dritte heute früh, wo die Geschäfte sich besonders gedrängt, um den gestrigen Allerhöchsteigenen Urlaub einzuholen, die Liste nicht gelesen? Kurz, Seine Majestät war dermaßen verdutzt, daß »Hocher« fast hintenüberkippte; endlich hatte er das Bockbein, und zwar lebendig. Nun entspann sich folgendes, durchaus beglaubigtes Gespräch:

»Warum sind Sie denn, als Sie zum Vortrag befohlen waren, nicht gekommen?«

»Ich bin nicht befohlen worden, Euer Majestät!«

Hier entschlüpfte Ernst dem Dritten eine der zu jener Zeit umgehenden Redensarten, die, aus dem Volksdunkel steigend, eine gewisse Zeit in aller Munde sind, um, wenn sie sich endlich totgelaufen haben, anderen Platz zu machen. Seine Majestät sagte nämlich:

»Na, da hört aber doch der Gurkenhandel auf!«

Sagte das, obwohl auch Prinz Arbo, selbst in seinen bedrängtesten Tagen, gewiß nicht daran gedacht haben konnte, durch Verkauf von Gurken seine Lage zu verbessern. Es stellte sich nun heraus, daß Regierungsrat Bockbein vom Ministerpräsidenten tatsächlich nie den Befehl zum Vortrage bei Seiner Majestät erhalten hatte. Wohl aber war ihm ein Urlaub angeboten worden, den er, jeglicher Überanstrengung im Dienste grundsätzlich abhold, natürlich angenommen hatte. Er war aber nicht, wie der Minister gewollt, weit fort nach der wirklichen Schweiz gegangen. Konnte Seine Exzellenz nicht ebensogut die falsche, die Tillen benachbarte Sächsische Schweiz gemeint haben? Wie der Herr Regierungsrat dieses ohne Rücksicht auf dritte Ohren erklärte, zeigte sich auf seinem runden Gesicht ein ganz verfluchtes Lächeln. Als nun aber das Bockbein gestand, auch in die Sächsische Schweiz nicht gegangen zu sein, da sein Tillener Herz allein für die Munde schlage, war es um Ernst den Dritten geschehen. Er biß sich in jener üblichen Weise fest, die den Vormerkkalender umwarf. Zwar sah Puppchen, von seiner Niederlage am Tillchen glücklich genesen, sehr auffällig nach der Uhr, doch Ernst der Dritte, leicht empfindlich, wie bekannt, wenn er meinte, er solle beeinflußt werden, zog seinerseits ein leidlich abscheuliches Nickelgehäuse und sagte zum Flügeladjutanten:

»Es ist elf Uhr achtundvierzig!«

»Halten zu Gnaden, Euer Majestät, schon elf Uhr neunundvierzig!«

»Dann stellen Sie Ihre Uhr eine Minute zurück. Meine geht richtig. Ich habe sie gestern noch in Außensee beim Uhrmacher Steigrad verglichen!«

Und mit einem Schlage wußte man am Hofe, was auch der verschwiegene Leibschofför Panne niemandem verraten, wo Seine Majestät gestern gewesen war. Nun einmal das Wort Außensee gefallen, fand es sich, daß dieser Bock sein Bein auf keine Spitze je gesetzt hatte, aber Vorsitzender war der Sektion Tillenau des Mundevereines.

Inzwischen geriet die fast militärisch ausgerichtete Reihe der Versammelten, indem die Flügel neugierig nach der Mitte drängten, völlig aus der Ordnung, obwohl der über solche Würdelosigkeit verzweifelte Oberstabelmeister seinen Stab hob, beinahe, als wollte er die Herren auf die Finger klopfen.

Es muß aber, nicht eben zur Ehre der »Gebildeten«, gesagt werden, daß dieses nur von seiten des Bürgertums geschah, während zwei der sich Meldenden, die in einfachen, jedoch sauberen Anzügen untenan standen, als alte Soldaten auf ihrem Platze streng sich zurückhielten.

