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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Empfang der Fürsten

Es ist nicht zu leugnen, daß die Beisetzung sozusagen zum Volksfeste sich auswuchs, noch weniger aber darf verschwiegen werden, wie sowohl Ernst der Zweite als auch Ernst der Dritte daran schuldhaften Teil trugen. In jenem nachgelassenen Briefe des verstorbenen Königs fand sich nämlich folgende Wendung: »Ich rate meinem Nachfolger, aus Anlaß meines Todes dem Volke nicht etwa ›circenses‹ zu unterbinden.«

Als nun Staatsminister von Forsicht Lustbarkeiten untersagen wollte und auch Polizeipräsident Wichtig besondere Absichten verriet, befahl Ernst der Dritte, von allem abzusehen, was Umsatz und Schaulust beengen könnte. Nur beim Militär wurde kein Spiel gerührt. Dafür wuchs unter dem Deckmantel des Vaterlandsgefühles ein hemmungsloses Straßenleben empor. Hingehen mag, daß Pfefferkuchen feilgeboten wurden aus den Windbergen, dem Lebkuchenländl, darauf ein schnell in Zuckerguß gespritztes Bild eines gewalttätig dreinschauenden Generals mit stoßzähnengleichen Schnurrbartspitzen für Ernst den Dritten ausgegeben wurde, entschieden unwürdig aber muß es genannt werden, wenn die »Eule« plötzlich ausgeschrien ward als »Leib- und Tafelgetränk Seiner Majestät unseres hochseligen Königs«. Damit wurde unter dem Schmunzeln der Bürger und dem bissigen Lächeln der Königsgegner der dem Weingeiste grundsätzlich abgeneigte Ernst der Zweite sozusagen zum Säufer gestempelt. Nur die Hoftheater blieben geschlossen, die anderen spielten weiter, wenn sie auch glaubten, aus Rücksicht auf Hof und höhere Kreise den Spielplan ernster gestalten zu sollen. So setzte das Volkstheater den allabendlichen Schwank »Auf nach Küßchen« ab und gab statt dessen »Die Jungfer aus Bankert«.

Alle Gutgesinnten waren betroffen; als aber das Gerücht umging, Seine Majestät habe es Höchstselbst gutgeheißen, mußte man wohl, wie Lore-Lene gesagt hätte, »den Speicher halten«. Doch schon begannen die Mütter im Schoße der Familie, die Väter am Stammtisch die Stirn zu runzeln, und während das sogenannte Volk, immer nur das Heute im Sinn, des Königs Freimut beklatschte, sagte Geheimer Regierungsrat Mülmig: »Wenn das unser alter Herr wüßte!« Und der an Römer- und Griechenwelt völlig verlorene Konrektor Professor Doktor Jupiter Donner klagte: »Er ist zu chung! Jott, wo soll das hin?« »Sturz« aber schob sich vergnügt das Bäuchlein hin und her, als ihm sein Sohn eine eben erstandene bleierne Denkmünze zeigte, auf der Ernst der Zweite zwar einen langen Bart trug, aber niemand anderes als Darwin war, von dem der Händler wahrscheinlich ein paar hundert Ladenhüter liegen gehabt.

Immer noch drängten sich die Menschen auf den Straßen. An der Schloßkirche stauten sie sich, um an der Leiche vorbeizuziehen. Meist schwarz gekleidet, trugen auch einfache Leute wenigstens einen dunklen Schlips. Frauen preßten das Taschentuch an die Augen. Sie sahen sich jeden Toten an: es tat gut. Hätte Ernst der Zweite gehört, wie sie sagten: »Eigentlich ist er jar nich so uneben jewesen!«, er würde grimmig gelächelt haben.

