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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Beisetzung Ernsts des Zweiten

Im Schiff der schwarz ausgeschlagenen und dämmerigen Schloßkirche, wo Hof, Regierung, Volksvertretung, Abordnungen aus Stadt und Land, Offizierkorps und Beamtenschaft Platz genommen hatten, herrschte dunkle Stille. Eine leere Stuhlreihe wartete der Fürstlichkeiten und Abgesandten fremder Höfe. Gelbrot brannten Wachskerzen, unbeweglich standen die Herren vom Ehrendienst neben dem nun geschlossenen riesigen Sarge, darauf die Königskrone matt glänzte. Zu Füßen lugte noch immer aus dem überreichen Kranze des Königs wie ein armes nordisches Pflänzlein unter üppigen Tropengewächsen Fräulein Notburga Reckzehs etwas ruppiger Storchschnabel.

Da eine strenge Auswahl der Zugelassenen getroffen worden, blieb hinten und in den Seitengängen Platz, während durch Zutrittskarten Begünstigte die Emporen füllten und um die gewaltige Silbermannsche Orgel Hoforchester wie Hofopernchor in die schwere, kaum durch ein Räuspern unterbrochene Stille einige Unruhe warfen. Als nun der Wichtigkeitsbetrieb des Künstlervölkchens dort oben gar zu aufdringlich wurde, so daß man sich in den Bankreihen unten bereits umzudrehen begann, klang plötzlich vom Sarge her kurz und scharf, unter der gotischen Wölbung dreimal widerhallend, ein Klopfen, nicht anders, als ob der tote König, dessen pflichtstrenge, aber lähmende Gegenwart allen noch im Blute lag, Allerhöchstselbst Ruhe geboten hätte. Und ein Schauer ging durch die Kirche.

Nun war aber keineswegs, trotz ungewöhnlicher Willenskraft, Ernst der Zweite, ein Naturgesetz durchbrechend, wieder lebendig geworden, nein, der rätselhafte und unheimliche Vorgang konnte ohne Inanspruchnahme überirdischer Mächte zwangsläufig erklärt werden: die ungenügend auf dem schrägen Sargdeckel befestigte Krone war durch irgendwelche Erschütterung ins Rutschen gekommen und gellend auf die Marmorplatten des Altarplatzes geschlagen.

Fast im gleichen Augenblicke trat der Zug der Fürstlichkeiten ein. Voran der junge König zwischen dem Höchstgestellten des alten Reiches und Santonin dem Neunten. Der dicke Askaride bot ein dem militärischen Auge wenig erfreuliches Bild. Da er mit dem Tragen der Tillener Uniform nicht vertraut war, saß an ihm alles schief. Bläulich verfärbt, da der nie angelegte und zu eng gewordene Rock ihn einschnürte, mit bis zu den Ohren sich aufbäumenden Achselstücken, die Fransen der Schärpe nach vorn hängend, sah er aus wie der Schützenoberst einer Kleinstadt nach schwerem Festessen.

Es ist nicht zu leugnen, daß solcher Anblick manchen der Trauergäste aus seiner Vertiefung riß. Auch die reizvolle Erscheinung des Thronfolgers Michail Alexejewitsch von Gruselien in einer grünen Uniform mit Patrontaschen auf der Brust, eine hohe Lammfellmütze im Arm, konnte den üblen Eindruck ebensowenig verwischen, wie der alte Großherzog vom Westerwald, dessen vornehmer schmaler Kopf, trocken gleich dem eines Vollblüters, aus der Generalsuniform blickte. Dabei muß zugegeben werden, daß der Verbleib der Krone allgemein beunruhigte. Die Ehrensäulen der Offiziere und Kammerherren hatten sich nicht gerührt. Sollte ein Zuspringender die Krone wieder auf den Sarg legen? Wer durfte wohl versichern, daß sie nicht abermals ins Rutschen kam? Konnte sie sich nicht gar als zerbrochen erweisen?

