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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Ernst der Dritte

Trotz schwarzgeränderten Traueranschlägen war die Nachricht vom Tode Ernst des Zweiten noch keineswegs allgemein bekannt. Wohl hatte sie sich auf der Straße herumgesprochen, doch alle jene, die der Herr besonders lieb hat, weltentrückte Dichter, verträumte Kakteenzüchter, einsame Geiger im Hinterhaus, selig verstrickte Liebespaare, sowie jene Herrgottsschäfchen, die an ein Buch verloren im Hirschgarten saßen, alle solche wußten noch nichts.

Am Stammtisch im »Goldenen Anker« redeten sie von des Entschlafenen hoher Strenge. Als aber ein Berliner Handlungsreisender die Liebenswürdigkeit besaß, zu äußern: »Ick weeß jar nich, warum ihr so'n Klimbim macht um Euren Könich. Er hatte doch nischt mehr zu sagen. Det wird allens in Berlin jeschoben!«, da hätte er beinahe Prügel bekommen. Schimpfen durften nur die Tillen selbst.

In der Vorstadt Weyher wurde die Todesbotschaft gelassen aufgenommen. Fräulein Gumma Stänker meinte: »Ob nu der Kenich Ernst heeßt oder Fimmel, wie mei Sohn, das is janz ejal. Es ist das Süsteem, wie unser Schreyer sacht. Und der versteht's.« Aber der alte Würdig, der noch den Hut zog vor'm König, wenn er auch, weil sein Geschäft zurückging, rot wählte, antwortete nur: »Halt' de Klappe, liederliches Mensch!« Und der Eisendreher Stramm, der, bei einer Besichtigung einmal als Ordonnanz zum König befehligt, ein Zwanzigmarkstück erhalten hatte, das er eingewickelt immer bei sich trug, meinte sogar: »Wühlheimer hat mir noch nischt geschenkt, der nährt sich nur von die Arbeiterjroschen!«

In den Schaufenstern begann bereits hier und da das Gipsbild Ernst des Zweiten zu erscheinen, wenn auch durch viele Abgüsse so abgeschliffen, daß des Verstorbenen holzschnittartige Züge einen der Hoftrauer angepaßten wehleidigen Ausdruck bekommen hatten. Mußte nicht Hoffleischhauer Zuwag, wenn der kleine Selcher Stopfpelle seine Würste mit schwarzen Schleifchen schmückte, wenigstens Ernst den Zweiten in Gips unter Hackebraten und Schweinsköpfe stellen?

Bald hingen denn die Fahnen so dicht, etwa wie im »Feinen Hund«,dem größten Herrenramschladen an der Stechbahn, die fertigen Anzüge auf den Bügeln. Meist erblickte man die Tillener Farben Rot und Grün, doch auch die Flagge des alten Reiches wehte, die damals Weltgeltung besaß.

Allmählich füllten sich die Straßen. Man wollte sehen: etwa Hofwagen, Soldaten, vielleicht gar den neuen König. Aber ein unsinniges Gerücht ward verbreitet, das Land fiele an die Borussen (der schöne Theodor schien vergessen), denn die Nebenlinie sei nicht erbberechtigt.

Bald zogen die Menschen die zu breite Ringstraße in Erwartung (niemand wußte wessen) feierlich auf und ab. Am dichtesten standen sie vor dem Schloß, auf dessen Dache halbstocks die Königsstandarte bei der unbewegten Luft wie tot niederhing. Als nun Schutzleute Platz machten, nahm die Menge jene in Tillen nun einmal übliche gereizte Haltung an, in der Befürchtung, um ein Schauspiel zu kommen, etwa wie Zirkus oder Tingeltangel, nur umsonst. Dabei gab es nichts zu sehen, als daß im Schlosse in geheimnisvoller Weise Lichter auslöschten, um wieder aufzuflammen, als stritten sich die Versammelten da drin um Erleuchtung, oder daß Gestalten am Fenster auftauchten und wieder verschwanden in den Rätselsälen, deren Deckenvergoldung den Neugierigen unten eine Meinung höherer Pracht beibrachte, als in Wirklichkeit vorhanden war.

Den Leutnant der Schloßwache erblickte man in Helm und Schärpe auf der Rampe vor dem Haupttor. Drinnen aber warteten Hof- und Staatsdiener im dunklen Gefühl, es sei gut, zuerst gesehen zu werden, denn der erste Eindruck ist der bleibende, und der konnte ja nur vortrefflich sein. Trotzdem war manchem nicht ganz geheuer. Neue Besen kehren gut.

