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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Ministerrat

Frühaufsteher, der Ernst der Dritte durch Gewohnheit des Dienstes war, trieb es ihn schon bei Morgengrauen hinaus. Auch die Hofstaaten erschienen frühzeitig, einander den Rang abzulaufen, und der König nahm im Empfangssaale, in dem er einst selbst gewartet, ihre Meldung entgegen. Dem ersten, Generaladjutant Generalleutnant von Scharff, antwortete Ernst der Dritte, als ob er noch Rittmeister wäre: er habe früher schon die Ehre gehabt. Dann aber besann er sich, und beim nächsten ward aus der »Ehre« ein »Vergnügen«. Nun muß gestanden werden, daß dies Vergnügen nicht erheblich genannt werden kann, weder beim Oberstabelmeister Freiherrn von Quatsch, der bis zum rechten Winkel sich verneigte, wegen seines schlechten Gehörs dem Könige so nahe gerückt, als wollte er ihn auf die Hörner nehmen, noch auch beim Hausmarschall Grafen Schellenlaut mit seiner dauernden Betonung des Lachmuskels. Ja, als der Oberstallmeister es für angebracht hielt, seine stadtbekannte Wiehere ertönen zu lassen, sagte Ernst der Dritte, der schon um fünf Uhr früh im Marstall gewesen war:

»Das Mistvieh, die Adele, soll sofort von Illzenau zurückgeholt werden.«

Der Kutscher verneigte sich, vergeblich bemüht, die Knie zusammenzubringen, und wie mancher, nur um irgend etwas zu entgegnen, die gefährlichsten Dinge sagt, so entschlüpfte es ihm: »Zu Befehl, Euer Majestät, die Adele mußte ja sowieso ausgemustert werden.«

Die Antwort des jungen Königs, dem jäh das Blut in die Wangen schoß, machte bald am ganzen Hof die Runde:

»Schade, daß kein junger Prinz sie bekommen kann.«

Fast mit einem Todeswiehern gab der Kutscher zurück:

»Dann muß ich wohl gehen, Euer Majestät?«

Ernst der Dritte, leider nachtragend ein wenig, antwortete kalt:

»Das ist Gefühlssache, Herr von Zaum!«

Nun sollte man meinen, das erste Abschiedsgesuch würde jenes des Oberstallmeisters gewesen sein; mitnichten, denn vorweggreifend sei festgestellt, daß solches Ihre Exzellenz die Frau Oberstallmeister, die, wie wir wissen, die Hosen anhatte, überschätzen hieße – sie erlaubte es nämlich nicht.

Am längsten sprach der junge König mit dem Leibarzt Generalarzt Doktor Vagus. Man mag ihn sich vorstellen als kleinen, bebrillten, unruhigen Mann mit auffallenden Schläfenadern und einer leichten rheumatischen Lidlähmung rechts. Ihn befragte er über den Hinschied Ernsts des Zweiten. Davon wußte jener freilich nichts, doch er stellte, aus dem Sektionsbefunde rückwärts schließend, fest:

»Euer Majestät, es war das typische Bild der Herzinsuffizienz, vorher leichter Schwindel, Beklemmungsanfälle. So ist der Exitus nichts anderes als ein apoplektischer Insult. In der Tat hat die Autopsie eine vorgeschrittene Sklerose der Koronararterien ergeben mit ausgedehnter Schwielenbildung des Herzmuskels, Majestät!« Den jungen König berührte schmerzlich solche Berufsmäßigkeit bei einem, der seinen Herrn wohl dreißig Jahre lang täglich gesehen, und die Versammelten hörten zum ersten Male eine jener nachdenklichen Äußerungen des neuen Herrschers, die später genau so umliefen, wie die scharfen Worte Ernst des Zweiten:

»Schwielen kommen von Schlägen, hier des Erlebens an Menschen, Schwielen im Herzen!«

Unmittelbar darauf begab sich Ernst der Dritte, vom alten Oberhofmarschall von Flimmer begleitet, in die Schloßkirche. An dem auf dem Altarplatz aufgebahrten Sarge überreichte ihm Puppchen einen Kranz aus der Hofgärtnerei mit den Worten:

»Halten zu Gnaden, Euer Majestät, nach dem Hofzeremoniell legt Seine Majestät der regierende König an der irdischen Hülle Seiner Majestät des in Gott ruhenden Königs einen Kranz nieder.«