Ernst der Dritte fragte das Bockbein, wie es käme, daß er nun doch sich gemeldet, und es stellte sich heraus: sein Erscheinen war bereits der jungen Tatkraft des neuen Ministerpräsidenten von Sturzacker zu verdanken. Nun wurde dem Regierungsrat bedeutet, für später sich zur Verfügung zu halten, denn die Verordnungsangelegenheit konnte unmöglich hier besprochen werden.

Somit schritt Seine Majestät die Reihe, die sich fluchtartig zur Linie zurückgebildet, hinab. Da hatte der alte Seminardirektor Silbenstecher mit grauem Star und Ruhestand den Titel Schulrat erhalten; da war der Direktor des Tillenauer Allgemeinen Krankenhauses, Hofrat Professor Doktor Siebbein, Geheimer Hofrat geworden; da durfte Profesfor Doktor Koma »das« Werk (so nannte er es bescheiden selbst) über die Geschichte der cholera asiatica überreichen; da bedankte sich der sommersprossige, zwei Meter hohe Domänenpächter Hackfrucht für den Titel Ökonomierat; endlich meldete sich der Königliche Reserve-Landgestütshilfsoberfuttermeister Deckhilf als wirklicher Landgestütshilfsoberfuttermeister.

Ernst der Dritte, der doch gegen alles, was den Bakel schwang, immer eine tiefe Abneigung besessen, wußte angelegentlich nach den Aussichten der Herren Lehrer zu forschen. Ernst der Dritte, aus der Studentenzeit abgesagter Feind der Hörsäle, stellte Professor Doktor Koma seinen Besuch zur Choleravorlesung in Aussicht. Ernst der Dritte wurde von Geheimrat Professor Doktor Siebbein alleruntertänigst eingeladen, einer Gewebsverpflanzung oder auch der Operation eines Speiseröhrenkrebses beizuwohnen. Ernst der Dritte sollte der segensreichen Tätigkeit des neu angekauften Deckhengstes Fix vom Leibjäger aus der Hofdame Seine Allerhöchste Teilnahme schenken. Er versprach es so lebhaft, daß dem Flügeladjutanten Puppchen, der die Zusagen Seiner Majestät zu buchen hatte, vor Eifer der Bleistift jäh abbrach. Die mit »Ping« abspringende Spitze schoß nun dem Seniorchef des Importhauses Rohstoff & Tratte, Herrn Kommerzienrat Adalbert Rohstoff, wahrscheinlich ins Auge, wenigstens schrie besagter Rohstoff laut auf.

Da alles in schuldiger Erstarrung verharrte, sprang Ernst der Dritte, der manchen gestürzten Dragoner aufgerichtet, selbst zu. Er forderte Professor Doktor Koma auf, das Auge zu untersuchen, doch der berühmte Historiker der Medizin (der übrigens auch das aufsehenerregende Werk verfaßt »Über die Verbreitung des chronischen Nasenkatarrhs im Reiche der Merowinger«), aller praktischen Tätigkeit längst entrückt, rief tödlich erschrocken den Kollegen Geheimrat Professor Doktor Siebbein mit den Worten herbei:

»Um Gottes willen, ein Fachmann!«

Kommerzienrat Adalbert Rohstoff aber stöhnte so fürchterlich, daß Ernst der Dritte, der dessen Augenlid mit zwei Fingern aufspreizte, empört rief:

»Stellen Sie sich doch nicht so an!«

»Aber es tut so furchtbar weh, Majestät!«

Da sagte Ernst der Dritte, als spräche Kotz von Gerben, der ihm vor zwanzig Minuten noch Vortrag gehalten:

»Ich habe mal bei einem Ritt das Schlüsselbein gebrochen und mußte zwei Stunden damit nach Haus reiten, aber gebrüllt habe ich nicht. Kotz Schwerebrett noch mal!«

Etliche aber schüttelten mißbilligend das Haupt: Es war klar, der junge König hatte kein Herz.