Das beste Geschäft machten die Wirte. In Kaffeehäusern, Bierhallen, Weinstuben sammelten sich Turner, Kriegervereine, Skat- und Kegelbrüder, Erz- und Salzknappen mit ihren seltsamen Kopfbedeckungen, als habe eine neckisch veranlagte Stütze ihren abgebrochenen Staubwedel an einen umgestülpten Kochtopf gebunden. Abordnungen aller Regimenter zeigten sich in erster Garnitur und mit überlegenem Blick auf die Menschen zweiter Garnitur, das Zivil. Den Innungen und Vereinen wurden Fahnen vorangetragen von schwitzenden, unter der Last im Kreuz liegenden Männern im hohen Hut, schwarzem Gehrock und mit allerlei Ehrenzeichen behängt. Da sah man Fischer vom Tillensee, Schnapsbrenner aus dem Eulenkreise, Lebkuchenbäcker und Windmüller aus den Windbergen. Der Illzkreis war durch seine Bauern vertreten, silberne Kugelknöpfe an der Weste. Bergler aus der Munde teilten das Gewühl mit schweren Schuhen und dem »Mundahut«, darum ein grasgrünes Band schrillte. Den Mädchen prunkten am weinfarbenen Mieder große grüne Glaskugelknöpfe. Strohschuhflechter aus der Hohen Tafel mit Hängeschultern und langen, dünnen Hälsen schwindsüchtiger Erscheinung trugen strohgeflochtene Schlipse. Holzflößer und Salzschiffer aus der Till rempelten, stadtungewohnt, jeden an, worauf sie an den Hut faßten, daran das vorgeschriebene Blechschild mit der Nummer ihres Kahnes blinkte.

Auch die aus der roten Vorstadt Weyher waren gekommen, hochbezahlte Former, Vorarbeiter, Dreher, Gießer; das breite Tillengesicht, die nägelschwarzen Hände schieden sie vom geistigen Arbeiter, der den gleichen, England nachgeäfften Anzug trug wie sie.

Hauptschaustücke schienen die zur Beisetzung eintreffenden Fürstlichkeiten und Abordnungen.

Oberhofmarschall von Flimmer hatte Ernst den Dritten gebeten, schon jetzt jene Gemächer zu bestimmen, die er dauernd bewohnen wollte. Einmal waren die »Fremdenappartements« etwas entlegen, dann aber hatte sie der oberste Reichsfürst beim Tode des Kronprinzen in Gebrauch gehabt, und man wollte sie ihm wiedergeben, weil das Schloß nichts Prunkhafteres besaß als die flandrischen Wandteppiche, die in allen Kunstgeschichten standen. Ernst der Dritte wählte in seiner Bescheidenheit den in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts dürftig eingerichteten dritten Stock des nach dem Marstall gelegenen »Wassertraktes«. Der Hof zerbrach sich den Kopf über solchen Geschmack, aber der junge König löste alle Zweifel mit einem jener menschlich einfachen, immer wieder Aufsehen erregenden Worte, an die, wie es schien, die Welt sich noch würde gewöhnen müssen:

»Wenn ich keinen Dienst habe, kann ich von dort die Pferde sehen!«

Gewiß war es ein Traum, wie solche immer wieder die Seele dieses hochgemuten Menschenkindes genarrt haben, denn der Dienst – so schien er gesonnen, sein Königliches Amt zu nennen – ließ ihn fortan nicht mehr los. Das erwies sich, als der junge König auf dem Schreibtisch einen großen Vormerklalender fand, wie er bei Ernst dem Zweiten gestanden. Man sah darauf den laufenden Monat nicht allein in Wochen und Tage, nein auch in Stunden, ja Viertelstunden geteilt durch ein erstaunliches Netz, das Ernst dem Dritten im ersten Augenblick das Haar sich sträuben ließ, erinnerte es doch an seinen ärgsten Feind aus der Außenseer Zeit – eine Logarithmentafel. Dort stand das Tagewerk Seiner Majestät. Nicht allein die Tätigkeit (ob Vortrag, Besuch oder Empfang), sondern auch die Beförderungsmittel (ob Wagen, Reitpferd, Auto, Eisenbahn oder Schiff), dazu die Diensthabenden (Adjutant, Hofchargen, Lakaien, Leibjäger, Leibkutscher), und Ernst der Dritte entdeckte die grausigen Worte: »Begrüßung: vier Minuten« – »Antwort: eine Minute« – »Ansprache: fünf Minuten«, ja er fand Ort und Dauer der Mahlzeiten festgelegt. Es fehlte nur noch die Angabe, wieviel Schluck er trinken und wieviel Bissen er essen dürfe.

So las er, wann er heute auf den Bahnhof zu fahren hatte, König Santonin den Neunten der Askariden abzuholen, wann er den mingrelischen Gesandten empfangen mußte, um sofort abermals zur Ankunft der obersten Person des alten Reiches am Zuge zu stehen. Der Großherzog vom Westerwald war ebenso zu bewillkommnen wie der Thronfolger Michail Alexejewitsch von Gruselien. Mit unerhörtem Scharfsinn und Aufgebot allen Wissens über Hofrangordnung und Ansprüche war Entgegenkommen, Höflichkeit, Liebenswürdigkeit, Pflicht und Gnade abgewogen und verteilt. Der ganze Tag schien besetzt.