Ernst der Dritte hatte – eine besondere Auszeichnung – das gesamte Offizierkorps seines alten Regimentes zur Beisetzung befohlen. Als nun keiner der Herren vom Hofe an die gefallene Krone sich wagte, trat ein Soldat, Oberst von Hengst, zum König und meldete ihm gedämpft das Vorkommnis. Der junge Herrscher zögerte, dann geschah etwas, das die Gemüter noch lange beschäftigt hat: In der Erkenntnis, die Krone der Osterburger könne doch unmöglich gleich einem Pflaumenkern am Boden liegenbleiben, auch sich bewußt, daß keiner, nun der erste Augenblick einmal verpaßt, sich berechtigt fühlen würde, zuzugreifen, sehen wir, während die Fürsten Platz nehmen, Ernst den Dritten selbst sich bücken und die Krone an ihre Stelle zurücklegen.

Und sie funkelte und hielt.

Keinem Auge war solch ungewöhnlicher, ja vielleicht bedeutungsvoller Vorgang verborgen geblieben. Als nun der König, zum Kirchenschiff sich zurückwendend, den Raum hinten leer sah, während er doch eben noch beim Gang zur Schloßkirche die von der Feier abgesperrte gewaltige Menge draußen erblickt, muß ihm ein jäher Einfall gekommen sein, einer jener Gedanken, oft falsch gedeutet, die man aber im Bilde des jungen Herrschers nicht missen möchte, denn sie entsprangen einem menschlichen Herzen. Er flüsterte Puppchen etwas zu, und bald fiel beim Summen der Orgel in die von Kerzenglanz nur düster erhellte Kirche der goldene Tagesschein der Sonne. Das Volk strömte ein durch das auf Befehl des Königs entriegelte Haupttor, als ob bei einer Schaustellung die Einfriedigung bräche und die Zaungäste hineinpurzelten. Zaungäste nicht eben seiner Art, wie denn da draußen gewiß kaum die Zartesten dem Gedränge sich überlieferten. Sie standen dicht hinter den glänzenden Uniformen; auch einmal dabei! Die große Kirchentür aber blieb offen, an ihren Flügeln durch die eingekeilte Menge festgehalten. Wie nun die Hochmögenden drinnen sich umblickten nach dem unerklärlichen Lichteinfall, gewahrten sie draußen die Schatten berittener Schutzmannschaft hilflos herumpreschen. Polizeipräsident Wichtig erhob sich mit gerunzelter Stirn und eilte zum Schauplatz solcher in der Hofansage nicht vorgesehenen Störung. Zwar ging er auf den Zehen, aber seine neuen Reitstiefel knarrten dennoch, und durch kam er auch nicht. Keiner mochte seinen Platz aufgeben; der Polizeipräsident aber konnte unmöglich alle Eingedrungenen festnehmen lassen.

Als nun Brausen der Volksmenge, Pferdegetrappel und Gebrüll alle Andacht zu ertöten begann, kam Hoforganist Wilhelm Windlade auf den schöpferischen Einfall, solch unbefugten Lärm durch rechtsgültigen zu ersetzen. Und er wandelte die gedämpfte Totenklage mit dem Donner aller Orgelstimmen zu einer Art Einzugsmarsch, gleichsam als ob die himmlischen Heerscharen unter Pauken und Posaunen die emporschwebende Seele Ernsts des Zweiten eingeholt hätten. So gewaltig wirkte solche Entladung der Pfeifenluft, daß halbwüchsige Burschen, das Tuch um den Hals, die Mütze noch auf dem Schädel, das Maul offen, ob des Schauspiels, das sie nie geahnt in ihren Kellern und Dachgeschossen, wo sie zu vielt hausen mußten, einer nach dem anderen den Kopf entblößten.