Inzwischen gelang es dem Chirurgen, an die schwersten Eingriffe gewöhnt, mit Hilfe des Schnupftuches des Herrn Kommerzienrates, den Fremdkörper zu entfernen. Übrigens trug der Taschentuchzipfel, der den Rohstoff gerettet, ein A.R., aber mit dick gestickter Krone, eine Entdeckung, die um so befremdender anmuten mußte, als der Herr Kommerzienrat erster Vorsitzender war des »Freisinnigen Vereines echt bürgerlicher Männer«. Ernst der Dritte überließ den langsam Genesenden seinen abklingenden Schmerzen und trat zu jenen beiden unscheinbaren, allein in der Reihe Gebliebenen. Maurerpolier Putz, der beim Museumsneubau gewirkt, bedankte sich für das bronzene Ehrenzeichen mit der Inschrift »Segen der Arbeit«. Dabei verwirrte er sich, begann zu stottern, ja verstrickte sich in ausgesprochenen Widersinn. Die in der Nähe Stehenden schmunzelten, sogar der von den Toten erstandene, nun wieder greifbare Rohstoff konnte lächeln. Der Oberstabelmeister versuchte gar einzuhelfen, und Puppchen machte ein Gesicht, als meinte er: Nun ist es aber schon zwölf oder, wie Seine Majestät befiehlt, elf Uhr neunundfünfzig Außenseer Zeit.

Dieses alles mochte der König fühlen, und jene Quersumme in ihm von Herzensgüte, Widerspruchsgeist, Wohlgefallen an einfachen Leuten aus dem Volk ließ ihn sich berichten über Arbeitsverhältnisse, Familienstand, ja sogar Lebensgewohnheiten. Der Polier Putz, der Dankesredensarten nicht zustande gebracht, enthüllte mit einem Male auf dem sicheren Boden seines Faches die gleiche Wortgewandtheit, wie wenn er in der Gewerkschaft Reden schwang.

Aus dem Baßsolo (Ernst des Dritten Stimme klang osterburgisch tief) mit Männerchor des Empfanges wurde ein Duett zwischen profundem Baß und Baßbariton, freilich in der Klangfarbe wenig zusammenstimmend, aus der Oper ›Der geputzte König‹.

So sagte nämlich der Generalintendant der Königlichen Schauspiele, Kammerherr Freiherr von Malthus, der hiermit zum ersten Male auftritt. Er hielt sich im Hintergrunde, gleich einem Solosänger noch unter den Chor gemischt, aber doch schon durch stärkeres Mienenspiel, gepflegtere Erscheinung dem kundigen Auge betont, bis er plötzlich aus der Masse hervorbrechen wird, die große Arie hinzulegen. Von ihm auch stammte jenes Wort (es hat bei den geschäftig untätigen Hofleuten, immer dankbar für einen Scherz in ihre Öde geworfen, schnell die Runde gemacht), die Ernennung des Gewerkschaftsredners Putz zum Oberhofleibpolier mit dem Range in der ersten Klasse der Hofrangordnung stände unmittelbar bevor.

Solchen Gerüchten ließ sich die Wahrscheinlichkeit um so weniger absprechen, als Ernst der Dritte, nun zum Letzten in der Reihe sich wendend, dem Polier die Hand gab. Jener, der noch nie eine Königshand in der seinen gehabt, ließ sie gar nicht wieder los. Ein durch Dauer wie Fraglichkeit einer jemaligen Beendigung äußerst spannender Auftritt.

