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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Denkwürdige Fahrt zur Schloßinsel

Gewagt würde es sein zu behaupten, Ernst der Dritte hätte den Leibarzt Generalarzt Doktor Vagus besonders geschätzt. In des Königs zarter Seele klang jene Meldung über den Sektionsbefund Ernsts des Zweiten nach. Daß einer, ein Leben lang seinem Herrn nahe, ihn dann voll wissenschaftlicher Neugier sachlich zerlegt wie einen Kapaun, hatte in dem weniger sachlichen jungen König gegen den Mann mit dem hängenden Augenlid einen tiefen Widerwillen erweckt. Eingestanden muß auch werden, wie in Ernst dem Dritten jenes Fürstenblut sich regte, das Ernst den Zweiten einst hatte äußern lassen, man sähe auch gern mal neue Gesichter. Nur mag hier mildernd angemerkt sein: Dem Gefühl der Vereinsamung hat der junge Herrscher oft rätselhaft dunkel Ausdruck verliehen. Träume nun, im Munde eines Rittmeisters mögen Träume bleiben, im Munde eines Königs dagegen werden sie unversehens zur Versprechung.

Als daher nach der Kritik Ernst der Dritte vor den Illzenauern erklärte, er sei nur glücklich unter den alten Regimentskameraden, mußte der Gedanke sie anwehen, der König würde die Zweiten Dragoner heranziehen. Dieses schien um so mehr berechtigt, als er unvermutet den Assistenzarzt Doktor Medicus fragte, ob er nicht Leibarzt werden wolle. Jener bat jedoch, davon abzusehen, er sei dafür noch zu jung. Da ersuchte ihn Ernst der Dritte, wenigstens zu kommen, falls er einmal seiner bedürfe. Nun herrschte aber in Tillen unter den Ärzten ein beschämender Brotneid. Unmöglich konnte ein Fremder Seine Majestät behandeln, und wenn schon, so nur vom Leibarzte vorgeschlagen, etwa eine Leuchte der berühmten Tillenauer Universität. Dieses betonte Doktor Medicus.

Ernst der Dritte wollte nun wenigstens das Regiment besuchen, doch da die Entlassung der alten Leute bevorstand, auch eine Anzahl Offiziere auf Herbsturlaub ging, wäre der Augenblick denkbarst ungünstig gewesen. So sah der König abermals seine Wünsche vereitelt.

Nach Tillenau zurückgekehrt, fand er auf dem Schreibtisch jene Verordnung wieder, die er nicht verstand, und beim Vortrage des Ministerpräsidenten fragte er den alten Mann mit dem Greisenbogen, vielleicht etwas spitz (so wenigstens hat es Seine Exzellenz dargestellt), ob der überfällige Herr Regierungsrat nun endlich gesund geworden sei? Doktor von Forsicht wollte sich zuerst jener Verordnung gar nicht erinnern, dann (wir haben Seine Majestät als Zeugen) erklärte er gereizt, jener strittige Regierungsrat sei auf Urlaub gegangen.

Wer hätte sich da des Gedankens entschlagen können, Seine Exzellenz triebe »passive Resistenz«, wie man im alten Reich, Fremdwörtern zugetan, solches Wesen gern nannte? In der Tat konnte Doktor von Forsicht, sonst in der Kammer umfallend bei jedem roten Luftzuge, bisweilen von kindisch-eigensinnigem Wesen sein, durch Altersschwund der Gewebe oder Aderverkalkung leicht erklärt. Es schien also Ernst dem Dritten nicht möglich, seinen Willen durchzusetzen, und gewiß war es nur richtig, wenn der junge König hier gleichsam eine Kraftprobe sah. Er befahl daher, daß der Regierungsrat von seiner Beurlaubung drahtlich zurückgerufen werde. Der Minister erklärte das für ausgeschlossen, da der Beurlaubte in der Schweiz weile. Dabei verbeugte er sich tillenmäßig tief, um, offensichtlich Sieger, den Kampfplatz zu verlassen. Doch Ernst der Dritte hielt ihn zurück und befahl den Kabinettsekretär zu sich:

»Sorgen Sie dafür, daß Regierungerat Bockbein binnen achtundvierzig Stunden zur Stelle ist. Mir persönlich ist dieser Bockbein ganz wurst, aber ich stehe hier für den kleinen Mann, der genau soviel Recht hat wie ein Minister. Ich als König kann leider nicht gehen, wenn also dieser Bockbein nicht binnen achtundvierzig Stunden tot oder lebendig zur Stelle ist, so, den Teufel auch, wissen Sie, wer gehen muß!«

Er sagte »tot oder lebendig«. Er sagte »den Teufel auch!« Die beiden Herren verbeugten sich. Des alten Forsicht Hände zitterten, draußen aber zischte er, bläulich verfärbt, zu Geheimrat Kleber:

»Und Bockbein wird nicht kommen. Den Teufel auch!«

Der Teufel, so zweimal bemüht, schien denn in der Tat seine Hand im Spiele zu haben: Die Frist von achtundvierzig Stunden verstrich, aber kein Bock streckte sein Bein zur Tür herein. Somit war nicht allein der Regierungsrat überfällig, sondern der Minister reif. Das sagte Ernst der Dritte dem Doktor Kleber. Nun hätte man erwarten müssen, jener würde für den alten Mitarbeiter, dessen Schicksal sich vollendet, tief erschrecken. Nichts unrichtiger als dieses, und wieder ward es offenbar, warum der Herr Kabinettsekretär im Laufe der Jahre soviel Ministerien überdauert. Schnaufend zog er den Schulterring hoch und riet Ernst dem Dritten, Doktor von Forficht aufzufordern, sein Entlassungsgesuch einzureichen. Was geschah aber? Wie jene Käfer, die angesichts einer Gefahr sich tot stellen, zeichnete der Minister nicht darauf. Ernst der Dritte wollte Sturz berufen, doch er befand sich gerade auf einer Dienstreise.

Nun sollte man meinen, alle Engel im Himmel müßten lächeln, denn der Verdacht kann unmöglich von der Hand gewiesen werden, daß Seine Majestät, mit der Regierungstechnik noch nicht genügend vertraut, ratlos war. Den Teufel auch, wie brachte man einen Minister fort, der sich weigert, sein Abschiedsgesuch einzureichen? Und der gewaltige Schatten des Mannes aus dem Sachsenwalde reckte sich auf. Feststeht, daß der junge König den Kabinettsekretär gefragt hat:

»Wie macht man nur das?«

Die Antwort Doktor Klebers ist merkwürdig:

»Seine Machestät, der Hochselige Könich Ernst pflegte einen Auftritt herbeizuführen, bei dem er eisig ruhig blieb, und der andere vor Wut selbst anbot, zu jehen.«

Ernst der Dritte befahl also den Ministerpräsidenten ins Schloß. Doch seine Exzellenz, wir erinnern uns des Käfers, wurde krank, und zwar, wie man vernahm, auf längere Zeit. Da fand der König die Auskunft. Er beschloß, Sturz zum Ministerpräsidenten zu machen, und schrieb Seiner Exzellenz folgenden, von Doktor Kleber eingehauchten Brief, der wiedergegeben sei mit den vom Geheimrat zur Wahl gestellten Lesarten:

Lieber Ministerpräsident Doktor von Forsicht!

In Anbetracht Ihrer bedauerlichen Erkrankung, die Sie bei Ihren gesegneten (hohen) Jahren dauernd hindern muß (wird), die Amtsgeschäfte weiterzuführen, in Erwägung auch, daß eine längere Vertretung eine Unsicherheit in den Geschäften hervorrufen würde (müßte), die ein so pflichteifriger Staatsdiener wie Sie am ersten als nicht (angängig erkennen und) mit dem Wohle des Staates (für un)vereinbar halten würde, habe ich mich bewogen gefunden, Sie von der Last Ihrer Dienstpflichten (Ämter) als Minister des Innern und Äußern, mit dem Vorsitze im Gesamtministerium, in Gnaden zu entheben. Ich behalte mir jedoch vor, Ihre wertvollen Dienste (wenn es nötig sein sollte) für den Staat (anderwärts) wieder in Anspruch zu nehmen.