In diesem Augenblick vernahm man Unruhe am Eingang der Schloßkirche. Eine Alte in Kappenhut und dürftigem Mäntelchen, eine Topfpflanze an die Brust gedrückt, weinte, weil sie abgewiesen worden, denn der Einlaß zur Besichtigung der Aufbahrung fand erst in zwei Stunden statt. Ernst der Dritte, von Illzenau her gewohnt, mit jedem zu reden, fragte nach dem Grunde ihrer Tränen. Das alte Weiblein schnatterte:

»Herr Offizier, der Kenich hat mir seit achtzehn Jahren ein Jahrjeld jeschenkt. Da wollte ich ihm auch was bringen. Und nu schmeißen se mich 'naus!« Da schritt der junge König mit dem alten Weiblein durch die hallende Kirche zurück bis an den offenen Sarg, aus hohen Standleuchtern bestrahlt, daß man das wächserne Gesicht sah wie den langen und weißen Bart. Als nun die Alte bescheiden ihr Töpflein auf die unterste Stufe setzte, nahm Ernst der Dritte die etwas ruppige Blume, einen Storchschnabel, und stellte sie mitten in die Rundung des Königlichen Prunkkranzes aus der Hofgärtnerei, so daß die Kammerherren und Offiziere, die, starre Säulen, die Totenwache rechts und links der Leiche hielten, unwillkürlich niederblickten auf den Storchschnabel, daran keine Blüte mehr hing, denn ihnen waren die körperlichen wie seelischen Erschütterungen ihrer Trägerin schlecht bekommen. Dabei flüsterte der König Puppchen zu:

»Bitte, fragen Sie nach dem Namen.«

Und darauf zu der Alten:

»Sie erhalten Ihr Jahrgeld weiter, gute Frau. Ich weiß, wie es ist, wenn einem die Zulage genommen wird.«

Nun hätte es ein erhebender Augenblick sein können, würde die Alte gerührt geschwiegen haben, aber die Wirklichkeit stilisiert nicht. Wohl hatte der Schöpfer ihr ein gutes Herz verliehen, doch keine wohllautende Stimme, und als sie durch Puppchen erfahren, wer der gütige Offizier war, schnatterte sie einen Dank so gellend, daß die unbeweglichen Totenwächter wieder aufblickten vom Storchschnabel auf Fräulein Notburga Reckzeh, denn so und nicht anders war sie geheißen. –

Ernst der Dritte wollte, halb Pflichtgefühl, halb innere Unruhe, die alte Prinzessin Aurora besuchen, doch sie war vor Ergriffenheit über den Tod des Basileus bettlägerig geworden. Da befahl er den Kraftwagen (»Krümper«, richtete Piephacke aus), um Prinzessin Ingeborg, dem Engel, im nordischen Palais seine Aufwartung zu machen. Im Begriffe fortzufahren, wurde jedoch der schöne Theodor gemeldet oder, wie wohl hier passender zu sagen wäre: Seine Königliche Hoheit Prinz Theodor von Tillen. Denn so wenig fürstlich dieser sonst sich gab, so stellte der schlaue Fuchs vielleicht doch in Rechnung, daß der regierende Herr ihm nach den Hausgesetzen einmal hätte unbequem werden können. Trotz seinem Spott über Fürstlichkeiten, Hof und Gesellschaft meinte auch der schöne Theodor, er sei als Osterburger aus ganz besonderen Zellen aufgebaut.

Der junge König hatte kaum je mit dem Händlerprinzen ein Wort gewechselt, und nun wartete der alte Herr, der in Gehrock und hohem Hut eingetreten, fast untergeben auf die Anrede. Die Unterhaltung der beiden ist doppelt verbürgt. Ernst der Dritte begann etwas von einem traurigen Anlaß. Der Prinz senkte sein Fuchsgesicht und beglückwünschte den Vetter zur Thronbesteigung:

König: »Ich hätte lieber meine Schwadron behalten.«

Prinz: »Aus ähnlichen Gründen habe ich dem Throne entsagt, Euer Majestät!«

König: »Bitte, nicht Majestät, verehrter Onkel!«

Prinz (dreht sich den gefärbten Bart): »Darf ich dann um den Vetter bitten? Es klingt jünger.«

