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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Fröhliche Hoftafel

Santonin der Neunte entpuppte sich, der Schärpe ledig, und nachdem er unverfroren die Kragenheftel geöffnet, bei der ihm gut liegenden Tätigkeit des Essens als ganz ulkiger Geschichtenerzähler. Nach Bericht der Hofdienerschaft ist man, nun Ernsts des Zweiten strenger Geist gebannt schien, nicht oft bei einem Totenmahle so guter Laune gewesen. Wer aber darüber die Nase rümpfen will, möge den Leichenschmaus der Munde-Bauern zum Vergleich heranziehen, bei dem es selten ohne Ausbruch wilder Lebensfreude abging. Die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften, einmal unter sich, hatten Krone oder Krönlein ins Taschentuch gebunden und entblößten ihre Seelen mehr, als es sonst bei dem Balkonleben der Fürsten möglich scheint. Wie etwa eine Schusterinnung nur von Ledereinkäufen, nichtsnutzigen Gehilfen, unverschämten Lehrbuben oder von der Kundschaft redet, so sprachen auch die Fürsten allein von Thronanwartschaft, Rangverhältnissen, Verlobungsmöglichleiten, Zivilliste und Apanage. In Kronprinzenseelen blitzte der Gedanke auf, was man, einmal zur Regierung gelangt, wohl alles täte, denn ein bißchen regieren, und wäre es auch nur über eine halbe Quadratmeile, war doch zu schön; man stammte ja auch aus solcher Berufsfamilie.

Mitten in der fürstlichen Lebhaftigkeit saß schweigsam der alte Großherzog vom Westerwald, die Ringmuskeln um den Mund eigensinnig zusammengezogen. Dem Oberhofmarschall erklärte er vor der Abreise, er sei schlecht gesetzt worden gegen Askariden und Gruselier, da die Westerwälder älter wären als die anderen, kämen sie doch beim Tacitus vor; leider in einem der nicht mehr erhaltenen Bücher.

Auch sein Widerspiel, der abgöttisch schöne Thronfolger Michail Alexejewitsch von Gruselien, blieb im allgemeinen Frohsinn durchaus ernst. Die alte Prinzessin Aurora sagte, obwohl sie ein weltfremdes Schloßdasein führte, förmlich verjüngt durch des Thronfolgers schwermütig berückenden Anblick, zum schönen Theodor:

»Ich glaube, er leidet am Leben!«

Der aber zwinkerte mit seinen schlauen Fuchsäuglein:

»Gnädigste Cousine, ich las neulich irgendwo, die Michailowna habe die sinnverwirrendsten Beine dieser Zeit!«

Da kicherte schämig die alte Prinzessin, der ihr Mirabellchen längst alle Gerüchte hinterbracht, denn die beiden Damen beschäftigte derlei brennend.

Glaube aber nun keiner, bei der Marschalltafel im großen Bankettsaale wäre es ernster zugegangen. Nein, die Hofchargen, Minister, Botschafter, Gesandten, Adjutanten, Volksvertreter, Hochschullehrer, Stadtväter schienen gesonnen, für die endlose Rede des Herrn Oberhofpredigers sich schadlos zu halten. Er selbst war bis nach dem Setzen mit gefalteten Händen stehengeblieben. Es tat ihm augenscheinlich wohl, die Gottheit länger in Anspruch zu nehmen, als der katholische Vertreter des Allmächtigen, Dekan Gnadenort, der sich mit einem einfachen Kreuz unauffällig niedergelassen hatte.

Bald wuchs das Stimmengewirr zum Brausen, das nur bisweilen nachließ angesichts der Herrlichkeiten aus Hofküche und Keller. Ist es da ein Wunder, daß der Nachtisch verschwand? An einer der Tafeln senkte ihn Stadtrat und Hofkolonialwarenhändler Speckseite restlos als Erinnerung für seine Kinder in die Frackschoßtasche. Lakai Demuth I, Vater von Demuth II, schon sechsundvierzig Jahre im Hofdienst, redete als treuer Diener des Königs dem Herrn Stadtrat zu, seinen Raub wieder herauszugeben. Jener aber erklärte, er habe leider schon darauf gesessen, worüber ein Gelächter ausbrach, das unerzogen hätte genannt werden müssen, wäre es nicht im allgemeinen Getöse untergegangen.