Während nun alles gaffte, hatte der junge König durch jenes Seitentor des Sigismundflügels, das einst den toten Prinzen Peter nach seinem unrühmlichen Ende eingelassen, still das Schloß betreten. Puppchen führte halblinks, Gefreiter Piephacke, das Köfferchen auf der Schulter, stapfte hinterdrein.

Dieses ist der beglaubigte Einzug eines Herrschers in seine Residenz.

Auch was nun folgt, entspricht in keiner Weise dem Bilde, wie es sich die in Weyher und Stangenberg wohl machten. Mit nichten stand etwa der junge König in Serenissimusstellung da, den rechten Fuß vorgesetzt, die Linke im Busen, die Krone auf dem Haupt. Nein, wir sehen einen bescheidenen, ja ob des Kommenden leise befangenen Rittmeister, die sogenannten »Fremdenappartements« mit den berühmten flandrischen Wandteppichen betreten. Es roch modrig nach unbewohnten Räumen. In seltsamem Gegensatz zur Pracht der alten Möbel stand im Schlafzimmer das einfache Messingbett und auf einem herrlichen Florentiner Barockmarmortisch das neuzeitliche Waschgeschirr. Piephacke blickte sich staunend um:

»Herr Rittmeester, so ham mir aba noch nich gewohnt! Pfui du, das is fein!«

Er war ein Bauernsohn aus der Munde und solches eben deren Sprache und Art. Als er gerade seines Herrn geringes Gut: ein im Köfferchen zerdrücktes Zivil, drei Hemden, eine Unterhose und zwei Paar Strümpfe auspackte, meldete Puppchen, Ihre Exzellenzen Ministerpräsident von Forsicht und Oberhofmarschall von Flimmer.

Es würde zu weit führen, nun alles zu buchen, was noch geschehen. Genügen mag, daß der Minister, klein und mit sichtlicher Trübung des Hornhautrandes, voll echt Tillener Überhöflichkeit einen Entwurf dessen vorlegte, was staatlich beim Thronwechsel zu geschehen habe. Der Oberhofmarschall, eine große und gute, wenn auch altersgebeugt sich tragende Erscheinung (Major a.D.) ergänzte es durch die vom Hofbrauch festgelegten äußeren Vorgänge. Der junge König genehmigte alles. Erst später ward ihm das im Grunde Zweifelhafte der Handlung klar, denn alles war schon längst befohlen. Ein Einziges lag noch in der Schwebe: welchen Namen würde der neue Herrscher annehmen? »Arbogast« schien die Herren fast zu erschrecken. Der Minister sagte etwas von »Staatsräson«; der Oberhofmarschall von »Überlieferung«. Der noch hinzugekommene Minister des Königlichen Hauses von Sturzacker, rot, rund und zufrieden, mit der Derbheit des Landbewohners und, was den Illzer verriet, dem »g« statt Tillener »j«, meinte sogar: »Majestät, unsere Bauern heißen nun mal Ernst, und genau so und nicht anders muß unser König heißen.«

Da geschah etwas, das der immer gutgelaunte Sturzacker später gern mit dröhnendem Lachen zu erzählen pflegte. Der junge Herrscher hat sich zum Gefreiten Piephacke umgewandt, der ruhig am Fenster den Zivilanzug ausbürstete:

»Mein Bursche heißt auch Ernst, nicht wahr,Piephacke?«

Der rief donnernd:

»Ernst Piephacke, zu Befehl, Herr Rittmeister!«

Die hohen Würdenträger, dazu Puppchen hinter dem König, fuhren zusammen, Minister von Forsicht aus staatlichen, der Oberhofmarschall aus höfischen, Puppchen aus militärischen Gründen. Nur der dicke »Sturz«, wie er allgemein respektlos genannt wurde, schmunzelte. Alle aber schienen sichtlich erleichtert, als der junge König den Brief Ernst des Zweiten gleichsam als Beweisstück aus der Tasche ziehend, verlauten ließ:

»Ich soll den Namen annehmen... Ernst... hat Seine Majestät befohlen. Ernst, nicht Arbogast... Ernst!«

Ministerpräsident von Forsicht ergänzte:

»Ernst der Dritte.«

Wenn nun noch berichtet wird, daß Ernst der Dritte die Herren versicherte, es solle erst einmal alles beim alten bleiben, so war das nichts anderes als ein Ausfluß der Ehrfurcht gegen jenen, der noch über der Erde ruhte. Die Herren aber, unsicher gekommen, zogen sich, dem Trägheitsgesetze folgend, befriedigt zurück. Puppchen, offenbar schon gewillt, erziehlich einzugreifen, hielt sogar auf dem Gange draußen den Gefreiten an, ihn belehrend, daß Seine Majestät nicht mehr Rittmeister sei, obwohl er eigentlich doch noch Rittmeister sei, dennoch nicht Rittmeister anzureden sei, sondern »Euer Majestät«. So schien der neue Herr die Gemüter beruhigt zu haben, und an der Schauseite des Schlosses erloschen, zur Enttäuschung der gaffenden Menge, jetzt jene Lichter, die vorher die Neugierde entzündet.

