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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Ernst der Zweite

In der Mitte Europas lag einst das alte Reich und in seinem Herzen das Königreich Tillen. Dessen Grenze nach Süden bildete die Munde, eine über hundert Kilometer lange, von West nach Ost streichende Gebirgskette, die nach Norden in fruchtbare Niederungen verlief. Der breite Rücken der Windberge trennte diese von einem sandigen Teil, den das Vorkommen von Steinkohle zum Industriebezirk gemacht.

Ein einziges Flußnetz durchzog das Königreich: die Till, die, in der Munde entspringend, den gewaltigen Tillensee durchströmte. An ihr lag Tillenau, die Residenz und Hauptstadt, mit rund 512000 Einwohnern. Dort waren die Sammlungen, die Hochschule, die berühmten Hoftheater. Dort die Häuser alter Zünfte, der Adels- und Bürgerfamilien, die Regierung, der Hof.

Seit über siebenhundert Jahren regierten in Tillen die Osterburger, erst Herzöge, dann Kurfürsten, endlich Könige. Sie hatten dem Lande eine Reihe von tüchtigen Herrschern gegeben. Einer einzigen bösartigen Erscheinung, Sigismund dem Bedrücker, gegenüber standen rechte Väter des Vaterlandes, deren Gedächtnis, gerade bei kleinen Leuten, noch lebendig war. So Herzog Sigismund der Huldreiche, Kurfürst Sigismund der Erbauer, Sigismund Wolfsrachen, endlich jener Kurfürst Sigismund der Vierte, dem das Volk, weil er unbeweibt geblieben, statt des väterlichen Beinamens den des »Ohm« gegeben. Die Herrscher einzeln aufzuführen, gar mit Regierungszeiten, womit die Tillener Kinder törichterweise gequält wurden, müßte ermüden. Es sei nur noch gesagt, daß die Osterburger, einst Stützen der Reformation, zum lutherischen Glauben sich bekannten.

Seit 1861 war Ernst der Zweite König von Tillen. Der strengste Arbeiter seines Landes, wurde er damit zum Schrecken seiner Umgebung, denn er saß im Sommer bereits um fünf, im Winter um sechs Uhr am Arbeitstisch.

Bei nicht gewöhnlicher Körpergröße (1,96 Meter), die nur im Sitzen weniger auffiel, weil er unverhältnismäßig lange Beine hatte, konnte man um so mehr von königlicher Erscheinung reden, als er unter fast drohender Adlernase einen langen weißen Erzvaterbart trug. Den Apostel Paulus hätte man sich so denken mögen. Nur fehlte den graublauen, forschenden Augen das Werbende, das Gütige eines Gottesmannes. In der Tat kennzeichnete Ernst den Zweiten eine fast bedrückende Klugheit, ein beinahe unheimliches Wissen. Für Kunst brachte er dagegen nicht mehr auf als pflichtmäßige Gunst. Der Gegenpunkt solcher Vorherrschaft des Hirnes schien freilich eine kränkend geringe Meinung von der Geistesschärfe anderer, womit er bei seiner nächsten Umgebung nicht unrecht gehabt haben mag. In einem Versagen der Kräfte erblickte er aber Faulheit oder gar Übelwollen. So ist jenes Scherzwort, er bringe alljährlich zwei Hofschranzen und drei Minister zur Strecke, nicht ohne Hintergrund. Der Hofdienerschaft sah er dafür manches nach. Überhaupt nahm er wirtschaftlich Schwächere in Schutz, und nichts konnte derart seinen Zorn wecken, wie Ungerechtigkeit gegen Niedrigergestellte.

Nun hätte man meinen sollen, solches Eintreten für die Kleinen müsse dem Könige das Herz gerade der unteren Schichten erobert haben. Im Gegenteil: Seine Majestät erfreute sich einer erstaunlichen Unbeliebtheit. Die Industriearbeiter und Bergleute des Kreises Stangenberg, die Erzknappen aus der Munde, vernahmen nicht seine Stimme, sondern jene ihrer Führer, die ihnen weit schönere Dinge versprachen an kommender Glückseligkeit, an Wohlleben wie Faulenzertum, als dieser finster blickende Schlagetod von König. Dazu lag dem Herrscher die derbe Redeweise nicht, die das sogenannte Volk versteht. Ebensowenig freilich gebot er über gewinnende Herzlichkeit. Er hatte die Menschen nur immer von einer Seite kennengelernt: alle wollten sie etwas von ihm. Statt nun ihre Schwächen zu belächeln, stimmte Menschenverachtung seinen Ton. Kein Wunder, daß er so weder beim Bürger noch bei den obersten Klassen beliebt war. Hatte er nicht einst seinem Jugendfreunde, dem Oberhofmarschall von Flimmer erklärt: »Popularitätshascher verachte ich!«

Solche Anschauung verbreitete Kälte um den Herrscher, die, den Abstand der Stellung hinzugerechnet, ihn zunehmender Vereinsamung entgegenführen mußte. Dennoch besaß Ernst der Zweite Herz. Womit keineswegs auf seine Jugend angespielt werden soll, wo er, wie alte Leute erzählten, mit der gleichen Tatkraft, die ihn alles angreifen ließ, auch den Weibern zugetan gewesen. Nein, aber mit seiner Gemahlin hat er eine musterhafte Ehe geführt. Daran ist um so weniger zu zweifeln, als weder antimonarchische Volksteile noch sogar der weit bösartigere Hof-, Staats- und Stadtklatsch von Tillenau das Gegenteil zu behaupten wagten.

Ernst der Zweite vermählte sich erst als Vierziger. Königin Helene, zweite Tochter des griechisch-katholischen Königs von Mingrelien, trat als Braut zum evangelischen Glaubensbekenntnis über. Hierdurch zerfiel sie mit ihren Eltern. Die Königin war von zartem Liebreiz. Das schwarze Haar, die gelbliche Hautfarbe wiesen auf ihren südländischen Ursprung. Sie war von großer (übrigens nie sich vordrängender) Klugheit. Ein Wort des Königs beweist es. Als ein Minister die Geistesgaben der Königin gerühmt, hatte Seine Majestät nur geantwortet: »Glauben Sie denn, mein Lieber, ich hätte ein Schaf geheiratet? Wenn ich das gewollt hätte, brauchte ich nicht erst nach Mingrelien zu gehen!«

Nur eine tiefe Neigung kann den vorsichtigen König veranlaßt haben, bei der Wahl seiner Lebensgefährtin über etwas hinwegzusehen: Königin Helene entstammte einer Bluterfamilie. Allerdings zeigte sie selbst keine lebensgefährdenden Erscheinungen, aber wenn auch bei dieser unglücklichen Veranlagung die Töchter oft scheinbar gesund sind, so kehrt sie doch bei deren Söhnen wieder.

Nach neunjähriger kinderloser Ehe wurde des Königspaares sehnlichster Wunsch endlich erfüllt, doch die Königin starb am Kindbettfieber. Die griechisch-katholische Geistlichkeit erblickte darin den Finger Gottes, weil die Prinzessin Helene von Mingrelien dem Glauben ihrer Väter abtrünnig geworden sei. Ernst der Zweite dagegen, mehr von irdischen Zusammenhängen überzeugt, hatte zwar einen Auftritt mit den behandelnden Ärzten, von dem man sich Fürchterliches erzählte, trug aber den Verlust des einzigen Menschen, dem er nahegestanden, wie ein Held. Er blieb fortan unvermählt.

Das Kind war ein Sohn.

Das Kind war ein Bluter.

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