Ernst der Dritte sah sich als Knecht des Dienstes, ein Lohnarbeiter, ungleich bedrückter als irgendeiner von denen, die aus Parteigründen sich so nannten.

Der Betrachter solcher Zeit denkt lächelnd an Fräulein Gumma Stänkers Ausspruch: »Er hat ja in sein' scheenen Schlosse den janzen Tag so nischt zu tun als wie fressen und saufen!«

Verstört und tief erschreckt blickte Ernst der Dritte auf. Unweit der Tür stand Piephacke, den Waffenrock des Königs mit funkelnden Stabsoffiziersachselstücken in der Hand, hatte doch der rangälteste Tillensche Offizier, General der Infanterie von Kratzig, Seine Majestät gebeten, die Oberstenabzeichen anzulegen, und zwar »im Namen der Tillener Armee«, obwohl der Gedanke ganz allein dem Hirne Seiner Exzellenz entsprungen war.

Piephacke meinte, und er schien stolz, daß er die Anrede richtig getroffen: »Euer Machestät, sich mal ha, mir missen aba nu fortmachen.«

Nun erblicken wir Ernst den Dritten auf dem Bahnsteig des Hauptbahnhofes, wie er die Front einer Ehrenkompagnie, gestellt vom Leibregimente mit Fahne und Regimentsmusik, abschreitend, diesen und jenen der Grenadiere anspricht.

Bei einem aus Stangenberg, wo er einst auf der Schule nicht gut getan, färbt sich leicht fabrikmäßig seine Sprache. Mit einem Illzer redet er wie in Illzenau. Und hat er nicht manchen aus dem Tillkreise bei der Schwadron gehabt? Als er nun hört, Strohmann I stamme aus der Hohen Tafel, fragt er gleich:

»Ist er Flechter?«

Denn sie »erzen« einander dort, gleichsam Sprachtrümmer aus dem achtzehnten Jahrhundert. Als nun der dritte Mann im zweiten Gliede, Grenadier Sole, auf die Frage woher, antwortet: »Aus Sudhausen, Eier Machestät«, denkt der junge König an eine Ferienfußwanderung von Außensee in die Salzmunde und spricht:

»Ah soa, Sie arbeeten im Gradierwerk?«

»Nee, Eier Machestät, Arbeeter, was man so sacht, bin ich nich! Ich bin bei 's Sinkwerk!«

Ein Salzknappe mag nicht Arbeiter heißen, denn im Tillen jener fernen Zeit dünkte sich jeder Stand besser als der andere. Der König lächelt:

»Also: Salzheil, Knappe!«

»Salzheil, Eier Machestät!«

Möchte einer glauben, Ernst der Zweite hätte so gesprochen? Bahnhofsvorstand Gleis, mit Orden und Ehrenzeichen aller reisenden Herrscher erschreckend besät, meldet, die Absätze aneinandergeknallt, den Schnurrbart wie ein Paar Keilergewehre drohend erhoben:

»Euer Machestät, der Hofzug!«

Und der König stellt sich auf den Läufer, der in den Hofempfangssaal führt, hinter sich den schönen Theodor, Ministerpräsident von Forsicht, Generaladjutant von Scharff, Oberstallmeister von Zaum, diensttuenden Kammerherrn Graf Schüttelspeer, Puppchen und den Kriegsminister. Die Musik schmettert etwas völlig wider ihren Geist: man ahnt, die Askaridenhymne. Die helle Kommandostimme des riesigen Hauptmanns von Scharfschuß tönt: »Achtung, präsentiert das Gewehr!« Eine gewaltige Schnellzugmaschine donnert herein, daß der Boden zittert. Eine Treppe wird vom Salonwagen herabgelassen; nicht ohne Berechtigung, denn ein Dicker in grauem Reiseanzug wälzt sich bedenklich herab; hinter ihm ein paar städtische Bummler, von denen der zum Ehrendienst entgegengefahrene Rauhreiter im Paradeanzug absticht wie ein Hochzeiter in der Alltagsmenge.