Der Oberstabelmeister hat später entdeckt, es käme eben davon, daß der Rex zuviel die Hand reiche, was Ernst der Zweite nur in besonderen Fällen getan. Im Leben eines Offiziers beispielsweise nur am Tage der Ernennung, wie an jenem der Verabschiedung. Entgegengesetzter Ansicht muß freilich der Polier gewesen sein. Frau Putz hat ihn draußen vorm Schloß erwartet, und er hat ihr erzählt, wie sie allerorten zu verbreiten für gut befunden:

»Mutta, 's hat lange chedauert, aba da Kenich ließ meine Hand nu mal char nich wieda los. Der is char nich so uneben. Und was er alles weeß! Hat er nich chefragt, wie's dir cheht, Mutta, und Maus und unsa Ernst? Und vom Museum hat er cheredet, und daß mir heitzudage zuviel Stuck machen, hat er chesagt. Und die Rabitzbögen hat er ooch jleich wech chehabt. Er meent, man soll keenen Schwindel nich machen. In sein Zimmer, hat er chesagt, jiebt's ooch keenen Rabitz nich! Ich soll 'n nur mal besuchen, hat er chesacht. Aba, Mutta, das kann ich doch nich! Von wechen die Partei! Wie is das nu? Und was chanz Verricktes hat er chesagt. Ich soll mei Ehrenzeichen nich putzen. Na, da muß ich nu sachen, ee Kenich versteht nu mal nischt von die Arbeet, denn Metall wird cheputzt! Schluß! Aber sonst is er char nich obenaus. Unsa Ernst is ooch nich anders, nur wees er nich allens wie der Kenich.«

Dieses ein Zwischenspiel.

Kehren wir also zurück zum Letzten in der Reihe, dem Maschinenschlosser (im Frühjahr Gefreiter bei der Ehrenkompagnie des Leibregiments) Schraube aus Stangenberg. Ehe noch jener gemeldet, deutet der König auf des Mannes Knopfloch, in dem die Goldene Lebensrettungsmedaille prangt, und Ernst der Dritte sagt wieder einmal eines seiner verwirrenden Worte:

»Das ist die einzige anständige Auszeichnung!«

Schraube, der klassenbewußt finster gekommen, lacht über das ganze Gesicht. Er muß erzählen und tut es nicht ungern, wie er die Medaille erhalten. Nicht eine wasserscheue Jungfrau hat er aus dem See geholt, sondern einen Genossen, vom Treibriemen erfaßt und schon einmal herumgeschleudert, hat er, von dem Getriebe sofort auch gepackt, unter Verlust einiger Finger, in Sicherheit gebracht. Gewehrgriffe kann er nun nicht mehr »kloppen«, sagt er. Wie da der König nach der verletzten Hand greift, meint Maschinenschlosser Schraube:

»Sie wern sich schmutzig machen, Machestät! Der Maschinendreck jeht nu mal nie janz 'runter.«

»Eine Hand, die arbeitet, ist immer sauber. Nur faule Hände sind schmutzig!«

Und Ernst der Dritte zeigt seine eigene Hand mit den rissigen Spuren von der vergeblichen Monteurarbeit dieser Nacht.

Es kann nicht wundernehmen, daß der Vormerkkalender heute wieder einmal völlig in Unordnung geraten war; das um so mehr, als nach beendigtem allgemeinen Empfang noch eine Reihe von Vorträgen stattfinden sollte, die immer die Gefahr boten, es möchten »die Tempi verschleppt« werden, wie Generalintendant Freiherr von Malthus sagte. Er kam nämlich zuerst in Frage, weil er behauptete, es handle sich um nichts weniger als einfach die Zukunft der Hofoper. Und nun wird auch sein Auftreten unter dem Empfangschore erklärlich.

Den Generalintendanten kannte übrigens der Rex kaum, da er wegen der Hoftrauer das Theater noch nicht besucht. Von seinem Äußeren ist leider allzu Günstiges nicht zu berichten. Wer hätte seinen Brustrückenbuckel leugnen mögen? Doch konnte man sich mit diesem, hatte man sich nun einmal hineingesehen (wie Raffael Kreis von seinen Bildern zu sagen pflegte), um so leichter abfinden, als der Kammerherr durch witzig anregendes Wesen bald gefangennahm.