Zum Zeichen meiner besonderen Hochschätzung (Huld) habe ich Ihnen den erblichen Titel eines Freiherrn und die Brillanten zum Großkreuz meines Hausordens verliehen.

Indem ich hoffe, daß Sie, einmal wiederhergestellt, eines glücklichen Lebensabends sich erfreuen mögen, bin ich

mein lieber Ministerpräsident Doktor von Forsicht

Ihr

wohlgeneigter (dankbarer)

König.

An den

Kgl. Staatsminister a. D.

Dr. Frhr. von Forsicht, Exzellen

zhier.

Der junge König hat gezögert zu unterschreiben. Seine Bedenken sind belegt:

»Aber das ist ja Schwindel!«

Doktor Kleber:

»Majestät, fast alle konventionellen Höflichkeiten sind Schwindel!«

Ernst der Dritte (seufzend): »Ja, der ganze Verkehr zwischen Menschen untereinander scheint mir Schwindel zu sein!«

Doktor Kleber:

»Ein Kompromiß, Euer Majestät!«

Zum erstenmal liegt eine Äußerung des Königs vor, die auf die Religion deutet:

»Unser irdisches Leben ist gegen das ewige Leben ja auch nur ein Kompromiß!«

Das Wort muß Ernst dem Dritten gefallen haben, denn seitdem hat er es öfters im Munde geführt. Die Gegenseite aber brachte jene Wendung auf, die flüsternd am Hofe umging, sobald der junge König, vom Leben enttäuscht, schweren Stimmungen nachhing: »Der Rex hat Weltschmerz.«

Doch jetzt zu Tatsachen geeilt: Wollte der Täter dem Orte seiner Tat entfliehen, oder fiel es dem Könige auf die Seele, daß er Sturz ernannt, ohne seines Einverständnisses gewiß zu sein – kurz, der Kraftwagen wurde bestellt. Von Piephacke, der inzwischen zur Reserve entlassen war, so daß ihm der Kriegsgott nichts mehr anhaben konnte.

Und nun beginnt jene denkwürdige Fahrt durch das schon herbstlich sich färbende Land, des jungen Königs erster Urlaub, wenn auch Allerhöchstselbst erteilt. Es dämmert kaum, als Ernst der Dritte unbemerkt sein Schloß verläßt. Das Auto mit Doktor Medicus, durch Fernspruch aus Illzenau herbeigerufen, wartet weit draußen im Hirschgarten, dort, wo schon der Beetewald beginnt.

»Sonst holen sie mich am Ende zurück!« hat der König listig gesagt.

Es ist ein neuer Wagen, noch ohne Zeichen hohen Besitzes. Während er dahingleitet, beginnt es zu tagen. Ist das nicht Heym mit den rauchenden Schloten der Porzellanfabrik? Zieht dort nicht die Till, Salzschiffe auf dem spiegelnden Rücken? Der junge Herr im Bürgerrock spannt hinüber: Seine verräterischen Augen sehen auf dem verlassenen Schlachtfelde noch tausend Hufspuren ziehen. Der Wagen schießt um die Waldecke: Dort liegt Sturzacker auf sanfter Höhe, und da steht auch Sturz, zur Abschätzung von Flurschäden in der Illz. Im Zimmer links sitzen am Frühstückstisch Mutter und Töchter, aber ohne Hut. Blind wie Menschen, finden sie sich nicht schön genug in ihren Waschkleidern, gleich einer Magd, nett im Arbeitsgewand, zum Weinen aber Sonntags als falsche Dame. Der junge König, fast befangen, daß er die einundneunzigjährige Großmama in ihrem Stuhle übersehen, sagt – Anstand verhülle dein Haupt:

»Exzellenz, hoffentlich sitzen Sie nicht auch auf Noten!«

Wird aber ganz rot dabei. Doch Großmama klatscht in die runzeligen Hände:

»Majestät, das ist rechtes Osterburger Blut!«

Da teilt Ernst der Dritte, den Eindruck zu verwischen, schnell mit, daß er Sturz zum Ministerpräsidenten ernannt hat. Der, erstaunt im ersten Augenblick, faßt sich, rot, rund und zufrieden:

»M.w. – machen wir, Majestät!«

Und nun geht jene denkwürdige Fahrt weiter durch das herbstlich sich färbende Land. Da blendet der Tillensee. Wald verdeckt ihn. Er blinkt von neuem. Sie gleiten hin am blauen »Meer«. Rotgelb ragen Bäume über dem Wasser: Das große wie das kleine Glück. Die Liebesinsel wächst aus den Fluten. Weint dort nicht die Kurfürstin Immaculata tränenschwer in den See, daraus die Blasen steigen? Piephacke, vorn neben dem Fahrer, deutet empor:

»Seine Macheftät, die Munda!«

Ja, eine Majestät: Häupter zu höchst über der Erde. Und unten die Landungsbrücke, vor der einst im See der wasserscheue Rock sich gebläht. Auf dem Turnplatz schreiten die Schüler, Arm in Arm, wie vor grauen Jahren der »dumme Prinz« mit seinem Freunde. Stehen da nicht, ein Tor springlustigen Hunden offen, Doktor Siegfried Mathesere rachitische Beine? Ernst der Dritte überblickt den Rechenembryo. Da kommt einer gestürzt in abgewetzter brauner Sammetjacke, Bleistifte aus der Rocktasche spießend. Der Zeichenlehrer Raffael Kreis, weltfremd lächelnd, streicht sich die langen weißen Locken hinters Ohr:

»Sollte das nicht der Prinz Arbogast sein, mein bester Schüler? Schade, daß Sie nicht Maler jeworden sind. Ist doch was anderes! Haben Sie denn Fortschritte chemacht?«

Ernst der Dritte:

»Ich habe leider keine Zeit mehr zum Malen. Aber besuchen Sie mich doch mal in Tillenau und bringen Sie Ihre Bilder mit.«

Raffael Kreis:

»Vielleicht mal später in den Ferien. Chetzt muß ich Erdenbrot verdienen. Das war aber 'ne Freude! Als Lehrer ist man chewohnt, von seinen Schülern verjessen zu werden. Haben Sie denn die Medaille noch? Putzen Sie se nur nich, daß sie ja Patina ansetzt. Also ich werde Sie mal besuchen, Machestät, soll mich freuen, mal zu sehen, wie Sie so leben. Aber Bilder bringe ich nicht mit, denn ich male nicht mehr für Menschen, ich male für die Unsterblichkeit!«

Und der arme Narr Raffael Kreis lächelt in den Himmel hinauf, der auf seine weißen Locken blauen Widerschein wirft; das Haupt im Nacken geht er in seiner abgewetzten Sammetjacke stolz davon.

Da spricht Ernst der Dritte wieder eines seiner dunklen Worte: »Ich werde mir eine Bildersammlung anlegen, aber ich muß erst Böswetter fragen, ob's langt!«

Sollen wir nun glauben, Schwimmer und Ruderer blieben am Land? Mitnichten: Man wird zu den glücklichen Inseln steuern, man wird um das Schloß kreuzen, wo einst der Königsschatten geweht. Der Leibschofför Panne bleibt beim Auto zurück. Ein Motorboot, wenn auch altersmüde, steht bereit. Wohl kann der erkrankte Vermieter nicht mit, doch schwört nicht Piephacke, er verstünde sich darauf? Neptun vertrauend, geht es also hinaus auf den unvergleichlichen See. Die Ufer schwinden, die Bläue wächst, die Sonne steigt. Der Motorkenner schraubt, stellt, horcht auf die ungleichen Schläge eines kranken Maschinenherzens. Hinten sitzen die Freunde. Ernst der Dritte, die Hände im Nacken gefaltet, blickt in den blauen Himmel, beglückt von Gottes warmer Sonne. Die Schloßinsel, noch Schaum, wird Schatten, Körper. Der Sand knirscht. Da liegt der Königsbau tief im Schlafe mit den geschlossenen Lidern seiner Fensteraugen.

