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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Piephacke tröstet Seine Majestät

Nörgelnde Geister mögen vielleicht fragen: Woher sind Dinge bekannt, abgehandelt allein zwischen zweien? Wie aber nun, wenn etwa Ernst der Dritte Allerhöchstselbst seines Herzens Leuchten weitergegeben hätte?

Kaum war nämlich der Großherzog abgereist, so bat der König den Assistenzarzt Doktor Hanns Medicus, der mit den zweiten Dragonern gekommen, auf sein Zimmer. Oder muß es nicht heißen: »Hochderselbe befahl ihn in seine Gemächer?« Es waren aber jene, von denen man die Pferde sehen konnte. Dort erfuhr Ernst der Dritte vom Streit zwischen dem Rauhreiter und den Herren seines Hofes. Wie ihm plötzlich eingefallen, die Kirchentüren dem Volke öffnen zu lassen, so erklärte er, an Stelle des Generalleutnants von Scharff, der eine Infanteriedivision bekommen sollte, den Rauhreiter zum Generaladjutanten ernennen zu wollen. Doch unklar über die eigene Machtbefugnis, fragte er: »Ob das wohl geht?«

Ihm ward ehrliche Antwort: Dann würde wahrscheinlich der Großteil der Oberhof- und Hofchargen den Abschied erbitten. Nun fügte es sich, daß just in diesem Augenblick Puppchen den Oberhofmarschall von Flimmer meldete. Der Flügeladjutant blickte den kleinen Assistenzarzt, dem der König den Arm um die Schulter gelegt, so erstaunt an, daß Ernst der Dritte etwa wie im Kasino vorstellte (und er wußte nicht recht, tat man das eigentlich als König?):

»Mein Freund, Doktor Medicus – Major Pupp!«

Fast hätte er Puppchen gesagt.

»Mein Freund?« Die beiden gingen. Puppchen wie ein Hund, der einen anderen Köter bei seinem Herrn findet und nun mit gesträubtem Rückenhaar schreitet.

Der alte Oberhofmarschall fragte heiser, ob Seine Majestät mit den getroffenen Maßnahmen nicht einverstanden gewesen sei, da Höchster den Oberstallmeister ungnädig verabschiedet und den Anordnungen des Oberhofmarschallamtes zuwider das Schloßkirchenportal A habe öffnen lassen. Der junge König gab verwundert zurück, ja, ob er denn das nicht dürfe? Exzellenz von Flimmer antwortete sichtlich erregt, durch solch eigenwillige Änderung sei Pöbel und Bettelvolk in die Kirche eingedrungen.

Geben wir es nur zu: Ernst der Dritte, gereizt durch die, wie ihm dünkte, schulmeisternde Art, verfiel in seinen Dragonerton, den er – man sieht es ein – unmöglich in wenigen Tagen ablegen konnte:

»Ist das Gotteshaus nicht für alle? Oder waren die Jünger Christi etwa seine Hunde?«

Da geschah etwas Unerwartetes: Der Oberhofmarschall erklärte kurz, er habe immer die Absicht gehabt, sobald sein gnädiger Herr, Ernst der Zweite, einmal die Augen schlösse, seinen Abschied zu erbitten.

Gewohnt, militärisch zu denken, sagte sich Ernst der Dritte, so wie es nicht gerade für einen Regimentskommandeur sprechen würde, wenn bei seiner Ernennung sofort alle fünf Schwadronchefs den Abschied einreichten, könnte der Rücktritt womöglich aller Hofstaaten bei einer Thronbesteigung nicht eben einen guten Eindruck machen. Zum Einlenken klug genug, versicherte er also den Oberhofmarschall seiner Gnade und bat ihn herzlich, zu bleiben. Der verneigte sich tief:

»Wenn Euer Majestät befehlen, aber nur, bis ein Ersatz da ist.«

Und der junge König hatte schon genug gelernt, um unbefangen den Gesprächsgegenstand zu wechseln. Er fragte, ob denn Fürst Grosny wiedergefunden sei, der peinlicherweise bei der Abreise des Thronfolgers Michail Alexejewitsch gefehlt hatte. Da kam dem alten Hofmann ein Lächeln wieder:

»Er ist mit dem jungen Herrn von Immerfroh ins Städtchen jegangen und bis dato (er sagte ›Städtchen‹, er sagte ›bis dato‹) unauffindbar, Euer Majestät!«

Solches in Ernst des Zweiten Hand wäre gewiß nicht ohne Folgen geblieben. Der junge König aber lächelte. Als nun der Oberhofmarschall meldete, der Großherzog sei mit seinem Platze an der Tafel nicht zufrieden gewesen, weil die Westerwälder schon beim Tacitus vorkämen, die Askariden dagegen erst weit später geschichtlich aufträten, meinte Ernst der Dritte, froher Laune voll:

»Exzellenz, aber die Askariden sind doch älter. Sind sie nicht so alt wie das Menschengeschlecht?«

Der alte Oberhofmarschall fing so herzlich an zu lachen, daß der König fragte, unsicher, weil er nicht recht wußte, vergab man sich als Herrscher etwas damit:

»Na, sind Sie wieder gut?«

Exzellenz von Flimmer verbeugte sich abermals:

»Euer Majestät kann man ja nicht böse sein!«

Und nun wußte eigentlich der alte Hoferfahrene nicht recht, ob nicht jetzt er zuviel gesagt hätte.

Dann bleibt der König allein in seinem Zimmer, dessen Dürftigkeit ihm, der nur Kasernenmöbel gewohnt ist, kaum auffällt. Er blickt auf den Marstallhof hinab, wo die Stallleute scherzen, während sie den Pferden die Hufe waschen. Ernst der Dritte denkt: Eben ist ihr König begraben, und sie lachen! Aber da fällt ihm die Tafel ein, und wie auch die Fürsten gelacht! Und wie sie geschwatzt von Politik, die er nicht versteht, und von Menschen, die er alle nicht kennt. Und hat dennoch teilnehmend gelächelt dabei, sich keine Blöße zu geben, genau wie er als junger Offizier mit gespannten Stirnmuskeln gelauscht, wenn die älteren wichtig von der Überlegenheit des Geschützes eines Nachbarstaates geredet, während es ihm doch im Grunde ganz gleich war, ob die Kerle da drüben mit Puffbohnen schossen oder mit Himbeeren.

Da überkommt ihn eine große Sehnsucht nach den Kameraden. Er möchte mal »ins Städtchen« und ist doch König, der nicht mehr allein ausgehen kann gleich anderen Sterblichen. Inne Unschulds holdselige Gestalt erscheint vor ihm, mit der er so gern zwischen Tür und Angel geschwatzt; aber draußen stehen Doppelposten.

Kann er nicht solches bewegt haben in seinem Herzen, da er doch plötzlich sich umgewandt hat und zum Gefreiten gesagt, der dasteht, den Arm voll Stiefelhölzer, sie einzuräumen in den noch leeren Waschtisch:

»Piephacke, ich bin sehr unglücklich!«

Der treue Bursche sieht mit den blauen Mundeaugen seinen Herrn an, läßt eines der Stiefelhölzer nach dem anderen aus den umklammernden Händen zu Boden knallen und spricht:

»Unglücklich waren wia, als es mit dem Theaterfräulein au war, ooch! Sich mal ha, das springt alles wieda ins Gelenke, Herr Ritt... Seine Machestät!«

Solches ist erwiesen. Mehr aber noch. Als Puppchen fragte, ob Seine Majestät noch Befehle habe, sagte der König:

»Es soll ja nicht vergessen werden, daß der Grenadier, der mich am Abend, als ich ankam, arretiert hat, auch belohnt wird. Und, bitte, sorgen Sie dafür – ich weiß nicht, in welches Ressort das gehört –, daß die Hofscheuerfrau – ich weiß nicht, ob der Titel richtig ist – Lore-Lene Pamms bekommt.«

Ob nicht in Puppchens bürgerlichem Hirn der Gedanke aufstieg, es möchte leider in Seiner Majestät königlichem Hirn eine kleine Trübung sich vorbereiten, die ein Arzt ihm einmal mit Worttaubheit bezeichnet? – Es stehe dahin.

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