Nur hierdurch ist seine unbestreitbare Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht zu erklären. Wie weit sie gereicht, mag ununtersucht bleiben. Es würde auch schwierig sein, ein Ergebnis zu zeitigen, besaß er doch jene wichtigste Erfolgsgewährnis aller der Liebe dienenden Männer: er war verschwiegen. Ob hierzu noch jener Vorteil trat, im Familiennamen des Herrn Generalintendanten scheu beschlossen, mag durchaus den Damen überlassen bleiben. Muß man alles wissen?

Feststeht, daß er das ihm unterstellte Institut nicht selten seinen »Harem« genannt hat. Ihm aber daraus einen Strick zu drehen, würde schon deshalb nicht angehen, weil er, alles ins Scherzhafte wendend, immer die Ausrede gehabt haben würde, es sei ja nur Spaß gewesen. Nannte er sich nicht ein andermal wieder spöttisch den Obereunuchen der Königlichen Schauspiele? Rechnet man nun noch den Klatsch hinzu, der besonders beim Theater wuchert, so bleibt es durchaus dunkel, was böswilliger, ja auch nur spielerischer Erfindung entsprungen war, oder was der Wirklichkeit standhielt.

Gewiß ist: Trotz aller Redereien, zu denen er manchen Stein des Anstoßes selbst herbeigetragen, hat kein Mensch mit Belegen aufwarten können. Auch schien der Freiherr unempfänglich gegen Racheakte, nicht selten beim Theater, wo feingebildete Menschen arbeiten müssen neben unerzogenen, die nichts für sich anführen können, als daß der Herrgott ihre Stimmbänder auf besonders glückliche Weise gespannt hat. So ist eine andere Erklärung nicht völlig von der Hand zu weisen: Der Generalintendant stünde jenseits des Weibes und rede nur so, sei es, um seine Schwäche zu verdecken, sei es, sich selbst oder doch den Hof zum besten zu halten. Beides ist möglich, denn einmal war der Freiherr von Malthus den übrigen Schranzen keineswegs gewogen, und dann wird es nicht viel Menschen in Tillen gegeben haben, die ulkiger Verstellung so geneigt waren, wie eben dieser Leiter eines Theaters, an dem doch schon berufsmäßig alles Komödie ist. Dabei konnte man ihn keineswegs einen oberflächlichen Witzbold nennen; viel eher war sein seltsames Wesen dadurch zu erklären, daß es gewissermaßen nur eine Waffe bedeutete bei seiner Mißgestalt.

An einem ist nicht zu rütteln: Wie oft körperliches Mißgeschick, wenn die Menschen uns lassen, nach oben führt, zeigte sich der Freiherr Dichtung und Musik tief ergeben und dem Theater eng verknüpft.

Erst vor ein paar Jahren war er von Ernst dem Zweiten, der weder Teilnahme noch Zeit für das Theater aufbringen konnte, an die Spitze des Kunstinstituts gestellt worden, weil ihm des Verwachsenen geschliffener Geist gefallen.

Nun hatte es sich erwiesen, daß in der Tat Ernsts des Dritten Allerhöchstselbst ausgesuchte Gemächer für den königlichen Dienstbetrieb zu hoch und abseits, kurz unglücklich gelegen waren, worüber sich im Grunde der alte Oberhofmarschall von Flimmer, der das ja vorausgesehen, freute. Zu Audienzen wurde daher der »Grüne Saal« verwendet, der den kleinen Scherz in sich barg, weder grün, noch ein Saal zu sein. Nicht mehr als ein ansehnliches Zimmer und vor einem halben Jahrhundert vielleicht einmal grün, war er heute mit einer chinesischen Goldtapete bespannt, Geschenk des Vizekönigs Schi-Eng-Feng, bei dem Ernst der Zweite einmal als Prinz gelegentlich seiner Weltreise geweilt.