Während die unruhigen Geister um die Orgel ihre kostbaren Stimmen mit den Streichern und Bläsern des Königlichen Hoforchesters einten, herrschte nicht in der Kirche allein, nein, auch draußen auf dem Schloßplatz andachtsvolles Schweigen. Frauen in Barchentrock und Kopftuch, Mädchen, einen billigen Glasfluß im Ohr, lauschten und blickten auf das ernste und größeste Schauspiel ihres Lebens, das ihnen der junge König in seines Herzens Gerechtigkeit eröffnet. Jene anderen aber, denen solches tägliches Brot schien, gaben den Unverbildeten mit der braunen Arbeitshand kein gutes Beispiel. Als nämlich Oberhofprediger Doktor Salbader reichlich eintönig und breit zu sprechen anhob, entledigte sich Santonin der Neunte, der schon etliche Male nach Luft geschnappt, kurzerhand seiner Schärpe und reichte sie über zwei Stuhlreihen rückwärts seinem Adjutanten. Der, offensichtlich verschlafen, ergriff sie zu spät, und sie fiel denn auch geräuschvoll zu Boden, so daß Doktor Salbader mitten im Satze schmerzlich die Unterlippe verzog.

An dieser Stelle, wo ohnedies die Rede eine unliebsame Unterbrechung erfährt, sei eingeschaltet, daß übrigens besagter Adjutant das Ausrüstungsstück völlig vergaß und es denn auch nach Schluß der Feier richtig liegen ließ. Ob die Schärpe durch Vermittlung der askaridischen Botschaft später nachgeschickt worden ist oder ihr Abhandenkommen gar nicht bemerkt wurde, entzieht sich allgemeiner Kenntnis.

Hier scheint auch der gegebene Augenblick, einmal der alten Prinzessin Aurora zu gedenken. Ob das »Spitzbäuchlein«, dessen sie sich, gern spottend über sich selbst, vor ihren Getreuesten bezichtigte, zu Recht bestand, kann vorderhand in Anbetracht des langen und dichten Kreppschleiers, der ihre hohe Gestalt verhüllte, mit Sicherheit nicht entschieden werden. Eines steht fest: sie ließ sich von ihrer getreuen Mirabella von Wunderlich wiederholt ein anderes Schneuzlüchlein reichen und gab das verbrauchte als nassen Schwamm zurück. Freilich ist zu berücksichtigen, daß ausgiebiges Weinen nun einmal zu den hohen Gaben der Frauen zählt, auch die Tüchlein, angesichts der bekannten Sparsamkeit der alten Dame, nur winzig waren.

Prinzessin Ingeborgs Seelenleben vollzog sich angesichts Flor und Finsternis unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Der Großherzog vom Westerwald, der bei seinen Jahren schon so vielen Beisetzungen beigewohnt, konnte nicht mehr als würdigen Ernst aufbringen.

Das Bild anerzogener Ergebung in sein Schicksal, das ihn, wie der Hofklatsch wissen wollte, aus den Armen der berühmten Tänzerin Michailowna in solch unfreundlich ernste Lage entführt, saß der unwahrscheinlich schöne Thronfolger Michail Alerejewitsch von Gruselien leicht zurückgelehnt da, die schwarzen Augen, zwischen denen eine schmale Adlernase stand, bald zur hohen Deckenwölbung, bald auf seine Handschuhe, dann wieder auf den Oberhofprediger gerichtet, der in jener ebenso unwahren wie völlig unnötigen Weise Tillener Leichenreden dem Verstorbenen Dinge andichtete, wie Milde und Verzeihen, über die der Wissende nur lächeln konnte. Als er nun, scheinbar seinen unabhängigen Sinn zu erhärten, mit bei seinem Berufe leider nicht seltenen Mangel an Zartgefühl, dem Hochseligen Könige vorzuwerfen begann, er habe die evangelische Kirche nicht genügend geschützt, und dabei den Herrschern gute Lehren gab, fingen die Fürsten an, unruhig zu werden, etwa wie Zuschauer bei einer Erstaufführung hin und her rücken, wenn das Stück eine bedrohliche Wendung nimmt.