König: »Und ich wollte, ich wäre älter.«

Prinz: »Lebensklugheit ist: nie etwas wollen, was man nicht kann.«

König: »Es ist auch nur eine Sehnsucht.«

Prinz: »Sehnsucht verdirbt die Nerven.«

König: »Ich habe gute Nerven.«

Prinz: »Als König verliert man sie.«

König (begeistert): »Aber als König kann man seinem Volke Segen bringen.«

Prinz: »Das Volk hält den König für edel, wenn er Raubmörder bejnadigt. Das Volk verlangt, daß er mit jedem gnädig sein soll, auch wenn der Kerl ihn umbringen will. Sorgt der König für Ordnung, so ist er ein Tyrann. Ist er gut, nennt man ihn schlapp. Hält er sich zurück, schilt man ihn stolz. Geht er unters Volk, so wahrt er nicht seine Würde. Der König ist König und hat doch keine Macht. Die ist heute auch nicht beim Kaiser, nicht beim Kanzler, ebensowenig beim Reichstage, sondern bei der Börse. Geld ist die Macht!«

König: »Ich bin immer arm gewesen.«

Prinz: »Ein König sollte reich sein.«

König: »Der König von Tillen hat, soviel ich weiß, kein Hausvermögen.«

Prinz: »Er wird es haben. Ich habe einst in Amerika Stiebel jeputzt, aber ich bin Monarchist, weil ich die Monarchie für die unschädlichste Staatsform halte. Beim großen Kladderadatsch, wie Bebel sagt, stehlen sie vielleicht dem Könige das Hausvermögen, wer kann's wissen, aber mein Geld können sie nicht stehlen, weil das nicht hier ist, auch nicht von den Tillen kommt, sondern das ich mir selbst verdient habe wie jeder Börsenjobber. Ich habe den jeweiligen König zum Erben einjesetzt. Du wirst also mal reich werden, lieber Vetter... Euer Majestät...«

Wie dieses Gespräch geendet, stehe dahin – man muß nicht alles wissen. Tatsache ist, daß Ernst der Dritte mit dem schönen Theodor ins Nordische Palais fuhr, aber in dessen Kraftwagen, denn er war besser als jener des sparsamen Ernst des Zweiten. Der Generaladjutant folgte. Der Prinzessin küßte der junge König genau wie Ernst der Zweite ritterlich die Hand, doch verlegen, und sie war im Gegensatz zur merkwürdigen Hausergebenheit ihres Gemahls von freier Liebenswürdigkeit. Ja, der Engel für Wöchnerinnen, ledige Mütter, Krüppel und Kranke erwies sich von leise überlegener Haltung gegen den bescheidenen König, fühlte sich doch Prinzessin Ingeborg hochgezogener mit Olaf dem Großen (946 – 1027) im Blut als Osterburg-Slivovitz.

Nur wer Fürsten nicht kennt, mag hier lächeln.

Der schöne Theodor zeigte seine Sammlungen, und der Grund, den einst der arme Narr Raffael Kreis künstlerisch gelegt, hob Ernst den Dritten zu reger Anteilnahme, so daß der Besuch über Gebühr lange dauerte. Während der Rückfahrt hielt es der Generaladjutant, ein schlechter Abdruck Ernst des Zweiten, denn ihm fehlte des Königs Wuchs wie überlegenes Wissen, für angezeigt, darauf aufmerksam zu machen, daß in Tillenau bereits Ministervortrag und Empfänge auf den jungen König warteten.

In der Tat: der Empfangssaal stand wieder voll Menschen.

Ministerpräsident von Forsicht kam zum Vortrag, und Ernst der Dritte fuhr mit ihm ins Ministerium an der Stechbahn, wo er Gelegenheit fand, die einzelnen Minister kennenzulernen. In einem Saale stand ein langer grüner Tisch mit Sesseln, Schreibzeugen, Löschpapier und erstaunlich viel Tintenklecksen. Dort fand er das Staatsministerium versammelt. Der junge König kannte nur den dicken, ewig fröhlichen »Sturz« und den Kriegsminister Generalleutnant Koß von Gerben. Hager, mit bedrohlichem Augenspiel unter schnurrbartgleichen Brauen, von fast negerhafter Hautfarbe, schien er bei guter Gestalt unter den, bis auf den dicken Sturz, schreibstubenblassen Amtsbrüdern, gleichsam eine Klasse für sich. So hatte er, Generalstäbler und bekannter 1870er Patrouillenreiter (E.K.I), sich selbst einmal genannt, denn Bescheidenheit blieb ihm durchaus fremd. Mit Ernst dem Zweiten war er trotzdem ausgekommen, weil er immer eine glückliche Hand gehabt in Verfechtung Tillener Armeeangelegenheiten.