Der alte Schloßverwalter Kläffer knurrt mißtrauisch die Fremden an:

»Seine Majestät, der König!« erklärt Hanns Medicus.

»Das kann cheder sagen!«

Schon ist man ratlos, als eine Alte erscheint. Man ist erkannt. Frau Kläffer, Demuth II, des Lakaien Schwiegermutter, hat Ernst den Dritten in Tillenau gesehen. Freundlich beruhigt der König den beschämten Schloßverwalter:

»Sie tun nur Ihre Pflicht. Sie dürfen doch nicht jeden Lumich einlassen!«

Der Kläffer wird fast irre: »Lumich?« Redet so ein König? Aber schon geht es durch verhängte und verträumte Säle, seit dem Tode der Königin unbewohnt. Man kommt an Ernst des Zweiten bescheidenes Schlafzimmer mit abscheulichen Vorhängen aus bedrucktem Stangenberger Waschstoff und dem langen eisernen Bett. Am Fenster steht der Schreibtisch, darauf – ein Grausen überläuft Ernst den Dritten – der Vormerkkalender. Und er liest die erschütternden Worte von des toten Königs Hand: »Heute bin ich siebenmal belogen worden.« Vertrocknete Fliegen liegen auf dem Fensterbrett: Lebenslügen, über sie hinweg hebt da, wie Ernst der Zweite, der junge König die Augen auf zum weiten blauen See, zu den Bergen im Himmel, die nicht lügen. Und steht lange, und steht unbeweglich, ohne ein Wort.

Nun ließe sich dieses Schweigen deuten, aber muß denn alles ans unerbittliche Licht? Ist nicht das Herrlichste auf dieser sicheren und dennoch so ungewissen Erde das, was als Dunst schwebt über den Wassern, als Nebel um die Höhen? Ist Gewißheit nicht peinlich und Klarheit mordend? Der Geschichte ist nur überliefert, was der junge König erwachend gesagt:

»Hier möchte ich bleiben!«

Kann es wundernehmen, daß man also bleibt? Aber man lebt nicht von Träumen allein. Man denkt ans Essen. Doch keine »Goldene Gabel« gibt es hier, nur den Hofgärtner Laubfall und die Kläfferei. Man ladet sich also zu Gaste, denn es ist schon um die Mittagstunde. Da nun oben alles verstaubt, versammelt man sich in der bescheidenen Wohnstube um den Tisch. Frau Kläffer bangt: Wird es Seiner Majestät genügen? Der aber denkt wohl an den Osterbauern, denn er sieht lächelnd den Freund an. So faltet der alte Mann die Hände und betet:

»Herr Jesu Christ, sei unser Gast
Und segne, was du bescheret hast. Amen.«

Pamms hat er beschert. Ernst der Dritte jubelt. Nimmt fast so oft, wie Ernst der Zweite an einem Tage belogen worden ist. Windwein gibt es. Für den König darf wohl des Königs streng verschlossener Keller geöffnet werden! Der Alte hat nur zögernd bei dem hohen Herrn Platz genommen, auch Frau Kläffer, die aufgetragen und in der Küche ißt, muß sich zu ihnen setzen. Sind die Schranzen des Prinzen Arbo Freunde gewefen oder nicht Frau Siebenwurff und Herr Moritz Schofel?