Der schöne Theodor neigte sich zu seinem Nachbar, dem Kronprinzen eines anderen Bundesstaates:

»Glaubst du, er hätte das vor König Ernst dem Zweiten jesagt?«

Doch wer möchte sich ins Uferlose verlieren! Es genügt, noch festzustellen, daß beim »Amen« sichtliche Erleichterung zu einiger Bewegung in der Kirche führte. Und so berückend war die Musik, die jetzt von der Empore herab erscholl, daß vorsichtig ein Haupt nach dem anderen sich umwandte. Die kostspieligsten Stimmen der Hofoper:

Kammersängerin Hulda Holpi
    (im bürgerlichen Leben Holprig)
 –  Sopran
Kammersängerin Trachea Pastos
    (geborene Mirjam Bärmaul)
 –  Alt
Kammersänger Rosenmund  –  Tenor
Hofopernsänger Knödel  –  Baßbariton

sangen unbegleitet vierstimmig unter Leitung »unseres« heimischen Tondichters Wolfgang Amadeus Wimmermann, der die Musik eigens zu dem Anlasse gesetzt. Da diese in Septimenakkorden schwelgte, die Ernst der Zweite gewiß als Übelklang empfunden haben würde, griff unter den Zuhörern bei jeder bang erwarteten Auflösung erleichterte Genugtuung Platz.

Sobald nun wieder die Orgel brauste und die hohe Leiche eingesegnet worden von einem im Talar, den die dem Himmel besonders nahe stehende Mirabella von Wunderlich ihrer kurzsichtigen Prinzessin erregt als den Hofprediger Balsam entlarvte, trat der Ehrendienst ab, und zwei Lakaien nahmen seine Stelle ein.

Für die weiteren Vorgänge mag die Hofansage sprechen:

  1. Die sterbliche Hülle Seiner Majestät des Hochseligen Königs Ernst wird von der Hofdienerschaft aufgehoben, unter Vorantritt der Hofgeistlichkeit, gefolgt von:
    1. seiner Majestät dem regierenden König Ernst,
    2. vom Minister des Königlichen Hauses, Exzellenz von Sturzacker,
    3. vom Kabinettsekretär Regierungsrat Doktor Kleber,
    4. vom Kammerdiener Seiner Majestät des Hochseligen Königs, Treu,
    in die Königsgruft getragen und dortselbst feierlich beigesetzt.
  2. Die Königsgruft wird darauf vom Minister des Königlichen Hauses verschlossen, der den Schlüssel zur Aufbewahrung dem Schloßkirchendiener Frömmler übergibt.
  3. Währenddessen verharren die in der Kirche zurückgebliebenen Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften und Trauergäste nach Absingen des Liedes »Auferstehn, ja auferstehn...« in stillem Gebet.
  4. Nach Rückkehr Seiner Majestät des Königs begibt Hochderselbe sich mit den hohen Trauergästen durch Tor B in das Königliche Residenzschloß zurück.
  5. Dortselbst findet Tafel für die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften im großen Heinrichssaale, die Marschalltafel im Bankettsaale statt.

So witzig dieses nun auch ersonnen sein mag, so war doch augenscheinlich nicht mit der Seelenverfassung König Santonin des Neunten gerechnet worden. Sei es nun, daß er unmusikalisch und so dem Gesange des Liedes »Auferstehn, ja auferstehn« gänzlich abgeneigt, sei es, daß er einem stillen Gebet völlig abhold war, kurz, er wollte durchaus Ernst dem Dritten folgen, vielleicht in der Hoffnung, damit schneller das Freie zu gewinnen. Es bedurfte längeren gütlichen Zuredens von seiten seines Ehrendienstes, des Rauhreiters, ihm klarzumachen, daß er, wenn auch die wandelnde Fettgewebsgeschwulst, doch noch sichtlich lebfrisch, in der Gruft bislang nichts zu suchen hätte.

Inzwischen hatte der Minister des Königlichen Hauses von Sturzacker die Krone abgenommen, und der schwere Sarg wurde unter sichtlicher Anstrengung von zwölf Mann Hofdienerschaft aufgehoben, während der alte Kammerdiener Treu den Kranz des Königs trug. Dann entschwand der kleine Zug hinter dem Altar die Treppe zur Gruft hinab. Hier wäre, so hat der alte Treu später erzählt, der ungewöhnlich lange Sarg auf der engen Treppe fast stecken geblieben, wenn nicht Ernst der Dritte, wie er als Rittmeister gewohnt gewesen, selbst aufzusitzen, etwa wenn ein Gaul nicht springen wollte, auch Allerhöchstselbst zugegriffen hätte.