Als Ernst der Dritte sich verneigte, sanken die Häupter der Minister voll Tillener Höflichkeit tief hinab; daraus fiel des Kriegsministers militärische und des fröhlichen Sturz gemütliche Verbeugung. Dabei hielt sich der Finanzminister Doktor Hund, dem infolge von freiwilligem Hinken das Stehen schwer ward, an einer Stuhllehne.

Ein Greis entpuppte sich als jener Kultusminister Doktor Bloede, der einst dem Prinzen Arbo in Außensee die Goldene Lebensrettungsmedaille überbracht. Das gab für den jungen König gute Anknüpfung, denn von leiser Befangenheit ist Ernst der Dritte nicht freizusprechen. Ihn quälte die Frage: »Was muß ich jetzt eigentlich tun?« Das Königsein wollte doch irgendwie erlernt sein? Ja, ihm kam sogar der Gedanke: wenn ich doch nur früher bei meinem Vorgänger besser aufgepaßt hätte! Aber – merkwürdig – es fand sich alles von selbst, und im stillen sagte er sich zerstreut, während der Ministerpräsident eine Ansprache hielt: Die alten Krippensetzer sehen sich ja alle gleich wie bei einer fremden Schwadron im ersten Augenblick ein Gaul ausschaut wie der andere.

Darüber mußte Seine Majestät lächeln, was der Redner offensichtlich für Gnade hielt, denn er fand, es sei genug und schwieg. Nun gewann der junge König den Mut zur Antwort. Sie genau wiederzugeben, dazu scheint sie wohl nicht bedeutend genug, aber die Schlußworte mögen überliefert sein, machten sie doch den Herren offenbar Eindruck, da sie sich kurz darauf in Tillenau herumgesprochen hatten. Sie haben gelautet:

»Ich will versuchen, allen zu helfen, die der Hilfe bedürftig sind. Ich hoffe aber, daß man auch mir helfen wird, wenn ich nicht aus noch ein weiß. Meine Herren, ich bitte um Ihr Vertrauen. Ich bitte auch um Ihre Nachsicht, bin ich doch nichts als ein junger Rittmeister, der den Lauf des Staates noch nicht kennt.«

Die Minister verbeugten sich wieder mit jener Tillener Überunterwürfigkeit, die anderwärts bespöttelt wurde. Nur der Kriegsminister blickte auf die Achselstücke des jungen Königs und preßte finster die Lippen aufeinander, als wollte er sagen: Euer Majestät vergeben sich damit etwas vor den Zivilisten. »Sturz« jedoch lächelte, was soviel hieß wie: Pfui du, das war aber fein!

An der Breitseite des Tisches nahm der König Platz, ihm gegenüber der Ministerpräsident. Er sagte eine Art von Dank. Er redete bedächtig. Er sprach mit Einschränkung. Er bevorzugte Bedingungssätze. Dann erhoben sich plötzlich wieder die Herren. Nun wußte Ernst der Dritte aber wirklich nicht, was tun. Zum Glück fiel sein Auge auf Puppchen, der wie der Erzengel Michael dastand, auf sein Schwert gestützt, aber die Uhr in der Hand: Seine Majestät werde im Schlosse um zwölf Uhr fünfzehn erwartet. Ernst der Dritte verließ mit einer Verbeugung den Saal, vom Ministerpräsidenten von Forsicht ehrfurchtsvoll geleitet.

Man denke sich nun das Staunen des jungen Königs, als er am anderen Morgen im ›Staatsanzeiger‹ las:

»Seine Majestät König Ernst der Dritte präsidierte gestern einer Sitzung des Gesamtministeriums, bei der wichtige Beschlüsse gefaßt wurden.«

Dem Herrscher von drei Tagen trieb es die Röte ins Gesicht, klang es doch nicht anders, als ob er, der eben noch mit seiner Schwadron Schiffbruch gelitten, überlegener Hand in die Geschicke Tillens eingegriffen, ja vielleicht sogar die Führung des Reiches in irgendwelcher Weise beeinflußt hätte.

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