Zu diesem trugen die Askariden gewiß nicht bei, schienen sie doch eigens so ausgewählt, daß keiner Deutsch sprach. Dafür redeten sie untereinander ausschließlich von geistig so belebenden Dingen, wie vom Angeln. Bei den Gruseliern dagegen hatte der Sekt gewirkt. Fürst Grosny, blond und mit sarmatisch starken Jochbeinen, erkundigte sich nach einer Dame, von einem Landsmanne ihm empfohlen, gewiß nicht ganz alltäglich Fräulein Lou Bettgestöhn geheißen. Da die würdigen Herren seiner Nachbarschaft leider keine Auskunft geben konnten, wanderte der Name mit der Höflichkeit der Tillen die ganze Tafel hinab. Es muß anerkannt werden, daß sogar Hofprediger Balsam ihn artig weitergab. Er hielt ihn augenscheinlich für den einer Rote-Kreuz-Schwester. Wie nun solch durchaus zweifelhafte Dame von Mund zu Munde ging, kam sie auch an den Leutnant von Immerfroh. Der rief laut:

»Lou Bettjestöhn? Kenne ich: Am Abweg 76, Parterre links. Wer will denn hin? Ach der Gruselier? Ich jeh' nach 'n Essen mit!«

Als die Frage auch auf den benachbarten Tisch übersprang, geriet sie an den Königlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister von Confusius. Zwar gänzlich ohne Gesichtspunkte, aber mit verblüffendem Gedächtnis für alle Belanglosigkeiten des Lebens, kannte er die unbedeutendsten, aber betiteltsten Menschen in Mitteleuropa. Er gab den Namen nicht weiter, sondern benutzte die Gelegenheit, ein Gespräch anzuknüpfen, ohne den Angeredeten zu Worte kommen zu lassen:

»Herrgott, kennen wir uns nicht? Natürlich. Sie standen ja bei den Vierhundertzweiundachtzigern. Ihre Frau Gemahlin ist 'ne Mufflon, aber von der Hammelsprung-, nicht von der bekannten Schöps-Linie. Das letztemal haben wir uns am 23. April 1901 jesehen bei der Hochzeit der Prinzessin Hernia. Ich bekam damals den Komtur zweiter vom Pektoralis. Eigentlich hätte ich erster haben müssen, wenn nich Jroßkreuz, da ich doch den Stern zum Flerionsorden schon hatte.«

Aus solchem mag man auf Höhe und Härte der Unterhaltung schließen.

Schon vor dem Sekt waren die Köpfe rot geworden angesichts einer lächerlichen Eifersucht, die vor den Fremden zu verbergen man nicht einmal Sorge trug, so daß der Botschafter einer dem alten Reiche keineswegs geneigten Großmacht zu einem nicht viel anders eingestellten Berufsfreunde sagte:

» Querelle Allemande!«

Dabei handelte es sich um nichts weniger als um die Krone. Nämlich die dem Sarge entrutschte Krone der Osterburger. Daß ihr Ansehen darunter litt, schienen die Streitenden nicht zu merken, ging es doch um die überaus wichtige Frage: Hatte Oberst von Hengst das Recht, Seine Majestät darauf aufmerksam zu machen, daß die Krone am Boden lag? Oder war hier nicht allein der Hof zuständig? Als nun General Rauh solch unfruchtbare Erörterung mit anhörte, trat er sofort für den angegriffenen Obersten ein. Leider im Rauhreiterton. Sein einstiges Regiment, die fünften Dragoner, die »Eulen«, meist bürgerlichen Fabrikschloten Stangenbergs entquollen, hatten immer in ausgesprochenem Gegensatz zu den rein adlig gezüchteten Leibdragonern gestanden. Nun entstammten aber die Schranzen fast ohne Ausnahme diesem Regimente, als sei der Hof gleichsam eine Versorgungsanstalt für geistig oder körperlich beschädigte Leibdragoner.