Währenddessen gab eine Kompagnie des Leibregiments auf dem Schloßplatz drei Salven ab, für alte Soldaten, hysterisch-schreckhafte Weiber, wie allerhand kindliche Seelen weitaus der schönste Augenblick. Nicht ganz so erfreut schien freilich ein Gespann aus dem Königlichen Marstall, das den von der Kirchenmauer widergellenden Krach zum Anlaß nahm, in die Volksmenge hinein durchzugehen. Eine folgenschwere Sache, über die noch zu reden sein wird. Jetzt wollen wir des jungen Königs erhobene Stimmung nicht stören. Bei der kurzen Hofrunde vor der Tafel fand nämlich Ernst der Dritte Gelegenheit, Piephacke zu beauftragen, sich einer Abordnung seiner Schwadron anzunehmen. Als er nun erfuhr, sie wäre schon auf des Gefreiten Zimmer, sprang er, einer jähen Regung folgend, die Treppen hinauf und drückte jedem einzelnen von ihnen die Hand. Er fragte nach dem Dragoner Hufnagel, der bei der Besichtigung gestürzt war, erkundigte sich nach der Schulterlähme des alten Wallachs Haremswächter, kurz versammelte sie um sich wie seine Familie. Und Ernst der Dritte, allein im Schloß, fremd unter Staats-, Hof- und Würdenträgern, an Jahren wie an Fühlen ihm fern gleich den Sternen am Himmel, unsicher noch in seinem neuen, nie mehr ihn lassenden Dienst, fühlte sich zu Hause unter seinen Leuten und fand sich nicht fort.

Inzwischen bemächtigte sich aber der obersten Hofchargen eine ungewöhnliche Erregung. Es war hohe Zeit zur Tafel, und Seine Majestät der König fehlte. Der Oberstabelmeister rutschte, der Hausmarschall klepperte, der Oberhofmarschall suchte besorgt, der Generaladjutant überlegen, Puppchen verzweifelt das Schloß ab. Seine Majestät war und blieb verschollen.

Santonin der Neunte, augenscheinlich gereizt, weil er immer noch nichts zu essen bekam, fragte die alte Prinzessin Aurora niederträchtig, ob es denn gar keine hübschen Damen am Hofe gäbe; die jungen habe man wohl versteckt? Und sie schwieg so betroffen, als ob Ernst der Zweite sich nach ihren Ausgaben erkundigt hätte. Als der Askaride aber seinen Ehrendienst aushorchte, wie lange er diene, und sobald er erfahren: einunddreißig Jahre, boshaft lächelnd hinzufügte, dann würde er wohl bald seinen Abschied nehmen, blieb der Rauhreiter die Antwort nicht schuldig:

»Das ist geheim, und einem Ausländer darf ich darüber keine Auskunft geben, Euer Majestät!«

Der dicke König sah ihn belitten an: frech durfte nur ein Askaride sein, aber kein Tille.

Schon wurde die Abwesenheit Ernsts des Dritten peinlich empfunden, als es ausgerechnet dem Kutscher gelang, Seiner Majestät Fährte auszumachen. Doch seine Findigkeit gedieh ihm zum Unglück. In jener ihm nun einmal eigenen überhebenden Art, die einst den Arbo zu ohnmächtiger Wut gereizt, wieherte er:

»Na, endlich!«

Der damals kleine geduckte Prinz aber war diesem alten Widersacher gegenüber heute König:

»Ich finde, Sie haben gar keine Veranlassung zum Lachen, Herr Oberstallmeister, denn fünf Menschen sind verletzt worden, weil Sie es pflichtwidrigst unterlassen haben, Ihre Pferde ans Schießen zu gewöhnen!«

Seiner Exzellenz bemächtigte sich eine Schrecklähmung der Stimmbänder, und er konnte nur noch heiser flüstern: »Der Kutscher ist schuld, Euer Majestät.«

»Nein, Sie, denn ein Kutscher, der seinen Kutschern nichts beibringt, muß 'runter vom Bock!«

Das Wort war gesprochen. Nun würde es auch nichts mehr fruchten, daß Ihre Exzellenz die Hosen trug.

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