Man hört vom Leben auf der Insel, wo das Brunnenwasser verdächtig ist und solches vom nahen Ostufer im Fasse geholt wird, wo es heißt, Ziegen und Hühner über den langen Winter bringen, wenn das Band mit der Welt auf Wochen abgerissen, denn um das Eiland pflegt sich dann ein Gürtel trügerischen Eises zu legen. Man vernimmt, die beiden Alten leben secheunddreißig Jahre hier. Einsame Kläffer, aber die Guten im Land aus friedevoller Zeit des verschollenen alten Reiches.

Wer mag da staunen, daß man sich versäumt? Man muß den verfallenen Hafen sehen mit Wellenbrecher und spaßigem Leuchtturm Kurfürst Sigismunds des Siebenten spielerischen Angedenkens. Muß zwischen Taxushecken wandeln, während gelbrötliches Laub unter den Füßen rauscht, muß endlose Baumwege schreiten und im Naturtheater sitzen, wo einst der Osterburger dem Geheimbderath Goethe die »Iphigenie« hat spielen lassen. Ist das ein Kleines? Darf es darüber nicht Abend werden?

Als die Mundekette schon im letzten Sonnenbrande glüht, stößt man ab. Das Motorherz tobt, setzt aus. Der Kenner schraubt und stellt. Man gleitet weiter. Ernst der Dritte, auf Urlaub, spricht sehnend von der Insel, mit Rührung von der Kläfferei. Es wird Nacht. Der kühle Mundewind setzt ein wie jeden Abend, wenn vom Gebirge die kalte Luft, niedersinkend, wärmere Luftschichten verdrängt. Taut es nicht vom Himmel? Schon sind die Kleider feucht, und wie der Mundewind abflaut, liegt brandiger Nebel über den Wassern. Wo ist man? Just bei solcher Frage, nachts, mitten auf dem meergleichen See, steht das todkranke Motorherz plötzlich still. Noch läßt Trägheit das Boot weitergleiten, dann hält es. Des Kenners Tätigkeit, längst verdächtig, ruht. Er bittet um Streichhölzer, aber man ist Nichtraucher allerseits; so sind keine an Bord. König wie Arzt tappen sich nach vorn, tasten, schrauben, stellen: alle Wiederbelebungsversuche sind vergeblich: die Maschine ist an Herzinsuffizienz jäh verschieden. Doktor Medicus erklärt, schon bei der Abfahrt habe er eine Degeneration des Motorherzens vermutet, etwa einen Klappenfehler. Hoffnungslos, durchtränkt vom fallenden Regen, voll Öl die Hände, vielleicht sogar die Kleidung, sitzt man wieder hinten, während das Boot leise abtreibt. Wo liegt nun Außensee? Man weiß es nicht. Ernst der Dritte, der Redeweise des Freundes folgend, auch nicht ohne Kenntnis der Körpervorgänge, äußert sich:

»Die Zündung, sagen wir der zehnte Gehirnnerv (nervus vagus) mag es sein. Reguliert der nicht die Herztätigkeit?«

Und plötzlich sprechen sie vom Leibarzt Generalarzt Doktor Vagus. Ernst der Dritte, gehoben vom wunderlicherhebenden Tage, innerlich frei, weit vom Hof, verstimmt durch Regen, schmutzige Hände, wie Aussichtslosigkeit baldiger Landung, bedrängt den Freund, zu kommen. So einigt man sich: Sobald eines Tages der Leibarzt seinen Abschied nimmt, ist Hanns Medicus an des hohen Freundes Seite. Gewiß denkt der König an jenen Trick Ernsts des Zweiten, einen unliebsamen Staatsdiener zum Abschiedseinreichen zu veranlassen.

Sollen wir nun schildern, wie man in Nebel und Nässe, eine Nacht richtungslos auf dem Tillener Meer umgetrieben, endlich bei Morgengrauen Land erblickt? Wollen wir uns dabei aufhalten, zu beschreiben, wie Schiffbrüchige, in eines armen Narren zerschlissenen Bettel trocken eingekleidet, als es eben tagt, Räubern gleich, eingezogen sind in das stolze Königliche Residenzschloß?

Schweige, Erzähler, schweige!

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