Nun würde der Tag befriedigend haben enden können, hätte nicht Piephacke, gewohnt, seit der Zeit, wo sein Herr um Fräulein Käthe Brüstlein in Schulden sich gestürzt, alle Verdächtigen fernzuhalten, den Lakaien, der sich bei Ernst dem Dritten zum Dienst melden wollte, in einer Art abgewiesen, wie sie sonst nur unter Dragonern üblich war. Er sagte nämlich dem Königlichen Lakaien Demuth II: »In unsern Stall haste nischt zu suchen!« Man denke: Du, Stall und Königlicher Lakai. Demuth II lief empört zum Oberhofmarschall und dieser zum König. Ernst der Dritte dankte vorderhand für weitere persönliche Bedienung, bat jedoch Seine Exzellenz, ihn an die irdische Hülle seines Vorgängers zu führen. Dies konnte nun freilich nicht geschehen, denn soeben fand unter Beihilfe des Leibarztes Generalarzt Doktor Vagus durch den Prosektor der Universität, Professor Doktor Perforator, die Leichenöffnung statt, da der König morgen früh in der Schloßkirche aufgebahrt werden sollte.

So »zog sich denn nach verschiedenen Empfängen Seine Majestät in seine Gemächer zurück, um noch allein zu arbeiten«, wie der ›Staatsanzeiger‹ schön gesagt haben würde. In Wirklichkeit saß er träumend am Schreibtisch. Eine Menschlichkeit soll nicht vorenthalten werden: in halber Dämmerung malte Ernst der Dritte allerhand Schnörkel. Sei es nun die hohe Zerstreutheit beim Nachsinnen über die Wandlung in seinem Leben, sei es, daß er in der Dunkelheit nicht unterschied, wie es das Vorsatzpapier der Schreibmappe war, das er beschrieb, kurz, die Hofscheuerfrau (wir wissen, daß die weiblichen dienstbaren Geister der Königlichen Hofhaltung nach alter Überlieferung so und nicht anders hießen) fand später die schöne Mappe durch allerlei Tintenkleckserei völlig verschimpft. Deutsch, lateinisch, liegend, stehend, groß, klein stand dort immer das gleiche: »Ernst« – »Ernst« – »Ernst« – »Ernst« – »Ernst« –. Kein Zweifel: Vorübung zum neuen Amt.

Just als Piephacke fragte, ob er vielleicht zum Abendessen Wurst und einen Schnitt Lagerbier holen solle, wurde das »Diner« gemeldet. Und nun sehen wir einen jungen König im großen Heinrichssaale sitzen bei Kerzenglanz und ganz allein. Gewahren im halben Dämmer die steinernen Gesichter der Hofdienerschaft und das gespenstische Blinken alter Schätze aus der Hofsilberkammer. Ja, erleben auch, wie der greise Oberhofmarschall eintritt und vor dem jungen Herren, der nun sein König ist, tief sich verbeugt. Aber was geschieht? Jener, am Morgen noch Rittmeister, erhebt sich wie im Kasino, das Mundtuch in der Hand, und lädt den Greis ein, Platz zu nehmen. Mehr noch: der, kein schellenlauter Tor, wie der hochselige König einst spöttisch den Hausmarschall genannt, aber ein treuer Diener Ernsts des Zweiten, gewohnt, daß der König allein speist, lehnt ab: es sei nicht der Brauch, überdies erwarte ihn seine Familie zu Haus. Seit dem Hintritt seines alten Herrn sei er noch nicht einmal zum Sitzen gekommen:

»Ich bin sechsundsiebenzig, Euer Majestät, und seit über vierzig Jahren im Dienst. Aber wenn Euer Majestät befehlen ...«

Ernst der Dritte sieht, wie des alten Mannes Augen sich nässen und spricht:

»Und Sie haben es nicht immer leicht gehabt! Ich auch nicht, Exzellenz! Ich hatte eine schwere Jugend. Darum möchte ich allen helfen, wenn auch Seine Majestät mir gesagt hat, es sei kein Vergnügen, König zu sein. Bitte, Exzellenz, gehen Sie heim!«

Und dann sitzt Ernst der Dritte wieder ganz allein im großen Heinrichssaale, und im halben Dämmer gewahrt man steinerne Gesichter und das gespenstische Blinken alter Silberschätze.

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