Der Kriegsgott Kotz von Gerben sagt zu Exzellenz von Scharff:

»Die Kerle in Zivil? Und der Rex und wir in großem Trara?«

Nun hätten, nach der Sitte der Zeit, die Herrscher sich umarmen müssen, aber Ernst der Dritte wartet heute noch vergeblich. Santonin der Neunte zeigt nur sein Raubtiergebiß mit einem Händedruck, und bei gegenseitiger Vorstellung des Gefolges lüftet er kaum den Hut. Dann schiebt er seinen Wanst an der Ehrenkompagnie vorüber und unterhält sich dabei mit dem schönen Theodor, der aussieht in seiner Askaridenuniform, als sei er dem Faschingsball entwichen.

Die Herrscher steigen in den offenen Zweispänner. Voll zurückhaltender Artigkeit überläßt es Ernst der Dritte dem Gast, für das Hauptentblößen der Tillener zu danken. Doch Santonin der Neunte blickt nicht hin. Er erzählt dem ernsten jungen König von einer Tänzerin, die beim Spitzentanz die Höschen verloren, und lacht über den schlaff hängenden Backen und unter den schlaff hängenden Trauerfahnen der Stechbahn, daß er rot wird wie ein Truthahn.

Da verhüllt der Schutzgeist der Fürsten sein Angesicht, Meint einer, das Volk nach der Jahrhundertwende hätte keine Augen? Hier Belege:

Erstens: Die Ehrenkompagnie wartet in »Rührt Euch«, denn in zwanzig Minuten kommt der Allerhöchste des alten Reiches. Da sagt Gefreiter Schraube, Maschinenschlosser aus Stangenberg, rot daheim, jetzt harmlos:

»Unser Kenich da liegt's drin, aber vor der kleenen Blutwurscht soll man...«

Zweitens: Hauptmann von Scharfschuß leise zu seinem Oberleutnant:

»In die Luft präsentieren vor dem dicken Spulwurm? Dazu sind meine Kerle nicht da!«

Drittens: In der Menge am Schloß, Glasbläser Pfeife aus Eilerstadt:

»Ich rufe nich wieder Hurra, wenn se so dasitzen wie die Öljötzen und keener dankt nich!«

Viertens: Seine Mutter, Feuerpoliererswitwe Pfeife aus Eilerstadt, Siemensstraße 176a:

»Wenn's unser Kenich jewesen wäre, cha, aber der Dicke? Soviel kann unsereens freilich nich fressen. Man sieht's jleich, so was is keen Tille nich!«

Fünftens: Bücherrevisor im Ruhestand Ernst Friedrich Irrtum, Tillenau, Lange Gasse 9, vor ihr, dreht sich um, daß seine dicke Zylinderglas-Brille spiegelt:

»Erlauben Sie mal, Seine Machestät der Kenich war doch der in Drajoneruniform!«

Sechstens: Frau Ernestine Pfeffernuß aus Dorsig im Lebkuchenländl, Windberge:

»Was Sie reden! Der Junge in Uniform is doch dem Dicken sein Adchutant! Unser neuer Kenich is nicht so jung. Der hat 'nen jroßen Schnurrbart. Sie verstehn was von Lebkuchen!« Ernst der Dritte tief enttäuscht, ja gekränkt für seine Tillen, »lieferte« den dicken Askariden im Schloß ab. Dann wandte er sich seufzend zu Puppchen:

»Was kommt nun?«

Der ließ sein Einglas fallen:

»Empfang des mingrelischen Jesandten, Euer Machestät. (Er sah nach der Uhr.) Aber wir sind schon mit sieben Minuten im Rückstand. Seine Machestät trifft in neun Minuten ein. Der Jesandte...«

Nun folgte wieder eine jener Äußerungen, die Ernst des Dritten Umgebung schwer beunruhigt haben und doch nichts waren als Worte eines natürlichen Menschen. Der junge König geruhte nämlich zu sagen:

»Lassen wir den Kerl schwimmen!«

Entgleiste Puppchen, als er zurückgab:

»Das wird das beste sein, Euer Machestät!« – ?