Solches zu sagen scheint notwendig, weil damit ins helle Licht gerückt wird, warum allein schon des Rauhreiters Erscheinung auf die Hofleute aufreizend wirken mußte. Erfährt man dazu, daß ausgerechnet Hausmarschall Graf Schellenlaut einmal während seiner Dienstzeit mit dem damaligen Leutnant Rauh auf Liebeswegen zusammengeprallt war; bedenken wir noch, daß Seine Exzellenz Oberstallmeister von Zaum, heute in seelischem Tiefdruckgebiete, seine hämischste Wiehere anschlug; stellen wir in Rechnung, daß General Rauh eine jener Naturen war, bei denen auch schon geringe Mengen von Weingeist zu Steigerung des Selbstbewußtseins führend, aufgespeicherte Gereiztheit entbinden, so können wir uns über gar nichts mehr wundern.

Der Rauhreiter nämlich erklärte, wenn die Herren vom Hofe die Krone einfach im Dreck (er sagte Dreck, obwohl angenommen werden darf, daß der Altarplatz gescheuert gewesen ist), also im Dreck liegen ließen, so müsse eben ein Soldat einspringen.

Als ihm da abweisend erklärt wurde, sie wären alle Soldaten gewesen, vergaß er sich leider zu antworten:

»Aber solche, die abgehalftert wurden, weil sie nicht drei Mann über den Rinnstein führen konnten!«

Der Kutscher schäumte ins Gebiß; Graf Schellenlaut griff nach seinem Degen, der aber glücklicherweise untrennbar im Rockschoß seiner Hofuniform hing; der Oberstabelmeister lächelte freundlich, weil er nichts verstanden. Die übrigen Hofchargen jedoch, die kennenzulernen gewiß nicht drängt, erhoben sich wie ein Mann. Wäre in diesem Augenblick nicht Oberhofmarschall von Flimmer eingetreten mit der Meldung vom Aufbruch der Fürstlichkeiten, die Folgen hätten sich nicht absehen lassen. So stob alles auseinander. Nur Exzellenz von Confusius, Rittmeister der Reserve außer Dienst der Leibdragoner, blieb stehen. Er sagte überlegen, indem er an die kleine silberne Krone dachte, die sein Regiment statt der laufenden Nummer auf der Schulter trug:

»Merkwürdig, nu will er ooch noch die Krone haben? Die paßt doch jar nicht auf die Jeneralsuniform! Ach, das Militär! Und wir müssen's immer rausreißen!«

Der erste Mann des alten Reiches zeigte sich, nun die Askariden das Weite gesucht, von jener Liebenswürdigkeit bar der Teilnahme, die Ernst den Dritten demütigte, ohne daß er doch etwas hätte einwenden dürfen. Erst als er den Hofzug bestieg, eröffnete er dem Könige von Tillen, er habe ihn anläßlich seiner Thronbesteigung zum borussischen General ernannt; worauf jener sich stumm verbeugte.