Dort fanden die Einzelaudienzen statt, und zwar in höchst witziger Weife. Die ganze Einrichtung bestand lediglich (abgesehen von chinesischen Vasen an der Wand) aus einem Tisch und zwei Stühlen, von denen der eine sich durch reichere Schnitzarbeit und Vergoldung als jener Seiner Majestät auswies. Nebenan lag ein sechsfenstriger Riesenraum, zum Unterschied vom »Grünen Saal« (der nicht grün war und kein Saal) das »Vasenzimmer« geheißen, offenbar weil die »Vasen« im »Grünen Saal« standen, der kein Saal und nicht grün war und nicht im »Vasenzimmer«, das kein Zimmer war und keine Vasen enthielt.

Der Witz bestand nun darin, daß Seine Majestät im »Vasenzimmer« wartete, bis der zu Empfangende in den »Grünen Saal« trat, denn die Einbildung mußte aufrechterhalten werden, daß nicht der König warte, sondern der Befohlene. Dabei wartete Seine Majestät aber doch! War nun also der Befohlene erschienen, so meldete ihn der Flügeladjutant vom Dienst dem im »Vasenzimmer« auf dem Sprunge stehenden König. Der trat dann ein und nahm Stellung an jenem durch reichere Schnitzarbeit und Vergoldung ausgezeichneten Sessel. Schien die Angelegenheit in die Länge sich zu ziehen, so sollte der König sich setzen und »gnädig« (in der Ausarbeitung des Oberstabelmeisters über diesen Fall stand »gnädig«) den Befohlenen auffordern, gleichfalls Platz zu nehmen. War die Audienz beendet, so würde Seine Majestät dessen zum Zeichen sich erheben und Allerhöchstsich in das »Vasenzimmer« zurückbegeben, um zu warten (obwohl der König nie wartete), bis sich im »Grünen Saal«, der kein Saal war und nicht grün, ein neuer Befohlener eingefunden hätte. Dann würde Seine Majestät aus dem »Vasenzimmer«, das kein Zimmer war und keine Vasen enthielt... Man sieht, es war eine ganz verworrene Geschichte.

Als nun Puppchen gemeldet, Generalintendant Kammerherr Freiherr von Malthus warte, trat der gleichfalls wartende Ernst der Dritte ein und sah seine gute schlanke Reitergestalt einem gedrungenen Herrn gegenüber, der sich verneigte, daß der blonde Spitzbart den Brustbuckel berührte. Ernst der Dritte fragte, was so besonders Wichtiges vorliege? Da ward das kluge, etwas scharf geschnittene Gesicht finster: Dem Hoftheater, dem altberühmten Hoftheater drohte vernichtende Gefahr: Hofkapellmeister Wilhelm Marder (vulgo Israel Teitelbaum), dazu der unvergleichliche »Wagner-Interpret« Kammersänger Rosenmund, endlich Trachea Pastos (eigentlich Mirjam Bärmaul), die einzige nicht langweilige Fricka der deutschen Bühne, tändelten mit dem Gedanken, nach Amerika zu gehen. Der Generalintendant meinte, angesichts solch drohenden Verlustes müsse Seine Majestät vernichtet zusammenknicken. Ernst der Dritte aber, an den berühmten reicher geschnitzten und vergoldeten Sessel gelehnt, antwortete ruhig:

»Behalten Sie denn da überhaupt noch was, wenn die alle gehen?«

Der Freiherr von Malthus richtete sich auf, daß der Brustbuckel wie ein jungfräulicher Busen unter dem Vorhemd sich wölbte:

»Majestät, es sind die Rosinen aus dem Hoftheaterstollen!«

Das machte offenbar zu wenig Eindruck, darum verstärkte der Generalintendant das Bild:

»Majestät, es ist wie ein Staat ohne Minister.«

Ernst der Dritte traf Anstalt, gemütlich Platz zu nehmen, forderte jedoch den Herrn Generalintendanten nicht vorschriftsmäßig »gnädig« auf, seinem Beispiel zu folgen, sondern setzte sich artig erst, als auch der Freiherr sich dazu anschickte. Dabei sagte der König lächelnd:

»Meinen Sie, das wäre ein so großes Unglück?«

»Majestät, es käme auf die Minister an!«

»Die es dann nicht gäbe...«

»Majestät, man beurteilt den Besuch immer erst, wenn er gegangen ist!«

Der König rückte angeregt dem im Sessel Versunkenen näher:

»Nun, was würden Sie wohl über mich sagen, wenn ich gegangen bin?«

Der Kammerherr verneigte sich etwa wie vor Philipp dem Zweiten, den langen Arm seitwärts gespreizt, das rechte Knie unter den Stuhl gebogen, verneigte sich so tief, daß über dem Kopf der Rückenbuckel sichtbar ward:

»Don Carlos 3, 10: Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!« Ernst der Dritte durch die Art seines Generalintendanten innerlich gesteigert, versuchte auf den Ton einzugehen:

»Mein lieber Marquis, also die Wahrheit!«

»Ev. Joh. 18, 38: Was ist Wahrheit?«

»Pilatus ist mir aus der biblischen Geschichte bekannt!«

Doch der Generalintendant ließ plötzlich das Neue Testament fallen und kehrte reumütig ins Alte zurück:

»Wenn Eure Majestät sich hinausbegeben haben und wider Erwarten das Hoftheater in den Abgrund stürzen lassen sollten, so würde ich sagen: Monolog Johannas: ›Trachea geht und nimmer...‹ Sollte aber der Dreiklang Marder-Rosenmund-Pastos im Tempel, genannt Hoftheater, weiterklingen können, so würde ich rufen: Wallensteins Lager, Prolog: ›Ernst (der Dritte) ist das Leben... heiter ist die Kunst.‹«

Doch der König erklärte, über den etwaigen Verlust der drei nicht grade weinen zu können, da er sie gar nicht kenne. Der Generalintendant bat Seine Majestät, sie doch allergnädigst anhören zu wollen. Die Hoftrauer wurde dagegen geltend gemacht. Aber Freiherr von Malthus wußte die verschwiegenen Vorteile der dunklen Loge, dicht an der Bühne, trotz ihrer Finsternis in das rechte Licht zu rücken, und der König, schon halb gewonnen, sah er sich doch dadurch seiner abendlichen Einsamkeit einmal entzogen, fragte nach dem Mittel, die über das Wasser Schielenden zu halten. Der Generalintendant lächelte:

»Faust: Abend: ›Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.‹«

»Dann zahlen Sie doch mehr.«

»Euer Majestät müssen zahlen.«

»Ich? Ich habe doch kein Geld!«

»Aber Exzellenz von Böswetter!«

Da brauste der König auf:

»Hören Sie mal, von dem kriegen Sie nichts, der ist zu knotig!«

Und es war, als ob zwei Auguren sich gefunden hätten, um den Knoten zu durchhauen. Auch versprach Seine Majestät sofort, heute abend »Carmen« zu besuchen, wo der Dreiklang tönte.

Statt nun vorschriftsmäßig sich zurückzuziehen, begleitete der König den Generalintendanten artig bis zur Tür, so daß Puppchen, der draußen stand, erschrocken zurückfuhr und sich den Kopf hielt. Damit erscheint die Vermutung nicht allzu gewagt, er habe gehorcht, wenn auch gewiß nur, um den rechtzeitigen Aufbruch nicht zu verpassen. Der Generalintendant aber spielte auf jenen, beim Theater Nullgasse genannten, der Rampe zunächst liegenden Raum an, indem er Puppchen mit einer Anrede beglückte, die jenem wohl tat, ohne den Freiherrn etwas zu kosten:

»Herr von Pupp, Seine Majestät wird heute in der dunklen Loge, an jener Gasse, über die schon so viel Nullen geschritten sind, Fräulein Trachea Pastos begutachten.«

Der Flügeladjutant, bei Frauen immer des Ärgsten gewärtig, flüsterte, wie denn am Hofe alles flüsterte, vielleicht weil man die haarsträubendsten Dinge sich mitzuteilen pflegte:

»Und Lore-Lene?«

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