Da fand – wer den vortrefflichen Einfall gehabt, bleibe schweben – einer der Herren den Ausweg: der schöne Theodor solle den Gesandten für Seine Majestät empfangen. Aber wieder einmal zeigte sich die schwere Unsicherheit aller Dinge, denn Nachforschungen ergaben, daß der alte Börsenprinz im Begriffe stand, im Adjutantenzimmer nebenan seine askaridische Verkleidung abzuwerfen. Man gewann von ihm ein völlig neues Bild, als er, sein hosenloses Bein zur Tür hinausstreckend, rief:

»Ich bitte um Prolongation!«

D» nun aber beim Empfange eines Gesandten auch der Minister des Äußeren, nämlich Ministerpräsident von Forsicht, zugegen sein, dieser aber am Empfange des Staatsoberhauptes des alten Reiches teilnehmen mußte, so fand solche überaus schwierige Angelegenheit ihre Lösung in verantwortungsloser Flucht aller zu den Wagen. Der mingrelische Gesandte wurde einfach höheren Staatsrücksichten geopfert.

Hier mag eingeschaltet werden für solche, die daraus etwa staatliche Schwierigkeiten befürchten, daß der einzige Wirklichkeitsmensch unter den Ministern in die Bresche sprang und das Königreich Tillen vor schweren Verwicklungen mit dem Königreich Mingrelien bewahrte. Der dicke »Sturz« nämlich führte Seine Exzellenz den Gesandten kurzerhand in die »Goldene Gabel«. Dort kam es zu einem märchenhaften Sektfrühstück, das Sturz nicht um-, den Mingrelier jedoch in einen Zustand warf so schwerer Bewußtseinstrübung durch alkoholisches Zellgift, daß er bedauerlicherweise an den Beisetzungsfeierlichkeiten unmöglich teilnehmen konnte.

Wenn aber Minister von Sturzacker später an der Jagdtafel des öfteren erzählt hat, der Gesandte habe niemals einen Tillener König gesehen, weder den toten noch den lebendigen, so ist das eine jener Übertreibungen, die sich einzustellen pflegen, sobald jemand eine Geschichte zu oft wiederholen muß. Tatsache ist und bleibt: bei der Beisetzung war das Königreich Mingrelien nicht vertreten, aber der Gesandte erhielt in »großzügigster« Weise (ein damals beliebtes Schlagwort, um etwas auszudrücken, das einen Rechtsboden nicht besaß) das Großkreuz des Sigismundordens, etwa als ob ein Feldherr ausgezeichnet würde für eine verlorene Schlacht.

Währenddessen meldete wieder Bahnhofsvorstand Gleis mit weißen Handschuhen und Donnerstimme den Hofzug. Die Musik spielte. Der oberste Vertreter des alten Reiches in großer Uniform stieg aus, hinter ihm das körperlich überragende Hauptquartier. Ernst der Dritte legte die Hand an den Helm. Als der Gast mit raschen Schritten auf ihn zueilte, verneigte er sich, und des Königs Umgebung, die von jener Antwort des Prinzen Arbo unterrichtet war, spannte auf eine Wendung. Doch der Ältere umarmte den Vetter, wenn auch etwas überlegen. Frostig dagegen war die Begrüßung mit dem schönen Theodor, dem es, zu spät gekommen, als die Königshymne schon klang, eben noch gelungen war, von hinten in das Gefolge hineinzuhuschen. Ein keineswegs würdiger Vorgang. Aber es ist anzunehmen, daß der Prinz, der in Amerika nach eigenem Geständnis »Stiebel jeputzt«, sich schon in unwürdigerer Lage befunden haben muß.

Während nun der oberste Kriegsherr, die Front abschreitend, zum riesigen Hauptmann von Scharfschuß, ihn mit erstaunlichem Berufsgedächtnis aus dem Kaisermanöver wiedererkennend, sagt: »Immer noch jewachsen, Herr von Scharfschuß?«; während er jeden Mann mustert, daß der Gefreite Schraube denkt, er kennt ihn persönlich, und Strohmann I meint, er wird ihn gleich »erzen«; währenddessen sei erklärt, warum der hohe Herr dem schönen Theodor nicht um den Hals fiel. Er hatte nämlich einmal dem reichen Prinzen nahelegen lassen, doch zu alljährlichen Regatten auch mit einer Jacht zu erscheinen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß dessen Antwort ihm hinterbracht worden ist. Sie soll gelautet haben: »Ich bin weder Ausländer, noch will ich jeadelt werden. Also wozu das Geld ausjeben?«

Sie fuhren durch die Stadt. Ehrfurchtsvoll schweigend entblößte die Menge die Köpfe, und der Herr des alten Reiches grüßte ernst und lachte nicht wie der Askaride.

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