Die anderen Fürstlichkeiten waren inzwischen abgereist bis auf den Großherzog vom Westerwald. Als Ernst der Dritte den alten Herrn in den »Silbernen Kammern« artig besuchte, waren bei ihm nicht mehr die Ringmuskeln (etwa wie bei Michelangelos Adam) eigensinnig zusammengezogen, sondern die Jochbeinmuskeln freudig zum Lächeln betont. Einen Kopf größer als der junge König stand er da mit seinen Bäckerbeinen, von leichtem Plattfuße getragen, und überreichte ihm in roter Lederkapsel das Großkreuz seines Hausordens. Da nun Ernst der Dritte über dem linken Rippenraum des Großherzoges die »Osterburg in Schmelz« bereits gewahrte, schien eine Gegengabe augenblicklich nicht möglich, und er verneigte sich nur zum Dank, aber tiefer als vor dem Allerhöchsten des alten Reiches, in dessen Gegenwart ihn immer etwas wie eine Lähmung überkam. Und nicht anders, als auf der Wirtshausbank etwa der Maurer Ziegel über den Polier Putz zu schimpfen pflegt, sobald die Tür hinter ihm sich geschlossen, begann der Großherzog über das Oberhaupt herzufallen: Der Katholik gegen den Laien, der auf dem Schiffe predigte, der Westerwälder gegen den Borussen, ja der Greis gegen den jüngeren Mann, der nicht zuhören konnte, sondern in etwas hemdärmeliger Art das Wort führte.

Es kam hinzu, daß die Großherzogin, eine geborene Herzogin von Gaules, wenn sie auch Genugtuung empfunden über den Sturz Napoleons des Dritten, diesen immerhin noch seinen Gegenspielern vorzog.

Der Großherzog, abgesehen von mittelalterlichen Empfindlichkeiten, ein geweckter Geist, der nur bisher in Anwesenheit eines Lauteren geschwiegen, begann jetzt mit dem jungen König vom gemeinsamen Amt zu reden. In der leicht belehrenden Art des Alters gab er allerlei Ratschläge über Behandlung von Bittstellern, Ministern, Hofleuten, vortragenden Räten, nicht viel anders, als ob zwei Hausfrauen einander ihre Dienstbotennöte klagen. Aus solcher Fachsimpelei ging hervor, daß er genau wie einst der arme Prinz Peter von Osterburg-Hilligenstadt all diese Leute als etwas ansah, das im Grunde tief unter ihm stand. Dem Gleichgestellten gegenüber aber sprach er mit schmerzlichem Lächeln über seines Hauses gesunkene Bedeutung; eine Scheinmacht nannte er sie.

Laut Militärkonvention habe er einen borussischen kommandierenden General im Lande, einen übrigens wenig bequemen Herrn; das Offizierkorps sei kaum mehr zu einem Drittel westerwäldisch; auf die Reichsleitung besitze er keinen Einfluß. Plötzlich brach er los über jene Person im alten Reich, deren herausforderndes Auftreten im Auslande Feinde schaffe, im Inlande aber Reizung. Worten, bedenklich in bezug auf die Verfassung, stellte er den großen König entgegen, der sich den ersten Diener des Staates geheißen und gesagt: »Daß ich lebe, ist nicht notwendig, wohl aber, daß ich tätig bin.« Er nannte den hohen Amtsbruder nicht tätig, sondern nur betriebsam; zu ernster Arbeit zu unstet; allein für Zerstreuung und Weihrauch; zuviel »auf Gastspiel« oder auf »Massenmord«, denn so und nicht anders bezeichnete es der Mann, der kaum reiste, der alte Pirschgänger, Großherzog Erwein-Damian vom Westerwald.

Der junge König hatte solche Dinge noch nie vernommen. Was ältere Offiziere einmal im Kasino geäußert, schien immer durch den Fahneneid gedämpft. Nun warfen derart aufwühlende Worte ein schweres Zerwürfnis in seine hochgemute Seele.

Ernst der Dritte, wohl hingezogen zu dem alten Herrn, der einem, der sein Enkel hätte sein können, das Herz geöffnet, wehrte sich dennoch. Er meinte, aus dem Großherzoge spräche das verarmte Alter. Er aber war noch jung. Wenn er schon dem Throne das Opfer seiner Freiheit brachte, so wollte er doch seine Krone durch Sorge für sein Volk täglich sich verdienen.

Solches hat Ernst der Dritte gesagt. Mit leuchtenden Augen hat er es gesagt. Dem Großherzog aber wurden, altersmäßig leicht gerührt, die Augen feucht, als er, wohl eigener Träume gedenkend, seltsam getragen sprach:

»König, junger König, wird dir nicht bang?«

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